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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Dr. ernst HÖPFNER und Dr. JULIUS ZACHER 

DIRECTOB D. BEAL8CHULB Z. HEIL. QEIST PR0FB8S0B AN DEB UNITEBSITÄT 

ZU BBEBLAU ZU HALLE 



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DRITTER BAND 



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VKBLAO des BUCUHANSL^O »SS WAISJBNHAireBS 

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VERZEICHNIS DER BISHERIGEN MITARBEITER. 

Dr. Arthur Ainelnn<j, privatdocent in Dorpat. 

Dr. G. Andresen, privatdocent in Bonn. 

Prof. dr. Aug. Anschütz in Hallo. 

Gjrmnasiallehrer dr. E. Bernhardt in Elberfeld. 

Gymnasiallehrer dr. Ludw. Bossler in Gera. 

Dr. J. Brakelmann in Paris, f 

Prof. dr. Berthold Delbrück in Jena. 

Dr. B. Döring in Dresden. 

Gymnasiallehrer dr. Osk. Erdmann in Graudenz. 

Gymnasiallehrer dr. Ge. Ger 1 and in -Halle. 

Redakteur H. Gradl in Eger. 

Dr. Justus Grion, director des lyceums in Verona. 

Oberlehrer dr. Haag in Berlin. 

Director prof. dr. W. Hertzberg in Bremen. 

Prof. dr. Moriz Heyne in Basel. 

Prof. dr. Bud. Hildebrand in Leipzig. 

Director dr. Ernst Höpfner in Breslau. 

Oberlehrer dr. Oskar Jänicke in Berlin. 

Dr. E. Jessen in Kopenhagen. 

Prof. dr. Adalb'ort von Keller in Tübingen. 

Prof. dr. C. Fr. Koch in Eisenach. 

Gymnasiallehrer dr. Artur Köhler in Dresden. 

Bibliothekar dr. ßeiuhold Köhler in Weimar. 

Dr. Eugen Kölbiug in Dresden. 

Director prof. dr. Adalbert Kuhn in Berlin. 

Dr. Ernst Kuhn, privatdocent in Halle. 

Geh. reg. r. prof. dr. Heinrich Leo in Halle. 

Staatsrat dr. Leverkus in Oldenburg, f 

Prof. dr. Felix Liebrecht in Lüttich. 

Oberlehrer dr. Aug. Lübben in Oldenburg. 

Prof. dr. J. Mähly in Basel. 

Prof. dr. Ernst Martin in Freiburg. 

Prof. dr. Konrad Maurer in München. 



IV VEBZEICHNIS DEB MITABBBITEB 

Dr. Elard Hugo Meyer, lehrer an der handelsschule 

in Bremen. 
Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat. 
Prof. dr. Theodor Möbius in Kiel. 
Prof. dr. G. H. F. Nesselmann in Königsborg. 
Eeallelirer dr. C. Eedlich in Hamburg. 
Dr. Max Bieger in Darmstadt. 
Prof. dr. Ernst Ludw. Bochholz in Aarau. 
Prof. dr. Heinr. Rückert in Breslau. 
Staatsrat dr. A. v. Schiefner in Petersburg. 
Prof. dr. Richard Schröder in Bonn. 
Dr. E. Steinmeyer in Berlin. 
Gymnasiallehrer dr. B. Suphan in Berlin. 
Prof. dr. S. Vögelin in Zürich. 
Prof. dr. Wilhelm Wackernagel in Basel, f 
Prof. dr. Karl Weinhold in Kiel. 
Franz Wieser in Innsbruck. 
Oberlehrer dr. E. Wörner in St. Afra bei Meissen. 
F. Woeste in Iserlohn. 
Prof. dr. Julius Zacher in Halle. 
Prof. dr. J. V. Zingerle in Innsbruck. 
Dr. J. Zupitza, privatdocent in Breslau. 



INHALT. 



Seite 

ÜLer die Eddalieder. Heimat, alter, character. Vou E. Jessen 1 

Nachträge 251. 494 

Die NithardhaDdschrift und die eide von Strassburg. Von J. Brakelmann . 85 
Bruchstücke aus dem Willehalm von Oranse des Ulrich von dem Türlin. Von 

Haag i>5 

Virgil und Heinrich von Veldcke. Vou E. VVöruer lOG 

Bericht über die neue deutsclie mundartliche litteratur. Von H. Rücker t . . KJl 

Ein druckfehler in Wielands werken. Von R. Köhler 200 

Beiträge zur deutschen luei^ik. Von Arthur Amelung 253 

Zu Reinke Voss. Von A. Lnbbeu 3(K» 

Der handscliriftlichc text des Ludwigsliedes nach neuer abschrift des herrn dr. 

W. Arndt. Von J. Zacher 307 

Über die heimat und das alter eines nordischen Sagenkreises. Von Eugen 

Kölbing ;aa 

Die c onfluenz der consonanten und die süddeutschen philologen. Von A. v. Kell er 31(i 

Altvil Von Leverkus und A. Lübben 317 

Mundartliche namen des cretinismus. Von E. L. Roch holz 331 

Zum vocalismus der deutschen dialecte. Der au -laut.* Von JI. Grjidl . . . 342 

Beiträge aus dem niederdeutschen. Von F. Woeste 356 

Zum Beovulf. Von M. Rieger iiSl 

Zur Alexandersage. IL Zu Julii Valerii epitome. Von J. Mähly . . . . 4 IG 

Über Gerhard von Viane. Von E. H. Meyer 422 

/Herders Volkslieder und Johann v. Müllers „Stimmen der Völker in liedern.** 

Von B. Supha n 458 

Goethiana. Von R. Köhler .175 

Vermischtes: 

Adolf Holtzniann. Nekrolog von E. Martin 201 

Julius Brakelmann. Nekrolog von J. Zacher 2o7 



Litteratur: 

Le besant de dieu von Guillaume le clerc deNormandie, herausg. von E. Mar- 
tin; angez. von J. Brakelmann 210 

K. Maurer, die Skid arimaj angez. von Th. Möbius 227 

Söderwall, hufvudepokerna af svenska s2)räkets utbildniug; angez. vou Th. 

Möbius 233 



VI INHALT 

K. Wein hold, die gotische spräche im dienste des Christentums; angez. von 

E. Bernhardt 23(i 

Deutsches heldenbuch. V. Dietrichs abenteaer von Albrecht von Kemenaten, 

herausg. von J. Zupitza; angez. von E. Steinmeyer 237 

Haym, die romantische schule; angez. von K. Weinhold 244 

Otfrid, übersetzt von Joh. Kelle; angez. von J. Zupitza . 24G 

/ Ph. Dietz, Wörterbuch zu Luthers deutschen Schriften; angez. von R. Hilde - 

brand 358 

Jegor V. Sivers, Herder in Riga ; derselbe, humanität und nationalität ; 

A. Kohut, Herder und die humanitatsbestrebungen der neuzeit I.; angez. 

von B. §u_gh_an 3G5 

Redlich, die poetischen beitrage zum Wandsbecker Bothen; angez. von 

.K. Weinhold 370 

A. Joly, Benoit de Sainte-More et le roman de Troio; angez. v. E. Wörner 372 
R. V. Raum er, geschichte der germanischen philologie; angez. von K. Wein- 

hold 481 

Jacob Grimm, kleinere Schriften; angez. von 0. Jänicke 483 

August Werner, Herder als theologe; angez. von B. Suphan 490 



Register von Konrad Zacher 495 



ÜBER DIE EDDALIEDER 

HEIMAT, ALTER, CHARAKTER. 

In Scandinavien und Dänemark streitet man sich seit einer reihe 
von Jahren über das speciellere anrecht an die sogenannte ;,Edda-poe- 
sie/^ ^ Am wenigsten haben sich die schwedischen gelehrten an diesem 
zwiste beteiligt, der um so hitziger zwischen Dänen mid Norwegern ent- 
brant ist Norwegische altertumsforscher wollen diese poesie als eine 
speciel norwegische angesehen wissen. Direr meinung nach wären, 
wenngleich die nachbarvölker ähnliche lieder gleicher form gehabt hät- 
ten, doch die Eddalieder, und zwar in der auf uns gekonmienen gestalt, 
samt und sonders norwegische producte , von den Isländern bewahrt und 
niedergeschrieben. Dieser an und für sich keinesweges extravaganten, 
im gegenteil auf den ersten blick sehr plausibeln ansieht wollen die 
Dänen (denen sich im ganzen genommen die Schweden, obschon mit 
geringerem eifer , anzuschliessen geneigt sind) durchaus nicht beipflichten. 
„Der bewährte Patriotismus der dänischen gelehrten ^^ sträubt sich gegen 
etwas so „ antiscandinavisches ,'' so „ unnationales.'^ Meine landsleute 
wollen die isländische litteratur so weit möglich in dem einen oder dem 
andern sinne zu etwas ,, gemeinsam- nordischen '^^ machen, ein bestre- 
ben, das sich vor allem auf die Eddalieder richten muss. Die gemäs- 
sigteren unter den dänischen Patrioten haben sich damit begnügt, den 
norwegischen theorien diesen umfänglicheren begriff „Gesamt -Nor- 
disch'' (auch „Scandinavisch,'' in solchem sinne genommen, dass es 
Dänisch in sich begreiffc) entgegenzuhalten, ohne den Norwegern einen 
anteil am entstehen der Eddalieder geradehin abzusprechen , obschon man 
wol ersieht, dass ihnen der vermeintliche dänische anteil mit besonderm 
übergewicht am herzen liegt. Der sich fortwährend steigernde „nationale'' 
eifer der dänischen altertumsforscher hat sich jedoch nicht auf die länge 
mit so bescheidener unbestimtheit vertragen können. Mit dem lebhaf- 
testen beifall hat man eine lehre aufgenonmien ^ wonach den Norwegern, 
und auch wenigstens den eigentlichen Schweden (denen im alten Svea- 

1) VgL das bezügliche in den artikeln von Maurer und Möbius im ersten bände 
dieser Zeitschrift 

2) ,y FaÜeanordisk.'' 

lUllTBClili.. V. DBUTäCUlfi PUILOL. BD. Hl. ^ 



E. .TKSSEN 



Wfe), aller anteil am entstehen der Eddalieder abzusprechen wäre, indem 
dieselben, und zwar wesentlich in der noch vorliegenden gestalt (gröss- 
tenteils sogar „wort für wort" unverändert) einem „litterarischen gol- 
denen Zeitalter des älteren und mittleren eisenalters ^ in Südscandinavien 
(Dänemark und wol auch das alte Göta-rike)" entstammen sollten, 
wogegen den Norwegern ein späteres silbernes Zeitalter einzuräumen 
wäre, in welchem andere von den auf Island niedergeschriebenen gedich- 
ten entstanden, so wie femer die mythischen erzählungen in der pro- 
saischen Edda als norwegische (oder gar zum teil isländische) verzerrte 
allegorisierende Umbildungen von mythen, als volksmärclien des mittel- 
alters, anzusehen wären.* Gegen meine landsleute habe ich mich (in 
ein paar dänisch geschriebenen aufsätzen) insofern an die Norweger 
geschlossen , als ich , ohne überall jede mögliclikeit dänischer oder schwe- 
discher herkunft durchaus zu läugnen, die eddalieder doch im ganzen 
genommen für specielleres eigentum des norwegischen („norrönen") volks- 
stammes ansehen muss, jedoch mit der bedeutenden modification, dass 
ich die mehrzahl der lieder für isländische bearbeitungen älterer dich- 
tung halte, und nur bei einigen liedern an wesentlich unveränderte Über- 
lieferung buchstäblich gesprochen norwegischer producte glauben möchte. 
Die gedichte also kann ich nicht „gesamtnordische," noch viel weni- 
ger „ südscandinavische " oder dänische nennen; wogegen es sich von 
selbst versteht, dass niemand die Verbreitung über den ganzen norden 
sowohl der mythologie als der heldensage, die das thema der Eddalieder 
abgaben, läugnen könte; was mich indessen nicht davon abhalten kann, 
mich auch in dieser beziehung der bencnnung „gesamt -nordisch" zu 
vridersetzen, und statt dessen die benennung „ gesamt- germanisch " ' 
festzuhalten, indem ja die mythologie der deutschen Völker erweislich 
wesentlich ganz dieselbe war wie die norwegische, und die sage von 
den Welisungen und den Nibelungen nicht nur bekantlich bei den Deut- 
schen wo möglich noch verbreiteter war als im norden, sondern, meiner 
ansieht nach, sogar erweislich bei den Deutschen entstand, und im nor- 
den nur als fremdes gut eingeführt wurde, so dass bei dieser sage der 
ausdruck „ gesamtgermanisch " dem norden sogar noch zu viel lässt. Es 
mag andere sagen gegeben haben, die übeir den ganzen norden verbrei- 

1) tlbcr die ausdrücke: „stein-, broiice-, erstes, zweites, drittes oiscnaltcr" 
der dänischen gelehrten vgl. dos hcrm Verfassers erläuternde bomcrkung am endo 
dieser abhandlnng. Red. 

2) Vgl. rticksichtlich dieser ultradänischen lehre : Möbius in dieser zeitschr. I, 430 f. 
8) „Gesamt -deutsch'* wfirden die nachfolger J. Grimms sagen. Mir, als 

einem Dänen, fällt es nicht natürlich, die bencnnung „deutsch" auf den norden eu 
erstrecken. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 3 

tet, den Deutschen aber fremd waren. Ich weiss nicht eben, ob es 
jetzt noch möglich ist, irgend eine heidnische sage als eine solcher 
weise entschieden gesamtnordische zu bezeichnen, indem es uns ja zu 
sehr an näherer kentnis des sagenbestandes heidnischer zeiten in Schwe- 
den und in Norddeutschland gebricht Mit den sogenauten Eddaliedern 
aber berührt sich die frage eigentlich gar nicht, indem dieselben, ausser 
der mythologie, diejenige heldcnsage behandeln, welche man sogar viel- 
mehr eine deutsche^ als eine „ gesamtgermanische *' zu benennen hat.^ 

Ich wünsche meine ideen über diese gegenstände in einer verbrei- 
tetem (wenngleich mir leider nel weniger geläufigen) spräche als der 
dänischen, und somit einem grössern und unparteiischern leserkreise als 
dem dänischen, vorzulegen. Nur mit dem wünsche nach feststellung 
der Wahrheit schreiben , bleibt innerhalb der dänischen litteratur gewöhn- 
lich eine mehrfach undankbare arbeit, grossenteils sogar eine Unmög- 
lichkeit^ 

Es sind also zwei hauptan sichten, die ich als die meinigen ver- 
teidige: 1) dass die heldensage der Eddalieder eine deutsche 
sei, 2) dass die Eddalieder „norröne" (norwegische und islän- 
dische) lieder seien; welche beiden ansichten von einander so ziem- 
lich unabhängig sind. Besonders über die erstere liesse sich ein dickes 
buch schreiben. Ich wünsche aber eben besonders bei dieser so kurz 
und gedrängt wie nur immer möglich zu sein, also nur hauptmomente 
hervorzuheben, was mich nötigt, kentnis der sage bei dem leser vor- 
auszusetzen.^ 

I. 
DIE SAGE DEUTSCH. 

Als einleitung zu diesem abschnitt (jedoch auch mit bezug auf den 
folgenden) scheint es zweckmässig, einige kurze bemerkungen vorauszu- 
schicken, betreffend die norröne heroische sagenlitteratur überhaupt 

1) ,, Deutsch'* also in dem sinne gebraucht, dass es Dänisch, Schwedisch und 
Norwegisch aasschlicsst. 

2) Nur die drei Helgenlieder enthalten (ohschon dnrch spätere willkürliche 
umdichtong Terschohene) bestandteile allem anschein nach ursprünglich nordischer 
heldensage. 

3) So begcgnerte es mir bei dem Kopenhagener historischen verein, der, däni- 
schen zustanden nnd dem Kopenhagenor Cliquenwesen gemäss , unter der leitung eines 
Politikers und nicht - historikers steht, dass ich mich in diesem streite in der zeit- 
sckrift dieses vereine des Wortes beraubt fand , während man fortfuhr , der den Dänen 
schnieiehelnden ansieht den räum im vollsten massc offen zu halten. 

4) Die beste Übersicht der einen h&uptform der sage findet man in der kurzen 
crzählong dor Snorra-Edda (deutsch z. b» bei Siinrock); die andere hauptfonn ken- 

1* 



E. JESSEN 



Es wanderten schon im altertum die producte des dichterischen 
geistes von einem volke zum andern. Damals , wie jetzt , wurde man 
des alten und bekanten satt, und war hungrig, neues zu geniessen. 
Dass auch schon damals die bewohner des nordens eher den Deutschen 
etwas entliehen, als umgekehrt, ist der natur der sache gemäss. Wir 
haben indessen einen beleg, dass wenigstens ein deu tschesjvo lk^ näm - 
j^H^i.lichJlie^En^^ nordische sagen nicht verschmähte, darin, dass das 

T""^ angelsächsische gedieht Beowulf nur nordische sagen behandelt. Die 
Angeln und Sachsen werden in demselben auch nicht einmal genant, 
wogegen es sich um drei nordische Völker, jedes unter seinem könige, 
handelt: 1) um das der Dänen unter den Schiltungen (Scyldingas) , als 
Halbdan, Roar, Helge, Rolf (Healfdene, Hrddgär, Hälga, Hrödulf), 
welches sich, mit derselben ausdehnung wie in spätem Zeiten ^ bis an 
die Friesen erstreckt, und schon damals, als diese sage mit der aus 
Saxos und der Isländer Überlieferung genugsam bekanten namenreihe 
nach England gelangte , nur e i n reich , und nicht mehrere kleinere , aus- 
machte ; 2) um das der Gauten (Geätas » der schwedischen form Götar), 
ZU welchem der held des gedichtes, Beowulf, gehört; 3) um das der 
Schweden (Sweön = Svear in specieller bedeutung), unter dessen köni- 
gen wir die namen Ottar und Adils (Ohthere, Eadgils) widererkennen. 
Die sage ist aus Dänemark oder aus Gautland nach England gebracht, 
und zwar zu einer zeit^ als sie noch nicht die gestalt erreicht hatte, die 
wir bei Saxo und in der Bolfs-saga vorfinden. Andererseits ist diese 
sage aber von englischen christlichen dichtem, wol zu widerholten malen, 
so umgebildet worden, dass sie dennoch eine unursprünglichere gestalt 
trägt als in der nordischen Überlieferung. Es ist auf den ersten blick 
sehr auffallend, dass wir in der äusserlich betrachtet reichen angel- 
sächsischen poetischen litteratur auch keine einzige behandlung specifisch 
englischer heldensage, hingegen ein grosses gedieht über fremde sagen 
finden. Es lässt sich aber dies aus politischen Verhältnissen erklären. 
Die Streitigkeiten der untergegangenen kleinen angelsächsischen reiche 
waren nicht mehr ein passendes thema für den Sänger, der am hofe des 
herschers über ganz England sein unterkommen zu suchen hatte. Die 
einheimischen angelsächsischen Heldenlieder musten in Vergessenheit 
geraten. 

Im norden muste ein ähnliches Schicksal die einheimische nor- 
wegische heldensage treffen. Dass diese eine reiche gewesen ist, 

nen deutsche leset aus dem Nibelungenliede. Deutsche hilfsmittel (W. Grimm, Rasz- 
mann usw.) wäre es kaum nötig zu nennen. — Von den unzahligen abhandlungen 
möchte ich etwa diejenigen von MüUenhoff (Haupts zeitschr. bd. 10 und 12) hervor- 
heben, an die ich mich näher als an irgend andere mir bekante schliessen kann. 



ÜBEB DIE EDDALIBDEB 5 

brauchen wir nicht im geringsten zu bezweifebi. Aber nur ziemlich 
weniges hat sich gerettet: in der Halfs-saga, in verschiedenen bestand- 
teilen der Fridthjofs - saga , der örvarodds - saga , sowol als mehrerer 
anderer von den in den beiden letzten teilen der „ Fornaldarsögur '' ent- 
haltenen märchen und romanen; femer in der Helga kvida Hjörvards- 
sonar,^ und wol auch in dem zur heroischen sage gehörenden ramen des 
Grimnismäls. Auch die Ynglinga - saga (was man nun auch immer von 
der authentie des zu gründe liegenden gedichtes halten mag) ist zunächst 
nur als eine norwegische familientradition aufzufassen, und keinesweges 
als ein excerpt schwedischer königssage, obschon es immerhin möglich 
ist, dass diese &milientradition wirklich einzelne aus dem vielleicht nicht 
nur vorgeblichen stamlande mitgebrachte sagenelemente möchte fest- 
gehalten haben. Ob die älteren bestandteile der ersten hälfte der Her- 
vararsaga hieher gehören , ist disputabel , indem der kämpf auf Samsö 
(der insel im Eattegat) auch von Saxo (und in einer „Eaempevise") erzählt 
wird. Samsö und Läsö spielen auch anderwärts in der phantasie norrö- 
ner dichter ^ was sich aus der Vertrautheit norwegischer Schiffer mit die- 
sem fahrwasser leicht genug erklärt, so dass in der nennung dieser insel 
kein beweis dänischen Ursprunges liegt An schwedischen Ursprung 
möchte ich durchaus nicht glauben, indem, abgesehen von möglicher- 
weise acht schwedischen elementen' in der familientradition des norwe- 
gischen Tngling- geschlechtes (wohin diese sage schwerlich gehören könte), 
kaum irgend eine uralte sage oder irgend ein lied aus Schweden in die 
norröne litteratur eingedrungen ist. Da sowol bei Saxo als in der Her- 
vararsaga der kämpf Hjalmars und Angantys auf Samsö mit der doch 
offenbar norwegischen sage von Örvarodd verwoben ist, möchten wir hier 
nicht ohne Wahrscheinlichkeit an eine enüehnung des ganzen aus Norwe- 
gen nach Dänemark denken. Die liederreste in der ersten hälfte der 
Hervararsaga könten jedenfalls in keiner unverändert dänischen (oder 

1) Helge bt ein Norweger (siehe eins der prosas tückchen: Ejörvaräi JcontMgi 
1 Naregi; und str. 31 : hva;t kanntu segja n^a spjalla or Noregt) ; vielleicht speciel 
ans Bogaland (cfr. str. 43 Bogheims ä vü?). Dass die prosastückchen kriege in den 
,,8fidlanden/' speciel im ,, Schwabenlande*' erwähnen, widerspricht dem nicht, aber 
beweist, dass wir eine späte gestaltnng der sage vor uns haben, ans der zeit, wo 
man es liebte den Schauplatz ins enorme zu erweitem, vrie das in der Hervararsaga 
und andern ForncUdarsögur geschieht. 

2) Zu diesen mochte gehören die sage von Gefjon, wie sie „ Seeland'* aus 
dem Mälar herauspflfigt Dies Seeland ist nämlich offenbar das schwedische Seeland 
(= Boslagen), die meeresküste nördlich des Malars. In Norwegen oder Island hat 
man die sage später aus misverstÄndnis und Unwissenheit auf das dänische Seeland 
fibergef&hrt, so in der strophe (gleich anfangs in der Snorra-Edda), die man dem 
Torgebüchen ,,Brage Skald dem Alten" zuschrieb. 



E. JESSEN 



schwedischen) redaction vorliegen, wie das aus folgender stelle her- 
vorgeht : 

betr pykkjtiMsk ek Besseres meine ich, 

buälungr hafa König, erlangt zu haben, 

enn p6 Noregi als wenn ich erreichte 

medak öUum ganz Norwegen 

• 

was natürlich nur ein norwegischer (oder isländischer) dichter , nach Ver- 
einigung Norwegens zu einem reiche, in das gedieht hineinbringen konte. 
Einiges haben also die Isländer doch von der altnorwegischen helden- 
sage bewahrt Das können aber nur fragmente sein von dem ganzen grossen 
vorrate. Als in der letzten hälfte des 9. Jahrhunderts die vielen kleinen 
norwegischen reiche durch eroberung zu einem grossen norwegischen 
reiche wurden, büssten sofort die einheimischen heldenlieder gröstenteils 
ihre lebensfähigkeit ein. Die in den nächsten Jahrhunderten mehrmals 
eintretende Verbindung Norwegens mit Dänemark und das politische 
Interesse der norwegischen könige, als sprösslinge auch des „Eagnar- 
Lodbrokischen geschlechtes ^* zu gelten, fährte dänische königssagen bei 
den Norwegern ein. So finden wir die sage von Eoar, Helge und Rolf 
Krake, femer die von Harald Hildetann, endlich die von Ragnar Lod- 
brok, in isläudLichen sagas behandelt, und zwar in einer gestalte die 
sich zu der von Saxo überlieferten solchermassen verhält, dass einerseits 
an eine entlehnung ^ direct aus Dänemark erst zur zeit der isländischen 
sagaproduction nicht zu denken ist, andrerseits eine entlehnung „im 
altern oder mittlem eisenalter " vollends undenkbar ist , indem sowol die 
Isländer als Saxo die gesamte dänische sagengeschichte mit sachsenkrie- 
gen, englandszügen und nordhumbrischen eroberungen durch woben sein 
lassen, ein beweis, dass die dänische sagengeschichte auf dem wege 
durch die eigentliche sogenante Wikingszeit (ungefähr 850 bis 1030") 
eine gänzliche imigestaltung durchlebte, und erst in dieser jüngsten 
gestalt nach Norwegen (und Island) gelangte, wogegen die dänischen 
königssagen im Beo^vulf früher nach England gelangten, nämlich vor 
dieser Umgestaltung , firüher also , als die grossen kriege mit den Deut- 
schen und die grossen züge nach England und eroberungen daselbst 
auf die gestaltung der dänischen sagengeschichte einwirkten. Norröne 
dichter erlaubten sich an der eingeführten dänischen sage willkürlich 
erdachte ändemngen und zutaten, namentlich in bezug auf die Ragnar - 

1) Des ganzen. — Eins und das andere mag natürlich sogar spät im mittel- 
alter direct importiert sein. 

2) Die eroberungen in England fiengen erst nm 870 an. — Saxo lässt schon 
seinen ersten Frodo den Khein hinauf segeln! 



ÜBEB DIE EDDALIEDER 7 

Lodbroksche gonealogie, also zu einer zeit, wo solche änderungeu und 
zutaten noch praktische? interesse hahoi: konten. So machten sie eine 
der frauen Bagnars zur tochter Sigurds des drachentöters, und Kugnar 
selbst zum söhne jenes schwedischen königs (Eing, oder, wie er in nor- 
röner umtaufung heisst, Sigurd Ring), dem der dänenkönig Harald Hilde- 
tann in der sagenhaften Braavalla- Schlacht erlag. — Auch die sage 
von den goldmalenden riesenweibern Fenja und Menja erscheint in der 
norrönen litteratur in einer gestalt, die sie nur in Dänemark erreicht 
haben kann, nämlich mit der »peciel dänischen königsreihe verwoben.* 
Da diese sage bei dem norröneu stamme nur als eine fremde auftritt, 
sich aber bei den Deutschen ^ widerfindet , haben wir sie also jedenfalls 
nicht als eine ursprünglich „gesamtnordische*' aufzufassen, sondern am 
ehesten als eine deutsche, in Dänemark eingeführte, und daselbst mit 
einheimischen dänischen sagen verwobcne (was natürlich nicht verbietet, 
das „ Grotten -lied" für eine norröne production über ein zunächst däni- 
sches thema zu halten). 

Die norröne heroische sagenlitteratur enthält also ungefähr eben so 
viele aus Dänemark importierte sagen , als einheimische norröne. Weder die 
einen noch die andern liegen uns in den „Eddaliedern" (liedern der 
sogenanten „Sämunds-Edda") vor, nur allein die sage von Helge Hjör- 
vards söhn * abgerechnet. Keiner der beiden Codices dieser lieder (Codex 
Kegius 2365. 4 ; Codex Ärnemagnaeauus 748. 4) enthält sonst etwas direct 
hieher gehöriges. Das „Grottenlied" ist anderswo (in einer handschrift der 
Snorra-Edda) aufbewahrt; es ist in dem einen der beiden metra der Edda- 
lieder abgefasst, entfernt sich aber sonst nicht unbedeutend von der manier 
der in der „Sämunds-Edda" aufbewahrten heroischen lieder. Es unter- 
liegt indessen keinem zweifei , dass alle jene sagen lusprünglich in liedern 
derselben formen wie die Eddalieder überliefert worden sind, was wir denn 
auch schon daraus ersehen, dass mehrere dieser sagas bruchstücke von 
liedern solcher form liefern, vor allen die erste hälfte der Hervarar-saga, 
so wie auch hie und da alliteration durch die prosa hervorsticht, wie im 
beiden Verzeichnis zur liraavallaschlacht , woselbst ein wirklich in Däne- 
mark verfasstes lied zu gnuide liegt, da nämlich Saxo^ bei dem ent- 
sprechenden Verzeichnis in seiner geschichte ganz dasselbe lied benutzt, 
ein lied aus späterer zeit als die colonisation Islands, indem es in bei- 
den beeren Isländer („Thylenses") aufführt, und diese offenbar schon 
im liede da waren , ehe dasselbe zum norrönen stamme hinüber wanderte, 

1) Vgl. Grottasöngr str. 19. 21. 

2) Vgl. J. GrimmB Mythologie: fanegolt, manegolt. 

3j und die wenigen hieher gehörenden Strophen des Grimnismdh, 
4) Zu anfang des 8. buchs. Vgl. FornaldarsöQivr bd. 1. s. 379 f. 



S E. JESSEN 

obschon der isländische saga Verfasser die vier Isländer im schwedischen 
heere ^ gänzlich verschweigt^ ohne allen zweifei nm Isländer nicht gegen 
einander kämpfen zu lassen, während er den Isländer in Haralds heer 
(Blend oder Bioeng), so wie auch den Jomswiking (Toke) stehen lässt, 
aber ohne bezeichnung des heimortes, ein deutlicher fingerzeig, 
dass ihm in diesen beiden fällen der im liede genannte heimort anstoss 
erregte, indem er gewohnt war, sich die Braavalla- Schlacht vor der 
entdeckung Islands und vor der gründung der Jomsburger republik zu 
denken. 

Der norröne stamm hat also einerseits , zufolge der politischen Ver- 
hältnisse, von dem schluss des 9. Jahrhunderts an, seine eigne alte 
heroische liederpoesie in verfall und gröstenteils in Vergessenheit geraten 
lassen, ohne eine neue zu producieren, andrerseits, und zwar ebenfalls 
offenbar zufolge politischer Verhältnisse , und frühestens vom 10. Jahr- 
hundert an, dänische königssagen aufgenommen und festgehalten, zum 
teil willkürlich bearbeitet, nicht aber incorporiert, nicht zu norwegischen 
königssagen umgeschmolzen, ^ im gegenteil fortwährend als nur fremdes 
gut betrachtet. Die bezüglichen lieder haben die Isländer beinahe samt 
und sonders zu gründe gehen lassen, die eingeföhrten dänischen noch 
mehr als die einheimischen norrönen. 

Dennoch haben uns die Isländer eine samlung heroischer lieder 
schriftlich überliefert, nämlich in der „Sämunds Edda." Diese lieder, 
die von den Welisungen und Nibelungen, behandeln einen Sagenkreis, 
dem die Isländer ausdrücklich grösseres Interesse als allen andern 
heroischen sagen , norrönen oder dänischen , zugestehen , den aber weder 
die Isländer noch der Däne Saxo jemals als einen norrönen noch als 
einen dänischen wollen betrachtet wissen, sondern als einen deutschen, 
weshalb Saxo auch nicht das mindeste über die beiden dieser beiden 
geschlechter in seine sagengeschichte aufnimt. Die heutigen nordischen 
gelehrten dagegen wollen diesen Sagenkreis teils für einen „norrönen," 
teils fQr einen „ südscandinavischen ," teils für einen „ gesamtnordischen "^ 

1) Mar rufus e MÜhfirihi,- Qrombar atinoms; Gram Brwndelucus; Orim ex 
cpfido Skierum. 

2) jedoch mit einer ausnähme {Guärödr), wovon später. 

3) Für die Verbreitung dieser sage auch in Schweden haben wir zwei ziemlich 
alto Zeugnisse in den bildem zweier runensteine aus christlicher zeit (Ramsund-Berg 
und Gök'Sten). Die bilder beider steine stellen die tötung des drachens und des 
Schmiedes Begin dar. Säve hat eine abhandlung hierüber geschrieben. [Jetzt eben 
auch in deutscher Übersetzung erschienen: Zur Nibelungen sage. Siegfriedbilder, 
beschrieben und erklart von prof. Carl Saeve. Aus dem Schwedischen übersetzt und 
mit nachtragen versehen von J. Mestorf. Mit 4 tafeln abbildungen. Hamb. Meiss* 
ner 1870]. 



ÜBEB DIE EDDALIEDER 9 

erklAren. Betrachten wir also in möglichster kürze den stand dieser 
fragen. 

Die eine form dieser sagen, die isländische oder sogenante „nor- 
dische,^ liegt in den Eddaliedern vor, wobei wir nicht bestirnt wissen, 
wie viel von den kleinen prosaausfullungen direct von verlorenen Stro- 
phen nnd liedem herstami Die erzählung in der „jungem Edda '^ (Snorra- 
Edda) ist ein kurzes excerpt aus den liedem. Die Wölsunga-Saga ist 
eine in die ' breite sich dehnende , nicht eben talentvoll geschriebene 
erzählung auf gmndlage der lieder (mit benutzung einiger jetzt ver- 
lorener). 

Bei den Deutschen liegt die sage in fast unzähligen quellen vor^ 
von etwa dem 9. Jahrhundert an bis auf den heutigen tag, jedoch so, dass 
die ältesten quellen , so das Hildebrandslied (niedergeschrieben im 9. Jahr- 
hundert, oder im 8.?), und angelsächsische gedichte, (niedergeschrieben 
etwa im 9. bis 10. Jahrhundert) , nur bruchstucke der sage, oder gar nur 
andeutungen , liefem. Weiter zurück in der zeit reichen das burgundische 
gesetz (aus dem 6. Jahrhundert), welches die Nibelungen - namen als 
burgundische fQrstennamen auffuhrt , und der geschichtschreiber Jeman- 
des (6. Jahrhundert), welcher jedoch nicht die Nibelungensage selbst 
erwähnt, sondem nur die anderwärts mit derselben in Verbindung 
gebrachte von Ermenrich und der Schwanhild. Die hauptquellen sind 
aber erst das Nibelungenlied und die Dietrichs -Saga, welche letztere 
isländisch, wol im 13. Jahrhundert, nach deutschen gedichten und sagen 
abgefasst wurde. Die armut an älteren norddeutschen quellen ist bei der 
Untersuchung des gegenseitigen Verhältnisses der beiden hauptformen der 
sage sehr empfindlich. Die so eben erwähnte Dietrichssaga hat nord- 
deutsche quellen benutzt, und beruft sich in der tat ausdrücklich auf 
solche; es werden aber, wenigstens für die eigentliche Nibelungensage, 
solche norddeutsche gewesen sein, die unmittelbar dem hochdeutschen 
Nibelungenlied entstamten.^ Ähnlich steht es um die „Ksempeviser" 
über Sivard Snarensvend , Didrik af Bern usw. 

Nur die isländische form der sage , d. h. die in den Eddas und der 
Wölsungasaga vorliegende form, ist von nordischen gelehrten als eine 
„nordische," eine nicht aus Deutschland her entliehene sage in schütz 
genommen worden. Ähnliche rettung der Dietrichssaga und der Ka^m- 
peviser * ist nicht einmal in frage gekommen , indem sich dieselben eben 
an die gewöhnliche deutsche, und nicht an die isländische form der sage 



1) VgL die abhandlung von Döring im zweiten bände dieser zeitschr. 

2) Nnr drei aosgenommen , von denen später. 



X 



10 E. J]BS8£N 

anschliessen , üiren stoff also jedonf^lls aus Deutschland entliehen ha1)en. 
Die mehrzahl der deutschen forscher ist übrigens geneigt, auch die islän- 
dische fonn als eine aus Deutschland, jedoch weit früher eingeführte zu 
-betrachten. 

Die isländische sagenforni nent einen könig Wölsung, söhn des 
Bere, söhn des Sige. Wölsung ist vater des Sigmund, der besonders 
durch die Untaten berühmt wird , die er zusammen mit SinQötle , zugleich 
seinem söhn und schwestersohn , ausübt. Der söhn Sigmunds, Sigurd, 
wird nach dem tode des vaters und in fremdem lande (DjänQpiarkP) 
geboren. Dieser Sigurd nun tötet jenen drachen, bemächtigt sich des 
drachenschatzes , besucht die BrynhUd, Schwester des königs Atle, komt 
danach zu den Gjukungen (Gunnar, Högne, Guttorm/ welche i^ ein par 
liedern Niflungar genant werden); hier vergisst er die Brynhild, und 
heiratet die Schwester der Gjukunge, welche bei den Isländern Gudrun 
heisst, während ilire mutter den namen Grimhild führt. Femer verhilft 
er seinem seh wager Gunnar zur heirat mit der Brynhild , aber durch eine 
list, welche diese dadurch rächt, dass sie die Gjukunge zur ermordung 
Sigurds antreibt, was auch von dem jüngsten der brüder, (Juttorm, 
bewerkstelligt wird, nach einigen liedern, als Sigurd im bette schläft, 
nach andern, während er auf eine jagd ausgeritten ist; worauf Brynhild 
sich selbst tötet Gudrun wird mit dem könig Atle verheiratet. Dieser 
lockt die Gjukunge zu sich, und vernichtet sie. Gudrim tötet zur räche 
seine beiden sölme (von welchen der eine Erp heisst^), und hernach ihn 
selbst, und dies letztere zwar (dem Atlamäl zufolge) mit beihilfe eines 
sohnes des Högne. Zum dritten mal verheiratet sie sich, ii;iit dem könig 
Jonakr. Ihre und Sigurds tochter, Swanhild, wird die gejipajhlin des 
gotenkönigs Jörmunrek, welcher in einem anfall von eifersuclit dieSwan- 
hild von pferden zertreten lässt. Nun treibt Gudrun ihre mid des Jonakr 
beiden söhne, Hamde und Sörle, und den söhn Jonakrs aus früherer 
ehe , Erp , zur räche wegen dieser untat an ; auf dem wege wijtd Ei-p von 
seinen Stiefbrüdern erschlagen, welche selbst im angriffe auf Jörmunrek 
umkommen, nachdem sie diesem bände und füsse abgehauen h^ben. 

In der nicht -isländischen sagenform heisst Sigui'd: Siegfried,^ und 
Gudrun : Grimhild , KrimhUt ; wogegen ihre mutter unter andern uamen 
vorkömt. Hagen (= Högne) ist nur in einigen der hieher gehörigen 

1) Guttorni wird im Hyndlalied Stiefsohn des Gjako genannt. 

2) Wie in der Dictrichssaga. 

3) Jedoch nicht in der Dietrichssaga und den Kajmpovisor. Weil Siegfried ein 
im norden ungebräuchlicher name ist, setzt auch die Dietrichssaga statt dessen gewöhn- 
lich den norrönen namen Sigurd, und die Kiempcviscr die entsprechende dänische 
form Siward. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 11 

qaellen brader Günthers (»= Gunnar), ist aber überall ein genösse der 
Nibelunge.* Brynhild ist nicht mehr Schwester des Atle, Etzel. 

In den ereignissen gibt es folgende hauptabweichungen: Der anfang, 
von den vorfahren Sigmunds, ist in Vergessenheit geraten (wogegen ein 
angelsächsisches gedieht noch die Übeltaten Sigmunds und Fitelas ei*wähnt). 
Nicht Godomar (= Guttorm), sondern Hagen erschlägt den Sigfrid, als 
dieser im walde vom pferde gestiegen von einer quelle trinkt (aber nach 
Hans Sachsens darsteUung, ^s er im walde schläft). Nicht Etzel, son- 
dern Grimhild (= Gudrun) strebt den Nibelungen nach dem leben, indem 
sie, gegen den willen Etzels, ihren ersten gatten rächen will. Dies 
gelingt, zunächst durch die hilfe Dietrichs von Bern, der (von Sibich, 
oder von Otacher , oder von Ermenrich , je nach den verschiedenen berich- 
ten) vertrieben, sich an Etzels hofe aufhält. Nach dem kämpfe gerät 
Dietrich in zorn über die grausamkeit der Grimhild, und haut sie mit- 
ten durch. Ein söhn Hagens übt räche an dem ziemlich unschuldigen 
Etzel. Die dritte heirat „Gudruns" fehlt also in dieser sagenform, so 
dass Gudrun mit dem tode Ermenriclis (= Jörmunrek) nichts zu tun 
hat, und nicht mutter der gebrüder Hamadeo und Sarulo ist; die tra- 
gische geschichte dieser brüder und ihrer Schwester ist den deutschen 
stänmien bekant gewesen (schon Jemandes erwähnt ja diese sage), wird 
aber selten berührt, und ohne solche nähere Verbindung mit der eigent- 
lichen Nibelungensage. Viele der Edda gänzlich unbekante geschich- 
ten, besonders von Dietrich und Ermenrich, werden dagegen angeknüpft, 
(z. b. die von der tötung der Harlunge durch ihren Oheim Ermenrich). 

Man ist darüber einverstanden, dass die isländische gestaltung der 
sage in ereignissen und in verwantschaftsverhältnissen der personen 
gewöhnlich das ursprünglichere besitzt, so wenn nach derselben Guttorm 
den Sigurd erschlägt, Brynhild sich selbst tötet, Atle die Gjukunge ver- 
nichtet, dass also in solchen fiillen die sage bei den Deutschen verhält- 
nismässig jüngere Umbildungen erlitten hat. Doch ist man darüber wol 
allgemein einig, dass wenigstens Gudruns dritte heirat, also die nähere 
Verbindung mit der Schwanhildensage, im norden erfunden ist. 

Eins von dreien nun muss man sich denken: 1) entweder ist die 
sage im norden entstanden, und von da zu den deutschen Völkern 
gelangt; 2) oder umgekehrt bei den Deutschen entstanden, und bei den 
nordischen Völkern in altertümlicherer gestalt eingeführt, als sie sich in 
Deutschland bewahrt hat; 3) oder keins von beiden, sondern so unge- 
heuer alt, dass sie, in allen gemeinschaftlichen^ zügen, schon bei dem 
gemeinschaftlichen germanischen urvolke, elie sich dieses in die deut- 

1) Vgl. Grimms heldcnsagc no. 96. 



12 E. JB88EN 

sehen und nordischen Völker zerteilte, ausgebildet war. Die unter nr. 1 
aufgestellte alternative wird wol kaum von irgend jemand offen vertei- 
digt, und mag im folgenden aus dem spiele bleiben. Die zweite ist die 
vorhersehende ansieht deutseher forscher, und die dritte die der nordi- 
schen , insofern übrigens diese letzteren es wagen , ihre „ nordische " lehre 
bestirnter zu formulieren. Es fragt sich also zunächst: lässt sich irgend 
etwas anführen , was die eine der beiden letztem ansichten (nr. 2 und 
nr. 3) verbietet, und somit die andere bestätigt? 

Wenn beide gestaltungen der sage entweder den norden oder 
Deutschland zum sthauplatz der begebenheiten machen, dann ist die 
sage keine gemeinsame urgermanische. Ehe es deutsche und nordische 
Völker gab, konte die sage auf kein einzelnes deutsches oder nordisches 
Volk übertragen werden. Das urgermanische volk konte die sage nicht 
in den noch unbekanten Wohnorten künftiger völkerzweige localisieren. 

Nun ist in beiden gestaltungen der sage Sigfrid (Sigurd) deutscher 
fSrst; das Kheinland („die fernen felsen des Rheins'*^) Schauplatz der 
hauptereignisse vor Sigfrids tode, und Etzels (Atles) land nach demsel- 
ben. Es ist also durchaus unmöglich, dass die sage eine in solcher 
gestalt urgermanische sein könte ; ' es ist ganz undenkbar , dass sie nicht 
eine deutsche sein sollte; es ist gewiss, dass sie bei den nordischen Völ- 
kern nur eingeführt ist. 

Nach den deutschen quellen zusammengenonmien, und zurück bis 
zu den ältesten (den angelsächsischen liedern,^ dem Hildebrandslied, 
dem Burgundengesetz) , rücksichtlich des Ermenrich bis zu Jemandes 
zurück^ ist: 

Ermenrich könig der Goten (in der Dietrichssaga nach Rom ver- 
setzt). 

Dietrich könig in „Bern" (Verona) in Italien. 

Etzel (Atle) könig der Hünen; diese wohnen in den ungarischen 
ländem. 

1) Vgl. Völnndarkvida str. 14. Sigrurdkv. m. 16. Brot af Brynhkv. 11, usw. 

2) Damit ist natürlich nicht gelängnet, dass die sage nrgermanische , ja sogar 
urindogermanische elomente enthalten kann, ja enthalten muss, in ähnlicher weise, 
wie z. b. die Lodbrokssage urindogermanische demente enthält, und dennoch in der 
isländischen aufzcichnung keine von jeher auch beim norrönen stamm erhaltene sage 
ist , sondern eine aus Dänemark importierte und mit ein paar norrönen zutaten erwei- 
terte. Urgermanische grundelemente beweisen durchaus nicht, dass eine sage not- 
wendig eine bei allen germuiischcn Völkern von jeher erhaltene, somit eine nicht von 
dem einen zu dem andern germanischen volke importierte sei. 

8) Siehe W. Grimm: Heldensage s. 18. 



ÜBER DIE EDDALIEDEB 13 

Gnnther könig der Burgunden (bisweilen der „Pranken," was sich 
daraus erklären lässt, dass der wohnsitz um Worms später fränkischer 
boden ward, und zudem die Burgunden überhaupt den Franken Untertan 
wurden.*) 

Sigmund fränkischer könig in irgend einer Bheingegend. 

In den Eddaliedern ist: 
Jörmunrek könig der Goten. 
Thjodrek (Gudrkv. IIL)? 

Atle im ersten Gudrunenlied und in der AtlakrTda könig der Hünen; 
sonst bleibt sein volk in blanco stehen. 

Gunnar der Atlakvida zufolge könig der Burgunden ; sonst wird er 
„ Gotenkönig *^ tituliert, was nicht eben einen widersprach zu bilden 
braucht, da die Burgunden wol zugleich Goten waren. 

Sigmunds sehn Sigurd ein „hunischer könig.'' ^ (In den prosaaus- 
fullungen heisst Sigmund aber könig im Frankenl^de , welches^ vielleicht 
nur zuAUig, in den liedern nicht vorkömt.) (Ln Hamdismäl reiten 
Hamde, Sörle und Erp auf „hunländischen" pferden). 

Also sind die ethnographischen Verhältnisse in den liedern einiger- 
massen verwischt und unUar geworden , offenbar hauptsächlich , weil man 
über die Hünen keinen rechten bescheid wüste. Man mag von mehr als 
einem „Hunenlande" gehört haben. Oder man mag dem Sigurd wegen 
der Verbindung mit der hunischen prinzessin Brynhild gelegentlich in 
irgend einem nexus die bezeichnung „hunisch" beigelegt und somit eine 
Verwirrung veranlasst haben; wenn Brynhild im „Wallande "^ wohnt, 
widerspricht das durchaus nicht dem Hunenlande^ welches eben ein 
„Walland," ein „wälsches," fremde zunge redendes land war. War 
erst Sigurd zu etwas „Hunischem'' geworden, kam man mit der 
uationalität Atles in Verlegenheit, wie wir denn auch sehen, dass die 
lieder hierüber gern schweigen. — Dass die nordischen gelehrten es 
vorziehen müssen, umgekehrt die ethnographischen Verhältnisse der 
Eddalieder für die ächten, und die der deutschen quellen für verzerrt 
zu halten, folgt von selbst. 

Auch die nicht isländische form, so die darstellung der Dietrichs- 
saga, und auch anderer quellen, wie die des Nibelungenliedes, zieht 



1) Siehe W. Grimm: Heldensage s. 66. 

2) In der Wölsungasaga heisst das reich Wölsungs und Sigmunds ein „Hnnen- 
land" (vielleicht als teil des Frankenlandes anfgefasst?). 

3) Die Walachei? (als teil des Hunenlandes betrachtet?). 



14 E. JKSSEN 

Dänemark und die Dänen in die sage hinein, was also nicht erst durch 
nordische dichter bewerkstelligt wurde, obschon diese solches wol weiter 
ausgefiihrt haben mögen: so wenn sie die mutter Sigurds nach Däne- 
mark (? *) entfahren und daselbst den Sigurd gebären , und wenn sie 
Gudrun nach Dänemark entfliehen lassen. So kann es aber auch schon 
die norddeutsche sage erzählt haben. — Im norden, und zwar in nor- 
röner bearbeitung, ist die sage von Helge dem Hundingstöter angeknüpft 
worden. 

Nach den deutschen quellen zusammengenommen, und zwar aber- 
mals zurück bis zu den angelsächsischen^^ so wie auch dem Hildebrands- 
liede, dem Burgundengesetze , und, rücksichtlich des Ermenrich, dem 
Jemandes, wird: 

Ermenrich eins mit dem geschichtlichen gotenkönig Ermanarik. 

Dietrich eins mit dem geschichtlichen gotenkönig Theodorik. 

Etzel (Atle) eins mit dem geschichtlichen Hunenkönig Ättila, so 
wie diesen die nicht allerältesten noch zuverlässigsten berichte darstel- 
len. (Auch in der Dietrichssaga föUt er mit diesem Attihi zusanmien, 
indem seine frau Erka heisst, und „herzog Blodlin," = Bleda, an sei- 
nem hofe sich aufhält). 

Günther eins mit dem burgundischen könige Gundahar , den Attila 
437 vernichtete, und dessen namen zusanmien mit den übrigen Nibelun- 
gennamen wir im burgundischen gesetze in dieser namenreihe widerfin- 
den: Gibika, Godomar, Gislahar, Gundahar (= Gjuke, Guttorm, Gisel- 
her, Gunnar, von welchen Giselher in der isländischen sagenform aus- 
gefallen ist®). 

Also wurden geschichtliche personen, die nicht gleichzeitig waren 
(Ermanarik, Attila, Theodorik), von der sage als gleichzeitig zusanmien- 
gestellt, was schon im mittelalter deutsche Schriftsteller bemerkten.^ 

Es sind natürlich diese identificationen entweder so zu fassen, dass 
die sagen wirklich von anfang an um diese geschichtlichen namen (auf 
dieselbe weise wie die sagengeschichte von Carolus Magnus) emporwuch- 
sen, und zwar möglicherweise so früh, dass sie erst in späterm Sta- 
dium mit einander in Verbindung gebracht wären; oder aber so, dass 

1) So nach der Wölsnngasaga ; es möchte aber das aaf spätenn misverständnis 
beruhen. 

2) Diese schlicssen sich gänzlich an die hochdeutschen an , bis auf einen dispu- 
tabeln punkt, wovon später. 

3) Man könte übrigens an und für sich, mit Zurücksetzung anderer rück- 
sichten, die Burgundenförsten nach den sagenfürsten benant sein lassen. 

4) W. Grimms Heldensage s. 97. 



CnEK DIE EDDALIEDER 15 

sich die identificationen erst in den schon ausgebildeten sagen einfanden, 
weil die nanüen zufällig passten: was jedoch um so unwahrscheinlicher 
würde, je mehr die sagen schon im voraus mit einander verknüpft wären, 
indem es schwerlich eintreffen würde , dass eine die mehrzahl der haupt- 
personen eines combinicrten Sagenkreises umfassende namenreihe auf eine 
bestirnte Masse historischer fürsten passen könte. Da nun sowol die 
Identification der personen, falls diese übrigens eine unursprüngliche ist, 
als die verknüpfdng der sagen bei den Deutschen müste bewerkstelligt 
worden sein, muss in der Edda sowol die verknüpfting als die identifi- 
cation, wo letztere durchblickt, als unwiderleglicher beweis deutschen 
Ursprunges gelten. Die identificalion nun ganz isoliert für sich genom- 
men wSre freilich aus den eddaliedem für sich genonmien schwerlich zu 
erhärten , ausgenonmien für das dritte Gudrunenlied , wo der name Herkja 
(== Erka) identification Atles mit Attila beweist, womit denn auch die 
Identification Thjodreks mit dem könig Theodorik folgt; jedoch ist fer- 
ner auch fiir die beiden letzten lieder (Gudrünarhvöt und Hamdismftl) 
Jörmunrek, wie das von selbst folgt, mit dem bekanten Ermanaiik 
eins;* wären aber diese drei lieder nicht da, würden wir von der iden- 
tification an und für sich nicht weiter etwas erhebliches anfahren können. 
Die identification ist aber eben nicht isoliert für sich in anschlag zu brin- 
gen; denn sie ist schon in der Verknüpfung der sagen impliciert. Die 
Zusammenstellung Gunnars, Atles und Jörmunreks (und, im dritten Gudru- 
nenlied,* Tlyodreks) als gleichzeitiger personen, um so mehr, wenn sie 
obendrein als könige respective der Burgunden, Hünen und Goten auf- 
treten, ist beweises genug, dass dieser sagenformaüon ganz derselbe 
hinblick auf die geschichtlichen personen beigewohnt hatte, als der 
gewöhnlichen deutschen sagenformation. — Dass endlich ursprüngliche 
identität der sagenhelden und der geschichtlichen ffirsten (oder einiger 
von diesen), d. h. im eigentlichsten sinne historische grundlage der 
sagen (was mir als das bei weitem plausibelste vorkomt), deutschen 
Ursprung impliciert, bedarf auch nicht einmal der erwähnung. 

So durchgreifend sind diese Verhältnisse, dass es ganz vergeblich 
sein würde, um doch wenigstens etwas „nordisches" zu \indicieren, 
eine nach deutschen quellen vorgenonmiene Umarbeitung der sagenver- 
hältnisse einzuräumen (was natürlich schon an und für sich die abfas- 
snng der bewahrten lieder in sehr späte zeit herabsetzen würde); man 



1) Kämlkh mit dorn Ermanarik des Jomandcs; also ferner insofern eins mit 
dem historischen des Ammian, wie es der des Jomandes ist. 

2) Auch, nnd wol nicht durch misverstandnis , in der prosaeinleitnng zum 
rweiten. 



16 E. JESSEN 

müste in solcher absieht als unächte und deutsche zutaten abziehen : die 
anknüpfung der hauptpersonen an deutsche und andere fremde Völker 
und länder (Franken, Burgunden, Goten/ Hünen, Walland), sowol als 
die Verlegung der scene an den Rhein; Sigurds tötung unter offenem 
himmel; den söhn Högnes als mitwirkend bei der erschlagung Atles; 
ferner den Thjodrek und die Herkja. Die zusanmienstellung uud gleich- 
zeitigkeit Gunnars, Atles, Jörmunreks (und Thjodreks) wäre nach so 
enormen aufopferungen noch unversehrt, und müste gleichfalls aufgeopfert 
werden. Die gleich zu erwähnenden sprachlichen Verhältnisse würden 
ferner nötigen, auch den namen Sigurd als den des drachentöters zu 
opfern. Und was bliebe dann übrig? Auch nur ein zehntel solcher 
berichtigungen und Vervollständigungen nach deutschen quellen würde ja 
eben dartun, dass man im norden selbst die ganze sage nicht als eine 
einheimische, sondern eben als eine deutsche betrachtete. Und freilich 
gibt es Zeugnisse genug , dass sowol die Isländer als Saxo die geschichte 
der Welisunge und Nibelunge dem Norden absprachen , und die vollstän- 
digste auskunft über dieselbe bei den Deutschen zu finden meinten. 

Die linguistischen indicien deutschen Ursprungs der sage sind von 
deutschen gelehrten* dargelegt worden. Schon das mag man als ent- 
scheidend betrachten, dass eine anzahl der hieher gehörigen namen 
bei den Deutschen in allgemeinem gebrauch waren oder noch sind, ohne 
es zugleich im norden zu sein ; so besonders : Welisung , Nibelung (Nebe- 
long), Sintarfizilo, Sibicho, Heimo, Dankrat, Hilperich, Schade, Brede; 
femer Wieland (Weland); denn auch die allen deutschen und nordischen 
Völkern bekante Wielandssage ist linguistischen Zeugnissen zufolge deut- 
schen Ursprunges. Das nordische Völundr ist derselbe name wie Wie- 
land, entspricht aber demselben dennoch nicht lautgerecht; wäre der 
name seit urgermanischen zeiten im norden überliefert , könnte ihm kein 
deutsches Wieland, sondern nur ein Waland gegenüberstehen; entlehnte 
Wörter und namen werden leicht entstellt; eine entlehnung aus dem nor- 
den nach Deutschland körnt auch nicht einmal in frage. Das Verhältnis 
bestätigt sich femer im namen Hlödvör der Völundarkvida (und der 
zweiten Gudrünarkvida) ; dies ist offenbar eins mit dem deutschen H16d- 
wic, Hluodwic, Ludwig; aber dem H16d- würde in ursprünglich gemein- 
samen formen ein nordisches Hlöd-,^ nicht ein Hlöd- entsprechen; letz- 
teres stellt sich als entstellende reproducierung fremder ausspräche her- 

1) Godpjod im Helr. Br. und Gudrhv. (Gotnar, Gotar für sich könte auch 
nur menschen bedeuten). 

2) J. Grimm, MüUenhoff, Baszmann. 

3) cf. Hlodyn. 



ÜBBR DIB EDDALIEDER 17 

aus. Unter den namen der Welisunge sieht SinQötli dem SintarfizUo 
gegenüber wie eine verstümmelte form aus; mid das Verhältnis zwischen 
Sigurdr (dänisch Siward) und dem Sigfrid der deutschen quellen ist noch 
weit entscheidender. Der dem Sigurdr (aus Sigvardr) entsprechende deut- 
sche name ist Sigwart; dennoch nennen die Deutschen den sagenhelden 
Sigfrid; dies war ein im norden ungebräuchlicher name, und wurde des- 
halb mit einem andern nicht unähnlichen vertauscht Unter den Nibe- 
longennamen trägt Outtormr (Guthormr) eine befremdende form; es ist 
vom nordischen Gudormr (Qormr) offenbar verschieden, und möchte 
blosse entstellung von Godomar sein. Übrigens ist der name Guttormr 
(so wie auch Hlödv^r), vielleicht eben durch einfluss der eingeführten 
sagen, in Norwegen in gebrauch gewesen. Aus dem letzten teil des 
Sagenkreises hat man die drei namen Jönakr, Erpr und Hamdir als ver- 
dächtig angeführt. Jönakr scheint auch mir durchaus unnordisch. Erpr 
kann man, obschon es natürlich eine nordische form sein könte^ wenig- 
stens gegenüber den constanten formen jarpr , jarpi , Jarpi , Jarpulfr, irpa, 
als verdächtig bezeichnen. Hamdir würde als aus dem deutschen Hami- 
deo entstellt gelten können , falls Bugge es nicht mit recht in eine ältere 
form Haml)ör zurückcorrigiert , welche correct nordisch sein würde. — 
Unter den völkemamen ist God - pjöd * offenbare misdeutung eines deut- 
schen gotdiet (gutl)iuda). 

Es stellt sich die frage, w_ie_ früh die sage nach dem nor- 
den gelangte. Schwerlicli wird sich dies je mit bestimtheit entschei- 
den lassen. 

Falls wir nur die geschieh te Sigurds, Gunuars und Atles übrig 
hätten, würden wir wol behaupten, die sage sei wahrscheinlich aus 
einem schon längst christlichen lande hergekommen, indem nicht eigent- 
lich die heidnischen götter, sondern fast nur das tragische Schicksal wal- 
tet. Der frühere teil der sage aber, der in den deutschen quellen feh- 
lende teil, ist mit den germanischen göttem um so vertrauter, könte 
also in dieser gestalt nur aus einem lande hergebracht sein , wo es jeden- 
falls noch nicht zur gründlichen tilgung der Vorstellungen von den göt- 
tem gekommen war. Aber andrerseits erhebt sich die kaum zu beant- 
wortende frage, wie viel von der einmischung der götter auf die rech- 
nong nordischer bearbeitung komme, ob z. b. die Wanderung der drei göt- 
ter, Odin, Hone, Loke * eine zutat sei. Das blosse auftreten eines „ein- 



1) Hehr. Br. and Gadrhv.: volk der Goten; sollte Got-[>j6d heissen. 

2) Prosaeinleitong zur zweiten Sigurdarkvida. — W. Grimm (Heldensage b. S85) 
sagt: „die g5tter sind eingeschoben." 

SBITtOHm. 7. DBUTflCHS PHU.OLOOIR. BD. III. 2 



18 B. JBsäBN 

äi^gen alten'* hätte sich wol leieMer dem befestigten Christentum zu 
trotz erhalten können. 

Eben so wenig hilft vors hier die vergleichung der beiden hanpt- 
formen der sage, indem nir nicht wissen, wie früh die den deutschen 
quellen eigentümlichen ändemngen der namen mid ereignisse eintraten, 
da über diese punkte eben die ftltem deutschen quellen niehts enthalten. 
Natürlich kam die sage nach dem norden , beyor Hagen (statt des Godo- 
mar) die tötung Sigfrids, und bevor Sigfrids wittwe {statt des Atle) äen 
yerrat an den Nibelungen übernahm; aber wir wissen eben nidit, wie 
früh es die Deutschen so erzählten. Und falls die kläiider in der Yer* 
wendmig der namen Gudrun und Grimhild das ursprünglichere bewahrt 
habeifi, hat die sage ihre wandenmg nach dem norden begonnen, ehe 
Sigfrids weib den namen Grimhild erhielt; wie früh sie aber bei den 
Deutschen so hiess, ist uns eben unbekant.^ 

Die angelsächsischen qiiellen, so dürftig sie sind, schliessMi sich 
doch deutlich genug zunächst an die hochdeutschen an. Zweifelhaft bleibt 
jedoch diese Übereinstimmung in den Zeilen im Beowulf, wo die Wel- 
sunge erwähnt werden.^ Nach der natürlichsten erklärung der werte 
wäre hier eine nicht -Übereinstimmung, welche eine obschon nur relative 
Zeitbestimmung implicieren würde. Es wird nämlich (natürlich gemäss 
der damaligen englischen form der sage) erzähtt, wie ein sänger den 
hofleuten vorträgt: „Was er gehört hatte von Sigemunds taten, von 
den weiten fahrten und missetaten Wälsings, worüber man genaueres 
nicht erfahren, ausser nur Fitela mit ihm; diese unterhielten sich bis- 
weilen darüber, der oheim und sein neffe, wie sie bei allerhand unAig 
kameraden gewesen, und manche der „Eoten*' [was Juten, aber auch 
riesen bedeuten könte] erschlagen hatten. Dem Sigemund entsprang 
grosser rühm nach dem tode, indem der kampfderbe den wurm, des 
hortes hüter, tötete. Er, der edelingssohn, wagte allein, unter dem 
grauen felsen, die kühne tat; nicht war Fitela mit ihm; doch gelang es 
ihm den wurm zu durchbohren, dass das schwort im walle stand, und 
der drache starb. Der Wüterich hatte es durch kühnheit erreicht, dass 



1) übrigens wäre es ja möglich, dass diese frau einst beide namen, €hidrtm 
und Grimhild, führte (wie ja Blryiibild anch als Sigrdrifa auftritt), nnd dass die 
Deutschen den erstem fallen Hessen , die Norweger den letztem auf die mntter über- 
tragen. 

2) V. 1753 — 1806 in Thorpes ausgäbe (bei Grein v. 875— 900). V. 1806 ff. 
(901 ff) reden offenbar nicht mehr von Sigmunds Irrfahrten, sondem von denjenigen 
eines Heremod, die als wo radglkh noek merkwüidiger beaeiobnet werden. So ver- 
steht CS auch Grein; und ebenfalls W. Grimm, mäevtk er (Heklensage s. 15) mit 
V. 1805 abbricht. 



ÜBER DIB BDDALIBDER 19 

er den schätz frei gebrauchen konte. Er, der sprösslmg Wälses,^ 
lud die blinkenden kleinode auf das schiff. Er war bei weitem der 
berfihmteste landflüchtige wanderer.'* Hier ist also Wal sing correcter 
weise so viel als söhn Wälses und eins mit Sigemuud, was natür- 
lich ursprünglicher ist als der norronen erzählung „Sigmundr Völsungs- 
BOiir.^ Hierüber ist kein zweifei möglich. Sonst aber hat man die ganze 
stelle auf zweierlei art aufgefasst. Entweder sind der ,, Walsing'' und 
der „kampfderbe sprössliug Wälses'^ zwei personen (Sigmund und Sig- 
frid), so dass der sinn wäre: „dem Sigmund entsprang nach seinem tode 
mbm durdi die tat seines sohnes , welcher , und zwar sogar allein , ohne 
beihilfe eines Fitela, den drachen zu töten vermochte ;^^ nach welcher 
eridärong hier kein wesentlicher unterschied von den andern Überliefe- 
rungen der sage wäre. ^ Oder auch ist „Wälsing" und „sprössling Wäl- 
ses ^^ eins und dasselbe, beides bezeichnung des Sigmund, der sonst den 
Fitela bei sich hatte , jedoch demnach nicht bei der totung des drachen ; 
und dann fehlt also Sigfrid in der geschlechtsreihe , ist also noch gar 
nieht erfunden (indem wir hier jedenfalls ein älteres Stadium der sage, 
nicht ein jüngeres, vor uns haben). Und femer würde folgen, dass der 
norröne stamm die sage aus Deutschland her erhielt, erst nachdem man 
in Deutschland den söhn Wälses in zwei beiden zerteilt hatte, indem 
man nach Sigmund einen Sigfrid einschob, dem man die tötung des 
drachen zuteilte. Die Sprechweise des letzten angelsächsischen bearbei- 
ters der Beowulfsage ist nicht eben immer sehr präcis. So auch nicht 
hier. Und obgleich die letztere erklärung wol den werten gemäss die 
natürlichere wäre, dürfte man doch vielleicht nicht zu fest auf dieselbe 
bauen. 

Wir können wol annehmen, dass die norwegische geschiclite schon 
mit Harald Schönhaai-, in der letzten hälfte des 9. Jahrhunderts , anfangt, 
wenigstens in manchen dingen, einigermassen zuverlässig zu sein, woge- 
gen f&r die zeit vor ihm norwegische geschiebte auch nicht einmal exi- 
stiert Unter den namen der söhne dieses königs nun finden wir (bei 
Snorre) Ghittormr^ und Sigfrödr. Inwiefern man diese namen (correcte 
Überlieferung derselben vorausgesetzt) als iudicien deutschen einflusses, 
uid wol eben als indicien des Vorhandenseins der deutschen heldensage 
in Norwegen im 9. Jahrhundert, anerkennen will, liängt davon ab, wie 
viel gewicht man auf die oben besproclienen Verhältnisse legt, welche 

1) WtBlses eafora. Dies wort eafora wird in den Wörterbüchern durch prolcfi, 
fiUus übersetzt. 

2) Nieht eben wesentlich ist es, dass es hier nicht (wie in der WölsungaMoga) 
die GbMiteD, sondern wahrscheinlich die Juten sind, gegen die Sigmund kämpft. 

3) So soll übrigens auch schon ein oheim Haralds geheissen haben. 

2* 



20 12. JEBStiK 

es unwahrscheinlich machen könten, dass diese namen einheimische nor- 
dische wären. Das gewicht dieser Verhältnisse aber zugegeben, müste 
man femer zugeben, dass der so ungewöhnliche name Sigfrödr ein indi- 
cium abgeben müste , dass die sage damals nicht schon lange in Norwe- 
gen bekant war, indem er andeuten würde ^ dass man dem sagenhelden, 
nach welchem Harald diesen söhn benant hätte, noch den fremden 
namen (Sigfrid) belassen hatte , und erst nach Haralds zeit mit dem nor- 
rönen namen Sigurd vertauschte, ein Umtausch, der ja offenbar um so 
schwieriger ausfahrbar geworden wäre , je längere zeit die sage mit samt 
dem fremden namen gehabt hätte, einzuwurzeln und über ganz Norwe- 
gen sich zu verbreiten. 

Es würde nun ferner mit diesen indicien übereinstimmen, w^n 
man aus dem 9. Jahrhundert (und dem anfonge des 10. ^) norwegische 
Skaldengedichte hätte, welche hindeutungen auf die sage enthielten. 
Nun finden wir freilich in der Skalda, in der Heimskringla und hin und 
wider in andern sagas, einige gedichte oder bruchstflcke von gedichten, 
die den „Skalden Haralds Schönhaar'' zugeschrieben werden, so beson- 
ders dem Thjodolfr hinn hvinverski, der das Ynglingatal sogar noch 
vor der regierung Haralds, also schon um die mitte des Jahrhun- 
derts, sollte verfasst haben. In diesem Ynglingatal* werden Winge* 
und Jonakrs söhne genant. Solche Zeugnisse müssen aber meines 
erachtens wegfallen^ indem überhaupt an die authentie der gedichte 
„der Skalden Harald Schönhaars'' nicht zu glauben ist, und speciel 
das Ynglingatal sicherlich nicht aus dem 9. Jahrhundert herstam- 
men könte, sondern erst aus einer zeit^ wo die geschichtlichen Ver- 
hältnisse des 9. Jahrhunderts in der norrönen sage, unter dem ein- 
fluss späterer politischer Verhältnisse, eine gründliche Umgestaltung erfah- 
ren hatten; aus einer zeit, wo man die wol frühestens im 10. Jahrhun- 
dert eingeführten dänischen königssagen in norwegischem Interesse corri- 
gierte. Der berühmte dänische könig Qudfred (Godofridus) (in norröner 
form Gudrödr), welcher während der Streitigkeiten Dänemarks mit Carl 
dem Grossen im jähre 810 durch verrat eines dienstmannes getötet wurde, 
ist im Ynglingatal in die reihe der norwegischen Fylkeskönige aus dem 
Ynglinggeschlechte eingefügt; weshalb die Ynglingasaga auch nicht die 
mindeste ahnung davon hat, dass er könig von Dänemark war.^ Dass 

1) Harald starb nämlich erst um 930, in sehr hohem alter. 

2) In Snorres Ynglingasaga cap. 26 und 39. 

3) Der Yingi des Atlamäl. 

4) Ynglingasaga cap. 53. — Um deren glaubwQrdigkeit zu erretten , hat man 
eine, besonders durch Munch ausgebildete, theorie erfunden, dass diese Ynglinge 
Südschleswig erobert hätten, und von da aus das kaiserreich bekriegten, indem man 



ÜBER DIE EDDALIEDEIt 21 

eine solche gänzliche umwandlang und Verschiebung des geschichtlichen 
sdion binnen 40 jähren nach seinem tode, als noch viele seiner Zeit- 
genossen lebten, zu stände gekommen sein sollte, ist natürlich eine 
Unmöglichkeit. — Noch weniger respect würden dann vorgebliche noch 
frühere vorharaldinische Skaldenstücke verdienen. In den bruchstücken 
einer Bagnars dräpa lodbrökar ^ (in der Skalda), welche unter dem namen 
„Br^Lge Skald des Alten" passieren, werden die Wölsunge, Jörmunrek 
und Jonakrs söhne erwähnt Es scheint mir sehr naiv , diesen „ ältesten 
namhaften Skalden Norwegens " des dagewesenseins auch nur für verdächtig 
zu halten. Schon sein göttlicher naroe , der name eben des Skaldengottes, 
sollte ihn solches verdachtes überheben,* obschon, „der wolunterrichteten 
Egilssaga'^ zufolge, der tod ihn noch bis ums jähr 830 sollte verschont 
haben. Er soll sich in den dienst „Ragnars Lodbrok" begeben haben. 
Aber damit ist schon ein blosser sagenkönig, ein typus der Wikingszeit, 
bezeichnet, welcher wol erst im verlauf des 10. Jahrhunderts aus dem- 
jenigen Regner (in deutschen quellen Reginfridus) , nebenkönig eines 
Harald (Harioldus), hat emporwachsen können, welcher dem zuverlässi- 
gen berichte Einhards zufolge, im jähre 814, nach zweijähriger unmerk- 
würdiger regierung, in einem bürgerkriege umkam. Erst nachdem die 
dänische sage ihn zu etwas übergrossem erhoben und ihm den beinamen 
Lodbrok (vielleicht einer andern uralten sage entlehnt) zugeteilt hatte, 
erhielt er mit der nach Norwegen wandernden sage bedeutung für die 
Norweger ; und dann mögen sie ihm wol sogar die norröne Skaldenkunst 
in diesem „Brage Skald dem Alten" zugesellt haben, wie es denn viel- 
leicht auch nicht ganz zwecklos war, den beherscher der halben weit 
und sein ganzes geschlecht hie und da zu gunsten der norrönen Interes- 
sen zu bearbeiten. (Aus den bruchstücken dieser kaum sehr alten dräpa 
ersieht man übrigens nicht, ob mit dem daselbst genanten Ragnarr der 
sagenkönig Ragnarr lodbrök gemeint ist, was wir aber immerhin auf das 
wort des Verfassers der Skalda glauben können.) 

Die sonderbare naivetät, womit nordische gelehrte diese Zeugnisse 
behandeln, zei^ sich am grellsten in bezug auf „das alte Bjarhamai 9^*^ 

voraussetzt, Dänemark sei in mehrere königreiche zerfallen gewesen. Aber die ein- 
stunmige anffassnng Einhards , Rimberts, Adams, Saxos, Snorres usw. beweist, dass 
Dänemark damals nur ein reich bildete, das natürlich nicht norwegischen gauköni- 
gen Untertan war, sondern umgekehrt oft norwegische küstenstriche beherschte, 
wodurch erbansprnche entstandea» welche, so wol als die noch spätem dänischen 
ansprüche auf ganz Norwegen, die Norweger durch genealogische fictioncn beseitigen 
wollten. 

1) jyer hatm orti um Bagnar loäbrok'* (Snor. Edda 1 , 370. 436). 

2) Die existenz zugegeben, wäre damit nicht die authentie gegeben. Man 
konte üun eben wie dem Bagnar, dem Bjarke, dem Starkad lieder andichten. 



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22 E. JESSEN 

welches man als uraltes, und zwar dämsches, zeugnis für die Nibelon- 
gensage citiert Die beiden in der Heimskringla ^ mitgeteilten Strophen, 
zur Rolfssage gehörend^ mögen immerhin einem ächten heldenlied, sogar 
einem aus Dänemark eingeführten, entlehnt sein; natürlich in solcher 
gestalt, wie sie die lieder von den dänischen königen in der Wikingszeit 
erhielten; dass die Bolfssage einst eine ganz andere gestaltung g^abt 
hatte, ersieht man, wie oben erwähnt, aus dem Beowulf. Diese beiden 
Strophen nun enthalten nichts von den Nibelungen. In der Skalda dage* 
gen finden wir als benennungen des goldes: „des Rheines roterz,^^ „der 
Nibelunge streitursache ," „Granes ladung,'' „Pafnes erde," in drei 
andern Strophen, welche als zum Bjarkamäl gehörend citiert werden. 
Diesen strophen aber sieht man es auf den ersten blick an, dass sie gar 
nicht demselben gedichte wie jene zwei ^ entnonmien sind. Sie haben 
ein anderes und jüngeres metrum. Sie haben offenbar nie einem ächten 
heldenliede zugehört. Sie sind ein blosses Verzeichnis von kenningar 
(Umschreibungen) des goldes; ein Verzeichnis, dem man mit einer den 
Isländern sehr geläufigen freiheit den alten namen Bjo/rkamdl zugeteilt 
hat, indem man es, durch solche kenningar veranlasst, unter den ver- 
schiedenen sagen auch auf die Rolfssage speciel beziehen konte. 

Bündige Zeugnisse für das dasein der deutschen heldensage bei dem 
norrönen stamme im 9. Jahrhundert wären also schwerlich aufzutreiben. 
Die besten wären noch inmier jene beiden namen Sigfrödr und Guttormr ; 
und besonders über den letztem Hesse sich immer noch streiten ; einer von 
beiden ohne den andern hätte hier wenig gewicht ; und dann müssen wir 
noch correcte Überlieferung voraussetzen. Aus dem 10. Jahrhundert, so 
wie auch aus dem 11. haben wir einige Zeugnisse aus Skaldengedichten,' 
deren authentie, wenigstens zum teil, geringerem zweifei unterworfen wäre. 
Wir können indess immerhin zugeben, dass es doch wahrscheinlich ist, 
dass die sage nicht erst so spät (nicht ei^t nach Harald Schönhaars zeit) 
zum norrönen stamm gelangte. 

Über den weg, den die sage wanderte, wissen wir nichts. Es ist 
nicht eben ausgemacht, dass sie über Dänemark nach Norwegen kam. 
Sie könte aucli direct aus Deutschland oder England hergebracht wor- 
den sein. Dass die aus der isländischen littoratur bekante form der 
sage auch in Dänemark gegolten habe , lässt sich nicht dartun , im gegen- 
satz teilweise widerlegen, indem gar nicht zu bezweifeln ist, dass 1) die 
anknüpfung der sage von Helge dem Hundingstöter, 2) die speciellere 



1) Saga Olafs helga cap. 220. 

2) AUe fünf sind in den Fornaldarsögur I s. 110 f. zusammengestellt. 

3) Das Eiriksmal; SgiR Skdllagrimssonr ; Haüfireär vandraäaakaid usw. 



ÜBKR DU BI^DAZJBDBB 23 

T^knöpfiing der NibduBgensage und der Jörmuorekssage durch die dritte 
iidnt Gadrons, 3) die anknupfang der Bagnar Lodbrokssage (welche 
letitera ankm^fong jedoch in keinem bewahrten Eddaliede Torkömt) , das 
«erfc der norrönea bearbeitong ist Saxo hat die Helge - Houdingstöter- 
sago and die Janneiikssage , ohne irgend etwas von der Nibelongensage 
SB haben. Sr stimt also insofern mit der deutschen sage, und zwar 
im bewahren des altem , überein , als er von der spedelleren aiUuiupftu;^ 
der Ermenrichssage nichts weiss, und die fernere dennoch durchblicken 
liast, inden der name Bodle (anfangs in der erzahlung) auf gleichzei- 
ti^fceit Janneriks and des (bei Saxo fehlenden) AUe zuröckdentei^ Dass 
Saxo den hexennamen Gudrun hat , bleibt ein neutrales verhältus , indem 
mam diesen namen sowol für anlass der norrdnen formationi als für 
nachwiitamg derselben gelten lassen kann. 

Sa fragt sich deomach zunächst nur, ob man einst in Dänemark 
insofern mit der norrönen form übereinstimte , dass man 1) Gnttorm* 
den Siward töten liess« 2) Atle die NibeUmge vernichten liess, 3) Siwards 
weib Godran und nicht Grimhild nante (wenn übrigens wirklich Grim* 
hfld erst q^ät^re entstellui^ ist). Die bekante stelle beim Saxo von 
dem deatachen sftnger, .der in Dänenuurk den Enud Laward dadurch 
warnte, dass er „die allbekante treulosigkeit Grimhilds gegen ihre brn- 
4er ^^ vortn^, enthält einen beleg, dass den Dänen im 12. Jahrhun- 
dert die nidit- isländische darsteUung dieser Verhältnisse „allbekant** 
war. AUe betreffenden „ Ka^npeviser ^^ schliessen sich femer der nicht- 
isländischen formation an, nur eine wol ausgenonmien, die no. 4 in der 
Sv. Gmndtvigschen ausgäbe, welche einen verrat besingt, der demjeni- 
gen Atles an den Nibelungen ähnlich sieht, jedoch mit ganz andern 
nmoien, was ich so erklären möchte, dass dies eine norröne Eiempevise 
wäre , in welcher man eben deshalb die namen alle änderte , weil sie der 
den Dänen bekanten erzählnng zuwideriiefen.' Es fehlt denmach durch- 

1) Saxo erwähnt aach die tötong der neffen Jarmenks (der Harlonge), woyon 
die norröne form schweigt 

2) Der narae Gnttonii körnt ein par mal hei Saxo Tor, and mäste ja, falls er 
ein fremder ist, ans Dentichiand oder ans Norwegen her in gebranch glommen sein. 
Ist er aas der Näehmgensage her in anfiaalune gekommen, so wäre damit noch nicht 
erwiesen, dass man in derselben Gottorm als den mörder Sigfrids kante. Die 
Dietrichsaaga bat ja den Gnttonn, aber nicht als den mörder. 

3) Sv. Gnrndtrig (in seiner ausgäbe der „Folkeriser'*) Tersncht anch no. 2 
und no. 3 der „nordischen sage" za iindideren. Bei no. 2 bemft er sieb auf das 
daaelbwt erwähnte pferd Siwards; dasselbe körnt aber aoch in der Dietrichsaaga for, 
und bewiese ja dennoch nichts, weil das blosse fehlen eines details in den späten 
dtfutMhea foelka iv die ättem Terlonen nichts beweist Die no. 3 soll »yaordisch" 



24 K. JESSEN 

aas an beweisen, dass die norröne formation (in diesen drei oder zwei 
punkten) jemals zugleich die dänische (und schwedische) war. Dass 
wenigstens die Helgelieder und die Jörmunrekslieder der Edda eine nur 
norröne formation enthalten, dürfen wir jedenfalls als ausgemacht betrach- 
ten. Wie es aber nun auch inmier um die redactionsform der sage in 
Dänemark mag ausgesehen haben, ist und bleibt der ganze Sagenkreis 
ein deutscher und kein nordischer. 

Ob auch die eddische göttersage^ neben den urgermanischen, 
deutsche elemente enthält, wird sich vielleicht nie mit völliger gewis- 
heit entscheiden lassen. 

Dass die Vorstellungen von dem untergange der weit bei den Deut- 
schon wesentlich ganz dieselben waren wie bei dem norrönen stamme, 
ersieht man besonders aus dem „Muspill," worüber ich mich hier nicht 
zu verbreiten brauche. Falls die hieher gehörigen Vorstellungen dem 
christentume entstammen, wären sie auch aller Wahrscheinlichkeit nach 
von Süden nach norden gewandert (etwa um die zeit der Völkerwande- 
rung). Ich weiss, dass die annähme christlichen Ursprunges bei den 
altertumsforschern nicht in gunst steht, kann mich aber nicht erwehren, 
dem verdachte nachzuhängen. Die Übereinstimmung der norrönen lehre 
und der durch das alte gedieht Muspill sichtbaren deutschen teils mit 
einer der letzten reden Jesu,^ teils mit einem abschnitte in der Offen- 
barung Johannis^ scheint mir zu gross, um nur zufällig zu sein, 

sein, weil Siward im saale getötet wird, und weil die königinnen sich am flusse 
zanken; aber solches bleibt bei der armut an norddeutschen quellen ohne gewicht. 
In dem ersteren punkte schwanken ja auch die Eddalieder. Weit entscheidender ist 
es, dass in diesem liede (no. 3) die eine heldin Signild heisst (aus Grimhild, nicht 
ans Gudrun entstellt), dass Hagen den Siward tötet, und dass die andere heldin, 
also freilich eben die Br^Tihild (durch ein zusammenziehen und verschieben der züge 
der „unnordischen" sagenform) mitten durchgehauen wird. — Übrigens ist bei den 
„K»mpeviser" norröner einfluss immer möglich. 

1) Mt. 24. Mr. 13. Lc. 21. — Brüder werden sich befeinden, Völker sich bekrie- 
gen .... ein grosser angriff auf Jerusalem .... Die sonne verfinstert sich , die sterne 

fallen Messias in seiner kraft steigt als richter herab . . . usw. (Vgl. in der 

Völuspd : hr<rdr munu herjask .... sol mun sortna . . hveifa af himni heiäar stjör- 
nur usw.). 

2) 19,19 — 21. — „Das tier** wird ergriffen und in den feuersee geworfen (vgl. 
Fenrir), „ Die schlänge " (satan) wird ergriffen und auf tausend jähre in den abgrund 
geworfen (vgl. Midgaräsormr), Nach den tausend jähren bricht sie los, mit „Gog 
und Magog'* (vgl. die riesengeschlechter) , gegen „die heilige stadt" (vgl. Äsgarär), 
Ober „die ebene der erde*' (vgl. die ebene Vigriär) vorrückend. Es fallt feuer vom 
hlmmel and verzehrt sie (vgl. das feuer Suria). Himmel nnd erde vergehen (vgl. bei 



ÜBER DIE EDDALIEDER 25 

obschon ich mir andrerseits nicht verhehlen kann, dass es wol einige 
Schwierigkeit hat, sich vorzustellen, wie das gedieht eines mit christ- 
lichen Vorstellungen vertrauten, und dennoch heidnischen Sängers sich 
als Volksglaube ubei' ganz Deutschland und den norden hätte verbreiten 
können. Man müste solches denn eben der gigantischen kraft seines dich- 
tergenies zuschreiben. 

n. 

DIE LIEDER NORRÖN. 

Obschon die heroischen sagen der „Sämunds-Edda" deutsche 
sagen sind, versteht es sich von selbst, dass die lieder, die heroischen 
so wol als die mythischen, nordische lieder sind, ebenso wie derBeo- 
wulf ein englisches gedieht ist, obschon die sagen, von denen es handelt, 
^nicht englische sagen sind. Es fragt sich nun, inwiefern man (in Ver- 
bindung mit einer bestimmung des alters) noch specieller bestimmen 
kann^ ob diese lieder, wie man es der auf Zeichnung auf Island zufolge 
erwarten müste, norröne (norwegische und isländische) lieder sind, und, 
dies zugegeben, ferner dann auch, ob man irgendwie norwegische 
and isländische bearbeitung unterscheiden könte. Es wäre natür- 
lich viele mühe gespart, falls, wie beim Beowulf, die spräche der lie- 
der sogleich den ausschlag gäbe. 

Die sprachliclien rerhSltnisse haben wir demnach zuerst in 
erwägung zu ziehen. 

Noch im 9. und 10. Jahrhundert war oflFenbar der sprachliche unter- 
schied zwischen den stammen des nordens so unerheblich, dass man 
nicht, wie jetzt, von verschiedenen nordischen sprachen, sondern nur 
von dialecten hätte reden können. Kaum irgend ein grammatischer 
unterschied würde in den liedem durch die isländische aufzeichnung her- 
vorblicken, als nur etwa ein solcher, der die alliteration (also den con- 
sonantischen anlaut) afßcierte , indem jeder andere , ohne beeinträchtigung 
des metrums, wol einfach durch mechanische einsetzung der isländischen 
Wertformen würde verwischt worden sein. Die bezüglichen alliterations- 

Snorre : brendr er himifM ok järä). Das grosse gericht wird gehalten (vgl. in der 
Yölospä: pd kemr in riki at regindömi). Ein neuer himinel und eine neue erde 
erscheinen (vgl. ödru sinnt jörd or (rgi) , und ein neues Jerusalem aus gold und edel- 
steinen (vgl. Gimli), — Dass auch der norröncn vorntellung nach, Heiheim und 
Naströnd auch nach dem Ragnarök hewohner hahen musten, folgt teils aus dem 
regifidömif teils daraus, dass der grosse hrand nur die im Ginnungagap entstandene 
vergängliche weit verzehren konte , nicht aber Muspelheim und Nebelheim , also auch 
nicht die Wohnorte im letztem. 



26 B. JB8S8N 

reriiärltnisse berühren übrigens eben so wol, zum teil noch naehr, das 
alter als den heimort der gedichte. 

Im ganzen norden ist der urgennanische anlaut J^ weggefal- 
len, und ebenso der anlaut t (:w) vor o, Uj y, o, (s, U, ^,^ und 
zwar ganz bestirnt nicht erst im 9. Jahrhundert; wie viel früher aber, 
lässt sich nicht eigentlich feststellen. In den von Bugge gelefienen* 
inschriften (denen mit den altem runen) aus ,^dem altern und mittlem 
eisenalter** stehen solche anlaute noch, ganz bestimt das w (Wodurid 
usw.) , vielleicht das j (jah ?) , was also , falls wir hier ein älteres Sta- 
dium der jetzigen nordischen sprachen selbst hätten, einen entscheiden- 
den beweis abgeben würde, dass die Eddalieder in ihrer aufbewahrten 
gestalt samt und sonders erst aus einer weit späteren zeit stammen, 
indem sie samt und sonders diese anlaute nicht darbieten« und Wörter 
wie z. b. dr (ursprünglich jdr), tdfr, Öäinn (ursprünglich vidfr, Vöäinn) 
nur vocalisch alliterieren lassen. Ich vermag indessen nicht einzusehen, 
wie die von Bugge aus diesen inschrifken herausgelesene sprachform ein 
directes, obendrein so später zeit angehöriges mutterstadium sämtiicher 
nordischen sprachen, oder auch irgend einer derselben, sein könte, und 
kann andrerseits aus historischen gründen nicht an eine hinlänglich grosse 
und überwältigende nordische völkerwandemng erst im 8. Jahrhundert 
glauben, welche die jetzigen nordischen sprachen eingeführt hätte, sehe 
mich also gezwungen, in diesen inschriften die spräche eines, später 
absorbierten, eingedrungenen herscherstammes ^ zu erblicken, die Bich ein 
paar Jahrhunderte hindurch der spräche der grundbevölkerung zu trotz 
erhalten hätte, so dass diese inschiiften eine ähnliche Stellung einneh- 
men würden wie die nordischen in Orossbritannien. Ich für meinen teil 
sehe mich also genötigt , auf ein so bestimt abgränzendes chronologisches 
kennzeichen, wie das den inschriften zu entnehmende wäre, verzieht zu 
leisten. Da aber doch kaum jemand annehmen würde, dass die nordi- 
schen sprachen schon „im altem eisenalter** das tv verloren hätten, so 
würden die lieder sich doch jedenfalls selbst ausserhalb der gränzen so 
alter zeit stellen. — Es könten ein paar stellen in den liedern nach- 
wirknng des anlautes vo, vu zu enthalten scheinen, nämlich 

1) Was man in iBläDdisohen büchern, der neuern auwpiraehe genaäss, als j 
druckt ijörä z. b.), war vormals ein Tocal und alliterierte dorchans vocalisch. 

2) Nor in verbaler floxion kann angleichnng das t^ wider einsetzen , z. b. wima 
vamn tmntfin und anch vuwnmn, 

8) Es dttrfen meine werte nicht als eine gatbeissong sämtlicher deutnngen 
Bugges gelten, von welchen sehr viele überaas problematisch bleiben, was aber in 
der natnr der inschriften liegt 

4) Ma9 könte etwa an die Eroler denken? 



ÜBEB DIB BDDAUEDEB 87 

Lokas. 2 ^ mangi er per i crSi mnr 

10 risiu pd Vidarr 

6k Idi ulfs födtif 
Hirbardsl. 24 Odinn d jarUi 

pä er i val faUa 

was solchenfalls also so zu erklaren wäre, dass hie and da ein vers 
unverändert ans weit altem gedichten herübergewandert wäre, natürlich 
mit hintansetznng der für die uns vorliegenden lieder gültigen allitera- 
tionsregeln. Aber auch nicht einmal das lässt sich kraft dieser paar 
beispiele behaupten. Die beiden erstem lassen sich gar zu leicht ans 
blosser Unachtsamkeit eines Schreibers erklären: cfigi statt niangi,^ und 
ein upp (upp risiu Vidcurr) überheben diese zeüen des verdachtes eines 
dahinter steckenden vordi und vtdfs. Und was das beispiel aus dem 
Harbardslied betrifft , so ist dies gedieht sowol metrisch als in der allite- 
ration viel zu locker, um ganz abnorme sprachliche Verhältnisse (so wie 
ein Vodinn) erhärten zu können.^ 

Der anlaut rr hat sich in Schweden, Dänemark und einem gros- 
sen teüe des südlichen Norwegens (so in Buskemd, Thelemark, Robyg- 
delag,* meines wissens auch in der bis 1658 norwegischen provinz 
Bohuslen oder Yiken^) bis jetzt erhalten. Längs der ganzen Westküste 
Norw^ens, und ebenso auf Island (das eben aus diesem küstenlande 
bevölkert wurde) ist das v dieses anlauts gänzlich geschwunden ; ob schon 
im 9. Jahrhundert^ lässt sich kaum dartun; aber wol jedenfalls im 10.; 
jedoch konte die verändemng nicht auf einmal längs der ganzen Unge- 
heuern strecke am ocean eintreten. Da der schwund des v seit dem 
9. — 10. Jahrhundert nur hat zunehmen können, dürfen wir annehmen, 
dass damals überhaupt das „Settdenfjddske'* (d. h. das land im Südosten 
des höchsten gebirgsrückens), oder jedenfalls das ganze land zu beiden seiten 
des Skageraks , das vr wahrscheinlich noch unversehrt wird gehabt haben. 
Aber auch falls schon damals das gebiet des vr dieselbe begränzung 
hatte, wie heutiges tages, würde das vorkommen dieses anlautes ein 
gedieht nicht aus dem norrönen gebiete verweisen; auch nicht dann, 

1) Die citate in meiner ablumdlnng passen, wo anderes nicht bemerkt wird, 
zu den in Dentscbland verbreitetsten ausgaben, denen von Lüning und Möbiiu. 

2) In Lokas. 2 könte man wol ancb ein beispiel der freibeit erblicken , die drei 
Zeilen im IjodahdUr mit einander alliterieren zu lassen (wie in Lokas. 14, HaTam. 79), 
wobei die dritte nnr einen stab erhalt 

3) Übrigens findet man gelegentlieh die alliteration der beiden ersten aseilen 
der dreheeUigen halbstrophe (Ijödahaür) Tersaimt, z. b. 86larlj6d 76 (beide halb- 
rtropben), giade ein sehr correctes lied. 

4) Wo man vref, vrak, vrang, vrie, vri$l sagt. 

5) YgL ortauMBen wie Vraagebäck, Yra&gvatten. 



28 B. JESSEN 

wenn das gedieht erst dem 9., 10. oder 11. Jahrhundert angehören 
könte; es könte ja eben von einem Sänger herrühren, dessen dialect 
das V noch bewahrte. Aber auch dichter, in deren ausspräche es ver- 
schwunden war , werden es wol gelegentlich als willkürlichen archaismus 
verwendet haben. Einen beleg liefert das späte und christliche gedieht 
Solarljöä^ in diesen zeilen: 

26 (v)reiäiverk 

Pau er pü vunnit hefir. 

Ferner citiert die grammatische abhandlung des Ölafr Hvftaskald' als 

beispiel des vr eine zeile, die er dem Isländer Egill Skallagrfmssonr 

beilegt : 

vröngu varar Chmgnis 

und Olaf sagt hierüber: „jetzt heisst das in der dichtkunst: alter gebrauch 
des v^' (nü er pcU kaUat vindandin forna i skdldshap). Aus den vor- 
geblichen gedichten „Brage Skalds des Alten ^^ citiert die Skalda:^ 

vüdid vröngum ofra 
vdgs hyrsendir cegi. 

Den Brage dachte man sich nun freilich als zu einer zeit (anfangs 
des 9. Jahrhunderts) lebend, von der wir nicht wissen können, wie es 
um das vr stand. Mir aber, der ich die „Bragenlieder" für spätere 
und wol isländische produete halte, ^ ist das vr in vröngum natürlich ein 
willkürlicher archaismus. — In den Eddaliedern nufl , welche durch neu- 
bearbeitung älterer diehtung entstanden sind, könte das vr noch ausser- 
dem auf eine andere weise blosser archaismus sein , indem dieselben nicht 
selten zeilen und Strophen aus altern gedichten unverändert herüberneh- 
men, so dass ein vr hier für die altern lieder, viel mehr als für die 
Eddalieder selbst, belege abgeben könte, obschon man natürlich auch, 
und eben vorzüglich in gedichte dieser antiksten form, das vr mit 
absieht als passenden archaismus hineinbringen konte. In den Edda- 
liedern nun hat man 8 unzweifelhafte beispiele* des bewahrten vr auf- 
gefunden : 

1) Ist nicht zn den „ Eddaliedern *' zu rechnen, steht auch in keiner der bei- 
den handschriften. 

2) Snorra Edda, Am. Magn. ansg. 11. 182. 134. 

3) Snorra Edda 1 , 504. 

4) Ebenso wie z. b. das dem Ragnarr lo^brok angedichtete Kraknnial , welches 
ans christlicher zeit herrührt (Tgl. odda mesau in str. 11). 

5) In diesen gedichten können natürlich weder für noch gegen das vr solche 
Zeilen als beweise gelten , welche (wie in prymskv. 1. Lokas. 18. 27. Atlakv. 13. 
Rigsm. 1. Sigrdr. 37) auch, sei es ohne oder mit dem tr, den nötigen stab schon 
haben. Ein nebenstab ist ja der regel eben so gut gemSss^, wie es zwei sind. 



ÜBSB DIB BDDALIEDBB 29 



Hävam. 31 


en at viäi (v)rehash 


VafJ)ruan. 53 


p€S8 mun Viäarr (v)reka 


Lokas. 15 


vega pü gaJck 




ef pH (v)rei(tr ser 


Fäfnism. 7 


saei maär pik (v)reiäan vega 


17 


hvars skolu (v)reiäir vega 


30 


hvars skolu (v)reiäir vega 


Sigrdrff. 27 


hvars skdu (vjreiäir vega 


Atlakv. 2 


vin i ValhoUu 




(vjreiäi sdsk peir Hüna 



also nur für die beiden Wörter reka und reiär (nebst reiäi)^ und so dass 
fOnf dieser acht beispiele die uralte alliterierende fonnel (vjreiär vega 
enthalten, drei derselben sogar buchstäblich gleich lauten. Andrerseits 
finden sich mehr als doppelt so viele beispiele des vor r abgeworfenen v: 
Das sieht zusammen so sonderbar aus , dass ich darin nicht einmal direct 
kennzeichen einer Übergangsperiode oder der Verschiedenheit norwegischer 
dialecte erblicken möchte, sondern vielmehr in den föllen mit vr nur 
willkürliche archaismen, indem ich mir die sache so denke, dass ein 
paar stehende, von altersher alliterierende formein mit (v)reiär und 
(v)reka, die man nicht als solche aufgeben mochte, das bewustsein der 
altem ausspräche bei diesen beiden Wörtern erhielten, und ferner zu 
willkürlich archaisierendem gebrauch der beiden Wörter auch ausserhalb 
der formein anlass gaben, während solches bei andern Wörtern aus der 
Ursache unterblieb, weil man sich bei denselben der altern ausspräche 
nicht mehr erinnerte. Doch läugne ich nicht (z. b. bei Vaf[)rüiln. 53) 
die möglichkeit unveränderter herübernahme einer zeile aus einem altern 
gedieht. — Beispiele nun des r statt des ursprünglichen vr sind fol- 
gende aufgefunden: 

Hävam. 5 vits er pörf 

peim er viäa ratar^ 
17 sd einn veit 

er vida ratar 
106 Rata^ ntunn letunik 

rums um fä 

• 

1) Hier, und 17, and Alvism. 6 wfirde die 2. zeile einen stab zu viel haben, 
wenn man die nrsprüngUche ausspräche vraia gelten Hesse, viäa vrata ist eine 
ursprünglich aUiterierende formel; dass sie dennoch jedesmal in zweiter seile steht, 
beweist ausdrücklich, dass das v geschwunden war. 

2) B<Nrer, eigentlich schnirkler, aus derselben wurzel wie rata; cf. das dani- 
sche vraade et hjui (die nahe durchbohren). 



de 



S. JXBBSH 



Lokas. 55 



Grimnism. 32 

Alyfsm. 6 

Helgakv. Hjörv. 6 

20 
21 



Gripissp. 26 



bemn ractr rö 
peim er rcegir her 
Ratatoskr^ heUir tkami 
er renna slcal 
Vmgporr eh heiti 
ekhefivida ratat 
rikr rog-apoHdr 
ne Böäfds vöUum 
pött pu hefir reina^ rödd 
reini nmn ek per pihkja 
efpü reyna hndtt 
Helgakv. Hnnd. II. 26 ai pü at rogi 

rikmenni vart 
vilkcU ek reidi 
riks pjöäkonungs 
ratar^ görliga 
rää Siguräar 
mun fyr reidi 
rik brüdr vid pik 
Bin skal rdda 
rog-nialmi skatna 
rimdum sleginn 
ok rog-pornum^ 
rünar nam cU rista 
rengdi pcer Vingi 
röskr^ tök at rtsda 
pöU kann reidr vceri 

also für die Wörter reidr (nebst reidi), rata (nebst Bau, Ratatoskr), 
rengja, reini, rög (nebst rcegja). Rücksichtlich des roßgja ist zu bemer- 
ken, dass es auch im Schwedischen röja heisst, welche form während 



36 



49 



Atlakv. 27 



29? 



AtlauL 



51 



1) Bata ist genitiv von Rati; toskr ist stosszahn (Bugges derivation aus rata 
ist falsch). 

2) Siehe hierüber die Doten in Bugges ausgäbe; {v)remi bedeutet hengst 

3) Kaum für hraiar, da in diesen licdem r statt hr fast nie vorkömt; Bugge 
in seiner ausgäbe s. 174 weiss nur ein beispiel anzuführen: ras statt hrcts: Hä?am. 
152. — Im 9 — 10. Jahrhundert stand das hr wol im ganzen norden fest, jeden- 
lalls in Nonregen, schwand aber nieht viel später, ausgenommen auf Island, wo es 
sieh bis jetzt ziemlich fest gehalten hat. 

4) Siehe hierüber Bugges ausgäbe s. 482. 

5) röskr hiess vielleicht ursprüBglioh vröskr (verschieden von nuHtr); da aber 
aar ein nebenstab nötig ist, kömien wir hier weder str. 51 nodi 56 aoeh 58 zum 
strengen beweise für den abfall des v gebrauoheii. (Ebenso verh&lt sieh Bigsm. 1). 



ObKR StB ■»DAUBDBS 81 

der omon mit Norwegen im 14. jahrfaundert könte eingefö]irt worden 
sein. Hfttte ab^ das Schwedische unabhängig vom Norwegischen das 
r dieses wertes eingebfisst, so entstände die frage, ob solches so früh 
geschehen wäre, dass es in den liedem nur ein chronologisches, nicht 
zugleich ein örtliches kennzeichen wäre. Dass ein roeffja jedenfalls nicht 
,,dem altem und mittlem eisenalter ^* angehört hat, versteht sich von 
selbst — - In einigen liedem (Hävamäl, Lokasenna, Atlakvida) findet 
sichv wie wir sehen, beides: vr, und r statt vr. In vielen fehlen bei- 
spiele sowol des einen als des andern.^ — Es versteht sich von selbst, 
dass r statt vr norrönes kennzeichen ist, und dass bewahrtes nr hier neu- 
tral bleibt , indem ja das südliche Norwegen das vr noch jetzt kent , und 
dieser anlaut auch in sehr alten westoorwegischen gedichteh stehen 
müste , und in jungem westnorwegischen oder isländischen als archais- 
mus stehen könte (welches letztere, wie ich schon gesagt habe, ich 
wenigstens für die mehrzahl der fälle als meine erklärung festhalte). 

Das Harbardslied abgerechnet, enthalten sämtliche lieder beider 
Codices den postpositiven artikel kaum über drei oder vier mal 
(wo er obendrein von schreibem könte hineingebracht worden sein). 
Anders im Harbardslied; es gebraucht oft den artikel ungefähr eben so 
frei, wie es isländische prosa tut, characterisiert sich also dadurch auf 
doppelte weise als ein spätes product, indem es erstens einer zeit ange- 
hört, wo in der täglichen rede der artikel wenigstens eben so häufig 
war, was den mnensteinen nach^ keine heidnische zeit wird gewesen 
sein; und zweitens einer zeit angehört, wo man darauf ver&llen konte, 
in einem liede den eigentlichen poetischen styl (dem der artikel wider- 
strebt) aufzugeben. Natürlich ist der artikel dlrect nur ein chronologi- 
sches kennzeichen. Aber je jünger ein lied ist, um so unwahrschein- 
licher wird es ein nicht -isländisches oder gar ein nicht- norrönes sein 
können. 

Ganz ebenso verhält es sich mit einem andem und nicht gramma- 
tischen kenzeichen später zeit, nämlich fremdwörtern, wie besonders 
drdbi (Völusp.), kaUcr (H^misk., Sigurdarkv. m, Atlakv.), kisia (Völdkv., 
Sigrdrf., Atlant). Es gibt lateinische eindringlinge, wie z. b. ketiU, 
s&SttMj vm, solche, die mit dem handel oder mit dem römischen heer- 
wesen in Verbindung standen, welche schon zur zeit der völkerwande- 

oder gar früher zu den Deutschen gelangt sein könten, und viel- 



1) Wie das denn auch nicht anders sein kontc , da es der wurzeln mit vr nicht 
viele gibt. 

2) Auch in den alten danischen und schwedischen gesetzen ist der artikel noch 
veihahnitnmisrig nnhiofig. — Im Harbardslied steht er 20 mal. 



32 B. JBSSEN 

leicht nicht Jahrhunderte nötig hatten^ um nach dem norden zn wandern. 
Aber dreki^ würde keinesfalls so alt eingebürgert sein, und kcdkr und 
kista, besonders das erstere, erregen verdacht, dass sie mit dem chri- 
stentom hereingekonmien seien. 

Lexicalisches , das über norrön und nicht norrön entscheiden könte, 
wird sich übrigens schwerlich auftreiben lassen. Der Wortschatz der 
Eddalieder muss natürlich als der norröne epische Sprachschatz gelten. 
Inwiefern er aber speciel dänische (oder schwedische) elemente enthalten 
könte, und inwiefern der dänische (und der schwedische) epische Sprach- 
schatz von dem norrönen verschieden war, wird sich aus der Ursache 
nie dartun lassen, weil wir keine so alte dänische (noch schwedische) 
dichtungen in einheimischer Überlieferung haben. 

Ergiebiger an entscheidungsmitteln als die sprachlichen Verhältnisse 
sind diejenigen, woraus wir ersehen können, welche landes - natur die 
Phantasie der Verfasser dieser und der dahinter liegenden altern lieder 
erfüllt hat. Einiges,, obgleich nicht vieles, Hesse sich wol auch aus 
noch andern in den gedichten hervortretenden lebensverhältnissen folgern. 

Norwegen und Island sind felsenländer, Dänemark ein nie- 
driges land. (Auch die uralten hauptwohnsitze der (bauten in West- 
und Ost-Qautlaud sowol als gröstenteils die der eigentlichen Svear um 
den Mälarsee sind nicht eigentliche gebirgsländer ; Westgautland ist 
eine grosse, ziemlich hoch liegende ebene, wol mit einigen „bergen,** 
aber keinesweges ein felsenland; Schweden ist uns indessen hier gleich- 
gültig, indem alles daraufhindeutet, dass schwedische dichtung, inclu- 
sive sogar westgautische königs- und heldensage, dem norrönen stamm, 
jedenfalls der norrönen litteratur, fremd blieb). Ebenfalls rücksichtlich 
der Vegetation ist der gegensatz zwischen Dänemark und Norwegen 
bedeutend (wogegen sich hierin der gröste teil Schwedens an Norwegen 
schliesst.) 

Das blosse erwähnen von bergen ist nun natürlich nicht genug, 
um hier irgend welchen ausschlag zu geben. Auch die Dänen mögen 
sich das Jötunland (riesenland) als ein gebirgsland gedacht haben, so 
dass derartige Vorstellungen nicht sofort hinreichen, um Dänemark die 
prymskviäa abzusprechen. Wenn die Helgakvida Hjörvardssonar von 
Norwegen als von einem gebirgslande redet, beweist auch das an und 
för sich nichts, da auch ein Däne so von Norwegen reden würde. Auch 
„ die felsen des Rheins " in der Völundarkvida und der Atlakvida werden 

1) Muss wie die andern ans romanischen ländem hergekommen sein, ohschon 
ursprünglich ein griechisches wort. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 33 

wol, SO wie die hunischen ebenen (Atlakv. 13), auf künde der wirklichen 
geographischen Verhältnisse beruhen. Wenn aber in den Helgenliedern 
Dänemark und andere Ostseeländer als ächte gebirgsländer auftreten, so 
ist das ein entscheidender beweis, dass diese lieder keine dänischen sein 
können ; die norröne phantasie liat sich hier der , übrigens den Norwegern 
wolbekanten, Wirklichkeit nich{ erinnert, und statt derselben norwegische 
natur eingesetzt, was natürlich kein Däne getan hätte. Und wenn über- 
haupt in den liedern die gebirgsnatur einen oflfenbar norrönen charac- 
ter hat, darf dies als entscheidender beweis norröner phantasie gelten. 
Der ausdruck der j^rymskvida: hjörg „hrotnudu" bedeutet hier schon 
etwas, wie auch in der Lokasenna das „fjöll" oll skjalfa, indem in bei- 
den fiillen nicht nur der berg, sondern speciel der felsen, der steinberg 
hervortritt; der norrönen phantasie waren felsenspalten und herabgestürzte 
felsblöcke etwas alltägliches. Die alltägliche Vertrautheit mit norröner 
gebirgsnatur blickt aller orten dmch. Mit dem erwähnten „zerbersten 
der berge" und „erbeben der felsen'* vergleichen wir femer grjöfbjärg 
Ifnaia (Völusp.) „die steinberge stürzen." Der zwerg wohnte auch dem 
Dänen im „berge" (hügel); in diesen liedern noch specieller im „steine": 
d ek undir steini stad (Alvism. 3), hinter der steinwand und der steinernen 
tür, aus der er herauskömt: stynja dvergar fyr steindurum, vegghergs visir 
(Völusp.). In der einleitung zum Grfmnismäl, sowie auch im Hyndlu- 
lj<Mt, wohnt die riesin im hellir (steinhöle), und die im Helreid Bryn- 
hildar körnt aus dem stein hervor (hnidr 6r steini: 3) und hat ein auf 
dem gest^in ruhendes gehöfte (grjötl studda garda mina: l). Auch der 
Däne hätte vielleicht den Skirne über „berge" reiten lassen ; die norröne 
phantasie lässt ihn (Skfmism. 10), und ebenso die söhne der Gudrun 
(Hamdism. 11), über „die nassen felsen" {urig fjölT) ziehen (vgl. das 
ürgar hratäir des Bfgsm. und des Pjölsvm.) , eine Vorstellung , die offen- 
bar dem westlichen abhänge des norwegischen gebirges entnommen ist 
(und wol auch auf Island passt). Über die „ reifbedeckten felsen " {helng 
ßölT) reitet Sigurd (Fäfiiism. 26) , und ebenso Rfgi- jarl „ den dunkeln 
weg über die reifbedeckten felsen" (Rfgsm. 34). Im Grögaldr-Fjölsvinns- 
mdl (falls man übrigens von diesem gedichte in Verbindung mit den 
Eddaliedern reden kann) wird von zaubermitteln gegen „den frost auf 
dem hohen felsen" (frost d fjaUi ha: Grog. 12) geredet; und in einem 
znsatze zu einer strophe im Hävamdl (89) von der Übeln aufgäbe „auf 
dem tauenden felsen ein renntier^ holen zu sollen" (eda sJcyli halfr 

1) Das remitier und der „weissbär" (Atlam. 18) wären wol die einzigen für 
ans hier nicht nentralen tiere der lieder , indem in jenen Zeiten auch die vielen „ zie- 
genbeerden" d&nisehen Verhältnissen nicht unangemessen sein möchten. 

IBITSCSK. P. DBUTÜCHB PHILOL. BD. III. ^ 



34 E. JESSEN 

henda hrdn i päfjaüi). Dem Hiivamäl ist der reisende speciel ein über 
die felsen reisender (wo er durchnässt wird): matar ok vdäa er nianni 
pörf peim er hefir um fjall farit (str. 3 : „ essen und kleider sind dem 
manne nötig, der über den felsen gereist ist"); noch bezeichnender stellt 
str. 117 fahrt über fels und fjord^ zusammen, was ja eben auf das nor- 
wegische küstenland passt: ä fjaUi eäa flrdi ef pik fara tiäir, fdstu at 
viral vd („must du fahren über fels oder Qord, versieh dich mit nah- 
rung wol"). Im ersten Helge -Hundingstöter-liede lassen Granmars 
söhne den Svipud und den Svegjud entlang „tauige täler und dunkle 
bergesabhänge " laufen (dcda döggoUa, dökkvar Midir: 46); und im zwei- 
ten klettert Gudmund in „steilen bergesklüfben " (hraUar hergskorar: 
20), und laufen die ziegen vor dem wolfe erschrocken den felsen herab 
(af fjdlli : 35). Einen am ehesten wol isländischen eindruck möchte wol 
die H^miskvida machen mit ausdrücken wie holkn (steinland), hreysi 
(steinmassen) , hdtrida hverr (waldige bergschlucht), hraunhvalir, hraun- 
Mar (bewohner der stein- oder lavamassen), hergbui (bergesbewohner; 
von dem CEgir)^ hergdanir (bergesleute) , hdfjall skarar (des haares 
hochfels, d. i. haupt), nebst den hreingaikn, entweder einer art unholde, 
die in ihrer gestalt zum teil renntier waren, jedenfalls irgendwie mit 
renntieren zu tun hatten, oder auch kenning (Umschreibung) fQr wölfe 
(ungetüme, Verfolger der remitiere); also jedenfalls eine norröne Vorstel- 
lung. Die von der gebirgsnatur bedingten fosse (Wasserfälle) geben 
gleichfalls anlass zu bildern, die ein gar undänisches gepräge haben. 
So fängt, in der einleitung zum zweiten Sigurdsliede, Otter den lachs 
im fischreichen fasse; und in str. 2 sagt der von Loke im foss gefan- 
gene hecht: margan hefik fors um farit („durch manchen foss bin ich 
gedrungen ^^); wie ja auch in der erzählung in der Snorra-Edda von der 
gefangennehmung Lokes dieser als lachs zwischen dem meere und dem 
foss^ auf und ab schwimt. Und nun gar das gemälde in der Yöluspä 
von der nach dem Kagnarök verjüngt emporsteigenden erde; wie stellt 
sich die dem äuge des dichters dar? „Es fallen fosse, über denen der 
adler schwebt, zwischen felsen fischend" (faUa forsar, flpgr öm pfir^ 
sd er d fjaUi fiska veidir). Auch das Skfmismal hat über den adler 
einen der dänischen phantasie ungeläufigen ausdruck , in dem ara püfa 
(27), das die felsenspitze bezeichnet, wo sich der adler zu setzen pflegt; 
in Dänemark setzt er sich auf die höchsten baumgipfel, indem ihm hier 
die erde keine hinlänglich hohen Sitzplätze darbietet. 



1) Langer schmaler tneereseinschniti. 

2) Also einem, der zn hoch oder zu steil war am entweder hinüber zu sprin- 
en oder hindurch zu dringen. Die kldneren oder sanfteren halten den lachs nicht auf. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 35 

Die dänischen wälder sind buchenwälder ; doch gibt es eichen wald, 
und vormals war die eiche häufiger als jetzt. Noch sparsamer finden 
sich andere laubhölzer: birken, espen, eschen, ulmen usw. Nadelhölzer 
fehlen durchaus und fehlten wol schon Tor dem „ broncealter '^ ; was man 
jetzt von solchen antrifft, ist alles in neuester zeit angepflanzt worden. 
Auf der skandinavischen halbinsel wächst die buche sehr wenig ausser- 
halb der Provinzen Schonen, Bleking und Hailand, ^ nämlich, obschon 
mit geringer Verbreitung, in Götarike, und ausserdem an ein paar oii;en 
im södlichen Norwegen in der gegend am Christiania-fjord. Längs der 
norwegischen westkQste fehlt sie durchaus. Die laubwälder Schwedens 
and Norwegens bestehen meist aus birken. Nächst der birke ist die 
espe das verbreitetste laubholz. Eichen sind recht häufig. Linden, 
nlmen, ahome, eschen, wilde apfelbänme usw. wachsen, wie in Dänemark, 
sparsamer, und nicht in nördlicheren gegenden (in Norwegen ungefähr 
in der einen hälfte des landes). Die nadelhölzer, nämlich gran (fichte) 
and fyrr oder taU (kiefer) haben das Übergewicht über die laubhölzer. Die 
fichte ist jedoch in einem grossen teile Norwegens unhäufiger, und fehlt 
fast durchaus im ganzen Bergenstift, und überhaupt längs der küste 
des oceans südlich des 62. grades; ist ja auch ein dem menschen unwich- 
tigerer bäum als die kiefer. Als brennholz dienen besonders die kiefer 
and die birke (in Dänemark aber die buche). — Die betreflfenden ver- 
hSHnisse nun in den Eddaliedern deuten entschieden auf die skandina- 
vische halbinsel, und wol besonders auf die südlichere hälfte der norwe- 
gischen Westküste, indem die buche und die fichte {gran) nicht vorkom- 
men, dagegen ungefähr alle andern norwegischen hölzer,* so mehr- 
mals die kiefer^ und als brennholz diese und die birke (Völundarkv. 9. 
Gudrkv. IL 12), doch bei der Verbrennung einer fürstlichen leiche ein 
Scheiterhaufen von eichenholz, als kostbarer und vornehmer (Gu(lrhv.20); 
ferner als gewöhnliches material zum dachdecken die birkenrinde (tue fr : 
HivauL 59), welches auf Dänemark nicht passt, indem einerseits die 
birke viel zu nnhäufig ist, um hiezu das gewöhnlichste material abgegeben 
za haben , andrerseits heidekraut und stroh nicht (wie letzteres in Skan- 
dinavien) zu kostbar für solchen gebrauch war. Unter den erwähnungen 
der kiefer wäre noch besonders hervorzuheben Hdvamäl 49: hrörnarpöll 
sn er stendr porpi d, hlprat henni harkr ni harr („ es verdorrt die kie- 
fer, die auf dem hofe steht; nicht rinde noch nadeln schützen sie''), 
weshalb ihr der freundlose mann verglichen wird. Diese kiefer also ver- 



Die Knytlingasaga erwähnt die buchen- und eichenwälder llallands. 
2) Die meisten bleiben ja neutral, nur nicht die nadelhölzer, die buche, noch 
ancfa die birke, falls diese als ein vorhersehender bäum auftritt 

3* 



86 £. JBBSBK 

kümmert, weil die andern kiefern umher weggehauen sind. Das passt 
schlecht auf Schweden und die innern teile Norwegens , indem die wenig 
empfindsame kiefer daselbst auch ohne den schütz anderer bäume gedei- 
hen kann. Es wird diese stelle nur auf die äussere, den winden des 
oceans am meisten ausgesetzte westliche küstc Norwegens passen. 

Auch aus dem ackerbau hat das Hävamäl etwas charakteristisches, 
nämlich (str. 87): akri drsänmn trüi engi nuiär, ne tu snemnm syni 
(„dem frühe besäten acker traue niemand; so auch zu früh nicht dem 
söhne"). In Norwegen (und einem grossen teile Schwedens) kömt die 
frühlingssaat freUich bestimt genug hervor, wächst auch empor, ist aber 
danach der grösten gefahr ausgesetzt, indem der oft schon zur emte- 
zeit oder vor derselben eintreffende frost alles verderben kann. Sehr 
zutreffend sagt dies Sprichwort daher: „so auch zu früh nicht dem sehne." 
uns Dänen fällt das treffende weg , und steht die strophe in bedeutuugs- 
armer unbestimtheit da, indem bei uns die frühlingssaat nur geringer 
gefiahr ausgesetzt ist, speciel nicht der erwähnten vor dem reifwerden, 
wol aber natürlich dem schaden durch hagel und zu schweren regen, 
der ja aber ebensowol die Wintersaat trifft. — Im Harbardslied (3) 
nent Thor als seine kost auf der reise „häringe und hafer." Die häringe 
passen eben so gut zum seeländischen und schonischen küstenlande am 
öresund als zum norwegischen , und die hafergrütze ist ^ ebensowol 
schwedische als norwegische alltägliche kost des gemeinen mannes; aber 
eben beides zusammen möchte man wol den norröuen indicien zuzäh- 
len. — Als das gewöhnliche kern nent übrigens das Alvfssmäl die gerste 
(zum hier und zum brod angewendet ; vgl. lagastaf und ceti). Koggen ^ 
wird in den liedern nicht erwähnt , auch sonst sehr wenig in isländischen 
Schriften, wol aber, nebst weizen, in den alten noi'wegischen gesetzen. 
Der weizen kömt in der Saemundar - Edda nicht vor; dagegen aber im 
Rfgsmäl, jedoch nicht als auf dem felde wachsend, sondern als dünnes 
„flachbrod" (neben dem weine) auf dem tisch bei „Jarls" vater, d. h. 
in den vornehmsten und reichsten häusern. Die sagas erwähnen die starke 
einfuhr von weizen aus England. - Andere in den liedern erwähnte 
gewächse (als heidekraut, gras, lauch) sind neutral. 

Es ist zu bemerken, dass die den Verfassern der lieder vorschwe- 
bende Vegetation nicht blos die isländische ist, indem die mehrzahl der 
genanten bäume auf Island nicht gedeiht (wogegen getreidebau vormals 
auf Island gelingen konte). Falls unter diesen liedern isländische bear- 
beitungen norwegischer poesie vorkommen, hielten also die Isländer die 

1) WenigsieDs in armem gegenden in Schweden, so in Wermland. 

2) In Dänemark ist bekantlich der roggen das hauptnahrnngsmittel. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 37 

ihnen so vertrauten norwegischen Verhältnisse fest, indem sie sich gewöhn- 
lich erinnerten, dass keins dieser lieder auf Island spielte. Von der im 
südlichen Norwegen vorkommenden Schmarotzerpflanze mistüteinn begeg- 
net uns eine gegen autoptische kentnis derselben zeugende erwähnung, 
wovon später. 

Ausserhalb der Vegetation kömt wenigstens eine speciel isländi- 
sche Vorstellung vor, nämlich im hveralundr derVöluspd; hverr (kessel) 
ist benennung der heissen quellen auf Island; das hvcra lundr (wo 
Loke gebunden liegt) bezeichnet einen ort voll derselben, beweist also 
eine isländische Weiterbildung des „ vulcanischen " mythus von dem 
gebundenen Loke,^ und stempelt die Völuspä als ein isländisches lied. — 
Gletscher sind ja in Norwegen und Island sehr häufig, aber natürlich 
in Dänemark (und den alten Wohnsitzen der Gauten und Schweden) 
unbekant, weshalb J67*wM, welches in der isländischen litteratur eismasse 
jeder beliebigen grosse bezeichnet, in den entsprechenden dänischen und 
schwedischen (jetzt nur provinciel vorkommenden) formen egel, ikkd 
nur eiszapfen bedeutet. Dies jökull nun steht zweimal in den Eddalie- 
dern , und man ist darüber sehr uneinig , wie grosse eismassen es daselbst 
bezeichne. Die eine stelle ist H^miskv. 10: gekk hm i sal, glumdu 
jöMar; varkarls er kotn kinnskögr f rerinn („er-, der rieseHyme, gieng 
in den saal; es erdröhnten die jöklar; der „backenwald" des hereinkom- 
menden alten war gefroren"); die jöklar hier verstehen einige von eis- 
zapfen entweder am gefrornen backenbarte oder draussen am dache; in 
beiden fällen scheint mir das glumdu unpassend; glymja bezeichnet in 
den liedem einen gewaltigen, die sinne erschütternden laut; es ist den 
umständen weit angemessener , an die riesigen eiszapfen des felsigen rie- 
sensaales, an die dröhnenden eis- und schneegletscher zu denken, was 
auch darin eine stütze findet, dass dieser riese nicht eigentlich Hymir, 
sondern Ymir hiess; Ymir ist aber „der dröhner." Ilf/mir war ein 
anderer riese, mit dem Thor bei einer andern gelegenheit es versucht 
den mittelgartswurm {Miägaräsormr) zu fangen. Die Verwechselung der 
beiden namen lässt sich schon in der aufzeichnung der erzählung bei 
Snorre bemerken, hat aber in diesem offenbar sehr späten und dem 
Snorre unbekanten Hede zur zusammenschmelzung der beiden mythen 
geführt. Bei der andern stelle, Sigurdkv. III, 8, möchten die gletscher 
zweifelhafter sein, scheinen mir jedoch auch hier den afigemessenern 
sinn hervorzubringen. Es heisst: opt gengr hon innan ills um fyUd isa 
ok jö/da aptan hvem , wo isa imd jökla sowol genitiv als accusativ sein 

1) Es könte übrigens überhaupt das Tulcanische dieses mythus von den Islän- 
dern herrühren. 



38 E. JE88EN 

könte. Im erstem fall ist der sinn: „oft geht sie (Brynhild) mit bösem, 
mit eismassen und eiszapfen, im innern angefüllt, jeden abend ,'* wo das 
bild sich ferner so variieren lässt, dass ihr inneres entweder einer wil- 
den felsengegend voller eis mid gletscher, oder auch einem mit eismas- 
sen angefüllten meere^ verglichen würde, so dass diese erstere construc- 
tion nicht eben an die bedeutung „ eiszapfen " gebunden wäre. Ich ziehe 
aber, mit Lüning und mehrern andern, hier die accusativische construc- 
tion vor: „oft wandert sie, im innern mit bösen gedanken erfüllt, über 
eisfelder und gletscher, jeden abend," ein bei weitem natürlicherer 
gedanke, wie wir denn wol auch voraussetzen dürfen, dass die sage sie 
nicht jeden abend hätte wandern lassen, ohne zu wissen, wo sie wan- 
derte. Bei dieser letztem erklärung würden wol übrigens die gletscher 
und eismassen alpengletscher sein, und könten somit schon der deut- 
schen sage angehört haben, würden sich aber natüi-lich leichter in nor- 
röner als in dänischer Überlieferung erhalten haben. 

Sociale Yorhältnissc,' die uns hier fingerzeige geben könten, sind 
in den mythischen liedern nicht wol zu erwarten. 

Die heldenlieder haben hie und da etwas, das auf gar verdächtige 
weise an das Christentum erinnert. Das Sigrdrffumdl rät von räche an 
verwauten ab, weil nach dem tode verzeihen heilsam werde {pat Jcveäa 
daudum duga: 22), und spricht von begraben im sarge (34: dar iJcistu 
fari; und doch gleichzeitig im hügel); obendrein mit der wunschformel, 
es möge der tote „selig schlafen" (oJc biäja scelan sofa).- So verspricht 
auch im Atlamäl Gudrun dem sterbenden Atle einen „gemalten sarg" 
und ein „gewachstes tuch" für seine leiche (101: Jcistu steiiida, vexa 
vel blaju; und doch gleichzeitig die leiche in ein schiJBF zu legen!'). 
Das Grögaldr-Fjölsvinnsmäl spricht geradezu von einem „ Christen weibe" 
(kr istin dauä hma: Grog. 13). 

Auf die eigentliche wikingzeit weist im 2. Gudrunenlied (16) der 
„kämpf südlich in Pife" {sudr d Fht) in Schottland, wo "„südlich" 
zugleich einen norrönen Standpunkt verrät. Nicht letzteres, wol aber 
die beziehung auf die wikingzüge würde durch die correctur suär d 
Fjöni (südlich in Fönen) wegfallen.^ Auch durch die Helge - Huudings- 

1) Vgl. land isa als Umschreibung des raeeres , und jökkigangr von dem trei- 
ben der eisberge und eisschoUcn. 

2) Vgl. Maurer in dieser Zeitschrift 11, 443. 

3) Das schiff und die kista muss sie „kaufen/' kann aber das tuch wol selbst 
wachsen. 

4) Was Buggc (s. 424) von der auffassung sagt, wonach man „von Schonen 
südlich nach Seeland, von Seeland südlich nach Ftinen reiste," beruht auf einer aus- 
schliesslich norrönen (für Dänemark durch die Sprechweise Saxos widerlegten) vor- 



ÜBEB DIB BDDALIEDEB 39 

töter -lieder, jedenfalls das erste, blickt der einfluss der grossen wiking- 
zöge auf die dichtong hindurch, und zwar, wie mir (in abweichung 
Ton Lüning) scheint, noch weit entschiedener als durch das Atlamäl 
str. 96 — 97. Es versteht sich, dass solcher einfluss der wikingzüge 
lange nach ihrer eigenen zeit fortdauern konte. 

Das Hävamäl ist isländischen Verhältnissen unangemessen, indem 
es dem „ königskinde " (Jjoäans harn: 14) rat erteilt, der Verfasser sich 
rühmt, mehr lieder zu wissen^ als „des königs gemahlin^^ (pjödans 
kana: 147), und malplacierte liebschaften als eine gewöhnliche veran- 
lassung kent, „der rede des königs" in der volksversamlung (Jjöäans 
nuü: 115) nicht die gebührende aufmerksamkeit zuzuwenden^ wie er sich 
denn überhaupt in seinen Verhältnissen und seiner art als einen hofmann 
beurkundet, und zwar als einen, obschon wol etwas ältlichen, doch kei- 
neswegs überaus altertümlichen , falls wir nicht viel zu hohe begriffe von 
der einfachheit und Sittenreinheit des fernen altertums haben. Das 
gedieht ist entschieden norrön, und entschieden för Norweger, nicht för 
Isländer gedichtet, wol zu einer zeit, als Norwegen schon ^in reich 
war. — Das Rigsmäl (um dies mitzunehmen) mit seinem vermeintlich 
aus dem Jarltum emporstrebenden kleinkönigtum, dem das stärkere und 
als ein fremdes bezeichnete dänische königtum, „Dans" reich (46), als 
nachahmenswertes muster vorgehalten wird, enthält eine zum teil theo- 
retisierende betrachtung norwegischer Standesverhältnisse, welche betrach- 
tong, trotz ihres rückblicks auf die zeit vor dem Harald Schönhaar, 
auch ein Isländer hätte anstellen können. — Die socialen Verhältnisse 
geben zum teil mehr aufschluss über das alter als direct über die hei- 
mat der lieder. Umgekehrt steht es mit den physischen. 

Die besprochenen real Verhältnisse , physische und sociale, geben 
indessen zusammen ein entschieden norrönes bild. Da die gedichte so kurz 
sind , kann jedes für sich natürlich hiervon nur wenig liefern , manche 
nichts. Die heldenlieder sind hieran reicher als die mythischen (doch 
nicht die Hymiskvida und die Völuspä, die so wol versehen sind), am 
reichsten aber unter allen liedern das Hävamäl, wie ja zu erwar- 
ten stand. 



Stellung , dass Jütland die südlichste dänische provinz sei , welche Vorstellung dadurch 
anfjgekommen sein wird, dass die norwegischen schiffer auf ihrem wege nach dem 
dänischen (und jütischen) haupthandelsplatz Hedeby (Schleswig) natürlich von nor- 
den her immer erst zwischen den dänischen inseln vorbei , und dann von diesen süd- 
lich nach Jütland kamen. 

1) Genaue kentnis der mythologie bezeichnet er (160) als etwas ungewöhn- 
liches ! 



40 E. JESSEN 

Versuchen wir demnächst zu bestimmen, was, in bezug auf die 
uns vorliegenden fragen, dem Charakter und andern litterarischen 
yerhältnlssen der lieder zu entnehmen wäre. 

Bemerken wir im voraus, dass in der Völuspä die anwendung des 
stefy^ und in einigen liedern die versification jüngeres Stadium 
bezeichnet. Das Atlamäl ist im indlahdttr ^ abgefasst , so auch , obschon 
mit nicht so strenger durchführung , die Atlakvida, wie auch ferner im 
Hamdismäl diese jüngere abai*t des epischen fornyräalag stark auftritt, 
übrigens in allen drei liedern so unangenehm stolpernd und tacüos, dass 
unser ohr kaum verse vemimt. Ein gar unantikes potpourri ist die 
regellose, an keine strophenform gebundene veimischung verschiedener 
versarten im Härbardsljöd. Endlich ist auch die straffere (der art des 
Ynglingatal ^ sich etwas annähernde) behandlung des achtzeiligen fornyr- 
äalag in der Hymiskvida gleichfalls zeichen nicht sehr alter zeit. Es 
versteht sich, dass diese lieder sich nicht hiedurch sofort als die jüng- 
sten beurkunden, indem ja die beiden alten reinen formen, das ächte 
achtzeilige farnyntalag * und der Ijödahdttr fortbestanden , wie das auch 
schon das Sölarljöd, das Grögaldr-Fjolsvinnsmäl und verse in mehreren 
Fornaldarsögur bezeugen. 

Auch der stil jener fünf Eddalieder deutet auf späte zeit, der im 
Harbardslied durch eine, übrigens ungleichmässig verbreitete annähening 
an die art der täglichen rede zur zeit des Verfassers, der in den vier 
andern hingegen vorerst durch seine gesuchte, gekünstelte, nach dem 
ungewöhnlichen strebende art. Es stellen sich hier, wie in der versifi- 
cation, die beiden Atlenlieder und auch das HamdesUcd näher an einan- 
der, so auch darin, dass das künsteln eine gewisse annäherung an prosa, 
jedoch anderer und schwerfälligerer art als im Härbardsijöd , nicht aus- 
schliesst; während das Hymeslied auch wider hier mehr für sich steht. 
In andern liedern tritt kein so decidiert durchgeführter moderner stil 
auf. Indessen stehen sie sich Reinesweges ganz gleich. Namentlich 

1) Siehe bicrüber Möbius in dieser Zeitschrift bd. I s. 410, 435. 

2) Wo die vier hebungen regelmässig alle überall ausgefüllt sind, die vierte 
gewöhnlich nur mit einem nebenton. 

3) Die in meiner metrik (s. diese zeitschr. II, s. 142, 146) geäusserte Vermutung, 
dass das abgestumpfte fornyräalag (wie im Ynglingatal und Haleygjatal) unter die 
benennung galdralag mit hingehöre, ist zu unsicher. Aus einer papierhandschrift 
des Hattatal ersehen wir bestimt nur , dass der vorletzten strophe daselbst (Ijoitahättr 
mit kehrversen) der name galdralag im 17. Jahrhundert beigelegt wurde. Ob dieser 
name auch auf die letzte strophe (abgestumpftes fornyräalag) j der kein neuer bei- 
gelegt ist, zu erstrecken sei, ob man also zwei arten galdralag anzunehmen habe, 
ersieht man nicht. 

4) Bisweilen Starkaäarlag genannt; auch Jcviäühdttr? 



ÜBEB PIE EPDALIEDER 41 

möchte ich das prätentiöse erste lied von Helge dem Hundingstöter als 
unantik bezeichnen, so auch verschiedenes in andern heldenliedem, und 
nicht ganz weniges in der Yöluspä, so zum teil die Strophen von Balder 
und Loke und von dem letzten kämpfe.^ Den reinsten stil haben die 
mehrzahl der mythischen lieder und die Yolundarkvida. Ich werde spä- 
ter meine gründe geben, die Yegtamskyida für eins der allerjüngsten 
lieder zu halten, obgleich der stil keinesweges modemer ist als der so 
vieler anderer. Denn es versteht sich, bewahrung alten epischen stiles, 
die ja begabtem dichtem auch später gelingen konte, beweist nicht 
sofort höheres alter. Das alter der lieder ordnet sich nicht ohne weite- 
res nach dem stil. 

Dies gilt auch in bezug auf eine specialität des stils, die Um- 
schreibungen, „kenningarJ'^ Es versteht sich übrigens, dass es 
Umschreibungen gibt, die jedem Zeitalter angemessen sein möchten. Es 
wird wol auch schon in den fernsten zeiten natürlich gewesen sein, z. b. 
das schiflf durch „seehengst," oder das mecr durch „wogenstrasse" zu 
bezeichnen.^ In allen sprachen werden wol manche fumiifia propria 
Zusammensetzungen sein , die innerhalb des isländischen begriffes kenning 
fallen. Es gibt unzählige Umschreibungen, z. b. solche wie „Odins söhn," 
„Friggs mann,"* welche natürlich erst dann als kcnningar auftreten, 
wenn anhäufung derselben bewustes vermeiden directer benennung kund 
gibt. Die norrönen dichter trieben bekantlich die lust zum umschreiben 
bis ins enorme, jedoch nicht in allen dichtarten, sondern nur in denje- 
nigen, wo sie auch den reim anwendeten {drotihvaeär hdttr und run- 
henda^)^ auch in der Jüngern abgestumpften abart des fomyräalag (wie 
im Ynglingatal); dagegen regelmässig nicht im epischen stile, und 
besonders nicht in den beiden uralten versarten (der epischen achtzei- 
ligen und der dialogischen sechszeiligen ^). Anhäufen und künsteln der 
kemUngar hat sich also eben ausserhalb dieser beiden antiken dichtarten 
entwickelt , so dass sich die Eddalieder keineswegs schon aus der Ursache, 
dass sie viel weniger kenningar haben und das enorme zusainmenpacken 

1) Str. 37, 38, 39, 53, 54 bei Ltining; 37, 39, 40, 54, 55 bei Möbius. 

2) Nicht alles, was wir Umschreibung nennen mögen, ist „kenning." 

3) Aber natürlich gibts weitere Variationen solcher bilder, die späteres sta- 
dinm bezeichnen, z. b. flotbrusi (tiiessbock), hlunngoti und hlunnvigg (schiffsrollen - 
hengst), seglvigg (segelross), stagstjornmarr (rudertau - lenkungs - pferd). 

4) Aber Friggjar angan ist schon an und für sich künstelnde bezeichnung. 

5) Denselben also, wobei man, sowol wegen der grossem Schwierigkeit, als 
wegen ihrer eigenschaft als loblieder auf mächtige männer, Überlieferung dos verfas- 
scmamens für wichtig hielt. 

6) Der mdlaMttr bringt in Eddaliedern nicht merkbar häufigere anwendung 
der kenningar mit sich , namentlich nicht im Atlamal. Die Atlenlieder sind ja auch 
in eminentem grade episch. Anderwärts körnt decidierter maiahdttr wenig vor. 



42 E. JES8SN 

derselben vermeiden, in eine viel ältere zeit als die der speciel soge- 
nanten „Skaldenpoesie*^ hinstellen könten. Es dienen ^uns hier wider 
das Sölarljöd, das Grögaldr - Fjölsyinnsmäl und andere anerkantermassen 
sehr späte producte (so auch unter den Eddaliedern das Atlamäl, auch 
das dritte Gudrunslied, über deren späte entstehung fast alle einig sind) 
zum sichern masstab, und zum unwiderleglichen beweis, dass man auch 
in dieser beziehung die dichtarten wol zu unterscheiden hat, dass es 
ganz unkritisch wäre, dieselben in einen häufen zusammenzuwerfen und 
wegen der kenningar z. b. die gedichte in der Egilssaga oder das Yng- 
lingatal sofort för jünger als sämtliche Eddalieder zu erklären. Dage- 
gen innerhalb ein und derselben dichtart, innerhalb der eddaliedersam- 
lung selbst, kann auch der gebrauch dieser Umschreibungen etwas zu ' 
bedeuten haben. Es haben die kenningar der Eddalieder nicht eben ein 
sehr altertümliches, primitives gepräge, das über die „ Skaldenpoesie '^ 
hinaus zurückdeuten könte, sondern vielmehr zum grossen teil eben ein 
solches, dass wir mit fug annehmen können, sie seien aus der manier 
einer den Verfassern geläufigem dichtart in diese antikem dichtungsfor- 
men eingedrangen, wo sie, meinem gefuhle, im ganzen genommen recht 
geschmacklos, unmotiviert und klotzig dastehen. Obschon ich einräume, 
dass Umschreibung und indirecte bezeichnung gewissermassen aller poe- 
sie zugehört, würde ich doch nicht der epischen poesie „des altern und 
mittlem eisenalters^^ solche abgeschmacktheiten zutrauen, wie z. b. 
„fliessbock" (flotbrüsi) für schiff, „zweigverderber" (sviga l(c) für feuer, 
„kampfbaum," „kampfapfelbaum" Qiüdimeidr, rogapaldr) oder gar 
„apfelbaum des panzergedinges ^^ (prynpings apaidr) für kämpfer, „ft^s- 
sohlenzweig" (ükvistr) für zehe usw. Es ist hiebei von gewicht, dass 
bei weitem nicht alle Eddalieder mit dergleichen wol versehen sind. Es 
gibt eine anzahl derselben, die der eigentlichen kenningar fast gänzlich 
entbehren , nämlich die meisten götterlieder , das Hävamäl und die Völun- 
darkvida^ (so auch das Rfgsmäl). Unter den götterliedern haben nur 
die Yöluspä.* und noch weit mehr die Hj^miskvida^ stärkeren hang zu 

1) Doch herdaklettr (Lok. 57), heimis haugar? (Härb. 44), alfrödull (Skirn. 4 
Vaffr. 47); jötna vegir (Häv. 106). — Das pjdävUnis fiskr (Grimn. 21) und das 
(pjöddr oder) porp meyja mögprasis (Yaft)!. 49) stehen wol in interpolierten , und 
von derselben hand interpolierten atrophen. 

2) 9viga he, aidmari, gtügviär? (gagU?) , wdd^r, moldpinurr; veg^>erg8 
visir?; Fewris kindir? (nämlich falls diese wölfe eben nicht vomFenre stammen). — 
hveärungs mögr, yggjungr dsa, Friggjar angan, mögr Hlödynjar, Fjörgynjar bmr, 
Midgards vhmr, bani Bdja, Baldrs andskoti, hrodir B^leists, Ods mey, n. a., 
welche dnrch die anhäufong den neutraleren Charakter verlieren. 

3) hdfjaU akarar, hdtün homa, hjalmstofn, hhinngoti, flotbrüsi, lögfdkr, 
britMvin, vinferitl, ölkjöU, lögvellir, kinnskögr, hoUrida hverr, mögr miskcrbÜnda, 



ÜBEB DIE EDDALIEDER 43 

diesem putze; abgesehen davon, dass das Alvlssmäl wesentlich eben nur 
ein Verzeichnis von kenningar und andern heiti (dichterischen benennun- 
gen) ist Die heldenlieder über den Nibelungen - Sagenkreis sind mit 
heHningar, und zwar grossenteils recht geschmacklosen und sehr unpri- 
mitiven^ ausgeputzt. Die zahl lässt sich verschieden berechnen, steigt 
aber in diesen heldenliedem mindestens weit über 100 hinauf^ wovon 
freilich fast ein viertel auf das jüngere (1.) lied von Helge dem Hun- 
dingstöter komt. Nicht eben am ärmlichsten versehen sind solche lieder 
(oder bmchstücke), welche doch sonst im vergleich mit andern dieses 
kreises ein weniger unprimitives gepräge tragen, so das zweite Helge - 
Handingstoter - lied , das zweite Sigurdslied, auch Fäfnismäl,' in deren 

gygjoT graÜr, brjötr hergdana, hafra dröHinn, pttrs rddbani, orim eihbani, Sifjar 
verr, Yggs harn, Urungnis spjalU, dttrtmnr apa , iUfs hnitbrödir, umgjörä alJra 
landa; nach Bngge ferner hreifigtMn (für wolf) und eürorvirneiäir (39) „giftwnrm- 
Terderber" (für winter). 

1) So eggleüis hvöttAdr, naddeh boäi, dafa Darradr, dolgrögnir, brynpitigs 
apaldr, hildimeidrt hrottameiär, dolgviär, hvassa vdpna hlynr, skjaldar börr, hialm- 
siafr, auästafry hringdrifi, geirmimir, geirnjörär, geirnißungr, hjahngunnar (kein 
eigenname); feikna foräir; vdr guUs, hötgefn, menskögtU, mörk menja, linnvengvi 
bü; stagstjommarr, hlunnvigg, seglvigg, seglmarr; rakka hjartr; vefnvtting; hUd- 
formt Grana, eldr ormbeds , ögnar Ijomi , lindar logt; lindar vddi, Herr als vidar ; 
benlogi, benvandr; ükvistr; modakam; skokr bUuU ; hölkoir hvUbedjar?; grteti 
(Ufa; Gtmnar systra gogl; langt lyngfiskt lands Haddingja; Kolgu systit; Mistat 
matt; neit Menju god?; grdnstöd Gtidat; hdlu skett ; Hugitis batt, htafna htte- 
lumdir? nsw. (Vgl. auch heiti wie z. b. gylfi, cegit). Das meiste hievon ist noch 
mn ein bedeutendes nnprimitiver als die angelsachsischen kenningat (J. Grimm meint 
mit recht , diese seien im ganzen firischer und kräftiger als die nordischen). Andrer- 
seits finden sich in den eddischen Nibelungenliedern auch minder gesuchte , der unmit- 
telbaren anschaunng näher verwante Umschreibungen, z. b. htingbroti, vdgtnatt, 
valsUfwiy hjötping. Oft aber wird eine scheinbar bescheidnere kenning doch im 
eontexte anstössig und abgeschmackt, so z. b. das insipide skidijdtn (scheideeisen, 
d. L Schwert: flUund. 16), vandstyggr (Atlkv. 13, falls es mit Bugge als bezeich- 
nnng f&r pferd zu nehmen ist), »vetda deilit (ib. 36; ganz unmotiviert). Gelegent- 
lich häufen sich mehrere synonyme hervorstechend zusammen, so in U Sig. 16 — 17 
Vöjd für schiff; so auch in Fäfn. 36 hädimeidt und hets jadatt. Natürlich gibts hier 
aach Umschreibungen , die , ohne auf unmittelbarer anschauung zu ruhen , doch ganz 
einfach sind, wie z. b. (Egis döttit, bani Fdfnis, usw. 

2) Ebenso die nicht zu diesem kreise gehörende Helgkv. Hjörv. mit togapaldt 
und vignesta hol, ausser dem etwas gemässigtem folks oddinti, — II Helg. Hund.: 
Chmmat systra gogl, granstod Gtidat, nebst den erträglichem, wie folks oddviU, 
folks jadatt, sdtdtopi, valdögg u. a. — II Sig.: lindat logi, und in swei strophen 
ziuanunen folgende fünf, die an und für sich nicht aUe zu den ärgern gehören: 
Rdevils hestt, seglvigg, vdgmatr, satte, hlunnvigg; in einem vielleicht Jüngern stück 
(19 — 25) stehen hroOameidt, hjalmstafr, nebst den weniger prätentiösen systit Mdna, 
hjätleikr. — Fafuism. hat in wahrscheinlich altem stücken eisköld, hüdUeikr, spU- 



44 E. JESSEN 

zum teil sehr gekünstelten kenningar ich indicien sehe, dass sogar die 
weniger unantiken unter diesen heldenliedern einem späten Stadium ange- 
hören. Man vergleiche sowol wegen der Umschreibungen als wegen des 
Stils überhaupt die im reinsten epischen stile gehaltene prymskvida, 
und man wird den unterschied fühlen. Wie sehen oben angedeutet, ist 
das in andern beziehungen so überaus unantike Atlamäl verhältnismässig 
sehr frei von diesen Umschreibungen.^ 

Betrachten wir, in bezug auf die vorliegende frage, die helden- 
lieder specieller. 

Unter denselben ist das erste, dieVölundarkvida, das antikste, 
einfach episch, wie es heroische dichtung auf primitivem stadixmi sein 
müste. Natürlich braucht antikere form nicht sofort weit höheres alter 
zu beweisen. Es scheint mir wol, als ob man ein excerpieren aus einem 
altern liede hindurchhört. Die erste strophe ist von einem kräftigen 
poetischen hauche belebt, was man nicht eben dem ganzen gedieh te 
nachsagen kann. Der ton ermattet sogleich. Poesie hohen ranges ist 
es überhaupt nicht, und möchte dennoch unter den eddischen heldenlie- 
dern in ästhetischer beziehung beinahe den vorrang behaupten (doch 
jedenfalls nicht vor dem letzten abschnitt des zweiten Helge - Hundings- 
töter-liedes, demjenigen, der von der Zusammenkunft der Sigrun mit 
dem toten handelt). Zur frage über norrön oder nicht non'ön enthält 
das Wölundslied in form, stil, Charakter und in beziehungen zu andern 
sagen oder liedern, kaum irgend etwas entscheidendes. Ich kann also 
rücksichtiich dieser frage nur auf den oben erwähnten nicht- dänischen 
gebrauch von kiefembrennholz verweisen. 

Das nächste lied, die Helgakvida Hjörvardssonar, ist ganz 
unbedenklich für ein norrönes zu erklären. Der held ist im liede ein 
Norweger, und die sage (meines wissens) überdies auch nicht einmal 
ausserhalb der norrönen litteratur widergefunden. Obschon form und 
darstellung von primitiverer art ist als in den meisten der folgenden 
heldenlieder, liegt doch in diesem liede eine sehr späte sagenformation 
vor, indem die besungenen taten meist in südlicheren, sogar deutschen 
ländern vor sich gehen, eine erweiterung des Schauplatzes, die ein- 

Ur bauga^ fjörsegi; in einem willkürlichen einschiebsei (12 — 15) hjörlögr; in einem 
vielleicht jttngern stück (34—39) hildimeiäry hers jaäarr; und in einem unbedenklich 
Jüngern (40 — 44) ognar Ijömi, lindar vädi, hörgefn, 

1) Doch börr skjaldar und ilkvistr. Hiebei ist zu erinnern, dass es das längste 
dieser lieder ist. Auch über spätes alter der III Gu^rkv. ist man einverstanden; 
sie enthält nur die bescheidnere Umschreibung herja sUUir, ist aber so sehr kurz 
(10 Strophen). 



ÜBER DIK EDDALIEDER 45 

fluss sowol der Wikingzeiteu als der eiugetuhrten nicht uorrönen sageu 
bezeugt — Dass die eine der beiden eddischen Helge -sagen der andern 
mehreres entiehnt hat, liegt am tage (vgl. Eylimi, Sigarr, Sigarsvellir, 
Frekasteinn, Varins-vfk oder -fjördr, und die behauptuug, „Sigrun sei 
die widergeborene Schwaba.''^) Da diese gemeinsamen zöge der einhei- 
mischen dänischen , von Saxo bewahrten sage von Helge dem töter Hun- 
dmgs und Hödbrodds fremd sind , gehören sie vielleicht ursprunglich der 
norwegischen von Helge Hjörwards söhn an, könten jedoch zum teil auch 
mit der deutschen Wölsungensage hereingekonmien sein, in welchem fall 
wol gegenseitige einwirkung der beiden Helgesagen anzunehmen wäre. 

Die lieder über den Nibelungen-sagenkreis, d. h. die 
übrigen 17 heldenlieder der „Sämundar-Edda," sind samt und sonders 
gleichfalls für norröne lieder zu erklären. 

Wie früher erwähnt , veranlasst uns die sagengeschichte Saxos anzu- 
nehmen, dass die Verschmelzung mit der Helge -Hundingstöter- sage und 
die nähere anknüpfang der Jörmunreks-sage (d. h. dritte heirat Gudruns, 
und Schwanhild als tochter Sigurds und Gudruns) norröne erfindungen 
seien. Die eddische formation der Helgeusage würde Saxo genötigt 
haben , entweder die Wölsunge in die dänische heldensage hineinzuitigen, 
oder den Helge aus derselben zu entfernen. Die in Norwegen importierte 
dänische sage von diesem könige und die deutsche von den Wölsungen 
müssen, wir können nicht sagen auf welchem wege, bei dem norrönen 
stamme verschmolzen sein. Die umgekehrte verwandelung, wodurch ein 
ursprünglich der Wölsungensage zugehörender held aus dieser sonst bei 
Saxo gänzlich fehlenden sage ausgeschieden und in die dänische königs- 
reihe incorporiert wäre, hat alle Wahrscheinlichkeit wider sich.* Hätte 
Saxo die wittwe Sigfrids und Etzels als mutter der Schwanhild und 
der „hellespontischen gebrüder" gekant, würde er keine Ursache 
gehabt haben solches zu verschweigen, da es seiner dänischen sagen- 
geschichte in keiner beziehung zuwiderlief. Er steht auch in der Jarme- 
riks-sage auf älterm boden als die Edda, indem er mit den deutschen 
quellen in nichtanknüpfang dieser sage an die Nibeluugensage überein- 
stimt Es existiert nichts, was uns zu einer so gewagten hypothese 
bringen sollte, wie diejenige es wäre, die dänische sage sei bei Saxo 
zwei mal zu dem ursprünglichem Stadium zurückgekehrt. Wir können, 
obschon hier nicht von mathematisch zwingenden beweisen, sondern nur 

1) Siehe proäaschinss der Helgkv. Hjorv. and drittes prosasttickchen in Helg. 
Hund. ü. 

2) Saxo identlfidert ihn mit Helge, dem vater Uolf Krakes; üb diese identift« 
cmtion nnorsprüngUch ist, bleibt eine frage für sich. 



46 B. JESSEIT 

von natürlicher, nngezwnngener ordnong der data die rede sein kann, 
mit gröster Zuversicht behaupten, beide Verschmelzungen seien norröne 
formationen. Somit waren denn förs erste die beiden ersten nnd die 
beiden letzten^ dieser 17 lieder schon wegen der sagenformation für 
norröne zu halten. Und der samler (so wie ferner auch der Verfasser 
der Yölsungasaga) hat keine diesen Verschmelzungen widerstreitende dar- 
stellungen gekant, da er solches zweifelsohne notiert hätte, indem er 
ja so ausdrücklich den widersprach der lieder über Sigurds tod hervor- 
hebt. Dass nun diese Verschmelzungen am anfang und am ende der 
sage auch in dem dazwischenliegenden teile , d. h. in der darstellung der 
haupts'age selbst, hervortreten sollten, wäre auch dann nicht notwend^ 
zu erwarten, wenn diese dazwischenliegenden lieder jünger als die Ver- 
schmelzungen wären, und wäre unmöglich in correct überlieferten lie- 
dern, die älter als die Verschmelzungen wären. Die geschichte mit den 
Hundingssöhnen reicht aber in der Edda in die geschichte Sigurds selbst 
hinein und kömt erst in den beiden ersten Sigurdsliedern zum abschluss.' 
Die geschichte von Gudrans dritter heirat, mit deren folgen (in Verbin- 
dung mit erwähnung Schwanhildens als einer tochter Sigurds), ist im 
dritten Sigurdslied (str. 53 und 59 — 61) excerpiert, und ferner im Atla- 
mäl (str. 102) angedeutet, indem daselbst, in Übereinstimmung mit dem 
Hamdeslied imd dem dritten Sigurdslied , das mislingen des Selbstmord- 
versuches der Gudran, und die verlängerang ihres lebens bis auf „ein 
ander mal" (wie es prägnant heisst) berichtet wird.* Also wären, 
meiner ansieht nach, schon wegen dieser beiden sagen Verschmelzungen 
nicht weniger als 8 von den 17 liedern als entschieden norröne zu 
bezeichnen. 

Ferner ist der Inhalt des sonderbaren liedes Oddrünargrätr, der 
überdies auch wider im dritten Sigurdsliede (str. 56) teilweise excerpiert 
wird, ausserhalb der norrönen litteratur unbekant, und unterliegt dem 
verdachte norröner erfindung, oder auch so später einfiQhrang aus Deutsch- 
land her, dass er durchaus nicht „gesamtnordisch" sein könte. Über 



1) Helgkv. Hund. I und II , Gudrünarhvöt , Hamdismal. 

2) Oripisspä 9. Sigkr. ü, 15 f. Ist auch in dem verlorenen liede erwähnt 
worden, wonach Yölsungasaga cp. 25 erzahlt wird (FornaldarsÖgur I s. 180: kann 
drap 8onu Hundings komrngs 6k hefndi föäur sins dk Eylima möäurföätir sins), 

3) Ob man recht hat Sörle und Hamdc zu den ,»acht fQrstcn" des zweiton 
Sigurdliedes str. 5 zu rechnen (was noch einen beleg für die Verschmelzung mit der 
Jörmunrekssage gäbe), ist mir nicht klar. — Dass in einem verlorenen liede sogar 
die anknfipfnng der Ragnarssage sei belegt gewesen, lässt sich nicht mit Sicherheit 
aus Yölsungasaga cp. 27 folgern (FornaldarsÖgur I s. 187 : ddUur okhar Siffurdar, 
AslaugUy skäl fUr tippfceda med pir). 



ÜBEB DIE EDDALIEDER 47 

sehr spätes alter dieses liedes ist man denn auch schon ziemlich einig. 
Ich bezweifle, dass es dänische altertomsforscher als ein „gemeinsam- 
nordisches'* oder als ein dänisches in schütz nehmen möchten. 

Diejenigen gelehrten , welche die Nibelongensage im norden als eine 
nicht enUehnte, und die lieder als nicht norröne, sondern „gesamtnor- 
dische'' wollen angesehen wissen, sind darüber einverstanden, dass die 
anknnpfting der Dietrichsage eine später aus Deutschland hergenommene 
zutat sei, und werden schwerlich diese anknüpfung, oder überliaupt die 
Dietrichsage, schon „im altern und mittlem eisenalter" (d. h. vor der 
eigentlichen Wikingzeit) im norden eingebürgert sein lassen,, werden also 
dem dritten Gudrunslied kein hohes alter zugestehen. Die meisten reden 
von dem späten alter dieses liedes in einem tone, als ob sie es recht 
gern den Isländern schenken möchten. Aber auch das zweite Gudruns- 
lied ruht auf der anknüpfung der Dietrichsage, indem die prosaeinlei- 
tung sagt, es enthalte die klage Gudruns im gespräch mit Dietrich, 
worin sich der samler nicht irrt, indem ja die Übersicht, welche Gudrun 
hier, ältere lieder excerpierend, über ihr leben gibt, eben bis auf den 
Zeitpunkt reicht, wo sie sich mit Dietrich soll unterhalten haben, wie es 
denn auch nicht leicht wäre zu erraten, an welche andere person als 
den Dietrich diese klage gerichtet wäre. Mir, der ich die Nibelungen- 
sage im norden nicht für so sehr alt eingebürgert halte, ist übrigens 
nichts im wege, die Dietrichsage und die Nibelungensage mit einander 
verbunden (und wäre es auch sogar mit solchen details versehen, wie 
denen des Oddrdnargrätr) nach dem norden gelangt sein zu lassen , indem 
ich das dem dritten Gudrunsliede (und von manchen auch dem Oddrü- 
nargrätr) beigelegte späte alter auf die samlung überhaupt ausdehne.^ 

Oben, in den bemerkungen über „landesnatur/' glaube ich dar- 
getan zu haben, dass das Hävamäl ein norrönes lied ist. Dies zieht 

1) Aach Sigurds totung im freien (zweites Gadrunslied und brot af Brynhil- 
darkvidu, oder wie Bugge es nent, brot af Siguräarkviäu) sehen sich die nordischen 
gelehrten in der ärgerlichen läge für spätere deutsche zutat erklären zu müssen, während 
es meinem Standpunkt gleichgiltig bleibt, ob es schon zwei deutsche Versionen dieser 
begebenheit gegeben habe, und ob die tötung im bette (drittes Sigurdslied) deutsche 
▼eraion , oder yariation deutscher version wäre (vgl. Hans Sachsens darstellung) , oder 
aber, ob dies spatere norröne eriindung wäre; wie ich überhaupt jener künstelnden, 
▼erwickelten erklärungen Oberhoben bin, wonach eine menge einzelheiten (so femer 
der Schauplatz am Rhein, die deutschen Völkerschaften, das entfliehen nach Däne- 
mark als fremdem lande, usw.) spätere einmischung deutscher, umdichtungen wären, 
indem solches alles mir nur einfach Zeugnis für deutschen und gegen nordischen 
Ursprung der sage überhaupt ist (ohne dass ich z. b. bei dem entfliehen nach Däne- 
mark, die möglichkeit nordischer hinzudichtung zum deutschen bestand der sage zu 
laugnen brauche). 



48 B. JBSSEN 

nun ferner das Sigrdrifumäl mit sich , welches offenbar eine nachahmung 
ist der beiden letzten abschnitte des Hävamäl, nämlich des Loddfätnis- 
nwl und des rüncUalspättr (zusammen str. 111 — 165), in umgekehrter 
Ordnung, indem im Sigrdrifumäl der runatalspdUr (mnencapitel) zuerst, 
die lebensmaximen zuletzt stehen. Dass eins der beiden lieder dem 
andern zum vorbild gedient hat^ liegt am tage; und das Sigrdrifumäl 
für das ältere zu erklären , wird um so weniger jemand einfallen , als es, 
wie oben erwähnt , so sehr deutlich von einem Christen herrührt. Es ist 
das SigrdrffumäP eben nichts als ein späteres experiment, ein versuch 
die frage zu beantworten, wie die in altern epischen liedem erwähnten 
(aber schwerlich solcher weise ausgeführten) weisen und heilsamen leh- 
ren der Sigrdrffa möchten gelautet haben, wobei denn der Verfasser, 
wenn er ein Isländer war, sehr wahrscheinlich kein anderes hinlänglich 
umfassendes vorbild haben konte als eben das Hävamäl, obschon er in 
seinem runatalspdUr (nämlich in den wenig zutreffenden Strophen 14 — 
17) vielleicht daneben andere ihm irgendwoher bekante rtina^is- Stro- 
phen, und zwar ziemlich ungeschickt, möchte benutzt haben, während 
wider der schluss (str. 19) specieller an den schluss des Hävamäl gemahnt — 
Im zweiten Sigurdslied und im Fäfnismäl sind mehrere sprichwörtliche 
Strophen zerstreut , die ganz an die art d^s Hävamäl erinnern , was ja 
aber nicht hinlänglich ist, um nachahmung desselben und entlehnung 
aus demselben bestimt zu behaupten, da sie eben, wie oft das Hävamäl, 
allgemein gebräuchliche Sprichwörter enthalten mögen;* so Päfnism. 
str. 17, deren letzte hälfte mit der str. 63 des Hävam. zusammentrifll 
{pd kann pat finnr, er meä frceJcnum Jcemr, at engt er einna hvatasfr). 
Weniger sprichwörtlich scheint H Sigurdkv. str. 25 , die an Hävam. str. 60 
(pveginn oh mettr usw.) erinnert, und mir wol eine nachbildung dersel- 
ben zu sein scheint, wie ja denn auch daselbst (in II. Sigurdkv.) ganze 

1) Str. 6 — 37, wozu dann str. 2, 3, 4 passende einleitung wäre, wogegen 
str. 1 und 5 die letzten fragmente eines andern liedes sein werden , vielleicht dessel- 
ben wol schon damals, ein par bruchstücke abgerechnet, nur seinem Inhalt nach 
noch bekanten liedes , woraus der Verfasser von Helreid Brynhildar (str. 6 f.) schöpfte, 
und welches direct oder durch vermittelung des Helreid dem dritten prosastück beim 
Sigrdfm. zu gründe liegt. — Es wundert mich indessen , dass Bngge (ausg. s. 41G 
und 423) dem einfalle beitritt, str. 6, 8, 9, 10 des Helr. aus diesem liede heraus- 
zunehmen , nnd in das Sgrdrfm. hinüber zu versetzen , als ob diese strophen mit dem 
Sigrdrfm. ein gedieht ausmachen würden. Man hat sich vielmehr im Sigrdrfm., 
nebst der prosa, auch str. 1 und 5 hinwegzudenken; dann eben bleibt ein vollstän- 
diges gedieht übrig(ob8chon es die handschrift nicht als besonderes gedieht bezeich- 
net, wol weil es die handlung nicht weiter führt). 

2) Ebenso wäre es nicht notwendig, dass der Verfasser der Sverrissaga die 
Worte fdr er hvatr usw. eben aus Fäfnism. str. 6 entlehnt hätte (vgl. Bugge s. 220). 



ÜBBB DIE EDDALIEDER 49 

fünf Strophen unmittelbar davor stehen, die wie ein versuch in der 
manier des Hävamäl aussehen. 

Bei dem letzten teil des Fäfnismäl ist zu bemerken , dass der sam- 
1er der lieder daselbst nicht weniger als sieben vögel (igdur) reden lässt, 
die nach diesem liede erzählende Völsungasaga^ sechs, wogegen die kurze 
erzählung in der Snorra-Edda* nur von zwei vögeln weiss, die dann 
eben die beiden ersten von den im Päfnismäl stehenden Strophen hersa- 
gen , wie auch das bild (aus christlicher zeit) auf dem schwedischen Ram- 
sundsberg nur zwei hat,* dagegen das am portal der Hyllestad-kirche im 
Säterdal in Norwegen drei.* Dass es nur ein Irrtum des samlers wäre, 
jede der sieben Strophen einem andern vogel in den mund zu legen, 
scheint mir wenig plausibel. Er müste denn, ohne zu wissen was er 
tat, bruchstücke von zwei oder drei liedern zusammengeworfen haben. 
Es wäre doch wol einfacher, hier eine spätere und isländische formation 
dieses abschnittes der sage zu sehen, sich die sache etwa so zu denken, 
dass man aus älterer nur bruchstückweise bewahrter dichtuug die beiden 
ersten Strophen (32 und 33^) noch hatte, und in neuer behandlung des 
Stoffes noch fünf vögelstimmen hinzudichtete (str. 34 — 38); ferner wären 
dann auch die fünf letzten Strophen, die gleichfalls von vögeln gespro- 
chen werden, neudichtung, und wol ursprünglich dann gleichfalls sieben, 
wovon zwei verloren wären, so dass die vögel zwei mal sieben atrophen 
gesungen hätten, die ersten sieben aufmunterung zur tötung Kegins, die 
letzten sieben prophetierende Übersicht über Sigurds spätere Schicksale. 
Snorre würde dann diese neudichtung entweder verworfen oder nicht 
gekant haben, falls man übrigens in so gedrängter erzählung wie der 
seinigen auf blosse nichterwähnung von einzelheiten gewicht legen will. 

Dass die erste Sigurdarkvida (Gripisspä) eines der Jüngern lieder 
in der sandung ist, darüber ist man ziemlich einig. Ich habe schon zu 
verschiedenen malen positive gründe angeführt, es speciel far ein norrö- 
nes zu erklären. Ich kann femer Bugges meinung^ beitreten, dass es 
speciel jünger ist als die so eben besprochenen Fafhismäl und Sigrdrifu- 
mäl, indem die Strophen 11 — 18 auf diesen beiden liedern, so wie wir 
sie jetzt haben, ruhen müssen, woraus ich also consequent zu folgern 

1) Cap. 19 (FomaldarBögor I s. 164), wo der Inhalt einer atrophe (37) fehlt. 

2) In der Skalda. Eopenhagener ausg. I s. 358. (Egilssons aosg. s. 74). 

3) Auf dem des Gökssten ist nur einer deutlich ; aber es ist beschädigt und 
defect. 

4) VgL in Bugges Eddaausg. s. 415. 

5) Welche denn, als bruchstücke, nicht entscheiden worden, ob das ältere 
lied zwei oder drei gehabt hätte. 

6) S. LXX und 415 in seiner ausgäbe. 

SSmCHB. r. DBUT8CHB FHILOLOOIR. BD. UI. 4 



50 E* JB88BN 

habe, dass die Gripisspä auf Island und von einem Christen verfasst ist. 
Es sind die Strophen 11 — 18 ein an misverständnissen leidendes excerpt 
aus den genanten beiden liedern, welche der Verfasser so verstanden 
hat, als ob Sigurd einen besuch bei Gjuke fniher als bei Sigrdrifa und 
Heime abzustatten hätte, und als ob Sigrdrifa und Brynhild zwei per- 
sonen wären; wozu ihn eben jene beiden lieder verleiten konten, indem 
sie nicht ausdrücklich sagen, wer die Sigrdrifa sei, und in den schluss- 
strophen des Fäfnismäl die heirat mit Gjukes tochter früher als die reise 
nach der felsenburg Sigrdrifas erwähnt wird, welchem Verhältnis der 
Verfasser der Gripisspä eine chronologische bedeutung beigelegt hat 

Bücksichtlich der in der handschrift den beiden Atleliedem bei- 
gelegten benennung „grönländisch" trete ich femer Gröndals und Bug- 
ges ^ ansieht bei , dass dabei unmöglich an etwas andres als das ameri- 
kanische Grönland zu denken ist, welches ja am schluss des 10. Jahr- 
hunderts von Isländern colonisiert wurde, und zu anfang des 11. das 
Christentum annahm. Bugge meint mit recht, dies epitheton in grcen- 
lendsku möge sehr wol bezeichnen können: „in Grönland verfasst/^ und 
beruft sich dabei auf die bekanten (oben auch von mir erwähnten) indi- 
cien, dass das Atlamäl von einem Christen herrührt, nebenbei auch auf 
den „weissbären" der strophe 18 dieses liedes, welches er sich also als 
frühestens im 11. Jahrhundert verfasst vorstellen wird, wie ja denn auch 
schon andre nordische gelehrte es als ein sehr spätes anerkant haben.' 
Aber entschieden muss ich Bugge widersprechen, wenn er diese benen- 
nung, wider das zeugnis der handschrift, auf das Atlamäl beschränken 
möchte, weil es seiner meinung nach befremdend wäre, zwei grönländi- 
sche lieder über dasselbe sujet zu haben. Im gegenteil, ich würde es 
befremdend finden, wenn nur das eine der beiden lieder ein grönländi- 
sches wäre. Sie stehen einander im character, stil, spräche, versifica- 
tion so nahe, und stellen sich in diesen beziehungen in so schneidenden 
gegensatz zu den liedem über die vorausgehenden teUe der sage, dass 
man sich versucht fQhlen möchte, sie för zwei zu verschiedenen Zeiten 
gelieferte producte desselben mannes, oder fOr zwei concurrenzstücke 
über aufgegebenes sujet in aufgegebenem stil und metrum zu halten. 
Ich gehe noch weiter, und [gestehe, dass es mich ein wenig befremdet, 
nicht auch das Hamdismäl als ein „grönländisches" bezeichnet zu finden, 
obschon es nur in geringerem grade die characteristischen eigenschaf- 

1) Siehe dessen ausgäbe s. 433, vgl. 428 (292, 282). 

2) Man kann dies so ausgedrückt finden, als ob dies das einzige gedieht in 
der samlung wäre, das nicht älter als die eigentliche wikingzeit ^i^e; es wird aber 
noch jünger sein. 



ÜBEB DIB BDDALIEDEB 51 

• 

ten, den ton and die färbung der Atlelieder zur schau trägt. Es wird 
kein zufall sein, dass wir eben nur die beiden letzten abschnitte des 
Sagenkreises, nämlich die Atlensage und die Jörmunreksage in so nahe 
verwanter modernerer form behandelt finden, während wir eben nur in 
Sigards-, Brynhilds- und Gudruns -liedem einer moderneren form ganz 
andrer art begegnen (wovon weiter unten). Das Hamdismäl scheint 
Bngge für viel älter als das Atlamäl zu halten ; denn von der strophe 24 
des fiamdismäl {styrr varä i rannt usw.) behauptet er/ sie sei von 
rt Brage Skald dem alten *^ in dessen ßagnarsdräpa ^ benutzt {rosta varä 
i ranni), wobei Bugge aber ausser acht lässt, dass auch umgekehrt das 
Hamdismäl die Bagnarsdräpa möchte benutzt haben, oder beide eine 
gemeinschaftliche quelle. Aber auch wenn unser Hamdismäl quelle der 
drdpa wäre, gäbe das, meiner früher ausgesprochenen ansieht gemäss, 
gar keinen chronologischen anhält, indem die authentie der Bragelieder 
(ja obendrein die^existenz des Brage) zu läugneu ist Eine Bagnars- 
dräpa über diese sage ist ein indicium, dass die Verknüpfung der Rag- 
nars- und der Nibelungensage schon bewerkstelligt war. Aber die Rag- 
narssage, um so mehr diese Verknüpfung, konte erst lange zeit nach 
dem tode Bagnars entstellen. 

Von grosser bedeutung ist uns femer ein epithetoii, welches die 
handschrift nur drei liedem beilegt, nämlich „das alte" (in forna, in 
fornu). Erstens nämlich benent sie einen abschnitt der bruchstücksam- 
limg, die zusammen das zweite Helge -Hundingstöter-lied ausmacht: 
„VolsungaJmda in forna y*' welche benennung vor str. 12 steht, und, 
wie Bugge' richtig bemerkt, nur die folgenden stroplien bezeichnen 
kann, wie viele ^ ob vielleicht aUes bis zum schluss des „ zweiten Helge- 
Hnndingstöter-liedes/' ersieht man nicht. Und in der tat gehört dies 
alles zu dem altertümlicheren in der samlung, und ist jedenfalls älter als 
die behandlang im ersten Helge -Hundiugstöter-liede, welches eben ein 
versuch ist, eine partie dieser sagenabteilung in verbesserter und nicht 
bmchstückartiger weise widerzuerzählen. Zweitens erwähnt die liand- 
schrift im prosastück nach dem hrot af Bryrünldarkvläa „das alte 
Gudrunlied" (Guärünarkvuta in forna) in solcher weise, dass man 
ersieht, damit ist das zweite Gudmnlied gemeint.^ Auf den ersten blick 

1) In seiner ausgäbe s. 441. -— Es ist bei ihm str. 23. 

2) Snorra-Edda I s. 372. — Im andern bruclistück dieser dräpa alliteriert 
nnprängliches vr mit r: reiär mit reifnis und radalfs (s. 438). Vgl. ein frülier 
dtiertes bmchstückchen von „Brage/' wo w mit v alliterierte. 

3) Ausgabe s. 193. — Es ist daselbst str. 14. 

4) Weshalb Bngges ausgäbe diese benennung in die Überschrift dieses liedes 
anfhiml 

4* 



52 E* JESSEN 

möchte Wer die benennung „das alte" überraschen. Den nordischen 
gelehrten muss dieses lied für ein im vergleich spätes gelten, weil es 
Sigurd im walde und südlich des Kheins^ töten lässt, mid weil es, dem 
Zeugnis der prosa zufolge, die werte Gudruns an Dietrich enthält. Auch 
mir ist es, wegen der weiter zu besprechenden form, ein sehr spätes, 
und zwar isländisches product. Vergleicht man es aber mit den andern 
Gudrunliedem , meine ich, dass man einräumen muss, dieselben möch- 
ten leicht ganz richtig noch jünger sein. Wegen des dritten Gudrun- 
liedes , desjenigen mit dem Dietrich und der Herkja in den versen selbst, 
werden nun die nordischen gelehrten hierüber auch natürlich keine 
Schwierigkeiten machen. Das erste Gudrunlied liegt ihnen näher am 
herzen, wird aber wahrhaftig eben so wenig ein „altes" sein. Besehen 
wir es. Es föngt mit denjenigen Zeilen an, die gleichfalls im zweiten 
Gudrunlied stehen (str. 11), welche behaupten, dass Gudi'un, bei Sigurds 
leiche sitzend, weder weinen noch die bände zusam&enschlagen konte. 
Das muss derjenigen Version zugehören, wonach Sigurd draussen im 
walde getötet wird, und Gudrun im walde bei der leiche sitzt (der Ver- 
sion des zweiten Gudrunliedes und des brot af Brynhüdarhviäu). Denn 
nach derjenigen des dritten Sigurdliedes , wo er im bette erschlagen wird, 
ist das erste, was sie, bei der leiche sitzend, tut (str. 29 — 30), die 
bände so derb zusanmienzuschlagen , dass „die becher im schranke^ 
erschallen, die gänse im hofe aufschreien," und so überlaut zu weinen, 
dass es bis ins gemach der Brynhild ertönt, die darüber „aus ganzer 
seele lacht." Das erste Gudrunlied nun ruht auf beiden Versionen zu- 
gleich; denn das nicht- weinen -können geht im hause vor sich; daselbst, 
während sie bei der leiche sitzt, finden sich die „jarle" ein, um sie 
weinen zu machen, geben aber die sache auf, wonach die drei fürstin- 
nen, Gjaflaug, Herborg und Gullrönd, von denen sonst auch nicht das 
mindeste bekant ist, und die eigens für dies lied werden erfunden sein, 
eintreten, und so abgeschmackte trostgründe ^ vortragen, dass man sich 
über das fortdauernde nicht -weinen wenig wundert. Zuletzt gelingt es 
doch der Gullrönd, durch eine sonst unbekante, wol speciel für dieses 
lied erdachte scene, die Gudrun zum ei-wünschten weinen zu bringen; 

1) Vgl. fyr handan ver str. 7, und d sudrvega str. 8. 

2) Oder was sonst i vd (str. 29) bedeuten mag. Bugges Vorschlag, es sowol 
hier als Hävam. 25 (26) für i vrä verschrieben sein zu lassen , finde ich extravagant. 
Eher möchte man mit Vigfusson das r wirklich in der ausspräche elidiert sein las- 
sen. Beide mal verschrieben wird es jcdenfaUs nicht sein. Ich meine, es ist eben 
nur ein seltenes, noch nicht erklärtes wort, das mit vrd nichts zu tun hat. 

3) Die Gjaflaug bat „fünf männer" verloren, und sich immer zu trösten 
gewust. 



ÜBER DIE EDDALIEDER 53 

und da ^, regnete es über die knie (wol auch durch das duukle tresk?) 
und die gänse, die herlichen vögel, schrieen dabei auf" (str. 15 — 16), 
was also das weinen des dritten Sigurdliedes ist. Gudrun spricht nun 
ihren jammer in einer rede (str. 18 — 22) aus, deren anfang sie offenbar 
wider direct ihrer späteren rede an Dietrich (nämlich der strophe 2 des 
zweiten Gudrunliedes) entlehnt. Über diese erleichterung des Schmerzes 
wird nun Brynhild zornig, welche mit der GuUrönd repliken wechselt 
(str. 23 — 24), die so vornehmen damen wenig anstehen; wonächst sich 
Brjmhild etwas besonnener an das dritte Sigurdlied str. 37 — 39 wen- 
det, woselbst sie ihre pecuniären interessen in der heiratsfrage offen 
bekent, hier aber, im excerpte (I. Gudr. 25 — 26), nur andeutet. Plötz- 
lich aber steigert sich ihr zorn so, dass sie (str. 27) die scene damit 
abschliesst, „feuer aus den äugen zu sprühen und gift zu schnauben," 
was ihr doch keins der andern lieder nachzusagen weiss. Es dürfte mir 
kaum als extravaganz venibelt werden, wenn ich dies sonderbare lied 
für einen yrillkürlichen isländischen versuch halte, etwas neues aus dem 
in einigen liedem gepriesenen nicht -weinen und nicht -händeschlagen 
zu machen, und dasselbe mit dem gewaltigen weinen und händeschlagen 
anderer lieder zu combinieren , und wenn ich ferner den verdacht hege, 
dass der Verfasser der Völsungasaga hierüber bescheid wüste, und des- 
halb vorsätzlich unterliess, dies lied zu benutzen, und dass gleichfalls 
der samler der lieder recht wol wüste, dass dies lied ein neues wai*, 
und mit ganz besonderem hinblick auf dieses das zweite ein (im vergleich) 
,, altes" nent, obschon er nebenbei auch noch an die beiden andern 
Oudrunlieder, das dritte und die Gudrdnarhvöt, gedacht haben mag. 
Ich möchte nämlich wol annehmen, dass er auch die Gudrünarhvöt als 
ein neues lied gekaut hat, und indirect als ein solches bezeichnet, wenn 
er drittens das Hamdismäl „das alte Hamdeslied" nent Er scheint 
eben so wenig wie wir irgend ein andres lied zu kennen , das auf irgend 
welche weise ein Hamdeslied wäre , als eben nur die Gudrünarhvöt , wird 
wol auch wider hier „alt" mit beziehung auf irgend eins der andern 
lieder gebraucht haben, ^ und hätte nicht umhin können zu bemerken, 
dass das eine der beiden lieder mit so gutem fug wie das andere sich 
als ein Hamdeslied betrachten liesse, was in beiden fällen nur teilweise 
zutreffende benennung abgibt, wie denn andrerseits auch „Gudrünar- 
hvöt" ungenaue bezeichnung ist, indem „Gudruns antreiben" zur erschla- 
gung Jörmunreks nur einleitung ist, um eine Situation aufzutreiben, wo 
Gudnm einmal wider eine excerpierende Übersicht über ihr leben geben 
könte. Der erste teil der Gudrünarhvöt kann aus dem Hamdismäl (in 

1) So ist mir anch die bcnenniing Bjarkatnai in fornih zeugnis, dass man vom 
jüngeren alter eines andern Bjarkamdl gewust hatte (vgl. oben s. 21 f.). 



54 E. JESSEN 

etwas minder |conaimpierter gestalt des letzteren als der jetzt vorliegen- 
den) hergenommen sein, obgleich auch beide auf gemeinsame quelle 
zurückführen könten. Dass die bezeichnung von drei dieser heldenlieder 
als „alten" eine Vorstellung von andern als im vergleich neuen impli- 
ciert, folgt von selbst. Eine samlung von liedern aus „dem älteren und 
mittleren eisenalter" .würde durchgängig so „/brw" gewesen sein, dass 
von einer Unterscheidung des mehr und des minder „/brwew," geschweige 
denn von einer kleinen aristokratie aus nur drei speciel „fornen**^ lie- 
dern bestehend, gewis nicht die rede gewesen wäre. 

Wol nicht ohne bedeutimg ist es, welche der lieder der Verfasser 
der Völsungasa^ nicht benutzt hat. Er hat ja nämlich sonst, neben 
ein par verlorenen,^ eben die uns bewahrten benutzt und grossenteils in 
prosa umgesetzt, wobei parallele lieder, so die beiden Atlenlieder, und 
die beiden letzten (Gudrhv. und Hamdm), je beide durchblicken. Nicht 
benutzt sind: Helgakvida Hundingsbana 11, Oddrünargrätr , Gudrönar- 
kvida lU und I , Helreid Brynhildar , welche liste meines erachtens kund 
gibt, dass die nichtbenutzung eine vorsätzliche war. Der erste teil der 
sage von Helge dem Hundingstöter steht in der Helgakv. Hund. 11 
(str. 1 — 27) unvollständig, unordentlich, wenig klar, dagegen in der 
Helgakv. Hund. I viel vollständiger, ordentlicher und leichter zu lesen. 
Der zweite teil dieser sage, welcher im ersten liede fehlt, hat so wenig 
bedeutung für die Wölsungengeschichte (mochte vielleicht auch noch 
dem bewustsein nicht zu undeutlich als etwas dieser geschichte ursprüng- 
lich fremdes dastehen), dass er sehr passend wegbleiben konte, indem 
der sagaverfasser die sache nur mit der bemerkung* abzufertigen brauchte, 
dass „Helge die Sigrun heiratete und ein berühmter könig ward." Ähn- 
liche bewantnis wie mit dem weggelassenen teile der Helgensage hat es 
mit Oddrünargrätr und Gudrünarkvida III. Auch wenn der sagaverfas- 
ser den inhalt dieser beiden lieder nicht für willkürliche erfindung hielt, 
würde er ihn als überflüssig ausgeschlossen haben , den der Gudrkv. IE 
um so mehr, als er sich überhaupt auf die Dietrichsage nicht einlässt, 
die er doch sehr wol kante, da er ja bekantlich eben aus den abteilun- 
gen in der saga pidreks , die von den Wölsungen und Nibelungen han- 
deln , etliches entlehnt hat. ^ Helreid Brynh. und Gudrkv. I wird der 

1) Die in der lücke der bandschrift zwischen SigrdHfumdl und hrot af Bryn- 
hildarkciäu gestanden haben müssen. — Bugge (LXVII) setzt die entstehung der 
schriftlichen liedersainlung am 1240, die saga in die letzte hälfte des 13. Jahr- 
hunderts. 

2) Völs. cap. 9 (Fomalds. I s. 141) , wo in den scblussworten ok er hawn hSr ekki 
sidan viäpessa sögu das fi^r (hier) andeutet, dass man anderswo mehr vom Helge erzählte. 

3) Siehe hierüber z. b. diese zeitschr. I s. 417 unten. 



ÜBEB DIS BDDALIEDEB 55 

sagayerfasser geradezu als ganz verwerflich betrachtet haben; er könte 
sehr wol sogar positive konde gehabt haben, dass diese beiden als will- 
kürliche erfindungen entstanden waren. Es hat demnach, meines bedfin- 
kens, die liste der nichtbenutzten lieder durchaus keinen zufälligen 
Charakter. 

Nachdem ich hiemit eine reihe mehrfach in einander greifender, 
und alle 17 lieder^ angreifender litterarischer Verhältnisse aufgeführt 
habe , die uns mit vereinter kraft zu dem resultat hindrängen , dass diese 
lieder (selbst die altertümlichsten nicht ausgenommen) unmöglich „dem 
altem und mittlem eisenalter," also den zeiten vor der grossen wiMng- 
zeit , zugehören können , vielmehr , wenigstens gröstenteils , sogar erst 
dem Zeitalter nach den wikingzügen zugehören werden, femer dass 
sie keinesweges dänische (noch auch schwedische) lieder sein können, 
sondem nur norröne, am ehesten isländische,^ bleibt noch übrig, den 
Charakter und ästhetischen wert dieser heldenlieder (ein gebiet, 
worauf wir schon gelegentlich hinüberstreifen musten) näher zu erwä- 
gen, um zu sehen, inwiefern auch hierin bestätigung, speciel in der 
flrage über isländisch, zu finden wäre. 

Es versteht sich denn nun sofort von selbst, dass diese lieder sich 
in der genanten beziehung auf ein überaus unprimitives Stadium hinstel- 
len. Sie bilden ja nämlich keine einheit , auch da nicht einmal , wo von 
keiner Verknüpfung verschiedener sagen die rede sein könte, sondern nur 
von ursprünglicher, unteilbarer einheit der sage. Kechnen wir die Jör- 
munrekssage und die Helgensage ab: die geschichte Sigurds und der 
Nibelunge bildet zusammen eine einheit, eine sage, somit ursprünglich 
natürlich ^in gedieht. Und will man den Untergang der Nibelunge 
gleichfalls abziehen: nun wol, es muss doch wenigstens Sigurds, Bryn- 
hilds und Gudruns geschichte immer eine einheit gebildet haben, die 
ursprünglich nur insofern in mehrere lieder kann zerlegt gewesen sein, 
als sie zu weitläufig für nur einen vertrag war, das gedieht also von 
selbst in mehrere einander fortsetzende cantos zerfallen muste , wie alle 
grösseren volkstümlichen epischen gedichte, wie die Dias, die Odyssee, 
das Nibelungenlied, der Beowulf usw. Die Edda liefert aber nicht eine 
reihe cantos, die zusanmien ^in gedieht, entsprechend der eüiheit der 
sage, bilden, sondern eine anzahl vereinzelter, losgerissener versuche, 

1) Am schwächsten das kurze brot af Sigv/rdar- oder Brynhüdarkviäu für 
sich genommen. Aber es will nicht für sich genommen sein. 

2) inclusive grönländische. — Auch die von Norwegern colonisierten inseln 
nördlich und westlich Schottlands dürfen nicht ausgeschlossen sein. Etwas speciel 
auf dieselben deutendes weiss ich nicht vorzubringen. 




56 E. JESSEN 

partieen oder personen der sage für sich zu besprechen,* und zwar so, 
dass die darstellung oft nicht einmal eine direct epische ist, sondern 
eine indirecte, indem irgend eine person die begebenheiten memoriert 
oder prophetiert; ferner so, dass bei den Zuhörern schon gründliche 
kentnis der sage vorausgesetzt wird: nur wer in der sage wolbewandert 
ist, vermag die einzelnen lieder zu verstehen. Ich vermag hierin durch- 
aus keinen „erhabenen grossartigen überblick," geschweige denn etwas 
uraltertümliches, primitiv germanisches oder nordisches, noch überhaupt 
in der art, wie es ausgeführt ist, irgendwie etwas volkstümliches zu 
entdecken (obschon ich nicht jedwede Zerstückelung einer sage in 
kleine von einander unabhängige lieder sofort für etwas unvolkstümliches 
erkläre). Ich höre keinesweges „das ältere und mittlere eisenalter," ja 
auch nicht einmal die wikingzeit in diesen liedem singen. Im gegen- 
teil, es klingt mir wie die schwächliche, unpoetische neubearbeitun^ 
der letzten epigonen , w|e versuche litterarischer liebhaber. Wie sollte 
man sich die sage in solchen langweiligen, unharmonischen, zersplitter- 
^ ten übersichts- und repetitions - darstellungen ein halbes oder ganzes 
'/ Jahrtausend hindurch im ganzen norden überliefert denken? Warum 
sollte man eben an dieserlei form die langen zeiten hindurch hartnäckig 
festgehalten haben? Es muss ja doch vor dieser eine zusanmienhän- 
gende, und vor allem eine directe darstellung der sage als einer nicht 
schon bis zum überdruss bekanten und eingeübten gegeben haben. Und 
es muss eine solche darstellungsart die einzige wirklich volkstümliche 
gewesen sein, die einzige wirklich geniessbare und unterhaltende, die 
einzige, wodurch das spannende und erregende der handlung nicht ver- 
loren gienge , die einzige ohne commentar verständliche , somit die einzige, 
worin sich die sage verbreiten und leicht überall erhalten könte. Man 
mache doch einmal das gedankenexperiment durch, wie sich die sage 
seit „dem altem und mittlem eisenalter" (oder auch nur durch die 
Jahrhunderte der wiküigzeit) mittelst der uns bewahrten lieder hätte 
von „SüdscandiiiavifiDL" aus über den ganzen norden verbreiten und über- 
all erhalten sollen. Die eine generation nach der andern hätte mit 
geduld, ja mit heisshunger und entzücken solchen unsinn angehört, wie 
z. b. dass Gripir dem Sigurd dessen ganze geschichte im excerpte vor- 
hererzählt (wie in I. Sigkv.) , so dass Sigurd , der erzritterliche held , die 
Brynhild mit dem vollen bewustsein besucht hätte, dass er, und wie 

1) Wir mögen hicbei die weise bemerken , wie mehrere lieder anheben : ar t?ar 
alda pat er arar gidlu (I. Helg. Hund.); dr var pats Gudrun göräisk at deyja 
(I. Gudr.); dr var pats Sigmar aötti Gjüka (UI. Sig.); Ätli sendi dr ül Gun- 
nars (AÜkv.); so mag ein gedieht , aber nicht leicht ein neuer abschnitt desselben 
anheben^ 



ÜBSB DIE EDDALIEDER 57 

er sie hintergehen werde; d^ss ferner Gudrun eben so präcis detaillier- 
ten, obschon ebenso excerpierenden bescheid über ihre künftigen erleb- 
nisse von der Brynhild anhören muss,^ so dass gleichfalls Gudrun zur 
offenen betrügerin wird an Sigurd und an Brynhild, und Brynhild alles 
recht verliert, sich hernach von dem durch die waberlohe reitenden 
Sigurd täuschen zu lassen, und den betrug erst lange nach der heirat 
zu entdecken; dass Bi7nhild noch einmal dem Gunnar und vielen andern 
die geschichte mit Atle, so auch die mit Oddrun und die mit Jörmun- 
rek excerpierend vorhersagt (III. Sig.), und nachdem sie bedauert hat, 
dass der tod sie unterbricht (sonst würde sie mehr sagen*), sofort noch 
auf dem wege nach der unterweit einen neuen anfall der Redesucht hat, 
und ein hexen weih, von dem sie ohne jede veranlassung aufgehalten 
wird, mit einem excerpierenden, psychologisch abwägenden Vortrag ilber 
ihre vUa regaliert (Helr. Brynh.); wie denn auch Gudrun dem Dietrich 
ihr leben übersichtlich erzählt, mit der vorhersagung des zu begehenden 
gatten- und kindermordes abschliessend (II. Gudr.), und diese geschichte 
später noch einmal monologisch widerholt (Gudrhv.); und gleichfalls auch 
die Oddrun diffuse Übersichten über partieen der sage der Borgny vor- 
trägt, die doch wol ungefähr eben so guten bescheid wissen mochte. 
Überall wäre die geduld der zuhörer durch nutzlose, unpoetische repe- 
titionen des bekanten hingehalten worden, und in allen richtungen der 
effect der handlung vernichtet, indem man alles erst prophetierend, 
dann repetierend hätte durchgehen müssen. Das Interesse an den perso- 
nen und ihrem Schicksal sollte sich frisch erhalten haben, obschon alle 
psychologische denkbarkeit, jede begreifliche Vorstellung von mensch- 
lichen seelenzuständen und menschlichem handeln vernichtet wäre , indem 
nichts mehr geschehen konte, was die handelnden personen nicht schon 
alle voraus wüsten (inclusive ihrer eignen verkehrten schritte, und aller 
folgen derselben). Ich kann mir die Verbreitung und längere mündliche 
Überlieferung der sage in so monströser abart der sagendarstellung nicht 
denken, ja nicht einmal recht vorstellen, dass diese abart die ältere, 
acht epische und directe darstellung ohne weiteres verdrängt hätte. Ich 
finde es bei weitem vernünftiger anzunehmen, dass so etwas nicht ein- 
mal dem spätesten stadium des volkstümlichen heidnischen gesanges, 
sondern einem litterarischen, somit christlichen Zeitalter zugehört. Den- 
ken wir uns diese lieder als litterarische ergänzungsversuche eines zeit- 

1) Dies ist nämlicb der wesentliche Inhalt des licdes gewesen , wonach cap. 25 
der Völsangasaga erzählt wird. Das lied selbst ist durch die bekante lücke in der 
Eddahandschrift verloren gegangen. 

2) mart ek aagda, munda ek fleira, er mir meir mjötudr mdlrüm gtBfi, 
(in. Sig. 68). 



58 B. JESSEN 

alters, wo man den Inhalt der gesamten sage noch sehr wol wnste, wo 
aber in der tradition der werte der alten lieder viele grössere und klei- 
nere lücken eingerissen waren, die alte einheitliche liederreihe nur noch 
in ungenügendem, fragmentarischem zustande vorlag. Das würde wol 
nur auf die isländischen litterarischen zustände passen. Sieht man die 
Sache in derartigem lichte, dann, meine ich, ordnen sich alle facta natür- 
lich und zwanglos. Eine solche dichtung würde die altern fragmente 
vielfach incorporieren. Man begreift nun , wie die enorme abgeschmackt- 
heit (die sich ja auch in so manchen, zum teil oben berührten details 
kund gibt ^) neben der grossartigen poesie der hauptsage selbst beste- 
hen kann, sa wie auch neben dem poetischen schwunge einiger Strophen 
und Strophenreihen (so des letzten teiles der n. Helg. Hund. , und ver- 
schiedener in andern liedern, besonders Fäfnism. und IL Sigkv., zer- 
streuter Strophen^). Man begreift, wie die alle andern altgermanischen 
heldensagen überbietende tiefe psychologische richtung der hauptsage spä- 
ter, auf dem afterstadium unsrer lieder, zu jenen ermüdenden vortragen 
der daiuen verfahrt hat, jenem redseligen und unzarten demonstrieren 
über ihre eigne psychologische Stellung. Man begreift, wie das dem 
Interesse wirklich forderliche dunklere und andeutende prophetieren der 
volkstümlichen darstellung („dir werden die bauge zum tode;^^ „meines 
goldes soll niemand gedeihen ; " „ dir ist kurzes leben beschieden ; " „ euch 
wird der eidbruch verderben;" und dgl.) auf dem repetierenden, auf- 
summierenden Stadium zu dem absurden excerpierenden detailprophetie- 
ren unserer lieder verleitet hat. Man begreift wie schon in den alter- 
tümlichsten liedern so manches offenbar wenig alte (so vor allem die 
Verschmelzung mit der Helgensage) auftreten kann: es werden sogar 
die ältesten frühestens dem spätem teil der wikingzeit entstammen. 

Den grösten und am wenigsten, vielleicht gar nicht von weit später 
erneuernder band berührten Überrest älterer dichtung haben wir im zwei- 
ten Helge - Hundingstöterliede , wogegen das erste jüngere bearbeitung des 
ersten teiles der geschichte Helges ist , eine direct epische , und dennoch 

1) Vgl. das früher bemerkte über kenningar, über den stil der Atienlieder, 
zum teil des Hamdesliedes , über die Sonderbarkeiten der Gndr. I , auch der Sig. IH 
asw. Als ganz besonders grelle beispiele möchten noch genant werden: kofui t>arp 
öndu evm konungr fjörvi (Sig. Hl, 29); g&ngu aUir ok p6 ^sW hana at letja: 
hratt af halsi hveim par 8er (ib. 41 ~ 42) ; f6 opt svikinn (Atlam. 52) ; em ek litt ki- 
kinn, Ufa tel ek van enga (ib. 88) usw. 

2) Wenn auch sogar sonst sehr unbefangene deutsche altertumsforscher (von 
nordischen will ich nicht reden) sich in überschwänglichem lob der eddischen helden- 
lieder ergehen, meine ich eben, dass solche vereinzelte poetische stellen, und noch 
mehr die poesie der sage ihr äuge, in bezug auf den eigentlichen Charakter der lie- 
der überhaupt, geblendet hat. 



ÜBEB DIB BODALIEDEB 59 

in ihrer art anantike bearbeitung, die übrigens Strophen mit dem zwei- 
ten gemeinsam hat, welche also ans älterer bearbeitong herfibergenom- 
men sind. Das widererzäMen hört man dem ganzen ersten liede an, 
das eilende übersichtliche excerpieren besonders den Strophen 9 — 14. 
Der schwülstige, prätentiöse stU^ und die zahlreichen henningar sind 
oben erwähnt Poetisches talent möchte man dem Verfasser nicht 
absprechen; aber weder hat er den rechten alten epischen stil getroffen^ 
noch anch sonst hier ein befriedigendes gedieht geliefert.^ — Überreste 
älterer dichtnng liegen wol auch vor in ü. Sigkv. str. 1 — 18 und 26, 
und in Fäfidsm. 1 — 10 und 16 — 33, wogegen das übrige unter diesen 
beiden Überschriften meines bedünkens von späterer band herrühren muss, 
was ich schon früher angedeutet habe.^ — Schon der hinzugedichtete 
schluss des Fäfhismäl enthält jenes detaillierte und doch excerpierende 
prophetieren , welches ich unbedenklich der litterarischen isländischen 
Überarbeitung des Stoffes zuschreibe. Biographische übersichts - und repe- 
titionslieder, zum teil prophetierende , alle von geringem ästhetischen 
werte, sind nun ferner: I. Sigkv. (d. L Gripisp.); in. Sigkv.; das durch 
die lücke in der handschrifk verlorene , aber in Yölsungasaga cap. 25 
benutzte Brynhildlied; Helr. Brynh. ; IL Gudrkv.; Gudrhvöt; Oddrü- 
nargr.; wahrscheinlich auch das brcd af Brynküdarkviäuy dessen frag- 
mentarische kürze jedoch kein sicheres urteil gestattet. — Ganz willkür- 
liche experimente aus demselben Zeitalter wie die soeben aufgezählten 
lieder werden sein: Sigrdrfftmiäl und I. Gudrkv.; über beide habe ich 
schon meine ansieht ausgesprochen. Nicht anders möchte es sich viel- 
leicht mit ni. Gudrkv. verhalten , worüber ich übrigens sonst nichts 
bestimteres vorzubringen weiss.' — Übrig bleiben nun die beiden Atlen- 
lieder und das Hamdeslied, welche wider direct episch sind, und eine 

1) Das in der Morkinsldiina und in der Hrokldnskinna aufbewahrte (in Fom- 
mannasogar Vn s. 6 ff . and in der Christiania - ausg. der Mork. s. 132 ff. gedruckte) 
im achtzeiligen famyräalag abgefasste lied des skalden Gisl lUugason über könig 
Magnus Barfuss, welches jedenfalls nicht älter als das jähr 1100 ist (und dessen 
authentie wol nicht zu bezweifeln wäre), zeigt in behandlung des metrums und in 
der Phraseologie so entschiedene ähnlichkeit mit dem ersten liede über Helg. Hund., 
dass es erlaubt wäre, den Gisl für den Verfasser auch dieses letzteren zu halten. 
Einen entscheidenden beweis für diese Vermutung vermag ich jedoch nicht vorzu- 
bringen. 

2) Die mythologischen Strophen: Fäfn. 12 — 15, müssen wol ein ganz zufalli- 
ges, ungehöriges einschiebsei sein. — Dem dreimaligen {v)reidr vega des Fäfoism. 
(zwei mal in Sprichwörtern) ist übrigens kein gewicht beizulegen (vgl. oben s. 29). 

3) Das heimliche gesprach zwischen Gudrun und Dietrich (II. Gudr.) möchte 
den einfall erregt haben, Atle werde eifersüchtig geworden sein, und dieser einfall 
die III. Gndr. ohne andern Zusammenhang mit der sage hervorgerufen haben. 



60 E. JESSEN 

klasse fflr sich bilden. Trotz der durchgängig directen darstellung sind sie 
ganz und gar nicht altertümliche Überreste, obschon sich das Hamdismäl 
näher an ältere dichtung hält als die Atlenlieder. Ich habe über diese 
drei meine auffassung schon früher dargelegt, so auch, dass mir das Harn- 
dismäl in seiner bewahrten gestalt unbedenklich demselben Zeitalter und 
derselben „schule'' zugehört, wie die beiden andern. — Bei der lücke 
in der handschrift zwischen Sigrdrlfumäl und brot af Brynhildarhviäu, 
welcher lücke die capitel 23 — 28, gröstenteils auch 2-9, in der Völ- 
sungasaga entsprechen, bleiben wir natürlich in ungewisheit über den 
Charakter der daselbst verlorenen lieder, nur dass ganz deutlich das 
cap. 25 der saga auf einem prophetierenden übersichtsliede beruht, dessen 
einleitung eine Situation zu wege bringen sollte, wo Brynhild prophetie- 
ren könte, und eben diese detaillierte prophetie die hauptsache war. 
Es ist möglich , dass die lücke ferner neubearbeitungen ähnlich dem drit- 
ten Sigurdliede enthalten hat, aber auch, dass daneben grössere Über- 
reste älterer dichtung sind aufgezeichnet gewesen (wie ja denn jedenfalls 
die neubearbeitungen stellen aus derselben unverändert werden herüber- 
genommen haben) ; endlich auch , dass längere prosastücke die geschichte 
vervollständigt haben (so möchte man wol noch immer mit P. E. Mül- 
ler und Keyser und gegen Bugge mutmassen, dass den capiteln 23 — 24 
der saga kein lied, oder kein vollständiges, als grundlage gedient 
hat). Wenn Bugge (in der note) meint, das brot af .jSiguräarhndu^'^ 
(= Brynhüdarkviäu) werde der Überrest eines überaus langen Sigurd- 
liedes sein, dessen bei weitem grösserer teil durch die lücke verloren 
wäre , und dem gegenüber die handschrift die lange III. Sigkv. als „ die 
kurze" {in skamnid) bezeichnen konte, habe ich hiebei zu bemerken, 
dass der name „ Siguräarkviäa in skamnm" näher besehen nur einem 
teile dieses liedes angemessen ist , so dass das ganze vielleicht auch einen 
umfassenderen namen getragen hätte, in welchem fall der schluss auf 
flbergrosse länge eines andern Sigurdliedes unsicherer wird. — Die 
früheren teile des Sagenkreises, die „Vorgeschichte," wird man wol der 
ueubearbeitung weniger wert gehalten haben. Wahrscheinlich hat I. Helg. 
Hund, als vereinzelter versuch dagestanden. Dieses lied ist im 8. und 
D. capitel der saga benutzt. Mit dieser ausnähme werden aber den 
ersten 13 capiteln der saga schwerlich vollständige lieder zu gründe lie- 
gen. In den wechselreden blicken mehrmals alliterationsstäbe durch. 
Man wird wol am ehesten nur mehrere bruchstücke der älteren dichtung 
übrig gehabt haben, in so verkünmiertem zustande, dass sie der auf- 
nähme in die liedersamlung nicht wert gehalten wurden. Es werden 
solche bruchstücke meist dialogische gewesen sein (wie ja auch in der 
liedersamlung die altertümlicheren Überreste fast nur wechselreden sind). 



UBKB DIE EDDALIEDER 61 

Den Inhalt auch dieses teils der sage muss man ganz gut festgehalten 
haben. Aber ich muss Bugge widersprechen , wenn er es * für erwiesen 
hält, der sagaverfasser habe eine menge hieher gehörige lieder ausser 
denen der „Sämundar-Edda" gehabt. Bugges gründe sind sehr schwach; 
sie erhärten nur, was jedenfalls niemand bezweifeln könte: dass der saga- 
verfasser einige fragmente von sonst verlorenen liedern kante. Sein lie- 
derschatz war meines bedünkens sonst eben nur die uns erhaltene sam- 
lung* in nicht lückenKaftem zustande, von welcher er mehrere der lie- 
der (vorsätzlich) nicht benutzte. — Bugges meinung, dass die samlung 
mit dem Hamdismäl wirklich abgeschlossen, und der codex regius also 
nicht ,yin fine mancus" sei,* trete ich unbedenklich bei, obschon Bugge 
nicht bemerkt zu haben scheint, dass auf der letzten, ursprünglich wol 
leer gelassenen halbseite, nach einem Zwischenräume, eine anzahl jetzt 
wol völlig unleserliche zeilen hinzugefugt sind, ob mit derselben band 
wie vorher, vermag ich nicht zu entscheiden. Dass das manuscript zur 
zeit, als diese zeilen hinzugefügt wurden, nicht noch mehr blätter am 
ende enthielt, schliesse ich daraus, dass diese zeilen ganz bis an den 
untem rand reichen, während sonst im codex ein breiter marginalraum 
unten leer steht. Der sonst ungebräuchliche Zwischenraum vor diesen 
Zeilen bezeichnet wol auch dieselben als eine zutat (man könte auf eine 
note über Heime und Aslaug raten, entsprechend dem schluss der Völ- 
sungasaga). 

Gegen die haltlosen beruftmgen auf den vermeintlich höheren 
stand altdänischer cultur, und gegen die hergebrachten phrasen über 
die herlichkeit dieser lieder als beweis ihres entstehens im vorgeb- 
lichen culturlande , glaube ich hier eine ziemlich hinlängliche menge Ver- 
hältnisse zusammengestellt zu haben, welche die abfassung dieser hel- 
denlieder ganz und gar nicht dem „altern und mittlem eisenalter" in 
„ Südscandinavien ," sondern gröstenteils einem isländischen litterarischen ^ 
Zeitalter (dem 11. — 12. Jahrhundert, vielleicht sogar auch dem anfange 
des 13.) zuweisen müssen, obschon einige, jedenfalls doch norröne, bruch- 
stücke älter sein werden. 

1) In seiner Eddaausg. XXXIV — XLI. 

2) Deren prosastücke er ja gleichfalls gelegentlich benutzt. 

3) Ausg. 8. V. — Ein indicium, dass am ende nichts fehlt, wäre wol auch 
der umstand, dass nicht das letzte, sondern im voraus schon das vorletzte blatt (als 
überflftssig) abgeschnitten ist. 

4) Mit welchem ausdruck (in crmangelung eines praciseren) ich das Zeitalter 
dieser lieder von dem der eigentlichen heidnischen volkstümlichen poesie unterscheide. 
Ich verwahre mich gegen eine solche deutung meiner werte, als ob ich meinte, die 
lieder müsten sogleich schriftlich verfasst sein , was' übrigens bei einigen nicht 
unmöglich wäre. 



62 B. JESSEN 

Hier, zwischen den beiden- und den götter-liedem, möchte ich 
ein par werte über das nur im Flate]/jarbök (um 1390) aufbewahrte, 
gewöhnlich aber in ausgaben der „Eddalieder '* angenommene Hynd- 
luljöd einschieben. Obschon ton und Charakter durchgängig ganz einer- 
lei ist, trete ich Bugges meinung bei, dass es nicht ein lied sei, dass 
str. 28 — 43 (bei Lüning 28 — 41, bei Bugge 29 — 44) stück eines 
mythologischen liedes ist (VÖluspä in skamma wird es in der Snorra- 
Edda benant^). Das übrige, das Verzeichnis dör heroen und heroen- 
geschlechter, wird übrigens auch nicht vollständig sein; so möchte nach 
str. 27 (28) eine erwähnung Sigurd Bings und Kagnar Lodbroks aus- 
gefallen sein. Dass die beiden lieder ohne Ursache zusammengefegt 
wären, finde ich ganz unwahrscheinlich. Da der ton so ganz derselbe 
ist, vermute ich, man wird eine bestimte künde gehabt haben, dass 
beide zusammengehörten, dass beide von einem Verfasser herrührten, 
der denn in einem liede (das er nach der altem Yöluspä „die kürzere 
Yöluspä'* benante) eine schematische Übersicht seiner mythologischen 
kentnisse an den tag gelegt hätte, in einem andern eine derartige über 
sein sagengeschichtliches wissen. Das mythologische lied nun rührt von 
einem Christen her; denn dem Verfasser war cde mythenweit etwas ver- 
gangenes, wie das mehrmals seine präterita bezeugen: „Freyr hatte 
die Gerdr, diese war tochter des G^mir;^' „ein ungetüm [Hei oder Mid- 
gardswurm] schien (poUi) vor allen das ungeheuerlichste zu sein;^^ 
„Haki war söhn derHvedna" usw. Einem beiden waren Freyr, Gerdr, 
G]^mir, Hei (oder Midgardsormr) alle noch am leben, und Gerdr noch 
immer gemahUn des Freyr ;^ er hätte nur sagen können: Freyr hat die 
Gerdr, usw. Das eigentliche Hyndluljöd, ebenso herplappemd als die- 
ses mythologische, und im höchsten grade confus,' ist übrigens dem 
sagenbestand der isländischen litteratur ganz angemessen: es bekümmert 
sich nicht sonderlich um die vielen Ueinkönigsgeschlechter , sondern 
vorerst um die Tnglingar (Harald Schönhaars geschlecht), Skjöldungar, 
Skilfingar, Yölsungar (oder Tlfingar), Gjükungar, ödlingar (geschlecht 
des Eylimi: str. 25), nent auch Arngrimssöhne , Halfsrecken und einige 
andere norröne familien. Es hat die eigentümliche norröne- Verknüpfung 

1) I, 42—44, wo eine atrophe citiert wird. 

2) Letzteres ist zwar aus dem Skimismal allein nicht ganz deutlich zu erse> 
hen; die Snorra-Edda aber, die sich hierin nicht irren würde, erklart das Verhält- 
nis fttr eine förmliche ehe. 

3) K. Maurer (Quellenzeugnisse über das erste landrecht usw. s. d2) sagt: 
„Die oonfose art» wie dieses genealogische lied die ... geschlechter und personen 
durcheinander mischt, nimt iSm jede weitere bedeutung, als etwa die eines Zeugnis- 
ses, dass die in ihm genanten namen wirklich in jedermans mund waren." 



ÜBER DIB EDDALIEDER 63 

des norwegischen königtums mit dem dänischen;^ femer die der Helgen- 
sage (str. 25) mid die der Jörmunreksage mit der Nibelungensage (Jör- 
munrek wird str. 24 ausdrücklich ,, Schwiegersohn Sigurds^'' genant). Es 
ist dies ganz entschieden ein norrGnes lied. Beide lieder sind solche 
gelehrsamkeitsproducte , dass sie nur dem „litterarischen'' isländischen 
Zeitalter zugehören können. 

Gehen wir demnächst an die besprechung der götterlieder in 
der ,,Sämnndar-Edda.'' 

Der codex regius enthält ja deren 9: Völuspä, Vafprddnismäl, 
Orimnismü, Sklrnismäl, Härbardsljöd, Hymiskvicta, Lokasenna, ^ryms- 
krida, Alvfssmäl. Im Arnamagnäanischen handschrifbbruchstück stehen 
von diesen nur 5 (in anderer Ordnung: Härb., Sklm. , Vafl)r, Grimn., 
H;fnL, die drei ersten defect^) und ausserdem (zwischen Härb. und 
Skim.) Vegtamskyida, die im codex regius fehlt, und von der ebenfalls 
die Snorra-Edda nichts weiss. Auch Härb., H^m. und sogar prymskv. 
sind der Snorra-Edda fremd, wogegen sie die sechs äbrigen benutzt, 
indem das Skaldskaparmäl zwei Strophen aus Alvfssmäl und zwei aus 
Grimnismäl citiert, die Gylfaginning eine aus Lokasenna, eine aus Skfr- 
nismäl, wie sie auch dieses lied weiter benutzt, und grossenteils nach 
Völuspä, Taft^rüdnismäl, Grimnismäl ausgearbeitet ist, von welchen dreien 
viele Strophen vorkommen. — Erinnern wir uns , dass wir (mit Bugge) 
die ganz unrichtig sogenante „Sämundar-Edda^^ für jünger als die 
Snorra-Edda zu halten haben; dass letztere, wahrscheinlich sowol Gyl- 
faginning als Skaldskaparmäl, jedenfalls letzteres, wirklich von Snorre 
(t 1241) herrühren muss; dass die Gylfaginning jedenfalls etwas älter 
als das Skaldskaparmäl ist; dass die urhandschrift der liedersamlung, 
die wir „Sämundar-Edda^' nennen, (wie Bugge meint) erst um die 
mitte des 13. Jahrhunderts wird entstanden sein; dass der uns erhaltene 
codex dieser samlung (cod. reg.) wol aus dem schluss desselben Jahrhun- 
derts (also nicht viel jünger als die aus den heldenliedem der samlung 
excerpierte Yölsungasaga) ist; dass das amamagnäanische handschrift- 
bruchstück, dessen lieder, die Vegtkv. ausgenommen, alle einer hand- 

1) Dieselbe blickt auch imRigsmäl hervor, und ist vielleicht in einem verlo- 
renen schluss des liedes dorchgefährt gewesen, worüber vgl. Bngges anmerkung 
8. 149 f. Dies lied steht nur in einer handschrift der Snorra-Edda; was gleichfalls 
mit dem Grottasöngr der fall ist. Über letzteres gedieht habe ich hier nichts bestirn- 
teres vorzubringen. Es scheint mir einen angewöhnlich neutralen Charakter zu haben. 
Norröne indicien waren wol nur kcsmia Gratti ar grjd fjaüi (10) und setberg (11). 

2) Nach Hym. folgen ein par Zeilen der prosa zur Yölundarkv., d^m Iftcke 
and dann teUe der Snorra-Edda und anderes. 



64 E* JESSEN 

Schrift der „Sämundar-Edda" eutnommen sind, im früheren teile des 
14. Jahrhunderts geschrieben ist. 

In der Snorra-Edda finden sich spuren und fragmente von noch 
etwa einem dutzend andrer mythischer lieder.^ I. s. 102 (bei Egilsson 
s. 17) wird citiert aus einem „Heimdallargaldr": 

niu em ek mcedra mögr^ niu em eh systra sonr, 
I. 94 (E. 15) zwei Strophen eines liedes über Njörär und Skadi: 

leiä erumk fjöU usw. 
I. 118. (E. 21—22) anderthalb über die Gnd: 

hvat par flygr usw. 
I. 286, 288 (E. 60, 61) zwei eines liedes über^oVr und Geirrödr: 

vaxaUu Vimur usw. 

L 340 (E. 69) eine halbe aus einem nicht näher bestimbaren liede (viel- 
leicht einem beschreibenden): 

at Glasir stendr usw. 

I. 180 (E. 39) aus einem dialogischen liede über Balders tod und Her- 
mods ritt nach der unterweit die Strophe: 

pökk mun grata usw. 

ausser welcher in dieser erzählung noch viele andre durchblicken, so 
(obschon nicht in jedem fall mit gleicher gewisheit, indem alliteration 
auch zufällig eintreffen kann, alliterierende redensarten ausserdem nicht 
notwendig mitzählen): pd nuelti Frigg: eigi munu vdpn cda viäir 
granda Bcddri, eida hefi ek pegit af öUum peim. pd spyrr konan: 
hafa allir hlutir eida unnit at eira Baldri? pd svarar Frigg: vex 
vidarteinungr fyr austan ValhöU usw. Man hört den Ijödalidttr hin- 
durch: 

eigi munu hdnum vdpn eda vidir granda, 

af öllum hefik eida pegit. 

hafa eida unnit aUir hlutir 

(ey) at eira Baldri? 

vidarteinungr vex fyr VcdhoU at^tan, 

sd pötti ungr at krefja eids, 

1) Ungerechnet (versteht sich) mythologische „ skaldenliedcr " {parsdrdpa, 
HaMStlöng) und blosse alliterierende Verzeichnisse von namen und heiti (inclusive die 
pargrimspula und die KalfsiHsa: Bugge s. 332 — 334). 



ÜBER DIB EDDALIBDEB 65 

eh si dgi hvar er Baldr, 

ok annat, at vdprdauss emh, 

sd hverr til annars, vdru(m) med einum hug 

tu ßess er vunnit hafdi verkit. 

hverr er sä nieä dsum, er eignask mli 

aUar dsfir minar, 
(dstir) ok hyUi^ ok d Hdveg viU riäa^ 

ef kann fdi funnit Bcddr? 

niu fuetr (niär) rdä ek padan 

dökkva dala ok djüpa, 

ridu fimm fylki inn fyrra dag, 

hvi ridr pti h^r d Helveg? 

liggr nidr ok nordr. 

hljöp sd hestr svd hart yfir grind, 

at hvergi kom Juinn (hofum) ruer. 

sd ek par i öndvegi sitja 

Baldr brödur minn. 

ef allir hltdir i heimi kann grdta 

skal kann fara til dsa aptr; 
enn ef vid m<Blir nökkiirr, eda viU eigi grata, 

pd lialdisk hann med Hdju. 

sendi Frigg ripti ok enn fleiri gjafar, 

Ftdlu fingrgtUl 

Und noch mehr Hesse sich mitnehmen. — Während sonst die erzälilungen 
in der Suorra - Edda* (mehr oder weniger) den Charakter von litterarischen 
excerpten (sei es nun direct aus liedem oder zunächst aus volkstümlichen 
erzählungen) tragen^ gibt es eine, die nicht so grosse eile hat, die wie 
eine kleine saga aussieht, nämlich die von Thors reise nach ütgard 
(I. 142 f.; bei E. 28 f.). Durch diese blickt meines erachtens deutlich 
bie und da ein sehr einfaches lied im achtzeiligen metrum hervor. So: 
. . ok vigdi hafrstökumar^ stodu pd npx) hafrarnir, ok var annarr 
haltr eptra fati; man denke sich etwa: 

vigdi liann.stökurj stodu ujyp hafrar; 

var annarr haltr eptra fosti. 

herdi hann hendr at hamarskapti 

IBlTflCHB. F. DSüTRCHB PBILOL. BD. lU. 5 



66 



B. JESSEN 



bddu s6r friäar^ 
aUt pat 

sefaäisk kann, 
er ey pjona pÖTj 

hoM aüt i bagga, 
steig um daginn 

stoä kann upp, 
reiddi hann hamar 
Ijöst hdnum ofan 
sökJc hamars muär 

miändtt er nü 

hljöp at hdntmi 
Ijöst d punn-vanga 

pola kögursveinum 

meiri muntu vera 

sä skal ganga 
er Logi heitir, 

hljöp köUr grdr 
Idgr er pörr 

sjdm fyrst, 
haUid hingat 
fdisk härm viä hcma, 
er eigi m^r litusk 

g6Jck i holl 

svd för enn 

at fangi hann knüäisk, 
varä hannlatiss d fötum, 
dar feil d kn6 

eigi mun pörr 
fleirum mönnum 

par er pü sdtt 
prjd daia^ 

engl hefir ordü, 
a;t eigi komi dli 



huäu a;t fyri/r kvaemi 
er dttu pau. 

tök i scett hörn peirra, 
pjalfi ok Röskva. 

d hak ser lagdi, 
hddr störum. 

(steig fceti at)^ 
hart ok tut, 
d hvirfH miäjan, 
i höfuä djüpt 

ok enn mal al sofa. 

ok hamar reiddi, 
er vissi upp, 

köpryrdi. 

enn mer Ugk pü. 

d golf fram, 

ok vid Loka freista. 

d golf haUar. 
ok (hddr) litül. 

hvar er föstra min; 
kerling Elli; 
fdlt Jhefir hon menn, 
üsterMigri, 

gömtU kerling. 

fang pal: 

pvi fa^ara stöd hön; 

ok eigi lengi, 

foeti öärum. 

purfa at hjöäa 
fang d holl, 

setherg hjd holl, 
einn djujyastaM. 

ok engi mun veräa, 
öUum tu falls. 



ÜBEB DIE BDDALIEDBB 67 

Natürlich ist nicht zu verlangen, dass die prosa mit so wenig nach- 
hilfe den nötigen poetischen klang erhalten sollte. Wir brauchen nicht, 
oder nicht jedes mal , des gedichtes ipsissima verba producieren zu kön- 
nen. Es genügt, dass schon die prosa so oft der mechanik der verse 
angemessen ist. Weitere Umstellungen und änderungen würden (wie bei 
der prosa der Yölsungasaga) noch hinzuzudenken sein. — In der erzäh- 
lung vom Fenre ist die beschreibung des bandes (I. 108; bei E. 19) ein 
vers, der etwa so gelautet hat: 

gördu pdr fjötur, ok Gleipni hetu, 

af kaUar dyn, af konu skeggl, 

af bjargs rotum, af bjamar sinu, 

af anda fisks , af fugls mjölk. 

Einen mislungenen versuch den vers zu restituieren hat Bugge aus 
einer Eddahandschrift unter die „ bruchstficke " aufgenommen.* — In 
der erzähhmg von den kleinodien stehen gegen den schluss hin (I. 344; 
bei E. 70) folgende stäbe : dcemdu peir, at dvergr cetti . . baud Loki 
at leysa höfiid . . er kann vildi taka hann , var hann vits fjarri . . 
Ijoki dtti sküa, er hann rann lopt ok log . . vildi höggva af Loka 
höfud . . hann dtti höftid en eigi hals . . vil stinga rauf ok rifa 
saman . . hetri. er alr brödur mins . . rifjadi satnan ok reif 6r cesu- 
num. — Offenbar auch mehrere in der von der gefangennähme Lokes 
(I. 182; bei E. 39, 40): fal sik i fjalli . . hrä ser i lax liki ok falsk 
i Frdnangrs forsi . . hverja vel Hl mundu finna at taka hann i forsi 
. . . Loki for fyrir; leggsk nidr milli steina; drögu net yfir; k^ndu 
peir, at hmkt var fyrir ; fara i annat sinn upp til forsins. — Viel- 
leicht einige in der von Thor und H^mir (I. 166 f.; bei E. 35): lüü 
mim at per lidsemd vera , er pü ert [litill ok] ungnienni eitt , . . d 
vastir erum komnir, er tmnr emk at sitja , ok draga flata fiska, — 
Vielleicht einige in der von Thor und Hrungnir (I. 270 f. ; bei E. 56 f ) : 
er riär lopt ok log * . . Jafngödr i Jötunheimtmi (med jötnum) . . . sök- 
kva Asgardi , ok drepa iHl gtid, nema Freypi ok Sif vil ek heim fosra 
. . asa öl niun ek aUt drekka , . . hafdi t^adit nordan yfir Eli-vdga, 
ok borit i meis d baki Örvandil, 6r Jötunh^dmum , ok pat tiljarteikna, 
at meisi ör hafdi staMt ein td, 

Dass eine solche anzahl lieder noch im 13. Jahrhundert auf 
Island vollständig wäre memoriert gewesen, ohne dass ein ein- 
ziges von diesen seinen weg in die „Sämundar-Edda," oder, in förm- 
licher aufzeichnung, in irgend eine handschrift der Snorra-Edda 

1) Nr. 13 s. 335. — Möchten nr. 12 {Sagr J^eüir sdr usw.) und 14 (fluffu hraf- 
nar tveir usw.) (Mobius nr. 6 und 8 s. 205 — 6) nicht »»kinderroime'* sein? 

2) Doch nur alliterierende formel. 

5* 



68 B. JESSEN 

gefunden hätte, witd man kaum wahrscheinlich finden. Und jeden- 
falls vermögen die oben angefahrten spuren und fragmente der lieder 
nichts weiter zu erhärten, als dass solche lieder existiert hatten, dass 
man den Inhalt (die mythen) noch sehr wol wüste, manche strophe 
(besonders wechselreden) noch herzusagen im stände war, auch biswei- 
len, wo man letzteres nicht mehr konte, doch eine einigermassen feste 
prosaische Überlieferungsform hatte , worin sich die alliteration noch bis- 
weilen kundgeben konte. Am vollständigsten wird man (von den jetzt 
besprochenen) noch das Balders - und Hermods - lied gehabt haben. Falls 
die Sache so stand, würde es mit der Überlieferung dieser mythenpoesie 
ebenso ausgesehen haben, wie mit derjenigen der älteren Nibelungen- 
dichtung. 

Diese ansieht gewint nun ausserordentlich an stärke und Sicherheit, 
wenn wir uns vor äugen stellen, einerseits, dass diese nur fragmentarisch 
hervorblickenden lieder zur ächten, volkstümlichen, direct darstellenden, 
einfach besingenden poesie * gehört haben , einer epischen und dialogi- 
schen poesie, wo von den späteren künsteleien noch nicht die rede war, 
andrerseits, dass von den wirklich erhaltenen liedem, denen der „Sämun- 
dar-Edda," näher besehen nur zwei zu dieser altertümlicheren Hasse 
gehören, nämlich die Jirymskvida und das Skirnismäl, während die 
übrigen, jedoch in verschiedenem grade, sich als übersichts- und gelehr- 
samkeits- lieder, oder gar als willkürliche experimente herausstellen. 
Übrigens wäre es ja wol denkbar, dass jene beiden (besonders das Skirnis- 
mäl) ebenfalls nicht ohne erneuernde bearbeitung so ziemlich vollständig 
vorliegen könten; nur müste dann die erneuernde band in beiden fällen 
(und wol ganz besonders bei der einfacheren J)rymskvida) eine meister- 
hafte gewesen sein. Dass von den beiden formen die epische (wie in 
prymskv.) älter als die dialogische (wie in Skirn.) ist, folgt von selbst. — 
Dass jüngere lieder in der „Sämundar-Edda" (z. b. Völuspä) manches 
mit wenig oder ohne Veränderung aus älteren werden herübergenommen 
haben, ist ferner in der natur der sache begründet. 

Bei der älteren (der nicht „ litterarischen ") mythenpoesie spielt die 
frage über norrön oder nicht norrön eine weniger bedeutende rolle. Denn 
teils waren ja die meisten mythen urgermanische, teils ist es wahrschein- 
lich, dass einige sich von den Deutschen her nach dem norden verbrei- 
tet hatten. Und die Überlieferung und Verbreitung wird in älterer, in 
heidnischer zeit ununterbrochen besonders durch lieder vor sich gegan- 
gen sein. Es ist daher grade was wir von vornherein hätten erwarten 

1) Nur über das Heimdallargaldr und das lied, woraus das Glasir stendr 
usw. (wenn übrigens dies ein götterlied war) hergenommen ist, können wir keine 
bestirntere meinung haben. 



ÜBER DIE EDDALIEDEB 69 

müssen , wenn dann und wann sehr ähnliche stellen , oder gar fast diesel- 
ben Strophen , bei anderen germanischen Völkern anzutreffen sind (wie der- 
artiges auch in der Nibelungendichtung zu erwarten gewesen wäre , falls 
wir nämlich hinlänglich alte nichtnorröne Nibelungenlieder hätten). Bugge 
mag vielleicht recht haben, wenn er (s. LXX) meint, die strophe 3 der 
Völuspä (. .jördfannsh eeva, tie upphiminn . .) verglichen nwt dem Weis- 
senbrunner gebete (. . dat erda ni was , nöh üfhimil . .) erweise sich 
(zum teil) als eine wenig veränderte urgermanische. Der wesentliche 
inhalt der früher erwähnten beiden strophen aus einem liede über Njördr 
und Skadi komt bei Saxo^ in lateinischer versificierter paraphrase vor, 
jedoch in eine andere sage (die von Hadding und Regnild) verwoben. 
Das lied könte demnach ein ursprünglich gemeinsames sein. Da es aber 
gar sonderbar ist, dass eben nur genau die beiden selben strophen sich 
auf Island und in Dänemark erhalten hätten, entsteht der verdacht, sie 
möchten norrönes specialgut sein, das sich irgendwie nach Dänemark 
und in eine ganz andere dänische sage verirrt hätte. Ferner wird der 
wesentlichste inhalt der {»rymskvida in einer schwedischen und in einer 
dänischen Esempevise erzählt; und von einer entsprechenden norwegischen 
hat man noch eine strophe übrig. ^ Man überzeugt sich leicht, dass die 
E^sempeviser eben der {)r3rmskvida entstammen können, dass aber das 
umgekehrte Verhältnis nicht anzunehmen ist, dass somit (in diesem einen 
falle) dem umstände, dass Snorre das isländische lied nicht benutzt,' 
keine eingreifende bedeutung beizulegen ist. Da nun der mythus ein 
urgermanischer sein wird, hätten wir auf den ersten blick Ursache, die 
I>rymskvida für ein urgemeinsames lied zu halten , das sich in Norwegen, 
Schweden und Dänemark in die drei Eaempeviser verwandelt hätte. 
Näher besehen ist dies dennoch keine natürliche, sondern eben eine 
extravagante auffassung. {»rymskvida ist das einzige erhaltene epische 
mythenlied acht volkstümlichen und antiken gusses.* Nun wäre es doch 
gar zu erstaunlich, falls ganz unabhängiger weise wider dieses lied in 
drei andern ländern das einzige heidnische mythenlied (in mittelalter- 
licher neubearbeitung) wäre. Es ist viel einfacher, anzunehmen, auch 
die Esempevise sei eine norröne, in Dänemark und Schweden eingeführte.^ 

1) MfiUers ansg. I. s. 53. 55. 

2) Nr. 1 in den samlongen von Sv. Grundtvig und von Arwidson ; bei Grundt- 
vig steht auch die norwegische atrophe angeführt. 

3) l)rymr steht aber in der Snorra-Edda unter riesennamen. 

4) Ein solches ist nämlich die Hymiskvida nicht; hierüber weiter unten. 

5) Sprachliche indicien dieses Verhältnisses wären das Locke und das Loye (Leie, 
JLetoe), indem man im Dänischen wol eher ein Loge statt Locke zu erwarten hätte, 
und Loie oder Leie, wie auch das Frojetiborg des schwedischen liedes, auf norröne 
diphthongische ausspräche deutet (Laufey, Freyja); das Haffsgaard f= Aßgarär) 



70 S. JBSSBN 

Auch mit manchen andern Kaempeviser muss solches der fall sein,^ wie 
denn auch Saxo (obschon er keinen isländischen einfluss auf die Ordnung 
der eigentlichen dänischen königssage zuliess) verschiedene norröne spe- 
cialsagen hat.' Es liegt nun eben am tage, dass von den drei Esempe- 
viser eine die grundlage der beiden andern ist Es lässt sich demnach 
auch nicht einmal von der {)rymskvida erweisen, sie sei ein „sfidskan- 
dinavisches ** lied; wie viel weniger von irgend einem andern Eddaliede? 
Dass {»rymskvida und Skirnismäl wol norröne indicien enthalten , ist frü- 
her erwähnt — An der übermässig langen zauberrede im Skfrnismäl 
n^ag man jetzt anstoss nehmen. Sonst muss man diesen beiden liedern 
bedeutenden dichterischen wert zugestehen. 

Es giebt freilich noch ein mythisches lied nwt epischer und direc- 
ter (weder prophetierender noch memorierender) darstelljmg des Inhal- 
tes, nämlich die H]^miskvida. Es ist aber dennoch eben so wenig 
wie die Atlenlieder ein wirkliches, uraltes Volkslied. Eben wie bei den 
Atlenliedem macht die garstige form, das offenbare widererzählen, die 
unnatürliche redeweise , die abwesenheit wahrer poesie , eine vielhundert- 
jährige volkstümliche Überlieferung undenkbar. Die vielen und gesuch- 
ten kenningar und die behandlung des metrums deuten auf die spätere 
„skaldenzeit/^ und wol am ehesten auf Island hin. In der mythendar- 
stellung zeigt sich eine doppelte vermengung nicht zusammengehörender 
dinge. Erstens ist Hymir (mit dem Thor auf fischfang ging) mit Ymir 
(bei dem Thor den kessel holte) zusammengeworfen, was bei Snorre noch 
nicht der Ml ist, wenigstens noch nicht realiter, indem Snorre (ohne 
zweifei auf einem wirklichen volksliede fljssend) den fischfang ohne Zusam- 
menhang mit dem kesselholen erzählt,^ obschon die handschriften zwi- 

köntc sogar speciel auf die isländische und zum teil westnorwegische ausspräche von 
d wie au deuten. 

1) Für norrön halte ich auch die von Angelf yr (= Angant^; nr. 19 bei Sv. 
Grundtvig) ; femer die von Sveidtü (= Svipäagr; ur. 70) ; die von Kragelü (= Kräka, 
Äslaug; nr. 22, 23), indem ja Saxo die geschichte mit Krdka und Ragnor nicht 
kent (also nicht nur die anknüpfung an die Nibelungensage, sondern sogar diese 
geschichte selbst muss eine norröne sein). ^ 

2) Z. b. die von Ano sagUtaritis (== Ann hogmeigir)\ die von Befo Thyhnsis 
(= Gjafa- Refr) und dem freigebigen könig Götrik (den Saxo für eins mit dem 
berühmten Gotfrid hielt). Die mythe von Geruth (= Geirröär) erklärt Saxo für eine 
aus Island hergebrachte (Geruthi acceptam a Thylensibus famam). Norrön ist die 
sage von Örwarodd und Hjalmar, somit auch die von Angantyr; so auch einiges in 
der von Starcath (Starkand), welche ja dennoch in ihren grundzügen eine urgerma- 
niflche sein wird, wie ja auch Saxo wüste, dass Starkandsagen in Deutschland ver- 
breitet waren (anders kann ich die werte s. 274 nicht verstehen: . . etiam apudamnes 
Svmmtim Scuconumque pravincioi specioaissma sibi monumenta pepererat). 

3) I. \m f. (bei £. 35 f.). 



ÜBER DIB EDDALIEDEB 71 

sehen den beiden namen Hymir und Ymir schwanken, was wir indessen 
nicht dem Snorre selbst zuzuschreiben brauchen. Es wird dies eine 
isländische Vermischung zweier namen und später zweier sagen sein. 
Zweitens ist nun hiermit auch der verfall mit dem hinkenden bock in 
Verbindung gebracht, den Snorre (auf einem wirklichen volksliede ftis- 
send) mit Thors reise nach ütgardr verknüpft. Snorre hat die H^mis- 
kvida entweder nicht gekaut, oder mit vorsatz nicht benutzt. Es ist 
sehr möglich, dass sie erst im 13. Jahrhundert verfasst ist. Jedenfalls 
können wir sie unbedenklich für einen isländischen litterarischen versuch 
halten, womit auch die worte in str. 38 wol übereinstinmien: hverr kann 
um pat goämdlugra görr at skilja ? d. i. „ wer von den mythologen kann 
hierüber [über den verfall mit dem bock] specieller handeln?" 

Die übrigen lieder (welche im gegensatz zu den drei jetzt besproche- 
nen voraussetzen , dass der zuhörer den stoff schon inne hat) sind gelehr- 
samkeitsgedichte , übersieh ts- und repetitionsgedichte , mit indirecter, 
prophetierender, memorierender, katechisierender, oder auch disputieren- 
der (^ySenna*') darstellung mythischen stoflfes ; eins derselben, das Alvfss- 
mdl, übrigens eigentlich nicht einmal ein mythisches. 

Dass nun derartige darstellungsweise auch schon in heidnischer 
zeit, sogar vor der entdeckung Islands, wird in anwendung gewesen sein, 
möchte ich nicht läugnen. Man bedenke aber , dass Vio dieser lieder von 
so anprimitiver, so wenig volkstümlicher art sind. Sie sind einer genera- 
tion angemessen, der es bei den mythen zunächst am memorieren der 
specialia, am paradieren mit diesen, gelegen war. Sind es derartige lieder, 
die mau ohne Zeugnisse , ohne beweise , bloss mit berufting auf die ver- 
meintliche obherschaft dänischer „cultur,'' dem „älteren und mittleren 
eisenalter" in „Südscandinavien" zuweisen kann? Wie könten eben 
solche „südscandinavische" lieder eine einheimische norröne liederdich- 
tung überflüssig oder gar unmöglich machen? Ist es nicht sehr wahr- 
scheinlich , dass die Isländer sich auch mit dem versificieren ihrer mytho- 
logischen gelehrsaml^eit abgegeben haben selten? Und hätte man nicht 
eben derartige lieder von den Isländern zu erwarten? 

Das vornehmste dieser lieder ist die Völuspä. Wer würde den 
hohen, nicht nur mythologischen, sondern auch poetischen wert dieses 
gedichtes läugnen wollen? Hat man es aber damit sofort für das älteste 
aller Eddalieder, oder gar für ein urnordisches zu erklären? Es war in 
seiner vollständigen gestalt eine gedrängte, excerpierende Übersicht der 
götterlehre. Es wird manches aus älteren Hedem unverändert herüber- 
genommen haben. Nicht aber solche excerpte sind es, wie das über 
Gullveig, das über Ods mey und J)örr, das über Baldr, Hödr und Loki, 
das über Odins und Widars kämpf mit dem wolf , das über Thors mit 



72 E. JESSEN 

dem wurm , die sich viele Jahrhunderte hindurch mündlich würden erhal- 
ten haben. Es finden sich unantike Wendungen , wie pd Jena Vala vig- 
bönd snüa (hddr väru hardgör höpt) 6r pörmum nach skaldenmanier 
mit solcher parenthese, und Vala pörmum weit auseinander getrent; 
leetr kann megi hvedrungs mufid um standa hjör tu hjarta; so unter 
den nicht wenigen kenningar einige von den gesuchteren ; femer das kaum 
sehr alte fremdwort dreki; das verdächtige goäpjoä (vgl. oben s. 17), das 
auf einfluss der deutschen heldensage deuten möchte (eben wie im Vaf|)r. 
das Hreidgotar,^ im Härb. das VdUand, im Grimn. das Bin); weiter 
verschiedene indicien norröner landesnatur, vor allen das speciel islän- 
dische hvera lundr; endlich das „stef" Es wird aller Wahrscheinlich- 
keit nach eiu isländisches gedieht etwa aus dem 10. Jahrhundert sein, 
welches am anfang und ende (vielleicht auch sonst) etliches aus altem, 
nicht excerpierenden liedem unverändert mochte aufgenommen haben. 
Einem Christen würde es nicht zuzuschreiben sein, obschon besonders die 
stelle brceär mu>nu berjasJc usw. verdacht erregen möchte.* 

Auch die Lokasenna, meine ich, könte man sich wol von einem 
beiden verfasst denken. Natürlich auch von einem Christen, doch nicht 
von einem eigentlichen etferer für das Christentum. Der Verfasser spricht 
sine ira; sein Standpunkt ist ein weltlicher, zudem ein frivoler und 
indifferenter. Aber freilich ist sein gedieht offenbar nichts, als eine Über- 
sicht der schwächen, der angreifbaren punkte in der götterlehre. Und 
obschon die amüsante, unwiderlegliche kritik das gedieht wol populär 
machen konte, kann ich mir doch nimmer denken, dass dies die uralte 
form der sage vom zwist Lokes mit den göttern wäre. Es liegt dahin- 
ter eine ältere, die dem Verfasser unseres liedes nur zum motiv gedient 
hat, um seine ketzerische kritik in dramatische form zu bringen. Es 
wird früher nur von einem Wortwechsel die rede gewesen sein, worin 

1) Dass sich die Dänen, der behauptung Snorres gemäss, jemals Goten (anders 
als in der bedentang ,, männer*') oder gar (wie die deutschen Goten) Hredgoten 
genant hätten , davon findet sich meines wisseus keine spnr bei Saxo noch auch sonst 
in Dänemark. — Hrelägotar in Vafpr. 12 möchte appellativ sein, erweist sich übri- 
gens mit angelsächsisch Hr6ägotan verglichen als fremdwort 

2) Die in Haupts zeitschr. YIL 315 f. aufgeführten Zeugnisse bezeugen die ezi- 
stenz der mythen , nicht die der Völuspä (ausgenommen vieUeicht die stelle bei Amor 
Jarlaskald um die mitte des 11. Jahrhunderts, und die bei Gunnlaug im 12.). Bei 
den daselbst citierten vermeintlich dem 9. Jahrhundert zugehörenden gedichten läugne 
ich ja überdies auch die authentic. — Hier möchte ich die bemerkung anbringen, 
dass ich Möbius bedenkUchkeiten (zeitschr. I. 408) gegen Bugges Ordnung der Völu- 
spä beitrete. Beweisen lässt sich die richtigkeit derselben jedenfalls nicht, weshalb 
ausgaben sich derselben enthalten selten. Dem Übersetzer ist sie ganz gewis lockend 
genug. 



OBEB die EDDALIEDBB 73 

Loke sich offen rühmte, den tod Balders verursacht zu haben, also den 
göttem juridischen grund gab , ihn gefangen zu nehmen und zu binden. 
Dies ist mythologisch das hauptmoment, ist auch in unserm liede nicht 
verschwunden, indem Loke sich jener tat rühmt (wie denn auch Balder, 
Nanna und Hödr abwesend sind). Niemand wird aber hierin das eigent- 
liche snjet unseres liedes sehen. Unser lied hat nicht mehr den unmit- 
telbaren mythologischen zweck. Das sujet desselben sind eben nur die 
kritischen details; der mythus ist ihm nur ein äusserliches motiv. Dass 
auch das heidentum seine Freidenker hatte, brauchen wir eben so wenig 
zu bezweifeln, wie, dass es eine komische poesie wird gehabt haben. 
Wir müssen es denn wol als unentschieden stehen lassen, ob unser 
gedieht von einem beiden oder einem Christen herrührt. An speciellen 
fingerzeigen ist es arm.^ Es deutet (wie auch das Harbardslied) auf 
einige uns nicht näher bekante, offenbar unanständige, sagen hin. Mit 
detaillierter mitteilung solcher Sachen waren die Isländer gewöhnlich 
zurückhaltend (so besonders Snorre). Der lückenfreie text ist (wie auch 
bei Vaft>r., Härb., Vegt., Alv.) nicht eben zeichen sehr langer münd- 
licher Überlieferung. 

Noch ärmer an bestimmenden einzelheiten war ursprünglich das 
Vaffrüdnismäl, eine katechisierende senna, die sich ein viel beschei- 
deneres ziel stellt, als die Loka- senna, indem sie nur (übrigens in sehr 
sauberer form) eine anzahl mythologischer detailkentnisse auftischt — 
Der abschnitt sttr. 44 — 53 wird eine hinzudichtung sein (älter als Snorre, 
jünger als Alvfssmäl). Denn ursprünglich wird natürlich Vaf|)rüdnir 
12 fragen beantwortet haben, bei der 13. aber stecken geblieben sein. 
Die ö fragen (und antworten) nach der 12. sind später eingeschoben, 
und zwar erst wol nur die 4, welche in der manier des liedes bleiben, 
wogegen die vorsätzlich rätselhafte in str. 48—49 wol von einer dritten 
band interpoliert wäre. — Die hinzudichtung widerstreitet sowol der 
Völuspä als dem altem teil des Vaf früdnismäl , indem str. 50 — 51 schwer- 
lich andern sinn haben können als den, dass nach dem Bagnarök nur 
vier götter leben: Vularr, Vcdi, Modi, Magni, wogegen Völuspä Hödry 
Baldr, Hcenir und näher besehen alle eesir leben lässt, wie auch Vaf- 
I>rddnismäl 39 den Njörär als lebend und zu den Wanen zurückgeschickt 
erwähnt, was (eben wie die stelle in Völuspä) rück-auswechselung des 
Njörär und des Hcenir, somit existenz sowol der Äsen als der Wanen 

1) Das Sdtnsey der str. 24, wol die inscl im Xattegat, braucht eben so wenig 
wie Hlisey in Härb. 37 (faUs dies das Läsö im Kattegat ist) kontiüs dänischer sagen 
(somit spate zeit) zu bezeugen , indem ja einheimische norröno sage ebensowol solche 
aUbekante inscln verwenden konte, wie einheimische dänische sage norröne, schwe- 
dische, deutsche, englische, slawische länder. 



74 E. JB88BN 

impliciert. Die hinzudichtung in Vaf[>rüdnismäl unterliegt also dem 
stärksten verdacht, auf blossen roisverständissen älterer liederbrucbstncke 
zu beruhen, also von einem Christen herzurühren. Bei der behauptung 
der str. 47, dass es Fenrir sei, der die sonne verschlinge, brauchen wir 
also weder JPenrir nach skaldenmanier appellativ stehen zu lassen, noch 
auch an irgend welche urindogermanische Identification -des höchsten 
gottes und der sonne zu denken , sondern einfach an misverständnis eines 
ulfr in einem altern bruchstück. Somit wäre die ganze hinzudichtung 
als mythologische quelle zu verwerfen , also auch die mit Völuspä wenig 
vereinbare stelle (45) über lAf und Leifprasir ziemlich wertlos, oder nicht 
leicht verwertbar. — Die hinzudichtung hat endlich auch noch dem 
liede einen neuen schluss geschafft: feigum munni mcsUa ek mina 
foma stafi ök um ragna rok^ indem ja Vafprudnir erst in derselben, 
nicht im altern teile von ragna rök geredet hatte (wenn man nicht etwa 
att die frage str. 17 denken wollte). Der aufzeichner gibt sowol den 
alten schluss {nA ek viä Odin deüdak usw.) als den neuen, dass man 
nach belieben wähle. 

Das Grimnismäl ist nichts als eine Vorratskammer mythologi- 
scher specialia, die man in solcher form memorieren wollte. Der ramen 
ist einer sonst unbekanten norrönen heldensage entlehnt, in der man 
Odin in einer Situation hatte, wo es ihm vermeintlich passend wäre, 
solche gelehi'samkeit auszukramen. Nach dem ersten plane hätte er viel- 
leicht nur die 12 vornehmsten götterwohnungen herzählen sollen (str. 
4 — 17), wo er wol schon lückenhafte Vorstellung von der götterweit 
verrät. Das erst weggelassene Jlfheimr ist nachher in str. 5 eingeschal- 
tet worden, so dass, der ausdi-ücklichen Zählung der handschrift zuwi- 
der, jetzt 13 Wohnorte erwähnt stehen. Str. lö — 50 folgt eine polter- 
kammer mit allerlei details , die übrigens der ver&sser selbst ^ als erwei- 
terung des repertoriums hinzugefügt haben könte.^ Verschiedenes wird 
andern liedern entnommen sein, so str. 40 (6r Ymis holdi uflw.) viel- 
leicht direct dem Yafpr. str. 21. Snorre kante das lied in der jetzigen 
gestalt Es wird ein isländisches und schwerlich ein heidnisches sein. 

Wider ein gelehrsamkeitslied in der beliebten form der senna ist 
das Härbardsljöd, in welchem ich eben so wenig eine tiefe absieht,' 

1) VgL diese zeitschr. bd. I s. 414. 

2) Man hat gemeint, das lied sei frucht und abbijd eines kampfes zwischen 
dem Odinscultus und dem Thorscultus, obendrein so, dass ersterer den vomehmen^ 
letzterer den „bauem'' eigen gewesen wäre. Ein solcher kämpf zwischen beiderlei 
cultos hat nicht existiert. Der tempelcultus sowol Thors als Odins (und aller g^i- 
ter) war nur in den bänden gewisser voniehmer geschlechtor , die da« recht zur 
goden-¥rürde hatten. Thor war bei den varnehmen eben, so beliebt wie bei den 



ÜBER DIB BDDALIBDEB 75 

noch auch einen „tiefkomischen humor" zu sehen vermag, wie in der 
Lokasenna eine „tieftragische Zerrissenheit'^ Mit dem wirklichen humor 
der Lokasenna hat dieser kraftlose, trockene, langweilige versuch nichts 
gemein, obschon der Verfasser wol den frivolen indifferentismus der Loka- 
senna hat copieren wollen; dass er dieselbe vor äugen hatte, macht die 
zeile (in 26) ok pottiska pü pd porr vera (die ebenso in Lok. 60 steht) 
wahrscheinlich, wenn auch nicht gewis. Sein zweck ist nur, mittelst 
einer senna seine „forna staß," seine gelehrsamkeit in den Odins- und 
Thors -mythen, besonders den in isländischen Schriften ungern behandel- 
ten, paradieren zu lassen. Es ist ein durchaus „litterarisches'' product. 
Und wenn die Snorra-Edda von demselben nichts weiss, mögen wir dies, 
in Verbindung mit den übrigen Verhältnissen (so auch spräche und ver- 
sification), als indicium betrachten, dass das Harbardslied ein isländi- 
sches product des 13. Jahrhunderts ist. Als mytliologische quelle kann es 
sich nicht neben die Snorra - Edda stellen ; so wenn str. 1 9 Thor zum töter 
des Thjasse macht, der die äugen Thjasses an den hinmiel wirft, was 
dem bericht der Snorra-Edda (I, 214) widerstreitet, haben wir demSnorre 
die grössere Zuverlässigkeit beizulegen. Es ist wol möglich, dass das 
„motiv" des liedes eine mythe war, in welcher Odin, verkappt, dem 
Thor eine überfahrt verweigerte. Das lied kann aber nicht die umor- 
dische einkleidung einer solchen mythe sein; es enthält nur die islän- 
dische „litterarische" Verwendung der einzelnen Situation. 

Der „ramen" derVegtamskvida kann hingegen keine ächte mythe 
enthalten. Der ritt Odins nach Heiheim wird nur eine ganz willkürliche 
nachbildung von Hermods ritt sein. Denn falls Odin genau dasselbe , was 
er in Völuspä 36 — 38 (bei Bugge 31 — 33 *) von der daselbst memorie- 
renden volva vortragen hört, schon vor Balders tod (nach dem rat aller 
götter) bei einer andern vÖlva als prophetie angehört hatte, hätte er weder 
gestatten können, dass man dem mistüteinn keinen eid abforderte, noch 
auch dass Hödr zur belustigung der Äsen den mistüteinn auf Haider warf, 
noch auch überhaupt, dass man mit Balder einen bei so traurigem bewust- 
sein seines Schicksals gänzlich abgeschmackten scherz triebe. Man wird 
es somit nicht als zuverlässige mythische züge behandeln können, wenn 
die volva in Heiheim statt in Jötunheim begraben ist, und wenn die 
Wohnung in Heiheim wie ein griechisches elysium, wie ein „schönes" 
haus voll gold und lustiger getränke , geschildert wird. Übrigens möchte 
ich nicht läugnen , dass grade diese einleitung (str. 1 — 7 *) von poe- 

ärmeren; er war kein ackerbauer. Eben die vornehmen waren ackerbaner und 
bamdr. 

1) Bei Lüning str. 36—37 und die note hiezn. 

2) Bei Möbins das nicht eingeklammerte in 1 — 11. 



76 E. JBS8EN 

tischem talent zeugt Es folgt (str. 8 — 12 *) das wirkliche sujet des 
liedes: prophetierende übersieht der Baldersmythe , mittelst dialogisie- 
render (katechisierender) paraphrase der betreffenden strophen (36 — 38) 
in Völuspä. Einmal (str. 11 : Binär lerr usw.) kann der parapbrast sich 
hiebei nicht mit 8 zeilen behelfen, sondern muss dies eine mal 10 
gestatten. Schon in der Yöluspä ist das meidr (bäum), vom mistiUeinn 
gebraucht, nicht eben zeichen autoptischer kentnis dieser pflanze; die 
Worte sind: stöd uni vaxinn vöUum hcerri mjor oh mjök fagr mistü" 
teinn. Dies hat nun der Verfasser der Vegt. obendrein so verstanden, 
als ob der mistilteinn ein hoher (völlum hcerri) und herlicher (n^ök 
fagr) bäum wäre, indem er sagt: Höär berr hdvan hrodrbaäm. pinig.^ 
Aus den letzten werten hieselbst in Völuspä^ nämlich en Frigg um 
gret i Fensölum vd Valhallar macht Vegt., nach dem vorbild anderer 
lieder (so des YafJ^r.) ein rätsei (ein sehr abgeschmacktes), womit Odin 
die scene verlassen kann: hverjar Wo pmr meyjar^ er at muni grata, 
oh d himin verpa hdlsa shautum? {shötmn^ shöUum?). Die zu gebende 
antwort wird gewesen sein: Friggs äugen. Es folgen dann die beiden 
ungeschickten schlussstrophen. — Die sechszeilige formel in str. 1 wird 
der str. 14 der Jirymskv. entnommen sein. — Die Snorra-Edda weiss 
von unserm liede nichts. Auch fehlt es in der eigentlichen „Sämun- 
dar-Edda." Es steht erst in der Arnam. handschrift (nach 1300). — 
Alle umstände zusammengenonmien , wird es förmlich unnatürlich, das- 
selbe für irgend etwas anderes als einen isländischen litterarischen ver- 
such des 13. Jahrhunderts zu halten. 

Das Alvissmäl endlich (ziemlich uneigentlich ein „götterlied") 
ist freilich etwas älter, jedenfalls älter als die Snorra-Edda (auch als 
die hinzudichtung zu Vafl)r.) , wird aber schwerlich eine wirkliche mythe 
zum ramen benutzt haben, geschweige in heidnischer zeit entstanden 
sein. Es ist dem Vafl)r. nachgebildet , also wieder ein beispiel der engen 
litterarischen Verknüpfung unserer wenigen götterlieder, womit es so sehr 
wol stimt, sich wenigstens die mehrzahl derselben innerhalb eines nicht 
überaus langen Zeitraums und auf Island verfasst zu denken. — Machen 
wir zum Verständnis des liedes ein gedankenexperiment. Lassen wir eine 

1) Bei Möbius 12 — 16. 

2) Zu diesem pinig, ^^hieher," d. i. nach dem orte, wo Balder stand, wo 
also der gedanke eben verweilt, vergleiche man fäl lUr i morg%m at Frekci' 
steint in Helg. Hjörv. 39 , und Bngge in der note zu dieser strophe. — Sonderbar 
genug tritt Bugge dennoch der erklärnng bei, dass hröär-haämr (-hctrmr) bezeich- 
nung des Balder sei. Aber weder könte bera hier „schicken" bedeuten, noch auch 
Hödr den Balder nach Heiheim tragen, noch auch der transport nach Heiheim vor 
dem töten Balders (kann man BaJdri at hana verda) stehen. 



CbER die EDDALIEDER 77 

anzahl altertnms- und skaldendichtungs - kundiger Isländer beisammen 
sein, die sich auch mit litterarischen exercitien die zeit vertreiben. Es 
wird die aufgäbe gestellt, in katechisierender form, nach muster des 
Vafpr., eine samlung von 6 mal 13 Jcenningar und anderen heiti fttr 
erde, himmel, mond, sonne usw. zu liefern. Derjenige, dem dies zu- 
fSLllt, löst die aufgäbe genau, kann sich aber nicht enthalten, über 
diese art gelehrsamkeit und poesie ein wenig zu ironisieren. Den gelehr- 
ten macht er zum „allweisen" zwerg, der den Wafthrudne noch über- 
trifft, indem er auch die 13. frage beantwortet, und der dennoch in 
seinem eifer nicht bemerkt, dass sogar der ungelehrte und unweise Thor 
doch mehr klugheit hat , und dass seine gelehrsamkeit beim ersten sti*ahl 
des tageslichts unnütz wird und in nichtigkeit vergeht. Noch deutlicher 
wird die ironie, wenn man sich erinnert, dass dieser geistige zwerg sich 
einer nähern Verbindung mit den grösten himlischen mächten fähig 
glaubt. Obgleich die h^ti das sujet sind , meine ich also , dass der Islän- 
der auch eine andere idee hineingebracht hat, wodurch das lied erst 
erträglich wird. 

Bei der mehrzahl der götterlieder deuten demnach Charakter und 
litterarische Verhältnisse durchaus nicht auf „das ältere und mittlere 
eisenalter" in „Südscandinavien," noch auch zunächst auf die wiking- 
zeit hin, sondern vielmehr auf ein mehr „litterarisches" Zeitalter, somit 
auf Island. — Die litterarische einkleidung (den ramen) abgerechnet, 
werden sie im ganzen, obschon nicht unbedingt, als zuverlässige quellen 
zur mythologie gelten müssen, stimmen auch (H}^. ausgenommen) 
sehr wol mit den erzählungen der Snorra-Edda, und mit den mytholo- 
gischen beziehungen in „Skaldenliedern," so dass in der isländi- 
schen litteratur nur ein Stadium der mythenentwicke- 
lung vorliegt, nämlich das späteste norröne. 

Übrig bleibt die didaktische poesie, d. h. das Hävamäl. — 
Obschon dasselbe wieder aus drei liedem besteht, meine ich (wie beim 
Hyndluljdd) , dass an keine willkürliche zusammenwerfung zu denken ist. 
Dieselbe persönlichkeit; dieselbe, nicht hohe, art * dichterischer fähigkeit, 
Charakter, ton, manier; lebensanschauung ; dieselbe lockere moral; die 
in allen drei teilen vorkommenden beziehungen zur mythe vom dichter- 
met (welche übrigens mit Snorres erzählung übereinstimmen, nicht aber 
grundlage derselben sind , wozu sie , als blosse fragmentarische andeutun- 
gen, xmbrauchbar waren); ferner die ebenfalls in allen drei teilen vor- 
kommende beziehung zur Jwll Ildva: — alles zusammen beweist mir, dass 

1) QroBsenteils truisms: vgl. Thorpe, Cod. Exon. p. VIII — IX. 



78 B. JESSEN 

alle drei teile von einem Verfasser herrühren, der dieselben, als eine 
trilogie, selbst .verknöpfte, und zasammen als eine samlong von mal 
Hdva wollte betrachtet wissen, übrigens wol Sprichwörter und stellen 
aus andern liedern adoptierte , wie denn andrerseits einige von den Inter- 
polationen (z. b. str. 84 — 86) von andrer band herrühren mögen. Nähere 
ausfuhrung ist hier weniger nötig, indem die früher erwähnten beweise 
norwegischer herkunft (worauf es hier ankörnt), nicht nur im ersten 
abschnitt vorkommen (was denn femer den gemeinsamen Ursprung noch 
äusserlicher bestätigt). — Dass das Sigrdrifumäl nachahmung der 
beiden letzten abschnitte (also eigentlich nicht den heldenliedern zuzu- 
zählen) ist, (was ein Zeugnis für das zusammengehören dieser beiden 
abschnitte hinzufügt), habe ich früher erwähnt 



Nachträgliche bemerkungen. 

1. Den bezeichnungen „älteres, mittleres, jüngeres eisen- 
alter" wünscht die redaction eine erörternde bemerkung beigefügt, weil 
dieselben in Deutschland unüblich, auch, nebst den verwanten „brohce- 
alter" und „steinalter," in ziemlichem miscredit seien. Die jetzige chro- 
nologische bestimmung von selten der dänischen archäologen * ist diese : 

„älteres dänisches eisenalter" c. 250 — 450 n. Chr. 

„mittleres dänisches eisenalter" c. 450 — 700. 

„jüngeres dänisches eisenalter" c. 700 — 1030; 
so dass also das „jüngere eisenalter " etwa 100 jähre vor der in dem- 
selben einbegrilFenen eigentlichen wikingerzeit (d. h. der zeit der 
grossen dänischen und norwegischen plünderungs- imd eroberungszflge 
über die nordsee im 9. — 11. Jahrhundert) angefangen hätte. Vor c. 260 
n. Chr. stellen unsere archäologen das dänische „broncealter" von unbe- 
stimbaror dauer, und vor dieses natürlich das „steinalter." Über natio- 
nale Verhältnisse dieser beiden perioden haben sie es ^>ro tempore auf- 
gegeben, irgend etwas bestimteres zu behaupten, während sie jedenfalls 
die herschendo bevölkerung im ganzen „eisenalter" für eine germanische 
halten. - Ich bitte zu bemerken, dass ich diepe benennungen vermeint- 
licher Perioden mit hinzugefügten citationszeichen zu verwenden pflege, 
indem ich dieselben nicht als die meinigen adoptiere, sondern 
sie nur deshalb habe gebrauchen müssen, weil ich mit einer dänischen 
theorio zu tun habe, die sich so formuliert hat: „Die Eddalieder (wesent- 
lich in der noch vorliegenden gestalt) sind in Dänemark (vielleicht audi 

1) Siehe z. b. den 1869 pablicierten katalog („Ledetraad") des Musrnm for 
nordiske OldRoger, 



ÜBER DU KDDALIBDER 79 

in äüdschweden) im , älteren und mittleren eisenalter ^ verEasst;'' dem 
g^enüber sich meine ansieht so formulieren muste: „unsere Eddalieder 
sind auf norrönem boden, zwar zum teil schon im Jüngern eisenalter ^ 
(n&mlich in der eigentlichen wikingerzeit) , doch in der vorliegenden 
gestalt gröstenteils erst nach dem Jüngern eisenalter/ und zwar meist 
anf Island, verfasst; die deutsche heldensage war schon in der wiMn- 
gerseit im norden, sogar auf norrönem boden, verbreitet, ob noch frü- 
her, ob schon vor dem ausgang des , mittlem eisenalters,* ^ wissen wir 
nichi^^ Natürlich kann ich die möglichkeit so früher einwanderung die- 
ser sage nicht läugnen, indem ich ja eben die möglichkeit so früher 
oder noch früherer einwanderung gewisser göttersagen angedeutet habe, 
ausserdem an so frühe oder noch frühere einwanderungen deutscher her- 
schergeschlechter mit ihren gefolgen zu glauben geneigt wäre, welcher 
art einwanderungen natürlich manche deutsche sage sowol, als auch die 
nmenschrift, hätten mitbringen können. 

Ich ergreife diese gelegenheit, um eine berichtigung anzubringen, 
die am schicklichsten von einem Dänen vorzubringen ist, deren veröf- 
fio^tiichung. mir aber dennoch in Dänemark schwierig werden würde. 
Es haben sich die dänischen archäologen der jetzt herschenden schule 
bemüht, und es ist ihnen auch gelungen, nicht nur in Dänemark, son- 
dern in Europa die Vorstellung zu verbreiten, dass die periodeneintei- 
lung in ein ^ stein-, ein bronce- und ein eisenalter ^^ eine originale idee 
dieser schule, etwas vor dieser schule nicht dagewesenes, eine „ent- 
deckung*' von Seiten dieser schule sei. Der verstorbene Thomson habe 
zuerst (in Ledetraad til nordisk Oldkyndighed) im jähre 1836 diese idee, 
zonächst nur noch als Vermutung, aufgestellt; Worsaae, und nebenbei 
andere Eopenhagener archäologen hätten sie dann weiter gesichert und 
articuliert.^ Ich bin in der archäologischen litteratur wenig belesen und 
kann es nicht unternehmen, die alte natürliche Vorstellung von früherem 
gebraudi der steine als der metalle litterarisch zu verfolgen. Ich begnüge 
mich damit, die Thomsensche entdeckung in ganz demselben umfange 
me 1836, schon aus dem jähre 1813 zu belegen, nämlich aus der 
Udsigt over Natiofialhistoriens teldste og maerkdigste Perioder, T. I, 
2. hälfbe, wo die ganze theorie s. 73 — 76 zu lesen steht. Dies buch ist 
von dem in Dänemark noch allbekanten, aber heutzutage wol nur noch 
von dänischen fachmännern der altertumswissenschaft gelesenen, Yedel 

1) D. h. zunächst des dänischen „mittleren eisenaltcrs;*' es ist nicht eben die 
meinong der archäologen, dass die chronologischen bestimmnngen ganz unverändert 
auf Schweden und Norwegen passen müstcn. 

2) Vgl. z. b. Worsaae BleJ^ingske Mindesmarker 1846 s. 4 note 1 ; und in Aar- 
bBger f, nord. Oldkyndighed 1866 s. 112. 



80 S. JESSEN 

Simonsen verfasst S. 76 schliesst er seine ansieht in folgende worte 
zusammen: „Die waffen und das hausgerät der ürskandinayier waren 
also zuerst von stein und holz ; später lernten sie das kupfer zu bearbei- 
ten (. .. sogar dasselbe zu härten*), und, wie es scheint, am spätesten 
das eisen. . . . Ihre culturgeschichte könte man also , von dieser seite 
aus betrachtet, in ein stein-, ein kupfer- und ein eisen -alter einteilen, 
obschon diese keinesweges durch so entschiedene grenzen getrent waren, 
dass das eine nicht in das andere hineingereicht hätte, und dass nicht 
die ärmeren klassen nach einfuhrung der mittleren [gerätschaften] noch 
fortgefahren hätten, die ersten zu gebrauchen, so auch die mittleren 
nach einfahrung der letzten, wie solches ja auch in unsem tagen mit 
gefilssen aus thon, zinn und porcellan der fall gewesen ist." * Vedel Simon- 
sen ist zu loben, weil er die einfache benennung „kupferalter" nicht 
mit der affectiert lautenden, und von allgemeinerem Standpunkte aus 
unpraktischen „broncealter" vertauschte, obschon es ihm nicht entgan- 
gen war, dass das kupfer „gehärtet" war. — Von einer Thomsenschen 
„entdeckung" darf also die rede gar nicht sein. Das hauptsächlichste 
der weiteren gUederung des Systems ist die aufstellung eines „älteren, mitt- 
leren , jüngeren eisenalters." Worsaae hatte fniher d^n anfang des eisen- 
alters auf c. 700 „ festgestellt " Wahrnehmungen (besonders des archi- 
vars Herbst) liefen bald dieser annähme zuwider; und das blosse aufgeben 
einer vollständig aus der luft gegriffenen Jahreszahl ermöglichte zwei (oder 
wenn man will drei) neue „entdeckungen," die „entdeckung des älteren 
eisenalters ," und die „ entdeckung des mittleren eisenalters" (somit auch 
die eines „jüngeren"). — Natürlich lässt sich die frage nicht abweisen, 
ob die Thomsensche „entdeckung" ihre europäische berühmtheit einer 
nicht - belesenheit der Kopenhagener archäologen, oder dem Kopenha- 
gener kameradenwesen zu verdanken hat. Es lässt sich leider ein nicht- 
gelesenhaben früherer archäologischer arbeiten , speciel der Wedel - Simon- 
schen, sämtlichen Kopenhagener archäologen nicht zutrauen. Und lei- 
der steht der hier besprochene fall nicht vereinzelt* Die entdeckungs- 

1) D. h. bronce zu verfertigen. 

2) Geijers schwedische geschichte (in Lefflers deutscher Übersetzung 1832, bd. I 
8. 109) , offenbar die oben angeführte steUe excerpicrend , sagt dasselbe in 4 Zeilen. 

3) Eine derbe probe dieser cameraderie ist die note 9 (zum eisenalter) p. 48 im 
katalog des Kopenhagener museums für nordische altertümer , woselbst bei der deutung 
der hominschrift (eJc hlewagctsH'r fwltinga'r homa tawido) nicht Bugge citiert wird, 
sondern ein Däne, und somit einem sowol in Dänemark als in Norwegen öffentUch 
gerügten attentate gegen das volle, exclusive eigentumsrecht Bugges (an diese deutung, 
somit an die darin enthaltenen lehren , dass eine gewisse rune ein 8 oder r finale sei, 
dass die „ thematischen ** vocale a, », u auch in nomiaativen erhalten seien , usw. , end- 
Uch an die einfache Übertragung dieser lehren auf die andern Inschriften) in arger weise 



ÜBEB DIE SDDidJBDEB 81 

manie in yerbindung mit der kameraderie möchte leicht in Verführung 
geleitet haben. Fast möchte man einen verdacht hegen ^ dass etwaige 
gewissensscrupel mit der leichtsinnigen bemerkung seien beschwichtigt 
worden, Vedel Simonsen spreche ja von einem „kupferalter," Thomson 
von einem „broncealter!" 

2. Einige monate, nachdem meine abhandlung an die redaction' 
gesant war, hielt Worsaae einen (aus zeitungsreferaten bekanten) Vor- 
trag, der es als möglich oder wahrscheinlich bezeichnete, dass diejenigen 
„ bracteaten ," auf denen man einen mann (oder köpf) mit einem vogel, 
oder mit einem vierfQssigen tiere, oft mit beiden, sieht, auf die Sig- 
fridsage zu beziehen wären, womit nach Worsaaes (in den Zeitungen 
referierten) werten die existenz der „Eddalieder" schon im „mittleren 
eisenalter" gesichert werden würde. ^ Ich werde auf Worsaaes Vermu- 
tung zurückkommen können, falls dieselbe in gedruckter darstellung 
erscheinen vrird. Hier will ich nur ein par kurze bemerkungen geben, 
indem ich daran erinnere, dass ich es nur für unwahrscheinlich, nicht 
für völlig unmöglich halte, dass die Nibelungensage schon vor dem aus- 
gang des vermeintlich „mittleren eisenalters" nach dem norden hätte 
gelangen können. Ich habe die abbildungeu der bracteaten im Atlas de 
Tarchedogie du Nard* nachgesehen, und meine, mich überzeugt zu 
haben, dass dieselben keine solche beziehuug erweisen, wie es ja über- 
haupt unmöglich wäre, in dem manne der bilder eben den Sigfrid nur 
mittelst eines vogels, eines pferdes oder eines drachens zu erkennen.* 
Specieller ist zu bemerken: 1) Der vogel oder die vögel der bildchen 
sitzen nie, wie in der Sigfridsage, auf einem bäume, sondern schweben 
über dem manne , oder sitzen auf ihm oder dem (vermeintlichen) pferde ; 

Torschnb geleistet wird. — Bugge veröffentlichte seine deutung, mit vorbehält wei- 
terer anwendang , 1865 in der Tidskrift for Philologi og Padugagik, Die bcwahmng 
der (vermeintlichen) „ thematischen *^ und anderer im nordischen weggefallenen vocale 
hatte übrigens schon Manch so ziemlich ebenso gelehrt, nur dass er andere casus 
statt der nominative erhielt, welche Bugge mittelst des s (oder r) ßnale erhält. Es 
versteht sich von selbst, dass die ganz einfache, mechanische Übertragung dieses 
finalen buchstaben auf andere inschriften (z. b. Tune, Tanum, Wamum, Berga usw.) 
Bngges eigentum ist (vgl. meine note in Aarböger for nordük Oldlcyndighßd og 
Historie, 1867, p. 275). 

1) E. Maurers jüngster (meiner ansieht so günstiger) beitrag zu dieser Zeit- 
schrift accentuiert solcherweise die sonderung der frage nach dem alter der vorlie- 
genden lieder von derjenigen nach dem alter der sage im norden, dass nunmehr 
sogar dänische gelehrte diese beiden fragen schwerlich öfter identificieren werden. 

2) Die mit inschriften sind auch im Stephcnsschen runenwerke abgebildet. 

3) Die isländische, im Kopenhagener museum bewahrte abbildung Theodorichs 
stellt diesen zu pferde dar, von einem vogel begleitet, und einen drachcn erlegend. 

XSIT8CB11. r. DBUTSCHB PHILOLOOIR. BD. UI. G 



82 B. JBSSEN 

2) nirgends durchbohrt ein mann einen „wurm^^ (ormr) von unten, wogegen 
auf vielen bracteaten ein unbewaffneter mann ein vierfussiges tier vor sich 
hat , das er abzurichten scheint , wobei er oft demselben oder einem vogel 
ein Signal durch emporhalten der band gibt, auf einem bildchen (no. 85) 
auch zugleich den daumen in den mund zu stecken scheint, welches 
letztere auf die erzählung vom braten des herzens des wurmes zu bezie- 
hen das bild selbst verbietet; 3) wo ein mann oder manneskopf auf 
einem vierfussigen tiere abgebildet wird, kann dies tier gewöhnlich 
nicht einmal ein pferd sein, wegen der hörner, oder des hartes, oder 
der schlangenf5rmigen zunge, oder der gespaltenen füsse;^ 4) wo wir 
einen kämpf mit einem vierfössigen tiere sehen (no. 73), also doch am 
ehesten etwas specieller zutreffendes zu suchen hätten, passt die darstel- 
lung durchaus nicht zu unserer sage , geschweige denn wo der kämpfende 
es mit zwei tieren zu tun hat (no. 87). — Ich bin an die voreiligen 
entdeckungen Worsaaes so gewöhnt, dass ich mich kaum zu bedenken 
hätte, schon jetzt die beziehung auf den Sigfrid f&r gänzlich aus der 
luft gegriffen zu erklären; indessen, ich könte ja später diese erklärung 
modificieren , falls tatsachen, die ich nicht bemerkt hätte, aufgewiesen 
würden. — Am ehesten könte ich es noch begreifen, falls man in 
no. 69 — 72 des Atlas beziehuugen auf die Wielandsage vermuten wollte. 
Aber sogar dies fällt bei genauerer besichtigung zusammen. — Dass 
die bracteaten nicht auch dem „jüngeren eiseualter^' angehören , wird 
man nicht beweisen können. Und somit käme es bei den einzelnen 
bracteaten darauf an, (nicht nur den entstehungsort, sondern auch) das 
alter speciel zu bestimmen, eine oft ganz unlösbare aufgäbe. 

3. Zu s. 16. Nach J. Fritzner wäre der name Brede, als 
neutral , daselbst zu streichen. Fritzner bemerkt in einem neulich erschie- 
nenen aufsatze, welcher im zweiten heft des ersten Jahrganges der nor- 
wegischen historischen Zeitschrift s. 179 — 86 gedruckt ist:* 

a) dass dieser name, Brede, im östlichen Norwegen gebräuchlich 
sei. — Hiebei wäre indessen noch zu erinnern, dass, falls die daselbst 
übliche form wirklich genau Brede ist, solches den namen wol eben als 
einen eingeführten charakterisieren würde, indem die lautverhältnisse 

1) Das tier mit gespaltenen fQsscn ist auch auf schwedischen runensteinen nicht 
unhäufig; die no. 78 in Dybecks (jüngerem) runenwerke (I) erweist schlagend, dass 
es kein pferd ist, indem daselbst ein pferd nebenbei dargestellt ist. Wahrscheinlich 
haben wir an ein imaginäres tier zu denken; nicht aber an das pferd Odins, wie 
man gelegentlich vermutet hat; denn dies dachte man sich als ein achtbeiniges (siehe 
das bild in Stephens mnenwerk p. 224?) 

2) „Beviae Naivnene i de norcUske Völatingasttgn, at disse ere laanU flra lyd- 
skeme?*' 



ÜBSB DIE EBDALIBDBB - 83 

jetziger norwegischer dialecte entweder ein Bre'e (Bro^e) oder ein Bride 
erwarten liessen. 

Sonst enthält Fritzners anfsatz nichts, das irgend welche modifi- 
cation meiner bezüglichen bemerkungen veranlassen könte. Fritzners 
bemerkongen zu gunsten nordischen Charakters der sage sind nämlich 
femer folgende: 

b) der name Sigge sei in Schweden üblich gewesen. — Eben 
deswegen habe ich ihn oben, als einen gewissermassen neutralen, weg- 
gelassen , obschon doch zu bemerken bleibt , dass er auf norrönem gebiet 
nicht üblich war , wie ihn Fritzner denn auch da nur zwei mal aufgefun- 
den hat, das eine mal in einer Urkunde (anno 1348) aus JanUaiand 
(welches übrigens in kirchlicher beziehung, und in mehr als einer periode 
auch in weltlicher, unter Schweden gehörte), das andere mal im namen 
eines hofes in Norwegen: Siggagardr. 

c) Völsungr sei keine unnordische wortform, — Versteht sich; 
ist wol auch von niemand behauptet worden. Gewöhnlich wurden ja 
fremde germanische namen in der isländischen litteratur eben in die cor- 
recte norröne form umgesetzt. 

d) Sinfjötli komme einmal in einer Urkunde des mittelalters als 
name eines Norwegers vor. — Es stellt sich dies ähnlicher weise wie 
das einzelne male vorkommende aber dennoch als unüblich zu bezeich- 
nende Sigfrödr (nachahmung des deutschen namens Sigfrid), 

e) Sigurdr sei keine unnordische form. — Versteht sich. Fritz- 
ner hat nicht bemerkt, dass das linguistische indicium hier eben in der 
divergenz der beiden namen Sigurdr und Sigfrid liegt (vgl. oben s. 17). 

f) Ojükasteinn komme als name eines hofes in Norwegen vor 
(jetzt Ojösteen). — Da die form des namens GjuJci nicht unnordisch 
ist, würde dieser name in der vorliegenden frage nur dann nicht neutral 
bleiben, wenn er entweder in Deutschland (in der form Cribidi) oder im 
norden üblich gewesen wäre. Meines wissens war er sowol im norden 
als in Deutschland unüblich. ^ Das blosse Gjukasteinn , eben wie Oibi- 
chenstein, beweist nur bekan tschaft mit der sage^ ein Verhältnis, das 
keiner beweise bedarf, da wir ja eben die Eddalieder als hinlänglichen 
beweis vor uns haben. 

g) Erpr sei keine unbedingt unnordische form, sondern im ver- 
gleich mit jarpr nur ein wenig auffällig ; komme auch ein par mal als 
mannsname vor. — Dies verhält sich so ; weshalb ich auch die form Erpr 



1) Förstemann , altdeutsches namenbuch (Nordhausen 185G) 1, 450 gibt fast 
ein dutzend belege f&r das vorkommen des eigennamens Gibico bis zum 10. Jahr- 
hundert. Red, 

6* 



84 * E. JESSEN^ ÜBEB DIE EDDALIEDER 

oben uiir als eine verdächtige, nicht als eine entscheidende bezeich- 
net habe. 

h) Jönakr könne wol trotz der unerhörten ondung -dkr eine nor- 
dische form sein. — Ich kann dies nicht einräumen, und betrachte das 
Jöfiakr, sowol wegen des -akr als wegen des Jon-, als eine unnordi- 
sche form. 

i) Der name eines hofes in Norwegen , Nevlungen, beweise viel- 
leicht Verbreitung der sage, indem die ältere form Niflungar werde 
gewesen sein, und dieses erst name einiger „scheren" (klippen) im 
meere, hernach auch des ilinen gegenüber aufgeffihrten hofes sei. ~ Das 
klingt sehr plausibel, würde aber nur Verbreitung der sage, nichts über 
deren ursprüngliche heimat beweisen. 

j) Im namen eines hofes in Norwegen, Hünaborg, „könne man 
spur des einflusses der Nibelungensagen zu finden glauben." ~ Die 
bescheidene und hypothetische form dieser bemerkung ist zu loben, indem 
der name auch nur Bärenburg bedeuten könte, und überhaupt die vie- 
len germanischen Ortsnamen mit //ww-, HcHm-, Hnn- usw., nicht spe- 
ciel auf die Nibelungensage zu beziehen sind, dieses Hünaborg eben so 
wenig wie die isländischen meeresbuchten Hünaflöi und Hunafjörär, 
oder wie das dänische kirchspiel Hunesogn, die dänischen dorf namen 
Huneby, Ilunefarp, die deutschen Haundorf, Haunstadt, Haunstetien^ 
Ilimfdd, Hünenherg usw. Nicht einmal zu erwähnen, dass ein name 
wie Hünaborg uns nichts über die erste heimat der sage lehren könte. ^ 

Fritzner meint ausserdem in dem norwegischen Ortsnamen Roä- 
marsstaäir verglichen mit dem Hroänmrr der Helgakdäa Hjörvards- 
sonar ein indicium der norrönen heimat der Nibelungensagen gefunden 
zu haben. Bei den übrigen in dieser bemerkung implicierten fehlschlüs- 
sen brauche ich aber nicht zu verweilen, da dieses lied ja gar nicht zu 
den Nibelungenliedern gehört, sondern eine norröne sage behandelt 

KOPENHAGEN. E. JESSEN, j 2^ltjTJ4 

1) Eine ansprechende etyniologie und erklärun^ von hun und den damit zusam- 
mengesetzten namen gibt Gerland in KuhuK zeitdchrift fQr vergleichende Sprachfor- 
schung 10, 275 fgg. Red. 



85 



DIE NITHARDHANDSCHRIFT UND DIE EIDE VON 

STRASSBURG. 

Seit längerer zeit schon spürte ich der vielbeiiifenen einzigen Nit- 
' hardhandschrift nach, die, abgesehen von ihrem historischen werte, für 
mich ganz besonders interessant war wegen der berühmten eidschwüre vom 
jähre 842, dieser ältesten denkmäler der deutschen mid französischen 
spräche, welche keiner der deutschen gelehrten, die darüber geschrieben, 
im original zu gesiebte bekommen hat und auch von französischer seite 
seit fünfzig jähren , so viel ich weiss , nur Chevallet. Die abweichungen / CJ9> 
der facsimiles , die nur auf ungenauigkeiten der widergebung beruhen kon- 
ten, so wie einzelne schvrierigere stellen Hessen eine nachvergleichung 
immerhin noch als wünschenswert ersclieinen. Trotz der einschlägigen 
äusserungen bei Pertz ^ und Chevallet * war es mir durch die mitteilung 
eines französischen gelehrten, (der mir, nicht ohne einige geheimnis- 
taerei, den codex bei günstiger gelegenhoit einmal auf der bibliothek zu 
zeigen versprochen), vollkommen bekant, dass diese wertvolle handschrift 
per fas et nefas noch immer in der Pariser kaiserlichen bibliothek auf- 

1) Mon. SS. II, 650 „Sed eum (Frcberum) nonnunquam fefellisse, ectypon a 
V. Cl. Roquefort in glossario linguae Romanicae publici juris factum atque a nobis 
repetituni et coUatio codicis uobiscum coiumunicata evidentissirae ostcndunt. Siqui- 
dem codex saeculo XVII. bibliothecae Palatinae Vaticanac sub numero 1064 inlatus 
bello ultimo Parisios rediit ibique a CI. Roquefort evolutns et ab alio viro docto 
cmu8 nomen ignoro rei tarnen diplomaticae peritissimo cum editione Bouquetiana 
diUgentiBsime collatus est. Mox Italiae redditus Romae lotet, "nec, vel niaxima cwra 
Hostra adhibiia iterum emersit. Sed quo plurimum gratulandum nobis censemus, 
collationem istam, in qua nihil desiderari posse videtur flagitantibus nobis summa 
cum benivolentia transmisit V. Cl. Guerard bibl. reg. adscriptus etc." Was übri- 
gens Freher anlangt , so ist zu seiner entschuldigung anzuführen , dass er die hand- 
schrift ebensowenig gesehen, wie irgend ein anderer deutscher gelehrter, trotz Mass- 
manns ausdrücklicher behauptung des ge^onteils {Ahschwörungsformeln , p. 57, anm. 
49). In dem seiner abhandlung vorangehenden dedicationsscbreiben an den bokanten 
Bongars (den samler der wertvollen mss. , die heute die zierde der Bemer stadtbi- 
bliothek ausmachen), dankt er jenem ausdrücklich dafür, dass er den damals in Peta- 
vius besitz befindlichen Nithard fär ibn collationiert. (Siehe Dom Bouquet, Vn, 35). 

2) A. de Chevallet, origine et foriuation de la langue fran^aise I (1853) p. 83: 
„J^ai fait faire avcc grand soin il y a plusieurs annces un fac-simile des serments 
apres nn ms. de Nithard proveuant de la biblioth^ue du Vatican et d^posö a la 
bibliotheque nationale. C^est un volume en velin petit in-folio a deuz colonnes 
d*une belle teiture du IX« siöcle ou du commencement du X" il est cöt^ Vat. 
no. 1964. Depuis lors ce ms, est retourtU ä Botne et doit avoir ete reintdgri dans 
la büjlUoiheque du Vcitkan,^ 



<( 



86 BRAKKfiMANW 

bewahrt werde und dass Frankreich den widerholten reclamationen der 
päpstlichen regierung, welche ihren kostbaren palatinus 1964 gern wider- 
gehabt hätte, andauernd nur ein taubes ohr geliehen. Die art aber, 
wie man Pertz zu mystificieren gesucht^ und die ausdnicke, in denen 
noch Chevallet (1853) von der handschrifk spricht (anm. 2), schreckten 
mich ab, einen directen versuch bei den bibliotheksbeamten zu machen, 
zumal ich weder in den geschriebenen noch in den gedruckten catalogen, 
die damals in der abteilung fQr handschriften zugänglich waren, den 
codex nachgewiesen fand. Es überraschte mich daher einigermassen, 
als im September dieses jahres mein freund dr. Wilhelm Arndt , der sich 
gerade mit der geschickte der Karolinger beschäftigte und mit dem ich 
von der handschrift sprach, behauptete, dieselbe in einem der in der 
bMiotheqtie de Vecde des chartes von Leopold Delisle veröffentlichten 
cataloge des Fonds latin verzeichnet gesehen zu haben. Sofortige nach- 
suchungen in dem betreffenden catalog, der erst seit kurzem im manu- 
scriptensaale aufgestellt war, ergaben kein resultat und ich glaubte an 
einen irtum oder an eine Verwechselung mit der auch im handschriftlichen 
cataloge des Supplement latin (CcUalogue des mss. latins du nouveau 
fonds du jRoi, Auteurs, II) verzeichneten, früher dem kloster St Victor 
zugehörigen abschrift aus dem fünfzehnten Jahrhundert , worin die schwüre 
ausgelassen.^ Nach einiger zeit gelang es dr. Arndt jedoch, die betref- 
fende erwähnung in Delisles Inventaire des mss. conserves ä la hitHio^ 
theque imperiale sous les n"" 8823 — 11503 du fonds latin 1863, p. 49 
widerzufinden. In der tat , da stand der Nithard verzeichnet , nur ganz 
kurz in einer zeile (9767. Uist. de Nithard. IX. s.), ohne anführung des 
in derselben handschrift befindlichen Flodoard, wie versteckt unter längeren 
titeln, und war mir deshalb früher bei flüchtiger durchsieht des betreffenden 
catalogs, in welchem ich überdies ein manuscript nicht suchte, welches 
die bibliothekverwaltung so lange sorgfältig verheimlicht, völlig entgan- 
gen. Ob die gründe, welche die französische regierung resp. die biblio- 
theksverwaltung zu solcher Verheimlichung veranlassten, heute nicht mehr 
obwalten, weiss ich nicht; vielleicht verdankt sie den unbestrittenen 
besitz des Schatzes der dankbarkeit des papstes für den wirksamen bei- 
stand, welchen Frankreich ihm in der behauptung seines territoriums 
geleistet — genug, der codex, wenn auch in den schränken der reserve 

1) Pertz hat dies ohne zweifei wol gemerkt, wenn er es auch, aus rücksicht 
auf die bibliothekverwaltung, in seinen oben angeführten werten nicht zwischen den 
Zeilen lesen liess. Die frisch geschriebene collation Guerards, die ihm dieser (vde 
dr. Arndt mir mitteilt) als längst von einem ungenanten gemacht, stückweise über- 
lieferte, hat den erfahrenen gelehrten wol kaum tauschen können. 

2) Früher St Victor 287, jetzt Fonds laHn 14663. Siehe unten s. 89. 



DIE STRASSBURGEB EIDE 87 

sorgfältig verschlossen^ wurde auf verlangen unweigerlich hervorgeholt 
und zar benutzung gegeben. Dr. Arndt, welcher die handschrift zum 
behufe einer neuen ausgäbe nochmab^ zu vergleichen beabsichtigte , schaffte 
die Pertzsahe ausgäbe und das facsimile in den scriptores herbei, ich 
besorgte, für die schwüre > Roquefort, Raynouard, Diez, Chevallet, Mül- 
lenhoff und was sonst von litteratur erforderlich, und wir begannen eine 
neuvergleichung , deren resultate ich im nachfolgenden gebe. 

Diese resultate sind an und för sich nicht sehr bedeutend und neh- 
men ihren wert nur aus der Wichtigkeit der denkmaler, um deren Wort- 
laut es sich hier handelt. Immerhin aber sind sie noch beträchtlich 
genug, wenn man bedenkt, dass vier facsimiles (Roquefort, de Mourcin, 
Pertz , Chevallet) dieser texte in die öffentlichkeit gekonmien sind. Dass 
überhaupt diese palaeogi*aphischen nachtrage möglich sind, erklärt sich 
zum teil aus der ungenauigkeit der facsimiles , zum grösseren teile daraus, 
dass keiner, der die schwüre veröffentlicht und erklärt hat, in der läge 
gewesen ist oder sich die mühe gegeben hat, die Schreibweise und 
namentlich die corrigierweise des copisten im zusammenhange, sowol im 
übrigen texte des Nithard als im Flodoard (der von demselben Schreiber 
herrührt) zu studieren. Nicht einmal letzteren umstand hat man gekant 
oder beachtet, sonst hätte man wol kaum den codex noch in das 9. Jahr- 
hundert setzen können, da Flodoard erst 894 geboren ist 

Ich schicke eine genaue beschreibung der handschrift voraus, da 
eine solche nirgends existiert und auch Pertz eine solche zu geben nicht 
im stände war, da er nur die coUation von Gu^rard zu gesiebte bekam. 

Ms. des Fonds latin 9768 (früher Suppl. latin 623). 

Die handschrift umfasst 46 blätter pergament in quart, nämlich 
sechs quatemionen, von denen die dritte durch fehlen zweier blätter 
nach fol. 18 unvollständig. Da beide in der handschrift enthaltene werke 
vollständig sind, so scheinen die beiden fehlenden blätter vor der 
benutzung ausgeschnitten; in der nat stehen noch schmale pergament- 
streifen über, so dass die correspondierenden blätter im hefE vollstän- 
dig fest sitzen. Vom blatt 18 selbst ist nur ein kleines stück erhalten; 
nach Vollendung der handschrift scheint das hier am ende des Nithard 
freigebliebene pergament weggeschnitten zu sein, um anderweitig ver- 
want zu werden. Jede seite hat zwei colunmen zu 33 zeilen, die mit 
dem griffel vorgezeicfanet , beziehungsweise eingeritzt sind, wie das bis zum 
ende des 12. Jahrhunderts die regel war. Der einband ist ein schweins- 
lederband des 17. oder 18. Jahrhunderts, er stamt aus der zeit, da die 
bandschrift dem vatican angehörte und trägt die ordnungsnummer (1964) 



/ I 



y 



OO BRAK KliM ANN 

dieser bibliothek in gold gepresst auf dem rücken , wie andere handschrif- 
ten der kaiserlichen bibliothek , die früher dem vatican angehörten , z. b. 
die proven9alischen Chansonniers F. fr. 12473 und 12474, welche die 
vaticannummern 3204 und 3794 noch auf dem rücken tragen. Von 
einem noch früheren besitzer des Nithard zeugt der name Petavius auf 
dem unteren rande des fol. 1" und oben rechts von derselben band: 
Q 50, welches die ordnungsnuramer in Petavius bibliothek zu sein scheint. 
Aus seiner zeit und wol auch von ihm ist die foliierung der handschrifb 
in arabischen Ziffern, sowie eine anzahl randglossen und die ausfßUung 
einer lücke (bei der teilung unter Karl und Ludwig im jähre 843). Aus 
ziemlich neuer zeit endlich stammen die Stempel der Pariser kaiserlichen 
bibliothek auf dem r"" des ersten und dem y"* des letzten blattes. Merk- 
würdiger weise ist der Stempel der ersten republik ^ über den Stempel 
gedruckt, der nach Leopold Delisles Versicherung nur unter der restau- 
ration angewendet wurde,* letzterer scheint sogar auf dem V* des letz- 
ten blattes absichtlich verwischt. 

Was den Inhalt der handschrifb anlangt, so reichen die annalen des 
Nithard von fol. 1' — 18'; fol. 18'' ist leer, (von dem ganzen Matt ist, 
wie schon angeführt, nur ein fragment übrig, da alles unbeschriebene 
weggeschnitten) ebenso fol. 19"; auf fbl. 19"^ folgen, von demselben Schrei- 
ber geschrieben, die annalen des Rheimser domherrn und kirchenarchi- 
vars Flodoard, das hauptwerk dieses nachfolgers des Hincmar, welche 
von 919 — 966 reichen. Auch die Zusätze eines unbekanten Verfassers 
über die jähre 976 — 978 sind von demselben Schreiber nachgetragen, 
ein beweis, dass die handschrifb auf keinen fall über das ende des 
10. Jahrhunderts zurückreicht. Es kann also keine rede davon sein , die 
handschrifb „frühestens an das ende des 9. jahrhimderts zu setzen,*^ was 
Diez (Ältr. sprachd, p. 3) Pertz (SS. 11, 650 „quamvis ex specimhie 
scripturae saecudo nono deciniovc tribuamus) und andere für möglich 
hielten, natürlich ohne zu wissen, dass der Flodoard in derselben hand- 
schrifb steht und von demselben Schreiber herrührt. Die handschrifb 
gehört sicherlich frühestens dem ende des 10., möglicherweise gar erst 
dem anfang des 11. Jahrhunderts an, da auch die annalen des Flodoard 
nicht das original, sondern nur eine ziemlich fehlerhafte abschrift sind. 

1) K. und F. (K^publiqno fran9aise) monogrammatisch Terschlnngen , mit der 
Umschrift Bibliotheque nationale; die zweite ropublik hatte dieselbe Umschrift, nur 
B. und F. in lateinischen majuskeln getrent nebeneinander. 

2) Drei lilien in ovalem felde, von der kröne flberragt und mit der Umschrift 
Bibliotheque royale, fast derselbe Stempel, nur mit kreisrundem feldc, scheint am 
ende des ancien regime im gebrauch gewesen; ihn tragen alle handschriften des 
Fonds Cangi, 



DIB STRA.SSBUBOEB EIDE 89 

Wie der Flodoard, so ist auch der Nithard ziemlich fehlerhaft 
geschrieben. Der Schreiber hat sich oft selbst corrigiert; doch ist auch 
die band eines gleichzeitigen correctors zu unterscheiden, der nament- 
lich SS. 11. 663, 32 das „in basüicani uM nunc quiescunt^* mit verwei- 
sungszeichen am unteren rande nachgeti'agen hat. An derselben stelle hat 
eine dritte band die heiligenuamen bis ^.Rotomagorum archiejyiscopi^* 
am rande rechts nachgetragen. — Der mbricator, für den der räum 
zu initialen und Überschriften freigelassen ist , scheint sein werk gar nicht 
einmal begonnen zu haben ^ wenn nicht etwa die grüne färbe, mit welcher 
anfangsbuchstaben bei absätzen und satzanfängen auf den beiden ersten 
selten ziemlich grob bemalt sind, für einen begin gelten soll. — Die 
älteren und neueren besitzer des Nithard sind mit dem schätze nicht 
allzu sorgsam verfahren, wie eine anzahl dintenflecke , zum teil nicht 
ohne schaden des textes, bezeugen. 

Die zweite Nithardhandschrift , ebenfalls in der kaiserlichen biblio- 
thek {Fonds latin 14663, früher St Victor 287) ist eine abschrift der 
eben beschriebenen, die im 15. Jahrhundert geuonmien worden ist, und 
hat mithin keinen selbständigen wert. Es ist eine papierhandschrift, im 
kloster St. Victor aus allerlei mss. desselben klosters und anderer sam- 
lungen zusanmiengeschrieben. Ich nenne unter den etwa dreissig bis 
vierzig werken , die sie enthält , nur „Landülphi de Coltimpna tractatus 
de staiu Bottiani imperii/^ eine Chronique de Normandie (1087 — 1239) 
und eine merkwürdige lateinische anecdote über den Ursprung des könig- 
reic hs Yvetot .^ Nithard und Flodoard beschliessen die handschrift, der 
Schreiber hat sie (nach einer bemerkung am ende des Nithard) für öin 
werk genommen. Wir erfahren dabei gleichzeitig, dass das original 
damals der abtei St Magloire gehörte. Die abschrift hat weder buch- 
überschriften noch capitelabteilungen ; für die eide ist die hälfte von 
foL 286' freigelassen , auch hat der Schreiber die von dritter band nach- 
getragenen heiligenuamen (SS. IL 663, u. ob.) unberücksichtigt gelassen, 
während er die einschaltung zweiter band in basüicam — quiescwnt in 
den text aufnahm. 

Dom Bouquet hat die abschrift für seine ausgäbe benutzt , in erman- 
gelnng des Originals, das damals schon im vatican war (recueil des 
histariens, VII, 11). 



1) Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis findet sich bei Leopold Delisle: Inven- 
iaire des mcmuscrüs de Vabhaye de Saint -Victor conservig ä la btbliotheque impe- 
riale 80U8 les mmSros 14232^15175 du fonds latin, Paris, Durand et Pedone 
Lanriel, 1869, p. 87. 



90 BRAXELMAMN 

Die facsimiles. 

Facsimiles der eide finden sich 

1) bei Roquefort, Glossaire de la langue romane I, XX. 

2) De Mourcin, Serments preWs ä Strasbourg. Par. 1815. XIV. 

3) Pertz, SS. II. 777. 

4) De Chevallet, origine et formation de la langue frangaise I, 83. 

Die facsimiles bei De Mourcin und Pertz stammen aus Roquefort, das 
Chevallets, welches nur die romanischen eide umfasst, ist selbständig, 
aber wenig sorgfältig ausgeführt. De Mourcins facsimile ist das beste, 
weil er das ungenaue specimen bei Roquefort nach neuvergleichung der 
handschrift berichtigt. 

Es war mir aufgefallen, dass das facsimile bei Pertz zu dem bei 
Roquefort gar nicht stimte und vielfach ein falsches zeichen, einen fal- 
schen buchstaben gab, wo jener das richtige hatte. Namentlich steht 
bei Pertz in damno ß (st. sit) und darnach, ebenso schwarz, wie von 
alter band , ein strich , der im original aus Petavius zeit herrührt und in 
Roqueforts facsimile nicht reproduciert ist , ebensowenig wie da fii steht ; 
ferner liest Pertz deutlich sie hex beiR. richtig sie hec; weiter bei Pertz 
geganga, bei R. richtig gegango; utrorumque populus quig* bei Pertz, 
qui; richtig bei R.; und noch andere kleinigkeiten, yrie sorbrihehit ffir 
forbrihchit u. a. m. Nicht am wenigsten war dabei unklar , woher Pertz 
den strich hatte, der bei Roquefort sich nicht fand, wol aber im ori^- 
nal, das der herausgeber der monumenta doch nicht gesehen. Es lag 
nahe, anzunehmen, dass Qu^rard, der die an Pertz überlieferte, „von 
einem unbekanten aber sehr geschickten paläographen'' genonunene col- 
lation natürlich auch selbst gemacht hatte, auch die Roquefortsche col- 
laüon in seiner weise neuverglichen und verböseri Ich bemerkte jedoch 
bald, dass De Mourcin in seiner abhandlung verschiedene ungenauigkei- 
ten in dem facsimile Roqueforts rügte (z. b. p. 39. 71. 81 u. a. a. o.), 
die ich nur in dem der Seriptores bemerkte. Von den anmerkungen 
Massmanns (Ahschwörungsformeln 180 — 182, anm. 3. 6. 7. 9. 10) zu 
Roqueforts facsimile lässt sich dasselbe sagen , sie finden nur auf das fac- 
simile bei Pertz anwendung. Es scheint mir daraus zur evidenz hervor- 
zugehen , dass in einer anzahl von exemplaren des Glossaire de la langue 
romane, namentlich in den beiden der Pariser kaiserlichen bibliothek, 
welche ich verglichen habe, das ältere höchst fehlerhafte facsimile, auf 
welches sich De Mourcin und Massmann beziehen und welches Pertz in 
den Seriptores reproduciert hat, herausgenonmien und durch ein correc- 
teres (vielleicht nach Mourcins berichtigter tafel) ersetzt worden ist 
Leider aber basieren sämtliche deutsche bearbeitnngen der schwüre auf 



DIE STBA88BUR0EB BIOB 91 

dem facsimile bei Pertz, beziehungsweise auf dem fehlerhaften speci- 
men bei Roquefort. 

Ich gehe jetzt zu den paläographischen nachtragen und berichti- 
gongen fiber. 

Der schwur Ludwigs des Deutschen. 

en avant Diez bemerkt hierzu: {AUr. sprachd, 7) „Pertz emen- 
diert ohne not in avantJ' 

in avomi, welches auch Massmann {Ahschwörungsformdn p. 58 
anm« 50) als falsch bei Pertz rflgt , ist nicht emendation desselben , son- 
dern correctur erster band im ms. , wie das auch auf sämtlichen facsi- 
miles deutlich zu sehen ist Das lang durchgezogene i , ähnlich einem j, 
komt auch sonst in der handschrifb häufig vor , z. b. fol. 35'' b : sciljcet, 
foL 35^ a : vjsi — regelmässig aber ist es , wenn ein vocal in i verändert 
wird; es wird dann direct auf den vocal geschrieben und, zum zeichen 
der correctur, lang durchgezogen. So ist ohsidebus fol. 32' a zeile 19 
y. 0. in dbsidQ)us corrigiert; fol. 32' b stand: rdido Remis Hugone dior- 
cono Heriberte ßio , es ist in der angegebenen weise Heriberti corrigiert. 
FoL 45^ b, z. 15 V. o. stand: Quique Remis ordincUur ab episcopos, durch 
darao^eschriebenes langgezogenes i ist ^iscopis corrigiert. Der mis- 
laat, woran sich Diez stösst, muss also wol zugelassen werden und die 
sprachliche consequenz des denkmals , in dem in nun sieben mal gebraucht 
ist, ist nur um so grösser.^ 

salvcM^ai eo salvaraeio bei Pertz ist druckfehler, oder fehler in 
Ga^rards collation. Der codex bietet also diese Schreibung , die übrigens 
nach den bei Diez (p. 8) angeführten beispielen zu rechtfertigen wäre, 
wirklich nicht , seine lesart wird übrigens auch von sämtlichen &csimiles 
getreu reproducieri 

et in adiudha Das erste d ist im ms. durch daruntergesetzten 
pmikt deutlich expungiert, was alle facsimiles und herausgeber vernach- 
lässigt haben. Der Schreiber expungiert zuweilen mit zwei punkten, 
einem oberhalb und einem unterhalb des zu tilgenden buchstabens, wie 
gdlu (Pertz separatabdr. d. Nith. p. 40) und ad (ibid. p. 51) — mit 
einem punkt, wenn die correctur darüber geschrieben wird, wie jfra- 
^nter foL 3'a; indtUiit fol. 4'b; sacramentam fol. 12^b; aber auch wenn 
dies nicht der fall, ist die expunction mit nur einem darunter gesetzten 
punkte häufig, z. b. Stdlingua fol. 15'a (Pertz separatabdr. p. 46). Ganz 
in derselben weise ist auch eidem etwas weiter unten expungiert, wo die 

1) Burgay {grammaire de la langue d'oil l, 19) hat übrigens das facsimile 
richtig gelesen, ebenso MüUenboff {Defikmäier p. 479). 



92 BRAKELMJLNN 

Schreibung Stellinga ausserdem die richtigkeit der ersten correctur belegt. 
Es heisst da fol. 15'b: „Igitur metuens Lodhuvicus ne eidem Nortmanni 
nee fwn et Sdavi propter affinitatem Saxonibus qui se Stellinga fwmi- 
naverant etc. Auch fol. 18' ist inteperiaes ebenso corrigiert. In dersel- 
ben weise, wie die richtigkeit der correctur Stellinga in der oben ange- 
führten belegstelle , wird die richtigkeit der correctur aiudhu in unserem 
denkmale durch das später wider vorkommende aiudha belegt; es ist 
also falsch, umgekehii in diesem zweiten falle das in der ersten stelle 
corrigierte erste d (adiudha) widerherzustellen, wie einige herausgeber 
getan haben. 

Für den vocalischen oder consonantischen Charakter des i (vgl. die 
bemerkung von Diez, Spra,ckd. 8) in aiudha, aiue ist übrigens eine 
laisse aus dem Oxforder Alexander (Bodkian libr. 264 f. 128") besonders 
interessant, die ich bei Michel, Chronique des dtics de Normandie II, 
516 mitgeteilt finde. Die Wörter aiue und liue stehen daselbst mit 
hastive pensive trive in assonanz. Äiae oder ajue findet sich übrigens 
noch in der burgundischen Übersetzung der predigten des heiligen Bern- 
hard (Fonds fran9ais 24768 fol. l^i^ die wol kaum älter als das letzte 
drittel des 12. Jahrhunderts, während das ms. aus dem anfange des 13. 

salvar dist Burguy meint, dass hier ebensogut dift gelesen wer- 
den kann {Grammavre I, 20). Trotz genauester besichtigung der hand- 
schrift und vergleichung sonstiger st kann ich mich davon nicht über- 
zeugen; es steht da dist. Ob f und t in der selten vorkommenden Ver- 
bindung ft verbunden werden, wie s und t^ steht zu bezweifeln. Die 
schyrierigkeit debeit: dist bleibt freilich bestehen; ob sie durch die lesung 
dift gehoben wäre? 

aleresi in Pertz facsimile ist fehlerhaft widergegeben, es steht t 
da, ebensogut wie zwei Zeilen weiter 

Sit statt fit und in den lateinischen einleitungsworten zum schwüre 
Karls hec und nicht hex steht. 

Schwur Karls des Kahlen. 

scal in thiu Nach MüUenhoff {Denkm, p. 479) soll im ms. iu 
stehen; das n ist deutlich. 

so sama Grimm (SS. IL 666, anm. 49) vermutet, dass vielleicht 
auch in der handschrift sama zu lesen ist, wenn man genau sieht Es 
steht deutlich soso I ma. 



1) Die steUe ist gedruckt bei Leronz de Lincy, Le8 qjMUre liores des rois 
p. 521) der ajue schreibt, wie Michel im Charlemagne und die herausgeber des Roland. 



rw 



DIE STRASSBUBOEB EIDE 93 

indi mit LudJieren Nach Mülleiilioff , 479 soll hier die handschrift 
luolieren haben ; in der handschrift ist von einem o nichts zu sehen und 
diese lesart verdankt wol der bemerkung Grimms: (SS. II. 666, zeilc 45 
der anm., 2. col.) „vielleicht ist luoheren Indherefi mit oben erbliche- 
nem oder übersehenem strich ^^ ihren Ursprung. 

ne gegangu Grimm sagt (SS. II. 666^ 1. col. d. anm. z. 51): 
„Das voranstehende yeganga ist allzu deutlich, als dass man gegany^u 
lesen könte, wie die grammatik fordert, möglich, dass der Schreiber in 
dem ihm vorliegenden text u für a nahm und a setzte.^^ Auch MöUen- 
boff und die anderen herausgeber notieren nach dem an dieser stelle 
geradezu gefälschten Boquefortschen facsimile resp. der Fertzschen repro- 
duction gegatiga als lesart des codex , während da deutlich gegaiigo steht, 
wie De Mourcin schon 1815 erkante. Derselbe gelehrte gibt in seiner 
schon mehrfach citierten, sehr sorgfältigen arbeit folgende aufklärung 
Aber die eutstehungsgeschichte der Koquefortschen lesart (p. 71): „Selon 
le facsimile de M. de Roquefort on auroit nege ganga, Cette faute pro- 
rient de ce que la derniere l-ettre de gegango etatU couverte d'enere et 
entierefnent illisille, M. de Roquefort a cru devoir y suj^^eer un a. 
L'o etoit preferaUe. Au surplus la tacJie itoii recente; je Vai Icgerement 
froHee avec le bout du doigt et un peu de salive; Vo s'cst alors parfai- 
ttmetü decouvert." — De Mourcin hat den dintenfleck so grundlich 
abgerieben , dass heute kaum noch spuren davon sichtbar sind ; das o ist 
ganz deutlich. Als curiosuui notiere ich, dass Marquard Freher, der 
auch (nach Bongars coUation) gegatigo liest, hier gefango bessern möchte. 

the minan Auch die handschrift hat the, nicht elie; wenn die 
untere ecke des t nicht so rund geworden wie gewöhnlich, (so spitz wie 
im facsimile ist sie jedoch im codex nicht) so rührt das offenbar (nach 
dr. Arndts scharfsinniger bemerkung) daher, dass die feder sich an der 
besonders stark vorgerissenen linic gestosseu. P]s ist daher durchaus 
nicht notwendig, das t graphisch für ein z zu nehmen und ein verse- 
hen des Schreibers anzunehmen (vgl. Crimm SS. IL 666, anm. col. l 
z. 49 — 51). 

Schwur der romanischen Völker. 

quique in den lateinischen einleitungsworten ist bei Roquefort- 
Pertz schlecht widergegeben (quiq* statt quiq;). 

que san frctdre druckt Diez ohne bemerkung, während die hand- 
schrift deutlich quae {que mit cedille: q^e) hat' 

1) So auch Pertz und MülLnlhim 



94 BRAKBLICANK 

Lodhuwig Die handschrift hat nicht loghuuuig (Diez, Sprachd. 
p. 13), sondern lodhuuuig. 

Schwur der deutschen Völker. 

sinemo Codex: sine n,o, nicht der erste strich, wie Grimm ver- 
mutete, sondern der dritte ist verblichen, aber nur teilweise, der untere 
teil ist, als punkt, noch sichtbar, was das facsimile Roquefort -Pertz ver- 
nachlässigt. 

hidhatmige, 

Ladhuunig und 

sorbrihchit im facsimile Roquefort -Pertz sind, wie Massmann bei 
den beiden ersten schon vermutete, ungenauigkeiten der reproduction. 
Der codex gibt sehr deutlich: Ludhuuuige, Ludhuuuig und forbrihchit 

wirdhu Grimm sagt (SS. II, 666 col. 2 d. aiim, 25): „Ob es wir- 
dhit (erit) oder mrdhic oder etwa wirdhu lautet , kann gezweifelt wer- 
den/^ MüUenhoff notiert mrdhic als lesart des codex, so steht auch 
deutlich im facsimile Roquefort - Pertz , während im original unzweifel- 
haft wirdhu steht 

PARIS, IM OCTOBER 1869. JULIUS BRAKELMANN. 



Nachschrift. 

Die Vermutung des herrn dr. Brakelmann, dass das Roquefortsche 
facsimile der Strassburger eide nachträgliche correcturen erfahren habe, 
und dass die abzüge nicht in allen exemplaren des Wörterbuches genau 
übereinstimmen, scheint in der tat gegi*ündet zu sein. Das facsimile in 
meinem exemplare von Roqueforts glossaire (Paris 1808), welches ich 
vor etwa 20 jähren in einer Weigelschen auction zu Leipzig als neues 
uuaufgeschnittenes buch gekauft habe, bietet folgendes: 

z. 10. mialtre \ ß, mit solcher anlehnung des unteren hakens von l an 
den grundstrich des t, dass das t allerdings einem z ähnlich wird. 

z. 13. zwar (U, aber so unklar und undeutlich, dass es auch als fit gele- 
sen werden kann. 

z. 14. fic^ec, aber e und c stossen an ihren oberen enden so zusammen, 

dass man auch ex lesen kann, 
z. 21. ifUhi utha germigfofo | maduo • unzweifelhaft deutlich, 
z. 22. luheren unzweifelhaft deutlich, 
z. 23. nege gango- eheminan Das o in gegango ist unzweifelhaft klar und 

deutlich, aber seine gestalt ist etwas runder und voller, als die 



DIE STRASSBUBOEB SIDB 95 

der übrigen o des facsimile. Desgleichen unzweifelhaft ein e, 
nicht t 

z. 26. quiq; unzweifelhaft klar und deutlich. 

z. 28. 9ue an der unteren biegung des e ist ein langer nach links gehen- 
der strich angesetzt 

z. 32. hdhu I uuig unzweifelhaft deutlich. 

z. 34. ßne n,obruodlier Der punkt, als rest des dritten m- Striches, ist 
erheblich kleiner als die zu Interpunktionszeichen verwendeten 
punkte, aber doch ganz deutlich erkenbar. 

z. 35. Das erste wort kann hidhuuuige, aber auch ludhuuuige gelesen 
werden. Das letzte wort der zeile dagegen bietet unzweifelhaft nur 
lud\huuuig, 

z. 36. farbrih \ chit mit unzweifelhaft deutlichem f, nicht f, 

z. 39. uuirdhit mit unzweifelhaft deutlichem t, dessen langgeschwun- 
gener Querstrich bis an das voranstehende i reicht. 

HALLE. J. ZACHER. 



BRUCHSTÜCKE AUS DEM WILLEHALM VON ORANSE 

DES ULRICH VON DEM TÜRLIN. 

Von dem früheren abgeordneten herrn Herrmann aus Mülheim a. d. 
Mosel erhielt ich unlängst ein mit versen beschriebenes pergamentenes 
folioblatt , auf dessen unterem rande folgende werte stehen : „ annotation- 
budilein deß hauß Manderscheidt welcher gestaldt et quibus annis die 
Graffen von Manderscheidt gelebt und regirt haben ab Aö. 1387 biß 
1510. 15 etc.'' Da das queer geknickte blatt, wie dieser anscheinend 
von einer band des 17. Jahrhunderts queer darauf geschriebene neue 
titel andeutet, zum umschlage eines dünnen quartheftes gedient zu 
haben scheint, welches zu notizen über die grafen von Manderscheidt 
bestirnt war, drängt sich die Vermutung auf, dass auch die zer- 
störte handschrift selbst, der das blatt entstamt, zu der alten, rei- 
chen und berühmten samlung der grafen von Manderscheidt auf ihrem 
schlösse zu Blankenheim in der Eifel gehört haben möge. Das geschlecht 
dieser grafen starb in der mänlichen linie um die zeit der franzö- 
sischen revolution aus; in den revolutionsstürmen ward das schloss 
zerstört, und die dort aufgehäuften schätze und Seltenheiten gien- 
gen teils zu gründe, teils wurden sie in alle weltgegenden zerstreut 
Einzelne der ehemals dort befindlichen altdeutschen handschriften sind 
almählich wider zu tage gekommen: so eine pergamenthandschrUt des 



96 HAAG 

Tristan vom jähre 1323, jetzt im besitze des herm regierungsrates von 
Groote zu Köln; eine andere pergamenthandschrift des Tristan aus dem 
vierzehnten Jahrhunderte, jetzt in der königlichen bibliothek zu Berlin; 
eine (in Pfeiffers ausgäbe nicht benutzte) pergamenthandschrifb des Bar- 
laam , jetzt in der königlichen Universitätsbibliothek zu Bonn ; eine hand- 
schrift des Wigalois, eine des Kenner, auch eine papierhandschrift des 
Willehalm von Oranse , im besitze des herm von Groote. (Vgl. Tristan, 
von meister Gotfirit von Straszburg, herausgegeben von E. von Groote. 
Berlin 1821. 4. p. LXVII fgg. Wolfram von Eschenbach, zweite aus- 
gäbe, von Karl Lachmann. Berlin 1854. s. XXXIIl.) 

Das folioblatt enthält 6 in längslinien gerahmte spalten , von je 
43 Zeilen, zwischen feingezogenen queerlinien, im ganzen also 258 Zei- 
len. Die schöne und deutliche schrift könte ihren zögen nach zwar viel- 
leicht noch dem 13. Jahrhundert angehören, wird aber wol mit grösse- 
rer Wahrscheinlichkeit in das 14. zu setzen sein. Jeder vers begint mit 
einem grossen anfangsbuchstaben und schliesst mit einem punkte. Inter- 
punction fehlt; um* an sehr wenigen stellen begegnet ein punkt oder strich 
auch innerhalb der zeile. Hie und da sind Wörter, buchstaben oder 
buchstabenteile durch untergesetzte punkte getilgt, oder auch durch- 
strichen. Die verse 103 und 242 beginnen mit grosser blauer, vers 181 
mit eben solcher roter initiale. Letztere ist jedoch wol zu unrecht 
gesetzt, da sie nicht mit einem grösseren absatze der erzählung zusam- 
menßlllt, und ihr auch nur 2, nicht 3 reime vorangehen. Am unteren 
rande der kehrseite steht die Signatur .iilj. 

Der Schreiber • braucht v an-, in- und auslautend für w, v mit 
darüber gesetztem häkchen für ü und für iu, mit darüber gesetztem e 
für üe, mit darüber gesetztem o für t^, iv mit häkchen über v für iu, 
o mit darüber gesetztem e für ce, setzt an- und inlautend langes, aus- 
lautend kurzes 8, hat für z und ^ nur einerlei zeichen, und weiss zwi- 
schen ^ und s nicht mehr richtig zu unterscheiden, wie er denn neben 
de GSii da^ auch wc nicht nur für wa^, sondern auch für was verwendet. 
Zuweilen setzt er auch einen circumfiex, jedoch ohne folgerichtigkeit, 
und selbst an ganz ungehöriger stelle, wie er auch iu Verwendung der 
grossen anfangsbuchstaben nicht folgerichtig verfährt. 

In dem nachstehenden genauen abdruckt sind^ statt der eben ange- 
gebenen Schreibweise , die jetzt üblichen typen verwendet , die eigennamen 
mit grossen anfangsbuchstaben versehen, und die wenigen abkürzungen 
welche sich auf die allgemein üblichen beschränken, aufgelöst worden, 
mit ausnähme von m, um den verschiedenen möglichen auflösungen in 
und, unt und unde nicht vorzugreifen. Von einsetzung unserer jetzt 
üblichen interpunction ist abstand genommen worden, weil die incorrect- 



AUS ULRICHS V. D. TÜRLIK WITXEHALM 97 

heit, an welcher der text durch schuld des Schreibers zu leiden sclieint, 
doch kaum erlaubt haben würde, sie überall richtig und reinlich durch- 
zuführen. 

recto a. Ist mir ze dez Margraveu kunne. 

Der hohesten frceden wunne. 

Die min hertze gehaben kan. 

Ist. so ich sich ir einen an. 
5 Ir trost mich zefrajden leit. 

Swaz ich in leide hau gebeit. 

Daz hat ein selig end genomeu. 

Nu waz der Markis komen. 

Dem wart dez bruoders komen kunt. 
10 Do er erboitzte er gie zestunt. 

Zuo der kunegin da er in vant. 

Er tet hie bruoders liebi erkant. 

Ein rieh enpfahen braht in dez inne. 

Ouch sprach er zuo der küneginne. 
15 Nu pflig sin frowe, als er dir si. 

Wisse er ist dir mit triuwen bi. 

Daz frcete der küneginnen sin. 

Nu schier gie uf den Palas hin. 

Viviantz vn diu ritterschaft. 
20 Arnolt wart mit liebe kraft. 

Enpfangen als da zehove zam. 

Diu künegin nu wasser nam. 

Grave Arnolt vn der Markis hie. 

Diu künegin dez niht enlie. 
25 Si tete nach züchten schin. 

Arnolt und diu künegin. 

Diu schoene Alyse vft der Markis. 

Hie wart gedient in zühte wiz. 

Qantzer wille si dar zuo treip, 
30 Der grave nu alda beleih. 

Wol uf sehs tage frist. 

Arnolt sprach daz du- so bist. 

Hie heime vfi niht tagalte pfligst. 

Schaffe daz du ilit so ligest. 
35 Du hast hie iunger mage vil. 

Die wol tuont ritters getete spil. 

28. arsprünglicli mrt, undeutlich corrigiert; es soll wol wart gemeint s<mh. 

IBITHCHR. P. DEÜTSCHR rillLOL. BI». III. 7 



98 HAAG 

Betrahte daz vfi yolge mir. 

Mach uns frcßde e ich kom von dir. 

Ez ist wol zit daz man daz tuo. 
40 Nu horte diu küneginne zuo. 

Der dize rede vil wol behagt 

Si sprach er hat dir war gesagt. 

Ez zimet dir wol nach dime komen. 
b. Da wirt froede von vemomen. 
45 Sit si von hoher arte sini 

Vil ob sümlichiu kint. 

In iungen iaren sint. waz dar umbe. 

Die wisen leren die tnmben. 

Bitz er manlicher getat gewon. 
50 In dirre rede lie si niht von. 

Daz ich in wil dez bringen inne. 

Ob ich in von hertzen minne. 

Sin arte wirt von mir gehoehet 

Sin tugent hat zuo mir gefloehet. 
55 Vil liebi diu mich hat ergetzet. 

Ob ich an liebi was geletzet 

Sin pris wirt von mir getinrt. 

Sit sich sin triuwe hat gehiurt. 

Gen mir in gantzer liebi hol. 
60 Der grave sprach von recte iu sol. 

Unser künne bieten §re. 

Nu tet er nach ir beider lere. 

Berhtramen er besante. 

Der hette ze Proventz in dem lande. 
65 Vil guoter bürge die man da vant in. 

Da was er gevarn hin. 

Do der Margrave wider kam. 

Kyberten vfi Hues zim nam. 

Die waren ime gesezzen na. 
70 Dem Markise si ritten sa. 

Er tet in dize rede kunt. 

Berhtram sprach ez ist ein funi 

Der dem lande ze froeden frumt. 

Ouch schaffe ich wol daz uns kompt. 

68. Der Ictzto strich des m in Kyberiem ist dui^b- untergesetzten punkt 
getilgt — hves 



AUS ULBICHS V. D. tCRLIN WILLBHALM 99 

75 Her der ritterschefte vil. 

Der Margrave sprach bruoder ich wil. 

Hundert ritter ich machen wil. 

Dez stoze ich niht langer zil. 

Ouch sollen in allen enden. 
80 Werben wir. daz ez geschehe. 

Ze disen piingsten daz man sehe. 

Daz uns gS niht an froaden abe. 

Welle mir nz daz ich habe. 

Du vfi min bruoder Eybert. 
85 Hundert edel knappen die swert. 

Enpfahen mit Yiviantze. 
c. Man muoz hie frcede sehen gantze. 

Also wil diu künegin. 

Do sprach Eybert da süllen wir sin. 
90 Gebetes iemer undertan. 

Der tugent daz wol verdienen kan. 

Sit daz si öns ze froeden wart. 

Ditz was nu ungespart. 

Si ritten hin vfi her vfi besauten sich. 
95 Dez bewert diu aventiure mich. 

Ez ergie als ich geseit hau. 

Gen Oranse si zogten dan. 

Dar koment tusent ritter oder mer. 

Nu wart nach Kyburge 16r. 
100 Daz rieh gezelt hie uf geslagen. 

Ouch sach man vil soumer tragen. 

Beide karren vfi wagen. 

!N'u huob sich manger hande spil. 

Der ich nu niht sagen wil. 
105 Floeten tambren vfi schalmien. 

In dem kl§ muez ir kamer sin. 

Für den witen palaz. 

Diu ritterschaft erbeitzet was. 

Vfi giengen schowen uf daz rivier. 
110 Hie zehen. dort sechs, da liht vier. 

Vfi benamen sich dem sweize gar. 

Hie manig reidez valwes har. 

Der geste boubet hie ziert. 

Besolt vfi geviert. 
115 Si uf den palas giengen. 



100 HAAG 

Da si nach witze enpliengen. 

Der MarMs vfi diu künegin. 

Nu bedahte vil tiurer pfelle schin. 

Termis den palas Qberal. 
120 Der heiden riclieit sich nit hal. 

Daz moht man an Eyburge sehen. 

Ouch saz bi ir an den man spehen. 

Mohte minne geleze wol. 

Nu wart der Palas froeden vol. 
125 Die tische man richte vü gab gnuok. 

Mit videln harpfen man für truok. 

Dirre froede gie doch ein angest zo. 

Ouch konden alle ir frowen nuo. 

Den gesten man schuof guot gemach, 
verso a. 130 Dez morgens do man messe sprach. 

Do hiez diu künegin dar tragen. 

Der ich niht gar mag gesagen. 

Von pfelle somit vfi ander d*lachen. 

Hundert rittem die an swachen. 
135 Die wät mohten wol enpfahen. 

Nach den hotten sach man gaben. 

Hundert ors vü niwe gereit. 

Vfi als vil schilten dar bereit. 

Be vie vil riebe spangen mit golde. 
140 In die buckeln als si solden. 

Die spangen zir sliezen. 

Bereit wol ane verdriezen. 

Mit meisterlichem flize. 

Nieman mir daz verwize. 
145 Ob ich iu prüefe daz ich nie gesach. 

Diu aventiur mir sin veriach. 

Als da stat wie was gehert 

Sin schilt ob daz min zunge mert 

Daz sol man durh zuht mir wissen nit. 
150 Sit man Eyburge der wirde gibt. 

So kan ich kum geliegen hie. 

122 Der schreibcr hatte den vers irrtttmlich mit mohte geschlossen; dann hat 
er dies mohte wider ausgelöscht, und hinter dem der folgenden zeile mit einem 
striche interpungiert 

138 ti^ilUen, aber das zweite I dnrch untergesetzten punkt getilgt. 



AUS ULRICHS V. D. TÜBLIn WILLEHALM 101 

Der Margrave och die. 

Viviantzes schilt gesellen. 

Ob sich die nu bereiten wellen. 
155 la vil wafenroke vii richer deke. 

Diu froede git hertzen weke. 

Swa man die durh frcede tuet. 

Von pfelle mangen riehen huot. 

Man mähte zuo dem riehen kleid. 
160 Kyburge hertze liebe geit. 

Gen Viviantz vfl gen Milen. 

Ouch waren gesant mit ilen. 

Vil botten als ichs han. 

Die manig schoen kastelan. 
165 Berhtram vfl ander brahten gen der Marke. 

Nach schowen vil starke. 

Mit Ben vil schcencr pferiden gie. 

Nu was groze frcede hie. 

Vf der burk vfl in dem plan. 
170 Vil buhurt sach man hie began. 

Vor der künegin vfl den frowen. 

Man mohte hie frien graven schowen. 
b. Hie an dez Margraven schilt. 

Da wart Kyburge tugende gezilt. 
175 So hohe daz man ir tugende lach. 

Ouch was bereit als ich g sprach. 

Nach der aventiure sage. 

Diz was an dem pfingest tage. 

Von der ritterschaft wart gedrank. 
180 Do man nu die messe gesank. 

I>ar nach segente man in diu swert. 

Der Margrave nieman anders gert. 

Der segente sinem neven. 

Wan ein kappelan hies Steven. 
185 Dez hertze sich so gemeine hielt. 

Wan er gen gotte vil tugende wielt. 

Ouch hielt er sinen orden wol. 

Nu wart der palas aller vol. 

Den man nu schiere rumpte hie. 

168. Dem o in groze ist ein e übergeschrieben. 

181. smffenU, aber das erste n durch untergesetzte punkte getilgt 



102 HAAG 



190 Do diu messe yfi der segen ergie. 

Vfi man in diu swert ombe gurt. 

Do hnob sich ein buhurt. 

Der wol ein wibes hertze vie. 

Viviantz sich so anlie. 
195 Daz man in fftr si alle priste. 

Ob ich iu hie nu wiste. 

Von sime schilte vfi siner riehen wat. 

Her Wolfram daz geseit hat. 

Ez ist niht dürft daz ichs sage. 
200 Dar nach an dem dritten tage. 

Diu ritterschaft ze lande kerte. 

Die Sit iamer trdren lerte. 

Als iu daz masre noch kündei 

Her Wolfram hat ez ergründet. 
205 Der Markis hie minne koufte. 

Daz mangen von dem leben sloufte. 

Eyburgez süezi wart hie sur. 

Ir kamen boese nächgebum. 

Von den der walt wart geoeset 
210 Her Wolfram daz hat zerloesei 

Daz wir sin niht dürfen fragen. 

Ouch beginnet iu der leide betragen. 

Wie irs vor haut gehört. 

Beinen hertzen her nach froede stört. 
215 Vfi trüebet sinen reinen muot 
c. Nu hoerent ob ez iu dunket guot 

Viviantz vfi sin geselleschafL 

Die pflagen nu solicher ritterschaft. 

Daz man in prises getete iach. 
220 Viviantz do ze Milen sprach. 

Ob du wUt wir sfilen besehen. 

Vfi mit gemeinem munde iehen. 

Vfi giengen zuo der künegin. 

Ez sol mit iwem hulden sin. 



193. toibvs hertzen, mit haken über dem v nnd zwei punkten unter dem n. 
197. sime ist zweimal gesohrieben, das zweite aber durchstrichen. 
199. vor ichs steht ein dnrchstrichenes ist, 
203. m're, 
209. d^. 



AUS ÜLBICHS V. D. TÜBLIn WILLSHALM 103 

225 Frowe daz wir riten hin. 

Durh Sehens die keiserin. 

Yfi minen herren den künig Loys. 

Da vinden wir mangen Franzoys. 

Da wirt iwer wirde bekant. 
230 Nu hat der Wolfram nieman genant. 

Won den klaren Viviantz. 

Den er vant uf Alitzschantz. 

Der Margrave ob im erbeitzte. 

Den leit ze iamer reizte. 
235 Do der in wibes hertzen. 

Owe dez iemerlichen schmertzen. 

Die klage ir e hant vernomen. 

Nu land uns aber wider kernen. 

Da diu rede e beleip. 
240 Kyburg si niht wider treip. 

Dez willen der si ze froeden treip. 

Nu enbot Alyse diu maget. 

Bi Viviantze gruozes vil. 

Si ritten dan in kurtzem zil. 
245 Yfi kerten rehte gen Litun. 

Dunalde dez küneges garzun. 

Hin wider lief si fragten mere. 

Er Seite daz der künig were. 

Ze Muleun vfi diu keyserin. 
250 Gen Oranse ich gesant bin. 

Getarst duz sagen, ia herre wol. 

Min herre der Margrave soL 

Die schoene Alysen bringen wider. 

Min frowe lit an froeden nider. 
255 Yfi froßde mit iamer au ir iaget. 

Si gesehe Alysen die maget. 

Ob ir kumit mit dem Markis. 

Daz bringet iu wol lones pris. 



In diesem bruchstücke treten uns die namen von personen des kär- 
lingischen Sagenkreises entgegen. Wir finden von den sieben söhnen des 
grafen von Narbon (vgl Wolfram, Willehalm 5, 16) den ältesten, den 
markgrafen Wilhelm von Oransche (Markis vgl. Wh. 3, 11), den zwei- 

225. hein, mit pniikt unter dem e. 



104 IIAAG 

ten Bertram (Wh. 6, 22), den fünften Arnalt (^ Arnold Wh. 6, 27), 
den siebenten Gybert (= Kybert Wh. 6, 29); ausserdem Viviantz, Wil- 
helms Schwestersohn (Wh. 23, 1), Kyburg, gemahlin Wilhelms (Wh. 
7, 30), welche früher Arabelle hiess und gemahlin des heidnischen königs 
Tybald war (Wh. 8, 2). Es wird das Schlachtfeld Alischantz (Wh. 165, 4) 
und der berg Munleün (Wh. 19«, 15) erwähnt usw. Von diesen perso- 
nen finden wir bei Kyburg (der künegin) den markis, Viviantz und 
Arnold. Letzterer fordert die königin auf, ritterspiele zn veranstalten. 
Kyburg geht gern darauf ein. Es wird nach rittern geschickt, um die- 
selben zu dem feste einzuladen , an dem auch Viviantz mit andern knap- 
pen das Schwert empfangen solle. Nach der anweisung Kyburgs werden 
zelte aufgeschlagen und die ritter gut bewirtet und reichlich beschenkt. 
Bei den spielen zeichnet sich Viviantz aus. Nach beendigung der fest- 
lichkeit bitten Viviantz und Milen um Urlaub, da sie zur kaiserin und 
dem könige Loys gehen weiten. Die beiden ritter brechen auf, nach- 
dem Alyse ihnen viele grüsse aufgetragen hat und kommen zu Dunalde, 
von dem sie hören, die kaiserin befinde sich zu Muleun. 

Es fällt aber diese festlichkeit vor die zeit, in welcher uns Wol- 
fram von Eschenbach die obengenanten personen vorführt. Denn Wol- 
fram begint sein gedieht nach vorausgesanter einleitung mit der Vor- 
bereitung zum kämpfe gegen die beiden, und schildert uns alsdann die 
Schlacht bei Alischantz, in welcher Viviantz getödtet wird. Die mit- 
geteilten verse können also nicht aus dem WiUehalm des Wolfram von 
Eschenbach herstammen. Denn solte man auch wirklich der ansieht sein, 
Wolframs Willehalm , wie wir ihn jetzt besitzen , sei uns nicht vollstän- 
dig überliefert, so können die 258 zeilen doch unmöglich teile des ver- 
lorengegangenen Stückes und somit des Wolframschen Willehalmi sein. 
Denn in den zeilen 198 und 199 lesen wir: 

her Wolfram da:^ geseit hat, 
es ist niht dürft, da; ich; sage. 

Zwar spricht auch in stellen seines Willehalm Wolfram von sich selber, 
aber immer, indem er die erste person hinzusetzt, z. b. Wh. 6, 19: 

ich Wolfram von Eschenbach. 

Von einem andern dichter also als Wolfram müssen die obigen zeilen 
herrühren. Einem früheren Verfasser , als WolfÄm , können wir sie jedoch 
der angeführten verse (198 und 199) wegen nicht zuschreiben; sonst 
wäre dies an sich nicht grade unmöglich, da ja der anfang von Wil- 
helms und Arabellens geschichte bereits vor Wolfram in Deutschland 
bekant war (vgl. Wolframs Willehalm 7, 23 flf.). 



AUS ÜLBICH V. D. TÜBLÜf WILLEHALH 105 

Wir haben demnach in den oben mitgeteilten versen ein bruchstück 
aus einem werke eines späteren nachwolframischen dichters vor uns. Da 
wir nmi wissen , dass der Imgenügende anfang des Wolframschen Wille- 
halm den Ulrich von dem Türlin bewogen hat, die mangelnde Vor- 
geschichte, oder, wie er selbst sie nent, die „vorrede" hinzuzudichten, 
in welcher er die entfahrung Arabellens und ihre lebensschicksale bis 
zur Schlacht bei Alischanz weitläufig erzählt, werden wir das obige 
bruchstück in dem gedichte dieses Ulrich aufsuchen. In der ausgäbe 
Caaparsons* finden wir nun zwar freilich keine spur davon, aber wir 
erinnern uns , dass diese ganz ungenügende ausgäbe nur ein abdruck einer 
einzigen handschrift ist, und dass es noch eine andere, vollständigere, 
und nach Lachmanns urteile (Wolfram p. XLI) echtere recension gibt, 
welche z. b. in der Heidelberger handschrift no. 395 erhalten, aber frei- 
lich noch ungedruckt ist. Und da komt uns denn ein glücklicher zufall 
zu hilfe, dass ein anderes, kürzeres, von v. 56 bis 223 unseres textes 
reichendes bruchstück schon vor jähren in Regensburg gefunden und 
durch Karl Roth bekant gemacht worden ist,* von welchem Roth 
(s. XXn) zugleich feststellen konte, dass es mit dem texte des schluss- 
stückes der Heidelberger handschrift no. 395 übereinstimt. 

Hiemach entstamt also unser oben abgedrucktes bruchstück einer 
handschrift;, welche den vollständigeren und echteren text des Willehalm 
von Oranse Ulrichs von dem Türlin enthielt, und gehört zu dem schluss- 
stücke dieses gedichtes. 

Vers 207 des bruchstückes ist mit geringer ändenmg entlehnt aus 
Wolframs Willehahn 12, 30. 

BERLIN. DR. HAAG. 



1) Wilhelm der Heilige von Oranse erster teil, von Türlin oder Ulrich Tur- 
heim, einem dichter des schwäbischen Zeitpunktes. Aus einer handschrift heraus- 
gegeben durch W. J. C. G. Casparson. Cassel 1781. 4. 

2) Dichtungen des deutschen mittelalters in bruchstücken aufgefunden und mit 
erläuterungen herausgegeben von dr. Karl Roth. Stadtamhof 1845. — no. VIII. 
Wühebn von Oransche. S. 134—141. 



106 E. WÖRNEB 



VIRGIL UND HEINRICH VON VELDEKE. 

Die folgende abhandlang soll ein versuch sein, an einem beispiele 
die behandlung antiker stoffe in unserer poesie des mittelalters eingehend 
nachzuweisen. Aus diesem nachweis ergeben sich von selbst die rich- 
tigen gesichtspunkte für beurteilung eines dichters, über welchen kein 
geringerer kenner unserer litteratur, als Gervinus ist, ein vernichtendes 
urteil gef&lt hat (Gesch. d. poet N.-L. der Deutschen I, p. 293 — 302). 
Diesem urteile ist zwar schon widersprochen worden^ so von Ettmül- 
1er in der vorrede seiner ausgäbe des dichters p. XVin , da aber Ger- 
vinus am angefahrten orte zur begründung seiner ansieht nicht wenig 
einzelheiten aus Veldekes Eneit anfuhrt, so wird auch nur ein genaues 
eingehen auf die eigentümlichkeiten des gedichtes zu einer überzeugen- 
den berichtigung jenes Urteils führen. Seitdem A. Pey (Eberts Jahrb. H, 
1 ff.) den nachweis geführt hat, dass Veldeke seiner französischen vor- 
läge, dem roman d'Eneas des Benoit de Sainte-More, genau gefolgt ist, 
dass die meisten abweichungen von Virgil nicht von ihm , sondern schon 
von Benoit herrühren , dass auch stellen , welche noch Gervinus für Vel- 
dekes eigentum hielt, nur gewante und freie nachahmung des franzö- 
sischen Originals sind , seitdem sind freilich bereits eine anzahl der abur- 
teilenden ausspräche von Gervinus hinfällig geworden.^ So kan das 
urteil des litteraturhistorikers: „Der rittersman hat keinen begriff von 
dem, was er übersetzt" (Handb. der Gesch. d. poet. N.-L. d. Deut- 
schen 1842. p. 44) bei dem unkundigen nur falsche und schiefe begriffe 
erwecken. Der rittersmann hat seine französische vorläge sehr wol ver- 
standen und man würde ihm gewis unrecht tun , wenn man ihn fär einen 
gewöhnlichen Übersetzer erklären wolte. Denn seine spräche fliesst so 
gewant und ungezwungen, dass er in dieser hinsieht sich nicht nur 

1) Da der französische Originaltext des romans d'Eneas von Benoit de Sainte- 
More leider noch nngedmckt ist, können wir über ihn und über das Verhältnis der 
bearbeitung Veldekes zum französischen original nicht mehr wissen, als Alezander 
Pey in seiner oben angeführten ahhandlung: „L*Endide de Henri de Veldeke et le 
roman d'Encas attribnc ä Benoit de Sainte-More'' auf p. 1 — 45 des Ü. bandes von 
Eberts Jahrbuch für romanische und englische litteratur (Berlin 1860) mitgeteilt hat. 
Es lässt sich also im einzelnen freilich meist nicht mit der wünschenswerten Sicher- 
heit erkennen, ob und wie weit Heinrich von Benoit abweicht oder nicht. Der Ver- 
fasser der vorliegenden ahhandlung war somit ausser stände, über das Verhältnis 
Heinrichs zu Benoit mehr und genaueres zu bieten , und muss in dieser beziehung den 
geneigten leser auf die darstellung von Pey verweisen , sowie überhaupt die ahhand- 
lung sich nur auf dem deutschen tezt der Ettmüllerschen ausgäbe und dem von Pey 
dargebotenen aufbanen konte. Bed. 



r^ 



VIBOIL WD HEIMBICH V. VELDBKE 107 

wesentlich vor seinem nachahmer Herbort von Fritzlar auszeichnet, son- 
dern auch manchem modernen Übersetzer eine lehre geben könte. Hat 
er doch in dem berühmten gespräche über die minne die französische 
vorläge so meisterhaft nicht nur in das treffende deutsche wort, son- 
dern auch in das entsprechende deutsche gefühl umgesetzt, dass Gervi- 
nos steif und fest behauptete , das müsse des Deutschen eigene erfindung 
sein. Es beschleicht uns zwar zunächst eine art wehmut , dass hier auch 
Oervinus schönes lob zurückgenommen werden muss (cf. p. 300), aber 
so übersetzen heisst fast gleich viel wie von neuem schaffen; es gibt 
stellen in Luthers bibel , die so , wie sie sind , von keinem als von Luther 
so gesagt sein könten. Und in diesem sinne kan immer Gervinus urteil 
stehen bleiben: „die deutsche dichtung jener zeit hat gewis weniges an 
lieblichkeit, an herzlichkeit , an inniger Unschuld und naivetät diesen 
gesprächen der Lavinia und ihrer mutter zu vergleichen." Dass übrigens 
Heinrich v. Veldeke im einzelnen vielfach von seing: französischen vor- 
läge abweicht, wird die folgende darstellung ergeben. Um das Verhält- 
nis des antiken gedichts zu dem mittelhochdeutschen in das richtige 
licht zu setzen, lege ich zunächst den gang der handlung bei Yirgil und 
bei Veldeke vergleichend dar, sodan stelle ich zusammen, was von 
antikem sich bei Veldeke erhalten hat^ und gebe zuletzt eine Übersicht 
über das „ moderne ," welches unwilkürlich in die Eneit eingedrungen ist 



L 

Virgil führt uns in der Äneide sogleich mitten in die handlung 
hinein. Es sind schon sieben jähre verflossen, seit Äneas seinem vater- 
lande den rücken kehren muste , seine flotte ist aus dem sicilischen hafen 
Drepanum abgesegelt und fährt der küste Italiens zu, da erblickt Juno 
die verhassten Überreste der Trojaner schon nahe dem ziele ihrer bestim- 
mung und eingedenk ihres alten grelles und wol wissend, dass spröss- 
linge trojanischen blutes einst ihr geliebtes Carthago zerstören werden, 
dem sie die weltherschaft zugedacht hat , eilt sie zum Äolus und bestimt 
ihn, die troischen schiffe fernab von Italiens küste zu verschlagen oder 
auch im meere zu begraben. Da bricht der seesturm los. Die fahrzeuge 
des Äneas werden zerstreut, eines im meere versenkt, bis endlich Nep- 
tun durch sein gewaltiges quos ego die winde zügelt und das aufgeregte 
meer zur ruhe bringt. Äneas erreicht mit 7 schiffen von zwanzig die Liby- 
sche küste. Er erlegt für seine erschöpften gefährten sieben am ufer 
waidende hirsche und richtet den gesunkenen mut jener mit tröstenden 
werten auf. Unterdessen wendet sich Venus besorgt um ihren geUebten 
söhn an den vater der götter und menschen wegen der unaufhörlichen 



108 E. WÖKNEE 

irrsale, die dem Äneas verhängt sind und erhält von Jupiter die tröst- 
liche Versicherung, dass Äneas Italien erreichen, die kriegerischen Völ- 
ker des landes besiegen und den grund zu der künftigen Weltmacht Borns 
legen werde. Als am nächsten morgen Äneas mit dem treuen Achates 
auf kundschaft ausgeht, komt ihm in dem walde, der die käste umgibt, 
seine göttliche mutter entgegen, unter der gestalt einer jägerin, gibt ihm 
auskunft über die herrin des landes Dido, weist ihn nach dem nahen 
Carthago und sagt ihm die glückliche rückkehr der verschlagenen schiffe 
voraus. Jene beschleunigen ihren weg und sehen bald das geschäftige 
Carthago vor sich liegen. Durch eine wölke dem . blicke der menge ent- 
zogen durchschreiten sie die stadt, bis sie zu dem tempel der Juno 
gelangen, an dessen pforte sie glücklich mit ihren verloren geglaubten 
gefährten zusanmientreffen , die eben herbeieilen um an dem throne der 
königin für sich und ihre gestrandeten schiffe recht und schütz zu suchen. 
Dido nimt den Äneas und seine gefährten ehrenvoll und gastfreundlich 
in ihrem palast auf; erfreut über die aufnähme sendet Äneas den Acha- 
tes nach den schiffen, damit er den Ascanius samt reichen geschenken 
herbeibringe. Aber Venus fürchtet noch immer die doppelzüngigen Car- 
thager, die Schützlinge der Juno, und um die Dido mit noch stärkeren 
banden an Äneas zu fesseln, sendet sie in der gestalt des Ascanius, den 
sie nach Greta entrückt, ihren söhn Amor, und während nun Dido den 
vermeintlichen Ascanius beim gastmahle küsst und liebkost, wird ihr 
unauslöschliche liebe zum Äneas eingehaucht. Am ende des gastmahls 
bittet Dido ihren lieben gast, von anfang an ihr Trojas fall zu erzäh- 
len. — Soweit das erste buch. — Es folgt nun im zweiten buche der 
Äneide die erzählung des Äneas über die letzten Schicksale Trojas. Der bau 
des hölzernen rosses , der scheinabzug des griechischen heeres , die geteil- 
ten meinungen der Trojaner, ob sie die merkwürdige hinterlassenschaft 
ihrer feinde in die stadt führen sollen oder nicht, die abmahnende rede 
des priesters Laocoon , der mit der lanze gegen den bauch des hölzernen 
Ungeheuers stösst, dass die waffen der darin verborgenen Griechen klirren. 
Die aufiündung des Sinon und dessen listige feinerdachte rede, durch 
welche verbunden mit dem wunderbaren tode des mahners Laocoon die 
Trojaner dahin umgestimt werden, den hölzernen coloss durch den nie- 
dergerissenen teil ihrer mauer in die stadt zu bringen und endlich den 
langersehnten tag des friedens festlich zu begehen. Dann bei nächtlicher 
weile die rückkehr der Griechen von Tenedos und das öffnen der tore 
durch ihre dem bauche des rosses entstiegenen genossen. Äneas wird 
aus dem schlafe aufgeschreckt durch die erscheinung des Hector, der 
ihn zur flucht und zur rettung der heimatlichen Penaten auffordert. 
Dann die lebendige beschreibung des ksgnpfes in der Strasse der bren- 



VIRQIL UND HEINRICH V. VELDEKE 109 

nenden stadt, die heldentaten des Aneas, die Schlacht um die königs- 
barg und der tod des Priamus , dann die feine motivierung der flacht des 
Äneas, zu der ihn seine göttliche mutter selbst mahnt, der widerstand 
des greisen Anchises (der lieber unter den trümmern Trojas sterben will), 
endlich durch unverkenbare göttorzeichen gebrochen, und Äneas, den grei- 
sen vater auf dem rücken, seinen söhn an der band führend, gefolgt 
von der treuen Creusa, aus der stadt fliehend. Endlich ausserhalb der 
Stadt bei dem tempel der Ceres angekommen macht er die schreckliche 
entdeckung, dass er in der eile der flucht seine gattin verloren hat. 
Seine rückkehr in die stadt, das lange vergebliche suchen, bis ihm der 
schatten der geliebten erscheint. Darauf seine flucht mit den Trojanern, 
die sich zu ihm gesellt haben, in das Tdagebirge. — Im dritten buche 
werden nun die siebenjährigen Irrfahrten des Äneas behandelt, ehe er nach 
Afrikas küste verschlagen wird. Am Ida hat er sich seine schiffe gebaut 
und geht mit begin des sommers, ungewis wohin ihn sein Schicksal 
fuhren wird, in see. Der kurze aufenthalt an der durch den mord des 
Priamiden Polydor befleckten thrakischen küste, die ankunft auf Delos, 
wo ihn das apollinische orakel in dunkeln werten sein künftiges heimat- 
land zeigt: 

Dardanidae duri, quae vos a stirpc paretitum 

Prima ttdit tdlus, eadem vos ubere laeto 

Accipiet reduces. Antiqtmm exquirite matrem. 

Hie domus Aeneae cundis dominabitur oris 

Et nati natorum et qui nascentur ab iUis. IE, 94 — 98. 

Äneas wendet sich hierauf nach Greta, wohin, wie Anchises meint, das 
Orakel weist. Bereits ist die stadt Pergamum gegründet, als die Troja- 
ner durch pest und dürre wider hinweggetrieben werden. Die heimat- 
lichen Penaten selbst erscheinen im träume dem Äneas auf ApoUos 
geheiss und deuten ihm das orakel: 

^Est locus, Hesperiam Graii cognamine dicunt: 
terra antiqua, potens armis afque ubere glebae; 
Oenotri coluere viri: nunc fama, minores 
Italiam dixisse ducis de nomine gentem. 
Hae nobis proprio^ sedes; hinc Dardanus ortus, 
lasiusque pater, genus a quo principe nostrum, 

ni, 163 — 168. 

Nach der abfahrt von Greta überfällt ihn ein mächtiges Unwetter, das 
ihn drei tage und nachte auf dem meere umherwirft und ihn endlich an 
die küste der Strophaden treibt, wo seine gefährten mit den Harpyen 
zu tun bekommen. Eine von ihnen, Gelaeno verkündigt ihm, dass er 



110 E. WÖRNER 

zwar nach Italien kommen und dort landen würde-, dass er aber nicht 
eher würde eine stadt gründen können, bis grinmier hunger sie gezwun- 
gen hätte ambesas äbsumere mensas: lU, 257. Es folgt dan die fahrt 
durch das Ionische meer bis zur küste von Epims, der aufenthalt bei 
dem Priamiden Helenus und der Andromache, die ihm mit rat und tat 
beistehen. Dan die fahrt entlang der südküste Italiens, die aben teuer 
am fusse des Ätna, und endlich die ankunft in dem hafen von Drepa- 
num an der westspitze Siciliens, wo der greise Anchises den mühen der 
Seefahrt unterliegt. So schliesst Äneas seine erzählung mit dem Zeit- 
punkte, mit welchem das erste buch der Äneis began. 

Vielfach in haupt- und nebenzügen abweichend begint die deut- 
sche Äneide Heinrichs von Veldeke. Das verschlungene, kunstvolle 
gefQge der handlung bei Virgil ist vermieden; Veldeke hält sich genau 
an die zeitliche aufeinanderfolge. Menelaus belagert um der ihm von 
Paris geraubten Helena willen die stadt und nimt sie endlich ein, nichts 
wird von den Griechen verschont, gesunde und kranke erschlagen , Pria- 
mus findet mit seinen vier söhnen den tod. Nur ein vornehmer man, 
der an dem einen ende der stadt wohnt, der herzog Äneas, "der söhn 
der göttin Venus, diu frowe ist über die minne, rettete sein leben. Er 
hatte zu jener zeit von den göttern vernommen, dass er sein leben 
erhalten und nach Italien fahren solte, woher Dardanus der gründer 
Trojas stamte. So kent also Äneas schon hier den ort seiner bestim- 
mung, den er bei Virgil erst nach längerer irrfahrt auf Greta erßlhrL 
Als nun der verhängnisvolle augenblick gekommen ist, da versammelt 
Äneas seine verwanten und dienstmannen um sich (sine mäge und ^ne 
man)^ teilt ihnen die Weisung der götter mit und stelt ihnen frei, ob 
sie bleiben und kämpfend sterben oder mit ihm das land verlassen wol- 
len; in beiden fällen werde er zu ihnen stehen. Sie entscheiden sich 
allgemein dafür, mit ihm das land zu räumen und so zidit er nun mit 
3000 rittern aus , seinen söhn fährt er an der band , seinen altersschwa- 
chen vater lässt er hinter sich her tragen, auf der flucht verliert er 
seine gattin, der dichter sagt scherzhaft: „ich weiss nicht wer sie ihm 
nahm.*^ Man sieht, mit keinem werte suchte der dichter die flucht zu 
beschönigen, nicht wie bei Virgil kämpft Äneas bis zum letzten augen- 
blicke, um erst dann von den göttern dazu aufgefordert der stadt den 
rücken zu kehren. Es komt hier dem dichter nur darauf an, kurz und 
schlicht die facta zu erzählen , ohne sie tiefer zu motivieren. Er besteigt 
mit seinen leuten 20 schiffe, die die Griechen wol gerüstet unfern sei- 
nes hauses stehen gelassen hatten, und bald sind sie auf der hohen see; 
aber durch den hass der Juno, die dem Paris noch immer nicht die bovor- 
zugung der Venus vergessen kan (cf. Virg. Aen. I, 26), werden die Tro- 



VIROIL UND HBINBICH V. VELDBKE 111 

juier sieben jähre lang auf dem meere umhergetrieben und immer fern 
gehalten von dem lande, wo Äneas gern wäre, von Italien. Der dichter 
hat durch so merkwürdige erfindung dem Äneas den weiten weg in das 
Idagebirge und den bau der flotte gespart. Einmal zeigt Juno den Tro- 
janerft gar unsanft ihre macht; drei tage und nachte verfolgt sie die 
schiffe mit stürm und wind, regen und hagel, so dass sogar eins von 
ihnen im meere versinkt, erst am vierten tage legt sich das Unwetter. 
Yeldeke hat in der beschreibung des Unwetters seine französische vor- 
läge abgekürzt. Äneas erblickt das land und die hohen berge Libyens, 
bald erreichen sie die küste , da sind von ihren zwanzig schiffen nur noch 
sieben beisammen. Wenig gutes gewährt ihnen der hafen, in den sie 
eingelaufen sind. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich in diesem 
Unwetter zur see die züge vereinigt finden, die wir bei Yirgil finden 
in dem seesturme, der die Trojaner nach der abfahrt von Greta trift 
(m, 190 — 206), und aus dem Unwetter, welches sie an die Libysche 
küste treibt (I, 102 — 123). Äneas schickt hierauf 20 ritter, welche 
„Yliomx^'' anfuhrt, in das land auf kundschaft aus und nach ,9 kauf und 
spise." Die ritter stossen bald auf einen weg, der sie aus dem walde 
fährt, und da sehen sie vor sich eine feste, schöne und grosse stadt 
(boreJi) , die Dido erbaut hatte ; es wird nun kurz die herkunft der Dido, 
die veranlassung ihrer einwanderung nach Libyen und die bekante 
gesehichte von der rindshaut (cf. I, 366 f.), erzählt, jetzt dient der Dido 
ganz Libyen ; über den bau der stadt verweist Yeldeke auf Yirgilius (cf. I, 
418 — 29), er erzählt nur kurz, dass die stadt sieben tore und hundert 
türme hatte, an jedem tore sass ein mächtiger graf mit 300 rittem, in 
der Stadt konte man alle arten der guter finden, die wasser und land 
hervorbrachte , auf der einen seite vom meere , auf der andern von strö- 
men eingeschlossen, trotzt sie jedem angriff. Der palast der Dido steht 
nahe am meere, in seiner nähe wider das münster der Juno, ihr nämlich 
dient Dido spät und früh , damit sie Carthago zur hauptstadt aller reiche 
mache (cf. Yirg. Aen. I, 12 — 18). Die boten gelangen endlich zur 
Dido: Ylionix fTihrt das wort (wie bei Yirgil I, 520 ff.), er bittet sie um 
hilfe, rat und frieden, stelt ihr den dienst seines hem zu geböte, fleht 
sie an, dass sie die Trojaner im hafen besseres wetter erwarten und 
ihre schiffe wider in stand setzen lasse, und unterrichtet sie überhaupt 
von dem misgeschick der flüchtigen Trojaner (cf. I, 520—560). Die 
königin, wolbekant mit dem Schicksal Trojas und vertraut mit den leiden 
des heimatlosen umherirrens, will gern mit Äneas land und leute teilen, 
wenn er bleibe; wenn nicht, so stelt sie ihm wenigstens, so lange er 
sich aufhält, alles, was sie hat, zur Verfügung (cf. I, 570 — 78. 
619 — 630). < Unterdessen sind die zwölf verschlagenen schiffe eingelau- 



112 E. WÖRNER 

feu, Äneas ist ungeduldig auf die rückkehr der boten wartend auf 
einen hohen berg gestiegen, um nach ihnen auszuschauen, da sieht er 
sie kommen, eilt ihnen entgegen, und nun ist in lebendiger weise das 
hastige fragen des Äneas und das antworten der boten gezeichnet (genau 
nach Benoit) pag. 32, 21 — 33, 17. Äneas reitet mit 500 (bei Benoit 
140) auserkorenen rittern in herlichen ge wandern auf edlen rossen nach 
der Stadt; er findet dort breite Strassen und stattliche paläste; zu beiden 
selten schauen magede und frowen aufs beste geschmückt seinem einzuge 
zu, leicht erkennen sie den Äneas heraus, denn er ist ja der schönste 
von allen. Dido empfängt freundlich ihn und seine mannen. Nachdem 
sie ihm den kuss des wilkommens gegeben, schafft sie ihren gasten alle 
bequemlichkeit. Erfreut über den guten empfang schickt Äneas boten 
nach dem Ascanius und trägt seinem kämmerer (kameräre) auf, reiche 
geschenke herbeizubringen. Als nun der junge Ascanius zu hofe reitet, 
da berührt Yenus ihm mit ihrem feuer den mund , so dass wer ihn zuerst 
küsst von liebe entbrennen muss. Als nun Ascanius an den hof komt, 
umarmt er die Dido und wird von dieser geküsst. So erfasst jene die 
minne zum Äneaiei, aber sie verbirgt jetzt noch ihre liebesqual im her- 
zen. So hat auch hier der dichter (Benoit) die erfiodung des Virgil ver- 
einfacht; es folgt hierauf , wie bei Virgil, das reiche gastmahl, an dessen 
ende Dido den Äneas bittet, ihr zu erzählen, wie Troja erobert wurde. 
Fast mit derselben wendung wie bei Virgil begint auch bei Veldeke 
Äneas seine erzählung. Das infandum regina jubes renot)ar€ dolorem 
entspricht dem sinne nach den schlichten werten Veldekes: ir habet 
l)egunnen einer rede diu mir we IM. Die erzählung des Äneas selbst 
ist bei Veldeke ausserordentlich verkürzt, mit etwa 400 kurzzeilen wird 
das ganze zweite buch Virgils abgefertigt, etwas ausföhrlicher ist die 
erzählung bis zum öffnen der tore durch die im bauche des hölzernen 
pferdes versteckten Griechen, am getreuesten sind die reden des Sinon 
widergegeben, wenn auch mit manchen entstellungen; z. b. dass das höl- 
zerne ross so gebaut worden sei, dass man die göttin gewaflbet darauf 
setzen wolte, was nur durch den tod des Werkmeisters verhindert wor- 
den, wovon sich bei Virgil keine spur findet, ferner dass der sogenante 
Sinon ülixes selbst gewesen sei. Eine masse der schönsten episoden 
des buches, wie die von Laocoon (fehlt auch bei Benoit), die beschrei- 
bung der brennenden Stadt und des kampfes in der Strasse , die weiteren 
umstände der flucht des Äneas, sind unterdrückt; Äneas schliesst kurz 
damit, als er gesehen habe, dass er umgekommen sein würde, hätte er 
in Troja bleiben wollen, so sei er mit 3000 mannen, herlichen scharen, 
ausgezogen , um nach Italien zu fahren , und so sei er unter vieler müh- 
sal endlich hieher gekommen. So springt der dichter mit einigen weni- 



VIBGIL UND HEINBICH V. VELDBKS 113 

gen Worten über das ganze dritte buch Virgils weg. Welche gesichts- 
ponkte zu dieser Verkürzung des Stoffes gefuhrt haben mögeu , wird spä- 
ter zu erörtern sein. Dass aber durch die vollständige übergehung die- 
ses baches, auf welches in den folgenden büchem Virgils vielfache rück- 
deatungen sich finden, manche Unklarheit auch in die deutsche Äneide 
gekommen ist, wird sich bald zeigen. 

um so ausfohrlicher wird nun in der deutschen Äneide das 
thema behandelt, welches das ganze vierte buch von Yirgil aus- 
fällt, die verhängnisvolle liebe der Dido zum Äneas, die mit dem 
tode der Dido endigt (p. 48, 5 — 80, 22). Das ist der rechte tum- 
melplatz für den minnedichter, das war wol auch für seine hörer 
und leser eine der anziehendsten partieen. Hier hat zwar der dichter 
vielfach das, was bei Virgil mit wenigen werten angefahrt ist, weit aus- 
gesponnen, z. b. die schlaflose nacht der Dido (bei Virgil IV, 5 nee 
plaeidam membris dat cura quidem. cf. 9 quae me suspensam insonmia 
terrent!) wird bei Veldeke reich ausgemalt; nicht ohne tändelei wird 
erzählt, wie Dido den uamen des geliebten der Schwester bekent (cf 
Virg. rV, 9 — 30). Die beschreibung des jagdaufzuges der Dido (cf. 
Virg. IV, 136 — 138), nimt bei Veldeke einige 70 kurzzeilen in anspruch 
(59, 19 — 61, 10), endlich wird die Vereinigung der Dido mit dem Aneas 
(Virg. rV, 165 — 168), die bei Veldeke unter einem schützenden bäume 
des waldes, nicht in einer waldgrotte wie bei Virgil, stattfindet, mit 
übertriebener ausfuhrlichkeit behandelt (cf. p. 62 , 39 — 63 , 28). Pey 
bemerkt zu dieser stelle: oü le poete frangais abrege Vepopee laiine, le 
poete aUemand Vecourt^ au Ic trouvere la develappe, le minnesinyer la 
Paraphrase et Pamplifie. a. a. o. s. 7. Hier gibt also Pey eine gewisse 
Selbständigkeit Veldekes zil Aber auch hier sind in der deutschen Äneide 
vielfache kürzungen des ganges der handlung vorgenommen worden. 
Bezeichnend ist vor allem, dass Veldeke das vielbewunderte bild der 
Fama, welche die künde von der Verbindung der Dido mit dem anköm- 
ling über den erdkreis verbreitet, ein bild, das Benoit beibehalten hat, 
gänzlich unterdrückt Veldeke weiss auch nichts von larbas, dem her- 
scher Maoritaniens, dem verschmähten freier der Dido, der nun zu Jupi- 
ter um räche fleht um dieser Zurücksetzung willen; nichts weiss er von 
Jupiter, der durch Mercurius dem seine bestimmung vergessenden Aneas die 
fahrt nach Italien gebieten lässt , er berichtet nur mit wenigen werten , dass 
der Dido in folge dieses Schrittes viele gram geworden wären , und zwar 
die „heren after lande/' die ihre minne gesucht hatten, jetzt aber ihr 
an ihre ehre sprachen, und wie dann Äneas, als er ein so mächtiger 
herr geworden und so innig geliebt war, von den göttem einen dringen- 
den befehl erhalten hätte , das land zu verlassen. Sonst findet man aber, 

XS1T8CHR. F. DSUTflCHB PUII.OI.OaiK. BD. III. 8 



114 B. WÖRNSR 

besonders in den reden der Dido, die grondgedanken des Yirgil wider, 
nur die Anna unterstützt die leidenschaft ihrer Schwester nicht mit so 
staatsklugen gründen wie bei Virgil, sie sagt ihr vielmehr, wie sie es 
anfangen müsse, den Äneas ihre neigung merken zu lassen, ohne es 
ihm geradezu zu sagen (cf. pag. 57, 1 — 7). Vornehmlich zeigt sich die 
erwähnte ähnlichkeit des gedankenganges in den reden bei der schliess- 
lichen auseinandersetzung mit der Dido, obwol auch hier wider in der 
deutschen Äneide sich eine abkürzung findet, indem die nochmalige sen- 
düng der Schwester Anna zu dem unerbittlichen Aneas unterblieben ist. 
Immer kürzer wird der deutsche dichter, je weiter es zum ende des 
vierten buches komt, er lässt alsbald nach dem Wortwechsel mit der 
Dido Äneas davonfahren, dann die verlassene fürstin sogleich zur ausfüh- 
rung der list schreiten, durch welche sie ihrem leben ein ende machen 
will: das feuer des magischen Opfers wird angezündet, die zurückgelas- 
senen angedenken des Aneas herbeigebracht und dann die Anna nach 
der Zauberin gesendet. So schafft bei Yeldeke die Dido alle zeugen 
ihrer tat hinweg und nun schreitet sie in den tod: man sieht die ganze 
Situation ist vereinfacht, es kent die deutsche Äneide nicht die Vorzei- 
chen, welche den nahen tod der Dido verkündigen (IV, 460 — 465), nicht 
das nächtliche grübeln der Dido, durch welches sie wider auf den ent- 
schluss zu sterben gebracht wird , nichts von der plötzlichen abfahrt des 
Äneas mitten in der nacht zufolge der Warnung des gottes; wie Vii^l 
die zwischen rachegedanken und milderen regungen schwankende Dido 
schildert, als sie am morgen die schiffe der Trojaner auf hohem meere 
sieht, dann ihre Verwünschungen gegen Äneas, in denen sie gleichsam 
den tötlichen hass ihrer nachkommen gegen das römische volk und das 
racheschwert des Hannibal prophezeit, alles dieses sucht man vergebens 
bei Veldeke. Bachsüchtig und unversöhnt stirbt Virgils Dido, weich- 
mütig und vergebend die deutsche. 

Das fünfte buch Virgils ist wider in der deutschen Äneide fast ganz 
übersprungen; es wird mit 167 kurzzeilen abgetan (80, 23-*^ 84, 20). 
Gleich anfangs überrascht die kurze äusserung Veldekes, dass Äneas Ober 
meer gefahren sei, unger da ee lande quam, da sm vaieir heroben 
lach, wobei er sich nicht einmal die mühe nimt, dieses land zu nennen, 
obwol im vorhergehenden noch gar nicht erwähnt ist, wo und wmm 
Anchises gestorben. Diese angäbe Alt aber bekantlich an das ende des 
dritten buches der Äneide und mit der übergehung dieses buches ist 
auch sie zugleich unterdrückt worden. Der dichter erwähnt zwar, dass 
Aneas gerade an dem Jahrestage des todes seines vaters dorthin gelangt 
sei, aber die feierlichen opfer und die festspiele Virgils, die den grösten 
teil des fünften buches ausmachen, werden mit der kurzen andeutnng 



VntOIL UND HEINRICH V. VELDEKE 115 

abgetan: da^ hegienk otwh ißnSfis harde herlichen da, (Benoit hatte die 
feierlichen leichenspiele in die ritterspiele seiner zeit umgesetzt.) Ganz 
anterdrfickt ist das abermalige feindselige eingreifen der Juno, welche 
durch Iris die der seefahrt müden trojanischen frauen zur anzündung der 
flotte verleitet und die rettung der schiffe durch den regenguss Jupiters auf 
das flehen des Äneas. Das einzige , was aus diesem buche bei Yeldeke mit 
einiger ausf&hrlichkeit behandelt wird , ist die nächtliche erscheinung des 
Anchises, der dem Äneas den rat erteilt, die greise und greisinnen und 
die den kommenden kämpfen nicht gewachsenen im lande zurückzulas- 
sen und ihn dann auffordert, geleitet von der Sibylle in der unterweit 
aus seinem munde seine und seines geschlechtes zukunft zu erfahren; 
bei Tirgil entschwindet der schatten des Anchises mit herannahen des 
morgens (V, 738: Jamque vcde; torquet medios fwx humida cursus et 
me saewis equis Oriens adflavü anhelis). Der verwante deutsche glaube 
spricht sich bei Yeldeke in den werten aus: ichn mach nicht langer 
hie sin, e^ nähet der hanencrät. Kurz wird dann der gründung einer 
Stadt fhr die zurückzulassenden erwähnt, und Äneas hierauf ohne alle 
Umschweife zur Sibylle geführt Sowol die episode bei Virgil, in der 
Venus bei Neptun ihrem söhne günstige fahrt erwirkt als die andere^ 
in der der tod des Palinurus erzählt wird, sind der censur erlegen. 

Dagegen verweilt der dichter mit verliebe bei dem sechsten buche 
YiTgils, bei der fahrt in die unterweit ; überhaupt ein beliebtes thema bei 
den höfischen dichtem (84, 21 — 110, 30). Freilich schrumpft die 
Sibylle, die gottbegeisterte priesterin, bei Yeldeke zu einer alten häss- 
Hcfaen hexe zusammen, die indes im gründe nicht so böse ist, wie sie 
aussieht In der beschreibung der Sibylle ist Yeldeke seiner eigenen 
einbildmigskraft gefolgt (cf. Pey a. a. o. s. 9). Der tempel Apollos zu 
Comae wird zu einem betehüs und von der Verzückung der Sibylle ist bei 
Yeldeke keine rede; wol kent auch die deutsche An eis den goldenen 
zweig (da^ rfo), welcher bei der fahrt in den Tartarus notwendig ist; 
wie indes die episode Yirgils vom tode des Misenus übergangen ist, so 
auch der zug^ dass ein taubenpar den Äneas zu dem goldenen zweige 
fthrt Yeldeke begnügt sich damit zu erzählen , die götter hätten Äneas 
za dem rise geführt , dafür ist aber Yeldeke (mit Benoit) vorsichtig genug 
dem 'Äneas noch auf den weg ein kraut gegen den gestank der hölle und 
dne salbe gegen das hüllische feuer mitzugeben! Bei dem gange durch 
die Unterwelt folgt Yeldeke nach Benoit ziemlich genau den hauptmo* 
menten der Yirgilschen erzählung, die eigentümliche gestaltung dersel- 
ben wird an einem anderen orte zu behandeln sein. Nicht mehr wun- 
dem wird es tms, dass in der rede, in welcher Anchises seinem söhne 
das ganze künftige Schicksal seines geschlechtes zeigt, die menge der 

8* 



116 B. WÖBNEE 

anspielungen auf die spätere römische geschichte bis auf Augustus herab 
in der mittelhochdeutschen dichtung übergangen sind. Wer von denen, 
die Veldekes gedichte lesen hörten, würde auch diese anspielungen ver- 
standen haben! Dafür hilft sich hier der dichter für eine Unterlassungs- 
sünde, die er früherhin begangen hat. Während nämlich bei Yirgil 
im dritten buche die Celaeno und später der seher Helenus dem Äneas 
verkündigt haben, dass er erst, nachdem er seinen eigenen tisch geges- 
sen habe, eine stadt in Italien würde gründen können, lässt Yeldeke dies 
nachträglich in der unterweit den Anchises tun , nur indem er die tische 
in schusseln umwandelte: pag. 110^ 2 fg. (dorch not soU ir e^n \ üwer 
schu^eln üf üwemi tische). 

So haben wir die erste hälfte der antiken dichtung betrachtet 
und schon jetzt drängt sich die beobachtung auf, dass Yirgils ersten 
sechs büchem ungefähr nur das erste drittel von Veldekes dichtung 
entspricht. Während bei Virgil das Interesse gleichraässig zwischen den 
Schicksalen des Äneas seit der Zerstörung Trojas bis zum ende seiner 
Irrfahrten und seiner Schicksale in Latium geteilt ist, föUt bei Veldeke 
das hauptgewicht auf die kämpfe in Latium, das übrige wird nur als 
einleitung betrachtet, die mit ausnähme des liebesabenteuers am hofe 
der Dido so kurz wie möglich abgetan wird. 

Genauer folgt Veldeke den sechs letzten büchem der Äneide; von 
pag. 110, 31 — 150, 6 ist der inhalt des siebenten buches behandelt 
Äneas wird mit übergehung der episoden von der Cajeta, der amme des 
beiden, und von der nächtlichen fahrt vorüber an der küste Circes, 
sogleich zu der mündung des Tiber geführt, da noch Montalbäne stet 
Die hungrigen Trojaner bedienen sich bei der mahlzeit des brotes als 
Schüsseln ffir ihr fleisch und die fische , als tische dienen ihnen kniee und 
beine, sagt Veldeke: als sie nun das fleisch verzehrt haben, essen sie 
auch das brot dazu und Ascanius sagt scherzhaft: „das will ich nicht 
vergessen , dass wir unsre schusseln essen." Da gedenkt Äneas der worte 
seines vaters und verkündet nun seinen geführten, dass hier der oii; sei, 
wo sie sich niederlassen selten (bei Virgil VIT, 122 steht ein widersprach 
gegen das frühere). Die ganze Umänderung des niensas consumere in 
„die schusseln'* essen beruht auf der Verschiedenheit der antiken und 
der deutschen sitte beim essen; nicht mehr auffallen wird es, dass hier 
wider die weitläufige einführung des königs Latinus und seiner vielum- 
freiten tochter Lavinia, sowie das Orakel des Pannus unterdrückt ist 
(VII, 37 — 106). Äneas erfährt dass Latinus könig des landes sei und 
sendet zu ihm 300 gute ritter (bei Virgil 100 oratores) nach Laurentum 
mit reichen geschenken , indem er ihm seine dienste entbieten lässt. Wie 
bei Virgil heisst Latinus den Äneas nicht nur in seinem lande wilkom- 



VIBGIL UND HEINBICU V. VBLDBKE 117 

men, sondern bietet ihm auch eingedenk des götterspruches seine toch- 
ter Layinia und mit ihr nach seinem tode das ganze reich an, hier wie 
dort wird die gesantschaft mit rossen beschenkt Unterdessen ist Äneas 
auf einen hohen, steilen berg am meere geritten, den er sich zum bau 
seiner bürg ausersieht, sehr charakteristisch gegen das Yirgilische: ipse 
humüi desigtuU nwenia fossa tiiolUusque locum primusque in Utore sedes 
easirarum in moreni pinnis atque aggere cingü. Als die boten zurück- 
kamen, war die bürg bereits fertig. Bei Yirgil tritt nun von neuem 
Juno auf, welche, da sie die besitznahme Latiums nicht verhindern kann 
dieselbe so sehr als möglich erschweren will, sie reizt daher durch die 
furie Allecto die gattin des Latinus Amata gegen den ankömling auf, 
gewis eine der prachtvolsten Schilderungen Virgils. Als die königin den 
sinit ihres gemahls nicht wenden kann , treibt sie eine bacchantische wut 
in die Wälder, und gefolgt von einer schar gleich wütender frauen ver- 
birgt sie ihre tochter in tiefe Waldgebirge, dann reizt Allecto auch den 
Turnus zum kämpf gegen den fremdUng auf, der ihm die bereits ver- 
sprochene braut und mit ihr das reich entreissen will ; endlich verwickelt 
die furie den jagenden Ascanius wegen des von ihm erlegten hirsches 
des Tyrrheus in einen blutigen streit mit den bewohnern des landes , bei 
dem der söhn des Tyrrheus und ein angesehener Latiner fällt: die Ver- 
anlassung zum kämpfe der Latiner gegen die fremdlinge. Dieses ganze 
eingreifen der göttin ist bei Yeldeke natürlich unterdrückt, die sache 
nimt ihren natürlichen verlauf. Die königin, deren name bei Yeldeke 
nie genant wird , begünstigt die Vermählung ihrer tochter mit dem ein- 
heimischen forsten, und hat den könig bereits dazu vermocht, gegen die 
ausdrückliche Weisung des götterspruchs dem Turnus die tochter zu gelo- 
ben« Jetzt setzt sie ihren gemahl, zornig über so raschen sinneswech- 
sel, zur rede, und als sie nichts über ihn vermag, berichtet sie dem Tur- 
nus durch einen brief die gefahr, und fordert ihn zur behauptung seiner 
ansprüche auf; so beschliesst Turnus den krieg mit den eindringlingen 
und besendet seine verbündeten. Unterdessen baut Aneas seine bürg 
aus, die veranlassung zum offenen ausbruch des krieges gibt auch hier 
die erlegung des hirsches und der sich daran knüpfende kämpf des Asca- 
nius mit Tyrrheus und seinen söhnen, der mit der Zerstörung der bürg 
des Tyrrheus und mit dem tode eines der söhne endigt. Hierauf plün- 
dern die Trojaner das umliegende land und versehen reichlich ihre bürg 
Montalbane mit lebensmitteln , der belagerung gewis. Turnus erscheint 
vor dem könig Latinus und klagt die Trojaner des friedensbruches an, 
als der könig die fremden in schütz nehmen und die sache durch eine 
ehrenhafte sühne ausgetragen wissen will, geht Turnus zornig zur köni- 
gin und wird von ihr in seinem entschlusse zum kriege bestärkt. Nicht 



118 E. WÖBNSa 

findet sich bei Veldeke die angäbe, dass der greise Latinus sich jetzt, 
wo alles gegen ihn ist, von der regierung zurückzieht, auch die uralte 
römische sitte des öffnens der porta belli ist übergangen. Es erscheinen 
nun die von Turnus herbeigerufenen beere der italischen fürsten, von 
denen Yeldeke nur die vorzüglichsten anführt; bei der Camilla und der 
beschreibung ihres aufzuges, besonders auch ihres pferdes, verweilt er 
wider mit besonderer verliebe, auch hier im anschluss an Benoit (145, 
31 — 150, 6). — Pag. 150, 7 — 174, 36 entspricht dem Inhalte des 
achten buches der antiken dichtung ; auch hier gibt es manche abwei- 
chungen, die erkennen lassen, wie durchgängig die verschlungene, man- 
nigfach in einander eingreifende handlung bei Virgil in der mittelhoch- 
deutschen dichtung vereinfacht ist, was bei Yirgil gleichzeitig und neben- 
einander geschieht, geschieht hier nacheinander; der lauf der erzählung 
entspricht dem laufe der zeit. Gleich am anfang haben Benoit -Yeldeke 
den eigentümlichen zug, dass Turnus seine fürstlichen bundesgenossen 
versammelt , ihnen die läge der sache und das ihm von Latinus zugefügte 
unrecht darlegt, und sie zur hilfe gegen Aneas auffordert, worauf Mezen- 
tius sich dafür ausspricl^t, vorerst den Äneas zur Verantwortung vor Tur- 
nus zu bescheiden, wogegen Menapus auf sofortige eröffnung der feind- 
seligkeiten dringt; letztere meinung trägt den sieg davon, und nun wer- 
den die Verteidigungsanstalten beschrieben , welche Äneas auf seiner borg 
trifft Als Yenus seine gefahrvolle läge sieht, söhnt sie sich mit ihrem 
gatten , dem smidegoUe , wider aus , dem sie seit jenem bekanten aben- 
teuer mit Mars gram geworden war, wobei Yeldeke (nach Benoit) nicht 
umhin kann seinen landsleuten das bekante geschichtchen aufzutischen, 
von dem sich bei Yirgil nichts findet Yulcan schmiedet hierauf für 
Äneas eine prachtvolle rüstung, freilich ganz im geschmack und nach 
bedürfhis eines mittelalterlichen ritters; jedes einzelne stück wird ein- 
gehend beschrieben, während bei YirgU nur die bild werke des Schildes, 
scenen aus der römischen geschichte, beschrieben werden. Durch den 
boten , der ihm die waffen bringt , erhält Äneas zugleich die Weisung der 
Yenus, nach FallantS zum könig Evander zu ziehen und mit ihm sich 
gegen seine feinde zu verbünden. Bei Yirgil empfängt Äneas diesen rat 
durch den flussgott des Tiber. Hierauf stärkt Äneas den mut seiner 
leute durch eine lange rede , mahnt sie zur tapfem Verteidigung der bürg 
und besteigt mit seinem gefolge das schiff , das ihn nach Fallante bringt, 
dorthin wo jetzt Bom steht Äneas trifft den könig Evander vor der 
Stadt, wie er eben das andenken des Hercules, des Eakustöters, feier- 
lich begeht. Die latinische stamsage von Eakus, von Yirgil sehr aus- 
führlich behandelt, ist natürlich wider bei Yeldeke mit wenigen werten 
abgetan. Eakus ist ihm ein monstrom^ man weiss nicht ob er sich 



IIB 

danmter einpn lindwnnn oder einen rieesD geiiactit bat; ebenso t?t <iio 

<äe des Evander, in welche Vii^ die ganze Urgeschichte des laudes 

I der regienmg des Saturnns an eingeüochten hat, bei Veldeke ganz 

übergangen. Nur das was zur Motivierung des i'reundliclien empfange» 

rib(<balt«n werden muste , nämlich dass sich Evander als gastfround 

1 Ancbises zu erkennen gibt, ist beibehalten worden; freilich ist bei 

Veldek« Evauder selbst in Troja gewesen, wäbrenil umgekehrt bei Vir- 

l Anchisea in Areadicn mit Kvander zusammengetroffen ist. Bezeieh- 

ind tat ea, dosti die fast ärmlichen und l>eBGbrärikten Verhältnisse des 

I Bviuider, wie sie Vii^il darstellt, um de« gegensatz zu der nach- 

[ea grosse und pracht der wultbeheraclienden Stadt hervorzuheben, 

Iw) Veldeke »ich nicht finden. Ihm ist Kvander ein mächtiger könig, 

die schwertleite seines sohnes Pallas mit einer glänzenden festlich- 

tit begeht, und der dem An^as lO.iNXi mannen und bO schiffe mitgibt. 

t liat sieh da^ mittelhochdeutsche gedieht den bund mit den Btrnekem 

m welchem bei Virgil Evander dtm Äneas veranlasst , ebooso- 

; weiss es freilich auch von der sendung des Veuulus zum Diomt'- 

I nach Argyrippa, von der Virgil gleich im beginn des huches eritäblte. 

1 machtigen beere tritt nun Äneas die rückfahrt an. 

37 — ^198, 34 umfasst den Inhalt des neunten buches, dessen 

(nbalt die helagorung der bürg oder des lagers der Trojaner ist. Bei 

KTirgil bcgint das buch damit, dass Juno durch die Irie dem Turnus die 

Nttfemnog des Aneas von deu seinen kund tut und ihn zum beginn dee 

mpfes in diesem gönstigeu Zeitpunkte auffordert. Natürlich ist dieser 

; wider in der deutscben Äneide unterdrückt , Turnus ertUhrt dass 

B mtronnen sei , und entschliesst sich die bürg zu belagern , die er 

lell KU erobern gedenkt. Bald merkt er aber, dass die bürg fest 

tnd gnt verteidigt ist, er muss sich nach dem ersten angriff mit gros- 

I Verluste zurückziehen , etwas anders hei Virgil. Darauf entdeckt, er 

schiffe der Trojaner am ufer und lässt sie verhreuneu, damit die 

inde nicht entkommen können; nichts ist hingegen von dem wunder zu 

durch welches bei Virgil die schiffe von Jupiter auJ' Cybeles bit- 

wa in meprnymphen vor wandelt werden; bei Virgil begint auch der 

^ilnnii aufs luger der Trojaner erst am folgenden morgen, die Latiner 

hatt«n erwartet, dass die Trojaner eine offene feldsohla^ht eingehen wür- 

- den. Hierauf lagert sich das feindliche beer vor der bürg des Äneas und 

srügat sich, berauscht vom weine, von spiel und sang mfide, eiuer 

gfloten ruhe; nichts weiss Veldeke von den Wachtposten, die in Vir- 

I Äoeide das lager nmstelt haben. Es folgt nuu die episode von dem 

I gang des Eorjalufi und Nisus, in welcher Virgil entschieden 

ler ist als Veldeke. Das abenteaer gebt hier wie dort auf 




120 E. WÖBNEB 

gleiche weise aus, nur dass bei Veldeke Volscens „der Mre Vdzan ze 
Laurenfe'^ mit dem leben davon komt. Am andern morgen zieht das 
beer des Turnus zum stürm heran ; bei Virgil werden die köpfe des Nisus 
und Euryalus vor dem beere hergetragen, während sie bei Veldeke an 
einem galgen aufgehängt werden. Von den klagen der mutter des Eurya- 
lus weiss die deutsche Aneide nichts. Nun folgt die beschreibung des 
Sturmes auf das lager, die in den hauptmomenten genau nach Virgil 
gedichtet ist; erst die allgemeine beschreibung des sturmes, dann der 
stürz des von Lycus und Helenor verteidigten turmes, hierauf die erle- 
gung des prahlenden Bomulus durch Ascanius, endlich die grostaten der 
beiden riesen Pandarus und Bytias am geöflfneten tore der veste, beider 
tod durch Turnus imd dessen einschliessung in der bürg , aus welcher er 
sich schliesslich durch einen sprang in den Tiber rettet. Veldeke lässt 
ihn dagegen durch das burgtor hinausschlüpfen , als dieses von Pandarus 
wider geöflhet wird , um die vor den toren kämpfenden Trojaner herein- 
zulassen. Es kehrt nun Turnus zu den seinen zurück und aus den gros- 
sen Verlusten, die sein beer erlitten hat, lässt sich erkennen, dass das 
unrecht auf seiner seite ist, 

198, 35 —214, 40 entspricht dem Inhalte des zehnten bnches; 
der ganze anfang des buches bis 256 ist in der mittelhochdeutschen 
dichtung übergangen. Natürlich ist es wider die götterversamlung 
(X, 1 — 117), die gestrichen wurde; sie erscheint allerdings auch bei 
Virgil für den fortschritt der handlung ziemlich überflüssig, denn ver- 
geblich versucht Jupiter die Juno und Venus zu versöhnen und stelt 
schliesslich doch alles dem Schicksale anheim. Ebensowenig geschieht 
bei Veldeke des bündnisses erwähnung, welches Äneas mit den gegen 
Mezentius empörten Etraskera schliesst, und somit ist auch die aufzäh- 
lung der oberitalischen bundesgenossen des Äneas (bei Virgil X, 163 
bis 214) überflüssig geworden. Der weite umweg ist in der deut- 
schen Äneide dem Äneas erspart worden, er erhält sogleich von Evan- 
der die ansehnliche hilfsmacht von 10,000 mann, mit denen er auf 
50 schiffen zu den seinen zurückkehrt. Ebensowenig bedarf es jetzt der 
nymphen, in welche seine schiffe verwandelt worden sind, um ihm die 
bedrängnisvolle läge der semigen zu melden (X, 215 — 56), selbst die 
ausführliche und lebendige beschreibung von der landung der etruskischen 
flotte (256—309) ist mit wenigen werten abgetan. Veldeke hält sich 
nirgends lange bei diesen einzelheiten auf; am nächsten morgen begint 
bei ihm der stürm auf die bürg von neuem, da sehen die belagerten 
den Aneas mit seiner flotte herbeikommen und beginnen vor freude zu 
singen und zu blasen. Turnus hätte jenen zwar gern „die zufahrt genom- 
men /* aber sie sind bald aus den schiffen auf die rosse gekommen , und 



VIRGIL UND HEINRICH V. VELDEKE 121 

nun begint die offene feldschlacht zwischen beiden beeren ; auch hier hat 
Veldeke alles viel kürzer als Virgil erzählt. Abweichend von Virgil 
begint die feldschlacht damit , dass Pallas und Turnus zwischen den bei- 
den beeren ihre lanzen brechen, nun erst folgt der massenkampf; Vel- 
deke hilft sich über die ausführliche beschreibung desselben hinweg mit 
den werten: „es wäre allzu lang zu sagen, wer da fiel und wer da stach, 
und wer da seine speere brach, wer da starb und wer da schlug, denn 
es waren deren viele und genug," nur lässt Turnus 20mal mehr tote 
auf dem platze als Äneas. Unterdessen schickt Ascanius aus der bürg 
500 ritter dem Äneas zu hilfe, die dem feinde viel schaden tuu; bei 
Virgil komt Ascanius selbst mit den belagerten Trojanern aus dem lager, 
aber zu einem andern Zeitpunkte des kampfes, erst nach dem tode des 
Pallas (cf. 602 — 605) ; so dauert das blutige kämpfen bis nachmittag. 
Da gelingt es dem Turnus, einen teil der Trojaner in die flucht zu 
schlagen (bei Virgil sind es die mit Pallas gekommenen Arcader). Der 
junge Pallas bringt sie durch seine werte zum stehen und geht nun 
selbst auf Turnus los , vor dem sie fliehen. Es folgt der Zweikampf zwi- 
schen Pallas und Turnus,, der mit des ersteren tode endigt Bei Virgil 
nimt Turnus dem erschlagenen feinde das wehrgehenk von kostbarer 
arbeit , bei Veldeke das ringlein , welches Äneas seinem jungen genossen 
geschenkt hatte. Bei Virgil folgt nun das wüten des Äneas in den rei- 
hen der feinde; Juno, dadurch um das leben des Turnus besorgt, lockt 
diesen durch ein scheinbild des Äneas auf eins der schiffe, dessen anker- 
seile sie alsbald löst. Turnus treibt in das offene meer hinaus. Auch 
hier ist bei Benoit und nach ihm bei Veldeke mit offenbarer absichtlich- 
keit das eingreifen der göttin unterdrückt worden, ein schütze, der sich 
in einem der schiffe geborgen glaubt, verwundet von dort aus den Tur- 
nus durch einen schuss , dieser springt in das schiff und tötet den schützen, 
dabei aber löst sich das ankerseil und der wind treibt das schiff ins 
offene meer; am andern morgen führt der umspringende wind das schiff 
wider ans land : vor eine horch da Dampnüs sin vater here über was — 
pag. 210, 28 f. (X, 688 et patris awtiquam Dauni defertur ad urbefn). 
Nun erst wendet sich Veldeke zur beschreibung der heldentaten , die der 
über Pallas tod ergrimte Äneas volbringt, und Veldekes werte : her niacheie 
eine strä^ encdmitten dorch;^ gedrank — entsprechen ziemlich genau 
den werten Virgils v. 513 f latumque per agmen ardens limitem agil 
ferro. Für Turnus tritt nun bei Virgil und bei Veldeke Mezentius ein, 
und sein und seines sohnes tragisches geschick wird in der deutschen 
dichtung ziemlich getreu nacherzählt: Mezentius muss von Aneas ver- 
wundet bald das Schlachtfeld verlassen, es tritt far ihn sein söhn Lau- 
008 ein, der zuletzt den streichen des Äneas erliegt Bei der künde 



122 E. WÖKNBB 

davon kehrt der alte Mezentius, der seiner wanden gepflegt hat, in den 
kämpf zurück , um sich an Äneas zu rächen , es ereilt ihn aber dasselbe 
geschick. Auch hier sind einzehie züge Yirgils, z. b. der, dass Mezen- 
tius sein schlachtross ßhoebe anredet, als er zum letzten kämpfe geht, 
in der höfischen dichtung nicht zu finden. Yeldeke schliesst den kämpf 
mit den werten: ^,der storm wert allen den tach \ tmz da^ in diu naht 
schiet, (usus saget uns da^ liet." 

215, 1 — 246, 40 umfasst den Inhalt des elften buches, wider 
mit wesentlichen abkürzungen, aber auch erweiterungen. Gleich der 
anfang des buches , wo Äneas aus den erbeuteten waffen des Mezentius 
dem Mars ein tropaeum errichtet, ist in dem höfischen gedieht unter- 
drückt , es war ja dies eine dem mittelalter unverständliche sitte. Es 
wird bei Veldeke gleich die gesantschaft der Latiner (bei Virgil XI, 
100 — 138) heraufgenonunen , welche um einen Waffenstillstand ftr die 
Verbrennung der toten bittet, und darauf in zwei halbzeilen die Verbren- 
nung der toten erwähnt, die Virgil ausführlich schildert (XI, 182 — 224); 
um so ausführlicher erzählt das deutsche gedieht die heimsendung der 
leiche des jungen Pallas , und hier ist wieder in einem zuge erzählt , was 
bei Virgil durch eine episode unterbrochen ist (XI, 29 — 99. 138 — 180). 
Die meisten momente der erzählung Virgils finden sich bei Veldeke wider, 
der grund , warum andere unterdrückt sind, lässt sich leicht erkennen ; z. b. 
findet sich bei Veldeke nicht die schöne vergleichung des toten Pallas mit 
einer geknickten blume (XI , 68 fg.) , die doch selbst Benoit de Sainte 
More beibehalten hat, einmal weil Veldeke consequent allen bildern aus 
dem wege geht, und dann weil ihm wahrscheinlich die Zusammenstel- 
lung eines gefallenen ritters mit einer blume unpassend schien; die bei- 
gäbe der kriegsgefangenen, die als totenopfer fallen sollen (XI, 81. 82), 
war fQr jene zeit ungeniessbar , und das hinter der leiche weinend her- 
schreitende streitross Äthra war wol auch fürs mittelalter unverständlich. 
Dagegen ist die bahre, bei Virgil ein einfaches geflecht aus baumzwei- 
gen (stramen agreste v. 67), bei Veldeke (nach Benoit) mit elfenbein, 
edelsteinen und kostbaren gewändern reich geziert, und auch bei ihm 
Werden dem leichenzuge die rosse, Schilde und waffen beigegeben, die 
Pallas erbeutet hat. Fast noch inniger als bei Virgil klingt in der höfi- 
schen dichtung die klage des Äneas um den gefallenen; bei Virgil findet 
man nicht den zug, dass Äneas mit gewalt von der leiche hinweggeris- 
sen werden muss: sere er weinen began, unze in sine wise man mit 
gwalde darvon brocken (p. 219, 7); wortreicher als der antike dichter, 
aber auch lebenswahrer ist der deutsche hier, wo er die ausbrüche des 
Schmerzes erzählt, bei dem waffengenossen, bei dem vater und bei der 
mutter; von drei verschiedenen gesichtspunkten aus leiht unser dichter 



VIBOIL UND HBINBICH V. VELDEKE 128 

dem schmerze worte , (man muss hier beachten , dass bei Yirgil die mut- 
ter des Pallas schon längst verstorben ist). Über Yirgil hinaus wird 
nun mit umgehender genauigkeit und mit sichtlicher verliebe fiir den 
gegenständ die bestattung des Pallas in der heimat erzählt, das grab- 
gewölbe, die grabschrifk, die unverlöschliche lampe, die noch braute, 
als unter kaiser Friedrich das grab in Bom aufgefunden wurde , cf. p. 226. 
(Ettmüller, vorrede zur ausgäbe p. XVI.) Benoit hat von der auffindung 
des grabes nichts. Die deutsche Äneide geht nun sogleich zu der ver- 
samlung uj>er, die der königLatinus zu sich berufen hat in der absieht, 
mit Aneas Meden zu schliesseu. Kurz wird die rückkehr des Turnus 
angedeutet, die rückkehr der zu Diomedes geschickten gesanten muste 
natürüch auch hier unterbleiben, da schon früher ihre absendung über- 
gangen war. Die grundgedanken der friedensrede , die bei Yirgil könig 
Latinus hält, lassen sich noch bei Yeldeke widerfinden; er erklärt sich 
bereit, dem Äneas das land zu Tuscäne zu lehen zu geben (cf. XI, 
316 — 323), oder wenn er abziehen will, ihm zum neubau seiner flotte 
behilflich zu sein. Die Charakteristik, die Yirgil von dem beistimmen- 
den Drances entyrirft, hat sich auch bei Yeldeke noch erhalten und dem 
largus opum et lingua mdior sed frigida hello dextera (XI, 338) ent- 
spricht ziemlich genau das Yeldekische Iver wcts wise unde riche, . . . 
verwi^^en unde redehaht, niwan da^ her ungerne vaJit Drances ist es, 
der zur entscheidung des ganzen Streites einen Zweikampf zwischen Äneas 
und Turnus vorschlägt und so den gedanken anregt, der die neue Wen- 
dung der handlung bedingt; auch die spottende gegenrede des Turnus 
hat Yeldeke (nach Benoit) ziemlich treu widergegeben. Das boshafte 
wort: ütoer ros is so getan, \ swenne ir^ rüret mit den sporen, \ e^ lou- 
fet (Men den bevoren, \ die ü zu sjyrengen \ die verre wnd ouch die 
lenge, lässt sich wol vergleichen mit Yirgils: An tibi Mavors ventosa 
in lingua pedibusque fugacibus istis semper erit? v. 389 flf. (nur ist 
im deutschen viel mehr humor). Es wird nun plötzlich die versam- 
lung durch die nachricht aufgelöst, dass das beer des Äneas gegen 
die Stadt anrücke. Nach Yirgil XI, 511 — 26 hat Äneas die leichte 
reiterei in der ebene gegen die Stadt vorangeschickt , er selbst sucht 
durch das gebirge auf umwogen dahin zu gelangen; diese Situation ist 
bei Yeldeke nicht klar dargelegt; vielleicht lag dies an seinem franzö- 
sischen vorbilde; Turnus duich kundschafter gewarnt legt sich gegen 
Äneas in einen hinterhalt^ während Messapus und Camilla gegen die 
leichte reiterei der Trojaner kämpfen müssen; es begint nun die erzäh- 
lung des reitergefechtes , und mit ihm tritt Camilla in den Vordergrund. 
Yirgil unterlässt auch hier nicht eine göttin, die Diana, unmittelbar an 
dem Schicksale der Camilla zu beteiligen; auch dies ist natürlich wider 



124 E. WÖRNEB 

in den dichtungen des mittelalters übergangen. Die Trojaner werden 
zuerst durch den heldenmut der Camilla und ihrer Jungfrauen aus dem 
felde geschlagen. Die lebendige beschreibung des hin und her wogen- 
den reitergefechtes bei Virgil hat die deutsche dichtung nicht , eigentüm- 
lich ist ihr die auffassung , nach welcher die Trojaner zuerst die Camilla 
und ihre Jungfrauen für göttinnen oder meerweiber (merminne) halten und 
deshalb scheu vor ihnen fliehen, bis endlich einer von ihnen, Örilocus 
(bei Virgil Orsilochus, derselbe, welchen dort Camilla im laufe einholt 
und tötet, 694 — 720), eine der kriegerinnen erlegt und dadurch seinen 
landsleuten die furcht vor den vermeintlichen göttinnen nimt Nun trei- 
ben die Trojaner die Camilla mit ihrer schar zurück, bis sie endlich 
wider von Messapus vor Laurentums mauern in die flucht gejagt wer- 
den. Da reitet der ritter Tarcün, ein harde hobesch Trcjän (bei Virgil 
ist Tarcho der anfuhrer des etruskischen heeres XI, 727) hervor und 
verspottet die Camilla, der besser ein anderer kämpf anstünde^ nämlich 
da^ vehten umb die minne, in dem sie wol immer siegen würde. Es 
ist bemerkenswert, wie hier die ursprünglichen worte Tarchons verkehrt 
sind. Bei Virgil reitet dieser ins treffen , steUt die Schlachtordnung vrider 
her, und schilt seine leute, dass sie vor einer fr au die flucht ergriffen; 
V. 734 ff. femina palantes agit atque haec agmina vertit? quo ferrum 
quidve haec gerimus tela irrita dextris? At non in Venerem segnes 
nocturnaque bdla^ aut uhi curva charos indixü tibia Bacchi, exspedare 
dapes et plenae pocula niensac et q. s. Bei Veldeke büsst Tarcün seine 
spottrede mit dem leben, bei Virgil ermutigt er durch die gefangennähme 
des Venulus seine leute, und so weicht auch in der erzählung vom tode 
der Camilla die deutsche Äneis in nebenzügen von Virgils darstellung 
ab, sie stirbt hinterlistig erschossen von dem schützen Arras (bei Virgil 
Aruns), der ihr schon lange nachgeschlichen ist, und während dieser 
Aruns bei Virgil durch den rächenden pfeil der nymphe Opis getroffen 
wird, die von der Diana aufgestellt ist denjenigen zu strafen, der den 
tod der Camilla verschuldet, erliegt er bei Veldeke dem Schwertstreiche 
einer der Jungfrauen. Die flucht der Latiner nach dem falle der Camilla 
und das blutbad vor den toren Laurentums wird bei Veldeke kurz abge- 
tan mit den werten, dass jene nun das feld räumten und dass Turnus 
auf die nachricht vom tode der Camilla seinen hinterhalt verliess und 
zur Stadt zurückkehrte. Nach abzug des Turnus komt bei Virgil Äneas 
mit seinem beere an und findet den weg nach der stadt offen ; man sieht 
hier wider die Unklarheit der Situation in der deutschen Äneide, in 
der es heisst, Äneas habe zwar den Turnus abreiten sehen, aber nicht 
gewagt ihn zu bestehen, da er nur 200 ritter bei sich gehabt; es wird 
hier überhaupt nicht klar, wo Äneas die ganze zeit über geblieben ist 



VIBGIL UND HEINRICH V. VELDEKE 125 

Beide beere schlagen hierauf vor Laurentum ihr lager auf. Äneas in der 
absieht, nach diesen niederlagen des feindes die stadt zu belagern. 

p. 247, 1 — 332, 2G umfasst den inhalt des zwölften buches. Hier 
bewegen sich die mittelalterlichen dichter am freiesteu. Gleich der erste 
absclmitt dieser partie (247, 1—256, 10) ist eine freie erfindung des 
französischen dichters, welcher Veldeke folgt. König Latinus bittet den 
siegreichen Äneas um einen Waffenstillstand von 40 tagen , der ilim auch 
gewährt wird. So gewint der dichter zeit ausfuhi-lich zu beschreiben, 
wie die leiche der Camilla von Turnus unter grossem gepränge heim- 
gesendet, und sodann wie die Camilla bestattet wird. Die genaue beschrei- 
bung ihres grabmals und seiner Schönheit, ihrer grabschrift, der unver- 
löschlichen lampe und von anderem dergleichen wird hier, wie früher bei 
der bestattung des Pallas, widerholt Erst nachdem dies alles breit 
erzählt ist, fährt der dichter mit dem weiter fort, was bei Virgil den 
anfang des buches ausmacht, damit, dass sich jetzt endlich Turnus ent- 
schliesst, dem kriege durch einen Zweikampf ein ende zu machen. Tur- 
nus beharrt bei seinem vorsatz, trotz der abmahnenden rede des königs 
(und trotz der bitten der königin nach Virgil). Der abgelaufene Waffen- 
stillstand wird zur Vorbereitung für den Zweikampf noch um vierzehn tage 
verlängert (so bei Veldeke, bei Benoit um acht tage, bei Virgil XII, 
75. 76 soll er gleich am nächsten tage stattfinden). Hiermit gewinnen 
wider die höfischen dichter zeit die episoden einzuflechten , auf die es 
ihnen besonders ankam, nämlich die Unterredung der königin mit ihrer 
tochter Lavinia von der minne. Die mutter will der tochter lehren, dass 
sie den Turnus lieben, Äneas hassen muss, die tochter will überhaupt 
nichts von der minne wissen; auch in diesem berühmten gespräch zwi- 
schen mutter und tochter, welches Qervinus für reine erfindung des deut- 
schen dichters hielt, ist dieser in vielen stücken dem französischen ori- 
ginale gefolgt, wenn auch nicht in allen. Da während des Waffenstill- 
standes beide parteien friedlich mit einander verkehren , reitet eines tages 
(nach jener Unterredung über die minne) Äneas mit seinem gefolge vor 
die mauern der stadt und hält gerade gegenüber dem palaste des königs. 
Da sieht Lavinia den schönen ritter und wird alsbald von liebe zu ihm 
ergriffen, der dichter sagt: do scko^ si frouwe Venus mit einer schar^ 
phen sträl^; sie, die vorher von ihrer mutter gar keine belehruug über 
die minne annehmen wolte, weiss jetzt auf einmal, wie minne tut und 
was minne ist Die mutter bemerkt am andern morgen die Veränderung, 
die im wesen der Lavinia vor sich gegangen ist, und nimt sie nun ins 
gebet; nach langem zögern gesteht jene endlich der königin, die ihr 
nur die minne zu Turnus erlaubt hatte ^ dass sie den Trojaner lieb 
habe, sie kann das aber nicht sagen, sie schreibt es (auch der zug und 



126 E. WÖRNER 

die stelle 282, 16 — 22 ist genau nach Benoit). Nun ist die königin 
zornig und sagt dem Äneas, dem treulosen Trojaner, alles schlechte nach, 
aber Lavinia bleibt standhaft in ihrem glauben an ihn; das mägdlein 
weiss sich aber keinen andern rat , als durch einen brief Äneas ihrer minne 
zu versichern, den brief bindet sie an einen pfeil und als am mittag 
Äneas wider zur bürg geritten komt , lässt sie durch einen schützen den 
pfeil zu Äneas hinunterschiessen. Der lässt den pfeil aufheben und ent- 
deckt bald an ihm den minniglichen brief; er grüsst hinauf zur Jungfrau, 
die im fendter liegt, sie grüsst hinunter und damit ist die ,frunt8chaft* 
zwischen den beiden eröffnet. Äneas klagt die nacht über seine liebes- 
leiden gerade so, wie in der vorangegangenen nacht die Lavinia. Am 
andern tage erwartet Lavinia ungeduldig den geliebten; als er lange 
ausbleibt, steigen allerlei zweifei in ihr auf und kleinmut bemächtigt 
sich ihrer, wofür sie sich aber um desto grössere vorwürfe macht., als 
sie Äneas endlich daherreiten sieht. Nun begint das hinauf- und hin- 
untergrüssen von neuem. So wird die erwerbung der Lavinia in der 
höfischen dichtung fQr Äneas eine herzenssache ; bei Yirgil ist Lavinia 
nur eine beigäbe, an die sich das reiche erbe des Latinus knüpfte. Der 
tag des Zweikampfes komt nun heran. König Latinus erscheint gefolgt 
von seinen fürsten auf dem kamp^latze , er selbst führt seine götter mit 
sich, sagt Veldeke, auf welche jene schwören selten. Die feierlichen 
eide, wie sie Virgil ausfuhrt (XII, 175 — 215), sind bei Veldeke kurz 
abgetan, dafür lässt er den Äneas eine längere rede halten, in der er 
mit beruftmg auf seinen ahnherm Dardanus, der könig in Italien war, 
ein altes recht auf das land nachzuweisen sucht (cf. 309 , 10 ff.) : alsus 
bin ich in ir (der gote) geböte kamen an min rehte^ erbe, und sodann im 
fall seines todes für Ascanius seinen söhn freien abzug fordert. Noch 
ehe es zum Zweikampf komt , erhebt sich ein streit zwischen beiden bee- 
ren. Bei VirgU hat wider Juno die Schwester des Turnus, Jutuma, 
aufgereizt, dass sie den beschworenen vertrj^ breche und ihren bruder 
dem gewissen tode entreisse (134 — 160). Jutuma stachelt unter der 
gestalt des Gamers die Butuler auf, das unbillige bündnis und den Zwei- 
kampf zu hintertreiben. Diese werden in ihrer Sinnesänderung noch 
bestärkt durch ein ihrer sache scheinbar gunstiges. anzeichen, günstig 
auch von ihrem seher Tolumnius gedeutet, der selbst der erste ist, 
welcher die lanze gegen die Trojaner schleudert Bei den höfisclien dich- 
tem ist wider die Ursache dieses Vertragsbruches einfach auf einen edlen 
ritter zurückgeführt Es erhebt sich nun ein allgemeines getümmel , könig 
Latinus flieht mit seinen göttem davon, Äneas will den streit scheiden, 
wird aber durch einen pfeil verwundet und muss aus dem getümmel 
gefQhrt werden. Bei Virgil versucht vergeblich der arzt lapis seine 



I knnat an der wunde. Venus nmas berbeikommeii uud mit dem auf dem 
j krvUiachen Ida gepflflckten lUfiamnum , mit amhroskt and patMceift die 
wunde heilen (383 — 429), in dem höfischeu gedieht tut dies alles der 
I arzt Lapis mit dem „triakfl" und „didam" uud einer kleinen zange, 
[ er heilt die wände mit „pigmerU" und mit einem mächtigen pflaater auf 
I der stelle (314). unterdessen hat Turnus, aU er «einen feind verwun- 
1 det aus dem kämpfe bringen sieht, neue boffnung geschöpft und ist rasch 
L den seinen zu hilfe gekommen, es entbrent wider eine heftige Schlacht, 
> welcher Veldeke besonders den kämpf des Trojaners Neptanabuä (ein 
ne, der sich bei Virgil nicht findet)' mit Turnus hervorhebt; endlich 
iDseu die Trojaner weichen, bis der gesundete Äneaa wider zu ihnen 
I komt, nun wird Tnmus samt seinen leuten in die flucht geschlagen, 
[ Aaeiu rückt gegen die stadt selbst heran und steckt die Vorstädte in 
braud ; bei Virgil tritt hier die episode vom Selbstmorde der königin ein, 
I in der deutschen dichtung wird der tod der kSuigin erst an späterer 
«teil« erzählt Turnus erbietet sich jetzt, da er die atadt in solcher 
geffthr sieht, von npueiu, den Zweikampf aufzunehmen, schnell werden 
1 die Vorbereitungen dazu getroffen , die beiden ritter rüsten sich zum ent- 
I sciieidenden kämpfe. Hier biingt der hötiscbe dichter wider einen eigen- 
I täinlichen zng herein : Lavinia schaut oben von der barg dem kämpfe 'Oi, 
and da wünscht sie, um das leben des Äneaa besorgt, datie sie ihm eines 
1 ihren kleiuodien gegeben hätte, welchen ihn im kämpfe schützen und 
stark machen würde. Die hauptmomente des Zweikampfes, wie sie Vir- 
gil darstellt, lassen sich auch noch bei Veldeke erkennen. Bei Virgil 
I das werfen der Wurfspeere, bei Veldeke das brechen der lanzen zu rosse, 
. dann der schwerterkampf, der damit- endigt, dass dem Turnus die klinge 
apringt, danu die llncht des waffenlosen, der zuletzt einen grossen stein 
ergreift und damit den Äneas trifft, dass dieser wankt und kaum stehen 
> kann; am schiaase greift Turnus nach seinem zerbrocbeuen speersc-hafte, 
I seiner letzten walfe. Äneas schlägt ihm den dickschetikel durch , (bei 
Virgil dorcbbolirt er ilim mit dem Speer die hafte v. d^tij. Da fleht 
I der be/.wungene feind um Schonung seines lebens, und Aneas würde es 
Ihin geschenkt haben , hätte er nicht an seinem finger das ringlein erblickt, 
I welches er zuvor dem Pallas geraubt hatte; eingedenk des achwures 
' dem tod des jntigeu Vallaa zu rächen, versetzt er ihm den todesstreich. 
I ffinr schliesst ilie Äneide Virgils. Veldeke spricht dem gefallenen noch 
den preüt eiues wahren ritters zn. Juturna und Juno uud die von Jupi- 
ter gettante Megaera sind auch in dem letzten kämpfe in der hölischeu 
I dichtnng aus dem spiele gei>Iieben. Was nun noch folgt ist die erfin- 
I dnitg des franzflsischen dichter» : 332, ä7 bis zum achlnss. 

ll Dur naiiii- Neptaiiiibus steint nu.s der Älnunderaagi; ; Jor( fDbrt ihn d^T ZU 
xaadtn «iMr t^eniücht« IftaW einliflmbehe Vüai^ von Aej^ypl«n. Z; 




128 E. WÖRNER 

Nach beendigtem kämpfe erinnert Äneas den Latinus an sein ver- 
sprechen ihm die Lavinia zum weibe zu geben und der könig komt mit 
ihm überein, über 14 tage die hochzeit zu begehen. Er reitet zurück 
in seine herberge, ohne die Lavinia gesehen zu haben, zu deren gros- 
sem leidwesen; denn jene erkent darin, mit der eigentümlichen reizbar- 
keit der liebenden, eine arge Zurücksetzung, und desto mehr bereut 
nachher Äneas seine Unterlassungssünde, doch sind die vorwürfe, die er 
sich macht, bei Veldeke kürzer als bei Benoit. Milde erweist er sich 
jetzt gegen die, welche seine gnade suchen, überallhin tragen die boten 
die einladung zu seinem hochzeitsfeste. Vor der hochzeit besucht er 
noch einmal in festlichem aufzuge seine braut, ein zug, der sich bei 
Benoit nicht findet, und sendet ihr und ihren frauen reiche geschenke. 
Hier erst flicht das deutsche gedieht die zornige rede der alten königin 
ein, der die Verheiratung ihrer tochter mit dem Äneas ein greuel ist; 
nicht wie bei Virgil legt sie selbst band an sich, vielmehr „mit gro:^en 
rouwen " liegt sie an ir bete , bis ihr der tod ins herz kam. Auch davon 
findet sich bei Benoit nichts. Nun ziehen fürsten und ritter in grosser 
menge zum feste herbei, und auch die spielleute bleiben nicht aus; es 
wird ein so prächtiges und grossartiges fest gefeiert, wie es nirgends 
gefeiert worden ist, wenn nicht die festlichen tage von Mainz, wo kai- 
ser Friedrich seinen söhnen die Schwerter gab, sich ihm gleichstellten. 
Hierauf erzählt der dichter das eheliche glück des Aneas, wie er seinem 
söhn Ascanius einen teil seines reiches mit dem neuerbauten Albano 
gibt, wie ihm die Lavinia den Silvius gebiert, dessen söhn der Silvius 
Aeneas ist und dessen nachkommen in weiterer folge Bomulus und Remus, 
die gründer Boms. Dann erwähnt er, wie aus dem geschlechte des 
Ascanius lulus und des Bomulus ein mächtiger fürst geboren wurde, 
Julius Caesar , welcher der werlde vil betwank , bis er zuletzt von Sena- 
toren getötet wurde, und dass nach ihm gewaltig im römischen reiche 
Augustus herschte, unter dem Christus geboren sei, der uns alle erlöst 
habe. So schliesst das gedieht mit einem änien in nomine domini. 

Das resultat dieser vergleichenden darstellung lässt sich kurz dahin 
zusammenfassen, dass die vielfach mit episoden durchwirkte und durch 
diese retardierte handlung der antiken dichtung bei Yeldeke vereinfacht 
ist, und schlicht und recht, ohne viele ab weichungen von der hauptstrasse 
der erzählung, immer gerade auf das ziel lossteuert. Schon aus der obi- 
gen vergleichung geht Jliervor, wie abwehrend sich der höfische dichter 
zu dem ganzen mythologischen apparat Virgils verhält. Es ist bei ihm 
fast regel geworden, die episoden, welche die unmittelbare einwirkung 
irgend einer gottheit zum gegenstände haben, olme weiteres zu unter- 
drücken , und dass er dies tat , erklärt sich aus der christlichen anschau- 



ViaOIL UND HEINRICH V. VBLDBKB 129 

QDgsweise seiner jzeit, der ein so unmittelbares teilnehmen der götter au 
den menschlichen und irdischen handeln nur befremdlich, wenn nicht 
anstössig gewesen wäre; aber noch mehr, auch gegen die unerschöpfliche 
falle von notizen über eigentümliche sitten und brauche des classischen 
altertoms , vor allem auch gegen die antike geographie , verhält sich unser 
dichter gleichgiltig, und wie konte es anders sein in einer zeit, der 
selbstverständlich noch aller sinn für objective auffassung des altertums 
abgehen muste? und in einem gedichte, das für die höfischen kreise 
jener zeit gedichtet war? 

In Virgils Äneide kämpfen fortwährend Venus und Juno mit ein- 
ander. Jede spur dieses antagonismus konte Yeldeke nicht unterdrücken, 
weil darin zu tief der gang der handlung begründet ist. Aber doch 
erscheint Juno bei ihm nur an zwei stellen und zwar im anfange des 
gedichtes, und bezeichnend genug ist es, dass sie während der kämpfe 
in Latium niemals erwähnt wird, im strengsten gegensatze zu Virgil, der 
hier erst recht ihre tätigkeit anheben lässt. Die erste jener beiden stel- 
len (spalte 21 ff.) sagt von der Juno, sie habe „dorch den apphel von 

mm 

gcide I den J^äris froun Venüse gab" den Aneas gehasst und ihn sie- 
ben jähre lang von dem lande zurückgehalten, wo er gern gewesen wäre; 
einmal habe sie ihm gar unsanft ihre macht gezeigt, und seine schiffe 
drei tage und nachte mit Unwetter heimgesucht. (Des Äolus wird liier- 
bei nicht gedacht). An der anderen stelle (sp. 27, 25) heisst es, nahe 
dem palaste der Dido habe ein tempel der Juno gestanden , in welchem 
die göttin früh und spät verehrt worden sei, damit sie Karthago zur 
hauptstadt aller reiche mache. Aber von nun an verschwindet die göt- 
tin aus der erzählung. Häufiger tritt in der höfischen dichtung die göt- 
tin Venus handelnd auf. Gleich im anfange des gedichtes wird sie als 
die mutter des Aneas eingeführt: „Venus diu gotinne, diu frowe is tiber 
die minne, wäre ^n müder und Cupido sin huder." Sie ist es, welche 
den mund des Ascanius mit ihrem feuer berührt, so dass Dido, die ihn 
küsst, von heftiger liebe zu Aneas erfasst wird; sie sendet der Dido die 
mächtige liebe : „ die starken minne sande \ diu gotinne Venus \ frouiv&n 
Didön ze hüs" (38, 14 ff.), und denselben gedanken variiert der dichter 
mit verliebe; so heisst es 38, 38: „ir Venus die strale in da^ herze 
yeseho^," und dazu komt nun noch Cupido, der früh und spät sein feuer 
an die wunde hält (p. 39). In ihrer liebesqual fleht Dido den Cupido und 
die Venus um gnade an, und als sie dann vorgibt, sich durch das 
magische opfer von der unseligen liebe zu Aneas frei machen zu wollen, 
sagt sie: „icÄ mü^ ein opher unaclien dein gote von der mimie und Veneri 
der gotinne" (p. 75, 7); ihnen beiden gibt sie auch die schuld, dass sie 
ihr das herz so ganz genonmien hätten, dass ihr Jetzt alle ihre sinne 

XSmCHB. r. DBUTRCUB PH11.0L. BD. III. 9 



130 R. WURNER 

nichts nützten. Hierauf tritt Venus aber erst wider im zweiten teile 
des gediclites auf, als sie ihren söhn von den feinden bedroht sieht ; sie 
beredet den Vulcan ilim die prachtvolle rustung zu fertigen, und verweist 
ihren söhn durch den boten, der ihm die rüstung bringt, auf das bünd- 
nis mit dem köuig Evander. Hier ist sie also auch ausserhalb ihres 
eigensten gebietes , ausserhalb der minne tätig. Zuletzt erobert sie noch 
das herz der Lavinia ffir den Aneas, sie verwundet auch diese „mit 
einer sclmrphen strale/' als das mägdlein zum ersten male den schönen 
Trojaner erblickt. Wir sehen also, der dichter lässt sie fast nur da 
auftreten, wo die minne ins spiel komt, und eben wegen des ausgebil- 
deten minnecultus war Venus unter allen antiken gottheiten im mittel- 
alter die bekanteste , sie ist nur das antike gegenstück zu der deutschen 
frouwe Minne, und auch frouwe Minne ist bei den höfischen dichtem 
durch ihre pfeile den herzen der armen sterblichen sehr gefthrlich; so 
sagt ja Walther v. d. Vogelweide 40, 32: frowe Minne ir hat mich 
f/escho^en; 40, 36: ich wei^ wol ir habet sträle me: muget irs in ir 
herze schieben. Gewöhnlich erscheint bei Veldeke die Venus in beglei- 
tung des Cupido oder sogar des Amor und Cupido. Äneas selbst, als 
er von heisser liebe zu Lavinia erfasst ist, beklagt sich über Amor und 
Cupido : „ die mine brüder solden stn und Venus diu müder min " 
(293, 10), Die alte königin belehrt ihre tochter Lavinia folgendermassen 
über die minne (p, 264): „du hast dicke wol gesehen \ wie der here Amor 
stH ; in dem temjylo, da man in get \ engegen der ture inne, ! da^ hezeichent 
die Mimhe/* und dann beschreibt sie weiter, dass er in der einen band 
eine büchse, in der andern zwei gere habe, von denen der eine gol- 
den ist, wen er mit diesem verwunde, der minne alsobaJd, der andere 
sei bleiern, wen er mit diesem treffe, der sei stets der minne grauL In 
der büchse aber sei die salbe, mit der die minne den wider heile, den 
sie früher verwundet habe. Ähnliche auffassungen von der minne sind 
später sogar in die bildende kunst eingedrungen. Piper erwähnt in sei- 
ner Mythologie und Symbolik der christlichen Kunst 1 , 249 ein elfenbein- 
schnitzwerk aus dem 13. Jahrhundert, auf dem die frau Minne dargestellt 
ist als gekrönte und geflügelte frau, in jeder band mit einem pfeil, zu 
beiden selten zwei geflügelte figuren, die doch wol Cupido und Amor 
vorstellen sollen. 

Wie sehr auch sonst der höfische dichter vermeidet, die götter 
unmittelbar an der handlung teilnehmen zu lassen, so wenig vermeidet 
er es gelegentlich ihre namen zu nennen. In der rede des Sinon ist es 
beibehalten, dass frau Pallas heftig auf die Griechen zürnt, weil sie 
ihr bild zerbrochen haben (sp. 44), und jene wollen ihren zorn versöh- 
nen durch das mächtige ross, auf welches noch das bildnis der göttin 



VmOIL UND HEIMBICH V. VELDEKE 131 

in voller rüstung gesetzt werden solte (sp. 45). Ja bei der rüstung des 
Äneas befindet sich eine faline, die kunstvoll von der gottiu Pallas 
gewirkt ist im Wettstreit mit der Araclme {Aränjc bei Veldeke), welche 
von der göttin besiegt zur spinne wurde (p. 162, 17 fgg.). Als Dido und 
Äneas hinaus auf die jagd reiten , wird jene vom dichter mit der Diana, 
(ler gotintie van dem wilde, Äneas aber mit PJul/us^ einem (ßote vll 
here verglichen (pag.62, Gfgg. vgl. Virg. Aen. IV, 143 fgg.). Neptuuus, der 
könig von dem meere, sendet seinem söhne Messapus 1000 ritter (pag. 14 4, 
19 fgg.) und Volcän y,der smidegot" schmiedet für Äneas (aber ohne cyclo- 
pen) die prachtvolle rüstung (p. 157 fgg.)- Des Mars {des tvigcs got) wird bei 
der erz&hlung jenes bekanten abenteuers mit der Venus gedacht, (welches 
sogar in der Berliner handschrift bildlich dargestellt ist, cf Piper I, 
247). Selbst -^oZms „kunich von den winden'* wird nicht vergessen, ihm 
müssen die Griechen opfern, damit er ihnen die heimfahrt gewähre; ja 
ehe er in die unterweit geht, belehrt die Sibylle den Äneas noch darüber, 
dass in diesem reiche Pluto hersche und diu frotitve Proserpine, diu 
aide icinje sine (90, 2G). Selbst nicht an heroen fehlt es in dem höfi- 
schen gedieht: Aventinus hat die löwenhaut seines vaters Hercules zu 
seinem schilde gemacht (p. 143), und zu ehren des Hercules, des Kakus- 
töters feiert könig Evander ein prächtiges fest. Kakus, der nach der 
myihe ein söhn des Vulcan oder ejn riese ist, wird bei Veldeke zu 
einem wunderbaren ungeheuer (kunder), das in einer höhle wohnt, also 
etwa zu einem lindwurm oder drachen. Den meisten beiden des alter- 
tums begegnen wir in der höllenfahrt des Äneas. Da finden sich die 
beiden des thebanischen krieges und die Trojaner und (iriechen , die vor 
Troja gefallen sind (cf. 100 fgg.); der dichter kent die strafen, welclie die 
Titanen im Tartarus zu leiden haben, er erwähnt die quälen des Tanta- 
las, auch bei ihm fressen Geier dem lltyos das herz ab, das immer von 
neuem nachwächst; nur hat er hier die alte mythe verkehrt, deun nicht 
Dianen wollte jener zum weibe gewinnen, wie Veldeke sagt, sondern 
deren mutter Latona (cf Virg. Aen. VI, 595 — 000). Rädamanfüs, 
der schcdk ist der höllenwirt und Minos der gesetzgeber der hölle 
(p. 105, 34); selbst die Tisiphone bleibt nicht unerwähnt (p. 10.-), 37). 
Oherhaupt ist der gang des Äneas durch die unterweit die einzige epi- 
sode, welche Veldeke beibehalten hat, es war dies eben ein anziehender 
stoflf für die kreise, für welche er dichtete, und in der Berliner hand- 
schrift ist Äneas höllenfahrt reichlich illustriert (cf. Piper: p. 2 IC). 
Aber gerade an der behandlung dieser episode zeigt sich , wie das antike 
sich nach der mittelalterlichen anschauung des dichters fast von selbst 
jmigestaltet. Die Cumäische Sibylle , bei Virgil das ebenbild der Pytliia, 
schrumpft bei Veldeke zu einer hässlichen alten hexe zusanmien, die 



132 E. WÖENER 

ihr leben freudelos verbringt. An ihr scheint der dichter versucht zu 
haben, was er in beschreibung des hässlichen leisten könte. Grau, stark, 
verwirrt sind ihre hare wie eines pferdes mahne , aus den obren hängt ihr 
dick wie moos das haar, ihre äugen liegen tief unter den langen, grauen 
augenbrauen, die bis zur nase hinab reichen, schwarz und kalt ist ihr 
muud, spärlich stehen ihr darin die langen, gelben zahne, ihr hals ist 
schwarz und gekrümt, sie sitzt zusammengekauert in schlechtem gewande, 
ihre arme und bände sind stark geädert und fahl, und doch soll bald 
ihre hässlichkeit noch überboten werden. Die unterweit kann sich Vel- 
deke nicht anders als unter dem bilde der hölle denken mit ihrem gestank 
und rauch , gegen welche die Sibylle dem Äneas ein kraut zu essen gibt, 
mit dem höllischen feuer , gegen welches er sich mit einer salbe bestrei- 
chen muss, mit der schwarzen finsternis, in welcher ihm sein blankes 
achwert leuchten soll. So tief wurzelte im dichter die anschauung der 
christlichen hölle. Die eigentliche hölle, bei Virgil der Tartarus, ist für 
Veldeke eine stadt mit glühender eiserner mauer, es erschallen daraus 
die klagen der armen Seelen, die tag und nacht im feuer brennen und 
denen RädamarUüs ihre Sünden vorhält; dieses fegefeuer ist aber ohne 
licht und brent so grimmig, dass das irdische feuer nur wasser dagegen 
ist. Die Seelen derer , die durch eigene schuld das leben verwirkt haben, 
leiden dort unten, ehe sie von Charon übergesetzt werden, in finsterem 
walde grosse kälte von eis und schnee und werden jämmerlich zerfleischt 
von wilden Ungetümen — „die trachen und die lewen \ und die lint- 
worme \ die suchten sie ze storme, \ und die lebarde \ miUen si ml harde" 
(pag. 91). Wie die unterweit zur hölle geworden ist, so wird nun auch 
Charon zum teufel: „e^ was ein tüvd^ niht ein 7nan" (92, 26); er ist oie 
zweite schreckensgestalt, die von Veldeke vorgeführt wird. Charon hat 
einen langen schaltbaum von glühendem stahl in der band, mit dem er 
die herandrängenden seelen schlägt und das schiflf steuert; sein köpf ist 
wie der eines leoparden, seine äugen glühen wie feuer, seine augen- 
brauen sind spitz wie dornen, scharf sind seine klauen an bänden und 
füssen, seine zahne über und über rot, lang und gross, und da er nun 
einmal ein teufel ist,, so darf ihm auch der schwänz nicht fehlen. Der 
dichter sagt: „her het ein zagd als ein hunt" (94, G). Ein würdiges 
gegenstück zu dem furchtbaren waldmenschen, den Hartmann im Iwein 
425—470 beschreibt. Die höfischen dichter gefielen sich auch in der dar- 
stellung des hässlichen und schrecklichen. Der „ubile schalk'' Cha- 
ron redet bei Veldeke in dem groben tone eines alten fährknechtes, 
und doch liegt darin mehr Charakteristik, als in dem hohlen pathos des 
Virgilischen fUhrmans. — cf. „dune wellest dich versinnen und varcst 
schiere hinmm, dir wirt lihte ein stach, da^ dir der rucke brexiien mach*''^ 



VIRGIL TND HKlNRiCU V. V£LDEKE ViS 

(sp. 95, 7 fgg.). Bei Virgil VI, 392 — 397 wird, des Hercules Cerberusraub 
und des Theseus und Pirithous anschlag auf die Proserpina von Charon 
enrähnt, um sein mistrauen gegen Äneas zu rechtfertigen. Auffallend 
ist es , dass bei Veldeke Charon den Cerberusräuber Phocus nent (cf. Ettm, 
p. 380) und dann noch abweichend von Virgil der höUenfahrt des Orpheus 
(der gtUe Jtarphäre) gedenkt. Aber noch nicht sind alle schrecken der 
höUe erschöpft. Nachdem Charon, sobald er den goldenen zweig erblickt 
hatte, den Äneas samt der Sibylle übergesetzt hat, und beide an der 
Lethe (bei Veldeke Obtiviö!) vorübergekonmien sind, gelangen sie zum 
Cerbems (der helle partenare), und wider verweilt der dichter mit ver- 
liebe bei der beschreibung dieses Ungetüms; es hat drei grosse furcht- 
bare köpfe, die äugen glühen wie feurige kohlen, feuer fliegt ihm aus 
dem maul, und aus nase und obren stinkender rauch, die zahne glühen 
ihm wie eisen im feuer, heissen, bitteren schäum wirft er aus dem 
munde, an seinem leibe sträuben sich überall nattern und schlangen, 
kurze und lange, grosse und kleine; als er den fremden konmien sieht, 
springt er auf, weit sperrt er das maul auf, er sträubt sich vor zorn, 
und die nattern und schlangen an ihm zischen und heulen und machen 
einen solchen lärm , dass die höUe erzittert , und das geschrei ist so gross, 
als ob der teufel jagte. (Ist das nicht ein anklang an die uralte sage 
von der wilden jagd?) Doch auf das Zauberwort der Sibylle legt sich 
das Ungetüm. Das elysium, Elysii gemlde, ist mit kurzen werten abge- 
tan; es stimte wol auch das elysium unter der erde nicht recht zur 
christlichen anschauung vom himmel. Wir sehen, es fehlt nicht an 
mythologischem beiwerk bei Veldeke, aber überall dringt die christ- 
liche anschauung der zeit in dasselbe ein. Die christliche anschau- 
ung des dichters macht sich oft ganz unwillkürlich luft, so wenn 
er von dem Selbstmord der Dido sagt, er sei geschehen auf die eingo- 
bung des bösen: „der viant da geriet der frowen, da^ si sich erslüch^*^ 
(80, 28 fg.). 

Viel häufiger als von einzelnen göttem redet Veldeke von den göt- 
tern, gleichsam als einem geschlossenen ganzen, und dieser ausdruck 
komt doch schon der christlichen auffassung von gbtt etwas näher; „von 
den goten'^ vemimt Äneas, dass er nach Italien fahren und dort ein 
neues reich Igründen soll; als er bei der Dido weilt entbieten ihm die 
„gote'' ein starkes märe (nicht wie bei Virgil Jupiter durch Mercur), 
dass er das land verlassen müsse; die gote wollen es, ,dass Äneas in 
der höUe sein Schicksal aus dem munde seines vaters erfahrt, und indem 
er ihrer Weisung folgt, hat er ihrer aller huld erworben, er selbst betont 
immer seinen feinden gegenüber, dass er in der gote gebot in das land 
gekommen sei, die gote haben es dem Latinus befohlen, dass er die 



134 E. WÖBNXR 

Lavinia dem Äneas zum weibe gebe: die gote schlechtweg nent Aneas 
sine mäge (cf. 47, 32. 118, 19). 

Die eigentümlichen gottesdienstlichen gebrauche der alten, beson- 
ders die Opfer, die Virgil selir oft eingehend beschreibt, werden bei Vel- 
deke gewöhnlich nur kurz erwähnt mit werten wie : $i opherden ir goten, 
oder zuweilen vom christlichen Standpunkte aus: si opherden ir abgo- 
ten (cf. 112, 31); so opfert Äneas auch seinen göttern am tage nach 
dem siege über seine feinde (336, 16); ehe er mit der Sibylle in die 
höUe geht, empfehlen sie sich den göttern; die mutter des jungen bei- 
den Pallas flucht den göttern, dass sie ihren lieben söhn nicht besser 
in der schlacht geschützt haben, obgleich sie ihnen doch ihr ganzes 
leben gedient und opfer gebracht hat (222, 4 fgg.). Latinus lässt vor 
begin des Zweikampfes Turnus und Äneas auf seine götter schwören, 
und als dann der tumult entsteht, flieht er mit seinem liebsten gotte, 
der dichter sagt fast scherzend: „der andern edler her vergaß" (312, 34. 
cf. Virg. Aen. XII , 285 fg.). 

Die christliche anschauungsweise zeigt sich wider in der bezeich - 
nung des antiken tempels. Das wort templum korat zwar bei Veldeke 
vor (z. b. 223, 23. 251, 31. 264, 20), ja einmal sogar Synagoge (224, 1), 
aber in Carthago steht ein münster der Juno (27, 29) , die Trojaner stel- 
len das hölzerne pferd vor ihres münsters tor auf (40, 21), die Sibylle 
sitzt in einem betehüs (84, 39), und der leichnam der Camilla wird in 
das betehüs zu Laurente getragen (246). Der „here Chores, der Troiare 
prester und ir ewe niester/^ der sich ebenso gut auf die bücher als aufs 
schweii versteht, gleicht aufs haar einem reisigen abt oder bischof des 
mittelalters (243, 18). — Das verbrennen der leichname, bei VirgU 
immer ausföhrlich beschrieben, wird bei Veldeke mit kurzen Worten 
abgetan, z. b. ir töten sie verbranden, also man do pMadi (216, 8). — 
Wie Virgil der Verbrennung der leiche des Misenus im sechsten buche 
eine episode widmet, so verweilt unser dichter mit besonderer Vorliebe 
bei der beschreibung der bestattung der Dido, des Pallas und der Camilla« 
Hier weicht er ganz von dem antiken dichter ab, und hier komt der 
geschmack seiner zeit mit am deutlichsten zur anschauung. Die asche 
der Dido sammeln sie in ein goldenes röhr und dieses legen sie wider 
in einen kostbaren sarg, das war ein „prasem grüne alse ein gras/\ 
kunstvoll gearbeitet; darauf steht mit goldenen buchstaben die grab- 
schrift (p. 79, 35 fgg.). Noch viel ausführlicher wird des Pallas bestattung 
erzählt. Seinö wunden werden mit wein und mit spezereien (mit pig- 
mente) ausgewaschen, man salbt ihn mit baisam und „aromatä," nun 
wird er nach königlicher art gekleidet, die kröne aufs haupt, das scep- 
ter in die band, den goldenen reif an den finger, darnach tragen sie 



VIRGIL VAD ÜElKttlCH V. VELDEKK 135 

ihn in das grabgewölbe des tempels, welches könig Evander für sich 
hatte bauen lassen. Das war rund und nicht hoch, kunstvoll gebaut 
und reich verziert , der fussboden bestand aus reinem kristalle , aus Jas- 
pis und corallen, die säulen waren aus marmor, die wände von elfen- 
bein, mit edclsteineu verziert, die decke des gewölbes war golden, in 
der mitte steht der sarg auf vier pfeilern von porphyr , die von fern her 
gekommen waren. Der sarg ist ein kunstvoll gearbeiteter „prasin" 
grüner färbe. Dabei standen zwei kleine krüge, der eine von gold mit 
baisam gefRllt, der andere ein edeler stein, ein „sarrfme," gefüllt mit 
„alie" und „zerheniine/* Aus beiden gefässen trugen goldene röhren den 
wolgeruch in den leichnam. Auf* dem sarge liegt ein edler atnatistCj der 
die grabschrift trägt; zuletzt wird eine lampe (lam^mdp) über den sarg 
gehängt; diese lampe ist aus einem blutroten „jachant" gearbeitet, das 
öl ist baisam, die ketten, woran sie hängt, rotes gold, darin liegt eine 
.ytmken'*' von einem besteöne, einem edlen stein, der im feuer brent 
und nie verlischt (cf. pag. 223 — 226). Die umfänglichste beschreibung 
ist die von der beisetzung der Camilla. Dire bahre wird von Turnus und 
seinen leuten, die kerzen in den bänden tragen, wol eine halbe meile 
weit geleitet Camilla hatte sich schon bei lebzeiten von dem weisen 
Geonielras ihr grabgewölbe bauen lassen und zwar hoch oben über der 
erde. Bin runder platz ist mit marmor ummauert, der fussboden ist von 
Jaspis gebaut, 20 fiiss weit innen, darinnen stehen vier steine einander 
gegenüber und tragen zwei Schwibbogen, die 20 fuss hoch waren; da, 
wo sie sich oben kreuzweise trafen, war ein „füchstein^^ eingelegt aus 
porphyr, darauf stand wider ein 40 fuss hoher mannorpfeiler , oben mit 
einem sieben fuss im durchmesser fassenden runden simsstein bedeckt; 
hierüber erhob sich erst das eigentliche grabgewölbe, 40 fuss hoch und 
20 fuss weit; der fussboden besteht wider aus edelsteinen, nach vier 
Seiten hin hat es vier fenster „twi granäfe und von saphiere, \ von 
spnaragden und rubinen, \ von crisolifen und von Sardinen, \ fopazien 
und beriUenJ' Die decke des gewölbes ist mit gold musivisch verziert. 
Der sarg war ein teurer „calcidönje" ihn bedeckte ein „sardonje'': 
daneben stehen abermals zwei gefässe mit baisam, die den leichnam nicht 
in fäulnis übergehen lassen. Auf dem sarge ist die grabschrift mit 
geschmolzenem sardone geschrieben. Schliesslich wird eine unverlösch- 
liche lampe an goldener kette aufgehängt. Die kette geht einer taube 
durch den schnabel, die auf einem steine sitzt, kunstvoll ausgehauen. 
An der wand steht, ebenfalls in stein gearbeitet, das bild eines mannes 
mit einem gespanten bogen, der bolzen ist angesetzt; lässt man den 
bogen abschiessen, so trift der bolzen gerade die taube, das lielitva^ 
fällt herunter, und das licht erlischt. Anders kann man es nicht zum 



136 E. WÖENEB 

erlöschen bringen. Überdies ist oben an dem bauwerk ein Spiegel ange- 
bracht, in dem man, wenn der tag licht ist, alles sehen kann innerhalb 
einer meile entfernuDg. Bezeichnend ist es , dass es ausdrücklich heisst, 
ein Grieche und der weise Geometras, der sich auf die list von geame- 
trien verstand, seien die baumeister gewesen. Von Byzanz aus kam 
die auregung zu neuen bauten nach dem abendlande; die freude und das 
Interesse an edeln steiften zieht sich durch die ganze germanische Vor- 
zeit, man denke an den Nibelungenschatz. Das behagen, mit welchem 
der dichter die grabgewölbe beschreibt, die kunstvolle arbeit in stein, 
beweisen, wie damals schon in den höheren kreisen der geselschaffc der 
sinn für baukunst und bildende kunst nicht fehlte, der geeignete boden, 
von dem aus sich dann in den folgenden Jahrhunderten die deutsche bau- 
kunst zu so hoher blute erhob. 

Wir kommen jetzt nochmals zu der früheren beobachtung zurück, 
dass die höfischen dichter sich gewöhnlich gleichgiltig verhalten gegen 
die antiken sitten und brauche, die Yirgil gelegentlich in die erzählung 
einzuflechten liebt. So findet sich z. b. nichts bei Veldeke von dem öff- 
nen der porta belli beim ausbruch des krieges, indessen gibt es auch 
hier einige ausnahmen. Bei Virgil erscheinen fast immer die gesanten 
mit Ölzweigen, dem zeichen des friedens geschmückt. So gehen die 
hundert oratores des Äneas mit Ölzweigen (velati ramis PaUadis VII, 154) 
zum Latinus; die gesanten dieses, die um einen Waffenstillstand nach- 
suchen, tragen dasselbe abzeichen (XI, 101 vdaii ramis deae)^ und 
als Äneas hilfe suchend zum Evander komt, heisst es von ihm bei Vir- 
gil VIII, 116: paciferaeque manu ramum pra^tendit olivae. An dieser 
stelle erwähnt auch Veldeke nach dem vorgange von Benoit diese eigen- 
tümliche Sitte des altertums 169, 21 — 82: 

do het oiich here £neas \ getan als da site was, 
und die mit im wären kamen, \ die heten aUe genomen 
aUer ritter gelich \ einen oleSs Bwich, 
da^ hezeichent den fride \ und was in den ziten side 
unten über manich lant , | swer da^ hete in siner h^nt, 
im ne schadete nieman ni^, \ des phlach die heidenscJie diet. 
Dieses ist aber auch die einzige stelle, in welcher die sitte des alter- 
tums im gegensatz zur sitte jener zeit so eingehend bezeichnet wird. 
Im glauben an Zauberei und Zauberer haben sich die zeiten Virgils und 
das mittelalter an mehr als einem punkte berührt, und zweifellos trägt 
die Äneide und die beschreibung magischer opfer in den eclogen die 
hauptschuld, dass Virgil im mittelalter far einen erzzauberer galt und 
hoch berühmt war (cf. Virgüius der märe p. 18, 11). So ist es nicht 
auft&llig, dass bei Veldeke die erzählung Virgils von der alten zauber- 



VIBGIL UND HEIMBICH V. VELDEKE 137 

kundigen priesterin, welche Dido zu sich rufen lässt, ziemlich genau bei- 
behalten ist (cf. IV, 483 — 91 mit pag. 74, 4 — 19). Bei Virgil versteht 
sich die zauberin darauf durch Zauberformeln die herzen zu trennen und 
aneinander zu fesseln, sie kann das wasser in den Aussen zum stehen 
bringen und den lauf der gestime verändern, sie kann die geister der 
verstorbenen herbeirufen und dergleichen mehr. Nicht viel anders bei 
Veldeke. Das weib versteht bei ihm viel von minnen und viel von 
erjgenie, sie hat auch ihren fleiss auf die philosophie gerichtet, sie kent 
die art der planeten und liest in den stemen was jemandem geschehen 
soll, sie verfinstert den mond, wenn sie will, und nimt der sonne ihren 
schein. Liebesträuke, durch welche man eine andere liebe einzuflössen 
sachte , kante das altertum eben so gut wie das mittelalter. Der dichter 
Lucrez soll durch einen solchen liebestrank wahnsinnig geworden sein, 
und die unverlöschliche liebe Tristans zur Isolde rührte von einem sol- 
chen tränke her. Hierauf beziehen sich wol aucli die werte der Dido 
(p. 77, 7): mir is vreisliche vergehen. 

Wir kommen jetzt zu einer andern seite des antiken stoftes, mit 
der sich die höfischen dichter nicht viel zu tun machten , zur geographie. 
Die masse geographischer notizen , die Virgil mit so vielem geschick in 
den gang der erzählung einzuflechten weiss , ist bei den mittelalterlichen 
dichtem fast vollständig unterdrückt ; natürlich die notwendigsten namen 
wieTroja, Carthago, Laurentum, musten auch hier genant werden, aber 
das geographische beiwerk, welches Virgil z. b. bei der aufzählung des 
bundesheeres der Latiner und der bundesgenossen der Etrusker ange- 
bracht hat, findet sich in den höfischen gedieh ten nicht wider. Wer 
hätte sich aber auch in den höfischen ^kreisen auf alte geographie ver- 
standen? Ebenso wenig dichter als hörer waren gelehrte leute. Dies 
scheint auch der grund gewesen zu sein, warum schon Benoit das ganze 
dritte buch der Äneide, die Irrfahrten des Äneas durchs mittelmeer, bei 
Seite gelassen hat. Wir haben noch mehrere deutliche beispiele, wie es 
der dichter anfing, um an obscuren geographischen namen vorüber zu 
kommen. Da wo der scheinabzug des griechischen heeres von Troja 
erzählt wird heisst es (11, 37): 

unde für bi naht da^ here \ mit den schiffen in da^ mere^ 
hin dan in ein lant , | da man si sint inne vafU. 

So ist hier die nennung der insel Tenedos umgangen. Ferner: Als Äneas 
von Carthago abgefahren war, fuhr er auf dem meere von heftigem 
winde getrieben: „unser da ze lande qtmm, \ da sin vater begraben lach''*' 
(80, 34). Hier ist also nicht einmal Sicilien genant, obgleich doch drin- 
gende Veranlassung dazu war, denn vorher ist nirgends gesagt, wo 



138 E. WÖBNEB 

Anchises gestorben sei. Dasselbe streben zeigt sich nun auch bei der 
aufzählung der bundesgenossen des Turnus. Von Mezentius, der bei Vir- 
gil Tyrrhenis ah oris komt (VII, 647) heisst es bei Veldeke „iedoch so 
was verre dannen \ sin lant unde sin hüs*' (143, 4). Aventinus wohnt 
nach 143, 40 bi dem western m^e, Caeculus, Praenestinae fundator 
urbis (VII, 678) wird allerdings bei Veldeke (144, 3) ein herzöge von 
Prenestine genant, und ausserdem fingiert sich unser dichter (144, 15) einen 
margräven von Pallante, von dem Virgil nichts weiss. Clausus Säbifto- 
rum prisca de gente (VII, 706) wird bei Veldeke zu Claudius, herrn 
von Sahiäne (145, 14) und Camilla Volsca de gente (VII, 803) zu einer 
königin von Völeäne (145, 39). Aber zu ende dieser anführungen föUt Vel- 
deke nach Vorgang Benoits plötzlich aus dem tone, oder besser erst recht 
in den ton seiner zeit hinein, wenn er kurz resümiert (145, 15fgg.): 

dar nach quämen die Barharine, 
die Piüloisc und die Latine, 
die von Näplis, voti SaJerne, 
von Caldbrie, von Volteriie, 
die von Genüe, die Pisäne, 
die Ungere und die Veneziane, 

Dass Städte wie Neapel, Salemo, Genua, Pisa, Venedig in den höfischen 
kreisen, die doch durch die römerzüge in nahe berührung mit dem ita- 
lienischen Volke kommen musten, bekant und berühmt waren, liegt auf 
der band; die PuUoise sind die Apulier, unter den Barbarinen sind wol 
die Sarazenen zu verstehen, die von Nordafrika (Berberei) aus nach Sici- 
lien und dem südlichen Italien vorgedrungen waren. Die Ungarn mögen 
damals in vielfacher beziehung zu Italien gestanden haben, zu Ungarn 
gehörte ja ein teil der illyrischen küste und war nicht Triest eine zeit 
lang der eigentliche hafenplatz fürs königreich Ungarn? Unter denen von 
Volterne vermutet Ettmüller seien die adcolae amnis VoUurtii (VII, 729) 
zu verstehen. So kan es auch nicht wunder nehmen, dass ein könig 
von Marokko (vone Marrok) dem Evander ein edles ross gesant hat 
(200, 19fgg.). 

Nur einmal weiss Veldeke merkwürdiger weise bessern bescheid in der 
alten geographie als sein Vorbild Benoit: dieser lässt nämlich den. Evander 
könig inArcadien sein, dagegen hält sich Veldeke genau nach Virgil, bei 
dem der aus Arcadien eingewanderte Evander zu Pallanteum, da wo später 
Rom erbaut wurde, residiert (VIII, 54). So auch bei Veldeke (167, 38): 
ze Pallante . . . aldä Borne nü stet. Hat sich hier Veldeke vielleicht direct 
aus Virgil selbst unterrichtet? etwa durch einen gelehrten schuoUere? 
oder verstand er selbst etwas latein? Wir haben schon oben (s. 133) gesehen. 



VIB61L UND HEINBICU V. VELDEKE 139 

dass er bei dem gange durch die unterweit, die Lethe mitOblivio über- 
setzt, während bei Benoit der Lethe gar keine erwähnung geschiehi 

An einem anderen orte ist , wenn ich nicht ganz irre , dem Veldeke 
bis jetzt unrecht getan worden. Anchises verweist seinen söhn an die 
Sibylle mit den werten (82, 15): „ze Icönjen is ir Ms/* So hätte also 
Veldeke Iconium in Kleinasien mit Cumae in Italien verwechselt? Ett- 
müller hat es so in den text aufgenommen, indes in der ältesten hand- 
schrift Veldekes, in der Berliner, steht: zu chomen, nach Ettmüllers 
angäbe undeutlich geschrieben, und daran wird wol auch nichts oder 
wenig zu ändern sein, und es wird ze Chomen oder ec Conien^ d. i. zu 
Cumä, in den text zu setzen sein. Der Schreiber der Heidelberger band- 
Schrift aus dem 14. Jahrhunderte wüste wahrscheinlich nichts aus dem 
ze chomen zu machen ^ und änderte zicmiien; wie leicht ist der Übergang 
von m in ni. 

Es ergibt sich aus dem vorausgehenden, wie abwehrend sich der 
höfische dichter gegen alles, was antike götter- und heldensage, beson- 
ders italische stamsage, sitten- und landeskunde betrifft, verhalten hat, 
und wie er auch dann , wenn er dergleichen dinge beibehielt, unwillkür- 
lich die anschauungen seiner zeit auf dieselben übertrug. Dieselbe beob- 
achtung wird nur noch in höherem grade bestätigt werden, wenn wir 
zusehen, wie sich die beiden und menschen des antiken gedichts unter 
der band der mittelalterlichen dichter veränderten. 

Die antike weit hat also der mittelalterlichen weichen müssen, und 
so finden wir sogleich , was in dem antiken gedichte fast gar nicht her- 
vortritt , die scharfe Scheidung der stände im mittelalter. Hierher gehört 
schon die genaue Scheidung der fürstlichen würde. Äneas ist in Troja 
„herzog" und steht unzweifelhaft in einem abhängigkeitsverhältnis zum 
königPriamus (cf. p. 18, 8. 19, 3 usw.), ähnlich wie der herzog Turnus 
zum könig Latinus steht (116, 32. 122, 9). Unter den bundesgenossen 
des Turnus gibt es einen herzog von Prenestine, einen markgraven von 
Pallante, Camilla die königin von Volcäne; auf seite des Äneas steht 
der könig Evander von Pallante. Die sieben tore Carthagos werden von 
sieben mächtigen grafen bewacht, die der königin Dido als ihrer lehns- 
herrin Untertan sini Das gefolge dieser fürstlichen herren, der kern 
ihrer beere, sind immer die ritter; nicht mit einem ärmlichen häufen 
flfichtiger Trojaner zieht der herzog Äneas hinweg von Troja, sondern 
mit 3000 rittem, „mit vil herlichen scharen" (47, 38. cf. 21, 6). Auch 
macht er nicht zu fuss wie bei Virgil , etwa vom treuen Achates beglei- 
tet, den kundschaftergang ins Libysche land, nein der fürstliche herr 
sendet 20 ritter nach kauf und speise aus, und als er dann auf Didos 
einladong nach Karthago reitet, wählt er aus seinem beere ein gefolge 



140 E. WÖ&NEB 

von 500 rittern aus. Selbst die gesantschaft an könig Latinus besteht 
nicht aus 100 oratores wie bei Virgil, sondern aus 300 rittern, „gute 
mit gerendem mute" (113, 25). So wird auch Tyrrheus, der bei Virgil 
sein holz selbst spaltet, ein „edil m<in," der eine feste bürg (ein veste^ 
hüs) bewohnt und als solcher wird er here Tyrreus genant. Nisus und 
Euryalus sind zwei edele ritter. Wenn der fürstliche herr ausreitet, ist 
er von rittern umgeben. Selbst wenn Äneas vor seines liebchens fenster 
reitet, ist er von seinen mannen gefolgt. Es wird überhaupt in dem 
höfischen gedichte wenig gegangen, fast immer geritten. Der könig 
Priamus reitet, als sich die Griechen entfernt haben, mit seinen man- 
nen aus der bürg (42, 9). Natürlich ist es, dass in einem höfischen 
gedichte die übrigen kreise der menschlichen gesellschaft nur sehr sel- 
ten und höchst beiläufig genant werden. Aber erwähnt werden sie 
wenigstens bei Veldeke. Als Äneas sein lager vor Laurente aufgeschla- 
gen hat, da laufen auf die mauer die ritäre und gebüre, knehte und 
Jcoufman, ritter und bauern, handwerker und kaufleute (248, 5), man 
vergleiche (320, 20 fgg.) : „do die bor gär e\ da^ vorborge sägen brinnen, \ da 
vorhten si in dar innen \ in der mittern müren^ \ Jcoufman und gebü- 
ren,\ ritter unde heren" Dass neben handwerkem und kaufleuten auch 
noch bauern als einwohner der stadt genant werden, wird sich daher 
erklären , dass im mittelalter , wie jetzt noch in kleinen städten , ein teil 
der bürger landwirtschaft trieb. Dass gebür bei Veldeke „bauern" 
bedeutet, geht aus 137, 38 hervor. Über alle diese stände erhaben 
steht der kaiser; es ist das höchste lob, wenn Veldeke sagt, das gefolge 
des Äneas sei so schön gewesen, dass es dem kaiser angemessen gewe- 
sen wäre, „ob si vor (=^vür) den heiser solden gän" (34, 23) und wenn 
er vom Schwerte des Aneas sagt: „solde man^ vor den heiser tragen, | 
den hersten, der ie kröne trüch, \ e^ wäre lobelich genüch" (160, 36). Und 
so -sind auch noch die rechtlichen beziehungen zu erkennen, welche zwi- 
schen fürsten und vasallen' statt haben; das ganze lehnswesen des mit- 
telalters spielt mit in die erzählung hinein. Sehr charakteristisch ist in 
dieser beziehung (26 , 22 fgg.) die stelle , die wir schon oben angeführt 
haben. An jedem der sieben tore Karthagos sitzt ein greve rtcher, der 
im notfall die stadt mit 300 rittern verteidigen muss; für diesen dienst 
empfängt er das lehen der Dido, „die frouwen müsten si aUe flehen \ 
die riehen hüsgeno^en" Die mächtigen vasallen standen alle im Verhält- 
nis der „flehenden, bittenden" zur herrin Dido, von ihr geht alle 
macht aus. Erst von diesem gesichtspunkte aus gewint die Stellung des 
Äneas zu seinen leuten das richtige licht. Ehe er aus Troja flieht, 
befiehlt er nicht seinen leuten ihm zu folgen, sondern er fragt sie um 
ihren rat und versichert ihnen, dass er zu ihnen stehen wolle in allem, 



VIRGIL UND HEINRICH V. VELDEKE 141 

worin sie ihm l)eizustehen wagten, „des ir mir (jetorret stän M, \ des 
helfe ich ä, ob ich mach'' (19, 36); sie heissen shie möge ufid sine fnan, 
auch sine holden, seiue dienstleute, aber es sind freie leute, die sich 
freiwillig unter ihn gestellt haben zu ehrenvollem kriegs- und Waffen- 
dienst. Allen wichtigen schritten geht eine beratung mit seinen leuten 
voraus (so 33, 25. 66, 28), so besonders, ehe er zum Evander fahrt. Hier 
mahnt er sie zu standhafter gegenwehr und bezeichnend sind seine worte 
(165,39): „obgleich ich das voraus habe, dass ihr mich zum herrn gewählt 
habt, so bin ich doch nur 6m mann.^^ Die dienstmannen gehören zum 
hause des lehnsherrn und sind insofern seine hüsgeno^ (120, 24); sie 
sind entweder frei oder leibeigen ,• und so unterscheidet Herbort (liet von 
Troie v. 4202) „furst&n, fr igen, dinstman. Dieselbe Unterscheidung 
macht Veldeke wenn er sagt von Turnus: „im sal ditze dinh j vil uhile 
gevaUen \ und sinen fründen edlen, \ den eigen und den frien''*^ (117, 6). 
Und wie stellt sich Äneas, als er nach Latium komt zum könig Lati- 
nus? Er entbietet ihm seineu dienst, und verspricht, ihm dienstbereit zu 
sein zueilen geboten, und um keinerlei mühe willen von dem abzustehen, 
was er ihm befehlen würde, kurz er gelobt ihm die treue eines Vasal- 
len; und dazu passen nicht übel die goschenke, die er dem Latinus 
überbringen lässt, scepter, kröne und mantel (freilich übereinstimmend 
mit Virgil VII, 245. cf. 114, 6 fgg.). Noch deutlicher tritt dieses Ver- 
hältnis des Vasallen zum lehnsherrn hervor an Turnus und seinen bundes- 
genossen. Boten bringen briefe zu seinen mugen und mannen weithin 
Ober das land, und als dann diese mit ihren beeren erschienen sind, 
versammelt er sie eines morgens um sich, er redet sie mine lantheren 
an, das ist der bezeichnende ausdruck für die vornehmsten vasallen im 
lande, dankt ihnen für die ehre, die sie ihm erwiesen, und dann setzt 
er ihnen noch einmal die läge der dinge auseinander; glaubten sie, dass 
seine sache ungerecht sei, dann sollten sie ihm nicht dazu helfen, gern 
wolle er abstehen davon , sei aber seine sache so beschaflen , dass sie sein 
recht anerkennen, dann sollten sie ihm wie freunde beistehen „als üiver 
iruwe gut si" (p. 151 fgg.). Wir sehen auch hier wider das auf freier 
Unterordnung und auf treue beruhende Verhältnis. Andrerseits steht 
wider der lehnsherr fiir seinen vasallen ein, und so spricht denn der könig 
Latinus gegen Turnus (140, 24 fgg.): „Der here Äneas hat unsere hilfe 
und genade gesucht, ich habe ihn in meinen frieden genommen samt 
seinem volk und seinem gut, wer ihm etwas böses tut, der hat wider 
mich gehandelt und hat mich ganz und gar aufgegeben.^' Drances, der 
feind des Turnus auf seite der Latiner rühmt sich, dass er weder erbe 
noch lehen vom herzog Turnus habe und ihn darum nicht zu flehen 
brauche. Mehr als einmal werden versamlungen , zu denen der lehns- 



142 E. WOBNER 

herr seine vasallen beruft, beschrieben, immer wird die ansieht, die den 
meisten beifall findet, zur ausföhrung gebracht (cf. 232, 20. 155, 8 fgg.), 
und nicht fehlt es in ihnen an heftiger rede und gegenrede. Es finden 
sich aber auch noch andere anklänge an das rechtsleben des deutschen 
mittalalters, die wol hier gleich ihren geeignetsten platz finden. 

Sehen wir uns zunächst die ansprüche an, welche Turnus gegen 
Äneas geltend macht. Der altersschwache könig Latinus hatte beson- 
ders auf betreiben seiner gemahlin dem jungen heldenhaften herzog Tur- 
nus bei seinen lebzeiten „borge unde lant*' übergeben und ihn zum mit- 
regenten eingesetzt (cf. 127, 7 — 130, 7. p. 151. 152), femer ihm auch 
seine tochter Lavinia versprochen, so d^ss er nach des Latinus tode erbe 
des ganzen reiches werden rauste. Veldeke stelt dies so dar, als hätte 
der könig vor seinen versammelten mannen und vasallen dem Turnus 
die Lavinia zugeschworen und ihm die Verwaltung des reichs übergeben. 
Deshalb musten ihm als dem mitregenten auch die vasallen des königs 
den eid der treue schwören, und darauf bezieht sich, was Turnus (127, 8) 
sagt: „mir hat gesworen der kunich unde sine man" und (129, 6): „ich Jmn 
die borge und da^ lant \ alle in minem eide" (cf. 151, 25 fg.). Ja der 
Sitte gemäss hat ihm der könig auch geisein gegeben: „der liai mir giseZ 
gegeben, \ sine man, die ich kos" (127, 17—18), und nun der könig mein- 
eidig wird, will Turnus die Wahrheit seiner ansprüche durch die geisein 
bestätigen lassen. Das stellen von geisein zu grösserer Sicherheit ein- 
gegangener Verpflichtungen wird auch sonst noch vom dichter erwähnt. 
So nimt Latinus, als sich Turnus und Äneas zum Zweikampf bereit 
erklären, beiden geisein ab (259, 40. 321, 20). — Mezentius vertritt 
in der versamlung der bundesgenossen des Turnus die ansieht, dem frie- 
densstörer Äneas einen termin zu setzen, an welchem er vor Turnus 
und seineu mannen zu erscheinen und rede zu stehen habe um alle seine 
mis3etat (p. 153). Dagegen aber wendet Messapus das schleppende eines 
solchen rechtsverfahrens ein (155, 4): „wunde e^ unrt vile lank^ \ S dan 
man^ mit gedinge \ ze fromcni ende bringe." Die schliessliche entscheidung 
des ganzen streites durch einen Zweikampf zwischen Turnus und Äneas, 
welche schon durch das antike vorbild gegeben war, ist ein zug, wel- 
cher der deutschen rechtsanschauung durchaus nicht fremd ist. Die ent- 
scheidung eines gerichtlichen streites durch einen Zweikampf war ja im 
mittelalter etwas ganz gewöhnliches, und beispiele aus der ältesten deut- 
schen geschichte, dass bereits schlagfertig gegeneinander stehende beere 
aus ihrer mitte kämpfer erlasen , die für das ganze fochten , führt Grimm 
in den Deutschen rechtsaltertümern p. 928 an. 

Wie tief die einheimischen rechtsgebräuche in fleisch und blut der 
damaligen menschen übergegangen waren, zeigt die häufige erwähnnng 



VTBGIL UND HEINRICH V. VELDEKE' 143 

von fristen bei Veldeke. Nach dem verschwinden des Turnus schliessen 
die Latiner einen watfenstillstand mit Äneas {frcde über vierzehen naht 
215, 35); als Aneas sich bereits daran macht die stadt Laurentum zu 
belfern, bittet ihn der könig Latiuus um einen Waffenstillstand von sechs 
Wochen, und es wird der frede gesprochen über merzich tage und vierzich 
naht (248 , 35) ; als nach ablauf dieser frist Turnus den Äneas zum Zwei- 
kampf herausfordert, wird der Waffenstillstand über vierzehen naht ver- 
längert. Die frist von 14 tagen oder besser nachten ist die gewöhnlichste 
der deutschen fristen, die oft genug in der lex Salica und im Sachsenspiegel 
vorkomt (Nach Grimm, Bechtsaltertümer s.821, entsprechen diese vierzehn 
nachte der. zeit zwischen voUmond und neumond.) Die vierzigtägige frist 
ist nach Grimm a. a. o. s. 219 gleichfalls eine alte fristbestinmiung ^ die 
sich schon in der lex Salica und Kipuaria findet (cf. Iwein 4152. 5744). 
Selbst da, wo Benoit eine zwölftägige frist ansetzt, wie sie bei Virgil 
XI, 133 (bis senos pepigere dies) nach römischem brauche gegeben ist, 
wird beim deutschen dichter ganz selbstverständlich die zwölfbägige zu 
einer vierzehntägigen frist Zu weit würde es führen, hier noch auf die 
grosse zahl fester formelartiger Wendungen einzugehen , die Veldeke ganz 
gewis aus dem gerichtsieben seiner zeit geschöpft hat. 

Durch den vorausgegangenen excurs sind wir etwas von unserem 
Vorsätze abgelenkt worden , den Übergang der antiken beiden in die ritter 
des roittelalters nachzuweisen. Nehmen wir ihn jetzt wider auf. 

Den ritter erkent man sogleich an der rüstung. Das ideal einer 
solchen ritterlichen rüstung ist bei Veldeke (wie bei Benoit) die rüstung 
des Äneas, die der snhidegot selbst gearbeitet hat. Bei Virgil VIII, 
6(>8 — 731 wird nur der schild genauer beschrieben, die übrigen teile der 
rüstung kurz aufgezählt, ganz anders bei Veldeke. Hier wird (s.l59fgg.) 
stuck far stück sorgfältig durchgenommen. Zuerst der halsperch, das pan- 
zerhemd , in welchem man vor aller art wunden sicher war, er glänzt von 
prächtiger arbeit und doch ist er so leicht, dass mit geringer anstren- 
gong ein mann ihn tragen und sich darin wie in einem leinenen gewand 
bew^en kann. Bezeichnend ist, wie viel werte der dichter über die geringe 
schwere des panzerhemdes verliert, er preist darin zweifelsohne einen 
fortsdiritt m der herstellung dieses wichtigsten Stückes der ritterlichen 
rdstUBg. Dazu kommen zwei hose^i veste von deinen ringen y aus rin- 
gen bestand übrigens gewöhnlich auch der halsperch^ daher bei Herbort 
vom anlegen desselben gesagt wird: „si scutten ire Wappen an'' (4202). 
Das aus ringen bestehende panzerhemd und die panzerhosen wurden 
buchstäblich an- und ausgeschüttelt. Bei Veldeke werden immer die 
eisenhosen und der halsperch „angelegt,'^ bei ihm findet sich also jener 
Ininstausdruck nicht. — Vom Mm heisst es weiter, er sei brün^ lüter 



144 E. WÖBNER 

als ein glas, glänzend und hell wie glas; oben als helmschmuck dient 
nicht ein löwe oder drache, sondern eine blume'von getriebenem golde 
gearbeitet. Darin steht ein roter hyacinth, die helmleiste und auch das 
halsband sind golden, mit edelsteinen besetzt, golden sind die ringe, und 
die schnüre, mit denen er festgebunden wird, sind seiden. Das seh wert 
ist härter und schärfer als der Eckesas, Mimink, Nagdrink und HaUe- 
eleir und Durendart Das ist der erste und einzige anklang bei Vel- 
deke an die deutschen und karlingischen heldensagen, ein ihm eigen- 
tümlicher zug, der sich bei Benoit nicht findet. Das schwort hat gol- 
dene und silberne Verzierungen, golden und mit edelsteinen besetzt ist 
die scheide, knöpf und schwertgriff von gold und von gesmdze, der 
schwertgurt ist eine handbreite borde, der Schild auf der einen seite mit 
borde und teurem phdle ausgeschlagen, dieses ist mit goldenen nageln 
an das gestelle befestigt, das brett wol gestiiten, gefüchiiche gebogen ^ wcl 
behütet und wol bezogen, das riemzeug ist aus dem berühmten corduani- 
schen leder, auf dem riemzeug wider eine teure borde angenäht, auf 
der untern seite des riemzeuges samt, damit die riemen beim tragen 
des Schildes dem ritter nicht die haut aufreiben. Die buckel inmitten 
des Schildes ist weisses silber mit edelsteinen geziert; der dichter unter- 
lässt hier nicht, sechs arten von edelsteinen aufzuzählen, die alle kunst- 
voll eingefügt waren. Das schildbild ist ein roter löwe. Den schluss 
der rüstung macht die vane, das meisterstück der Pallas. Es ist nicht 
unwahrscheinlich, dass Veldeke bei dieser ausführlichen beschreibnng 
alles das mit berücksichtigt hat, was für vervollkoninung und aus- 
schmückung der waffen zu seiner zeit geschehen war. Über das panzer- 
hemd tragen die ritter noch den waffenrock; so reitet Turnus in der 
feldschlacht mit Äneas in einem waffenrock von rotem und gelbem samt 
einher^ und dem entsprechend ist auch die färbe des wappenbildes, das 
er auf seinem Schilde fuhrt: „ein zeiclien für der an der hand, da^ was 
gde unde rot " (200 , 2). Dagegen ist der waffenrock seines feindes VaL- 
las^Aeßm, von feiner seide, von grünem taffet {cindal) ist das wappen- 
bild darauf genäht, dem entsprechend ist die färbe seines Schildes grün. 
Auch die ritterliche Camilla trägt panzer und eisenhosen, ihr heim ist 
lauter und glänzend wie glas, wol mit steinen verziert, was aber das 
merkwürdigste ist, ihr schild ist elfenbeinern, wol besniten und wol 
gebogen ungdiütet und unbezogen, die buckel golden mit edelsteinen 
besetzt. Sie trägt mit ihren frauen seidene Schleier nach ihres landes 
Sitte um die helme gebunden (236 , 27 fg.). Ein prachtexemplar von 
einem helme ist der des herrn Chores (243, 35); oben auf steht ein 
rubin, die helmleiste mit smaragden und amatisten besetzt und vorn am 
nasebant steht ein gelber adanmnt. Nach Herborts beschreibnng hau- 



VIRGIL UND HEINRICH V. VELDEKR 145 

gen die forsten im belagerten Troja an ihren herbergen die Schilde aus, 
stecken ihre baniere auf, ohne zweifei, damit sich ihr volk zu ihnen 
sammele (4629 fg.). 

Die wesentlichste zierde des ritters ist sein ross. Als die beiden 
vorzüglichsten ra9en gelten die arabische und die castilianische. Kastel- 
lan und ravif kommen unzählige male in den höfischen gedichten vor. 
Als Äneas mit seinen 500 rittern an den hof der Dido reitet, heisst es 
von ihm: man saget uns, daz si nämen \ rnunich gut kastelän \ snd 
ufule wol getan \ und manich schöne ravU (34 , 24). Beim letzten ent- 
scheidenden Zweikampf reitet Äneas einen castilier , Turnus ein arabisches 
ross (324, 25). Die Camilla reitet am tage ihres letzten kampfes einen 
rtivit, der mit zindale bedeckt ist. Der eigentliche ausdruck für diesen 
schmuck des rosses ist kovertiure, er findet sich merkwürdiger weise 
noch nicht bei Veldcke, während er bei Herbort bereits ganz gewöhn- 
lich ist (8708. 8720). Wie Pallas ein ross reitet, das seinem vater vom 
könig von „Marrok^' gesendet worden ist (p. 200, 21), so erscheint 
Camilla auf einem prachtpferde , das ihr „tiber se" ein „mare" gesendet 
hat (148, 20). Das linke ohr und die mahne sind ihm weiss wie 
schnee, das rechte ohr und der hals schwarz wie einem raben, dagegen 
der köpf rot, ebenso der eine vorderfuss rot, der andere falb, die selten 
glänzen ihm wie einem erzürnten pfau, diu ein gofe was ajyhelgräwe, 
relit<*. als ein Uhart, Der schwänz ist einfarbig, schwarz wie pech. Das 
pferd geht „ebene"' leise und doch schnell genug. Am sattel sind die 
Sattelbogen aus elfenbein gearbeitet, mit edelsteinen verziert, die decke 
ist samten, mit goldenen nageln besetzt. Der bauchgurt seiden, die 
nniphaiiige, an die man ihn schnalte, eine teuere borde, ebenso ist der 
brustriemen des pferdes {rorhuge) eine auf sanmiet genähte, zwei finger 
breite borde. Aus der breite, mit welcher Veldeke hier das pferd und 
seinen putz beschreibt, kan man wol zurückschliessen auf das Interesse, 
welches die zuhörer an derartigen, bis ius einzelnste gehenden beschrei- 
bungen haben musten. — Eine sehr anschauliche Schilderung von der 
rüstung des ritters zum kämpfe gibt Herbort 8719 fgg.: 

ir ros stunden bereit, 

kovertüren üf geleite 

dar über phellil und dar mit 

zindäi unde samit. 

Wapenen si sich begunden, 

so sie beste kmulen: 

in die koUen (stiefeln), halsperge ane, 

rot und wi^ als ein swane 

gel Uä zindat 

SStTSCUB. 7. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. III. 10 



146 E* WÖBNER 

über die sarewäty 

hdm üf, sper an die hant, 

sporn uiribe almhant, 

jsur sUen schilt, dar under swert, 

üf die ros, üf die pihert 

Jierren unde knecJite. usw. 

Die pracht der rüstungen und gewandungen beschreibt auch Conrad mit 
besonderer verliebe, z. b. als das heer der Trojaner zum kämpf mit den 
Griechen ausrückt (30774 fgg.)- Man kan nicht beide noch sand sehen 
vor der menge glänzender kovertiuren ; wie wenn der ganze plan in brand 
gesteckt wäre , so flamt das gefilde von gold. Eine menge von wunder- 
vögeln und Wundertieren zieren die decken der rosse und die prächtigen 
Wämser (kursit) der ritter. Edelsteine leuchten um die wette über tal 
und borg, es gleisst das Stahlwerk und das geschmeide. — Als Aneas 
vor der Stadt Laurentum sein lager aufschlägt, unterlässt es Veldeke 
nicht , das kostbare zeit des beiden zu beschreiben ; an einem hohen mast 
wird es aufgezogen, das zelttuch ist doppelfarbiger sanmiet, der zelt- 
knopf golden mit einem goldenen adler gekrönt (sp. 247). Überall 
herscht dieselbe freude nicht nui* an kostbaren waffen und edlen rossen, 
sondern auch an schönen kleidern. Nirgends wird seide und sammet, 
nirgends wird edeles gestein gespart. So hebt Heinrich von Veldeke mit 
besonderem nachdruck die schönen gewänder hervor, mit denen sich die 
Trojaner auf ihrer fahrt zur Dido schmücken (34 , 2 fgg.) : vil wol si sich 
gereitefi mit herlicJicm gewafule, \ des si van ir lande \ yenüch dare brah- 
teil. Freilich findet sich in der beschreibung nirgends viel abwechselung, 
wie von den edlen rossen immer ravU und kastelän widerkehrt, so von 
den teuren stoflfen piliellcl und samit. 

Haben wir uns bisher die rüstung und den ganzen staat des ritters 
betrachtet , so wollen wir ihm jetzt weiter folgen in die schlacht. 

Den kern des heeres bilden immer die ritter, nur ihre anzahl wird 
daher bei der angäbe der heeresstärke genant. So heisst es von Aven- 
tinus (143, 38): tüsent ritter heter hralU \ sunder schützen und füttere; 
(144, 16) vom markgrafen von Pallante: 

tüse^it ritter sunder sarjante 

und hundert schützen brahter dare. 

Bei Veldeke ist das zur stehenden formel geworden; Turnus stelt dem 
Aneas entgegen: zehefi tusent ritter ze were sunder schützen und fü^- 
here. 

Das fussher bestand wol aus den „schildknechten," wie sie Vel- 
deke gewöhnlich nent. Turnus lässt bei der belagerung von Montalbäne 



VIRCUL UND HEINRICH V. VELDEKE 147 

die schilJkneclito den stürm auf die bürg eröflfuen (177, 22) und dass 
die schildkiiecbte der venichtetste teil des hceres waren, geht aus den 
gleich folgenden werten (177, M) hervor: 

solde man schüfknehte klagen, 
HO moht da michd ja mar wescn. 

In höherem ansehen standen die schützen; sie musten bei der belage- 
mng durch ihre geschosse die Verteidiger von mauern und zinnen ver- 
treiben, oben wurde einmal ihre zahl l)csonders angegeben. Die sarjante, 
die auch oben erwähnt wurden, sind die knappen der ritter. Fussheer 
und schlitzen treten aber ganz zurück in offener feldschlacht. Diese ist 
bei Veldeke wie bei Herbort und Conrad ein kämpf zu ross von rittern 
gegen ritter gekämpft. Bevor die beere gegen einander rücken, werden 
die ,, zeichen*' — die fahnen -- angebunden (175, 25. 199, 39. cf. Nibel. 
1535, 3: er haut oiiclt zeime Schafte ein zeichen daz. was rot). Wenn 
die scharen gegeneinander reiten, sprengen aus den reihen die anfuhrer 
hervor und bestehen einander im ritterlichen einzelkampfe. Hier haben 
wir einen verwanten zug der hofischen dicbtung mit dem antiken epos. 
Der massenkampf tritt zurück, der einzelne berülimte ritter sucht seinen 
wolbekanten gegner auf. So besteht Turnus den Pallas, Aneas den 
Mezentius. Bei Virgil fällt der junge held Pallas von Turnus speer 
getroffen , im höfischen gedichte lallt er nach kunstgerechtem ritterlichem 
Zweikampfe (cf. sp. 2(>5). Sie rennen zu rosse gegeneinander, beide 
decken sich mit den Schilden ritterlich, beide werfen sich vom rosse, 
nun gi-eifen sie zu den Schwertern, die Schilde sind bald zerhauen, da 
schlagt Pallas dem Turnus mit einem mächtigen hiebe den heim durch 
und die ringe der kopfhaul)e unter dem helme, so dass jener in die kniee 
sinkt, unfähig zum sclilagen auszuholen; da ersieht er die gelegenheit 
und stösst dem aufrecht vor ihm stehenden Pallas das schwert unter den 
panzer in den leib. — Die kraft Avar auf beiden selten gleich, die list 
trägt hier den sieg davon. 

Äneas setzt im Zweikampf den Lausus, den söhn des Mezentius, 
eine speerläuge hinters ross auf den sand, er selbst schiesst natfu'lich 
bei dem mächtigen anlauf weit über den gefallenen gegner hinaus, aber 
beim umkehren haut ihm Lausus das ross liinter dem Sattelbogen aus- 
einander. Nun komt es auch liier zum seh Wertkampf: si gehen und 
nemcn die siege freisUche, hierbei beweist Äneas seine grössere kunst 
im rehten nnde schirmen (mit dem Schilde parieren), und dadurch über- 
windet er Seinen gegner. — An der Camilla wird gerühmt (243, 5fgg.): 

wie si slüch mid wie si stach 
und wie si ir spere brach 

10* 



148 E. WÖRNEB 

und wie si justierde 
und wie si pungierde. 

In dem Zweikampf zwischen Äneas und Turnus gibt sich letzterer erst 
dann als besiegt, nachdem ihm der dickschenkel durchhauen ist, von 
einer derartigen Verwundung ist bei Virgil nichts zu lesen; bei Veldeke 
hat früher Turnus dem liesen Bitias den Schenkel durchgehauen und ihn 
auf diese weise kampfunfähig gemacht (197, 29); ich erinnere mich aus 
der Gunlaugs saga Ormstunga, dass dort auch Günlaugr auf eben diese 
weise seinen gegner Hrafti besiegt. Im ganzen fasst sich Veldeke ver- 
glichen mit Herbort und Conrad bei beschreibung der schlachten kurz: 

e^ wäre ze sagene alze lank, \ wer da viel und wer da stach 
und wer da sin spere brach, \ tver da starb und wer da slüch 
want der was ml unde gnüch. (201 , 32 fgg.) 

Fast mehr fleiss als auf die beschreibung der feldschlachten hat Veldeke 
auf die Zeichnung der belagerung veiivendet. Das alte römische lager, 
welches sich bei Virgil mit seiner linken seite an den Tiber anlehnt, ist 
bei Veldeke zu einer bürg geworden , die auf dem steilen berge Montal- 
bane (der dicjiter denkt sich ihn an der mündung des Tiber gelegen) 
erbaut ist. Sp. 118 fgg. wii'd die läge des berges genau beschrieben, es 
ist ein hoher , steiler felsen am meere , rings von gutem lande umgeben ; 
ein von natur fester ort, oben entspringt ein quell, dessen wasser 
stark hinabströmt ins meer. Nur an einer seite ist der aufgang mög- 
lich über einen schmalen rücken des berges (einhalb dar zu gienk | ein 
hals, der ne was niht breit). Diesen ort also ersieht sich Äneas für 
seine bürg aus, und wenn man die läge der noch erhaltenen alten bür- 
gen vergleicht, so stimt sie ja in den meisten föUen mit unserer beschrei- 
bung überein. Gewöhnlich liegen sie auf dem gipfel eines nach drei Sei- 
ten hin steil abfallenden bergkegels. — Der schmale hals wird nun 
durchbrochen und durch zwei graben unzugänglich gemacht. Der nie- 
dere graben ist weit und tief, er ist erfüllt vom wasser des bergquells, 
davor ist noch ein kleinerer graben (p. 177, 2 fgg.). Der berg wird durch 
bcrcfride, warttürme, und mit erkären befestigt; über den graben fuhrt 
die Zugbrücke, diese wird durch einen bercfrid beherscht (156, 9 fgg. 
191, 6). Aneas trift nun gegen das anrückende belagerungsheer seine 
Verteidigungsanstalten. Es werden genau bestimt die, welche auf den 
türmen und die auf den zinnen der burgmauer platz haben, wer des 
nachts die wache haben und wer schlafen solle. Die waffen werden fer- 
tig gemacht, die besten schützen werden auf dem burgtore postiert, die 
schwachen stellen der bui-g mit der stärksten besatzung versehen. Als 
nun das beer des Turnus zum stürm heranrückt, wird die brücke auf- 



n" 



VIRGIL L'ND HEINRICH V. VELDEKE 149 

gezogen, die zinnen und türme besetzt, die dächer abgebrochen, die 
fahne aufgesteckt (175, 31). Den ersten stürm auf die feste fuhren die 
schildknechte aus, sie kommen aber nicht über den graben, und müssen 
mit grossen Verlusten zurückgehen. Die Trojaner empfangen von den 
zinnen und erkern aus die stürmenden mit hagehi von pfeilen und stei- 
nen. Am nächsten tage sucht Turnus den graben zu füllen. Es werden 
grosse wagen mit reisig herbeigefahren, aber ehe sie die trachten in 
den graben werfen und zurecht legen können, sind schon die belagerten 
mit „smalz, swebel nnd hecJt^' bei der band und stecken das holz in 
brand. Als der graben nicht mit holz gefüllt werden kann, wird erde 
herbeigeschafft, nuuigen werden errichtet mit seilen bespant und bemant. 
Es sind die kriegsmaschinen zum schleudern grosser steine. Man stelt 
lerner die ebenhöhen auf, von denen aus man die belagerten auf der 
mauer erreichen konte, treibt sie gegen die mauer heran und besetzt sie 
mit schützen. Jetzt begint der allgemeine stürm, die Trojaner müssen 
vor der menge der pfeile und gere und l)raudspiesse (maferelle) die 
zinnen verlassen, nur die mit panzer gerüsteten können sich noch oben 
halten. Askanius führt sie zurück, die stürmenden sind bereits bis zu 
den zinnen emporgestiegen, oben empfängt man sie mit schweren stei- 
nen und bleikolben; die Idzateine werden herabgerolt und reissen im 
falle die stürmenden mit sich in den graben hinab. Diesen ist es unter- 
dessen gelungen, den hercfnd, der die brücke beherscht, in brand zu 
stecken, dieser stürzt zusammen und so gewinnen jene die brücke. Kurz 
die beschreibung der belagerung von Montalbane gehört zu den leben- 
digsten partieen des ganzen gedichtes. Auch bei den städten des lan- 
des ist für unsern dichter immer die feste läge von der höchsten Wich- 
tigkeit; Veldeke hat nichts, was Virgil vom baue Carthagos und seinen 
palästen erzählt, aber wie fest die läge der horch Carthayo sei, beschreibt 
er ausführlich (p. 27, 11 fgg.). Auf der einen seite bespült das meer, auf 
der andern seite breite ströme ihre mauern; da enmitteri stunt diu 
horch so rast, ! da^ si nienc varhtc ein hast \ alle^ irdische here. 

Verlassen wir nun den krieg und begleiten den ritter zu den hoch- 
(jeziteii. So war ja sein leben : bald draussen in kämpf und abenteuern, 
bald am glänzenden hofe bei frohen festen. 

All dieser reiche staat, die golddurchwirkten gewänder, die pracht- 
vollen rüstungen, die teuren coverturen, die rosse, das alles muste gese- 
hen werden, muste angestaunt und bewundert werden. Darum immer 
die pomphaften aufzüge, wenn irgend ein füi-stlicher herr in eine bürg 
oder in eine stadt einreitet. Der herzog Äneas hält mit 500 rittern sei- 
nen einzug in Carthago, und in den breiten Strassen mit den scliönen 
häusem und marmorneu palästen sieht er zu beiden selten der Strasse 



150 E. WÖRNEB 

(wol in den fenstern liegen) die frauen und Jungfrauen „gezieret und 
gebunden" in schönen kleidern und zierlichem harputz, die ihre freude 
am schauen haben (35, 2). Die ritterliche königin Camilla von Vol- 
zäne reitet durch Laurentum. Da eilen ritter und edelfrauen herbei , die 
sie gern sehen wollen, si qiiämcn zii den sträzen, si stunden unde säzen, 
ze den vensfern si lägen (p. 149). Als Aneas seine braut in Laurentum 
besucht, reitet er mit so grosser pracht einher, dass die hldmen und da:; 
gras ihre färbe yerlieren, mit herlichem gcdrange, mit phifen und mit 
gesange, mit trumhen und mit seitsjnle (337, 37). Das sind die beglei- 
ter aller hochgezUen, das festliche gedränge, gesang und musik. Die 
häuser der stadt Laurentum sind mit phelle und kostbaren tcppichon 
behangen. — Bezeichnend ist es, dass Veldeke die festspiele, die Äncas 
zu ehren seines vaters veranstaltet, nur mit einigen werten erwähnt, 
andere festlichkeiten aber in menge beschreibt, von denen bei Virgil 
sich keine spur findet. Während Äneas beim könig Evander weilt, wird 
an des königs hofe die schwertleite des jungen Pallas gefeiert (cf. p. 171, 
16 — 21. 173, 39 — 174, 27). Der könig gibt seinem söhne das schwert, 
welches dieser schon lange begehrt hat, und maclit ihn daduixh zum 
ritter. Zugleich damit ist aber auch des jungen fürsten krönung ver- 
bunden (tmde IV il in cröncn 171, 21), die feierliche anerkennung des 
Sohnes als nachfolger des vaters. Es finden sich bei Veldeke in der 
kurzen beschreibung der festlichkeiten sehr viele von den zügen, die wir 
auch aus der schwertleite Siegfrieds im Nibelungenliede kennen (cf. 
str. 28 — 44). Wie liier der junge Pallas gekrönt wird, so verteilt dort 
Siegfried als junger könig noch einmal die lehen, (wiewol er nicht die 
ki'one tragen will , so lange Sigmunt und Sigelint leben). Hier wie dort 
sendet der könig botschaft über das land, und lässt verkündigen, wer von 
den edelbürtigen Jünglingen ritter werden wolle, solle an den hof kom- 
men und mit dem jungen könig zugleich schwert, ross und gewand 
empfangen. Die schwertleite eines jungen fürsten empfieug also erst 
dadurch ihren. rechten glänz, dass von nah und fern die söhne der edel- 
bärtigen dabei erschienen, und zugleich mit ihm, gleichsam sein junger 
hofstat , das schwert empfiengen. Der könig gibt Urnen dafür ross , schätz 
und gewand , das schwert empfiengen sie wol von eitern und verwanten. 
Das andere grosse fest, welches Veldeke beschreibt, ist die hoch- 
zeit des Äneas mit der Lavinia. Auch hierbei eilen boten mit briefen 
nach allen reichen, die man zu pferde oder zu schiffe erreichen koute. 
Der könig Evander ladet seine freunde und mannen ein; bezeichnend ist 
die stelle: siver gut umh ere wolde, da^ her froUehe quäme und es so 
vile näme, da^ e^ im iemer niohte fromcn und allen sincn nächkomen 
(336, 4 fgg.). Die eingeladenen erweisen durch ihr erscheinen dem Äneas 



VIBGIL UND HEIKBICH V. VELDEKE 151 

ehre , und für diese ilu-e ehrenerweisuiig lohnt ihnen der wirt mit reichen 
geschenken. Das gut um die ehre! Darin besteht die vielgerühmte 
ßrstliche müde. — Die gaste lassen nicht auf sich warten. Von allen 
üeiten , in schiffen und auf den Strassen , ziehen die ritter zahllos herbei, 
diu werltlichen Hute (die spielleute , die gcrende diet) , bleiben nicht aus. 
An der hochzeitstafel herscht „Meine stille,'''' der schall ist so gross, 
da:^ e^ die hosen hedro^. Das ist das charakteristische aller mittelalter- 
lichen festlichkeiten : laut schallende festesfreude und gedränge des Vol- 
kes. Da war spiel und gesang , rittcrliclies turnier (huhurt) und gedrang, 
pfeifen und springen, geigen und singen, orgeln und saitenspiel. Und 
nun wird die fiii-stliche milde des Aneas gescliildert. Da er der hehrste 
der anwesenden fürsten ist, so begint er das geben. Wen er beschenkt, 
der hatte bis an seines lebens ende genug und noch seine kinder genos- 
seil dessen. Aber Aueas konte auch geben, es fehlte ihm beim gut 
niclit der willige mCit. Nach ilim geben i^ie übrigen fürsten vollauf. 
Teures seidengewand, gold und aller art kostbarkelten , silber- und gold- 
g^^fässe, maultiere und edle rosse, seide und sammet ungeschnitten, rote 
goldspangen, zobel und liermelin wird unter die spielleute verteilt, so 
4ass sie froh von dannen scheiden und das lob des königs singen, jeder 
^n seiner zunge. Dabei gedenkt Veldeke der festlichen tage von Mainz, 
Uls kaiscr Friedrich seinen söhnen das schwort gab, ein fest, von dem 
^an erzählen wird bis an den jüngsten tag. Es waren für die spielleute 
Unter den Hohenstaufen andere zeiten gekommen, als die von denen der 
annalist zmn jähre 1043 bei gelegenheit des hochzeitsfestes Heinrich des 
Dritten erzählt: Infmitam histrionum et joeulatorum midtitudinem ad 
latulis s^uae cumulum (!) vacuam et inanem sim eiho et munerihus fnoe- 
rentem abire permisit. 

Aus den bisherigen zügen lässt sicli schliessen, ein wie reges, 
glänzendes leben an den fürstenhöfen schon zu Veldekes zeit geherscht 
Laben muss. Das ist aber nur die aussenseite dieses lebens. Sehen wir 
bei Veldeke nach dem masse, nach dem der wahre wert des ritters 
gemessen wurde. Nirgends finden sich dergleichen gedanken deutlicher 
ausgesprochen, als in den klagen um gefallene beiden. So die werte 
des Äneas in seiner klage um Pallas (218, 20): 

schöne:^ bilde, reiner degen! 
wa^ Ich in kürzen stumlen 
tilgende an dir hän vmidcn! 
nuinheit unde sinne, 
trouwe unde minne, 
kunhcit unde mannes rät 
nml wiUich herze zu der tat, 



152 E. WÖBNER 

gute list ufid gro^ kraft! 

du wäre stäte und er n isthaft , 

milde ufid reinmütey 

du hetest site gute 

und aller tagende genüch. 
Dem Turnus widmet der dichter einen langen nachruf zum preise seiner 
ritterlichen tugenden (332, 6 fgg.): 

her was des lihes ein degen, \ küne tinde mahtieh, \ wise unde hedah- 
tiehj \ getrouwe unde wärhafty \ milde unde crhuft, \ ein addar sines gutes, \ 
ein letve sines mütes, ) ein ekkesfein der eren, ! ein Spiegel der lu^ren. , her 
hete wol getanen lib, vil lieb tvären im diu teth, \ si wären oiich imc 
holt: I dai^ was siner tugendc scholf. 

Als drittes beispiel möge hier das lob der tugenden Jasons bei 
Herbort v. Fritzlar stehen (134 — 163): 

Er was wum von sinnen, er was ze gote reine, dem folke gar 
geineine, den armen ze gebene, sinen geliehen ebene, sinen Untertanen 
otmütig, sinen übertragenden hoehmütig, kindisch den kinden, grimme 
den swinden, äne wort frume zu der tat, ufide mit den warten rät, 
herte zu tmgerete, zu dem gelubede stete, zu rchter gäbe milde, gefuge 
zu dem Schilde, sinen ßnden offenbar, sinen fründen äne vär, gru^am 
in der strafe, uml von gutem getane, einfeit ic an der gebere, munic- 
faltic an der lere, kunstic an dem sinne, reddich an dem gewinne, 
gebouge zu der wisheit, st arg zu der erbeit, in vertruc dehein sin 
Schönheit, im was sin leit niht zu leit, noch sin liej) zu liep niht, daz, 
doch vil sdten geschiht, mit zuhten zu juste und zu spil. 

Aus diesen beispielen leuchtet schnell ein, worin eigentlich die 
cardinaltugenden eines ritters bestanden. Eine derselben, oder wol bes- 
ser die erste von allen, war die treue. Sie fehlt in keiner der drei 
lobreden. Auf die treue gründet sich ja das Verhältnis des lehns- 
mannes zum lehnsherrn, sie war das sittliche band, welches den stat 
zusanmienhielt. Wenn Äneas an Pallas troutve und minne gefunden hat, 
so heisst das wol soviel, als er hat in ihm einen treuen freund gefun- 
den, ebenso heisst Pallas auch stäte und crnisthaft, fest im denken und 
handeln; Turnus trägt das lob eines getrmiwcn und wärhaften , und das- 
selbe meint Herbort mit den werten: ze gduhede stete, sinen fhhulen 
äne vär, Aneas hat eigentlich mit der flucht aus Troja die treue gegen 
seine mägen und freunde gebrochen; als er sie daher in der unterweit 
widersieht, da schämt er sich und es dünkt ihm unere, dass er sich von 
ihnen getrent hat. 

Dazu kommen die männlichen tugenden der tatkraft, kühnheit, aber 
auch der besonnenheit : künJieit unde mannes rät und willicli herze zu der 



VIRGIL UND HEINRICH V. VELDEKE 153 

/«/, wie es von Pallas, Mne unde mäht ich , tvise nmle hedahtich , wie es 

von Turaus, äne wort frum zu der tät^ unde mit den warten rät, wie 

es vom lason heisst. Es ist das ärgste, was man dem herrn Drances 

flachsagt, dass er zwar gut im rat sei, dass er aber ungern vaht und 

gerne gemach hatte (230, 16), oder wie es 233, 4 heisst, dass ihm sein 

Jeben zu lieb sei. 

Aus allen diesen tagenden entspringt die ehre des ritters, das 

ansehen und die hochschätzung desselben bei den leuten. Die ehre geht 

über das leben, spricht auch Veldeke oftmals mit deutlichen worten aus; 

^mx ehre zu gewinnen stürzt sich der ritter in gefahr. 181, 15 wird 

^isus ein edler ritter genant, der gern um der ehre willen ungemach 

erdxüdeu wolte; Pallas stirbt zwar gleich bei seinem ersten waftengauge, 

^t^^^T er fällt im kämpfe mit einem hochberühmten gegner (Turnus) , und 

^3.ohdem er schon vorher wunder der tapferkeit getan. Wäre er mit 

s^lianden gefallen , so wäre er vergessen Avorden , so aber starb er geehrt 

^nd untadelig (p. 207). — Mehr als einmal wird dem Äneas vorgewor- 

f*^ii, dass er lieber heimat und verwante verlassen habe, anstatt mit 

iliBen ehrenvoll zu sterben. Offenbar ist die ironie in Veldekes worten 

gleich anfangs (p. 20, 1): „Es habe den ausziehenden Trojanern besser 

gedünkt ihr land zu räumen, als dort rulmi zu erwerben, um den sie 

liätten sterben müssen.'* Turnus spricht gewis nur das allgemeine 

urteil über des Aneas verhalten aus, wenn er sagt (128, 12 — 15): 

heter sin eigen Jant gewert, 

danner mit schänden wart vertrihen, 

tvär er mit eren da bcliben, (geblieben, gefallen) 

so hei er manliche getan. 

Acht ritterlich denkt Turnus, dass sein leben nichts mehr weii sei, 
wenn er sich vom Trojaner land und weih nehmen Hesse: „er selbst 
verdiene dann , dass man ihm schild und schwort , die abzeichen des rit- 
ters, und all seine ehre nehme und er aus der guten gesellschaft verbaut 
werde" (128, 19). Kr sagt dalier von sich: ich hän den willen und 
den müty daz, ich mhi ere und min gut gerne hehaldc. Und so trift 
auf ihn auch der schöne lobsprucli: ein adelar stnes gutes, ein ekki'stein 
der eren. 

Den tugenden des ritters setzt die huld der frauen die kröne auf. 
So rühmt Yeldeke von Turnus: her hete wol getanen lih, vil lieb wären 
im diu ivib, si wären auch ime holt, daz, was srner tugende schalt. 

Merkwürdig ist, wie Veldeke das Verhältnis des Nisus und Eurya- 
Ins, und Herbort von Fritzlar das zwischen Achilles und Patroclus dar- 



154 E. WÖ&NEB 

gestelt haben. Veldeke erzählt von Nisus und Euryalus, es sei au den 
beiden tapferen rittern wol offenbar geworden, dass sie freunde waren, 
denn nichts hätte sie während ihres lebens geschieden als der name: 
„wem si (Idhtc heule, da^ si ein Üb wären (180, 40). Msus selber sagt 
(181, 20): wir sin ein Üb und ein geist; und in gleicher weise klagt 
Achilles bei Herbort (G081) über den tod des Patroklus: ich ivas du, 
du ivcr ich, beide dich und mich hetc eine truwe, du bist immer min 
rüwe, dtn not min not, ich bin mit dir halb tot, din geist ist halp mit 
mir. Die liöfischen dichter sahen also darin eine schwertbrüdersehaft 
bis zum tode; die antike auffassung, wie sie bei Virgil noch ist (IX, 179: 
Euryidus quo jndchrior alter non fuit Äeneadum, Trojana neque induit 
arma; ora puer prima signans intonsa jucenta) ist glücklicher weise 
den niittelalterliclien dichtem unverständlich gewesen. 

Der Aveite abstand der antiken und modernen auffassung zeigt sich 
nirgends deutlicher, als in der darstellung der Stellung des weibes in 
der gesell^^chaft. Wie die beiden der antiken epen zu ächten deutschen 
rittern wurden, so sind die frauengestalten jener zeit in edelfrauen des 
mittchilters übergegangen. Die edelfrau zeigt sich schon in der äussern 
erscheinung. Es Avird uns nach dem vorhergehenden niclit auffallen, 
dass auch hier der dichter stets mit verliebe die kleider der fürstlichen 
frauen beschreibt. So wird beim jagdaufzuge der Dido nicht das zier- 
liclic, scliön genälite, mit goldstickerei geschmückte hemd vergessen, 
nicht der weisse hermelinpelz mit roten kehlstücken, mit weiten ärmelu 
und dem Überzug von grünem sammet, der mit perlen und goldnen bor- 
deu reich besetzt ist, und hier verschmäht es auch der dichter nicht 
französische modeworte einzuflecliten wie gezimieret, geriddieret. Der 
gürtel der frau ist aus silber und gold gewirkt, darüber sitzt der grün- 
samtene mautel mit hermelinbcsatz und futter aus zobel; das har ist 
ihr mit einer teuern borde aufgebunden, der samthut wider mit borden 
verziert (p. 51) fgg., cf. sp. 145). Hierin bleibt Herbort hinter Veldeke 
nicht zurück (cf. 585), er putzt die Medea stattlich für den empfang 
lasons lieraus. Nachdem sie ilir har gekämt und geüochten, die scheitel 
berichtet hat, setzt sie einen kopfputz auf aus rotem golde, aus dem ein 
karfunkel blitzt, sie legt das zierlicli gefältelte und gekräuselte Oberhemd 
an, das blendendweisse mit den enganliegenden ärmeln, darüber wirft 
sie ein seidenes golddurchwebtcs gewand. Und was gehört nicht noch 
alles zur toilette der edelfrau? Veldeke gibt (p. 322) ein artiges Ver- 
zeichnis dieser klcinodc; das harband, der schleier, der weitherabhäu- 
gende ärniel {mvnwe)^ Spangen und gürtel. h\ diesem geschmack sind 
nun auch die gesclienke, welche den frauen gesendet werden. Aneas 
sendet der Dido einen liernielinmantel mit braunem zobel besetzt, der 



VIROIL UND HEDERICH V. VELDEKE 155 

lang bis zu den füssen herabreicht, rotsamten ist der Überzug, dazu 

zwei armspangen, einen fingerreif und eine goldene spange für den 

rnautol {nuskT), dazu noch ein kleid aus dalmatischer scide (Virg. 1, 

64« jmllam sitjnis auroqnr rujcnfeiii et eircioithwinm croceo vehniien 

ocanthoX 

Die statte der frau ist das haus, genauer die Icemcnaie, der ort 
ilires Wirkens. AVie lest hierin der dichter an der anschauuni( seiner 
zeit hält, kan man aus folgenden kleinen zügen sehen: Bei Virgil liisst 
üido den Scheiterhaufen in dem innern hofraum ihres palastes errichten 
UV, 494 [cf. r)()4|: pyram tccfo hifrriorc sah au ras crifje). Beiden 
höfischen dichtem wird das feuer in der kinncnCdc selbst angezündet, 
dort nimt sich Dido das leben, und ihre scli wester Anna findet die Iceinc- 
näte verschlossen und klopft vergebens um einlass. l^ei Herbort von 
Fritzlar wird auch das (fadem erwähnt, das obere Stockwerk des liau- 
ses und der saJ, Der knappe des Achilles findet die Polyxena am 
swihbogen des salcs stehen (Herbort 11410). Auch l)ei Veldeke wird 
neben der h-menatc des sales erwähnung getan (^31), 24). Die Icemcnäte 
war ein heizbares gemach, oft wird wol ein einstöckiges haus so genant. 
Dieser sinn muss liegen in den v/orten: die boten des Äneas treffen die 
Dido in einer Icemenafrn nahen hi ir 2)alas (28, 28). Die kemenäten 
im palaste des königs Latinus sind mit seidenen stoßen ausgeschlagen, 
der fussboden mit teppichen bedeckt, die polster glänzen von seide, sam- 
met und ,,dimUe/' Hierher gehnrt auch die eingehende beschreibung des 
bettes und der hemenCde, welche Dido zur ruhestätte des Aneas bestimt 
hat (sp. 48, 31 fgg.) Besonders wird hervorgehoben die angenehme wärme 
des gemaches, das feuer „ohne rauch," das tageshelle licht, welches die 
kerzen im zimmer verbreiten. Das bett, von jeher der stolz der deut- 
schen hausfrau, ist ein wahres praclitstück. Über dem bett liegt ein 
dcckelachen (eine zudecke) von purpur mit marderi'ell wattiert, über das 
weiche und Aveite Unterbett ist das zierliche „v/eisse'* bettuch gebreitet; 
doppelt ist der Überzug des Unterbettes , das von federn strotzt , der 
äussere samten, der innere {dia underxievhe) von leder, .so dass das 
bett weich und doch fe^t ist. Das Unterbett liegt wider auf einer 
matratze von zinddle, diese erst auf dem stroh: das kopfkissen ist sam- 
ten wie der übvrzug des Unterbettes, und der bolstrr (wol das keilkissen, 
um die erhöhung für den köpf herzustellen) ist phellelln. Ich glaube an 
solchen stellen hat (trotz (Jervinus p. 2'.»:), der di«» beschreibung des bet- 
tes eine Spielerei nent) die deutsche hurgfuiu recht andächtig und gespant 
zugehört. Die mauern der paläste sind so dick, dass die frauen buch- 
stäblich in den fenstern sitzen oder stehen müssen, wenn sie liinaussehen 
wollen. Die frauen sind im mittelalter gebildeter als die männer. Sie 



156 E. WÖRNER 

können gewöhnlich schreiben und lesen. Veldeke unteiiässt nicht zu 
erwähnen , dass die erzürnte gemahlin des Latinus mit eigener hand dem 
Turnus einen bricf schreibt: „einen hrivf sl seihe flhte, den si mit scho- 
nen worden ranf , und sereih in mit ir selber hant fp. 125), von Turnus 
dagegen heisst es: er hiez, hrieve serthen. Lavinia schreibt auf perga- 
ment in schönem lateiu ihren liebesbrief an Äneas (sp. 28G). — Aber 
noch mehr, die frauen waren die eigentlichen pflegerinnen der höfischen 
Sitte. Auch aus den nur gelegentlichen andeutungen Veldekes kan man 
erraten, dass sich das ganze gesellschaftliche leben jener tage in 
bestimten , von der sitte vorgeschriebenen formen bewegte , auf die streng 
geachtet wurde. Der ist ein Itorescher man, der sich leicht und sicher 
in allen diesen formen zu bewegen Aveiss. Den anstand in irgend einer 
weise zu vernachlässigen, ist unliöfisch: ez, is ein unliovesch site, da^ 
man der zuhfe niene yert (sp. 145, (»). Die l)oten des Aneas werden 
von der Diclo gütUehe empfangen: und si (jenädeten der frouwen der 
minnen und der frouwen (sp. 28). Dies die stehende formel für den liöf- 
lichen empfang und den höflichen dank. Als Turnus die königin in ihrer 
Jcemenäte aufsucht, empfängt sie ihn minneeUche , mit der den frauen 
eigentümlichen liebeuswürdigkeit, und er dankt ihr höflich (d. i. mit liöf- 
licher verneigung): ril (jezogenUehe ffenadefe her ir durivider. Der sich 
entfernende nimt urlouhy er bittet sich die erlaubnis aus, gehen zu dür- 
fen (cf. p. 141. 142). Äneas nimt bei seiner fahrt zum Evander sogar 
Urlaub bei. seinem söhne: urloiA her do nam ze Ascänjo, sime sun, ah 
er von rehte sohle tun (1G7, G fgg.)- — Die zürnende königin lässt sich 
unsanft neben ihrem gemahl Latinus nieder, ohne sich vorher vor ihm 
zu verneigen. Es heisst daher von ihr: ir zuhte sie rergaz;, titisanfte 
sie nider saz,, daz, sie dem Icunege niht enneieh (121, 1). Dem eben- 
bürtigen gaste geht die wirtin entgegen und reicht ihm den kuss des 
wilkomraens, so die Dido dem Aneas (:i5, :>2); aber als Anejis seine 
braut Lavinia besucht, wartet er, bis ihm der könig heisst seine tochter 
zu küssen (ez, hete (ferne J^Wiais an des kaneijes bete ifetdn o38, 3G). Der 
Dido, die für den ritt zur jagd ihren zeiter besteigt, ist Äneas der sitte 
gemäss behilflich (61, lo): er diende ir da si uf saz, er führte ihr ross 
am Zügel. Und wie höflicli verkehren bei Herbort Ulixes und Diomedes 
mit Dolon. Dieser liat jene aus Troja geleitet , er will sich verabschie- 
den und spricht: Oebietet mir! (jot segen üch! got tone dir! (8091 fg.). 
Beim schmause, den Dido den Trojanern gibt, heisst es: man trug die 
speisen „gefuehlivhe'' vor, nnm g'db ihwaii gezogenl ich e (3i^ 36).— Aber 
die gesellschaft gab auch etwas aufgewante Unterhaltung; nicht umsonst 
ist es erwälint, dass die 5no ritter, mit denen Aneas an den hof der 
Dido reitet, ivol sprechen nmd gebaren konten (p. 34j, und ebendahin 



VIRGIL UND HEINRICH V. VEI^DEKE 157 

gehört, weun es- von den kammerfraueu der Lavinia lieisst: sie waren 
icd gebogen unde geret, wol gekleit und tvol gelcrct ze iverKxn und sc 
worden (p. 341). 

Tacitua hebt hervor , in wie hoher achtung das weibliche geschlecht 
bei den alten Deutschen gestanden habe; das nütfcelalter ist von dem 
iiiinne- und frauendienst geradezu beherscht. Es ist sicherlicli ein cha- 
rakteiistischer zug, wie das deutsche minne sich von Iqco^ und amor in 
der grundbedeutung unterscheidet; in dem griechischen und lateinischen 
Worte waltet der begriff des sinnlichen triebes vor, im werte minne 
liegt mehr das sinnen und denken an den geliebten, das den geliebten 
gegensJÄod im gedanken tragen. — D^rin zeigt sich deutlicher als 
irgendwo anders das vorwiegen des gemüts im deutschen volkscharakter. 
An tiefer aufifassung des Seelenlebens stehen die Nibelungen über der 
Ilias, und aus welchem anderen streben sind diese laugen monologe 
l)ei den höfischen dichtem hervorgegangen , • als aus dem , den inneren 
Vorgängen im gemüte des menschen nahe zu kommen und ihnen einen 
aasdruck zu geben? Nirgends ist der abstand der höfischen von der 
antiken Aneis weiter, als in dem auftreten der Lavinia; bei Virgil ist 
die Lavinia eine stumme person, in dem höfischen gedichte tritt sie mit- 
tätig auf und ergreift partei. Mit dieser neuerung ist in dem höfischen 
gedieht erst die minne in ihr volles recht eingesetzt. Während bei 
Virgil sich Lavinia ohne eigenen willen (echt römisch) in den willen ihrer 
rautter fugt, entscheidet sich in der höfischen dichtung die Jungfrau gegen 
den willen der mutter, bloss ihrer neigung folgend; während bei Virgil 
von liebe des Aneas zu der ihm durch götterspruch beschiedenen braut 
keine rede ist , wird in der höfischen dichtung der besitz der Lavinia für 
Äneas eine herzenssache. Obgleich die Dido der höfischen gedichte ziem- 
lich genau der Virgilischen nachgezeichnet ist, bekomt ihr Charakter doch 
durch ihr schliessliches auftreten eine von der Virgilischen ganz ver- 
schiedene ftrbung. Bei Virgil stirbt die königin unversöhnt, hass im 
herzen und Verwünschungen auf den lippen gegen den treulosen Trojaner 
(IV, 615 — 629). Ganz anders die Dido bei Veldeke. Sie ist in ihren 
letzten augenblicken mild, weich, wehmutig gestimt; verlassen von Äneas 
klagt sie zu ihrer Schwester Anna: „mir is so wr umhc den leiden 
lieben man, da^ ichs gesagen 7iiene kan" Nicht ihm gibt sie die schuld 
an ihrem Unglück, vielmehr sagt sie: „mich hat min seHfer wille crsla- 
gepi" (74, 36); sie verzeiht dem treulosen: „ivande ir sit es äne scholt, ir 
wäret mir genüch holt,^' aber sie hat ihn „z'unmäz,en'^ geliebt, ihre mass- 
lose liebe hat sie in schade und schände gebracht. Sie stirbt endlich 
nicht mit dem nwriemur inulti, sie stirbt vergebend: „die seholde wil 



158 E. WÖRNBR 

ich u vergehen, ichn mach ü nicht wescn gram^' (P-78). Freilich Gewi 
nus neut die Veldekesclie Dido einen gelialtlosen schatten! 

Ich glaube, aua diesen beti'achtungen geht hervor, dass Benoitund Vel 
deke in den rahmen, welchen ihnen das antike epos bot, ein reiches stücl 
von dem handeln , denken und empfinden ihrer zeit hineingedichtet haben 
Wird man dichtem, wie Heinrich von Veldeke, gerecht werden woller 
so wird man nicht ihre dichtungen von einem absolut künstlerische! 
Standpunkt aus mit denen des altertums vergleichen dürfen , wie es Ger 
vinus tut, sondern man wird untersuchen müssen, in wie weit sie trot 
des antiken stoftes , den sie behandelten , ihrer zeit genug getan haben 
Die vorstehende Untersuchung ergibt, dass Benoit und Veldeke mit ma« 
und takt den antiken stoff nach der anscliauungsweise ihrer zeit umge 
dichtet haben; dass unser deutscher dichter den recliten ton traf, dürfei 
wir aus der übereinstimmenden anerkennung schliessen , welche ihm seim 
Zeitgenossen zollen. Die art, wie Gervinus diese anerkemmng zu deu 
ten unternimt (p. 297 fgg.)» ist zu gekünstelt, als dass sie den unbefan 
genen überzeugen könte. Überhaupt liat Gervinus den wert der Euei 
auf kosten des Alexanderliedes ungebürlich heruntergedrückt. Die gestal 
Alexanders ist für jeden dichter ein anderer Vorwurf als die des Aueas 
und eine ganze anzahl ausstellungen des litteraturhistorikers tieften Vir- 
gil viel härter als den deutschen nachdichter. Ausrufe wie der au; 
s. 294: „Bedauern müssen wir gleicliwol, dass Virgil von Franzosen unt 
Deutschen entweder nicht gekant oder entstelt wurde'' — entbehrci 
streng genommen jeglichen sinnes. Setzt denn Gervinus alles ernstes 
bei den menschen des zwölften Jahrhunderts das objective Verständnis de: 
altertums, seiner zustände und seiner kunstwerke voraus, wie die neu- 
zeit sich dieses nach vorangegangener Jahrhunderte langer arbeit in 
dem kleinen kreise der „classisch gebildeten*' mühsam angeeignet liatf 
Sehr lehrreich ist es Bernbardys urteil über Virgil mit Gervinus urteil 
über Veldeke zu vergleichen. Bernhardy nent (Gesch. der K.-Litt. 
3. bearb. s. 149) Virgils Äneide „das erste romantische heldengedicht, 
welches den Übergang machte zu den modernen gleich zwitterhaften 
epen." Er sagt am selben orte: Virgil hat „ verschliifene figuren auf 
gleicher linie mit seiner gegenwart gebildet, die wunder des mythus und 
der götterweit in die prosa seiner tage gezogen , überhaupt die verschie- 
denen Zeiten und culturstufen vermischt. Seinen Charakteren ist hier- 
durch lel)ensluft und freie bewegung entzogen , vor andern aber erscheint 
sein held marklos und unsicher, mehr in werten als in taten gross." 
Wenn aber Virgil selbst „römische färben auf sitte und gesinnungcn der 
handelnden personeu unwillkürlich übertragen hat," was können wir 



TOtfHEiL c> filier f^i rsaen Y.>nnirf daran? maohen, ^Äi»> ri <*aTt Vinüfl- 

iflißL Än»f-M. -Ät-r ^ei^-Uägea astcrhälnmg. Man cähm >it-, wo m;ui >ie 

tot- u?*:- ii^-A ans Jem aiiernun. Wt-nn nnn naoli Bernyianiv" Vir- 

rft Ai^föi* izi izz^rcT ann:st dr> f:oäie< iei-iet • d. k. wrna d:o hsr.-ilunvT 

icj. i^jirlicl sjehJ w>!ii^ ?f^;:ari:l ist, so wlrJ es nichi wnr.it-r nchinen. 

its xiäier-f Ehe:: an denst-lbeii schwäcLen kraüii. Virdis kn:;s: iieir* 

hi ^.hrt^ s^ri^be. iik seiner tfinz^i- und kieiMaalcT^: , m Srir.er tj^isobrn 

iKiiü- Kr ^ianzTcskte. -.«ü* er»>ss^n momruce** s-iues ei-:«s nrroo: man 

äj Kü r;:>>Jrri. Xlm: ii!:in livSr au>sere tuastviJle hülle weir, s-> lK".tt 

lifiTS ils riLr irmliche. weniü WsciiTrade han*iiuusr. Mit •licsem .iürron 

Irn '-t^ ^riÄhSoü? rnnst^ea nnsere uiinelalierliohen dicht* r irinso{ia(V«?n : 

weiz Etil: CrS en«"äst. so haU^n sie ihre anfsjabe nitht sohlroht ircd»>s:. 

Ptt? Ti^i^ti-* Tolfc konte anf seinen grlechisohen ^.ukerrn niok? st*>k 

«ii. ütii 1-rib: eine schwäoklicke fignr, ans der 2ueh die snMiiiie Vir- 

aüäfidbr ;^:k:L;k nicht^: machen koiüe. D^ss aber «lIas soJt:cks;ü des kel- 

cä taI^ ifrTgleicknns^spniikTo darK»t mit den Schicksalen nianches iah- 

THtirz liTZ^^T^ jener zeit . daiür gibt uns die ^esckichre belege. Darin 

»>:i"ic a:i.:h für die h»>Ss«.'hen kreise das anziehende der erzahlnnir Ue- 

«ffi. >;ls^ Trire es doch kaum erklärlich, wie ein anriker sroff so \iel- 

ÜA Prlf^D worden ist. wie nach dem unoil der zeitirenossen Veldekes 

Efieh j-rlc^^n und abgeschrieben wurde. Den pnnkt. in welchem die 

iiii::;*-jLl:rr!:chea «iichter ü?»er Vireil hmausifohen musten. wer.n sie ihrer 

2«: rr3;:s5r nm w«*dten . das selbstt;ltii:^e auftreten der Lavinia . haben sie 

ririid^r b-eraus-irenindt-n und darauf auch die meiste kunst eiirener ertin- 

innz jLLi ansschmückuntr verwendet- Ich hebe hier noch einisre ver- 

fehlte uneüe bei Gervinus heraus. Seite 205 heisst es: „In diesem Vel- 

deke ist es zuerst sichtlwr, wie sich ein errejrtes innere, das eine nah- 

rnnff filr die seele sucht, gegen jede i!» Weitläufigkeit und kleinlichkeit 

sträubt . und er lehnt daher detaillierte beschreibunsren von städteluu und 

«lervleichen . die nichts tur getuhl und emptindung bieten, ab, die noch 

in seiner wälsehen quelle sich vorfanden.- — Der erste teil ist insofern 

nnrichag. weil sich bei Veldeke sehr viele Schilderungen finden, die 

nach unserm geschmack weitläufig und nach Gervinus eignem urteile 

tieinüch sind. Ich erinnere an die häufigen beschreibiuisjen von klei- 

dem, Waffen, pferden. an das bett der Dido und an das pferde^^hr. an 

die grabmale (^ef. Gervinus s. 297). Der dichter suchte sich fiir seine 

scbildeningen eben die stoffe heraus , welche das interesse seiner inh\^rer 

^T sich hatten. Zweitens ist aber der angeffikrte beleg, die uut^rlas- 



160 E. WÖBNEB, VIBGIL UND HEINBICH V. VELDEKE 

sene beschreibung des Städtebaues, nicht zutreifend. Denn Gervinus macht 
damit eine ausnähme zur regel. Bei Virgil selbst findet sich (I, 425 — 
440) nicht eben viel über den bau Carthagos, sieben hexameter fallt 
dort das bild von der emsigen tätigkeit der bienen aus. Hier weicht 
auch Veldeke nicht sowol von Virgil ab, obschon er sich den anschein 
gibt, als vielmehr von Benoit, welcher in 250 halbzeilen seinen lands- 
leuten die wunder der afrikanischen stadt beschrieb (cf. Pey. a. a. o.). 
Wir haben hier also eine stelle, wo der deutsche dichter seine franzö- 
sische vorläge abkürzte (sp. 26, 20 — 27, 24) und aus der französischen 
quelle nur die angaben über besatzung, läge und festigkeit der stadt 
heraushob. Jlbenso schief scheint mir die bestechende antithese bei Ger- 
vinus ausgefallen zu sein: „Im Virgil dünkt man sich in einer alten, 
aus dem schutt aufgegrabenen stadt zu wandeha, die aus jedem steine 
stumm zu uns spricht und grosse ruinen erhalten hat. Hier geht man 
träge und getäuscht zwischen wüsten trümmerhaufen , unter denen uns 
ein gutmeinender, eingelernter (?), abergläubischer, auf seineu unsinn 
stolzer Cicerone mit endlosem geschwätz und fabeln fast zur Verzweif- 
lung bringt.*' — Ich möchte dem gegenüberstellen: Der eindruck, wel- 
chen Virgils Äneide nach rascher lesung im geiste des lesers zurück- 
lässt, gleicht etwa dem eindruck, den ein kunstvoll gefügter mosaikfuss- 
boden auf den beschauer macht. Die einzelnen steinchen sind von einem 
feinfiihligen , kunstsinnigen samler und forscher, der ein herz für die 
grosse seines Volkes hatte, aus einem weitschiclitigen material des ver- 
schiedensten alters und Ursprungs zu einem grossen bilde mit national - 
römischer tendenz zusammengestellt worden. Dem bilde fehlt es an 
Schwung, trotz aller feinheit der Zeichnung im einzelnen macht sich 
zu sehr eine überlegte künstelei bemerklich und das heterogene material 
will oft nicht recht zusammenpassen. Bei Veldekes Eneit komt mir der 
eindruck in den sinn , welchen bilder der altdeutschen schule etwa die 
kreuzigimg darstellend — auf den beschauer hervorbrhigen. Da hat man 
nicht römische krieger, sondern deutsche landsknechte , nicht römische 
ritter , sondern deutsche kiiegsobersten , männer und frauen sind in traclit, 
geberde und gesichtsausdruck durchaus deutsch. Und doch welche iimig- 
keit schaut aus den gesichtern der frauen, welche eigenart aus den 
köpfen der männer. Die dichter wie die maier dachten nicht daran aus 
den grenzen ihrer zeit herauszutreten, sie dachten und malten für ihre 
Zeitgenossen. 

«T. APRA BEI MEISSEN. E. WÖRNER. 



161 

BERICHT ÜBER NEUERE DEUTSCHE MUNDARTLICHE 

LITTERATUR. 

I. 

Die Alemannische Sprache rechts des Rheins seit dem XIII. Jahr- 
hundert von Dr. Anton Birlin^er. Erster Theil. Grenzen, Jahrzeitnamen, 
Grammatik. Berlin 1868. 

Bairische Grammatik von Dr. Karl Weinhold. Berlin 1867. 

Bayerisches Wörterbuch von J. Andreas Sehmeiler. Zweite mit des Ver- 
fassers Nachtragen vermehrte Ausgabe im Auftrage der historischen Commis- 
sion bei der königlichen Academie der Wissenschaften bearbeitet von O. Karl 
FroniBiann. Erste bis dritte Lieferung (A bis Foissen). München 1869. 

Ein Ausflug nach Gottschee. Beitrag zur Erforschung der Gottscheewer 
Mundart von K. J. SehrOer. Wien 1869. (Besonderer abdruck aus dem octo- 
berhefte des Jahrganges 1868 der Sitzungsberichte der philosophisch - histori- 
schen klasse der kaiserlichen academie der Wissenschaften). 

Idiotikon von Kurhessen. Zusammengestellt von Dr. A. F. C. YUmar, 
Ritter des kurfürstlichen Wilhelmsordens, ordentl. Professor der Theologie zu 
Marburg, Consistorialrath. Marburg und Lei])zig 18()8. 

Beobachtungen auf dem gebiete der vocalschwächung im Mittel- 
binnendeutschen, bes. im Hessischen und Thüringischen. Von 
Erngt Wfileker. H. L. Bi-önners druckerei in Frankfurt a. M. 1868. 

DieRuhlaer Mundart dargestellt von Karl Regel. Weimar 1868. 

Des Matthias v.Beheim Evangelienbuch in mitteldeutscher Sprache, 
1343, herausgegeben von Reinhold Beebstein. Leipzig 1867. 

Über die Sprache Luthers. Ein Beitrag zur Geschichte des Neuhochdeut- 
schen von Dr. £. Opitz. Halle 1869. 

Unsere zusammenfassende übersieht hervorragender erscheinungen 
auf dem gebiete der diputschen mundartlichen forschung mag in diesem 
ersten versuche sich bis zu einem gewissen maasse von den zeitlichen und 
örtlichen grenzen dispensieren, die wir später, falls unser unternehmen 
einigermassen anklang findet, einzuhalten gedenken. Denn obgleich die 
litterarische tätigkeit auf diesem felde verglichen mit der auf vielen 
anderen verwanten feldern immerhin nur eine beschränkte zu nennen ist, 
80 ist sie doch so ausgedehnt, dass sich kaum das, was ein einziges 
jähr zu markte bringt, in den bescheiden zugemessenen rahmen einer 
solchen fibersichtlichen betrachtung fassen lässt, wie wir sie hier beab- 
sicbtigen, während wir diesmal auf die erträgnisse mehrerer jähre zurück- 
greifen wollen. Auch wird es sich empfehlen, auf einmal nicht das 
ganze räumlich und sachlich so ungeheuere gebiet aller deutschen mund- 
arten heranzuziehen , sondern nur immer eine oder einige ihrer grösseren 
natfirlichen gmppen , z. b. die beiden oberdeutschen , die mitteldeutschen, 
die nordwestlichen niederdeutschen usw. zu berücksichtigen und die anderen 

ZmmOKR, F. DSUTSCHB PHILOL. BD. in. 11 



162 RÜCKBBT 

für ein anderes mal aufzusparen. Auch davon haben wir diesmal inso- 
fern abzusehen für practisch gehalten, als ¥nr wenigstens ausser den 
beiden oberdeutschen auch noch einiges aus dem weiten bereiche des 
mitteldeutschen heranzuziehen gesonnen sind. Da wir ausdrücklich vor- 
angestellt haben, dass es sich hier nur um eine auswahl einschlagender 
litteraturproducte handelt, so kau natürlich irgend welche Vollständigkeit 
oder gar eine im bibliogi'aphischen sinne erschöpfende erörterung des 
materials hier nicht gefordert werden. Besässen wir noch eine special- 
zeitschrift für den gegenständ, so würde ihr diese aufgäbe zufallen, wie 
sie jahrelang von Fromraanns „ Deutschen Mundarten " unter der rabrik 
„fortsetzung und ergänzungen zu Paul Trömels litteratur der deutscheu 
mundarten '' mit gewissenhaftem fleisse gelöst worden ist. Seitdem Pfeif- 
fers Germania alljährlich von Bartschens band eine bibliographische 
Übersicht der gesamten litteratur der deutschen altertumskunde bringt, 
kann man dort sich rates erholen , obgleich die nur einmal jährlich erfol- 
gende aufstellung dieses Verzeichnisses es nicht gestattet die neoigkeiten 
so rasch zu registrieren, als es für viele wünschenswert wäre. 

Wir beginnen unsern gang, wie billig, mit dem südwestlichsten 
deutschen Sprachgebiete , das , so weit wir es geschichtlich rückwärts ver- 
folgen können, noch bis heute die stärkste Individualisierung seiner mund- 
artlichen eigentümlichkeiten , die reichste und vielseitigste gestaltungs- 
kraft in diesen naiven sprachprocessen betätigt hat. 

Birlingers buch, erster teil, — das erscheinen eines zweiten, wofÄr 
dem Verfasser, wie wir persönlich wissen , reiches material zu geböte steht, 
ist zwar in aussieht gestellt , aber als dies geschrieben wurde noch nicht 
erfolgt — führt uns in eine der drei grossen dialectgruppen, die sich inner- 
halb der gesamtheit des Alemannisch -Schwäbischen , oder wie man es sonst 
bezeichnen will, von selbst als ihre nächsten Unterabteilungen zu erkennen 
geben. Wir haben als gesamtnamen den am meisten in der Wissenschaft 
neuerdings gebräuchlichen Alemannisch - Schwäbisch angewant, wofür 
andere, z. b. Weinhold, bloss Alemannisch, wider andere, besonders ältere 
schriftsteiler Schwäbisch setzen. Im gründe komt auf alle solche kunstaus- 
drücke wenig an, wenn man nur weiss, was damit gemeint ist. Dieser 
aber , so oder so , hat den übelstand , dass er eine nur je für einen oder 
zwei teile passende bezeichnung zu der des ganzen stempelt Vielleicht 
wäre die ein&ch topische benennung Südwestdeutsch die geeignetste, dem 
würde zunächst sich Südostdeutsch fiir Bairisch oder Bairisch- österrei- 
chisch anreihen, denn auch hier ist beinahe derselbe einwand wie dort 
gegen die herkömliche ethnographische benennung zu erheben. Südwest- 
deutsch könte höchstens deshalb angefochten werden, weil es in der tat 



ÜBBR DEUTSCHE XüKDABTL. UTTERATUB 163 

noch eine andere selbständige südwestdeutsche sprachgruppe gibt, die 
reste des Borgandischen. Aber diese sind so schwach vertreten, von so 
geringer örtlicher ausdehnung, und auch in sich durch ihre fortwäh- 
rende berühning und anlehnung an den grösseren nachbardialect , eben 
den sogenanten alemannischen, verhältnismässig von so untergeordneter 
eigenart, dass da, wo es »sich darum handelt, die grossen deutschen 
sprachmassen durch entsprechende topische bezeichnungen anschaulich 
hervortreten zu lassen, sie nicht berücksichtigt zu werden brauchen. 

Es ist nun nicht eine ganze grössere Unterabteilung des Sudwestdeut- 
schen, die Birlingers buch umfasst^ sondern nur ihre nördliche gliederung: 
„die alemannische spräche rechts des Kheines^' besagt der titel, 
und man wird dabei gut tun, sich zu erinnern, dass der Khein in seinem Ober- 
lauf durch deutsches Sprachgebiet erst nördlich, dann auch eine lange strecke 
geradeaus von osten nach westen fliesst, ehe er wider seine nordrich- 
timg, die der phantasie die vorhersehend giltige ist, einschlägt. Dieser 
halbkreis, den der ström umspant, bildet den grösseren teil des bodens, 
auf dem der alemannische dialect rechts des Bheins zu hause ist. Der 
ühein in seiner ersten nördlichen, dann in seiner westlichen richtung 
trent dieses gebiet, wie im ganzen politisch, so auch sprachlich sehr 
bestirnt von dem südwestlich und südlich daranstossenden. Letzteres gehört 
zwar unzweifelhaft noch unter die allgemeine kategorie des Alemanni- 
sdien, also mit dem nördlich daranstossenden unter die eine von den 
drei grossen hauptabteilungen des Südwestdeutschen, aber es bildet inner- 
halb derselben doch eine scharf umrissene sprachliche Individualität, die 
nat&rlich, wenn man näher an sie herantritt, in eine weitere menge 
untergeordneter sich zerlegen lässt Für diese südliche gruppe gebricht 
es nicht an einem volkommen passenden namen, der auch als algemein 
angenommen gelten darf. Wir nennen sie lieber Schweizerdeutsch als 
Hochalemannisch, wie manche, z. b. auch Weinhold, es tun. Ihnen 
heisst dann die nördliche gruppe Niederalemannisch ^ obgleich ihr Ver- 
breitungsgebiet topisch zum teil bedeutend höher gestellt ist , als das der 
«raten. Wir befurchten nicht, dass jene schon erwähnten trümmer des 
Bargundischen, die zumeist innerhalb der politischen grenzen der heu- 
tigen Schweiz sich erhalten haben — nur die sogenanten deutschen 
colonien südlich vom Monte Rosa fallen ausserhalb derselben — dieser 
bezeichnung im wege stünden. Das Schweizerdeutsch ist also von 
vornherein in einer darstellung des Alemannischen rechts vom Rheine 
anageschlossen, obgleich es auch Alemannisch im engeren sinne heissen 
darf. Dass an einigen stellen ein zweifei möglich ist, ob ein localdialect 
der nördlichen oder südlichen alemannischen gruppe zuzuweisen sei, ist 
seUMtverstftndlich. Es kann aber ebensowol an der noch unvollständigen 

11* 



164 RÜCKEBT 

wissenschaftlichen erkentnis des materials wie an dem objectiven tat- 
bestande selbst gelegen sein, wenn ein solcher zweifei sich erhebt. So 
fragt es sich für uns immer noch, wohin wir die mmidarten im canton 
Schaffhausen zu stellen haben. Geogi'aphisch gehören sie entschieden zu 
der nördlichen gruppe und dass sie jetzt gemeinhin zum Schweizerdeutsch 
gerechnet werden, wäre linguistisch ohne belange wenn nicht in der tat 
so manches in ihnen mehr nach der südlichen als nach der nördlichen 
Seite hinwiese. So vor allem ihr lexicalisches material, das mit dem 
der anstossenden linksrheinischen gebiete genauer stimt, als mit dem 
der anderen rechtsrheinischen. In lauten und formen aber berühren sie 
sich wider näher mit diesen , vielleicht die städtische mundart von Schaff- 
hausen selbst ausgenommen. Aber stadtmundarten bilden überall, wie 
jeder weiss, der sich mit dem gegenstände beschäftigt hat, eine art von 
Sprachinseln. So weit die geschichtlichen documente aufschluss geben, 
würde bis etwa zum 16. oder 17. Jahrhundert die Verbindung mit dem 
norden noch deutlicher heraustreten als heute , und demgemäss kann man 
wol annehmen ; dass neuere culturhistorische einflüsse auch hier wie so 
oft den ursprünglichen typus der mundart stark veränderten. Seit die«, 
ser zeit mag die einwanderung und Verbreitung lexicalischer eigentüm- 
lichkeiten von dem linken rheinufer nicht begonnen, aber doch in greif- 
barerer gestalt sich vollzogen haben. So würde ein alle momente, 
geschichte und gegenwart, berücksichtigendes urteil hier einen wirklichen 
mischdialect anerkennen , der vielleicht zukünftig sich ganz der südlichen 
gruppe anschliessen dürfte. Unser Verfasser der „Alemannischen Sprache 
rechts des Rheins^* bringt zwar selbst unter verschiedenen rubriken seines 
buches tatsachen, die für unsere auffassung sprechen, zieht aber auch 
hier seine südliche grenzlinie durch den lauf des Rheins. An einer 
anderen stelle aber sieht er sich doch genötigt, die stromgrenze aufzu- 
geben, nämlich in der äussersten südwestecke des gebietes. Der Breis- 
gau wird mit recht von ihm — allerdings ist es auch schon von anderen 
vor ihm geschehen — zu der westlichen hauptgruppe, die man gewöhn- 
lich die elsässische neut, gerechnet, also von der alemannischen ganz 
geschieden. Die schwierigste aufgäbe aber ist die genaue bezeichnong 
der nördlichen und nordöstlichen grenzlinie gegen die schwäbischen 
mundarten im engeren sinne. Ob eine solche gefunden werden könne, ist 
zwar öfters bezweifelt worden, doch herscht neuerdings bei den eigent- 
lichen Sprachforschern, die sich mit dem gegenstände beschäftigt haben, 
über das ob kein streit mehr, nur über das wie ? So z. b. weicht die von 
Weinhold (Alemannnische grammatik p. 8) aufgestellte grenze sehr stark von 
der Birlingers ab. So viel wir aus dem gedruckten material urteilen, 
das wir allerdings nicht durch neuerlichst aufgefrischte unmittelbare 



ÜBBB DEUTSCHE MUNDABTL. LITTEBATUB 165 

eindrücke , sondern nur durch schon in der erinnerung etwas verblasste zu 
ergänzen und zu beleben vermögen, berichtigt Birlingers darstellung die 
Weinholds namentlich an einer wesentlichen stelle. Weinhold lässt seine 
nordgrenze mit dem nordufer des Bodensees zusammenfallen, Birlinger 
dagegen zieht den alten Linz- und Argengau noch zum alemannischen und 
mit recht Denn in beiden — jetzt die südspitze des neueren Würtemberg — 
ist alles, spräche, sitte, tracht alemannisch, oder zunächst anders als bei den 
nördlichen und östlichen schwäbischen nachbarn, und gerade hier wird auch 
im volksmunde der unterschied gegen die Schwaben und das Schwäbische 
eben so scharf betont wie in dem Schweizerdeutschen. Es bedarf wol 
keiner bemerkung, dass dieselben leute, die recht gut wissen, dass sie 
kdne Schwaben sind, wie ihre nachbarn in halbstündiger entfernung, 
doch mit dem namen Alemannisch ganz unbekant sind. Er gilt über- 
haupt nur in der litteratur und nirgends im volke. Während man in 
Schwaben selbst von Schwaben und Schwäbisch mehr als genug reden 
hört, während auch die westliche hauptgruppe, das Elsässische, noch als 
volkstümliche bezeichnung sich erhalten hat — gebricht es auch im 
Volke und nicht bloss in der Wissenschaft an einem wirklich lebendigen 
namen für das nördliche Alemannische. Ohne zweifei ist dies nicht so 
sehr ans der topographischen wie aus der politischen und teilweise aus 
der confessionellen Zerklüftung dieses gebietes zu erklären, wogegen der 
grössere teil der eigentlichen Schwaben, die deutschen Eidgenossen, und 
die Elsässer immer in einem staatsverbande zusammengefasst waren« 
Die confessionelle Zerklüftung erstreckt sich allerdings auch über die 
anderen gruppen, doch wird sie entweder durch das politische moment^ 
wie in der Schweiz, oder durch das topische, wie in Schwaben und dem 
Elsass, zu gunsten des einheitlichen wider ausgeglichen. 

Wie Birlinger bei dieser heikein grenzbestimmung den grossen vorzug 
geniesst, dass er als ein landeseingeborener und zugleich als ein rüsti- 
ger perieget sich überall auf das zeugnis seines auges und seines obres 
berufen kann , so ist darin überhaupt der eigentümliche wert seines buches 
zu suchen. Nicht als wenn es ganz aus solchem selbst erwandertem mate- 
riale zusammengesetzt wäre. Jeder, der seine früheren arbeiten kent, die 
mehr oder minder doch alle derselben sphäre wie dies buch angehören, 
weiss, dass er sich redlich bemüht, litterarische Zeugnisse aller art, 
namentlich auch die eigentlich geschichtlichen documente, zu seinen 
zwecken zu verwerten. Auch hier hat er das mit eifer getan , und viel- 
leidit ihnen mitunter eine zu weit gehende berechtigung zugestanden; 
so namentlich, wenn er die alten kirchlichen grenzen überall auch als 
Sprachgrenzen nachzuweisen bemüht ist Im grossen und ganzen fällt 
ja, das liegt auf der band, die nord- und nordostgrenze seines „ Aleman- 



166 RÜCKEST 

nischen rechts vom Ehein " zusammen mit der entsprechenden der Con- 
stanzer diöcese und der von Chur , aber im einzelnen ist nicht abzusehen, 
wie bei der feststellung der letzteren irgend eine andere practische rück- 
sicht vor der doctrinären und so ganz modernen der einhaltung der 
Sprachgrenzen habe zurücktreten sollen. Demzufolge würde sich viel- 
leicht auch diese letztere im einzelnen doch noch etwas anders, als Birlinger 
will , gestalten , was freilich nur die sorgföltigsten localforschungen ermit- 
teln können, wozu in der studierstube nicht der richtige ort ist Wir 
wären selbst nicht zum zweifei angeregt worden , wenn nicht dies behaup- 
tete so ganz reinliche zusammenfallen beider grenzzüge uns stutzig 
gemacht hätte. Im letzten gründe liegt dieser ganzen aufifassung doch 
noch inmier die einstige Langsche theorie von dem zusammenMlen der 
gau- und archidiaconatsprengel und dem entsprechend auch der diöce- 
san- und metropolitangrenzen mit denen der grösseren politischen und 
ethnographischen einheiten zu gründe. Sie ist aber nunmehr als beseitigt 
anzusehen , wenigstens so weit sie eine stricte regel aufstellen wollte. Sind 
ja doch nicht einmal die alten gaugrenzen selbst, von denen man es am 
ersten voraussetzen könte, mit irgend welcher anderer berücksichtignng 
des ethnographischen momentes — was för uns wenigstens im prineip 
oder in seiner urgestalt mit dem linguistischen zusammenfällt — gezo- 
gen, ausser mit einer ganz allgemeinen, dass z. b. wo möglich keine 
fränkischen Volksbestandteile mit einem sächsischen gau verbunden wur- 
den , keine bairischen mit einem alemannischen , obgleich selbst hier , wie 
der Albegau und Ammergau zeigen, ausnahmen zu finden sind. Selbst- 
verständlich läugnen wir also nicht, dass in sehr vielen fällen die gau- 
grenzen wirklich mit sprach- oder dialectgrenzen zusammenfallen , nament- 
lich wenn dieselben auch geographisch als solche auftreten, aber es 
entspricht sehr wenig dem rein practischen sinne unserer vorzeit, in 
diesen dingen überall etwas schematisches oder systematisches sehen zu 
wollen. 

Schon aus der richtung, in der wir bisher Birlingers buch verfolgt haben, 
lässt sich abnehmen , dass es keine blosse grammatische oder lingui- 
stische arbeit im engeren sinne genant werden kann, obgleich es ein 
linguistisches thema zum titel gewählt hat. Es sind linguistisch- cultur- 
geschichtliche Studien aus dem bereiche und zur beleuchtung der heimat- 
lichen mundart des Verfassers. In dieser art unterscheidet es sich sehr präg- 
nant von seinem Vorgänger und vorbilde, Weinholds Alemannischer gram- 
matik. Birlinger selbst nimt fBr sich nur das verdienst in anspruch , Wein* 
hold zu ergänzen und fortzusetzen. Er sagt: „Was den terminus a quo 
anlangt^ so glaube ich dem herausgeber der Alemannischen granmiatik da 
begegnen zu sollen , wo seine hauptkrafi; abzunehmen scheint. Mit yereh- 



UTTHBATÜB 

ruai; mustt miin lui dem herlicbeu material und dessen wissenschaftlicher 

Ibtihanillung «imporhliclcoii , das auij seine AletUiionische grammatilc vom 
8. — 13. Jahrhundert bringt, und ich schätze mich glücklich, wi?nn ich mit 
meiner arbeit irgendwie Weiuhotds buch ergänzen könte." Überblicken wir 
aber nur das inhaltavitrmdmiii Birliogers, so ergibt sich, dass „ergänzen" 
Mar in etwas weitem sinne za nehmen ist. Es ist ebeu ein ganz anderes 
System, ein weiterer hortzont, der diesem buche, im gegensatze m der stren- 
gen nnd knappen beschränkung Weiuhold» auf das bloss ILiguistische, neben 
den vielen wertvollen linguistischen beitragen und „ ergänzungen " im 
gewAlinliclien sinne , teils auch erheblichen berichtigungen seiner Vorgän- 
ger, eine eigeutümlicli lebendige tUrbung gibt Um dies auf kürzestem 
wage deutlich zu machen, setzen wir das Inhaltsverzeichnis her mit eini- 
gen beilSutigen bemerkungen: I. „(irenzcn. Politische, kirchliche alte 
gnazen sind Sprachgrenzen. Es gibt zwei xprachgrenzen nördlich. S. W. 
der fibein augesetzt." Über den einen punkt haben wir bisher schon 
maoches teils bestätigend teils zweifelnd gesagt. Über den anderen sei 
bemerkt, dassBirUnger unter den zwei Sprachgrenzen die des gesamtdia- 
leet«e, des sädwestdoutscheu, wie wir ihn nennen möchten, versteht. £r 
sncht oschisweisen , und der nachweis ist . da ausreicliende geschichtliche 
L xoDgniaae vom -1. Jahrhundert ab zu geböte stehen, nicht schwer, dass die 
I urgprflngliche nordgrenze di'S Sprachgebietes mit der ältesten nordgrenze 
I der Alemannen auf dem rechten Kheiuofer, also von dem römischen limes 
lins ungefähr an die mundung des Mains zusammenfiel: auf dem linken 
I Blieiiiafer , wo die Verhältnisse bekantlich viel weniger klar vorliegen, 
LgeUagt es auch ihm nicht etwas sicheres aufzustellen. Diese sprach - 
I-WkI ToUcsgrenze ist seit 496, seit der ersten niederwerlung der Äleman- 
I durch Chlodwig, verschoben. Das linksrheinische gebiet gehört von 
I non an politisch unmittelbar zu dem fränkischen reiche , ebenso auf dem 
I Tecliten Bheinufer das land bis südlich zur mündung der Murg und dann 
I Aber das gebirge hinüber bis zum oberlaufe des Neckar, und die frän- 
[ lösche grenze erreichte oberhalb Ulm die Donau. In diesem landstriche 
I tritt Dtm neben der fränkischen occupation, die unzweifelhaft auch die 
l^rachlichen Verhältnisse modificierte, ein eigenartiger, wenn auch ver~ 
Pwanter ethnographischer bestandteil auf, die seit dem 4. jahihundert 
l aU nachbarn und genossen der Alemannen oft genanten Juthungen. Für 
I «len künftigen monographen der eigentlich schwäbischen mundart wird es 
r tlantaf ankommen zu zeigen, wie weit dies äusserst rätselhafte — denn 
[ was von und seit Zeuss darüber vormutet wurde, ist keine lösung, nur 
I eiae verschlingung des „haftes" — juthungische elemeut auf die bildung 
[ des specifisch Schwäbischen eingewirkt hat, das nach unserer ansieht 
I keineswegs allein auf jenes zuräckzufuhren ist Birliuger hat sich mit 



168 BÜCKEST 

recht auf diese so schwierige und jenseit der grenzen seiner aufgäbe lie- 
gende Untersuchung nicht weiter eingelassen. Darauf folgt als ü. „Jahr- 
zeitnamen. Unterschied der Alemannen, Schwaben und Baiem in benen- 
nung der monate, Wochentage/^ Eine menge urkundliches, und nicht 
wenig der lebendigen spräche entnommenes material, sehr brauchbare 
ergänzungen der einschlägigen Zusammenstellungen in der „ geschichte der 
deutschen spräche'^ und in Weinholds abhandlung über „die deutsche jahres- 
einteilung/^ während die 1869 verfasste abhandlung desselben über „die deut- 
schen monatnamen ,*^ obgleich dem datum nach jünger als Birlingers buch, 
dies noch nicht benutzt zu haben scheint. So sind beide als unabhän- 
gig von einander hie und da durch einander zu ergänzen, gelegentlich auch 
zu berichtigen. Namentlich zeigt sich, dass manches, was Birlinger für 
specifisch alemannisch zu halten geneigt ist, bei ausgedehnter Übersicht 
über das material einen viel weiteren Verbreitungsbezirk hat Erst mit 
III. treten wir in den eigentlich linguistischen bestandteil. Er enthält 
„Die vocale"; IV. „Die consonanten"; V. „Substantiv. Bildung, geschlecht, 
declination"; VI. „Adjectiv, adverb"; VU. „Interjunctionen, conjunc- 
tionen*'; VIII. „Interjectionen, lockrufe, schmerzensrufe usw.," wobei 
der samler so recht gelegenheit hat sein talent für die erfassung des 
volkstümlichen zu entfalten. Denn gerade in diesem bereiche leisten alle 
mundarten wahrhaft überschwängliches, die alemannische übertrifft sie 
aber doch alle. IX. „Präpositionen"; X. „Zahlwörter"; XL „Prono- 
mina"; XII. „Zeitwort. Hilfszeitwörter, die hauptunterscheidung der 
Alemannen und ihrer Nachbarn," d. h. die sogenanten präteritopräsentia 
sollen, mögen, können, wollen und die beiden gewöhnlich so genanten 
hilfszeitwörter sein und haben zeigen im Alemannischen rechts des Rheins 
^ine anzahl eigentümlicher formen, die bei den andern grossen gruppen 
des Südwestdeutschen nicht vorkommen. So die nasalierten formen von 
sollen: smid^ sünd, oder die assimilierten sott usw., die freilich aber auch 
im Schweizerdeutsch sich finden, dem entsprechend mundy münd von 
müssen, und tneid, inet von mögen usw.; nichts neues, denn alle diese 
formen sind auch schon bei Weinhold verzeichnet. Aber ihre locale 
abgrenzung ist immerhin nicht ohne bedeutung für die linguistik. Im 
ganzen ist übrigens diese rubrik des verbums etwas dürftig ausgestattet 
Namentlich hätten sich unter den mundartlichen Verwechselungen der 
verschiedenen starken conjugationen doch wol noch zahlreichere belege, 
als die wenigen p. 193 aufspüren lassen. 

Endlich XII. „ Ober einige stellen bei Ammian : über die alten gau- 
namen; zur heldensage; wie dachten die Elsässer von der schwäbisch - 
alemannischen grenze ? Mones versuch einer kleinen oberrheinischen laut* 
lehre" fuhrt wider, wie man sieht, zum grösseren teil in den koltur- 



ttBBB PEUTSCHE mrKPtBTI.. L1TTBRATDB 

geschichtlichen bereich zurück, von dem der Verfasser ausgeht Unter'! 
tlem interessanten vielerlei dieser rubrik heben wir die hübsche unter- ' 
sacbuog Aber die apecifisch alemannische bezeicbnung bära, jetzt hctar, | 
hurvör. Die vier urkundlich vorkommenden baaieti, die Adalhartespära, 
Atbmncsjmra , FMiullesptwa und die bedeutendste vou allen, die Berh- 
taldcspära oder HirlUilonisptira sind hier x.um ersten male genauer 
bCfitinit. Namentlich für die Berhtoldcshära dürften wol alle älteren 
urkundlichen erwAhnungen hier zusammengetragen sein. — Die sprach- 
liclw i'Tklärung p, 205 , wo es auf die wurzel bar, gotisch hairan zurnck- 
gefQlirt wird , ist jedenfalls richtiger als alle ■ früheren deutungen von 
Qrinini , Graff , F<)rstemann usw. , von den keltischen phantasieen Mones 
onii anderer ganz abgesehen. Das entscheidende ist , dass das ältere pära 
ein langes a habeu muss, was Förstemann. Graff mid Grimm nicht 
beachteten. Allerdings gibt es dafür kein bandschriftliches Zeugnis, aber 
ein viel besseres aus der lebendigen spräche , worauf Birlinger als auf die 
sicherste stätne seiner etymologie hätte verweisen kOinien. Wäre ä anzu- 
nebmeii, so müste es im heutigen dialect barr lauten, während es bär 
gesprochen wird , was denn auch die officielle Schreibung baar widergibt. 
Ob nun aber gerade ein waldentblösstes getreideland — das ist ganz 
g«wiä die heutige baur — damit gemeint sei, steht dahin. Vermutun- 
gen sind in solchen dingen so wolfeil wie brombeeren , also wollen wir 
nicht mit neuen zu markte fahren. — In dem bereiche der heldensage 
legt der Verfasser mit recht grosses gewicht auf die localisierung der 
Dietrichsage, die gerade so weit nach norden reicht, wie die dialect- 
grenxe gegen das eigentlich Schwäbische. Die von den schwäbischen 
dtchtern viel gefeierte Wurmlinger capelle ist der nördlichste punkt, wo 
sie sich localisiert hat; im eigentlich schwäbischen gebiete hat sich bis 
jeisA noch keine sichere spur davon gezeigt, Dass der einfluss der Pran- 
ken allein dabei nicht hemmend wirkte , wie Birlinger anzunehmen geneigt 
tot, geht aus der zweiten heimat der Dietrichsage am fränkischen Nieder- 
rlicin mit Sicherheit hervor. Ee scheint, als wenn die Jutbangen als 
eines der grundbestandteile des Schwabentumes sich aus uns einstweilen 
undurtihsichtigen gründen spröde dagegen verhielten. 

Die älteren volkstümlichen Zeugnisse für die elsässische dialect- ■ 
grenze ans Geiler, Pauli und anderen zeigen, daas man auch damals wol 
Im iillgemeiuen den unterschied der heimischen mundart gegen nahe ver- 
Wttote stark empfand, wofür aus noch viel früherer zeit die bekante stelle 
des Kenner, die auch heute noch zutreffende characteristik aller deut- 
schen hauptm und arten , so zu sagen der otScielle beleg ist. Aber im 
«tnzelnen hat man sich natürlich nicht sehr um die genauigkelt der 
grenzbestimmung gekümmert. Man hielt sich dabei mehr an grosso 



it^m ^1 ■ irnflnf ^ ~> I 



170 BÜOKSBT 

merkzeichen der natur, die sich der volksphantasie leicht einprägten, 
als dass man nach heutiger art davon zunächst abstrahiert und sich auf 
die Sache selbst d. h. die localsprache minutiös eingelassen hätte. So 
ist es ganz anschaulich , wie die Strassburger , und solche Zeugnisse stellt 
Birlinger hauptsächlich zusanunen, das Schwäbische, d.h. den dialect, der 
unter den verwanten ihnen doch der mindest nahestehende war, da 
angehen lassen, wo die blauen kuppen und rücken des Schwarzwaldes 
ihren östlichen gesichtskreis begrenzen. Ganz mit recht, insofern dahin- 
ter, wie die exacte forschung nachweist , das eigentlich schwäbische gebiet 
begint, aber bis auf die -höhen selbst reicht es nicht. Hier war damals 
so gut wie heute die heimat eben des Alemannischen, dem Birlingers 
buch gilt. Aber da dieses von dem Strassburger stadtdialect in vielen 
dingen beeinflusst ist, wie sich denn bekantlich der sprengel des alten 
bistums Strassburg weit über das rechte Bheinufer bis hinauf ins gebirge 
erstreckt, so wird diese mundart kurzweg noch der heimischen zuge- 
rechnet. 

Weshalb Mones sehr kurz gefasster versuch einer kleinen oberrheini- 
schen lautlehre aus dem zweiten bände seiner Urgeschichte Badens hier wider 
abgedruckt ist, vermag man nicht recht einzusehen. Es scheint fast, 
nach den ausrufungszeichen , die dazwischen gesetzt sind, um die mehr 
oder minder dilettantische art dieses Versuches hervorzuheben. Aber des- 
sen bedarf es doch nicht bei dem heutigen stände der linguistik, dem 
Mone bei allen seinen sonstigen Verdiensten niemals gerecht zu werden 
versucht hat. Niemand wii^d von ihm eine belehrung über solche dinge 
verlangen , so dankbar man ihm auch für das schätzbare urkundliche und 
litterarische material aller art sein mag, das er hervorgezogen hat. Es 
wäre auf diesem gebiete eben so wenig angebracht, sich ihm als fShrer 
anzuvertrauen, wie etwa auf dem der keltischen Sprachforschung oder 
der vergleichenden mythologie, die er ja beide auch zu seiner zeit nicht 
ohne momentane Wirkung auf die noch wenig geschulte forschung ange- 
baut hat 

Der nachbardialect des Alemannischen, der Südostdeutsche oder B ai- 
rische führt uns zu einer grösseren zahl von bedeutenden wissenschaft- 
lichen leistungen jüngster zeit, falls wir diesen ausdruck auch für ein 
schon 1867 erschienenes buch gebrauchen dürfen. Weinholds bairische 
grammatik, „in der auffassung und behandlung des grammatischen Stof- 
fes von der alemannischen nicht unterschieden ,'' wie der Verfasser selbst 
sagt, bezeichnet doch unläugbar noch einen weiteren fortschritt zu dem 
idealen ziele einer dialectgranunatik , so verdienstlich auch inmierhin die 
alemannische Vorgängerin sein mag. Zweierlei ist dem ver&ssert wie 



1711 

ür 8cII)Bt im Vorwort andeutet, zu statten gekommen, was or (fort nnt- 
belireu muste : äas eine , die muBtergiltigen vorarbeiten Sehmellere sowol 
in »einer grammatik wie auch in dem wörterbuche. Daher ist aucli dieses 
bacb mit recht seinem andenken gewidmet, denn woher aollt« «nserer 
deutschen dialectforschung ein besserer schutzgeist kommen ? Das andere 
ebenao wesentliche ist, das« Weinhold eine lange reibe von jähren iunerhalh 
d«r Sprachgrenzen des bairischen dialeetee gelebt bat. Nicht bloss die 
Bfncbe von heute und gestern, sondern auch das eigentlich historische 
iiia(«ri»l erhält dadurch eine ganz andere bolebung. als wenn der for- 
scher genötigt ist, sich aberwiegend auf schriftliche Zeugnisse oder auf 
den zafSlligen eindruck eines durchfluges zu verlassen. 

Es liegt am nächsten und ist demgemäss auch tou Weinhold häufig 
geschehen , nach der verwanten sAdwestdentschen mundart hinülwr zu 
blicken und durch vergleichnng mit ihr das characteristische des Südost- 
deutachen herauszustellen. Ihre innere Zusammengehörigkeit in wesent- 
lichen dingen springt in die äugen und darf als allgemein anerkant gel- 
ten , aber das individualisierende , das daneben auch sein grosses recht hat, 
ist nicht so leicht in eine kurze fonnel zusanimenzufasaen. Weinhold ver- 
sucht es nicht, er hat sich in einer gewissen bescheidenen reserve gehal- 
ten; er referiert, aber urteilt nicht selbst ab. Ein anderer forscher, ein 
stamme^enoEse , Schrfier in Wien, dagegen äuaseit sich gelegentlich dar- 
über ganz unbefangen (Gottschee p. 26) : „ Der gesamteindruck , den das 
weaen der Oottscheewer macht, ist so verschieden von dem, den wir 
TDD dem bairiscb-ttsterreichischen stamme empfangen, dass man bei 
ihnen sich etwa unter Franken zu befinden glaubt. Wer aus dem Frän- 
kischen je ins Bairische gereist ist, kent wol deu unterschied im ton 
der spräche. In gebärde und benehmen. Das derbe, röeksichtslose, 
ungeschlachte, ja selbst rohe, das uns bei dem Baier aufteilt, die zu 
ausgelassener, jauchzender, jodelnder lust geneigte ainlichkeit und leben- 
digkeit, bilden einen auffallenden gegeusatz zu dem freundlichen, geschlif- 
fenen Kranken. Der gegonsatz ist namentlich bei dem weiblichen 
gescUechte anffUllig. Das fränkische mädcben erscheint in Baiern , selbst 
wenn sie ihre mundart spricht, gebildet, fein, Das umgekehrte wird 
wol nicht gefunden werden. Die barische diern kann durch munterkeit, 
wenn sie schön ist, einen angenehmen eindruck machen, aber immer 
mehr den des drollig naiven, als den feiner sitte." Man sieht, der im 
eminenten sinne sachkundige und urteilstUhige beobachter blickt hier nur 
im vorbeigehen auch auf die Volkssprache und schildert nichts weiter 
alfl dvD allgemeinsten eindruck, den man von ihr, allerdings im ver- 
gleich mit einer mitteldeutschen mundart und nicht mit der anderen 
oberdeutschen, erhält, denn dieser gegenüber würde eich der bleibend 



172 BÜCKEBT 

richtige kern der beobachtong etwas anders verarbeiten lassen müssen. 
Aber die wenigen worte treffen den nagel auf den köpf. In milderer 
fassung, wie es der fortgeschrittenen inneren bildung der gegenwart wol 
ansteht, besagen sie das nämliche, was man im mittelalter oder im 16. 
und 17. Jahrhundert derber und rücksichtsloser bezeichnete. Wemhold, 
uns will bedünken mit einem leisen anfing von Ironie , hält es f&r geraten, 
die unangenehmen eindrücke jenes harten alten Vorurteiles durch einen 
Zusatz zu mildem : „Dagegen heben die eingeborenen dichter unserer tage, 
welche sich der mundart bedienen, mit grosser begeisterung den wol- 
klang, die Weichheit und treuherzigkeit hervor." 

So wertvoll nun für die erkentnis der Volksseele solche allgemeine 
urteile sind, so wird die linguistische Wissenschaft doch nur erst dann 
nutzen davon ziehen können, wenn sie es vermag, sie mit ganz bestirn- 
ten tatsachen aus ihrem bereiche in Verbindung zu setzen und dadurch 
zu begründen, und dies ist sehr schwer^ ja, wenn man einigermassen 
strenge anforderungen an die exacte durchführung der leitenden Prinzi- 
pien erhebt, einstweilen noch unmöglich. Denn gewöhnlich geschieht 
es , dass die methodisch schritt für schritt mühselig sich durcharbeitende 
forschung> wie man zu sagen pflegt, den wald vor lauter bäumen nicht 
sehen kann. Die in freier höhe schwebende intuition sieht nun wol den 
wald, aber nicht die bäume, und das wahre kunststück bestünde doch 
eben darin, sich so zu stellen, dass man ebensowol den wald wie die 
bäume sähe. Die summe einzelner lauteigentümlichkeiten, flerionen, 
Wörter usw. ist noch nicht das gesamtbild der mundart, am wenigsten 
ein beseeltes, und wolte man ffir ein solches nur die züge verwenden, 
die etwas hervorragend originelles oder individuelles enthalten, so ist 
man einesteils fortwährend der gefahr subjectiver täuschung in unbe- 
rechenbarer weise ausgesetzt, andernteils auch ungerecht gegen den stoff 
selbst. Denn für die mundart selbst ist das, was ihr mit anderen gemein- 
sam ist, ebenso wertvoll, und ein ebenso natumotwendiger bestandteil, 
wie das, was sie allein besitzt. 

Aus diesem gesichtspunkte möchte darum auch eine mehr compa- 
rative behandlung und zwar eine solche, die sich mit methodischer 
beschränkung an das einzelne hält , einstweilen noch die äusserste grenze 
bezeichnen, bis zu welcher die exacte forschung gelangen kann. Was 
darüber hinaus liegt, mag wol anregende perspectiven öffiien, das den- 
ken und die phantasie vielseitig anregen, aber die linguistik selbst wird 
dadurch nicht gefördert. 

Es kann eben darum nicht als ein tadel gelten, wenn Weinholds 
bairische grammatik als ein trocken gelehrtes buch bezeichnet wird. Es 
soll nichts weiter sein, und die trockenheit empfindet doch nur der, der 



) 



nicht bpfShigt ist, die lebendige fülle des iiiliaJts aus seiiier sclilicfaten 
dnklddutig sich zu eigen zu machen. Das buch erfordert und verdient 
füll genaues Studium, jiaragraph tur par^aph; und wenn man bei der 
Gutt uoflbfTsehbaren monnigialtigkeit seines inhaltes der gewissenhaften 
g«l«hrsamkeit des Verfassers fortwährend sich zu danke verpflichtet fühlt, 
weil in der tat nirgends anders so viel geschichtliches und lebendiges ' 
spracliDiaterial auf einem punkte zusammeugetr^en ist, so versteht es ' 
sich von selbst, dass eine solche anerkennung ein kritisches verbalten 
nicht ausschliesst, sondern erst recht bedingt. Hier an dieser stelle, wo 
wir die selbstauferiegte beschränkung einer allgemeinen übersieht feat- 
haltttn mOsaen , kann nur einiges berührt werden , was sich etwas anders 
ansehen, vielleicht ungezwungener erklären lässt. So etwa aus dem 
liereiche des famosen ö dieses dialectes. dem wir, wie bekant, miser 
»enhochdeutsches „ergötzen, löffel, löschen, zwölf osw." verdanken, ohne 
sehr daiikbar dafür zu sein, weil es in der tat ein unfeiner laut ist, 
§ 25 führt als beispiele des unechten umlautus des o — im streng sprach- 
geachichtlicfaen sinne ist bckautlicb der umlaut des o überhaupt nicht 
iD der weise „echt," wie der des a oder ä, des ö, ou oder u, üt uo 
XU nennen — aus älteren Sprachdenkmälern formen wie foer, vor, tör, 
dör^e, orss nsw. an. Aber wahrscheinlich ist hier kein ö in heutiger 
weise, sondern etwas anderes gemeint, ein o mit nachschlagendem kurzen 
TDcal, wie die mnndart es noch beute besonders vor oder vielmehr statt 
des silbcnschliesaenden r, gleichviel ob allein oder mit anderen consonauten 
verbunden hören lässt. Hochdeutsches vor könte, wenn man es etwas 
derb bezeichnet schreiben wollte, hier oft mit voa oder voe, dorf mit 
doaf (oiet duaf), docf, doif, gegeben werden usw. Die eben erwähnten 
bnriBchen ä erscheinen jetzt immer an der stelle eines e oder e, und nur 
beschränkte localdialecte, wie einige Tiroler, brauchen sie auch an der 
«teQe eines o aus u. oder wie einige nordgauische an der stelle des i. 
Gerade da aber, woher die von Weinhold citierten beispiele entnommen sind, 
gilt diese weiteste ausdehnuug des bairischen lieblingslantes beute wenig- 
stens nicht. Dieselbe erklärung möchte auch fSr manche der älteren 
l»d«ge des „unechten" ü (§ 32). op (§ 42) und oe (§ 57) gelten dürfen, 
Duneutlich für die beiden letzten fa.lle, wo die beutige spräche nichts 
Vou einer solchen abweichung des lautes weiss. Für das unechte « sind 
die zahlreichen, von den Alpen bis zur Pegnitz verbreiteten «, d, h. 
gesprochen wie dumpfes » vor n, in auschlag zu bringen. Sie beweisen 
eine tiefwurzclude neigung der muudart für diesen zwischenlauL Die 
Schreibung allein kann in dieser beikeln materie nichts beweisen. Denn 
es wird sich auch für die mittelalterlichen deutschen handschriften Baierns 
und östnireicha bei systomatiscber Untersuchung nach dieser seite hin 



174 BÜCKSBT 

herausstellen, was sich für anderwärts geschriebene herausgestellt hat: 
die apices, so wollen wir einmal alle diese den yocalen übergeschriebe- 
nen zeichen zusammenfassend nennen^ weil es an einem andern kunst- 
ausdruck gebricht, sind von den Schreibern zu den mannigfaltigsten 
functionen verwant worden. Bald sollen sie einen im phonetischen sinne 
unechten diphthongen ausdrücken, wie ie, ue und dergleichen, bald 
auch einen zwischenlaut des hauptschriftzeichens, also o oder J, wobei 
es wenigstens in dem letzteren falle wider zweifelhaft bleibt, ob damit 
ein nach dem e oder nach irgend einem andern yocal hin schwankender 
laut gemeint ist, denn das o kann ja nach allen andern einfachen voca- 
len und manchen zusammengesetzten sich in der lebendigen ausspräche 
neigen. Die einem e genäherte schriftgestalt des hier absichtlich gewähl- 
ten beispieles ist an sich ganz irrelevant füi* seine wertbestimmung: es 
lässt sich diplomatisch dartun, dass sie mit dem e gar nicht zusanunen- 
hängt, sondern nur eine eigentümliche modification desselben Zeichens 
ist, das gelegentlich auch dem i oder in anderer gestaltimg dem o oder 
u ähnelt, häufig auch zu einem doppelstrich oder doppelpunkt zusam- 
menschrumpft, wo es dann wider keineswegs bloss für den umlaut nach 
unserem heutigen und bekantlich so jungen schreibebrauch verwant wird. 
Die Schwierigkeit, diese zeichen auf ihren wahren lautwert zu reducie- 
ren, steigert sich noch durch einen anderen, lange zeit daneben üblichen 
gebrauch mancher Schreiber, aber so weit wenigstens unsere autoptische 
kentnis reicht, nicht derselben, welche die eigentlichen diakritischen zei- 
chen verwenden (natürlich mit ausnähme derer für i und u, um sie als 
vocale im gegensatz zu ihrer consonantischen geltung zu markieren oder 
auch, wenngleich selten, umgekehrt). Besonders in der sogenanten alt- 
hochdeutschen Periode liebte man eS; wahrscheinlich aus blossen rück- 
sichten der raumerspamis , denn je splendider die handschriften aus- 
gestattet sind, desto seltener sieht man es, die so häufigen doppelvocale, 
echte und unechte diphthongen auf und über der linie zu schreiben. 
Ganz bekant ist u, oder o, oder o far uo, ou, aber auch alle möglichen 
anderen Verbindungen werden so ausgedrückt Hier liegt nun nament- 
lich bei etwas lässigen oder undeutlich gewordenen schriftzügen die Ver- 
wechselung mit den andern an sich oft schon sehr ähnlichen, ja wenig- 
stens in einem falle, bei dem diakritischen zeichen, das wir oben zuerst 
anführten, 6 oder u, formel ganz identischen so nahe, dass man sich nicht 
wundern darf, wenn ältere und neuere herausgeber in die gröste Ver- 
legenheit geraten , und wirklich oft entschiedene fehler begehen , wie wir 
dies anderwärts sattsam nachgewiesen zu haben glauben. 

Doch wollen wir bei diesen kleinigkeiten nicht länger verweilen. 
Sie ändern an dem werte der arbeit Weinholds nichts. Sie bleibt die wür- 




I 



ig« fortsetzung, lierichtigung und ergänzui^ dössen, was eiast Schmel- 
1er in Heiner grammatik der iKurisclien niundurten begoniieo hutte. 

Der grosse sfidostdeutache dialcct ist somit unter allen seiueD genossen 
als geeamtheit jedenfalls von derwissengchart neuerdings am meLsteu gepfiegt, 
denn zu der grammatik Weinholds tritt nun auch der beginn des wider- 
crstandenen Wörterbuchs Schmellers. Ganz naturgemäss und gerecbt 
hat sicli also da, wo die deutsche dialectforschnng begründet, und »war 
sofmi mustergiltig und bleibend begründet wurde, auch bis heute die erfolg- 
r«ichate tätigkeit im weiterbau angesetzt. Zwar haben wir, wie man 
rieh erinnert, auf die neubearbeitung des Wörterbuches lange warten müs- 
sen . und durch allerlei zwischentUllo konte sich der ursprünglich beab- 
sichtigte tenniii bis auf mehr als ein halbes menschenalter naoh dem 
tod« Schmi^ilera verschieben. Jetzt aber, wo im laufe eines jahres drei liefe- 
rongen der neuen ausgäbe uns zugekommen sind , darf man alle zweifel 
OQ^ben. Darauf lässt sich auch eine genügende Vorstellung von dem 
oigeulQinlicben werte derselben gründen. Eine einzige scheinbar bloss 
statistiche angäbe genügt eigentlich schon dafür ; die bis jetzt erschiene- 
ueti drei lieferungen sind zusammen 16H spalten stark. Sie entsprechen 
ATI selten des alten druckes und dazu hat jede neue spalte, kraft des 
Sosserst stattlichen formates und der kleineren, aber sehr guten typen, 
East doppelt so viel Zeilen als die ältere Seite. Es ist also das material 
ntindestens auf das doppelte des bisherigen gewachseu. GrSstenteils 
besteht es aus Schmellers eigenen notizeu, die er bis zu ende seines 
lebens f&r diese seine lieblingsarbeit zusammentrug. Eben deshalb dachte 
man auch frülier daran, diese notizen allein zum drucke zu befördern. 
KametitUch wollte dies J. Grimm, wahrscheinlich aus pietät gegen das 
original, dessen begeisterter kenner und lobredner er ja stets gewesen 
ist. Noch bat die ältere generation der germanisten nicht vergessen, 
wie er einst auf der denkwürdigen versamlung zu Frankfurt 1846 den 
spSt«r gekommeneu Schmeller einführte: „hier stelle ich ihnen meinen 
freund Schmellpr aus München vor, den mann, der alles weiss." Und 
wenn irgend ein buch Schmellers zeugnis <lavon ablegt, dass er der mann 
war, der alles wüste, so ist es sein baüisches Wörterbuch. So konte 
ebenfalls J. Orimm noch 1^59, als die frage über die Verarbeitung des 
Sehmellerschen nachlasses namentlich in bezug auf das lexicon in der 
ereten plenar^crsamlung der historischen commiasion zu München discutiert 
wurde, die mit recht denkwürdig genante äusserung darüber tun: „Schmel- 
lers bairisches Wörterbuch ist das beste, das von irgend einem deutacheu 
ditiltK^ beäbeht, ein meisterwerk, ausgezeichnet durch philologischen 
wharfaiun wie durch reiche, nach allen selten hin strömende sacberläu- 
tenmg, ein muster für alle solche arbeiten, von dem unwandelbaren trieb 



176 bCckbbt 

seines emsigen, liebenden geistes durchdrungen und belebt.*^ Aber eine 
solche getreue herausgäbe der notizen Schmellers wäre sehr unhandlich 
geworden, und durch die munificenz des verstorbenen königs Max II. ist 
es möglich geworden, den preis des neuen vollständigen werkes so nie- 
drig zu stellen, dass es vollendet kaum teurer kommen wird, als nach 
dem gewöhnlichen immer noch relativ hohen preisansatze unserer germa- 
nistischen bücher jene zusätze, falls sie ohne solche extraunterstützung 
gedruckt worden wären. Das alte werk wird jeder, wenn er es nun- 
mehr auch zurückstellt aus der reihe der zum handgebrauch nötigsten 
bücher, doch mit rührung und dank betrachten und gerne aufbewahren. 

Die neue aufläge ist selbstverständlich so behandelt, ivie man mit 
jeder solchen nach dem tode des Verfassers erscheinenden verfahren sollte. 
Frommann hat mit der grösten selbstverläugnung die alte anordnung 
der einzelnen artikel festgehalten und nur die zahlreichen neuen, die von 
Schmeller selbst herrühren, an der nach dem alten alphabetischen Schema 
angezeigten stelle eingeschoben. Er selbst hat nur in den seltensten fäl- 
len eigene zusätze und berichtigun gen beigetragen, zu denen niemand 
befähigter ist als er. Leicht hätte sich ja dadurch der ganze typus des 
Werkes verändert. Aber es ist auch im einzelnen die frühere einrich- 
tung, weil sie von Schmeller selbst herrührt, überall beibehalten, auch 
da , wo eine abweichung sich von manchem gesichtspunkte aus empfiehlt; 
auch in der neuen ausgäbe findet man nicht bloss Schmellers eigentümliche 
anordnung der buchstabenreihen , sondern auch die von ihm festgehaltene 
trennung mancher im lautwerte gleicher, in der Orthographie aber häu- 
fig schwankender , so des B und P, des D und T, des F und F. Eben 
deshalb hat der neue herausgeber auch die alte bezeichnung „B airisch es 
Wörterbuch" beibehalten, obgleich sie, wie bekant, nicht recht zutriflEl, 
wenigstens der heute durchgedrungenen terminologie unserer linguistik nicht 
entspricht. Schmeller hatte, als er seine grammatik mid sein Wörter- 
buch gestaltete , zuerst die äusseren grenzen und die inneren unterschiede 
der einzelnen süddeutschen dialecte herausgefühlt und in der hauptsache 
so treffend dargestellt, dass die späteren eben nur noch daran nachzu- 
bessern haben, aber er wollte einerseits das ganze ihm zugängliche dia- 
lectische material , so weit er es aus den in diesem sinne rein durch den 
Zufall bestimten grenzen Baiems kante, verarbeiten, andrerseits war 
er durch herkunfb und beruf doch vorzugsweise auf das bairische element 
im eigentlichen sinne verwiesen. So würden die titel der beiden bücher, 
speciel des Wörterbuches, richtiger lauten: „Bairisches Wörterbuch mit 
berücksichtigung der oberschwäbischen und fränkischen mundarten im 
bereiche der heutigen bairischen landesgrenzen." Da sich aber voraus- 
setzen lässt, dass jeder mit der anläge des werkes bekant ist, so wird 



ÜBBB DBÜTSCHB ICÜNDAHTL. LITTBBATUB 177 

diese ungenaue titelbezeichnung auch in der neuen aufläge ebensowenig 
stören, wie sie es in dem alten originalwerk getan hat. An eine aus- 
scheidong nach den localen hauptgruppen wird überdies niemand gedacht 
haben. 

Es gibt bejcantlich auch von dem Standpunkte der belehrenden 
unterhaltungslectüre , wie sie jetzt so sehr gepflegt wird, kaum irgend 
ein sachverwantes buch in deutscher spräche, was so viel „interessantes^* 
enthielte, wie Schmellers bairisches lexico]}. Schade nur, dass es der 
grosse und stets im wachsen begriffene teil der lesenden weit, fnr wel- 
che die zahlreichen culturgeschichtlichen , sprachgeschichtlichen, sitten- 
geschichtlichen essays unserer feuületons und periodischen Schriften, und 
ein grosser teil unserer populärwissenschaftlichen Vorlesungen, wie es 
scheint, nie genug geistigen nahrungsstoff herbeischaffen können, noch 
so wenig kennt Mancher würde sich wundern , statt der trockenen anti- 
quarischen gelehrsamkeit, die er darin allein vermutet, überall auf die fri- 
schesten quellen reichster lebens - und gestaltungsströme zu stossen , und 
noch mehr, wie gar oft ein schalkhafber humor in kurzer epigramma- 
tischer Wendung, oder nur in einem drastischen wort^ blitzartig durch 
einen solchen ehrbaren, nach dem aiphabet in reih und glied gestellten 
artikel zuckt. Es macht auf den, der seit langem in dem buche zu 
hause ist, einen überaus woltuenden eindruck, dass auch die späteren und 
spätesten zusätze von Schmellers band das volle gepräge einer liebens- 
würdigen, von grund aus heiteren und freien seele tragen. Der humor 
ist ihr bis zuletzt nicht ausgegangen, aber immer humor geblieben, und 
nicht mit dem essigbeisatze des alters versauert. So z. b. fällt unser 
blick, indem wir beide redactionen, die ältere und die neuere mit ein- 
ander vergleichen, auf den artikel „eZ/c polittcn^^^ was in der zweiten, 
ob mit recht? auf das romanisch- italienische bolletta, spanisch hdeta, 
französisch hulletin zurückgeführt wird , womit die bedeutung wenigstens 
in der deutschen mundart stimt — eine andere ableitung von dem rom.- 
itaL Polizza, span. poliza, franz. jwlice (vom lai pollex nach Diez 
E. W. 1*, 328) ist zwar auch angefahrt, aber als minder wahrschein- 
lich bezeichnet Bei erwähnung des unserem deutschen mundartlichen 
pctitten gleich gebrauchten franz. buUetiyi setzt die zweite ausgäbe hin- 
zu: „Seit juli 1842 nennt herr von Both (der damalige präsident der 
bairischen akademie der wissenschafteh) auch die akademischen berichte 
in den Gelehrten Anzeigen btdletüis. Sie mahnen in schuldiger weise an 
die berüchtigten buUetins de la grafule artneeJ' Als einen kleinen lexi- 
caÜBcben zusatz unsrerseits, da wir einmal auf dies wort geraten sind, 
f&gen wir noch bei, dass die mundart heute noch das schriftdeut- 
sdie paleUe, £eurbenpalette , das bekantlich aus dem romanischen und 

IBITSOHB. y. DBUT80HB PHILOLOGIE. BD. in. 12 



178 BÜCKBBT 

schliesslich aus dem altlateinischen pala in der bedeutang ring- oder 
scheibenförmiges Werkzeug stamt, genau eben so pditten spricht, 
wie sie es schon vor zwei Jahrhunderten so gesprochen hat. Es fin- 
det sich in dieser gestalt öfters bei Ayrer, der ja überhaupt so ;viel 
bairisch - nordgauische eigentümlichkeiten in lauten un^ wortbestand hat. 
Aus demselben Ayrer ist zu entnehmen, dass die durch Luther welt- 
berühmt gewordene form partecken (Umstellung von practica) auch unse- 
rer mundart gemäss ist. Schmeller führt zwar partiten, partiken, par- 
titereyen in der Überschrift des artikels an, belegt aber aus bairischen 
denkmälern nur die t - formen , denn Michel Beheim , trotz seines buches 
von den Wienern, wird er jedenfalls nicht zu den Baiern gerechnet haben. 
Auf. diese art wird man, ganz gegen die absieht, durch die unerschöpf- 
liche fülle der anregung und belehrung, die jeder einzelne artikel neu 
zu der alten hinzubringt, veranlasst, selbst immer die noch übrigen 
fragezeichen gleichsam zur lösung vor das angesicht des buches zu stel- 
len, dessen belebender meister uns freilich keine auskunft mehr geben 
kann, wie er es einst getan haben würde. Aber weil sich schon aller- 
lei derartige Schnitzel eingedrängt haben , mögen noch einige platz finden. 
Bei dem artikel „ dechant'^ sehen wir uns in der neuen aufläge nach der 
erklärung eines uns schon lange dunkeln wertes in H. Witten weilers 
Bing 11* um. Dort ist von einem lachen oder täcfimschreiber die rede. ^. v 
Was ist das? Mit tacJicfi und was davon sonst gebildet wird, alles in 
verschiedenen modificationen des begrifies und der laute vom lateinischen 
decem stammend , hängt es oflTenbar zusanmien. Aber von einem beson- 
deren büreau der dechantei wissen wir wenigstens aus jenem, gott sei 
dank noch nicht so vöUig „tintenklecksenden säculum'^ nichts. Der 
Zusammenhang gebietet an eine nicht besonders hochgestellte, nicht 
besonders geehrte und beliebte persönlichkeit oder berufen denken, das 
passte freilich für einen Schreiber eines geistlichen herrn oder einer geist- 
lichen behörde besonders auf dem platten lande, wo ja die Schaubühne 
der begebenheit ist Wie die bischöflichen und capitular-officialen sprich- 
wörtlich zum ausbund alles bösen und albernen in dem volkswitze der 
zeit geworden sind, ist bekant; von den dechanten selbst erinnern* wir 
uns keiner solchen Verwendung, also auch nicht von ihren Schreibern. 
Am nächsten läge , es mit dorfschreiber zu geben und an die alten , frei- 
lich nirgends noch ganz sicher nachgewiesenen politischen decanien, als 
Unterabteilungen der centenen zu denken. Auf einen zehentschreiber, 
der natürlich passendsten Zielscheibe bäuerlichen spottes und hasses, raten 
wir nicht, weil für lateinisch decinia in bairischen denkmälern des mit- 
telalters und dter neuern zeit inuner nur die echt deutsche, aus cd^en 
abgeleitete form gehenl , zecheni gebraucht wird. Das mittelhochdeutsche 



ÜBER DEUTSCHE MUNDABTL. LITTEBATÜR 179 

Wörterbuch hat dieses tachenschreiher nicht berücksichtigt. Dazu nur 
noch die beiläufige bemerkung: wir fuhren den Ring unbedenklich als 
eine bairische sprachquelle an (natürlich so weit ein erzeugnis des vier- 
zehnten Jahrhunderts, das bei aller wirklichen localen vergröberung der 
spräche doch noch' immer correct sein will^ eine solche sein kann), 
obgleich Weinhold in der bairischen grammatik, es ist uns im augen- 
blick unbekaat ob zuerst oder nur andern folgend, ihn als schwabisch, 
die handschrifl; aber von einem Baiern herrührend bezeichnet (Weinhold 
p. XIY. artikel Uwg). Uns gilt der dichter, wie wir dies schon früher 
aussprachen, noch immer als ein unmittelbarer landsmann und nachbar, 
freilich nicht als ein Zeitgenosse , wenn auch in manchen dingen — hör- 
ribile didu hören wir manche exclamieren - als ein geistesgenosse 
Wolframs. Gewisse weichere und geschmeidigere eigentümlichkeiten sei- 
ner spräche, verglichen mit der der Süddonau -mundarten, erklären sich 
daraus, und sie können zur not als schwäbisch misverstanden werden. 
Aus dem realen Inhalte des wunderlichen und uns trotz Uhland und 
andern noch durch und durch rätselhaften gemachtes etwas über seine 
litterarische heimat oder die seines Verfassers bestimmen zu wollen, 
scheint uns verfehlt. — Aus demselben iUng 41'' fällt uns auch die 
figürliche redensart bei: ein tahen raren (rürens uns ein taheti)^ in 
der sehr drastischen und auch uns leicht begreiflichen bedeutung, wo 
iah^, d. h. gotisch palio, althochdeutsch datiä, so viel wie unser schmutz, 
kot u. dgl. ausdrückt Aber belegt ist sie für die ältere zeit nir- 
gends, weder bei Benecke -Müller, noch auch neuerdings in Lexers 
Wörterbuch. Auch Schmeller weiss weder in der älteren noch neuen 
aufläge etwas davon. Und doch wird diese Verwendung von tahe, die 
nirgends anders begegnet, ein echt mundaitlicher zug sein. — Da wir 
in das nasse element geraten sind, so erwähnen wir auch noch das bei 
Ayrer (3241, 25) erscheinende verbum teucheln, das Schmeller in beiden 
aasgaben wol kent und mit tmchd y rölire usw. verbindet. Aber die von 
ihm allein angefahrte bedeutung „ propfen '' passt nicht für unsere stelle, 
wo es ein humoristischer ausdruck für trinken, mit sehr durchsichtiger 
bildlicher färbung ist. £s heisst dort von einem dem beliebten abend- 
tnmk ergebenen: unser herre ahents teuchdt gern. — Zum Schlüsse 
noch gleichl'alls eine ungelöste frage aus Ayrer, wo übrigens trotz der 
grossen Sorgfalt , mit der die ausgäbe gemacht ist , und wofür gewis jeder 
sich zu gröstem danke verpflichtet tuhlt, noch rätsei genug gefunden 
werden können, oder wir haben wenigstens geni^ solche gefunden. 
3259, 31 heisst es : das kühfenst^' hob ieh redit troffen. Schmeller führt 
in beiden auflagen nur einen einzigen beleg für diesen gewis einst sehr 
ToUcstOmfichea tropus an. Jetzt ist er wahrscheinlich verklungen , wenig- 

12* 



180 BÜCKEBT 

stens erinnern wir uns' nicht Um irgend wo gehört — das will freilich 
nicht viel besagen — aber auch ihn irgendwo erwähnt oder gebraucht 
gefunden zu haben. SchmeUer erklärt ihn für einen ironischen gegen- 
satz des kammerfensters der ländlichen schönen, fehlschiessen, irren, den 
zweck verfehlen. Aber bei Ayrer kann es das nicht heissen, d. h. es 
kann nicht fehlschiessen, den zweck verfehlen bedeuten, sondern das 
umgekehrte. Der liebhaber hat ihn nur zu gut erreicht. Kühfenster ist 
also hier, wenn auch unter dem einfluss der gewöhnlichen redensart, 
doch in etwas anderem sinne gebraucht, als eine herabsetzende bezeich- 
nung von kammerfenster, nicht als ausschliessender gegensatz. 

Damit nehmen wir einstweilen von dem buche abschied, von dem 
es uns heute, wie jedesmal, wo wir es in die band nehmen, fast unmög- 
lich wird loszukommen. Wir bitten nochmals um nachsieht für unsere 
sporadischen bemerkungen, die vielleicht ganz hätten beseitigt oder zu 
einer systematischen begleitung des Originals, schritt f&r schritt uns 
anschliessend, erweitert werden sollen. Stoff dazu wäre in unendlicher 
fülle vorhanden, denn welcher satz, den SchmeUer geschrieben, gäbe 
nicht, wie die reichste belehrung, so auch die gründUchste anregong 
selbst zu spüren, zu sichten und mitzuteUen, so gut als man es ver- 
mag. Aber auf solche weise würde aus den noten ein ganzes neues 
buch sehr leicht erwachsen, und der gewinn davon, abgesehen dass an 
dieser stelle schon das äusserste des einem einzelnen unter den 'uns 
beschäftigenden büchem zukommenden raumes überschritten ist^ würde 
doch immer nur ein sehr problematischer sein. JedenfaUs sind auch andere 
kräfbe eher dazu berufen, und vor allem der herausgeber wie kein ande- 
rer. Seine weise Selbstbeschränkung hätte auch uns zum guten beispiel 
dienen können. 

Wo eine solche grammatik und ein solches Wörterbuch einen unver- 
gleichlich soliden unterbau geben, wird es nicht schwer halten die ein- 
zelnen teile, sei es nach örtlichen oder sachlichen grenzen bestirnt, der 
gegenwärtigen Wissenschaft entsprechend weiter fort- und auszufiihren. 
Vieles, und wider mehr als in jedem anderen deutschen dialektgebiete, ist 
ja schon auch dafür geleistet; wir erinnern an Lexers kärntisches, 
Schopfs tirolisches idiotikon, an Frommanns neuausgabe der gedichte 
Qrübels, die sich durch Specialwörterbuch und grammatikalische bemer- 
kungen zu einer beinahe abschliessenden monographie der Nürnbergisch - 
bairischen localmundart gestaltet hat; aber wir denken hier nicht an die 
verschiedenen die volksmundarten betreffenden abhandlungen der bekanten 
Bavaria. Dies mit königlicher munificenz begründete und ausgestattete 
unternehmen der beiden letzten decennien hätte, scheint uns, auch im 
p kreise der bairischen gelehrten/' auf den es sich ausschliesslich stützte, 



tJTTHÄATOB" Ifil 

I diMih wol noch andere hände finden können, um Schinellers tfitigkeit auf 
I »einem eigenen elastischen heimataboden fortziiaeUen . zu ergänzen und 
I der gebildeten weit zugänglich /u macheu, als die, welche die redactiou 
I oder der redacteur damit beauftragt hat. Denn Sebastian Mutuls dar- 
I stellang der bairischen mundart in Ober- und Niederbaiorn (Ravaria 1, 
I UdO. UÜDcheii lä60) und Eduard Feutschs oberpfälziecbe mundart 
I (elidas. n, 193. München 1863), zeichnen sich beide durch auffallende kürze 
I oder knap[iheit aus, was um so mehr befremdet, da andere rubriken dieses 
I der geeamten landes- und Volkskunde geweihten werkes , z. b. die geolo- 
I giscbe , eiueu wahrhaft UberHchwänglicheo , das nicht steine klopfende 
ptiblilnim möchte vielleicht behaupten niederdrückenden umfang erhalten 
babeo. Doch kßrze ist allein noch kein fehler, wol aber ungenügendes 
nutvrial, wenigstens so weit es als ein neues sich darstellt, und unge- 
L nögende wiRsenschiiftliche Specialvorbildung. Als samler wird In dem 
I bcreicbe der deutschen Unguistik auch der recht nützliches leisten kön- 
Inen, der, ausser der allgemeinen bildung nach heutigem gemeinbegi'iffe, 
«cbarfes, treues obr, einen rührigen fuss und biue fteissige band 
I besitzt , aber zum darsteiler gehört mehr. Wir verlangen vou ihm , dass 
I er nicht bloss auf Scbmellers grammatik und lericon . allenfalls auch auf 
■ die deutsche grammatik von Jacob Grimm und ähnliche hauptwerke sich 
Ibenif0. resp. sie gelegentlich citiere, sondern dass er durch selbstäu- 
Idige Studien über sie im rechten sinne des wortes liinauBgekommon sei 
1 Pies hinauskommen involviert, dass genante werke, oder ihr ganzer 
I gehalt, in dem betreffenden Individuum drin, oder, wie die pedanten dies 
I auszudrücken lieben , in snccum et sangiiinetn vertiert seien , und gerade 
J doa ist es . was wir recht stark bei jenen der zeit nach neuesten , dem 
I ^iütc nach aber veraltet geborenen monographieen über zwei ao wichtige 
I und interessante ontenuundarten der grossen südostdoutschen vermissen. 



Um so freudiger begrüssen wir eine andere der neuesten hier ein- 
I «chlftgeuden monographischen arbeiten, Schröers schon gelegentlich be- 
I rührt« Studien über G 1 1 s c b e e und den Gottscheewer dialect: keine 
I ^bscliliesHende urbeit , wie schon der titel sattsam bezeugt , aber ausserge- 
I wdbiiltch anziehend und iubaltreich , d. h., um uns selbst zu corrigieren , bei 
I einem anderen antor auasergewöhnlich, aber nicht bei dem hochverdien- 
rt«a and für dieses feld der geiätvollen, allseitigen und lebendigen erfor- 
Lschung der Volkssprache, oder des volkstümlich -culturgescbichtlichen 
I elemeutes iu linguistischer fassung, gleichsam geboreneu Verfassers. Seine 
I Verdienste um die deutsche mundartliche forschung in jener weitesten 
|aB»deiinaiig, wo ihre notwendige zugehJ^rigkeit zu der cultnr und gei- 
I ste^^eschichte des deutschen volkes auch von dem forscher selbst lebhaft 



182 BÜGKEBT 

empfanden und betätigt wird, sind aus seinen arbeiten über die deut- 
schen mundarten in Ungarn, namentlich über die in und an den Kar- 
pathen, allgemein gewürdigt. Ebenso vom wissenschaftlichen wie vom 
nationalen standpuiJcte aus verdienen sie als mustergiltig für alle ähn- 
lichen unternehmen hingestellt zu werden, und zu solchen sollte es 
wahrlich an ort und stelle, in dem weiten bereiche von Deutsch -Öster- 
reich, an frischen und selbstlosen kräften nicht fehlen dürfen. Wenn es 
doch daran fehlt, so ist dies gerade kein ehrendes zeugnis für die inten- 
sität des deutschen bewustseins daselbst, die mau doch gelegentlich mit 
so grosser emphase geltend macht. Für die Mrissenschaft wäre hier min- 
destens ebenso gut wie in der eigentlichen geschichtsforschung der wahre 
ort, wo es sich offenbaren könte. Da die Wiener academie, was hier, 
wenn es auch als allgemein bekant vorausgesetzt werden kann, doch mit 
besonderer anerkennung ausdrücklich erwähnt sein soll, jeder derartigen 
forschung — natürlich unter der bedingung, dass sie den durchschnitt- 
lichen wissenschaftlichen anforderungen genügt — bereitwillig gelegen- 
heit und mittel zu bieten pflegt, um sorglos und sogar in würdigem 
kleide in die weit lünauszutreten , so ist damit ein hindemis gehoben, 
das anderwärts viel lähmender wirkt , als der unbeteiligte , oder der nicht 
selbst fatale erfahrungen in dieser art gemacht hat, vermutet. 

Wenn wir bei dem uns hier verstatteten räume nur in aller kürze den 
wesentlichen kern der abhandlung Schröers zu bezeichnen versuchen, so wird 
dieser selbst, nach dem schon oben erwähnten, nicht bloss ein sprach- 
licher im engsten wortsinne sein. Das ethnographisch -culturgeschicht- 
liche moment als innere begründung von jenem gehört eben doch auch 
dahin , wo es sich um erkentnis einer deutschen mundart handelt. Darum 
erwähnen wir , dass der Verfasser neben anderen interessanten geschicht- 
lichen erörterungen über die deutsche colonisation im Südosten auch 
zuerst ein, wie uns scheint, helles licht in die dunkeln anfange der 
deutschen Sprachinsel Gottschee gebracht hat. Weder reste der Yan- 
dalen oder Goten, oder die wol kaum als Deutsche zu rechnenden 
Goduscani sind hier zu suchen, sondern einfach deutsche colonisten des 
mittelalters aus der nächsten deutschen nachbarschafb , „die sich in dem 
teile von Erain , der wegen unwegsamkeit , noch lange nachdem das übrige 
land urbar gemacht war, eine unbetretene wildnis blieb, niederliessen. 
Während man im übrigen Erain überall römische und barbarische alter- 
tümer findet, ist in Gottschee noch nichts aufgefunden worden, das 
andeutete, dass vor dem vierzehnten Jahrhunderte ein menschliches wesen 
dieses gebiet betreten. Deutsche musten kommen um hier einzudringen 
in die wildnis; Slovenen hätten es nie unternommen, ganz wie im unga- 
rischen bergland, wo zur selben zeit als in Gottschee, in gebirgigen, 



I at«iiug«ii wuliluii^eu . die dia timwottuendtiii Slovuken nicht zu bonutien 
I Wanten , von i]eD deutschen bergstädten aus jene deutschen niederlas- 
I KUDgen geschehen sind , die man die Häudorfer uent" Der Ursprung von 
I Gottai-bee vt^rliert damit »einen ganzen romantischen nimbuH, aber die 
I ehrbare tatkral't der deutschen culturpiouiere des mittelalters ist t^r 
I unser nationales hewustsein unendlich mehr wert als jener. Ob nun 
I aber die älteste nricundliche erwähnung Oottschees. in einem hier zum 
I ersten male vollständig verölTeutlichten unschätzbaren Privilegium des 
I Patriarchen Ludwig von Aquileja vom jähre 1363 in die allerälteste ansied- 
I luugaperiode zurückreicht, mag immer bezweil'elt werden. Es handelt 
Itiicb darin um die errichtung geordneter pfarrsprengel an der stelle der 
I tidtdürfligeu kivclilichon hilfsmittel einer gegend in der „mtdtae hominum 
mltatHtaliones faclac sint." doch wahrscheinlich schou seit längerer zeit. 
IW«nig&teng pflegte hei derartigen mehr zutUllig entstandenen ausiedelun- 
l^en — eine eigentliche locafm. wie in andern deutschen colouieen wird hier 
lidit erwähnt — ein geordnetes pfarrsyatera mit seinen relativ grossen 
ofordfiningen an den gemeindeaeckel immer das letzte zu sein, wozu 
gelaugte, nachdem erst alle anderen Verhältnisse sich consolidiert 
hatten. 

Auch heute trägt Gottschee noch denselben Charakter, wie damals: 
I ist eine culturinsel in der mitte eines noch immer im wesen dem 
■bsrbarentum zugehörigen volkes. das jetzt durch fremde agitatoren, ein- 
■heiinitiche schwindelkOpfe und declamatoreu aufgehetzt, unter der mit- 
iBcbnld einer gegen das Deutschtum stets feindseligen, ^wenn auch gele- 
■StDtlich sich deutsch neunenden regierang die wenigen deutschen cul- 
itureindnlcke , die es in den vorigen Jahrhunderten empfangen hat , syste- 
matigoh zu vernichten bestrebt ist. Das könten wir der edeln nation 
r Slovenen samt ihren andern eben so edeln schwesternationen selbst 
Kunt«r sich abzumachen überlassen , wenn nicht die Integrität des deut- 
dien Qottschee durch die arrogante und aggressive haltung der partei- 
Ihrer oder treiber sehr gefährdet wäre, und auch in diesem sinne hat 
Ich Schröer ein hohes verdieuwt erworbeu . indem er die äugen der deut^ 
bildeten weit auf diesen punkt hingelenkt hat, wo die nationale 
t^re, man darf wol sagen, verpfändet ist. 

Der eigentlich sprachliche bestand der schritl bringt zunächst einen 

neu flherhlick über die wichtigsten grammatischen eigeutümlichkeiten 

föer mundart, wodurch, wie schon genügend bemerkt, ihr bairiscL - öster- 

ichischer typus ausser allen Zweifel gestellt wird. Nur zeichnet sie 

lach namentlich vor den westUchen und ;nördlichen idiomen desselben 

KlWKtchs, also namentlich vor dem eigentlich bairischen und tirolischen oder 

I ¥or dein uiederöBterreichisdieu und steirischen dialecte durch eine 



184 RÜCKEST 

viel grössere gescbliffenheit und Weichheit aus, wie das ihre schon oben 
citierte allgemeine Charakteristik scharf ausspricht. Dass hiebei nicht slo- 
yenische einflüsse massgebend gewesen sind , wie Weinhold annimt , darin 
wird man Schröer vollkommen beistimmen, denn gerade die charakteri- 
stischen lautverhältnisse des Slovenischen finden sich nicht im Gottschee- 
wischen und umgekehrt, aber ob ein zusatz von iränkischem und aleman- 
nischem blute zu dem bairischen es getan hat, wie Schröer will, ist 
doch zweifelhaft, so lange kein urkundlicher beweis hinzutritt. Ein aus 
Memmingen stammender pleban in Gottschee, anfang des fünfzehn- 
ten Jahrhunderts, dürfte nicht als solcher angefahrt werden. Uns scheint 
eine gewisse nächste innere berährung mit dem relativ auch so viel wei- 
cheren und geschmeidigeren Kärntner dialecte , trotzdem dass dieser ent- 
schieden bairisch - österreichisch ist und bleibt , festzustehen , wie ja dort 
auch die nächste deutsche nachbarschaft war und ist Den hauptteil des 
heftes füllt ein Wörterbuch , freilich einstweilen nur noch ein bruchstück, 
dessen fortsetzung hoffentlich uns bald zugehen wird. Ausser dem bloss 
sprachlichen enthält es eine menge von realien , darunter auch unschätz- 
bare proben von volksballaden. Dass sich dabei auch eine, jedenfalls 
auf alter grundlage beruhende fassung des bekantlich noch nicht wider 
aufgespürten Volksliedes gefunden hat, welches Bürger seiner Lenore zu 
gründe legte , ist schon anderwärts gebührend betont worden. Dazu gehö- 
ren auch die drei balladen von der schönen Meererin, die Schröer German. 
14,333 mitgeteilt hat. Dass sie auf die Gudrunsage zurückgehen, kann 
nur der läugnen , der aus eigensinn , oder , hört man es lieber , aus conse- 
quenz seines litterarischen Schematismus, die möglichkeit einer einstigen all- 
gemeinen Verbreitung der Gudrunsage — ob des älteren zu gründe liegenden 
mythus ist etwas anderes — durch ganz Deutschland läugnen zu müssen 
glaubt. Dass wir hier diese weite perspective, die sich damit in die deut- 
sche litteratur und poesie eröffnet, nicht verfolgen, wird uns hoffentlich 
niemand verübeln. Nur noch die bemerkung: denkt man sich die deut- 
sche ansiedelung in Gottschee, die nach Schröers ermittelungen doch 
mindestens hundert jähre jünger ist als die Gudrun in der uns bekanten 
gestalt, von norden, von Kärnten her, geschehen, so ist auch die sage, 
der Stoff dieser balladen , von dort her eingewandert Die beziehung auf 
die wahrscheinlich örtliche heimat unseres Gudrungedichtes liegt auf der 
band , obwol bis jetzt sich weder in Kärnten noch in Steiermark eine 
darauf hinweisende spur aufgefunden hat Aber eine ethnographische 
insel bewahrt auch viel eher iliren uralten besitz als ein von der völker- 
heerstrasse dmchzogener continent 

Von dem südöstlichen Sprachgebiete ist der Übergang zu dem mit- 
teldeutschen ftusserlich und innerlich an mehr als einer stelle ein sehr 




) 



allmählicher, kaum merklicher. So ist er es heut« nnd so war er es 
scfaon in der äJtt'sten zeit. Ea wRre uns sehr ei-wünacht, Iiatten wir 
iliesmal schon eine zusammenfaHseml» graramatiHchd darBteUauf^ dii^ses 
Mitteldü^utscheii vor uns liegeu , wie sie die beaproclieiie bairiscbe und 
die als bekant vorausgesetzte alemannische gnuumatik fQr die betref- 
fenden gebiete gibt. Weinholds u nächste anssicht gestellte fränkische 
grammatiic wird diese aufgäbe in der baupteache lösen. Denn es ist 
ODs, auch ohne dass wir in ihren entwarf gesehen haben, unzweifelhaft, 
sie die auf der band liegende , aber seltaamerweise , wol weil sie al» 
B«lbstrerst&ndlich vorausgesetzt wird, nicht scharf formulierte sprach- 
gmcbicbtlicbe tatsache an die spitze ihrer einzelerSrtemngen stellen wird, 
dass die begriffe von Mitteldeutsch und Fränkisch in wissenschaftlichem 
sinne boinahe sich decken. Und deshalb scheint uns hier die ethno- 
graphische bezeichnung, nach dem Frankennamen , auch linguistiach besser 
gerechtfertigt, wie die Alemannisch für den südwestlichen oder selbst 
Bairisch für den sfidöstlichen dialect, obgleich für diese geltend gemacht 
vrerduo kann . dass wirklieh die maase der ihr Qberbaupt angehö- 
rigen ursprünglich aus bairischem blute im eigentlichen wortsinn her- 
vorgegangen ist und dann teilweise als vorgeschobene colonisten sich 
spftter anch «u einer relativen sprachlichen eigenart weiter gebildet hat, 
was doch kein nüchterner geachichts - und Sprachforscher von den Juthun- 
gon • Sveben im Verhältnis zu den Alemannen behaupten wird. Frlln- 
kiBcfa aber wird das „Mitteldeutsche" beute noch ebenso richtig heissen 
dflrfen, wie es Otfrid so nannte, der zwar von der ftuasersten sfldwest- 
eofco her stamte, bei dem unläagbar auch — gerade wie es an demsel- 
bm orte heute noch zn hören ist — ein gewisser anklang an den nach- 
feardialect, den alemannischen, nicht zu verkennen ist, der aber trotzdem 
in allen hauptsacben ein achter Franke bleibt. Denn warum sollte 
mui linguistisch den frUnkischen nnmen etwa bloss auf die heute oder 
BÜi einigen hundert jähren so genannte üusserste sOdostecke des ganzen 
beschränken, da ja doch noch heute in dem ganzen gebiete, das einst 
ab Und oder volk der Franken im prägnanten sinne bezeichnet wurde, 
dio gemeinschaft in der spräche , die Zugehörigkeit zu einem sprachlichen 
gmndstocke sich nicht verkennen lässtp Das einzige, was man gegrün- 
det dagegen einwenden könnte , wäre der gewaltige umfang dieses Sprach- 
gebietes, der es fast unmü>glich machte, es in der gewöhnUcheu weise 
äiieraicbtlich als einheit darzustellen. Aber wenn es zwar noch nicht 
versucht, jedoch die fordemng schon öfter aufgestellt worden ist, dass 
endlich jemand das gesamte Mitteldeutsch einheitlich bebandele, also 
eine mitteldeutsche grammatik usw. mache, so muss das anch für das 
dMnit identische Fränkische angehen. Freilich ist es eine gewaltige auf- 




186 RÜCKEBT 

gäbe , eine sprachmasse darzustellou , deren äusserste örtliche ausläofer im 
Westen bis beinahe vor die tore von Calais, deren äusserste östliche bis 
an den Botenturmpass an der türkischen grenze reichen, und insofern 
würde sich vielleicht vorläufig eine teilung der arbeit noch empfehlen. 
Doch wenn jemand so kühn ist vor dem ganzen nicht zurückzuschrecken, 
desto besser! 

Weinhold hat nun zwar in dem allgemeinen prospect, den er seiner 
alemannischen grammatik vorausschickt, neben einer alemannischen, bai- 
rischen, fränkischen auch eine thüringische grammatik, als eine diesen 
genannten und den anderen , sächsischen und friesischen, gleichgeordnete 
verheissen, ohne zweifei aber wird damit nicht gemeint sein, dass dieser 
thüringische dialect begrifflich ein ebenso selbständiges deutsches sprach- 
glied vorstellen soll , wie einer der fünf andern. So weit wir seine denk- 
mäler rückwärts verfolgen können, und das ist ziemlich weit, da das 
älteste die Merseburger Sprüche sind , verhält er sich gerade so wie heute 
zu tage. Es ist unmöglich, damals wie heute, seine engste berührung 
mit den hessischen mundarten im westen, und dem im beschränktesten 
heutigen sinne fränkischen , oder, wenn man das lieber hört , ostfränkischen 
im Süden zu verkennen. Eine selbständige neben - oder Unterabteilung der 
grossen fränkischen oder allgemein mitteldeutschen gruppe mag er sonach 
wol heissen, aber nicht mehr. Wird er grammatisch vollständig behan- 
delt, wie ihm dies zu teil werden soll, so ist dadurch die arbeit f8r 
das Fränkische geteilt, wenn auch nicht nach gleichem Verhältnis; denn 
es bleiben noch weitaus zahlreichere und wichtigere gebilde, die unter 
diese rubrik fallen, von denen mehrere eine viel grössere relative Origi- 
nalität oder eigenart als das thüringische zeigen. Woher aber diese 
ei^ste Zugehörigkeit des Thüringischen zu dem FränMschen, diese Unter- 
ordnung oder einordnung in sein gesamtgefüge stamme, ist uns, wie wol 
jedem, der über den gegenständ nachgedacht hat, noch ein rätsei. 
Niemals wird ein eigentlich geschichtliches document, das die bezeich- 
nung Mnkisch im ethnographischen oder „stamhafben^' sinne und nicht 
in dem publicistischen der frühesten Jahrhunderte des deutschen reiches 
braucht , die Thüringer Franken nennen , so wenig wie Sachsen oder Bai- 
ern, und die blosse uralte grenznachbarschaft der Chatten und Hermun- 
duren reicht doch auch nicht zu, um nur daraus die nächste Sprach- 
gemeinschaft zu erklären. 

Was sich für eine selbständige heraushebung des Thüringischen 
ausser dem rein practischen gründe, der uns sehr einleuchtet, anführen 
liesse, wäre etwa noch folgendes. Blicken wir auf die geschichte unse- 
rer germanistischen Wissenschaft zurück, so ist der wissenschaftliche 
begriff des Mitteldeutschen nicht bloss sehr spät, wie bekant, erst 



E ItrinijkSTL. UTTKKATL'n 



gefuiidtin. sondern auch sehr langaam abgeklärt worden. Franz Pfeiffer, 
der diicli immer ab« sein eigentlicher vater wird gelten mfiasen, war 
darch die ihm am ersben nahegetretenen Sprachdenkmäler mit entschie- 
dener Sicherheit auf Hessen, mit geringerer, durch die Marienlegenden, auf 
eine mehr flstliche gegend hingewiesen wordeu. So erschien ihm, ohne 
daD« er es schurf zu umgreneen versucht hätte , die aelbständigkait die- 
ser mundarten gegeufibev den oberdeutschen und deu niederdoutscheii 
ab) HJuher. und eti ist sein verdienst, diese ansieht iu immer klarere 
durcharbeitung mittelst einer reihe allgemein bekanter plaidoyers aie^- 
raich darchgüfocbten ku haben. Dass dies Mittel deutHcbe wie nach osten 
in diis weiteste ferne — -Jeroschin allein genügte sclion dafür, dies zu 
beweisen — so auch nach weaten bis an nnil Ober den Rhein als ein 
wesentlich eiubeitliches sich erstrecke, war ihm ausgemacht, aber daa 
etgentUche centrum dieses gebietea yah er immer noch da, wo er zuerst , 
dAraoT aufmerksam geworden war. in den ..binnendeutschen" land- 
Kcli&ften. nie sie neuerlichat recht hübsch ^naimt worden sind, iu Hessen 
tud Thflringen. An eine ethnograplüßcbo begröndung aeiuer lingoiati- 
solien ergebutasu hat er nicht gedacht, nonst wäre ihm die unverkenn- 
bare tatäachu, dass der grössere teil auch des Verbreitungsgebietes, was 
« — uti«h viel zu beschränkt — fiir das Mitteldeutsehe abgrenzte, mit 
dem frtLukiHchen stammesbegritl'a znsamnientäUt , nicht entgangen. Wer 
I M also vorricht den spuren zn folgen, die -der «rate begründer der wia- 
■ BMiachaillicheM erkentnis des Mitteldeutschen hinterlassen hat, der mag 
* rieb auch der begrenzuug. die er selbst seinen schritten gegeben hat, 
, iQgen. Pfeiffers ,. Mitteldeutsch" bezeichnet eigentlich nur den inneren, 
tan Menden tischen und nordöstlichen abschnitt des ganzen gebietea, und 
naerhalb desselben ist dem Thöringiachen insofern ein gewisser vorrang 
einziiraumen , als es sich einerseits doch schfirfer von dem Hessischen 
abscheidet, wie dieses von den mehr nach westen mid Süden, nach dem 
Rhein und Main ku, sich ausbreitenden mundarten. andrerseits in der 
Dordflstlichen gruppc die einzige ist, welche nicht auf zeitweilig frem- 
dem sprachboden , nicht in einer deutschen colonie, sondern meist auf 
TOB jeher deutsch gebliebenem boden entstanden ist. Ausserdem wissen 
f wir aas der colonisationsgeschicbte des Ostens unseres heutigen Deutsch- 
[ laods, ilass ein grosser teil des deutschen blute», aus dem seine jetzige 
bevfllkerung erwachsen ist. aus Thüringen atamt, so dass diese land- 
I sohsft in gewissem sinne die ehrenvolle Stellung eines mutterlaudcs vie- 
' 1er anderen besitzt. So könnte eine grammatik des thüringischen diu- 
leotee jugleicb die der anderen östlichen und nordöstlichen mitteldeut^ 
aohen mundarten älterer und neuerer zeit umfassen von der Saale an bis 
HIT Narwa. Denn so weit dies* eben beiiihrten äussersten nordwestlichen 



188 bOckebt 

Vorposten des deutschen wesens* überhaupt eine mundart besitzen — 
eine volksmundart im eigentlichen wortsinne ist sie begreiflich nicht — 
wird man sie zu dieser gruppe zu zählen« haben, und nicht etwa , wie die 
anderen längs der Ostseeküsten, zu der niederdeutsch -sächsischen. 
Aber es wird nicht wol angehen, die südöstlichen ausläufer des Mittel- 
deutschen so ;u sagen unterzustecken unter das Thüringische. Wie nach 
dem fernen nordosten, so hat sich bekanntlich ein deutscher sprach - 
und volksast nach dem fernen Südosten hinaus vorgestreckt Zwar ist 
er nicht mehr so kräftig wie sein nördlicher bruder, an manchen stel- 
len sogar beinahe abgestorben, aber der Wissenschaft ist er in seiner 
ganzen ausdehnung bis heute noch recht wol erkennbar. Er setzt wol' 
örtlich am thüringischen kerne an, wie der andere, aber noch fester an 
dem äussersten ende des fränkischen sprach- und Volkselementes im 
engsten sinne, an Ost&anken, geht von da durch das nördliche Böhmen, 
wo er sich mit einem vom bairischen Nordgau herüberreichenden sprach- 
zweige mannigfach verschränkt , längs des böhmischen südrandes des gros- 
sen Sudetengebirges, dann auf und über diesen hinüber^ verschränkt sich 
dort wider mit einem seitenzweige des nordöstlichen astes , und bildet so 
die deutschen mundarten von Schlesien , wendet sich dann immer entschie- 
dener südöstlich , immer noch in berührung mit den vom Süden her rei- 
chenden Verzweigungen des bairisch - österreichischen stanmies, hält sich 
dann im grossen und ganzen genau an den zug der Earpathen, von 
denen er nur hie und da auch in das südlich darunter liegende stu- 
fenland von Ungarn ausgreift, und breitet sich zuletzt in dem sogenann- 
ten siebenbürgischen Sachsenland in mehrere zweige aus , die noch heute, 
aber leider wol nicht mehr f^r lange, kräftiger sind, als die teile zwi- 
schen ihnen und der mährischen grenze. Dass die Siebenbürger Sach- 
sen , gleichviel was auch ihre Urheimat sein mag , in der gegenwart nicht 
der bairisch - österreichischen hauptmundart zugehören, ergibt sich ans 
ihrer, in Deutschland durch ihre neuere dialectlitteratur sattsam bekan- 
ten spräche. Dass sie aber , so weit sich dieselbe urkundlich hinauf ver- 
folgen lässt, auch schon „mitteldeutsch" gesprochen haben, beweisen 
ihre ältest^en Sprachdenkmäler , die man am besten und meist auch zuerst 
gesammelt findet in Friedrich Müllers „Deutschen Sprachdenkmälern 
aus Siebenbürgen. Aus schriftlichen Quellen des XII. bis XYI. Jahrhunderts. 
Hermannstadt 1864.'' Nur bemerken wir für diejenigen, denen das hoch- 
wichtige und verdienstliche buch zufillig unbekant sein sollte , dass man 
sich durch die chronologische bezeichnung nicht zu der irrtümlichen Ver- 
mutung verfahren lassen darf, als gäbe es dort wirkliche deutsche Sprach- 
denkmäler, was man gewöhnlich darunter zu verstehen pflegt, noch 
aus dem zwölften Jahrhunderte. Bis tief ins vierzehnte sind nur einige 



dentsche namen erhalten , und erst yod du an urkuiiden, und später aacb 

andere iloutache aufzpicIinimgHii. Aber ancli jene dürftigen reste reichen 

liifl um dur tniindart schon damals ihre richtige stelle aaxuweiseu. Dasa 

»ich dumals wie später durch ihre fortwährende heziehung zu den land- 

I schalUu mit bairisch - östfirreiclüscher bevölkenmg aneli manches von 

I diesem dialK-te eingefQhrt hat, begreift sich leicht, ändert aber die 

I fmbstaaz der beimischen aprache nicht. Für die Zwischenglieder bis zur 

mUtrisehen grenze haben die scbon erwähnten trofilicbeii monograpfaieen 

I SclirJSers volles licht sowol für die sehr trübe gegenwart, wie fiir 

die glänzende Vergangenheit gebracht Auch hier, wie überall , wo das 

faass Österreich seine dem Deutschtum tödliche herschaft hin verbreitet 

bat, ist die deutsche spräche mit der gesamten deutschen cultur in 

enbichiedenen rückgang gekommen , und zwar genau von dem augenblicke 

au, wo die habsburgische herschaft begann, also in dem Ungarischen berg- 

laode noch vor dem ende des ersten dritteils des seehszehnten Jahrhunderts. 

Par den westlichsten abschnitt dieses sprachzweiges , för die mitteldeut- 

8ch«D mundarten Bilhmens haben bekautlich Petters, dieser wesentlich 

lUr den norden und nordosten des landes, ntid QradI für den nordwe- 

sten tflchtiges geleistet, so dass über ihre Stellung kein zweifei mehr 

I mAgUcb ist Dass daneben im westen und sÜden von Deutsch -B<)hmen 

I Vieh der echt bairische stam vom Nordgau und von der mittleren Donau 

I SOS sich verbreitet hat, weiss man. 

Unser diesmaliger austliig auf das mitteldeutsche Sprachgebiet gilt, 
wie die titel der zunächst berücksichtigten Schriften zeigen, eigentlich 
nur jenem kleinereu ausschnitte , den wir oben mit einem neueingefubrteu 
tenniuus al» Binnendeutsch bezeichneten. Hessen und Thüringen 
rind in der hier besprochenen litteratur verti-eten, die anderen weit- 
gedehnten gebiete nicht Wir beginnen mit Hessen. ^ Vilmars Idio- 
tikon von Kurhessen — man mOclite fragen . warum dieses capriciSs aus- 
ISndemde und noch dazu altmodische wort Idiotikon? — ist bekantlicb die 
arbeit gewesen, die er etwa ein jähr vor seinem tode noch glücklich zu 
ende gebracht hat , nachdem er vierzig Jahre auf die stotTsamlung dazu 
Terwant hatte. Nicht bloss nach dem worte De titortuis nil nini tww, 
soudem wegen unlängbarer Verdienste bat d-is buch fiberalJ eine überaus 
dankbare aufnähme gefunden. Dass sich auch allerlei alberne, kindische 
und verbissene oiotive aus einem ganz anderen bereicbe als dem der 
UnguistJk. bei maochen von denen, die am lautesten in die posaune 
des lobea stieason, mit eingemischt haben — wer weiss das nicht, aber 
wer hat nicht mitleidig die achseln darüber geituckt? Dem buche selbst 
Icaan daraas kein makel erwachsen, so wenig wie wir es seinem Verfas- 
ser hinterlier noch anrechnen wollen, dass er sein [diotikou von Knr- 



iMii 



190 BÜCKBBT 

hesfien an mehr als einer stelle dazu benutzt hat, um mit seinem bekan- 
ten partei£änatismus bei idioten in beziehung auf Eurhessen und seine 
zustände für den edeln, mishandelten kurfürsten und gegen die frechen 
rftuber und vergewaltiger bald donnernde philippiken, bald sentimentale 
jeremiaden, beide in dem bekanten stile der „ bundestreuen ^^ von 1866, 
loszulassen. Verderblich ist das dem buche nicht geworden: merzt man 
jene tiraden aus, so erhält es erst seine wissenschaftliehe Integrität, und 
an umfang beträgt dieser überschuss nicht gerade vieL Nur insofern 
konnte man behaupten, dass der reactionär Vilmar dem germamsten Vil- 
mar auch hier — wie anderwärts bekantlich oft und verhängnisvoll 
genug — im lichte gestanden, als der letztere dem ersteren zu liebe 
dies Idiotikon von Kurhessen nicht nach den grundsätzen der linguistik, 
sondern nach dem zuge der ehemaligen* kurfürstlichen grenzpfähle abge- 
grenzt hat. Was' einst Schmeller iu seinem bairischen wörterbuohe ohne 
Vorwurf tun durfte, eine in jeder und besonders in linguistischer hin- 
sieht bloss zufällige linie, wie die einer Staatsgrenze als eine linguisti- 
sche zu verwenden, das ist dreissig jabre später als ein grober fehler 
zu rügen. Es gibt keinen kurhessischen dialect, also auch kein Idioti- 
kon von Kurheasen. Vilmar selbst wüste das natürlich am allerbesten, 
wie er auch in der vorrede die einzelnen dialectischen gruppen ganz 
richtig unterscheidet und begrenzt. Nun erhält dadurch sein buch, 
möchte es scheinen, einen desto reichlicheren inhiilt, also wäre sein Ver- 
fasser deshalb eher zu loben als zu tadeln, aber es verschwindet durch 
diese nichtacbtung der natürlichen begi*enzung das eigentlich characteri- 
stische der einzelnen mundarten, die hier zusammengepfercht sind, so 
sehr, dass man nur durch einen systematischen scheidungsprocess es 
mühsam herausdestillieren kaim. Denn Vilmar gebt so weit, auch die 
echt niederdeutschen mundarten im nördlichen „Kurhessen'' bereinzu- 
zwängen, ebenso wie die mainfränkischen im Hanauischen; auch das 
Thüringisch -hennebergische aus 8chmalkalden muss sich in diese ihm 
aufgezwungene unifoim fugen. 

Was sonst fülle des materiales^ richtige beurteilung und erUärung 
desselben — eingesclüossen die strenggelehrte begründung — • betriflEt, so 
haben wir hier ein würdiges gegeiistück zu Schmeller vor uns. Wie er 
geht auch Vilmar mit einer gewissen verliebe den Sachen (volkssitte, 
rechtsaltertümer u. dgl.) nach, freilich ohne die innere heiterkeit 
und den echt volkstümlichen humor, die dem Bairischen Wörterbojche 
seinen unvergleichlichen reiz geben. Vilmar ist begreiflich überall ein 
verbitterter laudator teniporis acti, Nachträge und Zusätze werden sich 
überall noch ergeben, wie denn auch bereits ein solcher von Fed. Bech 
(in ^ner gelegenheitaschrift , im osterprogramm des gynmasiums zu Zeitz 



ÜBEB DEUTSCHE MUNDABTL. LITTEBATUR 191 

1868) uns bekant worden ist. Hier wollen wir uns nur auf einige bei- 
läufige bemerkungen beschränken, eine sehr schmale auswahl aus der 
grossen zahl derer, welche wir, wie andere benützer des buches, seiner 
belehrenden. anregung verdanken. Das merkwürdige andelagen (p. 10) hat 
in dem hessischen bezirke seine eigentliche heimat, wie Yilmai* mit 
recht bemerkt^ doch lässt es sich ausser in Hessen und Thüringen auch 
weiter nach Osten bis nach Schlesien und höchst wahrscheinlich auch 
noch anderswo nachweisen. Über seine bedeutung, die übrigens schon 
in den Bechtsaltertümern festgesteUt und in dem Deutschen wörterbuche 
überreich belegt war, herscbt kein zweifei. Seine herkunft wagt auch 
Yilmar nicht zu ergründen. Er hat dabei den interessanten erklärungs- 
versuch Michelsens übersehen, der es in seiner auch sonst sehr 
gehaltreichen schrift „Über die festuca notata und die germanische tradi- 
tionssymbolik. Jena 1866'^ mit dem mittellateinischen wanfus, romani- 
siert geschrieben guantus, d. h. dem urdeutschen wmituSj was sich aus 
altnordisch vöttr mit Sicherheit erschliessen lässt, zusanmienbringt. Dass 
der gtMntus, handschuh, ein haupttraditionssymbol war, und dass, wo von 
uHindüanc, andeUmc die rede ist, ursprünglich dies Symbol beteiligt 
war, ist unbestritten. Nur der zweite teil des compositums macht 
Schwierigkeit. Aber die nebeneinandergehenden formen lagen und lan~ 
gen zeigen, dass die herkunft dem Sprachgefühle verdunkelt war. Um 
so wahrscheinlicher ist, dass wir es hier mit einem fremdworte zu 
tun haben, wie Michclsen vermutet, dem alt- und neufranzösischen 
lange, binde. Sonderbai' bleibt immer der abfall des anlautenden tv im 
ersten teil, das doch den romanischen sprachen als gu oder g, wie im 
alt- und neufranzösischen geblieben ist. Sonst sind bekantlich derart 
geformte urdeutsche, aber aus dem romanischen wider zurückgetragene 
Wörter ihrem romanischen g treu geblieben, wie garde, garnison usw. 
beweisen. Für das vermisste w oder g stellt sich gelegentlich ein h 
ein, was offenbar der lebendigen umdeutschung seinen Ursprung ver- 
dankt, die es zu hant {maniis) brachte , wie der zweite teil lagen neben 
langen entweder an läge v. ligen oder langen angescidossen worden sein 
wird. Dass Erasmus Alberus, aus der Wetterau gebürtig, ein Substan- 
tiv andeler (s. Deutsches wörterb. 1, 301) und ein verbum andeln 
gebraucht, beweist nicht« gegen die richtigkeit der deutung Michelsens, 
sondern nur dass die herkunft des wortes zu seiner zeit vergessen war. 
S. 19 ist das schmalkaldische, also eigentlich nicht in den hessischen Wort- 
schatz gehörige adv. au fufig, fungst, fotüc als uuerklärbar nach seinem 
orsprong angefahrt. Und doch liegt er auf der band , wenn man nur 
beachtet, dass diese mundart, wie so viele thüringische und Tränkische, 
ng häufig £&r nd setzt, ftmy also >» fund, fungst ^ fundst gilt fnnd, 



192 bOckebt 

oder anschaulicher fundst ist das hochdeutsche vollends. Auch andere 
mitteldeutsche dialecte verwenden ihr funds, fonds ganz so wie der 
schmalkaldische sein fängst. EQer zu lande kann man es jeden augen- 
blick hören. Au ist natürlich auch, wie in ausetner, ausegrad, die Yil- 
mar auf derselben seite^ gleichfalls ohne erklärung, anfuhrt, atAcli so 
nuere ebenso lieb, also ganz so wie das oft besprochene ostfränkische 
ebensomähr, woraus endlich ein ebensgeschnä oder dergl. werden 
konte: ausegrad, eine entschieden jüngere bildung, die sich von selbst 
erklärt; jünger deshalb^ weil die bedeutung des gerad, das das dunkel 
gewordene nujere ersetzen soUte, sich in dieser art erst seit dem 17. Jahr- 
hunderte entwickelt haben wird. — Dasd bal in dem niederhessischen 
Ortsnamen Balhorn auf das bekante gotische usw. halva- zurückgeht , ist 
sicher, aber ob dies ursprünglich die bedeutung von totenbrandstätte 
gehabt hat, mehr als zweifelhaft. Yilmar dachte dabei vielleicht an 
das altnordische hol, ags. had, rogus, das, abgesehen von dem a, 
bisher auf Continental deutschem boden nicht aufgetaucht ist — Das 
niederhessische de^oier enclitisch de^ im gebrauche gleich dem hoch- 
deutschen iAr, wird als plural des pronomens zweiter person erklärt, 
während es J. Grimm , wie Yilmar selbst anführt , richtiger für den dual 
\ erklärt hatte. Denn das altnordische ^r neben er — (e wird wol in bei- 
den formen ursprünglich lang sein und sich nur gerade so wie im neu- 
hochdeutschen althochdeutsches wir und ir almählich gekürzt haben) — 
beweist doch für das hessische nichts, das jedenfalls hier kein r für ein 
ursprüngliches s im auslaute gehabt haben wird, weil das spedfisch 
nordisch ist Ein s aber wirft der dialect nicht ab , wol aber ein r gele- 
gentlich. Dass eine wirkliche pluralbedeutung darin ist, bezweifelt nie- 
mand, so wenig wie in dem bairisch- österreichischen ess, öss, dess, döss, 
oder in den genetiven , dativen , accusativen enker, enk, die deshalb doch 
stets historisch für dualformen angesehen worden sind. Das vulgäre 
durch ganz Deutschland verbreitete wort extern — es lebt nicht etwa bloss 
in Hessen, Westerwald, und im Hennebergischen , wie man durch p. 96 zu 
glauben verleitet werden könnte — hat das Deutsche Wörterbuch an 
zwei steUen besprochen und das einemal mit extra, also gleichsam extra 
ärgern, in Verbindung gebracht. Doch wird man, wie es auch schon 
von anderen geschehen ist, eine anlehnung an das thema gotisch a^s, 
zunächst an das althochdeutsche egisöt, wahrscheinlicherfinden, weil aus 
eMra,, nach der analogie aller ähnlichen bildungen, wol kein extern ^ son- 
dern ein cxtrwren oder exterieren hätte werden müssen. Aber noch näher üi 
der bedeutung liegt das wurzelhaft mit dem anderen identische, im begriffe 
aber selbständig entwickelte althochdeutsche agi, egi, eifer, mühsames 
tun. Dass unser wort so spät auftaucht, beweist nichts gegen sein nrfd- 



ÜBBR DEUTSCHE MÜHDARTL. LITTBRATTJB 193 

tes leben. Im einzelnen wäre es dann eine auch sonst sehr interessante 
bildnng mit demselben motive -s/r, althochdeutsch ^star, was wir in 
2a^r usw. kennen. Nach der analogie von got ga-^imvistron wäre also 
ein ayistron anzusetzen. Bei exfern wird man durch den gegen- 
satz an das schwierige feiig s. 100 erinnert, schwierig nicht seiner 
bedeutnng nach, über die kein zweifei bestehen kann, aber woher stamt 
es? Am verbreitetsten ist es bekantlich im angelsächsischen, aber 
auch friesisch und niederdeutsch, wie es scheint durch alle sprachperio- 
den; mit dem hochdeutschen feil hat es nichts zu tun, obgleich das angel- 
sächsische faie einem feilt entsprechen könte. Greins Vermutungen 
(Ags. Sprachschatz 1, 276), wo aber die zwei sicher im angelsächsischen 
vorhandenen gleichlautenden nur durch die quantität verschiedenen Wör- 
ter zusammengeworfen werden, die einmal nach diesem feilt oder alt- 
nordisch fcdr, und dann wider nach dem heutigen englischen fdiac hin- 
gehen, werden niemand befriedigen. Das mittel - und neuenglische /«Jar^ 
fdlaw ist doch nichts weiter als das direct aus dem altnordischen ein- 
geführte fSlag, felagi, socitis. — Schon früher ist von uns darauf hin- 
gewiesen worden, dass das wort sich in oberdeutschen Sprachdenkmälern 
sehr selten, aber denn doch gelegentlich findet. Ja dort ist auch das 
priraiidv davon anzutreffen. Nicl. v. Wyle Transl p. 54 , 23 ; 353 , 26 
braucht jfo/e des gdückes für gunst des geschickes. Entschieden ober- 
deutsche beispiele liefert übrigens schon Ziemann aus Oberlin und andern. 
Yifanar hat auf jede etymologie verzichtet, hätte aber doch auf Deut- 
sches Wörterbuch 3, 1430 verweisen können, wo unter fehlig sich viel 
zusammengetragen findet. 

Hessen und Thüringen zugleich, das „mittelbinnendeutsche^^ 
gebiet ~ wäre nicht Binnendeutsch schon bezeichnend genug? - berücksich- 
tigt die Inauguraldissertation von Ernst Wülcker aus Frankfiirt a. M., 
der somit seiner herkunft nach gleichfalls dem mitteldeutschen idiom 
angehört, wenn wir seinen begriff, wie es oben geschehen ist, systema- 
tisch fixieren und im wesentlichen mit dem des fränkischen stamelemen- 
tes nach seiner geschichtlichen fassung zusanmienbringen. Der eigent- 
liche kern der 64 selten starken abhandlung ist durch den titel genügend 
bezeichnet: vocalschwächung, d. h. das herabsinken der reinen a- 
i- und f«- laute, die ersetzung gewisser diphthonge durch einfache län- 
gen, insbesondere des m, <a, io, ie; tm, tw^ ue durch i resp. ä, und 
verwante erscheinungen. Zum teil fällt der begriff der vocalschwächung, 
wie er hier gefasst ist, mit dem des beilautes zusammen, wie ihn einst 
Weinhold zunächst für den alemannischen vocalismus durchzufuhren ver- 
sucht hat Man weiss, dass er auf grossen widersprach gestossen ist 

SKTBOBR. V. DBUTBCHB PHILOL. BD. HI. 13 






194 BÜCKEBT 

und den von ihm aufgestellten neuen terminus selbst wider aufgegeben 
hat; aber die sache bleibt deshalb doch richtig. Seine Zusammenstel- 
lung beweist, dass selbst in jenem oberdeutschen dialecte, dem man nicht 
ohne Ursache das stärkste gefuhl für die reinen vocalischen klänge zu- 
schreibt, seit uralten zeiten eine menge von alterationen desselben sich 
eingeschlichen haben. Der „ beilaut '^ berücksichtigte Yornämlich nur das 
verhalten des a und sein „ unmotiviertes ,'^ d. h. weder als brechung noch 
als Umlaut in Giimms sinne zu erklärendes abweichen nach dem e und 
Oy aber was für das a gilt^ könnte auch für die andern beiden reinen 
kürzen, überhaupt für sdle reineren und volleren vocalischen klänge — 
ganz abgesehen von ihrer geschichtlichen Würdigung nur von der empi- 
risch - phonetischen seite her betrachtet — geltend gemacht werden. Dass 
das mitteldeutsche in solchen vocalveränderungen ziemlich weit von der 
richtschnur der lautgeschichte und der früheren und zum teil auch der 
jetzigen Schriftsprache abweicht, ist bekant: es nähert sich darin, wie 
in so vielen anderen eigentümlichkeiten mehr dem niederdeutschen, 
obwol , wie schon die fäUe des sogenannten beilautes bezeugen , auch die 
streng oberdeutschen mundarten nebenbei gleiches hervorgebracht haben. 
Was die letzte erklärung dieser vocalschwächungen anbetrifft, so wird man 
im allgemeinen die ansieht des Verfassers wol gelten lassen dürfen« Er 
sieht darin ein zeugnis für die neigung der spräche, es sich bequem ssa 
machen, im gegensatze zu der grösseren anstrengung, welche das ober- 
deutsche oder die Schriftsprache den Sprachwerkzeugen zumutet. Genaaer 
bestirnt könnte man es so ausdrücken: die Oberdeutschen sprechen mit 
weitergeöffnetem munde, und demgemäss auch sind alle die verschiede- 
nen Organe , welche bei der bildung der einzelnen laute tätig sind , ener- 
gischer in action^ respective energischer entwickelt, als bei den Nieder- 
deutschen. Die Mitteldeutschen halten, wie der name besagt, im gan- 
zen die mitte zwischen beiden. 

Im einzelnen beschränkt sich der Verfasser bei seinen lautbetrach- 
tungen auf die hervorragenderen mitteldeutschen Sprachdenkmäler, die 
im laufe der letzten Jahrzehnte gleichsam erst neu wider entdeckt wer- 
den musten. Sein material kann und soll kein voUständiges sein, obwol 
es an einigen stellen auch schon durch die benützung sehr zugänglicher 
vorarbeiten sich hätte etwas abrunden lassen. So z. b., um die Schwä- 
chung des a in 6 zu belegen, bedurfte es, wenn der verüässer streng 
innerhalb seiner geographischen grenzen bleiben wollte, etwa nur eines 
hinweises auf Pfeiffers eicurs zu Hermann von Fritzlar p. 670. Für die in 
Thüringen massenhaft auftretenden Schwächungen des a zu e würde, ausser 
den belegen in den einzelnen Schriftstellern, eine Verweisung auf Beck- 
steins Ebemand oder seinen Martin von Beheim wol am platze gewesen 



CbEB deutsche kUNDARTL. LITTERATUB 195 

sein. Beferent hat in dem sprachlichen anhange zu seinem Leben des hei- 
ligen Ludwig p. 159 schon früher eine gedrängte Übersicht über die ent- 
wiekelmng und Verbreitung dieses e in den thüringischen Sprachdenkmä- 
lern des mittelalters gegeben. Doch zweifeln wir nicht, dass der 
Verfasser, wenn er seinem schönen Vorsätze treu bleiben und sich in 
der weiteren grammatischen erforschung seines heimischen idiomes ver- 
tiefen wird, uns noch gründlichere und urofassetidere belehrung auch 
über diese interessante materie bringen kann. Der umfang der schrifk 
ist an sich nicht zu eng, aber, wie es bei einer erstlingsarbeit zu gehen 
pflegt, die allgemeineren und allgemeinsten linguistischen gesichtspunkte 
und proUeme, von denen freilich alles tun und forschen im einzelnen 
reguliert wird, üben noch eine so starke präponderanz in dettt geiste des 
ver&ssers, dass er sich immer zuerst ausfuhrlich mit ihnen auseinander- 
setzen zu müssen glaubt, wodurch dann zeit und räum für die eigent- 
liche aufgäbe beschränkt wird. Hier, wo wir nicht in denselben fehlfer 
flBLllen, sondern uns möglichst strict an unser thema halten wollen, ist 
nieht der ort für eine kritik dieser linguistischen theoriecn. Wir bemerken 
nur, dass sie so ziemlich dem „ neuesten '* Standpunkt itti gegensatz zu 
dem J. Orimms angehören, so in der ansiebt über die entstehung der 
IftDgen, der e und o, im einzelnen aber von einem guten sinne für sprach- 
licbe dinge überhaupt erfreuliches und hoiFnungerweckendes zeugnis able- 
gen. Nur ein einziger punkt möge dabei aufs kürzeste berührt werden, 
er betiifft das eigentlich bis zum überdruss schon besprochene gotische 
ai und au vor ä und r. Der verfiasser sieht durin mit der mehrzahl der 
allemeuesten linguisten einfache e- und o- laute, während er dem gotischen 
ai und an, wo es nicht vor // und r, oder wie es Grimm bezeichnete, als 
ni, du steht, seine diphthongische natur nicht streitig mach^ will. So 
oft wir diese ansieht vortragen hören , dünkt es uns höchst verwunderlich, 
wie man dabei einen entscheidenden umstand so völlig übersehen kann: 
ein systematisch auf einmal aufgestelltes alphabetisches System, wie es 
das gotische , gleichviel ob Ulfila als sein Urheber gelten soll oder nicht, 
doch ohne frage ist — wie verträgt sich das mit einer doppelten laut- 
lichen geltung eines und desselben Zeichens? Wer uns (fiesen wider- 
sprach Iftst, dem wollen wir glauben, dass ai e und di ai geklungen hat, 
einstweilen aber bleibt unserer logik nur die doppelte annähme, entwe- 
der sind alle ai, au als e und o gesprochen worden, oder alle als diph^ 
thongen. Uns selbst ist es keinen augenblick zweifelhaft, dass das letz- 
tere der fall war, besonders da die diphthongische ausspräche noch nichts 
über die quantit&t bestimt, die in dem gotischen aiphabet bekantlich 
nnbezeicfanet ist, wie die langen a in fremden namen beweisen, und 
nach \ms^er meinung auch in fahan, hahan, thahö, die unbestimten u 

13* 



/ 



196 BÜCKERT 

und höchst wahrscheinlich auch viele i , e und o, von denen wir die ersteren 
für die länge, die letzteren beiden für die kürze beanspruchen.^ Dass 
aber au, und eben deshalb höchst wahrscheinlich auch (U kurz war, 
beweist bekautlich die form gahaurjdba. 

Über die Werra herüber, die wie einst so auch noch heute Hes- 
sen und Thüringen scheidet^ betreten wir das thüringische gebiet und 
zwar dicht an diese grenze selbst führt uns K Reg eis sorgfiUtige, in 
jeder art musterhafte monographie. Die Ruhl und die Buhler leutchen 
sind neuerdings zu einer wolverdieuten celebrität in ganz Deutschland 
gelangt, und demgemäss mag auch dies streng wissenschaftlicli gehaltene 
stattliche buch vielleicht ausserhalb des engsten kreises der &chgenos- 
sen die neu- oder wissbegierde des grösseren gebildeten publikums anzie- 
hen. Auch ist es so durchsichtig und flüssig geschrieben, dass es sich 
zu solcher Verwendung vor den meisten anderen seiner genossen recht wol 
eignet. Die Buhler mundart ist von jeher schon in der naiven volks- 
auffassung als etwas ganz individuelles erkant worden, wie die leibliche 
und geistige art der leute, die sie sprechen. Daher denn die wunder- 
lichen sagenhaft aufgestutzten Vorstellungen, die von ihi-er herkunft in 
Umlauf sind. Historisch lässt sich nun auch gar nichts ermitteln, ¥ras 
zu der annähme einer blutmischung mit fremden, oder gar zu der noch 
seltsameren einer fremden colonie in Thüringen fuhren könte. Nur so 
viel steht fest, dass die mundart ganz entschieden zu einem complexe 
gehört, der in dem luselsberge seinen geographischen mittelpunkt hat 
In der hauptsache fällt er zusanmien mit den grenzen des altthüringi- 
schen Westergaues, der aber, so viel wir glauben, nicht über den Benn- 
steig nach norden zu reichte, also die Buhl selbst nicht mit umfasste; 
wider ein beweis, dass die gaugrenzen keineswegs an sich identisch 
oder auch nur in beziehung sind zu den ethnographischen grenzen» wie 
wir das schon oben ausführten. Daraus erklärt sich die innige berüh- 
rung der mundart mit den hennebergischen , also mit wesentlich frän- 
kischen, im gegensatz zu dem nichtfränkischen, aber mitteldeutschen 
typus des thüringischen. Gebrochene vocale und diphthonge, von denen 
sie winmielt , tun dies unwiderleglich dar. Einiges ist dann noch auf die 
einflüsse des bodens und der läge zu rechnen: eine liflmdart im hoch- 
gebirge und engen waldtälern gestaltet sich anders als in einem brei- 
ten wiesentale und auf flachen hügelzügen. Unmöglich wäre es aber 

1) Gegenwärtig abhandlnng hatte die redaction bereits zngeeant erhalten noch 
bevor Ad. Uoltsiuanns altdeutsche grammatik erschien, in welcher ähnliche ansiehten 
Ober die doppelte quantitat des gotischen a ausgesprochen sind. Red. 



ÜBBB DBUT8CHE MUNDAHTL. LITTERATUR 197 

freilich doch nicht, dass sich auch wirklich fremde elemeute beigemischt 
hätten. Der Verfasser sucht zu begründen, dass eine starke einwande- 
rang von Böhmen her stattgefunden, und dass auf diese art in die lautr 
gebung und auch in das Wörterbuch einiges slavische sich eingedrängt 
habe. Doch liesse sich das auch anders ansehen; die für slavisch gehal- 
tenen laoieigentömlichkeiten können durch jene localeinflüsse erklärt wer- 
den, und einzelnes aus den verschiedensten slavischen idiomen ist auf 
eine meist nicht mehr nachweisbare art in sehr viele deutsche mundarten 
gekommen, ohne dass man dabei an slavische einwanderung denken durfte. 

Zu der entgegengesetzten ostgrenze Thüringens ffihrt uns Bech- 
steins Matthias von Beheim. Es ist wol nicht mehr nötig daran zu erin- 
nern, dass der name Matthias von Beheim nur den besitzer oder veraulasser 
dieser evangelienübersetzung , nicht den Verfasser bezeichnet, der einst- 
weflen noch unbekant ist. Aber es liegt nahe in ihm einen landsmann 
des Matthias zu sehen, auch widerspricht einer solchen annähme nichts 
in der spirache oder in dem sonstigen Inhalte des werkes. Wie hoch- 
wichtig es för die innere deutsche culturgeschichte ist, dies ist hier 
nicht der ort auszufShren, auch haben schon theologen und Sprachfor- 
scher darauf hingewiesen. Nur eines sei erlaubt anzudeuten : das werk 
gehört entschieden jener reformatorisch -asketischen richtung an, die bis 
jetzt noch unter den wenig treffenden namen der deutschen mystik unter- 
gesteckt zu werden pflegt. Es ist aus demselben geiste geboren, der in 
den populären tractaten der Gottesfreunde und verwanter männer des 
Südens so allgemein bekant und anerkant ist Aber dass dieselbe bewe- 
gong der geister sich auch von dem Süden und westen Deutschlands 
bis an die äussersten grenzen gegen den osten fortgesetzt hat, ist bis 
jetzt weniger beachtet, und jedes zeugnis dafür ist besonders wertvoll. 
Übrigens lässt sich dartun, dass dieselbe bewegung noch viel weiter bis 
an die damalige grenze deutscher zunge fortgeschritten war und z. b. 
in der Lausitz und in Schlesien eine ganz respectable litterarische tätig- 
keit erzeugte. Keiner dieser geistlichen tractate, so weit wir sie ken- 
nen, lässt sich freilich mit den hervorragenden leistungen der Basler und 
Strassburger , oder auch der Mittel- und Niederrheinländer vergleichen, 
aber sie sind in ihrer art doch immerhin gut genug, sowol was die form 
als was den Inhalt betriift. Schon vor einer reihe von jähren dachten 
wir daran einige der interessantesten zu publicieren , da sich dafür keine 
passende gelegenheit finden wollte, so sind sie bis jetzt nur als quellen- 
material für die geschichte der mundart jener gegenden benutzt worden. 

Dass sich das mUtelste dtäsch dieser Übertragung nicht sehr indi- 
vidnel von anderen gemein - mitteldeutschen werken der zeit heraushebt, 
lässt sich von vornherein begreifen und kann von jedem leicht mit 



19iB aüCKXBT 

oinem blicke ergehen werden, wenn er die grammatiscke Zusammenstel- 
lung , die der herausgeber in der einleitung gegeben , zu rate zieht Alle 
^Iche werke, die doch immer für ihre zeit gebildete, ja gelehrte yer- 
fasaer und ein^n relativ gebildeten leserkreis yoraussetzen , schreiben 
ein ziemlich gleichförmiges deutsch, das im wesentlichen noch an die 
gebildete Schriftsprache des dreizehnten Jahrhunderts oder an dafi eigent- 
liche Mitt^lMocbdeutsch, nur mit abstreifung seiner feineren vocalbezeich- 
uung, mit nichtachtung seiner feinen gehörunterschiede för die h&rte und 
weiche der consonanten u. dergL sich anlehnt. Im bewusteein der 
Schreiber solcher und ähnUcber werke bezeichnet daher das mittelste 
dutsdi nichts weiter als die allenthalben giltige gebildete Schriftsprache 
in der besonderen fassung, ¥rie sie in dem innem Deutschland gewöhnlich 
war. Ebenso gut hatten auch die Schöffen des niedersächsischen Mag- 
deburg ihre möglichst rein allgemein deutsch geschriebenen Weistümer, 
die sie nach Mitteldeutschland hin verteilten, als mittelstes dutsch bezeich- 
nen können > ohne etwas anderes damit besagen zu wollen, als dass sie 
oder ihr stadtschreiber sich so gebildet als ihm möglich war ausdrückte. 
Die existenz einer ihnen selbst bewusten freien mitteldeutschen Schrift- 
sprache darauf zu gründen, wozu Franz Pfeiffer nicht übel lust hatte 
und andere mit ihm aus Verehrung für ihn, ist einfach geschichts- und 
sachwidrig. Es gibt in den damaligen grenzen des deutschen Volkes 
neben der gemeindeutschen Schriftsprache nur noch eine mittelniederlän- 
dische in zahlreichen denkmälem vertretene und eine mittelniederdeut- 
sche. Die gemeindeutsche Schriftsprache f&rbt sich nut dem hervor- 
brechen des realistisch -volkstümlichen elementes mehr und mehr im laufe 
des 14. und in der ersten hälfte des 15. Jahrhunderts örtlich, nach den 
localmundarten, doch ohne sich dessen bewust zu werden und etwa eine 
separatösterreichische oder separatschwäbische spräche begründen zu wol« 
len. .Nur die immer schärfer einschneidende Sonderstellung der eidge- 
nossen bringt es mit sich, dass im 15. Jahrhundert wiiklich eine art 
schweizerdeutscher litteratursprache mit vollem bewustsein ihrer selbst 
sich auftun , aber , wie bekant , nicht lange blühen konte. Dass die ver- 
schiedenen Schriftwerke nach der zeit, nach der grösseren oder gerin- 
geren bildung der einzelnen orte — die gebildetsten sind damals die süd- 
und mitteldeutschen reichsstädte — und nach der Stellung der Verfassung 
in sehr verschiedenen mischungsverhältnissen von dem localdialecte inÜciert 
sein können , versteht sich von selbst ; die rohesten sind die privatufkon- 
den der ritterschaft , und etwas minder roh die der dörfer und kleineren 
Städte. Aber auch diese haben nie die absieht , ihren localdialect wider- 
zugeben, so wenig wie heute ein unwissender dorfschulze sie hat, wenn 
er ein lächerliches deutsch zusanmienstoppeli 



ÜBER DBUTBCHB MUXDABTL. UTTBRATUB 199 

Diese betrachtung fflhrt uns ganz natargemäss hinüber zu der zu- 
letzt au%ezflhlten stndie von E. Opitz über Luthers spräche. Denn 
das „gemeine deutsch/' das „deutsch der kaiserlichen und kurfürstlichen 
kanzleien/' dessen er sich immer erfolgreicher zu bem&chtigen strebte, 
bis er es als wirklicher herscher nach seinem eigenen genius handhabte 
und weiterbildete, ist doch eigentlich jenes mittdste deutsch, und die 
dialeetischen oder localen eigentümlichkeiten , die er hinzugetragen hat, 
teilweise um sie später selbst wider aufisugeben, teilweise um sie der 
ortiiographie und ausspräche des neuhochdeutschen dauernd einzuverlei- 
ben, sind auch nur mitteldeutsche, dasselbe wie jenes andere element, 
nur einen oder mehrere töne volksmässiger und insofern roher gefärbt 
Opitxs anspruchsloses schriftchen ist in dieser hinsieht durch gegenüber- 
stellung von lutherischem deutsch aus seinen verschiedenen perioden 
recht lehrreich. Ohne grosse mühe , auf einen blick , sieht man , wie die- 
ser autor audi um die äussere form seiner Schriften sich fortwährend 
mit Überlegung gemüht hat. Die Verbesserungen waren nicht bloss ver- 
meinÜidie, nach subjectiven gesichtspunkten giltige, sondern wirkliche, 
insofern sie immer mehr jenes allgemein deutsche moment des „gemeinen 
deutsch " zm* geltung zu bringen suchten , was zuletzt auf mittelhochdeut- 
scher historischer basis ruht und sich damals noch am meisten lebendig in 
dem südlichen abschnitt des mitteldeutschen, also in den rhein- und 
mainfrftnkischen mundarten vertreten fand. Denn Schwaben und Baiem, 
obgleich dem gemeindeutsch soviel näher als die eigentlichen Nieder- 
deutschen , versuchten doch , wie bekant , sich noch auf lange hinaus von 
diesem wahren neuhochdeutsch frei zu halten, zum teil wol, aber doch 
nicht ausschliesslich , weil es zur officiellen spräche der ketzerei ausgear- 
tet war. — Ausserdem wäre dem lehrreichen schriftchen vielleicht nur 
zu wünschen, dass seine grammatische oder sprachgeschichtliche grund- 
lage , so weit es auf eine solche sich stützt , etwas sicherer wäre. Sein 
ver&sser ist zu sehr von autoritäten abhängig und zu wenig mit selb- 
ständiger forschung gerüstet So z. b. wenn er (s. 9) sagt: „das feh- 
len des Umlautes, der sich bekantlich im mitteldeutschen nur auf das a 
erstreckt," so würde ihm eindringendere beschäftigung mit dem mittel- 
deutschen, oder da dies ein unendlich ausgedehntes gebiet ist, mit dem 
heimatsdialect Luthers , wofür der des Mansfeldischen Unterlandes — nicht 
etwa der seines väterlichen stamortes Mühra — zu rechnen ist, leicht 
gezeigt haben, dass alle und jede umlaute, die das mittelhochdeutsche 
oder das neuhochdeutsche besitzt, auch damals schon vorhanden waren, 
im mitteldeutschen oder in dieser mundart , nur freilich zum teil in ande- 
rer ausdehnung und bedingung als dort oder jetzt Dass Schreiber uird 
später auch manche drucker gelegentlich den umlaut noch nicht bezeich- 



200 KÖHLEB, ZU WIELAKD 

nen, darf damit nicht verwechselt werden, wie es der herr Verfas- 
ser tut laut seiner eigenen werte (s. 9): „wenn er (der umlaut) sich in 
der Leipziger ausgäbe findet, so ist dies sicher eigene zutat des setzers/^ 
Oder wenn er, um das e in erbeit zu erklären, an demselben orte sagt, 
„noch jetzt soll die form erben für arbeiten aus dem munde thüringischer 
landleute vernommen werden/^ Der Verfasser lebt in Naumburg ; er hätte 
dort , wie überall in Thüringen , gelegenheit gehabt , diese form als die 
einzige — freilich nicht erben, was beerben ist, sondern erbeten zu 
hören. Dicht daneben wird das citat eines o für a aus demselben busspsalm 
der Leipziger ausgäbe „gegoffet'*^ in gelioffet zu verbessern sein (Ps. 143, 8), 
entsprechend dem lateinischen in te speravi, denn ein goffen für gaffen 
ist nicht wol denkbar. Die mitteldeutschen mundarten insgesamt haben 
umgekehrt eher die neigung ein gemeindeutsches o vor f oder , ¥rie es 
in geschärften silben geschrieben wird, ff in a übergehen zu lassen. 

BRESLAU, JUNI 1870. H. RÜCKERT. 



/EIN DRUCKFEHLER IN WIELANDS WERKEN. 

Eine stelle im sechsten buche von Wielands Qandalin oder Liebe 
um Liebe lautet in den drei ersten ausgaben dieses gedichtes (Teutscher 
Merkur 1776. III, 102; Wielands neueste Gedichte, II. Theil. Weimar 
1777. s. 92; Wielands Auserlesene Gedichte, Band II. Leipzig 1784. s. 262): 

Wozu dich selbst so quälen? (flüstert 

Der Engel ihm zu) Du bist aus Thon 

Gebildet wie jeder Erdensohn, 

Bist mit den Thieren des Feldes verschwistert, 

und unterworfen dem Getä usch 

Der Leidenschaften wie alles Fleisch. 

Statt des tadellos gebildeten, auch von Klopstock, Georg Jacobi 
und Voss gebrauchten ^ und an unserer stelle ganz treffenden Wortes 
getäusdi haben alle Göschenschen gesamtausgaben der werke Wielands 
(bd. 21 der ausgäbe von 1796, s. 75 der quart-, s. 79 der grossoctav-, 
s. 100 der kleinoctav - ausgäbe ; bd. 21, s. 115 der ausgäbe von 1825; 
bd. 10, s. 233 der ausgaben von 1839 und 1854) und die neueste in 
Hempels vertag erschienene ausgäbe von Wielands werken (bd. 4, s. 200) 
das unsinnige geräusch. 

WEIMAR, APRIL 1870. REINHOLD KÖHLER. 

1) S. W. Hoffmanns Wörterbuch der deutschen spräche Ü, 594 und D. San- 
ders Wörterbuch II, 1294. 



201 



ADOLF HOLTZMANN. 

Adolf Kabl Wilhblm Holtzmanv war geboren am 2. mai 1810 zu Karlsruhe, 
als der dritte von fünf geschwistem, von welchen noch zwei brüder, der eine in 
Baden, der andere in Würtemberg, sich in kirche und schale eine hervorragende 
Stellung nnd hohe Verdienste erworben haben. Der vater, Joh. Mich. Holtzmann, 
ans Speier gebürtig, war professor am lyceum zu Karlsruhe. Er starb schon 1820 
und es war nur mit Schwierigkeit, dass seine söhne sich ihre laufbahn ebneten. 
Adolf Holtzmann hat seine Studienjahre anstatt der ersehnten Sprachwissenschaft der 
theologie zuwenden müssen, und noch im raannesalter nahm ihm ein andersgeartetes 
amt sum grossen teile die kraft und zeit weg, die er seinen forschungen hätte wid- 
men mögen. Dazu kam der umstand, dass die sprachwissenschaffclichen Studien in 
jener zeit erst noch im werden begrifTen waren, dass die beteiligung an ihnen nur 
mit mühe nnd aufwand zu erlangen war. Auf diese hemmnisse hat Holtzmann in 
der vorrede seines letzten buches mit vollem rechte hingewiesen. 

Yom lyceum zu Karlsruhe im herbst 1828 entlassen bezog er zunächst die 
Universität HaUe, um theologie zu studieren; wante sich jedoch schon zu ostem 1829 
nach Berlin , wo er bis ostem 1831 blieb. Nach Berlin zog ihn hauptsachlich Schleier- 
macher, dessen Übersetzung der platonischen dialoge ein vom vater ererbtes Studium 
Holtzmanns und seiner brüder bildete. Sprachwissenschaftliche Vorlesungen hörte er 
wahrend dieser zeit nicht, obschon er sich damals schon mit der litteratur dieses 
fiiches bekant gemacht hat. Im juni 1831 bestand er das theologische examen in 
Karlsruhe und trat sodann als vicar in Kandem ein. Allein sein entschluss stand 
bereits fest zur Sprachforschung überzugehen. Er richtete an die regierung ein gesuch 
um Unterstützung zu diesen Studien, deren hohe bcdeutung er mit dem hinweise auf 
die werke Jacob Grimms, Bopps, Wilhelm von Humboldts und auf die in Preussen 
anerkante Wichtigkeit der Sprachwissenschaft für die höhere Schulbildung begründete. 
Erst im sommer 1832 ward ihm die Staatsunterstützung zu teil, die es ihm' möglich 
machte zunächst in München zu studieren. Hier hörte er bei Othmar Franck Sans- 
krit, bei Neumann über Armenisch und Chinesisch ; besonders aber arbeitete er unter 
Schmellers leitung auf der bibliothek. Nach einem jähre kehrte er nach Karlsruhe 
zurück und legte zunächst im winter 1833 auf 34 einem kleinen kreise, an welchem 
sich namentlich die lycealprofessoren beteiligten, die ergebnisse seiner studien in 
einigen Vorlesungen vor. Im märz 1834 begab er sich zu weiterer ausbildung nach 
Paris. Hier schloss sich Holtzmann hauptsächlich an Eugene Bumouf an, dessen 
Vorlesungen im College de France er besuchte. Auch mit Silvestre de Sacy ward er 
bekant. Für sich arbeitete er auf der damals königlichen bibliothek sowie in den 
samlungen der Asiatischen gesellschaft , zu denen Bumouf ihm den zutritt verschafft 
hatte. Im winter nach Karlsruhe zurückgekehrt, erwarb er sich die mittel zu einem 
zweiten aufenthalt in Paris, indem er vom sommer 1835 bis ebendahin 1836 als 
bofmeister in einem legitimistischen grafenhause in der nähe von Grenoble tätig war. 
Im august 1836 vollendete er zu Karlsruhe die ausgäbe der fränkischen Übersetzung 
des Isidor de nativitate domini , die er 1834 auf der Pariser bibliothek abgeschrieben 
hatte. Masterhaft; ist die Sorgfalt und klarheit sowol in der widergabe des textes, 
wie in der darlegung der Sprachregel und des Sprachschatzes. Eine reihe von scharf- 
tiimigen bemerkungen, auch über gotische grammatik, sind eingefügt. Der zweite 
anfentiialt in Paris vom herbst 1836 bis 1837 scheint namentlich den orientalischen 
sprachen bestirnt gewesen zu sein. Daran wünschte Holtzmann eine reise nach Eng- 



202 MABTIN 

land zu schliessen, auf welcher namentlich die hinterlassenschaft des F. JnnioA in 
der Bodlej anlachen hibliothek zu Oxford ausgebeutet werden sollte. Zu dieser reise, 
die bis in die letzten jähre ein lebhafter wünsch des verstorbenen blieb, kam es 
jedoch nicht. Grossherzog Leopold berief ihn im november 1837 als enidier seiner 
beiden jüngeren söhne, der prinzen Carl und Wilhelm. 

Diese stelle bekleidete Holtzmann eine geraume zeit lang. Die freie zeit, die 
ihm dabei blieb, benutzte er zur Verwertung seiner Pariser Studien, namentlich auf 
dem gebiete der orientalischen sprachen. Die ergebnisse sind teils ausgaben, so die 
des Indravidschaja , einer episode des Mahabharata (Karlsruhe 1841) ; teils Übertra- 
gungen, in welchen der kühne versuch gemacht ist, aus der überlieferten gestalt der 
indischen epen die ursprünglichen erzahlungen widerherzustellen. — Dieser ait nnd 
die bruchstücke aus Walmikis Ramajana (Karlsruhe 1841, in zweiter vermehrter auf- 
läge 1848), und die aus dem Mahabharata geschöpften Indischen sagen, in drei tei- 
len (Karlsruhe 1845—47 und in zweiter verbesserter aufläge Stuttgart 1855); — 
teils endlich einzelne abhandlnngen , welche wol als Holtzmanns bedeutendste leistnn- 
gen in diesem Zeiträume bezeichnet werden dürfen. In kurzer, knapper form teilen 
sie Untersuchungen mit, deren ergebnisse gröstenteils ein bleibender gewinn für die 
Sprachwissenschaft und die orientalische litteraturgeschichte sind. In der abhandlimg 
„Über den griechischen Ursprung des indischen üerkrebes'' (Karlsruhe 1841) ward 
eine ganze litteraturepoche, welche die speciel indischen philologen Schlegel und 
Lassen um ein Jahrtausend zu früh angesetzt hatten ^ mit überzeugenden gründen 
richtig bestimt. Die schrift über den umlaut (Karlsruhe 1843) trat einer irrigen anf- 
fassung J. Grimms entgegen; die über den ablaut (Karlsruhe 1844) bestimte nicht 
nur zuerst den undeutlich überlieferten accent des Sanskrit, sondern wies auch dessen 
Wichtigkeit fQr die indische und deutsche Sprachbildung nach. Die durch Bumouf und 
Lassen zuerst sprachwissenschaftlich begonnene entzifferung der keilschrift ertiielt eine 
wesentliche förderung durch Holtzmanns „Beiträge zur erklarung der persischen keil- 
inschriften ^' (I. heft, Karlsruhe 1845), woran sich mehrere aufsatze in der zeitsdirift 
der deutiKshen morgenl&ndischen gesellschaft , im Y., VI. und YIU. bände (Leipzig 
1851 — 54) anschlössen. Einzelnes aus den zuletzt erwähnten Untersuchungen hatte 
er auf der philologenversamlung zu Berlin 1850 vorgetragen. Ausserdem besprach 
Holtzmann die gleichzeitige fachlitteratur in den Heidelberger Jahrbüchern in reeen- 
sionen, die zum teil den erwähnten abhandlnngen zu gründe liegen. 

Trotz dieser zahlreichen nnd wertvollen arbeiten beklagte Holtzmann, die sei- 
nen forschungen bestimte zeit durch sein amt geschmälert zu sehen. Freilich bot 
dies in anderer hinsieht vieles zum ersatz. An äusseren ehren fehlte es nicht; den 
titel als Professor hatte Holtzmann beim antritt seiner erziehertätigkeit erhalten, 
1848 ward er zum hofrat emant. Auch die orden vom Zähringer löwen und der 
preuBsische adlerorden dritter klasse wurden ihm verliehen. Doch bewahrte Hote- 
mann inmitten des hofes die volle Unabhängigkeit seines Charakters. Seine gerade 
natur , sein gelehrtenmf verschafften ihm eine bei aller Zurückhaltung geachtete Stel- 
lung, an welcher auch die stürme des Jahres 1848 nichts änderten. 

Im Jahre 1849 verlor die Universität Heidelberg durch den Wegzug K. A. Hahns 
nach Prag den bisherigen Vertreter der deutschen philologie. Da eine ordenüiohe 
Professur für dieses fach erst geschaffen werden muste, so verzögerte sich Holti- 
manns berufung in die ihm zugedachte stelle bis zum frühjahr 1852. Gleidizeitig 
wurde er von der philosophischen facuhät zum ehrendoctor emant. Im winter darauf 
begann er seine Vorlesungen, deren gegenstände nach dem ausweise der leotioMrer- 
Miehnisse die folgenden waren. Regelmässig jedes Semester las er über Sanskrit- 



ADOLF HOLXKMAinV 90$ 

grammatik mit fibungen, woraa sich im winter 1857 auf 58 ein zweiter carstu, die 
erklärang der Sakuntala seit sommer 1856 zweimal, die des Wolkenboten 1856/57 
ansehlofis. Vergleichende grammatik der indogermanischen sprachen behandelte er 
seit 1853 dreimal, deutsche grammatik seit 1854 yiermal; veranstaltete Übungen im 
Gotischen 1862/63, im Althochdeutschen 1867/68, im Mittelhochdeutschen 1866; 
erklarte ausgewählte stücke aus Wackemagels Altdeutschem lesebuch seit 1853 vier- 
mal; las über Altnordisch (ältere Edda) seit 1856/57 viermal, über Angelsächsisch 
(Beowulf) seit 1856 viermaL Das Nibelungenlied erklärte er seit 1857 zehnmal, nach* 
dem er schon 1853 darüber gesprochen hatte; die gedichte WaUhers 1862. Beson- 
ders oft b^iandelte er die geschichte der deutschen litteratur , teils ohne grenzbestkn- 
muag seit 1865/66 fünfmal, oder von anfang bis ins 19. Jahrhundert seit 1853/54 
zweimal, oder bis auf Schillers tod seit 1862/63 fünfmal, oder endlich bis zum 
18. Jahrhundert seit 1858/59 dreimal ; — teils geteilt , bis zu ende des 15. jahrfaon- 
dertfi oder bis zur reformation seit 1852/53 fonfmal, und von Luther bis auf Göthe 
seit 1855/56 zweimal, von Opitz bis Göthe 1860/61. Über deutsche mythologie trug 
er seit 1854 siebenmal vor und interpretierte die Germania des Tacitus seit 1856/57 
neunmaL In den letzten semestem hinderte ihn sein leidender zustand am abhalten 
der Vorlesungen. 

Die Schriften Holtzmanns, welche nach seiner Übersiedelung nach Heidelberg 
erschienen , beziehen sich mehr auf die deutsche litteratur als auf die früher von ihm 
hauptsächlich behandelte Sprachwissenschaft und orientalische litteratur. Bei dem 
antritt seines academischen amtes veröffentlichte er eine abhandlung ,^Über das ver- 
hÜtnb der Malberger glosse zum texte der lex Salica,'* in welcher er die glossen 
für reste einet ursprünglich fränkischen textes erklärte, dessen spiBohformen weit 
altertümlicher seien als die sonst erhaltenen Sprachdenkmäler. In noch höherem 
grade waren zwei darauf folgende schriffcen gegen die bis dahin giltigen annahmen 
gerichtet. Einmal die „Untersi^hungen über das Nibelungenlied," zu Stattgmrt 1854 
erschienen , obwol die vorrede und die Widmung an F. H. von der Hagen bereits vom 
September 1853 datiert sind. Die hauptsächlichsten schlussfolg^rungen dieser unter- 
euchungen sind: der älteste text des gedichts von den Nibelungen ist in der haod- 
schrift G enthalten ; das gedieht ist nur eine Überarbeitung des von einem schreibee 
Konrad am ende des 10. Jahrhunderts verfassten ursprünglichen Werkes; die sage ist 
dieselbe wie die indische von Eama, die im Mahabharata, wenn auch entstellt, vor- 
liegt. Es ist bekant, welchen streit diese anfstellungen in der deutsehen philologie 
erregten. Um so mehr darf hier von einer beurteüung derselben abgesehen weiden; 
ganz ungeziemend wäre es auf den persönlichen charakter dieses streite« einzugehen. 
Auf die „Untersuchungen über das Nibelungenlied" folgte bald die historisohe Unter- 
suchung: „Kelten und Germanen" (Stuttgart 1855). Der bisher namentlich von den 
grfindem der neueren Sprachwissenschaft angenommenen ansieht entgegen wird darin 
die Identität der Kelten und Germanen aufgestellt und die verwantschaftlidie Verbin- 
dung der ersteren mit den heutigen Gaelen geläugnet. Die übrigen werke Holtz- 
manns aus seiner Heidelberger zeit sind zum teil ausgaben, in denen zumeist der in 
den Untersuchungen als ursprünglich angenommene text der Nibelungen teils mit 
kritisohem apparat (Stuttgart 1857), teils zum schulgebrauch (Stuttgart 1858 und 
1863) hergestellt wurde, aber auch die Klage (Stuttgart 1859) und der grosse Wolf- 
dietrich (Heidelberg 1865), der letztere zum ersten male, erschienen. Zum anderen 
tdle aber waren es zahlreiche aufsätze und recensionen in Pfeiffers Germania von 
1856 ab; die gegenstände der ersteren werden aus dem unten folgenden Verzeichnisse 
ersichtlich sein. Endlich beabsiohtigte Holtzmann noch die fruchte seiner langjähri- 



204 MABTIN 

gen grammatischen Studien auf dem gebiete des Altdeutschen zn sammeln und in 
einem grösseren werke darzustellen. Er konte nur die erste abteilung des ersten 
bandes veröffentlichen, die specielle lautlehro des Gotischen, Altnordischen, Altsäch- 
sischen , Angelsächsischen und Althochdeutschen. Dass die zunehmende krankheit und 
der drohende tod die Vollendung dieses Werkes verhinderten, war ihm in den letzten 
tagen ein besonders schmerzlicher gedanke. Er starb am 3. juli 1870. 

Holtzmann war zweimal verheiratet: seine erste ehe, während seines aufent- 
haltes in Karlsruhe geschlossen , wurde in Heidelberg durch den tod der gattin gelöst. 
Ans beiden eben hatte er kinder, und das glücklichste familienleben war ihm beschie- 
den. Auch an weiterer geselligkeit nahm er gern teil, und obwol in den letzten jäh- 
ren seine Schwerhörigkeit ihm vieles versagte, so erfreute er doch den kreis seiner 
bekanten durch seine liebenswürdige, oft heitergelaunte umgangsweise. Seine ehe- 
maligen Zuhörer rühmen sein freundliches entgegenkommen , das unbemittelten gegen- 
über selbst zur woltätigkeit wurde. Für seine milde anderen auslebten gegenüber 
glaubt der erstatter dieses berichtes dankbar anführen zu müssen, dass Holtzmann 
ihm, trotz seiner in manchen punkten abweichenden wissenschaftlichen Überzeugung, 
die habilitation an der Heidelberger Universität nur erleichtert hat. Diese milde 
beurteilung anderer lässt sich wol als ein zug des süddeutschen wesens auffassen: 
wie Uhland jedem sänger im deutschen dichterwald das recht des hervortretens zu- 
spricht, so urteilte Holtzmann über die Freiheit der wissenschaftlichen bestrebungen. 
Wo er diese durch harte urteile beeinträchtigt glaubte, zögerte er nicht mit schar- 
fer entgegnung. Dass die strenge der auf orderungen , die jeder redliche forscher an 
sich selbst stellen wird, auch anderen gegenüber berechtigt ist, dass sie namentlich 
für die mehrzahl der lernenden eine notwendige schule bildet, erkante er zu wenig 
an ; und er hat daher namentlich Lachmanns auftreten gegen v. d. Hagen entschie- 
den unrecht beurteilt. 

Holtzmanns wissenschaftliche Verdienste liegen mehr auf der grammatischen 
Seite der philologie, als auf der litterarhistorischen. Eindringender Scharfsinn und 
kühnheit der combination waren ihm mehr eigen als das hingebende versenken in das 
wesen eines Schriftstellers, einer dichtungsgattung^ einer litteraturperiode. Er war 
daher auch, wie es scheint, im allgemeinen glücklicher in der behandlung der älte- 
ren sprach- und culturzustände , als in der beurteilung der späteren zeit. > Zwei 
eigenschaften der wissenschaftlichen richtung Holtzmanns sind ganz besonders her- 
vorzuheben: einmal seine grossartige consequenz, die von einem als sicher angenom 
menen punkte aus jede Schlussfolgerung zog; und andererseits seine vollkommene 
Unabhängigkeit des eigenen Urteils. Für diese freiheit der überlieferten Wissenschaft 
gegenüber hat er selbst einmal einen treffenden ausdruck gebraucht, in seinem werke 
über die Kelten: „Eine Wahrheit ist immer fruchtbar, und wenn eine ansieht längere 
zeit festgehalten wird, ohne durch aufschlüsse, die sie bringt, auf entdeckungen, die 
ihre natürliche folge sind, durch licht, das sie fortwährend verbreitet, sich als Wahr- 
heit zu beurkunden , so muss man endlich zweifeln , ob sie mehr sei als eine überlie- 
ferte, aber falsche meinxmg.'* 

Aus dieser Originalität seines forsohens erklärt sich die menge von neuen 
ansichten, die er aufgestellt hat. um so wichtiger erscheint es, dass die kleineren 
abband lungen ^ von welchen einige aus buchhändlerischen gründen keine grosse ver- 

1) Über die neuere blüteperiode der deutschen litteratur hat er nnr eine sohrift 
yeröffentlioht , einen für freunde bestirnten Vortrag, in welchem er Schiller vor dem vor- 
würfe der feiudieligkeit gegen das Christentum in schütz nahm. 



ADOLF HOI/rZMANN 205« 

breitong gefunden haben, von professor Holland gesammelt neu erscheinen sollen. 
Yielleicht ist dann anch ein eingehenderer bericht über das leben und wirken des 
▼erstorbenen zu erwarten, als er hier gegeben werden konnte. Auch der im nach- 
lasse Torgefundene teil der grammatik soll noch veröffentlicht werden , sowie die Vor- 
lesungen über die Germania des Tacitus, deren herausgäbe A. Holder übernommen 
hat. Von diesem hat der berichterstatter einige in die vorstehende lebensubersicht 
aufgenonmiene nachweisungen erhalten; ganz besonders aber ist er bei der ausarbei- 
tnng derselben von der familie des verstorbenen zu danke verpflichtet worden , welche 
über eine reihe von punkten die gütigste auskunft gewährt hat. 

FRBIBÜBG I. B. EBN8T MARTIN. 

VERZEICHNIS DER SCHRIFTEN ADOLF HOLTZMANNS NACH DER 

ZEITFOLGE GEORDNET. 

1836. 1. Isidori Hispalensis de nativitate Domini, passione et resurrectione, regno 
atque judicio epistolae ad Florentinam sororem versio francica saeculi octavi 
quoad superest, ex codice Parisiensi edidit, annotationibus et glossario 
instruxit Adolfus Holtzmann. Carolsruhae 1836. 

1841. 2. Bruchstücke aus Walmikis Ramajana , übersetzt von Adolf Holtzmann. Karls- 
ruhe 1841. 

3. Ober den griechischen Ursprung des indischen tierkreises von Adolf Holtz- 
mann. Karlsruhe 1841. 

4. Indravidschaja. Eine episode des Mahäbhärata, herausgegeben von Adolf 
Holtzmann. Karlsruhe 1841. 

1843. 5. Rama. Ein indisches gedieht nach Walmiki. Deutsch von Adolf Holtz- 

mann. Zweite vermehrte aufläge. Karlsruhe 1843. 
6. Über den umlaut. Zwei abhandlungen von Adolf Holtzmann. Karlsruhe 
1843. 

1844. 7. Über den ablaut von Adolf Holtzmann. Karlsruhe 1844. 

1845. 8. Beiträge zur erklärung de» persischen keilinschriften von Adolf Holtzmann. 

I. heft. Karlsruhe 1845. 

9. Indische sagen von Adolf Holtzmann. Teil L Karlsruhe 1845. 

1846. 10. Indische sagen von Adolf Holtzmann. Teil n. Karlsruhe 1846. 

1847. 11. Indische sagen von Adolf Holtzmann. Teil IE. Karlsruhe 1847. 

1851. 12. in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen gesellschaft, V. band, 

Leipzig 1851 , s. 145 — 178 : Über die zweite art der achämenidischen keil- 
schrift , von hofrat Adolf Holtzmann in Karlsruhe. 

1852. 13. in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen gesellschaft, band VI, 

Leipzig 1852, s. 35 — 47: Über die zweite art der achämenidischen keilschrift, 
von hofrat Adolf Holtzmann. 

14. Über das Verhältnis der Malberger glosse zum texte der Lex Salica. 
Eine abhandlung von Adolf Holtzmann , grossherzoglich badischem hofrat, 
ordentlichem professor der älteren deutschen spräche und litteratur an der 
Universität Heidelberg, ritter des Zähringer löwen- sowie des roten adler- 
ordens dritter klasse , mitglled der deutschen morgenländischen gesellschaft, 
bei eroffnung des neu gegründeten lehrstuhls der deutschen philologie im 
mai 1852 seinen collegen gewidmet 

15. in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem gebiete des 
deutschen, griechischen und lateinischen, herausgegeben von Th. Aufrecht 
und Ad. Kuhn, L band, Berlin 1852, s. 483— 491: Vyäsa und Homer. 



SOS MABTIN, AiXStt HOLTZkANN 

1854. 16. Untersnchnngen über das Nibelongenlied von Adolf Holtzmann. Stuttgart 

1854. 

17. in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen geaeUsehaft, band VIIJ, 
Leipzig 1854, s. 329 — 345: Über die zweite art der achamenidisohen keil- 
schrift, von professor Adolf Holtzmann. Fortsetzung; und s. 539 — 547: 
Neue Inschriften in keilschrift der ersten und zweiten art, von professor 
Adolf Holtzmann. 

18. Indische sagen von Adolf Holtzmann^ zweite verb. aufläge. Stuttgart 1855. 

1855. 19. Kampf um der Nibelunge hört gegen Lachmanns nachtreter. Von Adolf 

Holtzmann. Stuttgart 1855. 
20. Kelten und Germanen. Eine historische Untersuchung von Adolf Holtzmann. 
Stuttgart 1855. 

1856. 21. in Germania, vierteljahrsschriffc für deutsche altertumskunde , herausgegeben 

von Franz Pfeiffer, I. band, Stuttgart 1856, s. 110 — 117. Die alten glos- 
sare L — 217 — 223: Über das deutsche duodecimalsystem. — 841 — 346: 
Regiert die präposition mit den aecusativ? — 462 — 475: Zum Isidor. 

1857. 22. Das Nibelungenlied in der ältesten gestalt mit den Veränderungen des 

gemeinen texte«. Herausgegeben und mit einer einleitnng versehen von 
professor Adolf Holtzmann. Stuttgart 1857. 
23. in Pfeiffers Germania II (Stuttgart 1857) s. 1 — 48: Der dichter des Anno- 
liedes. ;— 214 — 217: Zur und 8u. — 424—425: Das grosshundert bei den 
Goten. — 448-449: Sihora. — 464—466: Min im voeativ. 

1858. 24. Das Nibelungenlied in der ältesten gestalt. Herausgegeben und mit einem 

Wörterbuch versehen von prof. Ad. Holtzmann. Schulausgabe. Stuttgart 1858. 
25. in Pfeiffers Germania HI (Stuttgart 1858) s. 51 — 56: Nibelungen, bruch- 
stüok R. — 307 — 828: Meistergesänge des XV. Jahrhunderts. 

1859. 26. Die Klage in der ältesten gestalt mit den Veränderungen des gemeinen tex- 

tes, als anhang zum Nibelungenlied herausgegeben und mit einem wörter- 
buche und einer einleitung versehen vob prof. Ad. Holtzmann. Stuttg. 1859. 
27. in Pfeiffers Germania IV (Wien 1859), s. 315—337: Nibelungenhandschrift k. 
Der Nibelunger Liet. 

1860. 28. Zur Sohillerfeier. Ein Vortrag, gehalten in der dienstagsgesellschaft zu 

Heidelberg, den 8. november 1859. (Als manuseript tfa den Verfasser 
gedruckt). Heidelberg 1860. 
29. in Pfeiffers Germania Y (Wien 1860), s. 210 — 219: Meistergesänge des 
XV. Jahrhunderts. — S. 444—448: Aus der Colmarer liederhandschrift. 

1861. 30. in Pfeiffers Germania VI (Wien 1861), s. 1 — 24: Das adjectiv in den Nibe- 

lungen. 

1862. 31. in Pfeiffers Germania VII (Wien 1862), s. 196—225: Zum Nibelungenliede. 
1868. 32. in Pfeiffers Germania VIU (Wien 1868), s. 267 — 968: Das gotische adjec- 

tivum. — 385—414: Die alten glossare II. — 489 — 497: Zu Beowulf. 
33. Schuktusgmbe des Nibelungenliedes in der ältesten gestalt, herausgegeben 
und mit einem wörterbuche versehen von professor Adolf Holtzmann. Zweite 
umgearbeitete aufläge. Stuttgart 1863. 

1864. 34. in Pfeiffers Germania IX (Wien 1864), s. 1 — 13: Der namd Germanen. — 

179—191: Das lange a. — 289—293: Zum Hildebrandsliede. 

1865. 35. Der grosse Wolfiietrich, herausgegieben von Ad. Holtzmann. Heidelberg 1865. 
1806. 36. in Pfeiffers Germania XI (Wien 11866), «r. 30 — 69: Althochdentsche glossare 

und gloMron» 



207 

. iD Pfeiffers Gcnuania XU (Wien 1867), b. 257-284: Artos. 

. Altdeatache grainniBtik, anifaeiHeiid die )^tiBche , altnordisohc , altsAchBiaehe, 

uiKebÜuhBiBObv mid olüiuehdeuteche spritche. Von Adulf Holtxmann. I. bd. 

I. abteilongr. Die apecieUt.' lautlehre. Leipzig 1S70. 

JULIUS BEAKELMANN. 

Der gflte des herrn prorwtor dr. I.egetlotz in Soest verdanke ich die nacbsto- 
nden («IvoBtiachrielitcn ülier diesen begabten and kentnisreichen niitarbeitur unserer 
Ktaehiift. der im Iwginneder fruchtbaren cntfaltung seinerwJBsenschaftlifbeii laufbühn, 
I voUatcT Wscher jagendkr&ft den heldeütod fürs dentsebe vattjrland geatorbcö ist. 

FsUDBicH WiLHBLM Jcuua Bkaksuianh , geb. den 2S. jannar 1844. war da« 
« kind einea kanfinanns zu Soest in WeBtfalen. Za einem »ehr kräftigen und 
I knaben heranwaohHend suchte er duuh nur selten die sjiieljilatxe seiner 
. «onden erfreute aich lieber daheim au seinem |inppeatheater oiid «ei- 
au bBcheru. Im bcrbate 1H53 auf da» archigytnDNBinm lu Soest getan, utoehte er 
oloht die von seiner ongewöhDUchea begabnng erwartuten fort^chritte . vielmehr brachte 
BT ea aU scbQtcr der untt^ren klassen nie Kber einen mittleren plabt, wegen entschie- 
dener abneigung gegen manche fiicher, namentlich gegen niathematik und gramma- 
tik. Dm ao eifriger las er. wai er von bist«ri»chen and von werken der dentachen 
und der franiöauichMi litteratnr erhaschen konte, namentlich einen grossen teil der 
•cluiAen Voltaires. &u früh enttrickehe «ich die richtung. die er später eingehalten 
hat Aach der si^hatfenstrieb regte sich tchon nwuhtig in ihm , und fand seinen ana- 
dnct in gedichten and sogar in dramen. von denen sieb brvohataeke erhalten haben, 
die dnrch gedanken und geschick der fomigebnag Sberraaclien. So absonderliche 
Dcjgoagen nnd bestrebungen fanden aber wi.-nig boifall bei seinen mitsohslern , mit 
d«nn niehruhl er deshalb jahrelang aof dem kriegafnMC stand, waa nicht ohne ein- 
finsi Mif Beine weitere eutwickeliing blieb, auf die starkung iles bewnstaeina von sei' 
__ner geiatigen äberlegenbcit und auf aeinc neigang zvi satire. 

Zn Ostern 1859 zog er mit seiner mutter naoh Essen aiid ward in die onter- 
ifida de« dortigen gymnasinms aufgenommen , dem er bis kq seinem abgange anf 
tiUMvanitat im herbste lEiS angehörte. Hier, in den oberen kLuaeu, genügte er 
(flehen der schule in vollständigerer weise, und fand anch ttald bei seinen 
l aoerkenunng und liebe; doch blinben seine wissenschaftlichen neignngeo 
id festigten sich so, d&us er schon als aecundaner sich da« studium der 
und beaonden der romanischen litteraturen xm lebenaaufgabe stcUte. 
I n|;1«ich auch fleissig wichtigere und seltenere bScher ans diesen gebieten aufzu- 
ni nnd tu erwerben trachtete. 
Nach ehrenvollem abiturienteneiamen besochte er von michaelis 1863 bin oatem 
irsität zn Berlin. loiwischon rief ihn der sommer 1866 ina feld, zur 
I Mainteldzuge nnter Vogel von Palckenstein. Während seiner onivcrsi- 
t entsagte ei dem dichten gänzlich , and studierte neben der romanischen ]>hi- 
e anch Heissig und grDndlioh klassische nnd germanische und handachriftenkunde. 
e rotnaiiiacben stndien fanden namentlich forderung in dem unter professor H(t- 
» laittmg stehenden seminare f&r lebrer der neueren sprachen. 

Im april 1867 Dbernahm er eine hanBlehierstelle bei dem herrenbauamitglicde 
D Brinaki zn Samoatriel im regiemngsheairk Bromberg. Die gediegene Icsong 
r |>r«4Mafgabe „Histoire de IVtade d« langiic d'nll'- erwirkt« ihm jetxt eia reise- 



208 JÜLIÜ8 BBAKELXAMN 

Stipendium für Paris, was fiir seinen weiteren lebensgang entscheidend wnrde. Denn 
rasch entschloss er sich nun zur ergreifung der universitätslaufbahn ^ promovierte in 
Göttingen mit einer dissertation über Giovan Francesco Slaraparola da Caravaggio 
(Göttingen 1867. 47 s.) und begann darnach in Paris zunächst die ihm aufgetragene 
abschrift der wichtigen altfranzösischen liederhandschrift Fonds Mouchet 8, während 
er zugleich seine vergleichenden Studien der romanischen sprachen und litteraturen, 
so wie des Vulgärlatein und der mittelalterlichen lateinischen, der mittelhochdeut- 
schen, mittelniederländischen, mittelgriechischcn , bretonischen und altenglischen lit- 
teraturen eifrig fortsetzte. Ans der eingehenden beschäftigung mit der altfranzösi- 
schen lyrik und der durchforschung einer beträchtlichen zahl von liederhandschriften 
erwuchs der entschluss zu einer neuen ausgäbe der Bemer liederhandschrift in zwei 
bänden, welcher sich durch das entgegenkommen des Verlegers bald erweiterte zu 
dem plane einer auf drei bis vier bände veranschlagten vollständigen, chronologisch 
geordneten , und von einleitungen begleiteten kritischen ausgäbe sämtlicher erhaltener 
altfranzösischer lyrischer dichtungen. Von diesem umfassenden und mit methodischer 
kritik durchzuführenden unternehmen durfte die Wissenschaft um so grösseren gewinn 
hoffen, weil die Franzosen selbst, wie Tarbe, Dinaux u. a. , in ihren ausgaben alt- 
französischer lyrischer dichtungen bisher nur unvollständiges geliefert und mit dilet- 
tantischer ungründlichkeit gearbeitet hatten, während den deutschen herausgebem 
Wackemagel und Mätzner ein zu geringes material zur Verfügung gestanden hatte. 
Rüstig ward band ans werk gelegt. Im frühjahr 1869 wurden die Bemer handschrif- 
ten an ort und stelle ausgeschöpft und bald darnach der druck begonnen; im herbste 
desselben Jahres Hess sich bereits der abschluss des ersten bandes im manuscripte 
ersehen, abgesehen von der noch auszuarbeitenden einleitung; am 1. october 1870 
sollte nach dem contractlichen abkommen das manuscript des dritten bandes einge- 
liefert werden. 

Neben diesen weitausgreifenden arbeiten und Studien entstanden noch eine 
reihe von abhandlungen und aufsätzen. So erschienen 

In Herrigs archive für das studium der neueren sprachen und litteraturen : 

Die drei und zwanzig altfranzösischen Chansonniers in bibliotheken Frankreichs, 

Englands , Italiens und der Schweiz. Bd. 42. (1868). 
Die altfranzösische liederhandschrift no. 389 der stadtbibliothek zu Bern. (Fonds 

Mouchet 8 der Pariser kaiserlichen bibliothek.) Bd. 42. 43. (1868). 
Kritischer anhang zu der abhandlung über die Chansonniers. Bd. 43. (1868). 

In Lcmckes Jahrbuch für romanische und englische litteratur: 

Die pastourello in der nord- und südfranzösischen poesie. Ein beitrag zur fran- 
zösischen litteraturgcschichte des mittelalters nebst einem anhange ungedruck- 
ter pastourellen. Bd. 9. (1868). 

Zur Bemer liederhandschrift 231. Bd. 10. (1869). 

Verlorene handschriften. Bd. 11. (1870). 

Recension von TArt d* Amors und li Remedes d*Amors von Jacques d'Amiens 
ed. Körting. Bd. 9. (1868). 

Ausserdem lieferte Brakehnann noch beitrage an eine nicht unbeträchtliche 
zahl von Zeitschriften und Zeitungen: an die grenzboten, unsere zeit, Lehmanns 
magazin, die debatte, den Würtembergischen staatsanzeiger, den Hamburger corre- 
spondenten , die Leipziger illustrierte , die Augsburger allgemeine , die Spenersche, 
die Vossische, die national- und die Rheinische allgemeine zeitung. Es waren das 
besprechungen von büchem, litterar- und kunstgeschichtliche aufsätze» besonders aus 



JX7LIUS BBAKELMAKN 209 

dem bereiche der romanischen weit, politische erörterungen und mitteilungen aus dem 
Pariser leben und treiben. Mit dem französischen und namentlich mit dem Pariser 
leben war Brakelmann so vertraut, dass seine freunde ihn scherzend einen kleinen 
Franzosen nanten, doch war und blieb er durchaus deutsch, wie er auch die seele 
des wöchentlich sich versammelnden Vereins deutscher gelehrten in Paris war. 

Als auf Frankreichs frevelhaften fricdensbruch und angriff ganz Deutschland 
wie eu mann sich erhob, folgte auch Brakelmann am 17. juli freudig und mit Sie- 
geszuversicht dem rufe des königs, um im 16. Westfälischen regimente als vicefeld- 
webel einzutreten. Vier wochen später, am 16. august, starb er zu Mars la Tour 
den hcldentod fSrs deutsche Vaterland. Schon im beginne seiner gelehrten - und sei- 
ner siegeslaufbahn abberufen, hat er doch nicht vergeblich gelebt und gestrebt. 
Mögen diese Zeilen dazu beitragen ihm ein dankbares und ehrendes andenken zu 
erhalten. 

Dreizehn im drucke vollendete bogen seines grossen werke« hatte Brakelmann 
in die heimat mitgebracht; seine bücher und papiere waren verpackt in Paris zurück- 
geblieben. Kurz nach dem tode des herausgebers , muste bei der ebenso schmäh- 
lichen als törichten austreibung der Deutschen im September d. j. auch der Verle- 
ger, der besitzer der rühmlichst bekanten buchhandlung A. Franck, der das werk 
mit Elzevier - typen und Vignetten schön ausgestattet und ein nicht unbeträchtliches 
kapital darauf verwendet hatte, aus Paris weichen. 

Für unsere zeitsdirift hat Brakelmann die beiden in diesem hefte enthaltenen 
anfsatze geliefert: die abhandlung über die Nitharthandschrift und die Strasburger 
eido und die besprechung von Martins ausgäbe des Besant de dien. Auf mein ersu- 
chen hatte er femer zugesagt eine historisch - kritische übersieht der leistnngen und 
bestrebungen auf dem gebiete der altfranzösischen philologic in Frankreich selbst, 
seitdem dort der einiluss deutscher Wissenschaft wahrnehmbar geworden war. Es 
sollte diese arbeit, für welche er bereits seit geraumer zeit matcrial gesammelt und 
zum teil auch schon redigiert hatte, sich über alle fachcr der altfranzösischen Philo- 
logie, über granmiatik, mctrik, accentlehre, Icxicographie , ausgaben und litteratur- 
geschichte erstrecken , und deren äussere und innere geschichte darlegen. „ Es war," 
wie er sich selbst darüber aussprach, „darauf abgesehen, eine Orientierung auf dem 
ganzen felde der Wissenschaft zu geben, und das geleistete in seinem organischen 
zusammenhange, wie das noch zu leistende übersichtlich darzustellen." Auch die Ver- 
tretung der altfranzösischen philologie im höheren unterrichte gedachte er dabei aus 
eigener anschauung zu charakterisieren. Endlich hatte er noch, auf mein mit seinen 
eigenen absiebten zusammentreffendes ersuchen , in aussieht gestellt eine Untersuchung 
des Verhältnisses der deutschen minnesinger zu den nordfranzösischen trouv^res. 

Zum Schlüsse möge noch die äusserung eines bewährten fachgenossen und freun- 
des hier platz finden, welcher mir schreibt: „Ich bin während meines sechsmonat- 
lichen aufenthaltes in Paris, im sonmier 1868, in beständigem umgange mit ihm 
gestanden, habe seitdem öfters briefe mit ihm gewechselt, in welchen er öfters mir 
mit grosser gefalligkeit wissen schaftliclie fragen erledigte, und habe ihn zuletzt ostern 
dieses jahres in Paris gesehen. In seinem Charakter ist ein zug besonders hervorzu- 
heben, seine Offenheit und geradheit Gerade in Paris, wo auf die formen so sehr 
gehalten wird , trat diese eigentümlichkeit auf das schärfste hervor. Mochten anfäng- 
lich manche seiner urteile verletzend, rücksichtslos erscheinen, so trat bei längerem 
Umgänge die ehrlichkeit und mannhaftigkeit , aus der diese urteile hervorgegangen 
waren, um so gewinnender hervor. Den Franzosen im|>onierte gerade dieser charak- 

SamOHR. F. DBUTSCHB PHILOL. DT). III. l4 



210 JÜLIÜB BRAKELMANR 

terzng Brakelmanns ganz besonders. Seine wissenschaftliche bildung zeigte sich auch 
als eine wesentlich durch eigene kraft gewonnene. Als er studierte, wnrden in Ber- 
lin keine Vorlesungen über Altfranzösisch gehalten. Aber was die litteratur des Caches 
bot» hatte er mit seltenem fleisse und seltener genauigkeit sich angeeignet. Seine 
sanilung der altfranzösischen lyriker, die nun wol fragment bleiben wird, wtirde ihm 
einen sehr ehrenvollen namen gewonnen haben. Ich kann den verlust Brakelmanns 
als freund und fachgonosse nur innig bedauern. Sein leben ist seines heldentodes 
würdig gewesen." 

HALLE, WEIHNACHTEN 1870. J. ZACHSB. 



Le liesaiit de dien von Guillaume le clerc de Normandie mit einer ein- 
leitung über den dichter und seine sämmtlichen werke herausge- 
geben von Ernst Martin. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 
18*>9. 8. XLVm und 124 s. n. 1 thlr. 

Das vorliegende didactische gedieht aus dem anfange des 13. Jahrhun- 
derts, nach einer einzigen handschrift der Pariser kaiserlichen bibliothek zum ersten 
male herausgegeben, ist für die spräche und litteratur jenes Zeitraums in gleicher 
weise interessant. Der Verfasser, ein herumziehender dichter, der aus dem dichten 
und recitieren ein gewerbe machte, wie mehrere stellen seiner erhaltenen werke 
beweisen, also ein Jongleur, nennt sich bei verschiedenen gelegenheiten dere; diese 
bezeichnung, wie aucli seine ganze geistesrichtung, zahlreiche anführungen von quellen, 
deren benutzung kenntnis des lateinischen voraussetzt, und anspielungen auf die göt- 
ter - und heldensage des altertums (Martin , XLII ff.) deuten darauf hin , dass er eine 
geistliche erziehung erhalten. Priester ist er nicht geworden, obgleich das stück 2 
der den Besaut enthaltenden handschrift, das der schreiber und Le Olerc ihm bei- 
legen (vgl. weiter unten), in der Schlusswidmung hat: Pteatre sui ordenS — er hatte 
ja weih und kinder (Besant, v. 96 — 98). Seine dichterische tatigkeit war für jene 
zeit ziemlich vielseitig, wie schon seine erhaltenen gedichte, die wol nur einen teil 
seiner sämtlichen werke ausmachen, zur genüge zeigen: es befindet sich darunter 
ein nicht aUzu feines fabliau, ein ziemlich ausgedehntes rittergedicht , das sich dem 
Artussagenkreise einreiht, ein hesHaire allegorisch -moralischen Inhalts, der fast in 
ebensoviel handschriften erhalten ist, als äerBestiaire tTamours des Richard de Fur- 
nival, endlich eine reihe minder ausgedehnter gedichte didactisch- moralischer ten- 
denz, unter welchen der Besant de l)teu nach umfang und Wichtigkeit den ersten 
rang einnimt. Diese werke scheinen sich zum teil einer ziemlich grossen Verbreitung 
und beliebtheit erfreut zu haben , wie für den bestiaire die zahlreichen handschriften 
und die Übersetzung ins Altenglische (Martin XXIII), für den nur in zwei handschrif- 
ten erhaltenen Fregus eine mittelniederländische bearbeitung (ib. XX) zeigen. Ausser 
dem litterarhistorischen interesse der werke Guillaumes ist ihr sprachliches interesse 
nicht gering: die werke, von denen wir nicht allein namen und Vaterland des dich- 
ters und die spräche ,> in der er schrieb, sondern auch die genaue abfassungszeit 

1) Dass diese durchaus nicht mit notwendigkeit aus dem vaterlande des dich- 
ters folge, zeigt z. b. (von Quenes de Bethune nicht zu reden) der Flurimtmt des 
Aymon de Varennes und die normannische Vie de 8t. Thtmas de Canterlmry von dem 
Pioarden Garnier de Pont • Sainte - Maxence. Allerdings hatte Quillaame nicht, wie diese 
beiden , einen besonderen gprund , in einem anderen dialeete zu schreiben , als in dem sei- 
ner heimat. 



Ob. le bebakt db dibu bd. mabtin 211 

][eiiiieii , wie fiir zwei' hauptwerke Goillaumes , sind nicht allzu zahlreich und zur kri- 
tischen behandlnng vorzugsweise berufen. 

Die werke Guillaumes sind bisher gegenständ einer wissenschaftlich ernsten 
1)earbeitung kaum geworden, obgleich sie es aus den angeführten gründen wol ver- 
dienten. Meon hat das fabliau du pi'esire et d'Alison nach der handschrift Fonds 
JSi. GertMiin 1239 (jetzt 19152) fol. 49 d herausgegeben ; sein abdruck , für jene zeit 
sorgfaltig genug, genügt heute nicht mehr. Den Fregus hat Fr. Michel nach der 
Pariser handschrift 1553 für den Abbotsford - club herausgegeben: diese Veröffent- 
lichung, ein reiner und nicht einmal durchaus sorgfältiger abdruck, erhebt sich nicht 
über das niveau der gewöhnlichen clubpublicationen französischer gedichte , die bekant- 
lich in der regel vieles zu wünschen übrig lassen. Der bestiaire endlich ist Hippeau 
in die bände gefallen , der vielleicht durch die Ücissige arbeit von Cahier darauf auf- 
merksam gemacht worden war (obgleich er sie nicht nent). Diese ausgäbe , wenn ich 
nicht irre, sein erstes debut als berausgeber altfranzösischer gedichte, steht noch 
unter dem niveau seiner übrigen Veröffentlichungen, über welche die kritik längst 
abgeurteilt hat. Die vorliegende ausgäbe des Besant ist die erste, welche uns ein 
werk des normannischen dichters in würdiger gestalt und sorgfältiger wissenschaftlicher 
behandlnng vorfülirt. Namentlich die einleitung verdient alles lob; sie bemüht sich, 
ihrem gegenstände nach allen Seiten hin gerecht zu werden, und hat ihn auch, bis 
auf wenige nachzutragende einzelnheiten, vollständig erschöpffc und abschliessend 
bebandelt. 

Der erste abschnitt ist der einzigen handsclirift gewidmet, welche uns das 
gedieht überliefert; sie ist mit einer ausführlichkeit behandelt, welche sie so wol wegen 
der zahlreichen anderswoher nicht bekanten stücke verdient, die sie enthält, als auch 
wegen der wichtigen recensionen solcher stücke, welche uns auch andere handschrif- 
ten aufbewahrt haben. Zu den gegebenen nachweisungen über einzelne stücke kann 
ieh noch folgende nachtrage liefern. 

2) Abgesehen von der bei Martin nach de la Rue citierten handschrift Harl. 
222 ist mir dies stück noch aus acht andern handschriften bekant, von denen sechs 
in der Pariser kaiserlichen bibliothek aufbewahrt werden, nämlich: 

a. Ms. 818 f. fr. (alt 7208) XUI. Jahrhundert (bis auf eine reihe von heiligen- 
leben, die im XIY. am ende nachgetragen). Das gedieht füllt fol. 13 "" — 17" 
und umfasst 522 verse. Titelrubrik : Del criwifiemerU nostre seignor et catnevU 
ü comanda nostre dame a S. Joluin. Dichter genant fol. 17 ''a: Que je ai 
nuti Hertnans. 

b. Ms. 1444 f. fr. (alt 7534) Xm. Jahrhundert fol. 6(J' — 7r. 811 verse. Titel- 
rubrik: De Vassumption nostre dame. Dichter fol. 71*^ a: Jou ai a non 
Hermans, 

c. Ms. 1822 (alt Colbert 4154) XIU. Jahrhundert Fol. 194'- 198 \ Titelru- 
brik und Schlusswidmung fehlen , anstatt letzterer ein gebet an die Jungfrau 
für autor, copisten und leser. Stimt ziemlich genau zu 19525. 

d. Ms. 20,030 f. fr. (alt St. Germain 1454) XIU. Jahrhundert. Fol. lU«"— 123\ 
562 verse. Titelrubrik: Issi com nostre sire comanda sa mere a monseignor 
Samt Jehan. Dichter fol. 123^: Je ai a non Hermans .... Explicit li 
Tomanz de dieu et de sa mere et des profetes et des apostres. Auch der 
Schreiber nent sich : Guerris m'escrist . . . 

e. Ms. 22928 f. fr. (alt Uv. 85) XIV. Jahrhundert Fol. 292'— 299 \ 532 verse. 
Titelrubrik : De Vassumption nostre dame. Dichter fol. 299 "^ : Je ai a non 
Hemaus. 

14* 



212 BRAKBL1£ANN 

f. Ms. 25439 f. fr. (alt Lav. 2714) Xm. Jahrhundert. Fol. 91'' ^100'. 538 verse. 
Keine titelmhrik» unmittelbar an den Romanfi de Sapience von Hemaut 
(1. Herman) de Valenciennes (vgl. fol. 29 '^) angeschlossen , wie zu diesem 
gehörig, Dichter foL lOO': Je ai a non Hernaut. 

Zwei andere finden sich noch im British mtiseum: 

g. Ms. Harl. 5234. Ich kenne es bei der ungenügendheit des alten catalogs 
der Harl. mss. nur aus Wright, Biogr. Brit. litt. Anglonorman period p. 325. 
Dichter: Jeo ai ntm Thunms, 

h. Ms. Cotonn. Dom. XI fol. 866 — 92. Titelrubrik: De Vassomption nostre 
dame. Dichter: Jeo ai nun Chermans, 

Es braucht kaum besonders gesagt zu werden , dass gegenüber der Übereinstim- 
mung der handschriften a b d e f h das Zeugnis der handschrift 19525 , welche das 
gedieht für Wülemme (was offenbar unser GuiUaume sein soll) in anspruch nimt, 
ebensowenig gewicht hat, wie das Zeugnis des manuscripts g, welche an derselben 
stelle den namen Thuinas einschiebt. Dass in einer sammelhandschrift für den dich- 
ter, der darin hauptsächlich vertreten ist, auch solche stücke in anspruch genommen 
werden , die mit seiner Schreibweise und dichtart gar keine verwantschaft haben , ist 
zu gewöhnlich, namentlich in altfranzösischen handschriften, als dass es besonders 
belegt zu werden brauchte. Der in g genannte Thumas ist übrigens der bekaute 
Thomas von Britannien, der Verfasser des romans von Hom und des Tristan, von 
welchem Fr, Michel die erhaltenen bruchstücke veröffentlicht hat : beide gedichte befin- 
den sich in derselben handschrift. — Das manuscript f. hat durch den unmittelba- 
ren anschluss unseres ged ichtes an den bekanten Bomans de Sapience von Herman 
de Yalencienes den Verfasser der as8umption (dies scheint nach b eh der richtige titel 
des gedichts, die Überschriften im a und d können nicht als eigentliche titel ange- 
sehen werden) als identisch mit jenem betrachtet und hinstellen wollen , ohne grund, 
denn unser Hermans war sicherlich ein Normanne. Ist er mit dem Verfasser des 
livrea de le bible im Ms. 2162 fol. 1 — 77 identisch? (Vgl. im eingang v. 26: Ce 
noH dist dans Hermans), Ton und spräche machen es eher wahrscheinlich. Gewis bat 
er aber nicht GuiÜaume Hermans geheissen, wie de la Rue wollte. Die fassung 
unseres gedichts in 19525 ist übrigens wol allerdings, wie de la Rue glaubte, ein 
auszug (oder eine kürzere redaction), da es nur 395 verse hat, während a e f d deren 
resp. 522, 532, 538 und 562 haben und b gar 811. (Erweiterung?) Eine nähere 
Untersuchung ist hier nicht am orte. 

4) Zu den schon im nachtrag p. 119 angeführten handschriften der Vie de 
Ste. Marie Egiptienne füge ich noch das manuscript 283 Beiles -Lettres des Arsenal 
hinzu , eine leider auf schändliche weise > durch ausschneiden der miniaturen verstüm- 
melte, aber noch immer sehr wertvolle handschrift aus der besten zeit des 13. Jahr- 
hunderts. Das gedieht umfasst hier auf fol. 118 — 122 (die handschrift ist gr. fol. 
zu 3, oft auch 4 col.) ungefähr 1550 verse, von denen etwa 60 gegen das ende hin 
durch ausschneiden einer miniatur in wegfall gekommen. Das Verhältnis zu den übri- 
gen rcdactionen kann ich hier nicht näher untersuchen; ich bemerke nur, dass die 
arsenalhandschrift im ganzen zu der Oxforder des Corpus Christi College stimt 

5) Wie mir Paul Meyer freundlichst mitteilt, befindet sich das Alexiusleben 
doch in der Barroishandschrift 112 zu Ashbumham place, trotz des irreführenden 

1) Der veretümmler hat, um eine Vignette auszuschneiden, oft noch die drei bis 
vier folgenden blätter, die nichts für ihn wertvolles enthielten, mitgefasst. 



ÜB. LS BE8AI9T DB DISC ED. MABTII9 213 

titels : Vies des saintes. Es wird zd der neuen grossen Alexiusausgabe , die Gaston 
Paris vorbereitet, mit herangezogen werden. 

6) Noch im (bereits erwähnten) Arsenalmannscript B.-L. F. 283, fol. LX!!!' — 
LXIV^, viel correcterer teit, ohne die groben Sprachfehler, welche die version unse- 
rer handschrift in einer in prosastücken aus der guten zeit seltenen zahl verunzieren. 
Anfang: Segnor, le secont travaÜ oä cresHens apres Noiron Vempereor fist D o mi- 
ste ns li empereres, 

7) ibidem fol. LXDC Ro— LXX R«. 

9) ibidem fol. LXX R**. Auch hier ist der text der Arsenalhandschrift viel 
oorrecter. Gleich im anfang dm feel maistre für deus feels inaisttes in 19525. — 
Die paasioH St. Pol beginnt fol. LXXI R^ und geht bis LXn R°. Die prosacrzah- 
lung von der pasfiion der beiden heiligen findet sich übrigens noch oft, wenn auch 
in teilweise abweichender fassung, z. b. manuscript 818 fol. 154. 

11) Der sehr seltene Jubinalsche druck dieses stückes (nur in 30 exemplaren 
abgezogen), der mir durch einen zufall zugänglich geworden, ist vielfach ungenau, 
wie mich eine vergleichung lehrte. Das sprachlich und Utterarhistorisch interessante 
stuck, das ich für nicht unwesentlich älter halten möchte, als der herausgeber, ver- 
dient mit no. 13 neu gedruckt zu werden. 

13) Die annähme de la Rues und nach ihm des anonymen herausgebers dieses 
Stückes,* dass dieser sermon den Cluniacenscr Giscardus de Bellojoco zum Verfasser 
habe, halte ich mit Martin für unbegründet. Sie basiert nur auf dem Explicit 
der Londoner handschrift: Ici fine le sermun Guichard de beau Hu (Catalogue of the 
HarL Mss. in the British Museum, III, 140) eine namensähnlichkeit, die nicht genü- 
gen dürfte dem stücke ein so hohes alter zuzuweisen. Es ist übrigens nicht, wie 
Martin angibt, die Londoner handschrift Harl. 4388, die dem Pariser druck zu gründe 
liegt, sondern unsere. Der abdruck ist genau, nur hat der herausgeber, in directem 
Widerspruch mit de la Rue, den er anführt, nicht aUein das stück auf dem titel ins 
XUi. Jahrhundert verlegt, sondern auch in einem langen, als einleitung dienenden 
auszug aus De la Rue (11, 137), über den er sich sonst kein urteil erlaubt, eigenmäch- 
tig und ohne jede benachrichtigung des lesers in dem satze : „ Si nous examinons le 
style de Chdchart nous trou/vons qae c*esi bien celui du XJIe siede** anstatt Xn*' 
Xni* gesetzt, was kaum erlaubt sein dürfte und im Zusammenhang de la Rues einen 
unsinn gibt. Unbegreiflich ist auch, wie er auf dem titel nach einer Pariser einzi- 
gen handschrift zu drucken vorgeben konte, während in dem als vorrede ausgezoge- 
nen passus de la Rues ausdrücklich vom Londoner manuscript die rede ist. Er beab- 
sichtigte übrigens, wie er in der vorrede sagt, wenn dieses debut gut aufgenommen 
würde, auch den Besant herauszugeben. 

14) Noch in Cott. Dom. XI foL 92— 95. Ist das altenglische life of Mary 
Magdalena Cott. Titus A XXVI foL 154 (dieselbe handschrift, wo der altenglische 
Alexis) eine Übersetzung unserer Vie? 

20) Bekantüch hat auch Stephan Langton einen Dehat oder Plait der Justice, 
Veriti usw. geschrieben, der im manuscript Arundel 292 foL 38' ff. erhalten ist Es 
wäre zu untersuchen, ob die eine dieser bearbeitungen die andere gekant und nach- 
geahmt. 

21) Noch in Cott. Dom. XI fol. 95. — Margaretenleben in vielfach abwei- 
chender fassung, die wol ganz selbständig von unserer, sind mir noch vielfach 
bekant, namentlich in 8 manuscripten der Pariser kaiserlichen bibliothek (1555, 2162, 

1) Nach Wright {Biogr, brit, litt, , Anglon, per.) ist es auch Jnbinal. 



214 BRAKELMANN 

2466, 1809, 2198, 19526, 24957, 24868) deren Versionen im ganzen übereinstimmen, 
auch das manuscript des Arsenals 283 (fol. 129), die handschrift Douce 268 nnd die 
verlorene handschrift La Clayette (in der Sie Palayeschen copie erhalten F. Moreau 
1715 p. 32 col. 1 ff.) enthalten dieselbe version. Von dieser und unter sich abwei- 
chend sind zwei Versionen aus dem XY. und XVI. Jahrhundert, manuscript 1801 und 
14977 der Pariser kaiserlichen bibliothek. Ein fragment ist mir noch in der biblio- 
thek zu Rennes bckant (nr. 261). 

22) Noch im manuscript Fonds francais 25407 (alt Notre Dame 277) fol. 139' — 
156\ Durchweg besser erhaltener text; auch die normannische sprachform, die in 
unserer handschrift vielfach verwischt worden^ ist sehr rein erhalten. 

28) Noch im manuscript Fonds francais 25439 fol. 65 "" zeile 7 von unten. Der 
erste Schreiber dieser religiösen miscellaneenhandschrift hat an den romans de 
sapience mehrere gedichte verwanten Inhalts und gleichen versmaasses ohne weiteres 
angereiht, so namentlich die ctssamption (ich habe deshalb bei nr. 2) diese handschrift 
schon anführen müssen und sie daselbst f. genant). Die anreihung dieses gedieht s 
brachte mir die Vermutung nahe, dass auch andere gedichte, welche die gcschichte 
Jesu zum gegenstände haben, in ähnlicher weise hier angeschlossen sein könten, 
ohne Überschrift, absatz, und alles, was sie als selbständiges gedieht kenntlich machen 
könte. In der tat fand sich auch fol. 65^ das stück vom Lazarus und der passion, 
welches in unserer handschrift am ende steht. Die eigentliche passionsgeschichte, 
welche hier fortlaufend an die geschichte des Lazarus angeschlossen (f. 197 ^) , ist in 
25439 durch eine rubrik von derselben getrent (fol. 75^ de la paisiom nosl/re seigncmr) 
und geht in dieser handschrift bis fol. 91 '^ z. 1 v. o. zu dem verse Alias 1 por son 
hienfait quel guerdon li rendan? (19525 fol. 200 '^b z. 4 v. o.). Dann schliesst sich 
ohne Überschrift und Übergang die assomption an. 

Auf die sprachlichen bemerkungen über die handschrift komme ich weiter unten 
zurück. 

Der zweite abschnitt der einleitung gibt eine sehr klare und übersichtliche 
analyse des gedichts, eine feststellung der entstehungszeit auf grund der zahlreichen 
andeutungen, welche dafür das ende des Jahres 1226 oder den anfang d. j. 1227 
ergeben, und eine Untersuchung über die quellen, die Guillaume benutzt hat. Als 
eine hauptquelle wird ein bekantes werk Innocenz III. de cotUemptu mundi usw. ein- 
gehend nachgewiesen. 

In gleich eingehender weise hätte die benutzung des Morissea de Sully nach- 
gewiesen werden sollen , welcher in noch höherem grade als Innocenz ICL eine quelle 
und ein vorbild unseres dichters gewesen. Ich hole diese lücke hier nach und teile 
nach einer bisher noch nicht benutzten handschrift eine ungedruckto predigt dieses 
bischofs, bei welcher die abhängigkeit des Guillaume besonders ersichtlich, hier 
unverkürzt mit. Ausser dem litterar -historischen Interesse, welches die vergleichung 
des Besant mit einer seiner hauptquellen hat, ist das sprachliche Interesse der fast 
gleichzeitigen und, wie man anzunehmen allen grund hat , ursprünglich in dem eigent- 
lichen Französisch der Isle - de - France abgefassten Übersetzung der predigten des 
bischofs von Paris nicht gering.* 

1) Der abb^ Lebeuf druckte zuerst in einem memoire über die ältesten Übersetzun- 
gen ins Französische (Mht. d. Vae, d, inter, 1751 , p. 721 ff.) den Sermo ad pretb^teroi 
(p. 722) und ein kleines stück des Sermo in cireumeisione dei (p. 728) nach einer hand- 
schrift des capitels zu Bens ab, zwei weitere bruehstücke (nach B) finden sich in Dau- 



ÜB. LE BB8AMT DE DIBÜ BD. MABTIN 215 

Ich lege den text der Pariser handschrift^ die wo! als die älteste und, trotz 

e>uizelner nachlässigkeiten des Schreibers, in den meisten Beziehungen als die beste 

ausgesehen werden kann (Ms. 13314 , anc. suppl. fr. 203G ^^) und welche ich A nenne, 

K1X gronde, and notiere die Varianten von zwei andern handschriften der kaiserlichen 

l>illiothek, nro. 24838 (alt St. Victor 620) = JB und uro. 187 (alt 6847) = C. (Auch 

dl.« handschriften 13315 und 13317 enthalten die predigten des Morice, doch sind 

^i-^ nach spräche und text zu vielfach abweichend, als dass sie hier zu den varian- 

^ ^n herangezogen werden könten. Bei einer Untersuchung über die handschriftliche 

^^l^erlieferung der predigten müssen sie jedoch eingehend berücksichtigt werden). Dass 

■"^^li überhaupt Varianten mitteile, bedarf bei der sprachlichen Wichtigkeit des vorlie- 

mden textes einer besonderen entschuldigung nicht, ausserdem ist auch B zur her- 

"^elluDg des textes von Ä mehrfach notwendig, auch C, eine handschrift des 14. jähr- 

^^^'^inderts, verdient berücksichtigung , obgleich sie vielfach fehlerhaft und wahrschein- 

■ch sogar, nach den zahlreichen misverständnissen zu urteilen, von einem des Fran- 

L Maischen yrenig kundigen Schreiber abgeschrieben, der sich am ende |>rovotr de Saint 

'aihe, de son proprie nun Laurenz de la Boche nent. Die handschrift gehörte der 

von Savoyen, wie eine inschrift auf dem schutzblatte zeigt: Iste liber est 

^^usiris domine Blanche de Sabaudia, Über das Verhältnis der handschriften gibt der 

Apparat selbst auskunft. 

Ms. 13314 f. fr. Auf dem B"" des 15. blattes (der codex ist nicht foliiert) : 

S[ermo] I p[rima] do[minica] La 

In 6 (auf fol. 18'*) keine Überschrift; in 0; 8ecufhdt*m Matheum, La demence 
^pm Ven dit septugexima. Fol. VII B^a. 

Simüe est regnum celorum homini patrifamüias qui extit primo mane condu^ 
^ere operarios in vineam suam, Damedeus nos aparole* en Tevangile d*ui et si 

HOS demostre par essanplc' que, se nos volons faire le suen^ servise en terre, que 
HOB en aurons^ le loier molt grant el ciel. ^ Quar ce dist n[ostres] s[ires] d[eus]* 
€n revangüe d'ui, qu'il se^ fu uns preudom" qui essi premierement par^ matin, 
aloer'^ ovri^rs en sa vingne. Et si com il ot fait son covenant d'un denier a cas- 
cun/* si les envoia^* en sa vingne.'' Autresi'^ fist il a tierce et a miedi et a 

noms artikel über Moritz, Eitt. litL XV, 157, wo auch zwei alte drucke des 16. Jahr- 
hunderts angeführt werden. Hippeau gab in den Memoiren der aoademie zu Gaen 
(1856, p. 811) nach einem jungen und fehlerhaften manuscript eines herrn Renault drei 
predigten, fiir den ersten und zweiten sonntag nach ostem und für den himmelfahrtstag, 
endlich gab Paul Meyer in seinem bericht über die Oxforder handschriften (Revue des 
missions 2. serie V, p. 247) den Sermo in die eireumeiiionis in der altenglischen Über- 
setzung des ms. Land. Mise. 471 mit der französisohen Übersetzung des ms. Douce 270. 
Aus dem ms. A (13314), welches ich zu gründe lege, ist, so viel ich weiss, noch 
nichts gedruckt; es verdient ganz veröffentlicht zu werden, einstweilen kann die oben 
mitgeteilte predigt als probe der spräche und des textes dienen. 

1) [D]ex Nostre sires si nos enseigne B Nostre sirez nos parole C 2) et — 
tntaaple fehlt in B si nos mostre par example: G 3) lo suen B suon C 4) auue- 
rons C 5) le louier grant on ciel C (molt grant loier B) 6) deus fehlt B; deus- 
d'ui fehlt C 7) fehU BC 8) preudon B prodons C 9) a un £ 10) et por 
louier C 11) et quant il ot fait ses oomandemenz a chacun B; Et quand il oit fait 
covant a chascnn dax C 12) amene O 13) ttoM por ourer^B 14) essement B 
ausi (7. 



216 BRAKELMANN 

f 

none.** Et quant il vint vers le »^ vespre, si r'ala al marciö,»' s'i trova *® ovriers qui 
e8tx)ient uiseus,^" et il disent: „Nus*° ne trovames** qni nos loaat** ui." „Orales," 
dist 11 preudom» „en ina vingne et jo vos donrai co qui sera drois." Et eil (f. Ih"") 
alerent en la vigne al prendome ^^ ovrer auvec les autres." Qaant co ** vint au soir, 
si parla'*^ li sires a son serjant et si dist.^^ „Apele les ovriers et si lor rent lor^ 
loicr, et comence a cels*^ qui vindrent daerrainement,^^ etva jusqu'as premerains,'' 
et si done a cascun un^' denier." Et il si fist.^^ Et qaant 90 virent eil qni estoient 
par matin venu, quo eil qui estoient daarrainement^^ venu, avoient cascuns un 
denier,«* lors si murmurerent ^^ entr'els et si disent:*' Nos avons" tote jor traveil- 
lic en ta ^^ vigne, et avomes seffert (sie) le fais et le paine dal caut ^^^ et tu as ees 
fais parels*' a nos?" Lors** respondi li preudom a un de cels:** „Amis,** jo ne 
t'ai fait nul** tort. Don ne venis tu a moi par le covent*« d'un denier? Tu as ton 
covenant, si t'en va! Quar je vueil a cels autant doner,*' com a toi.*" Toi quo 
poise,*® se jo fas ma bonte?" Et com**^ nostre sire ot cont^e ceste.essanple,®* si 
dist apres :<^' „Issi^^ seront li daerrain premerain, et li premerain daarrain.^ Molt 
i a'^^ des apeles et poi i a des esUs." 

Ore oies*« que co senefie: Li preudom senefie n[ostre] 8[eigneur] dpeu],»' la 
vigne senefie le seroise Deu,^" les diverses hores senefient les divers tans de cest 
siccle.'*® Par matin loa«'^ nostres s[ires] ovriers en sa vigne, quant il mist«* les 
patriarches ^^ al comencement de cest siecle en son servise, que par bone creance^ 
(f. 16') le servirent et disent le suen ensegnemens <^* a cels<^^ a cui il Tavoient a dire. 
Autresi^^ a tierce et a miedi et a none^' aloa il ovriers en sa vigne, quant il*" al 

15) Nach tieree: Essement müdi. Car il aloi ioes ouriers en conuenant a chacun 
dun denier et si les enuia en sa uigne B 16) rcuint uers \o B 17) en la place B 
18) i rctroua B ot torna ouriez C 19) hier fehlt: Si lor dist porquoi estcs tob oibous B 
touto jor oisious C 20) noB B C .21) noch onoor B 22) conduisistJ? 2S) fehlt B C 
24) o. les autres B avec les autrez ouriers C 25) fehlt B C 26) apela B apcla . . 
soun C 27) so li comanda et dist B 28) les lor B 29) cos B 30) darrein B 
darcre C 31) jusquau premier B et ains jusquaux prumerains C 32 son B 33) £t- 
fist fehU in B 34) au vespre B 35) que eil qui virent auoient chascun que un 
denier C. Ncteh dieser stelle fehlt in A und C: Mais quant 11 scrgenz uint a aus et il 
nc dona a chascun que un denier B 36) sen murmurent C 37) et se 11 distrent B 
38) nach avons in C noch: des hui matin 39) trauilier en vos C 40) lo fos de la 
poine et do chaut B; blos le obaut C 41) cels falz pers B; fait ceus paraus a nos C 
42) Donques B Dout C 43) daus B dauz C 44) et si dist aniis B; blos Amic C 
45) mie C 46) Donc ne feis tu a moi covenant B 47) car so uoil a cos doncr si 
come B\ car je uouel autant doncr ad aux C 48) con a touz B 49) Et ce que te 
poisse B\ Que te doit peser C 50) quant B C 51) conte cest ezample B out ditc 
coste samblauce C 52) si — apres fehU in B 53) Aus! B C; Issi für ausi auch 

regelmässig in dem Berliner Meraugisfragment (Ms. gall. 4^ 48), das stark burgundische 
spuren. 54) dairien — dercain C 55) et saichiez que molt hla ... et poi hia B 

56) [0]r oez, blau scignor B 57) 11 rodous sifie deus C 58) hiemach noch in C: 
li ouriers ces qui le scrvont et son servise fönt. 59) senefient lo tens de cest siegle B 
les diven; oure; senefient les divers chans dou secle C 60) aloia^ aoura C 61) car 
il i onuria B; quant 11 au comencamcnt dou monde C 62) noch premierement B 
63) senefiance C 6^) et distrent son oomandement B 65) atoz cels B 66) Esse- 
ment B; Ausi O 67) au uespre B; fehlt C 68) hiernach noch in B: quant il t 
ennoia (el tens Mojson et Aaron et aus prophetes en son servisse). 



ÜB. LE BBSAI9T DB DIBU BD. HARTIN 217 

fxBs Moysi et Aaron et as autres prophctes mist mains buens homes eu 8on servise 

qiui par grant amor le semrent, ^^ et fist le son servise. Vers 1e vespre liva ^" deus 

oTrieiB en sa vigne, qnant il vers la fin del siecle prist car en la virgene Marie ,^i 

^t se demostra en cest monde.''^ Lores*" trova il gent qui tote^^ jor avoient este 

maiseos, quar il trova les paiens qui lone tans^^ avoient este uisens et fors de sa 

«sreanoe et de s'amor et de son servise. II n*avoient mie esU^^ aiseas d'aorer les 

«Siables'' et de faire les caraies^'* et les diablies. Mais por 90 le dist rescritare^* 

«^u^il avoient este oisens , qnil ne s^estoient de rien entremis de Den croire , ne de Ini 

^imer ne de Ini servir."" Qoar qnanqne on fait en cest siecle, desqne on n'aime Den ne 

:Kie Bert, tot est et tot doit ostre conto a oiseose et tot revient a nient. Lores blasma 

xi[oBtre8] 8[ires] les paiens"* par les aposteles que il avoient est^ nisens, et qn'il 

'Xi'avoient rien entendn en son servise.*^^ Lores ^ respondirent li paicn , que nos nes avoit 

'Mo^,^ c*e8t a dire qn'il n*avoient onqucs eü prophete ne apostele"^ ne preccor,"^ qui 

"■or mostrast,*^ conment il deüscent croire nostre sfeigneur] ne servir- „Entres,"** 

Ast se** nostre sire, t^en raa vigne (ce est*<> en ma creance) faites mon servise,^* 

«t jo vos donrai vostre denier" (c'est la vie pardurable). •* Li paieft®^ entrerent el 

«ervise^ Den, et nos i entrames par baptesme^* qui somes del lignage d'els, et par 

^iMptesme arons le denier autresi com eil qoi leverent niatin et entrerent en la vigne,®^ 

^nar nos aurons la^^ vie pardurable autresi com li patriarche, li prophete, li apostele 

^ 11 bnen home^ qni al comencement del siecle servirent Den.^ Et ansi com nos 

^08 avons dit des divers tens de cest siecle ,'^^ que Deus mist ovriers en sa vigne al 

69) qui bien Ion servirent B aus autres pecbierz en son servise maint proudome 
par grand amor se tinrent C 70) Envers lo uespre ausement aloia nostre sires B; et 
firent sonn servise a uespre G 71) blos quant il prist cbar en la gloriose uirge marie B; 
prist char et sanc en la uergcn C 72) et dcmoustra ei monde C 73) Adonques B; 
dono C 74) toit jors 75) par molt lonc tens B; in C die ganze stelle abteeiehend: 

et les paienz qni ne sofroient ne estoient entremis de lui seruir ne de lui croire. Quar 
quant li ons fait en cest siecle qui ne uet dien croire doit estrait a oiseuse, car tout 
reuini a noiant, lors blama etc. 76) Et sai ohiez que icil nauoicnt pas este B 77) lor 
ydres B 78) faire lo ser risse au deable B 79) Et por ce nos dit la sainto e. B 
80) Car il ne creoient mie damedeiL Ne son servisse. Ne ses hueures il ne faisoiont B 
Ihr gtmu foHgende eaiz fehlt in B. 81) les apostres de ce qil avoient e. o. C 82) por 
ce qoil nauoient pas este en son serrisse B; cest a dire quil nauoint riens fait de son 
•ervise C 83) Et J9; Et dont respondirent il C 84) que nus hom nes auoit onques 
aloies B 86) fehlt C 86) ne patriarchc ne apostre ne preescbeor B 87) Noch 
ne enseignast B; qui lor mostrascnt coment il deussent dicu serrir C 88) Eurres G 
99) fehlt- BC 90) yach est noeh in B: Ce est a dire entrez 91) mcs hueures et 

BL s. ^; fehlt in C 92) Statt der parenthete in C: come a ceux qui se loierent par 
matin et entrerent en la uigno au prodome; in B iet A nur ampUßeiert: ce est a dire la 
gloriose n. p. 93) Cest li paiens G 94) en In uigne ce est el servisse B 95) et 
ri recnrent lo saint baptesme et nos i entrons ausement por baptesme B 96) Statt 
qui — nigne m ^: et nos aurons lo denier, ausi come eil qui entrerent par matin en la 
idgne B; in G: ausi com eil qui seruirent par matin et penerent dans la rigne G 
97) gloriose eingeeehoben B 98) et li apostre et li martyr et li confessor et ausi come 
li bon home B; in G fehlt buen, sonst wie A 99) nostre seignor BG 100) do siegle 
B; des ouvres cans dou secle G damaeh noch: ausi poons nos dire de laaige de lome G; 
in B: Nostre fires met ouriers en sa rig^e tot ansi poons nos dire dun chascun home si 
vos dixai comant Car dez met ete. 



218 BRAKBLMANN 

matiD, quant il apele de tels en i a*^'' en lor e[nfa]nce en son servise.*"' Li matiiitf 
senefie Taage do .XV. ans, u de vint u de mains,*'^'* li miedis senefie Taage de .XXX. 
ans u de .XL: quar aasi come li jor *^^ sont plas caut entor miedi, ensement Famaine 
nature est de greignor calor environ cest eage. Li vespres senefie la vieillece,'*'^ 
c'est la fins de la vie.*<^* Damed[eus] ^<»' n[ostres] 8[ires] met ovriers en sa vigne**»» 
vers le vespre, qaant il les pluisors en lor vieillece torne de peoie*^* a son servise,"" 
et ausi come eil qni eutrerent daarrainement en la vingne al prendome,'^^ orent an 
denier."* Autresi averont eil, qni el servise Den enterront (fol. 17') en lor viellece, 
le denier: c^est la vie pardnrable. ^^' Nequedent por 90, se la bont^s Den est si 
grans,'^^ que il done autretant as nns com as antres, ne se doit nns aseürer,^*^ n'a- 
targier de soi tomer a Den, qnar 90 dist escritnre: Nns ne set Tore no le jor de sa 
mort. Ore segnor,'^^ or av^ ole le sanblanco qne Dens dist et la senefiance. Or 
esgardös,^*^ se yos estes en la vigne Den, c'est en son servise, >^" se tos ha^s i celes 
coses qne Dens het, et am^s i celes coses '^* qne il aime et se vos laisiös ifo qne il 
deiFent, et faites 90 qne il comande: donqnesi^'^ estes vos en la vingne Den. Se 
vos nel faites issi, si en estes hors, et se vos le faites issi,''* si deserv^s le denier, 
c'est la vie pardurable. Vos deserves i cel bien qne eis ne vit,^** n'oreille ne pnet 
oir, ne cners d*ome ne poroit^^^ p^nser: issi est grans icels biens que Dens estuie 
a cels qni Ini aiment.^'^ quod nobis et cetera.^*^ 

Die vergleichnng mit Gnillanmes Bemnt zeigt, dass der normannische dichter 
die predigten des bischofs noch in weiterem umfange benutzt hat , als er selbst sagt, 
denn die zweite senefiance, die er anderswoher genommen haben will (vers 3075: 
E uncor en autre Latin) , findet sich gleichfalls bei jenem ; ebenso finden sich an die 
predigten in prima , aectmda , tertia dominica post pentacost. Ms. 13314 fol. 41*^ — 44^ 
(neunundneunzig sohafe — reicher mann und armer Lazarus — hochzeitliches kleid) 

101) de tex hia B; tex ia en laage do .V. ans. de .XX. ou de XXX. Gar ausi 
como le jor sunt plus chant au droit medi ete, C 102) a fere le suen Borvisse B 
103) et cos met il a tierce eu sa idgne que il a atomez en son seruisse an laaige de 
XX. ans B 104) Gar tot ausint come li jorz est plus chauz environ Ion midi B 
105) si nos senefie la ueillece B la ueiesoe C 106) de lome C 107) f^t B C 

108) fehlt C 109) retome de lor peichi^ B de lor peciez C 110) ou il ont Ion- 
guement este a faire Ion suen servisse B 111) com — preudome/eAtt in B 112) aura 
eil nie perdurable C HS) In B dieser tatz: et tot ausement auront il un denier comme 
oU qui antrcrent au bien matin aula uigne Nostre seignor Ge est adire quil auront la 
vie perdurable et dex la nos otroit 114) In B nur: par ceste bont^; in C: mab 

nequant por ce que dieus est de sigrant bounte que donne as unz et aux autres 115) at 
argier de tomer a lui C; quar — mort fe/dt in dietem me. In B: aseurer ne tarder 
ne soi atendre de soi tomer a nostre seignor. Gar si come la sainte escriture lou nos 
raconte Nuns ne set ete. 116) Ores biau seignor et beles dames vos aves oie la sainte. 
euangUe et la senefiance B. Seignor or auez oi laxample de leuangile dui et la sini- 
fienco C. 117) Or vos prenez garde B. Gardex que vos soies tel en la vigne dieu C 
1^8) rioeh in B: et es hueures Nostre seignor et se vos haez oes ohoses que il het B 
119) ce que il ^ ce quil amera C 120) adono poez vos bien dire que vos estee B 

121) Ge vos nel — issi fehlt in B C. Dann in B: et quo vos deserues m C: et des. 

122) Ge est 11 granz biens quo hiauz ne vit ne oroille noi B itel bien que oreille noit ne 
jox ne vit 123) no pot B no pout (7 124) que dex estoie a oos qui de bon euer 
laimcnt et croient et seruent B 126) quod N. p. di. qui vL et r. p. o. s. s. amen B 
Quod nobis et uobis C. 



Ob. le besant de dibü ed. mabtim 219 

staike reminiscenzen bei Gnillaame an den betreffenden stellen , auch die drei letzten 

predigten der samlung (vom nnkraut zwischen gntem samen — vom vergrabenen 

besant — von den törichten Jungfrauen), namentlich die ersteren beiden, hat er benutzt. 

U&n kann sagen, dass namentlich für den letzten (auch im bestiaire teilweise repro- 

duoerten) teil seines gediclits (vv. 2603 — 3758) die predigten des bischofs seine 

iL^'cptquelle gewesen. 

Der dritte abschnitt der einleitung behandelt die übrigen werke des dichters, 

d^i«fe3 fablian von dem quiproquo , welches einem üppigen priester gespielt wird , den 

ro-xnan von Fregus,^ welchen Martin neu herauszugeben beabsichtigt, und den bestiaire, 

^^sr wegen seines nahen Verhältnisses zum Besant besonders eingehend besprochen 

Bei der aufzählung der zwölf bis jetzt bekanten handschriften sind Martin, 

fibrigens allen, die sich vor ihm damit beschäftigt, zwei handschriften der Pari- 

kaiserlichen bibliothek entgangen, nämlich (um in seiner Zählung fortzufahren): 

n) Ms. f. fr. 2168, früher 7998 2. perg. gross 8^^ Xm. jahrh. 2 spalten zu 

3"^ Zeilen; fol. 188^: Chi commenche li drois bestiaires de le devitie escriptwre bis 



*-^ ■ .209^ Der schluss fehlt, Widmung wie gleichnisse, und das gedieht endet ziem- 



«^ » <?C» r -' ' ^j 

^^^^li brüsk nach: D'une piere qui est en oriant mit dem passus: Orprions dieu bis 
W8 en die, der auch in ab fh der widmung vorangeht, während z. b. e, wo 
<h die piere en oriant an letzter stelle steht , einen anderen schluss hat. 

o) Ms. f. fr. 25406 früher Notre-Dame 192. perg. XIII. jahrh. 8°. 2 spal- 



-^ '^ zu 33 Zeilen. Platz für miniaturen leer gelassen. Vom bestiaire, der die erste 
^^Ifte der handschrift ausfüllt, fehlt das erste blatt, er reicht bis fol. 30' und schliesst, 



in n^ ohne die schluss widmung zu haben, mit dem oben angegebenen passus, 
^^ handelt die letzte rubrik, abweichend von n und mehreren anderen handschrif- 
n, von der chievre. Auch die Stellung der gleichnisse vom besant und den ovriers 
la vigne, die sich in dieser handschrift finden, ist abweichend, sie stehen hier 
-^ 7 nibriken vor dem ende , also noch in der ersten hälfte dos gedichts. Ich habe 
^l>erhaapt bemerkt^ dass sowol die zahl wie die folge der rubriken in den verschie- 
denen handschriften sehr verschieden ist. 

Die handschrift l, früher im besitz von Sir Francis Douce , deren nunmier in der 
^odl. libr. Martin nicht nachweisen konte , ist jetzt nro. 132 des Fonds Douce. Auch 
liier stehen, wie in den meisten handschriften, die fabeln der Marie de France mit 
<iem bestiaire unmittelbar zusammen, ausserdem enthält die handschrift noch die 
^este von Hom und das Chasteau cPanwur von Grosseteste. Die handschrift schliesst, 
nach der angäbe des CkUalogiie of the printed books and manuscripts bequeaJthed by 
Brands Douce Esqu, to tJie Bodl, Ubrary, (Oxford 1840) p. 21 mit den verson: 
Om ü ad enfem despoillie \\ E confondu e eissülie, — Die interessante einleitung, 
^ie Schlusswidmung, sowie noch eine andere stelle , aus der die abfassungszeit ersicht- 
Xidi» teilt Martin nach der handschrift des British Museum mit; er hat übersehen, dass 

1) Es existiert davon , wie ich aus der einleitung zu Hippeaus bei inoofmu XXY £f. 
ersehe, eine zweite handschrift in der bibliothek dos herzogs von Aumale zu Twicken- 
l^am. Hippeau hat daraus , ausser dem erwähnten gedieht dos Renaus de Beauju , später 
Hoch die Veng$anee de RaguidH von Raoul de Houdenc herausgegeben, es enthält auch 
f^BB gedieht Li atret periUoua , welches Schirmer nach der ▼ermcintlich einzigen hand- 
schrift 9168 der Pariser kaiserlichen bibUothek in Herrigs archir 42, 135 — 212 heraus- 
f^^^ben und das sich in einer dritten guten handschrift auf derselben bibliothek befindet 
CFonds fr. 1483, alt 7526/3). 



220 BBAKSLHANN 

Thomas Wright dieselben stellen des anfangs und scblusses bereits aus derselben 
handschrift herausgegeben hat (Biogr, hrit, litt,'l, 428 — 430). Dieser druck scheint 
sogar mehrfach correcter als die Scottsclie abschrift, wenn auch mehrere kleinigkeiten 
bei Martin wol nur druckfehler sind , wie Bomannz für Bomaunz, powre för povre^ 
tuü für tint. Wright hat übrigens am augeführten orte auch alle historischen stellen 
aus dem Besant ausgezogen und abgedruckt. 

Das Verhältnis des Besant zum Bestiaire wird im weiteren verfolg dieses 
abschnittes bei Martin eingehend nachgewiesen und die Übereinstimmung durch Inter- 
polation des letzteren aus dem ersteren erklärt. Darin scheint allerdings diese Über- 
einstimmung ihre richtige erklärung zu finden. Die betreffenden stücke des Besant 
finden sich in den handschriften des Bestiaire nicht allein an ganz verschiedenen 
stellen y sondern auch so äusserlich in den Zusammenhang eingeflickt, dass eine Inter- 
polation unschwer ersichtlich. Einzelne handschriften, namentlich die oben angezeigte 
Fonds fr. 25406 , scheinen mir sogar für diese stücke dem Besant noch näher zu ste- 
hen, als die vom herausgeber zur kritik desselben herangezogene (welche ist dies 
übrigens ?). 

Der herausgeber bespricht weiter das in derselben handschrift erhaltene gedieht 
des treiz moz, das er mit recht gegen de la Ruo und andere unserem dichter zu- 
schreibt, welcher an mehreren stellen auf ein anderes büchlein von ihm hinweist, das 
offenbar der Besant ist. Martin weist auch als den auftraggeber Guillaumes für dies 
gedieht mit Sicherheit den Alexander de Stavenby nach , während de la Rue (11, 274) 
und nach ihm Wright (Biogr, hrit. litt, 1 , 333) denselben in dem 1147 gestorbenen 
Alexander, bischof von Lincoln erblicken wolten. Auch das gedieht von der gehurt 
Christi wird unserem dichter mit grosser Wahrscheinlichkeit beigelegt. Das leben der 
Magdalena mag der schreiber dem Guillaume haben beilegen wollen wie die assomp- 
tum (s. 0.); das (von Martin nicht erwähnte) fabliauJLa füle a la borgoise, von dem 
De la Rue spricht, soll nach Wrights Vermutung und Daunous behauptung {Hist. 
litt, XIX, 664) mit dem vom Prestre und Alison identisch sein. Der titel scheint 
darauf hinzudeuten, die Wahrheit der behauptung habe ich jedoch nicht feststellen 
können, da in keiner der mir bekanten fabliauxhandschriften das fabliau du prestre 
et d* Alison, das ich Überhaupt nur in der einzigen handschrift 19152 (fol. 49 d) 
kenne , unter dem ersterwähnten titel sich findet. Für verschiedene andere dem Guil- 
laume beigelegte gedichte weist der herausgeber die Vermutung seiner autorschaft als 
unbegründet zurück. 

Der vierte and letzte abschnitt der einleitung behandelt das leben und den 
character unseres dichters. Alle andeutungen in seinen werken, welche über sein 
leben auskunft geben können , sind mit Sorgfalt und genauigkeit zusammengestellt, — 
sie sind, wie das bei den dichtem des 12. und 13. Jahrhunderts die regel, ziemlich 
dürftig. Für die Charakteristik bot sich ein reicherer stoff, namentlich in den monT- 
lisch-didactischen gedichten. Auch sonst tritt die subjectivität des dichters, der 
seine sympathieen und persönlichen meinungen bei passender gelegenheit auszuspre- 
chen liebte, deutlich genug hervor.^ Die daran angeschlossene kritik der poetischen 

1) Eine umstimmung dos dichters der Croiaade eontre let Mbigecia^ auf welche 
golegentlich (p. XLV) hingowieson wird , kann wol nicht angenommen werden. Die bei- 
den toilo doB godichts ruhron von vcrschiodenen Verfassern her, wie Paul Meyer überseu- 
gend nachgewiesen (vgl dessen Beeherehes aur les auteur» de la ehatuon de la enfiaade. 
Paris, 1866). 



ÜB. LE BEBAKT DB DIBÜ ED. MABTIN 221 

l^edentnng Gnillamnes erscheint als durchaas zutreffend. Der ganze abschnitt verrat 

eioe BorgfEltige dnrcharbeitnng der werke des dichters, welche das fallwerk wolfeiler 

hjrpothesen verschmäht, mit welchen gewisse bearbeiter der franzosischen litteratnr- 

g^eschiehte des mittelalters uns in ennangelnng positiver nachrichten abfinden wollen. 

Es erübrigt, vom texte des Bemnt , beziehungsweise , da derselbe nach der ein- 
zigen bandschrift nur mit einzelnen bestirnten änderungen gegeben ist, von dersel- 
zu reden. Der herausgeber hat die principien, die ihm bei der behandlung des 
maassgebend waren , in der einleitung p. YII — IX auseinandergesetzt. Es 
fol^ da zunächst der beschreibung der bandschrift eine liste der eigentümlichkeiten 
r Orthographie. Das tertium comparationifi ist mir dabei nicht ersichtlich; es 
nicht das heutige Französisch zu sein, da dies doch nicht formen wie dou^ 
, aneesorie, nunUeplier kent Das gleichzeitige Französisch der Isle- de -France 
es ebensowenig sein , da das weder die form veui , noch peu , noch orgeul hat, 
^"^Iche Martin als regelmässige hinstellt, andererseits höre, ovrer, jor, dett u. a. m., 
^'^^ er als der bandschrift eigentümlich characterisiert, gute centralfranzösische for- 
'^^n aus dem anfange des 13. Jahrhunderts wären ^ während im gegenteil die diph- 
**^<:fcngierten: heure, jmir usw. einer weit späteren epochc angehören. Die von Martin 
^^^^räcfaneten eigentümlichkeiten gehören zum grösseren teil, wie er sagt, ganz all- 
^^^'Wnein dem normannischen dialecte an, zu einem andern teil der ganzen domäne 
^^■*a ahfraüzösischen , endlich zu einem dritten , nicht geringen teil den schreibem, 
^^ sehr nachlässig waren und sich für die spräche des dichters offenbar vielfache 
^'^•^denmgen erlaubten. Dahin gehören z. b. gleich me»me8 (im reim mit primes), wo 
^%^t 9 eingeschoben, sondern t weggelassen ist^ auch glaube ich nicht, dass die 
long um der ersten pluralis als der ausspräche des dichters unangemessen erwie- 
^n wird durch den reim feon : reon, sondern dass man fetm : veum lesen muss. 
amm sollen Überhaupt nachlässige Schreiber den reim mit religiöser Sorgfalt con- 
haben? 

Eine liste der eigentümlichkeiten der bandschrift war allerdings angezeigt, 
4f>ch würde ich dabei von einem anderen princip ausgegangen sein. Statt zu ver- 
zeichnen , was allgemein normannisch , hätte ich vorgezogen , zusammenzustcUen , was 
^icht allgemein normannisch; dessen ist leider sehr viel in der bandschrift. — Der 
XKormannische dialect, in dem Guillaume sicherlich geschrieben, ist uns in einer 
%enge grammaticalisch sorgfältiger denkmäler erhalten, von denen ein grosser teil 
^veröffentlicht ist; die constanten characteristischen eigentümlichkeiten des normanni- 
schen dialectes , die sich bis zur neige des 13. Jahrhunderts mit grosser dauerbarkeit 
^^halten, sind daher ohne mühe aus gedruckten hilfsmitteln , die im bereiche aller, 
Zu erkennen und festzustellen, soweit dies noch nicht bereits geschehen. Das tertium 
€scmparaUonis war damit gegeben: die vielfach entnormannisierten sprachformen des 
-^euaU — ob sie nun ein werk der letzten, dem vierzehnten Jahrhundert ang^höri- 
^geo Schreiber sind, welche die vorliegende einzige bandschrift ausgeführt, oder bereits 
^on firfiheren copisten herrühren — konten damit verglichen, und eine grosse zahl 
^on formen des einzigen besantmanuscripts als entweder nicht dem dialect, oder 
^nch nicht einmal der zeit Guillaumcs angehörig ausgemerzt werden. Da zeit und 
^alect des dichters feststehen, und auch die reime — freilich in einem sprachlich so 
Vertuschten texte mit grosser vorsieht — als kritisches hilfsmittel herangezogen wer- 
ben konten, so war damit ein weg gegeben, in vielen fällen die sprachliche form 
CSnillaames widerherzustellen, und — wenn auch der text selbst, als in einer edüio 
^arineep9 genau die bandschrift reproducierte — wenigstens in der einleitung anzu- 



222 BRAKSLlfANN 

geben , wie and auf welchen basen seine kritische widcrherstellang zu bewerkstelligen 
sein dürfte. Eine solche nachweisnng der sprachlichen eigentümlichkeiten der hand- 
Schrift wäre gewis von wesentlichem nutzen gewesen. 

In der tat, wenn wir in einem gedichte aus dem anfange des 13. Jahrhun- 
derts neben einander, mit der grösten inconsequenz , ächte, alt normannische for- 
men, wie sie Guillaume offenbar gebraucht haben muss, neben solchen finden, die 
allen anderen dialecten Frankreichs, mit ausnähme des normannischen, teilweise 
sogar erst dem ausgange des 13. Jahrhunderts oder dem 14. angehören, so können 
wir kaum annehmen, dass eine solche dialect- und epochenmengerei das werk des 
diohters selbst gewesen , wir müssen sie notwendiger weise als den fimis später und 
nicht normannischer copijsten ansehen. Wenn wir zumal, wie im vorliegenden falle, 
bei anderen von denselben Schreibern abgeschriebenen stücken, die noch in anderen 
handschriften erhalten sind, durch vergleichung mit diesen eine grosse incorrectheit und 
uachlässigkeit ihrer abschrift constatieren können ,^ so sind wir um so mehr berech- 
tigt, im Besant, obgleich wir hier keine zweite handschrift zu hilfe ziehen können, 
eine grössere Sorgfalt ihrerseits a priori durchaus nicht vorauszusetzen. 

Wir werden z. b. namentlich annehmen dürfen, dass aUe die zahlreichen for- 
men in or, welche sich vorzugsweise in der zweiten hälfte des gedichts finden (wah- 
rend die erstere das normannische t«r weit sorgfaltiger bewahrt) änderungen der 
Schreiber darstellen. So namentlich hr 1155, 2808, 2830, 2838 und a. a. o., neben 
Iwr 145, 194, 706, 855, 1788 usw.; por 205, 419 neben pur 44, 344, 3701; das 
doppelt falsche plu8or8 584, 1103, 1310, 1320, 1327 und das plusor 851 neben plu- 
8ur 22; dolors 231, jors 246 neben dolur 129, 224, 229, 245, 1208, 1523, jurs 
250, 334, 372, 426, 472, 528, 852, ßu/r 907, creatur : entur 567 : 68 usw. Der 
reim lehrt als falsch erkennen plor gereimt mit dolur 743 : 44, 8alf?eor mit dolur 
129 : 30, dote mit ttäe 275 : 76, darnach auch dot 592, 8alf)€or 130, 1300, 1584, 
2410. Verglichen mit pereillus 268, dolorm 708, jotus : vu8 1035 : 1036, Uprus 
141, VU8 : ghrius 2145 : 46 sind für die spräche des Guillaume falsch, auf der einen 
Seite alle die zahlreichen formen perillos 3255, doloro8 694, 401^ 410, püos 745, 
3527 usw., femer die feminina t€n€bro8e 135, 3166, joio8e (mit a'espose gereimt) 
2085 : 86 usw. oder gar diphthongierungen wie preciouse 186, dolorouae 323, tene- 
brou8e 324, delüoit8e8 1341, die adverbien wie hido8ement 329 — auf der anderen 
Seite V08 und nos in allen den zahlreichen faUen , wo es nicht Possessivpronomen ist. 
Ebenso steht 8olemeni 173, 1511, 2853 neben sulement 2035^ 2915 ui^ 9ul 334, 
2912, 3262. Bulz habe ich nur einmal (709) gefunden, dennoch halte ich fikr nicht 

1) Die ganze handBchrift rührt von mindestens drei Schreibern her, im- Betont 
selbst sind zwei verschiedene bände deutlich unterscheidbar. Es ist einiger grond vor- 
handen, anzunehmen, daRs die Schreiber derselben klosterschule angehörten und sich im 
abschreiben ihrer vorläge (die wol auch ein religiöser sammeloodex mit vorzugsweiser 
berücksichtigung der Guülaumo zugeschriebenen werke wie das allein erhaltene ms. 19525) 
ablösten. Ein solcher fall wäre durchaus nicht vereinzelt, und ist namentlich in sam- 
melhandschriftcn religiös - didactischcr werke, heiligenleben usw., deren vervielfütigung 
vorzugsweise klösterlichen abschreiben! anheimfiel , mehrfach nachzuweisen. Die Schreiber 
pflegten gewöhnlich ihr werk bis zum ende eines quatemio fortzuführen, nicht in der 
mitte abzubrechen; so begint in unserer handschrift die zweite band unmittelbar nach 
dem 10. quatemio, die dritte fangt unmittelbar nach dem 15. an, während die zwäte 
ein quatemio weiter wider eintritt (jedoch erst nach abschluss eines gedichtes von dem 
noch ein kleiner rest blieb und nach freilassung eines blattes). 



ÜB. LB BESANT DB DIBU ED. MABTIN 223 

der spräche Gmllanmes angehörig dolz (in zahlreichen fallen wie 745, 1300, 2206, 
9068), dolee 3350, dolcement 2786, 2798, 3472 n. ö. a. ebenso wie duear 3559. Ebenso 
halte ich ffir falsch (für die Schreibart des GniUanme) mout^lier 2745 oder gar mour 
tepleier 2749 für fnuUepliiry das z. b. 2729 steht, die zahlreichen falle wo an ffir das 
nomumnische «n oder um geschrieben ist, wie priaon : ehaitiveson^dS : 94, salvacion 
616, 669^ 2796, savon 56, avon 3175, istran 3171, deusam 52, neben felun 13, 481^ 
saimm 49, 53 n. a. m. Den Sprachgebrauch ^ Guillaumes glaube ich auch erhalten in 
aumes 3175, 3194, 401, nicht in somes 1301. Richtig erhalten und ffir den sprachge- 
brmaoh Goillanmes beweisend sind auch die formen : tumbel 247, tumbe 3248 , perfunde 
3598, hdbuMde 3713, curt 592, vunt 22, 792, encmUre 389, cumpaignie 322, ctm- 
irefaiM 1311, ctMi««i{ 712; das alles sind Nomiannisraen, die in jedem einzelnen falle 
den nicht normannischen formen in o vorgezogen werden müssen , wo änderungen der 
Schreiber solche in den text gebracht, ebenso wie die abkürzungen ffir tnült, pur, 
euH nicht moU (oder gar tnotiU 332) por, con aufzulösen sind. 

Im anschlnss an eine solche liste von sprachformen des Beaant, die dem nor- 
mannischen dialect nicht angehören, konten einige andere sprachlich interessante 
details yerzeichnet werden, z. b. das femininum tde 2301, 2304 u. o. , liale 2209, 
mit bezng auf die von Littr^ und nach ihm von Brächet mit so grosser allgemein - 
heit ausgesprochene regel vom femininum der adjectiva zweier endungen im lateini- 
schen, die freilich nicht mehr umgestossen zu werden braucht; femer das alte cUt 
2110, 2556 neben vait 420, 513, 516, 527, 876, 917, 1142, 1971 u. ö. a. 

In diesem zusammenhange liegt auch die frage nahe, wie sich der dichter zu 
der regel vom casusabzeichen gestellt habe. Der herausgeber hat sich darüber ent- 
halten: die beantwortung dieser frage hat auch ihre ganz besonderen Schwierigkeiten, da 
die handschrift nicht allein im reime, sondern auch im innem des verses sehr oft 
das regime für das sujet braucht Von dem worte mlvere habe ich nur einmal das 
BQJet gefunden (2127), sonst wird dafür stets, im verse wie im reime, le salveor 
gebraucht Mit anderen Wörtern ist es ähnlich ; die gröste inconsequenz ist regel. — 
Angesichts dieser regelmässigkeit in der Unregelmässigkeit, der enormen incorrect- 
heit, die nahezu alle stücke unserer handschrift verunziert, sogar die prosaischen 
(ich habe oben einige beispiele gegeben) darf man schon a priori starke zweifei dage- 
gen haben, dass alle die offenbaren Sprachfehler sowol in den anderen stücken von 
den betreffenden dichtem, als im Besant von Guillaume herrühren sollten, dass 
nahezu alle Verfasser der in diese samlung aufgenommenen religiösen gedichte und 
prosastficke ganz ausnahmsweise incorrect geschrieben hätten. Da ich nun aber eine 
anzahl von solchen in unserer handschrift nach spräche und text sehr fehlerhaft über- 
lieferten stücken in anderen handschriften nachgewiesen habe^ wo sie durchweg 
sowol dialectisch reiner erhalten sind, als auch sprachlich einen sehr viel correcteren 
text aufweisen, so glaube ich eine gleiche Verfälschung, wie ich sie oben für die 
Sprache des Besant wahrscheinlich zu machen gesucht habe, auch ffir den text mit 
ToUer berechtigung annehmen zu dürfen. 



1) Ich brauche dies wort in diesen aufzählungen durchgehends in aUgemeinerem 
sinne für Bchreibgebrauch, weil ich hier durchaus nicht untersuchen will oder zu unter- 
■neben habe, ob letzterer von der ausspräche in einzelnen fallen verschieden; die (rage 
der ausspräche läset sich nicht so nebenher behandeln, es ist für dieselbe noch viel oder 
aOes zu tun. Hoffentlich bringt Gaston Paris bald seine wertvollen Untersuchungen darüber 
die öffentlichkeit. 



224 BBAKRIiMANK 

Wenn eine durchgehende sprachliche Verfälschung des vorliegenden Besanttex- 
tes aus den angeführten gründen höchst wahrscheinlich ist, so geht es doch nicht an, 
denselben in allen fallen zu corrigieren , es gibt deren , wo maass und reim den fal- 
schen casus erfordern (wie in den meisten altfranzösischen f edichten). Wie viele von 
diesen fällen wirklich auf rechnung des dichters kommen, lässt sich bei der einzigen 
handschrift nicht entscheiden; ich glaube, dass sich noch ein guter teil berichtigen 
Hesse, wenn wir ältere und bessere texte besässen. Wenn wir aber auch annehmen 
wollten , dass Guillaume so sehr wenig anstand genommen , dem reime und dem vers- 
maasse zu liebe der grammatik auch da, wo es sich leicht vermeiden Hess, gewalt 
anzutun, so wären wir darum noch keineswegs berechtigt, anzunehmen, dass er auch 
da, wo solche rücksichten nicht obwalteten, die sprachlichen regeln vernachlässigt 
habe, die wir in aUen guten handschriften von werken, die seiner zeit angehören, 
ziemlich durchgehends beobachtet finden. 

Um auf besondere föUe des vorliegenden Besanttextes einzugehen ,80 glaube 
ich, dass der herausgeber mindestens berechtigt war, da den richtigen casus wider 
herzustellen, wo der vers es erforderte. So z. b. v. 2162, wo die handschrift liest: 
Or quide Vorne bien espleiter. Der vers ist um eine silbe zu lang, und der heraus- 
geber streicht, um das richtige maass zu bekommen, das 2, welches eigentlich nötig 
ist. Ich würde hier die änderung Voms unbedingt vorziehen. Ebenso v. 1736, wo die 
handschrift liest : E qom lotst de quier /in. Es fehlt eine silbe , der herausgeber bes- 
sert: E qiCoine oist (wobei das e natürlich nicht elidiert werden soll). Icl^ würde 
lesen: Et que Vams oist, — Auch in 421, einem verse, der um eine silbe zu 
kurz ist, würde ich li anciens setzen. Wenn man enemis nicht zulassen will (obgleich 
Guillaume für das äuge durchaus nicht genau genug reimt, dass der reim is : t (ü) 
befremden könte, der sogar lyrikem aus der besten zeit genügen muss), so kann 
das casusabzcichen des im reim befindlichen substantives wol wegfaUen. Ich würde 
auch 1513 ändern: Li diahUs out grant envie, 1261 Dont Iwms se deü en orgciüir 
(vgl. 1481) u. a. m. In solchen fällen hatte die herstellung des casusabzeichens wol 
ihre berechtigung. Ich würde es noch in sehr vielen anderen fallen widerhergestellt 
haben, namentlich wenn innerhalb des verses arükel und adjectiv, nicht aber das 
zugehörige Substantiv das nominativabzeichen hat Ich begreife aber sehr wol, dass 
man in der ersten ausgäbe einer einzigen handschrift bedenken tragen kann, in die- 
ser hinsieht durchgreifend zu bessern, zumal die ansichten über die grammatische 
regelmässigkeit in poetischen stücken, insbesondere über den grad, bis zu welchem 
sie dem reim und versmaass zum opfer fallen durfte , noch in der schwebe sind. Doch 
sollte man sich, wie Mussafia treffend sagt, aus furcht vor willkÜr der Willkür eines 
Schreibers nicht unterwerfen (Gemiawia, 1865, 115). Namentlich mit texten, die 
in einem solchen grade, wie der des Besant (und der meisten anderen stücke der hand- 
schrift 19525) verunstaltet sind, können wir uns wol nicht begnügen. 

In einer gewissen hinsieht hat die nachlässigkeit des copisten, resp. eine lu 
grosse ehrfurcht vor der tradition , die vom herausgeber an unserem texte geübte kri- 
tik beeinfiusst, nämlich in bezug auf die behandlung des elidierten e. Gaston Paris 
imt in seiner eingehenden kritik des Besant (Bevtie ci'iiique , 1869 uro. 30 p. 59) die 
bedenken, welche der Zulassung einer elision des weiblichen e nach bedürfnis und 
belieben des dichters entgegenstehen, in vortrefflicher weise ins licht gestellt, es ist 
also überflüssig, darauf zurückzukommen, da ich mich seinen ausführungen vollkom- 
men anschliesse und sogar, in gewisser beziehung noch weiter gehend al^ er, wenige 
stens für die lyrische i>oe8ie unbedingt behaupten möchte, dass überall da eine text- 
verderbnis vorliegt, wo eine nicht -elision zur richtigen länge des verses erforderlich 



CB. LS EBSÜCT DB DtBU KD. MABTUI 2S5 



wäre. Ich möchte hier nar einen besonderen fall von elision des e betonen, nämlich 
in q»e und 9e. Jedermann, der altfnuizödsche gedicfate in mehreren copien nach 
hmndjcfariften namentlich des ansgehenden 13. nnd beginnenden 14. jahrhandeits 
▼erglicheo hat, weiss, wi^ geULafig den sehreibem die anseinanderrenknng der dai^ 
die elision eines e rereinigten wörtehen qne und ü, se and il and ähnlicher ist, nm 
einen Ters, der nm eine silbe xa korx ist, auf das richtige maass xn bringen. Die 
aebreiber des Besant haben von diesem bequemen mittel, verse za Terrollständigen, die in 
ihier vorläge durch die nachlässigkeit eines ihrer Vorgänger (in einielnen fallen viel- 
leicht aneh des dichters, das lässt sich nicht entscheiden) das maass nicht hatten, in 
ausgiebigster weise gebrauch gemacht Der herausgeber hat daraoa fOr sich die 
boeehtignng hergeleitet, in gleicher weise Oberall durch trennnng von qtCä und s*tl 
das maass hennistellen, wo der vers um einen fuss xn kurz ist Wirklich kritische 
ausgaben der dMnsons de gesU müssen erst zeigen, ob diese trennungen im heroischen 
Terse zulässig sind; fSr die achtsilbner und andere kürzere maasso halte ich sie, 
wenigstens was den strengeren Sprachgebrauch der lyrischen dichter angeht, im all- 
gemeinen fttr unzulässig, und glaube, dass an den meisten stellen, wo eine soldie 
trennnng Toikomt, eine leichte besserung dieselbe Oberflüssig machen kann. Was 
spedd den Be9a$U anbetrifft, so glaube ich, dass auch hier an manchen stellen, wo 
Martin gegen die handschrift die durch elision eines e vereinigten Worte getrent hat, 
mndas richtige maass zu bekommen, dem verse auf eine andere art geholfen werden 
konnte. Ich notiere eine anzahl solcher stellen : 242 L. Qui'ele en pert. — 245 L. 
S'ü fust au paristir vgl. 235, 1296. — 249 L. S'ü le seüsi. — 262 L. Ams fuHl 
biem mche. — 265 L. ^*i7 deit e äier e parier vgl. 717, 734. — 290 L. Deaqu'ü em 
avera^ bleswtie. — S90 L. A icel jar qu'ü vendra dire, — 416 : 17 L. STü veeU cOm 
en$ el vis : Qu^ü a^en efiragereü tut vis. — 800 L. Mais qu^ü % ait (im vorhergehen- 
den yerse würde ich lesen: qu^en ait perdu). — 1124 Toblers % statt «2 ist sehr gut» 
warnm aber nicht % einschieben und s*ü % a lesen? — 1128 L. E s^ü ja puet, — 
1134 L. Et a none dit gu'ü est nmt. — 2411 L. STü pardonereU. — 2442 L, E jeo 
vei gu'ü ont vgl. 2456. — 2929 L. Geis qu'ü trova tot maintenant (Best Ms. 25406 f. 
15"^) 3379 L. En pareherie pestre pors. 

In allen diesen fällen (mit ausnähme von 416, wo se i2 steht) hat das manu- 
script die elision, die mit den angedeuteten leichten Veränderungen beibehalten wer- 
den konnte. In einigen anderen fallen scheint die herstellung , auch gegen das manu- 
Bcript angezeigt, s. b. v. 354 A lur cors que eus reprendront, wo ich qü'eks {les 
(ümes) lesen würde. — 408 L. Qu'anis il lur fU. — 1021 L. Si qu'ü bien. — 
1154 L. Qu'ü ant ci eu (vgl. 3107). — 1297 L. Qu qu'enseveU ne jeo fui. — 1453 L. 
Qu'a a Deu face. — 1480 L. Par la grant HauU qu'ü aveU. — 1666 L. La dkasM 
qu'ü tont ama. — 2116 L. AI höre qu'ü ist fors del onde, — 2132 L. Qu'ü teil 
devenu Deu basiart. — 2152 L. Mes des quHl en veit revemr. — An sonstigen bes- 
serongen würde ich etwa noch vorschlagen 215 QuaHqu''ä deses le ftnmument, — 
284 De eeo que eü, — 364 Qu'oms ne ne pense e qu'ü ne veiUe. — 481 würde ich 
ans dem reime aversotres lesen , ebenso 1099 doaire und demgemäss auch gknre 943, 
1965. Dem Schreiber ist diese etymologische Umstellung geläufig, er schreibt auch 
pakrimonie, — 554 derverie, -— 1058 qm. — 1338 gemates. — 1485 S'or vus aves. — 
1437 Quels. — 1865 paeience ebenso zu corrigieren wie 1529 science, •— 1935 Ä en 

1) Hier und an anderen stellen (12, 607, SlOS, 3188, 1805) schreibt der heraus- 
geber avroj ebenso 682, 687 avrofU^ S699 orron, aber 2896 und 2901 «tfrovM, 416 aurHtf 
2000 ottncs, 3064 «urot. Wie soll geschrieben werden? 

ZniTSOHB. F. DBUTSCHB PHII.0L. BD. III. 15 



226 BBAKBLMANN, ÜB. LB BB8ANT DE DIEÜ BD. MABTIN 

feriir quai^eU cOaifd. — 2443 L. Bntr^els. — 2832 Qw plus ü n'ant esU entar. — 
2984 m^ime. — 8009 eiere (Best.) — 3028 De lequel. — 3079 : 80 Best : Que U 
nums avoü dwri plug : Quant dieus avint en tere jus, — 3102 (Best) : Maie ü aura 
tot le denier : Tant par est Deus larges et dole. — 3136 (Best.) : Tel en est mort 
pmz hm maHn. — 3149 sorpris (Best). — 3150 En Deu creient (Best). — 3228 : 29 
De que qü'il ot au qu''ü veeit : Ou que quHl pense ou quHl desire. — 3236 Qu'il 
n''en % aü. — 3237 Ne ja sa joie, — 

In einem punkte bin ich einer wesentlich anderen ansieht als der heraasgeher, 
n&mlich in bezng anf sein system, keine accente, tr^mas, c^illen nsw. zn setzen, 
ein System^ das bei einigen neueren deutschen herausgebem wider in aufhahmo 
gekommen ist, nachdem es eine Zeitlang verlassen war. Wenn diese zdeben nicht 
gebraucht werden sollen, weil sie nicht in der handsohrift sind, so mache man 
folgerichtig auch keine t zu j, u zu v^ man interpungiere nicht, man setze yor allem 
keine apostrophe — man mache mit einem werte diplomatische ausgaben. Will man 
aber das Verständnis wirklich erleichtem, so ist dazu und zur richtigen lesung der 
verse das tr^ma, das z. b. ^Müt von ehaut unterscheidet, sehr oft viel nötiger, als 
die umflnderung von u in v, oder gar die setzung der apostrophe. Diese vollstSn- 
dige enthaltung ist der entgegengesetzte cxcess von dem, in welchen einige franxö- 
sische herausgeber verfiallen sind , die lesezeichen , namentlich die aocente, in unend- 
licher abenteuerlicher varietät zu setzen. Dieser häufong gegenüber war enthaltsam- 
keit geboten, aber es scheint mir noch innerhalb der grenzen dieser enthaltsamkeit 
zu liegen, zwei getrennt ausgesprochene vocale von einem diphthong, ein betontes e 
von einem unbetonten zu unterscheiden, ebenso zwei g&nzlich verschiedene laute wie 
e und Q zu trennen. In bezug auf die accente scheint mir der enthaltsamkeit volle 
genüge geschehen , wenn man dieselben auf die bezeichnung der betonung beschrftnkt 
und von der bezeichnung der ausspräche ganz absieht, also nur den aigu, nidit den 
grave verwendet Aber innerhalb dieser grenzen scheint mir die setzung. der lese- 
zeichen erforderlich. 

In bezug auf die genauigkeit der reproduction gebührt der vorliegenden aus- 
gäbe alles lob. Ich habe zeile für zeile mit der handschrift verglichen und nur einige 
kleine ungenauigkeiten bemerkt, die wol g^tenteils druckfehler sind. 8o steht 126 
im manuscript mult (ausgeschrieben), 232 mVt, das auch muU aufzulösen, 215 qwinge, 
1224 covendraity 1566 damnedeus, 2611 raims, 2844 (var.) hat das mannaoript 
quauios, 2847 damnede, Dass ein so stark verderbter text, auch wenn man von tie- 
fer eingreifenden änderungen in sprachlicher und grammatischer hinsieht abstand 
nahm, vielfacher besserungcn bedurfte, um nur einigermaassen lesbar zu werden, ist 
erklftrlich; Martin hat ihn vielfach mit sicherem blick und leichter band emendiert, 
Tobler eine ganze reihe von scharfsinnigen und von umfassender lecture zeugenden 
ftnderungsvorschlägen hinzugefügt Aber trotzdem, und trotz der reichen naoblese 
von G. Paris und Mussafia (Rev. crit. ; Litt centralblatt) könte man kaum sagen, 
dass alle Schwierigkeiten gehoben seien. Die aufündung einer besseren und Uteren 
handschrift kÖnte hier allein helfen. Nach den aus dem Besant in den Bestimre 
hineininterpolierten stellen muss übrigens neben der uns im manuscript 19525 erhal- 
tenen Übellieferungsform eine andere existiert haben, die stellenweise ausführliolier 
und vielfach correcter war; soviel scheint mir wenigstens aus der vergleidnmg mit 
der Bestiairehandschrift f. fr. 25406 hervorzugehen. 

Referent kann schliesslich dem herausgeber zu dieser höchst sauber gearbeite- 
ten ersten leistung auf dem felde der romanischen philologie nur glück wünaehen. 
Er hat gezeigt, dass er die philologische akribie, die gereifte frucht ebier metbodiseli- 



MÖHIUS, ÜB. SKiHASlMA T. K. 1U.UKXR 887 

fttieugeu tdiiile, die er iMsher ausschliesslich den germaBistischen stndien gewidmet, 
mit gl9ck mid geschieh aadi auf das Terwante feld der mittelalterlich -fraasfisische« 
spiadie mid littenior ra fihertragen yersteht Möge er uns hald mit einer kritischen 
Mugabe der gesamten werke Gnillanmes erfrenen, im anschlnss an die Fregnsansgabe, 
durch welche er nächstens in nene beziehangen in seinem dichter treten wird. 

PABD, IM XOYKMBSR 1B€9. JVUC9 VBAXMUUXK. 



Die Skidarima. VonKoir. lÜMrer. (Aus den Abhandlangen der könig- 
lich baierschen Akademie.) Mflnchen 1869. 70a. 4. 

Die SÜämrima gehört einer dichtongsgattong an , die auf Islind seit dem ende 
des 14. jahrimnderts bis in das 18. herab sich einer besoadem pflege eifreat hat 
mid wihread dieser seit fast als die aosschliessliche form fftr erdLhlnngen in gebnn» 
deoer rtfde betrachtet werden darf. 

YoD iltezen rimur waren bisher nnr gedmckt: die Skdld* Hdffa - rim m (Gib. 
Ifittd. n, 419 — 575) and die prytklur and Bimur flrd Vdhungi hm um öbama (Snn. 
Edda, Leipng 1860, 235—239; 240—254 and Torwort IX— XY); ansseidem die 
ÖlafB-rima (Fiat. I, 8—11). Za diesen komt jetrt die SkiäarimM, die man fab- 
her nor aas den gel^<entlichai anföhrnngpen P. £. Müllers and Finn Magnasens 
kante. Hiemaeh galt sie fftr eines der ältesten gediehte dieser gattang. 

Mit der letzterwähnten Olafs ^rima hat sie sweierlei gemein. Eimnal, dass sie 
beide nidit wie alle sonst bekanten aas mehreren abteilangen (nrnnr) bestehen, son- 
dern angeteilt in je einer riwut; die Olafs -ritHa hat 65 Tierzeilige Strophen, die SH' 
darima hat deren 203, während die oben erwähnten Skdid' Helga- rumur 890 Stro- 
phen in 7 rimMTf die prfmlur 79 Strophen in 3 rinmr, die VÖlsanga ri w m r 279 str. 
in 6 fimur amfsssen. Femer: beide gediehte sind nicht wie die Skdld'Hdga' 
r i mu r, die prymlur, die Volsungs riamr and alle die übrigen älteren, Ton denen 
wir kentnis haben » gereimte paraphrasen von zom teil noch vorhandenen sagas (oder 
wie die prymlur Ton einem alten Edda-liede), sondern es sind originale diohtangen, 
wenn auch verschiedenen inhaltes and Charakters; die Skidarima ist eine ganz frei 
erdichtete ersählang, die Olafs »rima dagegen nach art der encomiastiBchen drcgpur 
ein lobgedicht aaf den norwegischen könig Olaf den Heiligen (f 1030), dessen taten 
und tod sie feiert 

Die Skidarima berichtet aber von einem norwegischen bettelmanne Skidi, 
der aaf Island von einem hofe zum andern heramsieht and aaf einem derselben, 
dem des |K>rleifr beiskjaldi, wo er einmal übernachtet, einen traam erlebt, dessen 
enählnng den haaptinhalt des gedichtes (str. 46—187) bildet. Ihm träamt, dass er 
vom gotte Thor im aaftrage des Odin nach Yalhdll geleitet, hier die Äsen and Asin- 
nen and eine ganze schaar nordischer beiden versammelt findet Odin, nachdem er 
ihn aafii beste bewillkomnet and beschenkt, führt ihm anch eine fraa za, Högnes 
toefater, Hild, and verleiht ihm königsnamen wie königreioh, nämlich gans Asien 
und was er sich aosserdem wünschte. Als Skidi ein krenz schlägt and sich hier- 
doreh als christ kennzeichnet, erhält er sanächst vom Äsen Heimdali einen hieb, 
dessen erwiderang daroh Högne, der dem Schwiegersöhne Skidi schützoid sar seite 
tritt, das Signal za einem kämpf and gemetzel wird, woran sich allmählidi die ganze 
ehrenwerte versamlang beteiligt Viele der hervorragendsten beiden verlieren hierbei 
das leben , ja selbst die Äsen Balder and Njord , Loke and Honer , von Skidis höchst- 
Mgner band erschlagen, bis dann dieser selber von Jang-Sigord schliesslich aar 
türe hinaosgebraoht wird and -^ wider erwacht Die wahriieit seines traomes wird 

16* 



228 MÖBius 

nicht nur durch die mishandlungen betätigt, die er während desselben seinen 
sohlafgenossen angetan und von denen fünf sterben, sondern auch durch den aus 
dem geträumten kämpfe mitgebrachten grossen zahn, den er einem seiner gegner 
ausgeschlagen und der dann kunstvollst zum bischofsstabe für die kirehe in Holar 
verarbeitet wird. 

Dies ist ganz kürzlich der Inhalt der Skidarttna, die nun hier unter obigem 
titel von Eonr. Maurer zum erstenmale vollständig herausgegeben und mit einer 
höchst gehaltreichen einleitung versehen worden ist. 

Die einleitung (s. 3—55), die dem texte des gedichtes (s. 55 — 68) vorausgeht, 
gibt zunächst eine ausführliche inhaltsübersicht (3—5), spricht sodann unter ver- 
gleichung ähnlicher dichtungen sowol auf nordischem gebiete, wie auf deatscbem 
(Rosengarten u. dgl.) über die tendcnz der Skidarima, die als Verspottung der unna- 
türlichen überspantheiten der romantik bezeichnet wird (5 — 17), wendet sich darauf 
zu den mannichfaltigen quellen , aus denen der poet seinen stoff geschöpft (17 — 34)» 
sucht dann in eingehender erörterung der frage über zeit und ort der entstehang des 
gedichtes darzutun, dass es nicht früher als höchstens- der mitte des 15. Jahrhun- 
derts angehöre und, ohne dass person und namen des dichters nachweisbar wäre, 
seine heimat im westlichen Island habe (34 — 54) , um zuletzt noch über die hand- 
schriftliche Überlieferung , papierhandschriften des 18. Jahrhunderts (vgl. s. 46 — 47) 
und eine von Maurer selbst für die vorliegende herausgäbe benutzte abschrift von der 
band Gudbrand Yigfussons, zu berichten (54 — 55). 

Indem wir den leser, der sich über die angegebenen punkte näher unterrich- 
ten will, auf Konr. Maurers einleitung selber verweisen, wollen wir versuchen einen 
vom herausgeber zwar ebenfalls, doch nur beiläufig (s. 47) berührten punkt, nämlich 
die spräche der Skidarima hier etwas näher zu charakterisieren. 

Sie bietet in grammatischer wie lexicalischer beziehung mancherlei, das teils 
in folge ihrer entstehungszeit , teils der gebundenen rodeform von der altnordischen 
Sprache, wie wir sie ans der litteratur des 12. bis 14. Jahrhunderts kennen lernen, 
mehr oder minder abweicht 

Wir scheiden zunächst die Umschreibungen (kenningar) aus; sie gehören als 
ein rein äusserlicher schmuck der poetischen diction als solcher an und können, min- 
destens in dieser art reimereien, ebenso gut bleiben, als durch die gewöhnlichsten 
prosaausdrücke ersetzt werden. 

Die Skidarima enthält folgende; für Odin: stdla-gautr (124); für mann: 
andar-baldr und menja-baldr (12. 7), örva^lwidr, mens-lundr (59), laufa^iundr, 
aeima-lundr, fleina-lundr (26. 59. 67. 92. 127), laufa-vidr und seima-viälr (52. 
145); ferner: randa-h'jMr (? 143), nistiU siUdtregju (186), seima-foUr (199), her- 
janS'hättr (60); für fr au: hauga- skorda und ffuHhloida'SkoTda (4. 5), siOd^hrmid 
(8), porna-hrü und veUa-hru (112. 120), Jjoma'vigg (87); für kämpf: keppa^gag 
und eggja-sag (136. 139), mälma-prä (88), örva-seimr (147), odda-9hS^ (158), 
sMa-hfid {\^), kappa-dans (172), pumar-vers (178); für gedieht: Fjolmt- 
bdtr (6) und SuOra ^dfa/rrck (203); für gold: greipar-viioll (71), Qrettis rauda 
böl (71), orma-setr (86); für köpf: frada-sälr (188); für brüst: ödar-rann (6); 
für Speer: remmi-g^ (132); der ort IHUtr-dalr wird genant: Bdgja idkr (85). 

Es finden sich nur wenige unter diesen kenningoTy die nicht bereits tob Srlj. 
Egilsson aus den altem dichtungen nachgewiesen würden; nur dass, offenbar unter 
dem einflusse des versmaasses, die composita der kenningar in der Skidari ma die 
vollere form zeigen; so z. b. bei Egilsson: ör-, lauf-, seim', baug-, PotH', ««U-, 
während in Skidarima: örva-, laufa-, setma-, bauga-f poma", vdta". 



fBBB SKIDJÜIIMA TOH K. MAümU S39 

Billige der oben angefahrten tenrnrngitr dürften je^iH-U seltner sein; so: m$HB 
jüfttdneyfN , d. L hefbuMlel der seidenjmcke (darckbohrer des gewandes) »= mann . wo- 
mit Skid! den dradientöter Signrd anredet; nisHO, was kein wdrterbach anfohii, 
▼OB nisi oder mgü, b.: spange, befteL Femer: -«tg (TgL sog, f. die sige und 
9aga, ngen) ib keppa-sag und eggfa-sag: das sägen, schneiden, hauen mit knfip- 
peln, mit sehwerterB, d. 1 kämpf. Zwei andere JbeitiiiN^ar ftr kämpf sind: kappa* 
dans, heromm saHaÜo, nnd das nicht wol denthare pHsnar-vers; Svbj. Egilsson ver- 
zeichnet ans Snorra-Edda drqfra-ttrt: versuf, sonäms, Stridor samguimis; doch 
pHgnar? fugm, f. (von Pgsja ruere): damor, strtpüus? wenn es nicht gar in nahe 
läge vk ptMSS- d. L: purs- (riese) zu denken: j^Msm -rers? Credicht wird nnischrie- 
beB durch bäir Fjotma: bort des Fjölnir, d. i. Odin, nicht, wie dies dfler geschieht« 
der swerge; ferner dnrch Sudra tjafar^ rok; s/ofor-rofc vgl. ^jör rrftr die see raucht, 
▼on dem dnieii die luft aufwirbelten wasserdampf; ähnlich dverg^regvi: poesi^. Der 
aas der Njdta bdante eigenname der Streitaxt des Skarpkedin, Bimmu-gt^gr, d. i.: 
kampfriesiB , wird hier (str. 132) unter der form Bemm-gt^ appeUativ (ilr axt über- 
haupt gebraucht 

In granmuitischer beziehung enthalten lautgestalt, bezflglioh Orthographie, wie 
flezIoB mehrere kriterien ffir die spätere leit, obwol nur diejenigen von ihnen maasa- 
gebend fBr das alter der entstehung sein möehten, die sich neben der handschrifi- 
lidien tlbarlieferung auf das zeugnis von reim und metrum stützen; denn jene reicht 
nicht weiter als bis in den anfang des 18. Jahrhunderts , wobei es überdies zweifelhaft 
bleibt, in wie weit der Torliegende tezt sich ganz streng an seine so späte Torlage 
gehalten oder ob nicht, wie wir fast glauben möchten, hier und da im Interesse des 
lesers, wenn auch nur in orthographischer beziehung kleine änderungen vorgcnom- 
men worden« 

Rficksichtlich der lautgestalt heben wir folgendes henror. Yoeale: überall, 
wie sich im vorliegenden falle von selbst versteht , e (sprich jd) für tf , femer m 
nmlaiit sowd von d als von 6; sonach reimen haHa (== hala) und mösla (81), Stfija 
(= MeJtja) und hraH^a (51), figtr (»^ fcßtr) und l^etr (52. 138); die verlängerangen 
aller vocale vor ng und nk, so wie ou als die Verlängerung des umlautes ö vor ng 
in: laumg « long, gaung » gong, stmng «» s&ng (vgL 43); o statt des älteren au 
in 9jö sqpiem; das epenthetische u begegnet nur zweimal in ofutUgi und in Unnwr 
(194) neben tennr (142) und ienn ^^-^ menn (5. 8), obwol ur ^^ r, wenn auch als 
zweite silbe weiblicher schlussreime erst seit dem 16. Jahrhundert, doch als beson- 
dere Silbe, wie hier in der mitte des verses bereits am ende des 13. Jahrhunderts 
erscheint 

Consonanten. Erweichung des t zu 4 und dos Jb zu ^, wiesle später noch 
weiter um sich greift, in aä, iä, päd, vid, annady nokkud usw.; in eg, og, pig usw. 
Yerein&chung des auslautenden rr und 88 (= sr) zu r und 8 , zum teil durdi den reim 
geaiflfaert, z. b. por (« p&rr) reimt mit rit stör (167), laue (» lauss) mit ror kam 
(174) usw. 

Die Silben -reime am ende der verse sind im ganzen rein, wobei es sich der 
diditer häuüg ziemlich leicht gemacht, indem er entweder dieselben reime widorholt 
oder zum reime dasselbe wort verwendet, wie pörf und pörf (23), skreppu und 
skreppu (40), J^etr und peir (65). ünächte oder doch nicht ganz ächte reime, die es 
nidit bloss der schrift nach sind , sondern auch nach der ausspräche , finden sich 
wenige: dUa (sprich auita) und hrotta (192), aUumst und aaitust (116), rista und 
ÜTWffia (180), voU und vort (122), V4eri und narri (66), heljar und Mja (160), fitma 
und pimiar (93), obwol schon früh das r fast lautlos wird (z. b. vart und svartr in 



330 MÖBIÜS 

Isl. U, 219, higgja und Friggjar in Baräar 8. (1860) 8. 15 u. a.); svima imd Uma 
(128), e und e in er und mer, amell und feU u. a. werden durch gleichen hauptton 
zum reime ; verändert des reimcs wegen sind vtela (d. i. vela) und Ußla (2) , vendr 
(d. i. vandr, s.: Svbj. Egilsson) und kendr (19). In den übrigen fallen, wo die reime 
in der schrift nicht stimmen, beruhen sie auf der spätem ausspräche, der sich die 
Schrift hier und da anbequemt hat; sonach reimen : vers mit pesa (4. 178) , fyrtft mit 
lyst (91. 93) , mart (d. i. fnargt) mit hart (191) , pr^äa (sprich prida) mit tnda (49), 
teiga (d. i. teygja , sprich teigja) mit ew/a (120) , hestr (d. i. 6c£tr) mit gestr (32. 97), 
2and« mit manns (15), ^uxa (d. i. hugsä) mit uosa (21), rl mit H (spr. beides däl) 
in jaW mit im» und fall (81. 176), in SMH (d. i. /SeurJt) mit fuJli (99). 

In der flexion der nomina weist schwanken der nominativ- und accnsativ- 
formen auf die spätere zeit; so zunächst neben madr (57) und maärmn (11) auch: 
o mann (47. 58. 63), das zweimal (58. 63) mit Juinn reimt; neben 'tnundr m 
Asmundr (178) auch o-mund in Geirmiuid (77) und Äsmund (78); 6 milding = 
müdingr (51), 8dr(r) o^ m(kf(r) reimt mit blöd (156), abgesehen von der regel- 
mässigen, schon oben erwähnten abwerfang des nominatiy -r in Svar (=^ Svarr) 
Agnar, Edgeir, por usw.; neben Fofnir (161. 165) auch — veranlasst durch 
das vorausgehende Beginn — 6 Fofnin (82); andrerseits behalten die nomina auf 
"ir das r im accusativ, z. b. loV p&rir (84), tov Haniry das mit ibv manir (179) 
reimt, während auch tov Fjölni (91) und rov Fofni (85); Bögna (117), um es nicht 
als acc. von Bögm^=Rögnir (112) gelten zu lassen, muss wol rotv rögna sein; tov gar^ 
pvinn statt garpinn (83) und wol auch xbv präinn statt prdin (157. 160) möchten 
vielleicht ebenso wie fleiru statt /(etra oder fleirum (64) nur druckfehler sein. — In 
der conjugation begegnet man dem späteren t f&r a in: ätti eg (6), eg skyldi (121), 
eg t^ndi (101), eg ynni (116) usw.; er für em: sum (94 und öfter), aSu pid för «^ 
(d. i. aiü) ü: sUia voa (118), sattuat fQr aasttiat: concüietia voa (116), imnidt für 
mtindiA, inf.praet. (103). 

Spätere wortformen sind: dldrei (55. 34) nndaldri (27) i^aldregi, ei (44 and 
öfter) für eigi, Mngr für konungr, die zahlformen aextigi (94) und frjäUgi (178). 

Auf dem gebiete der Syntax erklären sich die abweichungen von der älteren 
und der normalen spräche zum guten teil aus der lässigen redeform nicht minder, 
als aus der gcbundenheit durch das metrum. Wir heben den freien gebrauch in der 
Verbindung von Substantiv und adjectiv hervor, des einen bald mit, bald ohne artic. 
Suffix., des anderen bald in bestimter, bald in unbestimter form, bald das Sub- 
stantiv dem adjectiv, bald dieses jenem vorangestellt — wie es eben reim und dl- 
benzahl gestatten oder fordern; z. b. : drengrinn hvaaa, aber auch laufavidrinn atori, 
hüsin atör, aber auch kappaaveUin df/ra, fdtakt fölkid, f erleg xmdrin usw.; fast 
jede Strophe enthält beispiele; dazu die auch unserer älteren dichtknnst geläufige 
nachsctzung des unflectierten possessivs : d nädir pin (94) , % hustiin nUn (110) , ur 
gardi ain (14) usw. Auslassung des relativs: ad madr (er) mig hefir lyat (98), fyrir 
pd neyd {er) pü fikkat af mir (100); cdi päd (er) hann kjöaa vüdi (128); besonders 
häufig ausgelassen ist ad (^= at): dass, m. indicativ oder conjunctiv, uaoh flrd eg 
usw., z. b.: frd eg (ad) hann var (36), oder: aüa eg (ad) lumn keiU (99) auch : 
8. 29. 34: 40. 43. 44. 45. 54. 59. 99. 103. 112. 180 und öfter; ebenso 9W> ^ mso ad 
(26. 60. 140. 158. 174) und i ^' « t pvi ad, z. b. : % pvi (ad) hann lifid Ut (160). 
öfter, wie dies in der gewöhnlichen rede geschieht, wird dem nomen das pronooien 
{kann und hun) vorgesetzt: hann Skidi, hann fdäir mtnn (10. 121. 126. 169. 177) 
und hSm Freyja (175. 87. 112) hwn Vdlhm (69); eben dahin gehört das «10^ m*-: 
solches sind — , alikt tä ek ^ (39. 77. 72) und der periphrastische gebraudi Ton 



ÜBEB SKiDUUMA TCHT K. MAinUB ISI 

ffärm^ X. Ii.: fiUati gj^fdi roMmrimm: — er tat sidi «rhebe« (Sl), kämm gjdr^ «I 
fiadta (145X Nodi ad enrihnt der adTerbiaWn accnsatiTe: wtimgtam oad Üh'jui (1. 
131) uid der adtenereii rerbiiiduig tob lumma BÜt dem iBfiaitiT dBrdi <itf (32. 70. 
111. 143). 

Asck fleUiBg QBd wmhl der woite sind dfters tob jeaer riicksickt aof dea Ten 
aUiiBgi^, ao I. b. das dorchiBs BBgefage aä förttu: dits d« gieagst (100)! fentt' 
för statt far wtgen p&r (57), Wm statt Öi wegen sim (109); widttholmig des- 
selbeB wortest un eiae silbe ib gewiaaeB. x. b. timf — simf {IV- *), tmmm » mmm 
(202«- «)! 

Am BwisleB, wie n erwartea, leigt sich jedoeh der Bsteradded der spräche 
Tcriä^^eader rima ia lexicographiscber bendiBBg. EiBBud eathilt sie <HBe gaaie 
reihe wM»r, die der iltereB spräche eatveder ftberhaapt oder doch ia der hier 
gtknnMtak bedeotBBg freaid xb seia scheiaeB, aadereneits eiae aaiahl eaUehater 
wMer, iasoadeiheit deatadier, aach lateiaiadier. Mdirere, obwol a«eh aidit alle» 
der etstgCBaBtea fiadea sidi aar ia Björa Haldorssoas wörterbodie, diesem so laage 
seit aUdaigea, doch auch jetst aoch BBeatbehrlidieB lexicalischea hU&Biittel. Wir 
▼eiaei^Dea sie aater besoaderer rücksiehtBahme aof Job. Fritxaers wörterbach , dea- 
aea beaatzBag wir bei etwaigea leseni der Skida^rima Toraussetiea. 

dlpa, d. L apla, aach art eines apii, m. vitolas gehea, anderwärts dipaM, 
hier (54): o/jw^. ~ auli wird Skidi geaant (98. 1^8. 189. 193): Damriaa. ~ 
barda: eaesos aeat str. 41 die gründliage (grumnmgar) , indem getrocknete fische, 
beror man sie isst, mürbe geklopft werden. — brumla (74), tosen, l&nnea. — 
brjöt in: ramda'brjöt (143), entweder datiT von dem allein in den wörterbflcbem 
Terxeichneten masealinnm brjötr: fractor, oder (?) von einem neatnim hrjät: fractio, 
Bonach randa-brjot schilderzerbrecben , d. i. kämpf. — 6rtisit in den Wörtern og 
stüii mstgia Bnima (163) mochte wol Fofnir als den „braanen," d. h. titrum, /«la- 
€um (s. Srbj. Egilsson) bezeichnen. — hupp (163) reimt mit %ipp; der drache Faf- 
nir reckte in die höhe höicaä bupp: caudam exsecrandam (?!); Bj. Hald. ver» 
zeichnet nur hopp, n. simguU%u vulpium und saüus pilae; gestattete dies der gebraach 
voB reia t^, so wäre der sinn: er schlag ein geheol auf. — hyrdum, dat plaral. 
(35) Ton byrdr, fem.: last, menge — die p, sammelt? oder von byrda, fem.: trog, so 
daas safma bfrdum: trog-, scheffelweise den hauslichen besits anhäufen? unter dem 
texte wird conjidert: Urgdum Ton birgdir, f. plur. Vorräte. — bysi ag bari (191); 
6yst d. L bgrsi, gebürstet, übel zugerichtet; sonst heisst bgrsta: mit borsten verse- 
hen (vgl. gmUi byrs^) oder byrsiast: die borsten herauskehren (metaph.). — danga 
ia ä&i wfetera: „hrattans synir danga'* (136); damga, nadi ^j. Hald., stark-, 
fett werden, während kraUi, m. weder von ihm, noch sonst wo verxeichaet wird; 
der herausgeber conjiciert: hrattans von hratii, m. (gleichfalls nur bei Bj. Hald.): 
aeshu maris wtodicus at frequens; sonach hraUatis synir damga: (das ist da kämpf, 
wo) die Maie der brandung, d. i.: die wogen fluten (?). — drukklangr in dntkk- 
longa $htMd (65) wird vom herausgeber sdber (einldtung s. 18) erklärt: „nur so 
lange, als man etwa xu reiten pflegt, bis man wider triakeas halber xakehrt** — 
flur — voB flurr, m. (med fagran flmr 200), nieht von dem allein in den w5rter- 
bfichem verzdchneten fhir, n. flares — hier v(m der blumigea verxierung, die der 
zaha durch die „Werkzeuge der ersten künstler*' erhalten. — gylla etmi i ordmm 
(4. 98): jemand durch goldige worte schmeicheln. — Tarife», dl tu wm U ma, stn|»- 
tms (149), sonst nur ftark, n. — herra, f., gewöhnlich nur titel desbisehofs, hier 
(79) in dem parenthetischen ausrufe : J^emmn vür (nicht herran viir ?) von gott; all- 
wissender h^rl oder: der herr sd mein zeuge! — hrakföU, n. pl. (60), tob 



332 XÖBIÜ8 

den nngläcksfallen , deren Prophezeiung sich Skidi verbittet. — kdklast (61); 
„kdkl, n. levis ptüsciHo*' und „kakla (ad) lente pulsare'' nur bei Bj. Hald.; hier 
in den wortem per mun kostr ctä kdklast um: deine läge wird, wenn du nach Yal- 
höU komst, eine sehr üble werden. — kampa-sidif als epitb. omans des Skidi 
(90), dem freilich vorher (9) ein dünner hart beigelegt wird, wol kaum anders zn 
deuten, als: mit lang herabhängendem harte, bezüglich fAvarui; vergl. hdr-sidr bei 
Svbj. EgiLsson. — kengr, bei Bj. Hald. unter: keingr, m. gibher, höcker; krippa 
(d. i. kryppa)f f., bedeutet dasselbe, so dass die Wörter: p6 var upp icr krippu 
kengr (8) entweder heissen: doch ragte aufwärts aus (ohnehin) krummem rücken ein 
höcker, oder: krippu-kengr ist als potenzierter höcker und upp vt adverbial ku ver- 
stehen. — kingr, m. = kengr: curvatwra, nur bei Bj. Hald.; kama iü kings 
(155) zur beugnng, d. h. zu falle kommen. — kvaräa (41); „ zukost verbietet sich 
von selbst (weil er keine hat), setr nü ad honum kvarda**? kwurdi (nnter qtMrdi), 
m. , messstock, ellenmaass bei Bj. Hald.; doch was soll dies hier? — l^ngja, 
f. (27), 8. nachher unter mcUir, — lif, n. leben, im sinne von person (99); Sturli 
auf Island wird mit den werten eingeführt: annat er par dgcsU lif, dort gibt es 
noch einen andern vornehmen mann usw. — {ut'nn, adj. (part praet von ^'a: 
durch hämmern dünn machen): schlaff (182). — loppa, f. tatze, von der- hand 
Skidis, mit der er eiligst ein kreuz schlägt (125). — lukka, f.: glück (50. 53. 57), 
der älteren spräche so gut wie fremd. — malir, f. pl. (27) von dem kreuz auf 
dem feile des viehrückens, aus dem sich Skidi eine „lengja nukil og sid," ein gros- 
ses und weites langstück für seine schuhe schneidet. — neyta, benutzen, gemes- 
sen, hier (12): vorteil erfahren; in den werten: enga menn fann (kann) % oränm 
sinum neyta, er liess niemand in seiner rede gelten, er verläumdete jedermann. — 
pin, f. (164, reimt mit sin), in keinem wörterbuche, wol für i^ina, f. erudatus, 
so dass die worte long var sü hin Ijöta pin bedeuten: lange dauerte diese scheuss* 
liehe landplage (nämlich der drache Fofnir). — rakna: ea^licari; hier (44) in den 
Worten : seint tok gUdin ad rakna : erst spät verlor sich die lustigkeit der leute. — 
reidigangr (76), in keinem wörterbuche; alt er i reidigangi, d. i. (v)reidi'gangi: 
in zorniger aufregung. — sjöli, m. (50), könig, nur bei Bj. Hald., wie der Her- 
ausgeber bereits bemerkt. — skoltr^ m. (142), rüssel, schnauze, unehrerbietiger 
ausdruck für den mund des friesischen beiden Ubbi, dem Skidi vier zähue ausschlagt; 
wol für skolptr vom stamme skcUp— drehen, wenden, vgl. skoJpr, m. dreheisen. — 
skrüdi, m. (allan skreppu skruda 10) nicht Mos schmuck, omat, sondern hier all- 
gemeiner, wie skrud, n., vom ganzen inhalt der reisetasche; ebenso in Morkinskinna 
100^^: skreppa ok alt skreppu skrüd. — skrökkva (130) erdichten, erdichtetes 
oder unwahres aussprechen, von dem sonst wolbekanten skrök , f. — smer (106), 
in keinem wörterbuche, für sn^ör: butter, wie sonst überall geschrieben. — stüta 
(167), gewöhnlich trans. : töten, hier intrans. : umkommen; „eher wirst du, lümmel, 
unter den starken hieben dein leben verlieren.'' — süd, f, asserum campages, hier 
(24) bloss: bret, dem das schuhleder verglichen wird. — teiga (120) nicht allein f&r 
teigja wegen des reimes zu eiga, wie schon der herausgeber bemerkt, sondern auch 
für teygja: hervorlocken; ord parf sizt at teygja: der bejahenden antwort auf einen 
heiratsantrag bei einem mädchen darf man im voraus versichert sein (?). — tenn: 
dentes (5), hier von den Sprachwerkzeugen; Idtum heldr leika tenn d liUum afi$Uj^ 
rum: lasst uns unser mundwerk lieber an kleinen geschichten spielen, lasst uns 
solche erzählen. ~ tetr, adj., in keinem wörterbuche, wol für töirugr, von tetr 
oder tötr, m. oder n« , läppen , lumpen ; ur hirzlu tetri Skida (198) : aus Skidis arm- 
seligen) b^haltnis. -^ ür-mäta: übermässig (13); wol kaum acht nordisoh. — 



ÜBEB SKlDABitfA VON K. MAURER 233 

vaina (202), „ehe er gelobte heidnische opfer abzulegen und in der 8onnabend- 
uadit bei wasser zn fasten.'' — t^ngistnenn: jwoenes (2), wol nur in der späte- 
ren spräche ftblich. — tfnki, lamentationem oder laiMntationes (133), in keinem 
w5rterbaefae, jedenfalls dem dänischen yfik: jainmer, elend entnommen, das selbst 
wider auf altnordisch aunik (in autnka: misereri) zurückgeht 

Ausser diesen Wörtern finden sich nun noch einige offenbar fremde, bereits 
Yom heransgeber als solche gekennzeichnet: fin (19. 22. 114), jungr (199), for- 
stmd: yersdimähen (121), par: paar (32), kvittr: quitt, ausgeglichen (4), zu denen 
man wol auch sldngi =» ormr (auch schon in der Didrekssaga) rechnen darf. Latei- 
niflche Wörter sind: vers: versus, in der kenning: pusnar-vers (178) und in 
amurs vers : eartnina eratdca (4). 

Der druck ist ein correcter; nur wenige druckfehlcr sind stehen geblieben, 
Ues: Skidi (10), stofunni (36. 46), mäa (49), Hzt (59), hvorki (61), vist? (69), 
uiar (80. 81. 84), yzt (85), poma (87), lofann (114), smma (128). -g^gi (132). 
Stdrend wirkt der mangel eines grossen p. 

laXL, THEOD. MÖBIUS. 

StNlerwally K. F. Hufvudepokerna af svenska spräkets utbildning. 
Lund, Gleerup. 1870. (VDI), 132 ss. 8. 
Während der letzten jahrzehoude haben schwedische gelehrte ilircr landes- 
sprache, sowol in betreff der älteren gcstalt derselben, des Altschwedischen, als auch 
ihrer mannigfachen dialecte, einen regen flciss zugewendet. Die dialectische for- 
Bchong hat einen gewissen abschluss wie andererseits grundlage und ausgangspunkt 
für fortgesetzte forschimg im schwed. dialectlexicon von J. £. Rietz (1867) erhal- 
ten; die mancherlei älteren dort aufgeführten und benutzten monographieen sind seit- 
dem fast jedes jähr um eine oder mehrere neue vermehrt worden. Historische gramma- 
tik des Schwedischen und vor allem genauere kentnis der alten spräche wurde überhaupt 
erst ermöglicht, aber dann auch wesentlich gefordert durch kritische ausgaben der 
quellen, einmal durch die nunmehr mit dem XII. bände (1869) vollendete der. schwe- 
dischen provinzgesetze durch Co 11 in (f 1834) und Schlytcr (geb. 1795),^ sodann 
durch die seit 1844 beginnenden publicationen der schwedischen Fomskriftsällskap, 
unter denen namentlich das altschwedische legcndarium, herausgegeben von Geo. 
Stephens (2 bände, 1847—58), durch alter und gute der handschriftlichen Über- 
lieferung (Cod. Buranus und Cod. Bildstenianus) hervorgehoben zu werden verdient. 
Mit umfassendster benutzung dieser quellen, und unter an Wendung alles dessen, was 
die historisch - comparative grammatik der gegenwart an methode gelehrt wie an 
resnltaten zu tage gefördert hat, verfasste Joh. Er. Bydquist sein grundlegendes 
werk: „die gesetze der schwedischen spräche" (Svtnska sprdkets lagar), worin er 
deren flexion und lautsystem seit dem Schlüsse des 13. Jahrhunderts , wo unsere quel- 
len beginnen, bis zur gegenwart in ausführlicher weise zur darstellung bringt. 
(Bandl: conjugation, XLIV, 509 seiten, 1850; band II, declination, 633 selten, 1857 
bis 60; bandlll: Wortregister, XYII, 303 seiten, 1863; band IV: lautlehre, 552 seiten, 
1868 — 70). Zu Bydquist und dem nicht minder verdienten Carl Säve in Upsala, 
dem man ausser anderen monographieen die treffliche ausgäbe des alten gotländi- 
Bchen gesetzes {Gulalag) so wie die eingehende behandlung der spräche auf der insel 
Gotland und inDalame verdankt, gesellt sich unter den in gleicher richtung tätigen 
jüngeren gelehrten: K. F. S öd er wall, docent an der Universität in Lund. 

1) Sine orientierende Übersicht über das ganze werk gibt F. Dyrlund in der 
Kopenhageher Zeitsohr. f. phil u. pasd. YIII (1870) , 314 — 328. 



284 xöBiüB 

Von seinen früheren arbeiten kennen wir die drei akademischen abhandlongen: 
»,Über die rection der verben im Altschwedischen." 1865, 37 seiten. i ; „Über die behand- 
Inng fremder Wörter im Altschwedischen." 1867, 19 seiten. 4 ; „Über die kasnsformen 
im Altschwedischen/' 1868 (?), 17 seiten. 4. Ganz neuerdings hat er eine kleine 
Schrift herausgegeben: „Die hauptepochen in der entwickelnng der schwedischen 
spräche." Lnnd 1870 (YIII), 132 seiten. 8. Anf diese möchten wir hier den leser 
ganz besonders aufmerksam machen , weil sie ihm in kurzer übersieht die haaptergeb- 
nissc mitteilt, zu denen die heutige schwedische Sprachforschung gelangt ist, und 
wol geeignet erscheint i ihn in die quellen selber und in die umfänglicheren Untersu- 
chungen einzuführen. 

Bekantlich hatte schon N. M. Petersen in seiner nordischen Sprachgeschichte 
(2 bände, Kopenhagen 1829 — 30), wie die geschichte der danischen und der norwe- 
gischen , so auch die der schwedischen spräche yerfasst; ihr verdienst ist für die dama- 
lige zeit um so höher anzuschlagen, je geringer und je weniger gesichtet das mate- 
rial war, das ihm zur bearbeitung vorlag; vorarbeiten aber fehlten so gut wie gänz- 
lich, unter weit günstigeren bedingungen ist jetzt Söderwall an seine aufgäbe her- 
angetreten; nicht allein, dass ihm die quellen, die Petersen teilweise nur aus hand- 
schriften und in dürftigen excerpten zu benutzen hatte, vollständig und sämtlich in 
kritischen ausgaben vorlagen, koute er teils seine eigenen Specialuntersuchungen, 
teils die anderer, namentlich Bydquists, in betreff der flexion und des vocalismus, 
als mehr oder minder abgeschlossene benutzen und sich auf sie berufen. 

Söderwall teilt die geschichte der schwedischen spräche in vier perioden; die 
erste beginnt mit der anwcndung der schwedischen spräche zu buch und schrift, 
d. i. mit dem ende des 13. Jahrhunderts, dem unsere älteste schwedische handschrift 
angehört (das ältere Vestgötalag in einem codex vom jähre 1281); die zweite reicht 
bis in die der kalmarunion (seit 1397) vorausgehende zeit , ende des 14. Jahrhunderts ; 
mit dem aufhören der union (1520) und mit der reformation (1527) begint die dritte, 
die sich bis in die mitte des 18. Jahrhunderts erstreckt, wo die vierte anhebt. 
Jede dieser perioden behandelt Söderwall in der weise, dass er nach einer allgemei- 
nen Charakteristik ihrer sprachform und nach kurzem überblick über die litterator , in 
der sich dieselbe ausprägt , das lautsystem , die flexion , die syntax , den wörterschatz 
bespricht; eine allgemeine Übersicht (116 — 122) bildet den schluss. 

Um an dieser stelle nur auf laut- und flexionslehre der ältesten periode ein 
wenig näher einzugehen, so können Söderwalls auseinandersetzungen , in willkomme- 
ner weise veranschaulicht durch die s. 123—130 beigefügten paradigmen der alt- 
schwedischen declination und conjugation, allerdings nur bestätigen, was uns bereits 
P. A. Munch und Carl Säve dargelegt haben, jener in wenn auch nur dürftigem 
umrisse in seiner „ altsehwedischen und altnorwegischen grammatik" (1849), dieser 
viel eingehender in der kleinen, aber sehr inhaltreichen abhandlung: „Über die 
sprachlichen Verschiedenheiten in den altschwedischen und altisländischen Schriften" 
(1861), nämlich: die, wenn auch charakteristische, gleichwol relativ überaus geringe 
Verschiedenheit, die zwischen dem Altschwedischen des 13. Jahrhunderts und 
dem sogenannten Altnordischen, d. h. dessen altnorwegisch- ialändisdier form, 
zu tage tritt Es sind eben, vde es angesichts der gemeinsamen, wirklieh „altnor- 
dischen" Stammsprache nicht anders zu erwarten, nur grad- unterschiede, während 
andererseits merkwürdig genug die beiden nordischen eigentümlichkeiten , die sof- 
flgierung einerseits des pronomen demonstr. zur bildung des articulierten Substan- 
tivs , andererseits des pronomen reflex. zur bildung eines medium und paniTum — , 
eine jede von ihnen sowol im Isländischen und Norwegischen, als auch im Schwe- 



dudKB mmi. lmms<hBm seh casi grmhftiagig t«b- cad i^anJkl is^b^a «i&ja^r 
gebildet n kibm bbI dem ^eBeianai-BoiüiMiM« twBBtl et^tts^n » ja^ia $ci<^iMm: 

altMxüisckca daiailan bekiadidL Us\ Am iTvcd sind, un aber iii£B im $bui- 
dnaiiidwB veattn vie ctfsmi skb iamer mehr cnd laekr i^ Wfesti^ji sad in dira 
neofrxdiKh» spnck« nis dudicKifend« kzitennm geg^mcber nlka ikbn^rvn i^rr- 
miBisdien spnckcB zn en<h«inen. 

Bftfkiiffcdidi der nltsehvedischen s^-ndie im alljemitfinen hebi So^ut«;U1 
xwndisl herror. dvs die spndie ssASivr ähe«ten <|neilen. jJso %kr pi\»TiQji:«$*i:cx<^, 
mdit etva. wie mnn erwarten möchte. pi»Tin<ia]e dialtviTerwhii^ienheii^^n. minde- 
ntns solche nsr «dir nntei|rK>iünet. sondeni — mit ansanhme nnr de« i^^'U(';^ von 
der innel Gtstdaiid — bereits dne ihnen allen gemeinsame schrift$|NRfteho lei^^^n. die 
■ich aDodingB. wie das ja andi beim henti^n Schwedisch der fall ist« dem dialecte 
Unlands nad Södermannlands am nächsten anschliesst. 

Im Toealismns iss dem AltBchwedischen dreierlei ei^n: die Teidichton^ der 
diphthongen xa langen Tocalen (abgesehen vom Godändi;»chen . was jene bu» auf heute 
bewahrt), der sehr beschränkte, wenn anch keineswegs mangelnde nmlaut de« fi doivh 
SS y die trnbnag des a ra it, namentlich des jtM zu j^. Jene Verdichtung der diph- 
thongen, sehen wir von stehen fallen ab wie tti =-- slctgi. flö s= /^mjI usw., ist 
dem Altnordischen ganz fremd. Der altnordische nmlaut des ii durch m. seit dem 
anfange des 11. Jahrhunderts, mindestens auf Island, ganz consequent und im wei* 
testen umfange durchgeführt, erscheint vor dieser zeit, wie uns die innern silben- 
itime lehren, nur erst im beginne, während er im Altschwedischen, wenn Aberhaupt« 
80 nur da erscheint — sei es das a des Stammes oder der ableitung — . ^o das 
nmlaut -wirkende m geschwunden, (einerseits: 6/, öm, btorii. ;4rM>/(f<T. iorp, myvfer 
-(altnord.: mjödr), andererseits: sakum, nicht: soknm, kaUuMy nicht: M/min. j^inihI. 
nieht^Mtfl usw.) Die trubung des a und ja zn te und ja zeigt sich wol in sj^tem 
norwegischen (vom Schwedischen becinliussten) scliiiften . nimmer im Isländischen. Das 
häufige le = e im Altschwedischen fehlt dem Altnordischen nicht sowol dem laute« 
als dem zeichen nach. Die epenthese eines vocals zwischen consouanten und r im 
aualaute eines wertes, eines i^ e, <e, a im Altschwedischen, des u im Altisläudischon, 
des a oder e im Altnorwegischen mag ziemlich gleichzeitig eingetreten sein; im Islän- 
dischen ist sie bereits zu ende des 13. Jahrhunderts nachweisbar (z. b. iu .VM. 
623, 4). 

Dem altschwedischen consonantismus ist bis auf vereinzelte falle fVemd 
die im Altnordischen so durchgreifende assimilation. Im Altsohwedischen durchgän- 
giger abfall des h vor l, n, r, beibehaltung des v vor r, während im Altnordischen 
in beiderlei rücksicht das gegenteiL Altschwedische einsohitbung des h, p zwischen 
m und r, des d zwischen /, n und r ohne dass b und d auch vor epenthetisohem e 
wider weichen, z. b. fulder, cUder, aander, domber, warmber, verglichen mit alt- 
nordiseh: fitUr, oUtj iannr, damr, vartnr. 

Die flezion des nomen, die starke wie die schwache, ist ijn Altschwedi- 
sefaen und Altnordischen — abgesehen von rein lautlichen Veränderungen, wie abfhll 
einzelner consouanten {r, t) oder vocale (i, u) im auslaute usw. — wesentlich ganz die- 
selbe, auch darin, dass die erstere hier wie dort nur zwei declinationen gestattet, von 
denen die eine die nicht mehr scheidbaren a- und t- stamme nmfasst, die andoro die 
wenigen «- stamme , deren neutra sich auf das eine worifa (altnordisch /(j) beschrän- 
ken, deren mascuUna und femimna den t-umlaut aufweisen und deren masoulina 
ihr duurakteristisches u im aoa pl. auch hier und da erhalten haben. Dagegen: 



236 XÖBIUS, ÜB. 8ÖDERWALL, SVENSK. BPR. 

nominativ und accasativ des plaral der beiden schwachen nontra ägha (altn. auffa) 
und öra (altn. eyra) lauten: öghun (altn. augu) and örun (altn. eyru), Dass dies 
n nicht der artikel sei^ folgert man einmal aus den formen öghunin (altn. OHgun) 
und örtmin (altn. eyrun), in denen der artic. Bufßx. sonst zweimal stehen würde, 
andererseits aas dem in diesem falle ganz gleichen Altdänischen, aas dessen Eriks 
lov (2, 33) L. Wimmer das beispiol anführt: tu eghcßn oc tvra h€endar oc twa 
fateer, wo die artikellosen JuBtuher and fetier auf gleichfalls artikellose eghcsn hin- 
weisen; hiemach gilt dies n als eine altertümlichkeit, die das Schwedische nnd 
Dänische vor dem Altnordischen voraas hat and die ihre erklärong in dem gotischen 
augona and ausona findet (s. L. Wimmer , altdänische declination § 68 £f. nnd histo- 
rische Sprachforschung s. 30 if.). Sollten diese beiden , im Schwedischen nnd Däni- 
schen ganz allein stehenden beispiele für solche beibehaltung des n maassgebend 
sein dürfen und nichts desto weniger, gleich dem dänischen vcrden nnd verdenen 
(vergl. dän. verd und ahd. wercdt), aus allmählich dem bewnstsein entschwundener 
Verbindung von öghu und öru mit dem artikel entstanden sein? 

Die declination des adjectivs und seine comparation bietet keinerlei nnter- 
schicd. Im pronomen begegnet man den eigentümlichen formen : iak (altn. ek) , vir 
und ir (altn. vh' und ir), sina, d. i. sui, (got. seifM, altn. sin); aar neben sa nnd 
SU (altn. sä und sü), obwol nur im älteren Vestgotalag, bevor pan und pe, d. i. 
eum und eam (altn. pann und pä) als nominative dafür eintreten ; dem paragogischen 
n begegnen wir in pön (altn. pau) , pessin (altn. pessi) , hvilikin (altn. hvüikr) n. a. 

Charakteristischer als in der nominalflexion sind die unterschiede der verbal- 
flexion im Altschwedischen und im Altnordischen. Namentlich zweierlei tritt her- 
vor: das altschwed. n statt des altn. t in der 2. plur., ind. und conj. , pnes. und 
prset. (die 2. plur. ind. des priet. nicht ausgenommen, gavin altn. gdfiU), sodann: 
der nicht -Umlaut im cdnj. des pnet.: gavi altn. gtßfa. Andere unterschiede sind 
woniger wesentlich, wie durchgehende nicht -Unterscheidung der personen im Singu- 
lar, d. h. 1. (oder 1. imd 2.) »» 3., gehe sie consonantisch aus (stamm, oder -«r, 
ar, ir), oder vocalisch (-t, dt, api), mit einziger ausnähme des für das nordische 
überhaupt charakteristischen t in der 2. sing. ind. des starken prseteritum (l. fftw, 
2. gavt, 3. gav); femer nichtunterscheidung des indicativ vom conjnnctiv in 1. pL: 
-um (kein -im); nicht - Unterscheidung des ganzen indicativ und conjnnctiv im schw. 
prsBt. ausser der 3. pl. (indio. kcUlapu und conj. kaUapt); auch hier in der 3. pl. 
der beiden conjunctive, pnes. und prtet. , stark und schwach, das paragogische n 
in der nebenform -in, statt des gewöhnlicheren und im Altnordischen alleinigen -t; 
denn dass dies n wirklich nur ein späteres augmentum sei, wie in fUnrin, ptnm 
u. a., nicht aber dem n im gotischen nimaina entspreche, möchte wol auf gnind 
des mangels solcher formen auf -in in den ältesten quellen keinem zweifei unterlie- 
gen (vgl. Wimmer, altdänische declination s. 117—118 und historische Sprachfor- 
schung 37). 

KIBL. THBOD. MÖBTOS. 

Die gotische spräche im dienste des Christentums von dr. K* Wein« 
hold. Halle, Buchhandlung des Waisenhauses. 1870. 7Vt Sgr. 

Vorliegende schrift gibt eine, wenn auch nicht viel neues enthaltende, doch 
immerhin dankenswerte Zusammenstellung derjenigen gotischen worte, welche Vnlfila 
benutzte, um die grundbegriffc der christlichen religion zu bezeichnen. Bedeatmig 
und ableitung der einzelnen worte sind kurz besprochen, nnd die geadlichte dersel- 
ben wird durch die übrigen deutschen mundarten verfolgt. 



SEBXHABDT, ÜB. WEUEBOLD, GOT. SPKACHE '237 

Zanicitst wiiü utchgewieaen . wie Vulfiln für dio griechischen worte, die sich 
auf gott und weh Uezieben , die a]theimi«chen ausdrucke verwandte, sodann wie er die 
eigentlich christliffaen begriffe, d. h. was sich auf des heilands lehren und taten, 
seinen tod und sein erlörangswerk bez«^. meist in genauem anschluss an die grie- 
ehiachen, ebenfUls an diesem zwedke neu gesdiaffenen t^er doch in ihrer bedeutnng 
TeriLnderten worte widergab. Sodann folgt ein Verzeichnis, überschrieben: „Der 
mensch in geist, gemüt und sitdichkeit/* und schliesslich werden die hierher gehö- 
rigen ins Gotische aufgenommenen fremdwörter aufgezahlt. 

Eine ganz ähnliche arbeit wie die vorliegende findet sich in W. Kraffts 
kirchengesehichte der germanischen volker I p. :^7 ff. Krmflfts darstelhmg 
iat ansführlicher und beschäftigt sich mehr mit dem ethischen inhalt der In^^ffe, 
wobei frdlidi — meist nach J. Grimms Vorgang — eine anzahl siemlich kühner ver- 
mutongen mit unterlaufen, namentlich, wo es sich um das Verhältnis der christ- 
lidien Vorstellungen zu den heidnischen handelt. Weinhold hat dagegen mehr die 
sprachliche seite des gegenständes im äuge. Mit recht spricht sich derselbe gegen 
die annähme der gotischen götter Frauja und Vod aus, so wie gegen die {H^rson- 
liehe anffassung Ton raihts. Dagegen kann ich ihm in betreff der ableitung von 
sfeoM nieltt beistimmen, ich halte an der abstammung von Mtihan fest und erklare 
mir das o als aus oh entstanden, ein Übergang, der sich auch in tanjan — tojis, 
si€jan — sUiuida, da%ibnan — dobnan zu vollziehen begint und im althocfadentsclien 
Tor h, r, l, n, df t, s durchgeführt wird. 

BLBBRFELD, OCTOBEB 1870. XRK8T BEBMHARDT. 



Deutsches heldenbuch, fünfter teil: Dietrichs abentcuer von Alhreeht 
TOB Ktmematem nebst den bruchstücken von Dietrich und Weneilan 
herausg. v. J.Zapitza. Berlin, Weidmannsche Buchhandl. 1870. 2Thlr. 20Sgr. 
Das deutsche heldenbuch will die sämtlichen reste der mittelhochdeutschen 
Tolkspoesie mit ausschluss der Nibelungen und Gudrun in kritisch bearbeiteten tex- 
ten Tereinigen. Es bietet somit einmal eine geschichte des Vorfalls unserer volks- 
tümlichen dichtung, der ja anhebt mit der fixierung durch die schrift» andererseits 
lenkt es aber auch unseren blick zurück auf die der schriftlichen aufzeichnung vor- 
hergehende zeit und lehrt den Zusammenhang beider epochcn ericenncn. Die beiden 
ersten bände enthielten den Biterolf, Laurin und Walbcran, Alpharts tod, Dietrichs 
fludtt und die Babenschlacht. Der vorliegende fünfte, dessen inhalt der titel angibt, 
hat darin sein hauptverdienst, dass der herausgebcr bis ins einzelne den nachweia 
führt, dass die vier unter dem namen „Dietrichs abenteuer" zusamnicngefassten 
stücke, nämlich die Yirginal (so wird recht angemessen das bisher als „Dietrichs 
dradienkämpfe " und anders bezeichnete gedieht genant) , das fragment des Goldemar, 
der Ecke und Sigenot ^inem Verfasser angehören und zwar dem Albrecht von Keme- 
naten, jenem Albrecht, der sich im eingange des Goldemar nent und dessen rühm 
Rudolf von Ems besingt. Durch feststellung dieser früher allerdings schon vermu- 
teten tatsache war es denn auch möglich , die entstehangszeit jener vier gedichte und 
ihre reihenfolge listiger als bisher zu bestimmen. Unter ihnen ist jedenfalls die 
Yirginal wie dem umfange nach die bedeutendste, so die interessanteste. Nicht ihrer 
poetischen Schönheit wegen: nach dieser hinsieht wird sie vom Ecke weit übertroffen. 
Das Interesse ist ein ausschliesslich philologisches. Die einzige handschrift, die das 
gedieht vollständig uns erhalten hat, ist sehr verderbt und der conjeeturalkritik bie- 
tet sich ein weites feld. Zupitzas leistungen in dieser richtung sind höchst anerken- 
nenswert, Ausser der erwähnten handschrift besitzen wir aber noch bruchstücke einer 



238 BTBINWSTEB 

kürzenden recension nnd eine Umarbeitung des gedichtes. Das veiliältniB dieser bei- 
den zur ursprünglichen gestalt ist von Zupitza leider gar nicht näher erörtert wor- 
den. Ich werde mich nachher darüber verbreiten: um dies zu können, muss ich 
zuvor jedoch auf die art und weise eingehen , wie der dichter in der Yirginal seine 
recht geschickt erdachte fabcl im einzelnen durchführt. Nur an einzelnen stellen in 
den anmerkungcn hat Zupitza einiges zur Charakteristik des dichters beigebracht: 
dieses führe ich im folgenden nicht auf. Vor allem setzt uns Albreohts vergesslicb- 
keit in erstaunen. Str. 33, 8 kent die dem beiden ausgelieferte Jungfrau den Hilde- 
brant, woher wird nicht berichtet, 38 , 7 aber sagt sie zu ihm „herre, stoer tr sit.*' 
Mindestens unklar ist 56, 9 fgg.: da von der megede ir sorge verawant, die «t vor 
menegen jären hat üf den einen tac getragen , denn nach 28 , 9 entscheidet ja das 
loos über die, welche des beiden raub werden soll. Ob übrigens die ganze Umgebung 
der Yirginal dieser gefahr ausgesetzt ist, oder nur ihre eigentliche dienerschaft, 
bleibt gleichfalls unentschieden; es scheint beinahe nur die letztere. Denn nach 
431, 7 fgg. war Ibelin, Nitgers Schwester, auch bei der Yirginal gewesen: diese würde 
aber doch kaum dem beiden haben übergeben werden dürfen. 61, 6 meint Hilde* 
brant , Dietrich werde über ihn spotten , dass er einen einzigen beiden nicht bewäl- 
tigen könne, während er ihm doch selbst befohlen hätte, eine ganaen rotten gemgen 
an, Dass Hildebrant dies ansinnen an den Bemer gestellt habe, ist vorher nieht 
gesagt. Wol aber entspricht jene äusserung dem nachher geschehenden. Doch das 
kann Hildebrant nicht vorauswissen. 72 fgg. ist die Situation sehr unklar. Die hei- 
den erfahren den tod ihres herm und zwar nach 84, 3 von einem wildenare, sie 
trennen sich , um Hildebrant aufzusuchen , einige stossen auf Dietrich , von dem de 
erschlagen werden, immer neue dringen an , er muss bis zum morgen kämpfen (97, 1), 
da endlich komt ihm Hildebrant zu hilfe. Und doch hat dieser voriier so grosse Sehn- 
sucht, seinen herm wider zu sehen, dass er nach der besiegung des Orkise sofort mit 
der Jungfrau zu ihm aufbricht; der weg dahin kann auch nicht allzu weit sein, haben 
doch vorher Hildebrant und Dietrich von der stelle aus, wo der letztere nachher sn 
verweilen angewiesen wurde , den klageruf der Jungfrau gehört (22, 1). In str. 404, 12 
behauptet Dietrich sogar, fünf tage gekämpft zu haben, ehe Hildebrant erschienen 
sei. 83 und 64 widersprechen sich; letzterer strophe zufolge weiss Orkise nieht, 
warum seine leute ihm nicht zu hilfe kommen , in der ersteren wird dagegen en&hlt, 
dass er selbst ihnen befohlen habe zurückzubleiben und ihn allein kämpfen zu las- 
sen. 143 , 5 fgg. hört Bibunc den kämpf Dietrichs und Hildebrants mit den drachen, 
doch als er auf den Schauplatz des Streites komt, sind beide längst fort und er triüt 
sie erst zu Arone, nachdem sie bereits gegessen haben. 263, 18 beträgt die talil 
der getöteten würme 72 , dagegen 271, 10 mi dan hundert, Dass die herzogin Por- 
talaphe den rat gegeben hätte (266, 12), den brief an die Yirginal zu schreiben, ist 
im vorhergehenden nicht berichtet. 279 lügt Bibunc, wenn er seiner gebieterin 
erzählt, dass er gleich nach aufhebung der tafel gebeten habe, ihn wider heim in 
senden. Er hatte sich nach str. 241 erst 14 tage ohne gewissensbisse auf Arone 
amüsiert , ehe er jenen antrag stellte. Seiner eigenen aussage zufolge reitet Bent- 
¥rin 180, 1 einen tag und eine nacht , bevor ihn die verhängnisvotte müdigkeit über- 
wältigt; Bibunc lässt ihn zwei tage und ebensoviel nachte (288, 7) reiten. Was 
292, 10 fgg. erzählt wird, ist vorher nicht erwähnt worden. Wie Dietrich 867, 8 
dazu komt, sich vorwürfe darüber zu machen, dass er Hildebrant nicht gefolgt sei, 
ist nicht abzusehen. Ebensowenig werden wir darüber unterrichtet, woher der risse 
weiss, dass es Dietrich ist, den er gefangen hat. Der Inhalt der Strophen 418 mid 
413 ist vorher anders dargestellt worden. 417 wird erzählt, dass Hildebrant Itlr 



ÜB. ALBRBCHT V. KBMBNATBN ED. ZUPITZA 289 

Dietrich gegen den worin gekämpft habe, 175 hat er jedoch nur diese absieht, an 
deren ansfQhrang er von Dietrich verhindert wird. Auch strophe 420 macht anga- 
ben, die im früheren sich nicht finden. 429. Dietrich hat gar nicht geschworen, 
sich mit silber zn lösen, sondern nor über die art nnd weise seiner gefangennähme 
dnreh den riesen zn schweigen (326). Die angaben der str. 459 sind gegen die frü- 
here erzählnng sehr übertrieben. Der dichter hat 491 vergessen, dass der spass von 
den Zwergen, welche Hildebrants schild nicht heben können, mit Bibunc 354 sich 
zvgetragen hatte nnd nicht mit Beldelin. 538 will Imian dem Baldnnc Steiermark 
schenken, während dies doch nach 543 Dietleip besitzt. 551, 10 ist nicht wahr oder 
wenigstens sdbief ausgedrückt. Sonst ist Orkise stets mit 80 mannen ausgezogen 
(1, 9. 80, 8)> dagegen lässt ihn der dichter 601 nar aelbahteegest reiten. Aus Ibc- 
lins briefe oder Beldelins berichte kann femer Hildebrant 604 nicht wissen , dass der 
riese, in dessen gewalt Dietrich sich befindet, Wicram heisst. Woher hat er also 
diese künde? Völlig sinnlos sind die str. 703 — 705. König Imian fragt den Hilde- 
brant, obwol er dies schon 542 durch Bibunc erfahren hatte, nach dem aufenthalts- 
orte Dietrichs. Ohne sich um diese frage zu bekümmern, erzählt nun Hildebrant 
durch zwei atrophen hinduroh die uns schon so oft vorgetragene geschichte, wie er 
den Orkise und Dietrich dessen begleiter getötet habe. Am Schlüsse seiner ausein- 
aadersetzung scheint er sich jedoch bewust zu werden , dass er eigentlich recht unge- 
höriges geredet habe, denn er bricht plötzlich ab. Er beantwortet jedoch auch jetzt 
nicht Imians frage, es heisst vielmehr: aus lieeen 8% die rede ligen. Wenn Gtemot 747 
sagt: MU ligent der risen ektwe tot, so rechnet er, da bisher nur sieben Zweikämpfe 
stattgefunden haben, den von Dietrich früher getöteten Ghrandengrus mit; nicht wird 
dieser aber 728 mitgezahlt, wo es heisst: n« eint der risen zwene ervaU, Adelrant 
und VdlenwaU. 778, 5 fgg. spricht Dietrich zu Hildebrant, als ob der letztere die 
IbeUn bisher noch nicht gesehen habe und er ihn mit ihr bekant machen müsse. Doch 
Hildebrant kent sie, er hat ja 770, 10 mit ihr zusanmien bei tische gesessen. Becht 
unpassend setzt 811 fgg. Hildebrant Dietrichs erzählnng fort und berichtet, was doch 
nur dieser wissen konte. 817, 1 widerspricht 518 fg. 859 machen sich die beiden 
auf die reise zur YirginaL Sogleich kam gen in geschozzen vil manee wtirm her 
unäe dar und woUena da verbrennen und 860, 4 die wurme achtuszen gegen in dar. 
In demselben augenblicke erscheinen aber 11 riesen. Der kämpf mit ihnen begint, 
sie werden der reihe nach erschlagen. Wo bleiben inzwischen die drachen? entwe- 
der haben sie geschlafen wie der dichter , oder sie sind fortgegangen , weil sie die 
helden bereits durch den kämpf mit den riesen beschäftigt fanden und sie dabei nicht 
stören woUten. Denn 895, 3 nach dem falle der riesen hören die recken die stimme 
eines alten wurmes, der kam geschozzen gegen in dar. Der schluss des ganzen 
gediehtes ist völlig verfehlt und befriedigt nicht Man verlangt irgend eine lösung. 
Die natürlichste wäre die heirat Dietrichs mit der Yirginal und Baidungs mit der 
Valentrins. Auf die letztere ist im verlaufe des werkes mehrfach hingewiesen (267^ 
Idfgg. 802, 5. 538, 8); auch die erstere hatte der dichter im äuge: Yirginal selbst 
erwartet sie, ja sie trägt sich ganz unverhohlen 974, 10 und 1055, 12 dem Dietrich 
an. Zn ihren jungffrauen sagt sie 1030, 9 : maehent al iuwer här reit diu minne wü 
m nähen, Dietrich selbst und seine ritter sind verliebt, aber es komt zu nichts. 
Um nur die zeit hinzubringen, wird zweimal getanzt, zweimal tnmiert und entspre- 
chend oft gegessen. Dabei langpf eilen sich aber die recken dennoch, wie dies Die- 
trichs frage 1031, 8 wes ioeUen wir heginnen? zeigt Um nur dieser peinlichen 
ntoation ein ende zn machen, muss als deus ex machina ein abgesanter aus Bern 
enoheinen nnd Dietrich mit absetzung seitens seiner Untertanen drohen, wenn er 



240 STEINMBYSR 

nicht eiligst zurückkehre. Von einzelnen angenauigkeiten innerhalb dieser letzten 
partie bemerke ich folgende: 1017, 6 ist früher unbekant. 1022, 6 fgg. ist vorher 
anders dargestellt worden. Wer sind endlich die 2000 mann, die 1081, 9 mit Die- 
trich nach Hern reiten ? Das beer betrog nach 843 ungefähr 60000 mann vor Muter, 
gefallen ist niemand. Wo sind die 58000 geblieben? Wider nach liause können sie 
doch nicht abgeritten sein, denn Imian verabschiedet sich erst zu Bern 1094 von 
Dietrich. 

Fassen wir kurz zusammen, was aus dem vorhergehenden sich für die Charak- 
teristik Albrechts ergibt, so dürfte sich das bild etwa folgendemiaassen gestalten. 
Im grossen und ganzen mag wol der dichter, che er an die ausführung schritt» rieh 
einen plan für seine erzahlung gebildet haben, doch die3C selbst ist weit weniger 
eine fortschreitende handlung als eine reihe lose verbundener Schilderungen. Mit 
lebhafter phantasie malte er die einzelnen bilder aus; kam er im verlaufe seines Wer- 
kes auf ein früher dargestelltes ercignis zurück, musto er es einer bei demselben 
unbeteiligten person erzählen lassen, so trat es mit allen seinen einzelnheiten wider 
vor seine seele, er reconstruierte es. Warum sollte es sich der leser nicht auch wider 
vorführen lassen wollen? Das interesso, das Albrecht selbst an den Schicksalen sei- 
ner Personen nahm, setzte er auch bei seinen lesem (oder hörem) voraus. Dass bei 
derartigen reconstructionen sich das bild häufig verschob und Widersprüche entstan- 
den, ist erklärlich. Doch bei seiner Icbhaftigkeit fohlte dem dichter die klare 
anschauung, seine phantasie gicng sprungpfeise und seine detailmalerei hatte zur folge 
dass er über dem einzelnen den Zusammenhang des ganzen öfter vergass. Durch die 
zahlreichen widerholungen war der umfang des Werkes weit über die ursprüngliche 
absieht hinaus gewachsen und hatte natürlich auch entsprechend längere zeit der 
arbeit gekostet: so mochte dem alternden dichter die lust ausgehen, das werk nach 
dem früheren plane zu vollenden und er grüf gerne nach einem mittel, welches 
wenigstens einen äusserlichen abschluss zu wego brachte. Die mehrzahl dieser 
momcnte Hessen sich, glaube ich, auch aus der spräche und insonderheit dem sats- 
baue Albrochts nachweisen. Ohne auf diesen punkt weiter einzugehen mache ich 
nur auf den häufigen Wechsel im gebrauche von du und ir, zuweilen in demselben 
satze, aufinerksam; femer auf die Übergänge in der anrede, so dass mit demselben 
pronomen kurz hintereinander zwei verschiedene personen bezeichnet werden, ohne 
dass man diesen Wechsel anders als durch den sinn erraten kann. So z. b. in str. 64, 
Endlich noch ein charakterlBÜscher zug von Albrechts spräche. Zwei zusammen- 
gehörige Zeilen werden (dies ist so häufig , dass ich beispiele nidit aufzuführen brau- 
che) durch eine dritte dazw ischengeschobene getrennt, welche eine folge jener beiden 
oder einen sie begleitenden umstand erzählt. 

Die mängel der Virginal werden dem publicum des dichters ebenso wenig 
entgangen sein wie sie uns entgehen. Aber der muntere bänkelsängerische ton, der 
Inhalt und der ansprechende bau der strophe überwogen zu gunsten der dichtung. 
Es gab ja auch mittel, jene anstösse fortzuschaffen oder wenigstens zu verringern. 
Man versuchte es auf verschiedene weise. Die eine bestand in der kürzung; das 
gedieht wurde bedeutend ansprechender, wenn jene unzahl von widerholungen fort- 
fiel. Doch damit war dem Schlüsse des gedichtes noch nicht geholfen. Dazu bedurfte 
es einer völligen Umarbeitung. Eine solche ist auf uns gekommen. Von ihrer 
ursprünglichen gestalt besitzen wir aUerdings nur bruchstücke, welche Lexer im 
13. bände der Zeitschrift herausgegeben hat. Zupitza neut sie f. Es und die bei- 
den äusseren doppelblätter wahrscheinlich des zwölften quatemionen. Ich bemerke 
beiläufig, dass bei Zupitza s. XI, wo er diese reste bespricht, hinter 356, 2 — 857» 13 




. KWriNATEM BD. ZUPITZt 

Idie i^len 35R. 1—13 »usgelwiaen sind. Spracht? nnd reime gestatten diese beatbei- 
fttnog noch ius lH, jahrlinndert rni setzen. Auf ihr basiert sodann die Wiener pia- 

■ fisUntiandschTift, «clchi^, wie bei den meisten in ibr enthaltenen stDckcn, an auch 
Ihier in der hnuptfuehe den inhaJt nicht anrShrt, sondern nnr die form soweit ver- 
PKndert als dies die neuen sprochfonnen und die ncne sUhenzählende metrik verlangte. 

Vergleicht man dieBC handschrift (w) mit dem gedächte Kemenatena, so wird man 
iliu ineistL'n der üben i^erQgten Unebenheiten beseitigt finden; besonders ist aber der 
KChluas befriedigender geworden. Za dersellien bearbcitnng gehört endlicb die ver- 
künning des Dresdener heldenbnehos, docb ist dieselbe unabiiäugig von w, wie dies 
die namen Bontwein nnd Macitus gegenüber den entstcUangen in w, Botwein nnd 
Sbdiua beweisen. 

Anf das Dreadcncr heldenbnch etwas gcnaner einingehen h&tte Znpitxa wie 
tiicr so anch s. LI nahe gelegen. Dass er es niobt getan hat. ist ihm allerdings 
nicht In deni graile zntii vorwürfe xa maehen. wie dass er b. XXXH Rber die spätere 
reeenmon des Sigenot schweigt nnd uns mit den Worten abspeist: „weiter darauf 
einsiigeheu ninse ich dem überlassen , der eine ansgabe der bearbeitnng liefern will." 
Wann wird sich wol dazn jemand linden! Pflicht eines bcransgebera ist es. niclit i 
nur das edierte denkmal setner nrsprünglioben gestnlt mögliehst nahe xa bringen. 
sondern anch seine geschichtc vom anfange bis iiam ende donnstellen. Die sp&tere ' 
gesl«lt des Sigenot hier xn besprechen bin ich leider nicht im stände, da mir das 
material fehlt, dem Dresdener beldenbnche will ich aber einige worte widmen. Zamcke 
hat in Aer Oermania I. 53 —G3 nachgewiesen, dass Kaspar von der Roen. den man 
früher (Usehlieh f&r den Verfasser der ganien samlnng hielt, nor einer der schrei- 
bet der handschrift gewesen ist. Bedürfte dieser nachwcis noch einer stBtie, so 
liouM sieh diese dnrch folgende beobachtnng geben. In allen von Kaspar gescfari»- 
bcnen stocken nut alleiniger ansnahme des Wnnderera, nirgends dagegen in den par- 
ticn der anderen band komt sporadisch ein leicbe n vor, das von der Hagen mit «. < 
widergiht. Wie ob in der handschrift aussieht, erkent man ans Zamckes facsitnile. 
Ich vermute vs ist ein sebnörkel, den Knapar machte, wenn er im schreiben absetzte. 
Darin bestärkt mich der umstand, daus es sich regelmässig am Schlüsse der gedieht« 
litulet. Auch in anderen bandscbrifen der seit und am ende von Urkunden habe ich 
daa aeichen einigenial bemerkt. Ist nleo Kaspar nicht der Verfasser der 11 gedichte. 
80 fragt eich, ob wir einen oder mehrere Verfasser anzunehmen haben und dann. 
wohin die entstehong der «amlung 7.n setzen ist. leb versuche die zweite frage 
ziicrat XU beantworten. In allen stficken herscbt die gleiche spräche wie in den 
UDmbe^iBchen fa«tnachtsspielen. Einige gleichartige ansdrllcke und redensarten 
Lvbdle ich hier xasammcn. rulcrn auszerm fastnachtsp. 5%, zeucht euch aiw cur 
I orfflT 0.319. al^t 770 It. 309. eotnpUa sehr li&nfig Wund. 44 , äntt und ptvilen 173. 
1378, 5S9 L. 8ü, 330. forUl lÜäO h. 232 , ^(ft/mel 1198 L. 266. Wund. IG». j7i»p«i 
r h&nfig 0. läl, ghen laSte, l.TOO Wund. 182, nt hauffen stMagtn 1281 L. Ä98 
|ii. Ik., furpan Aalten 240, hata hin liiSO, von hintH hmefn Virg. RS. lütt 1485 n. 5. 
pmiihart 87. 68. Woltd. Ofi. suhM 71, 1173. Virg. 130, vngetaehatn 301. 
1*768. R. 188. Es läsat sich diese samlung noch bedeutend vermehren. Ebenso xei- 
1^00 die raime viel fliiereinatimmendes . so tan für tuon, tit und nrcAf abwechselnd, 

■ der inf. fftgfn = frägm, praet gland, tuff, luffm (Br gluota, litf, liefen, part. 
Kjfflojfirn, genutu) für genaoc, vrerden, pferden init ansfall des d im reime nnd vieles 
»nadere mclir. Anch in der satcfSgung teigt eich mntiuigfncbe fi herein stimmang. 
TaHh weist dahin, dois wir die cntetehnng der samlnng in dem kreise der NDmher- 
^ ^chen tnoistersiuiger — wenn wir BosenplBt und Fol» mit ihren genossen diesen 

■ m. 16 



242 8TBI1IMBTBR 

namen beilegen wollen — zu suchen haben. Stilistisch sind allerdings diese pro- 
ducte bedeutend schlechter als Rosenplüts und Folzs gedichte; doch ist dabei zu 
bedenken , dass hier keine freie selbständige dichtung wie bei diesen vorliegt , son- 
dern Überarbeitungen. Und in schwachen stunden konte auch Folz verse machen, 
die denen des Dresdener heldenbuchs auf ein haar gleichen, so z. b. 1270: sprctch 
„das tut in gedechtnus mein, gib ins zu tranck und speise." Gemein ist endlich 
auch den fastnachtsspielen und dem Dresdener heldenbuche die derbheit des tones. 
Wenn ich mich jetzt zu der zweiten frage wende, so muss ich zuerst die von Zamcke 
a. a. 0. 58 aufgestellte meinung zurückweisen, dass die von dem zweiten schreiber 
aufgezeichneten stücke, welche sich ihrer Verkürzung rühmen (Ortney, Wolfdietrich, 
Virginal), diesem selbst ihre jetzige verkürzte gestalt verdanken; er glaubt dass der- 
selbe, um sich seine arbeit zu erleichtem, so verfahren sei, und bringt damit in 
Zusammenhang, dass sein name den stücken nicht wie der Kaspars zugefügt sei; er 
habe gefühlt, dass er mit seiner arbeit grosse ehre nicht einlegen könne. Damit 
steht aber der umstand in widersprach, dass die postscripta der drei gedichte sich 
deutlich ihrer Verkürzung rühmen, und dass es bei weitem grössere mühe gekostet 
haben wird, diese verkürzte fassnng herzustellen, als die ausführlicheren vorlagen wort- 
getreu abzuschreiben. Auch ist nicht zu leugnen , dass ein gewisser takt in der Ver- 
kürzung sich zu erkennen gibt: wichtiges ist kaum irgendwo ausgelassen worden. 
Beim Ortnit und Wolfdietrich lässt sich das verfahren controllieren , nicht so bei der 
Virginal , weil uns die bei derselben benutzte vorläge von 408 strophen nicht erhalten 
ist. Der verkürzer bemühte sich möglichst die reime des Originals zu benutzen , frei- 
lich suchte er sich dieselben aus verschiedenen strophen zusammen. So oft im Ort- 
nit die form OrtnU im reime vorkomt, so ist sie der vorläge entnommen, der bear- 
beiter schrieb Ortneg. Ebenso sind in Ortnit und Wolfdietrioh fast samtliche reime 
von niht und niM aus dem originale; wo der verkürzer ganz selbständig verfuhr, 
setzte er nii. Um zu zeigen, wie die reime der vorläge und diese selbst — beiläu- 
fig gesagt, lag beim Ortnit eine handschrift vor, welche im allgemeinen der Ambras - 
Wiener handschrift entsprach, die aber auch lesarten hatte, wie sie der Monesche 
text bietet, vgl. 192: und vUck ert an meim pet = Mone 405: er wil müA verirren 
vil gar an minetn gebet, während bei Hagen 891 steht: „Id mich durch mine het" — 
benutzt sind, lasse ich einige beispiele folgen. 0. 240: was tut gen, reiten, faren 
mag nidis vor in besiee = Hagen 494: so wan ich in dem lande vor in iht da 
beste. 256: sie hat allein durcli meines vater und muter verhorn: idh weis, stürb 
unser eines, das ander wer verlorn ^= Hagen 525: diu vater unde muoter durch 
midi hat verhorn, ich weiz wol, stirbe ich eine so si wir beide vlom. Wolfd. 176 fg. 
die teufet er da vant .... und schlug sie utnb die wa*it das waren merwunder *= 
Hagen 465: diu ungefäege helle und die tiufel dier da vant die warn des meres 
uude und siuogen an die steinwant, Wolfd. 201 : her reit ein reutet von feren «» 
Hagen 514: seinem rinteere. Schon aus diesen wenigen proben ist ersichtlich, dass 
zur herstellung eines gedichtes in dem falle, dass die vorläge uns verloren ist (wie 
beim Schlüsse des Wolfdietrich) diese Verkürzungen keine mittel an die band geben. 
Der Verfasser des Ortnit und Wolfdietrich war ohne zweifei derselbe; auch für die 
Virginal ist es mir wahrscheinlich. Im gegensatze zu diesen drei verkürzten gedich- 
ten stehen der Lanrin und der Wunderer. Beide zeichnen sich durch eine entsetz- 
liche breite ans: man lese nur die unendliche Schilderung von Laurins waifon- 
schmuek und im Wunderer die beschreibung der ausfluchte Etzels und der angst, die 
die Jungfrau ausstehen muss, ehe sie einen kämpfer findet. Zupitza meint allerdings 
8,LI, daas der Wunderer in der ursprünglichen gestalt uns erhalten sei. Dim ist 




CB. ALBKKCHT V. SSKKNATKH KU. XXJtVttt, 



M3 

li entg'aogi*!! . ilu£8 in den faEtnaclitssgiicIcn nr. 63 ein gpil ron ilrni Pener umi 

\ fcuitärer mitgeteilt int, welthoa an eitiigc» atcllen vQrtlich mit nnserem gewichte 

i' ganien diosello i^ninillagG vorausietit, wie dieaes. Die Öber- 

Dinwiiden steUen aber Eelj^on in dem „spÜ" eine reinare ^stolt ala im wnn- 

So WnndercT ISlt hell, lotW« nit leitf/er Jeftr« Ai» rfw drin I<*«t ft«* wi7( 

■mli ritK! pu/im gehen* im vergloieh mit «pt7 550 : d« junrjer narr, leütu driii leften 

A»e umb «'« pfts« ^j>» geben? Ich kann mir jene breite im I,»iirin nnd wunderer 

nur dndarch erklären. iImb ich eine ^~ ungcachickte — übertragnog ans reim|iaareii 

in die Btroylienfunn annibrao. Für tlcu Tjtorin bat bereits HBlIenlioff (DHB 1, 

ÜBH) wnbrBolieinlicb gemacht, dass seine qnolle nur daa alte gedieht selbst nei, 

keine Ktru|)liigehe bearbeltang desselbon. Vielleicht dSrfte anch in den worten des 

Ijfturia 2St>: sott wim das at» tlurchgrynden . . . . aft nums in der »chrifl IM fin- 

; dos «i»r(l tu vil im gesattek dieser gegenaatr. lu finden Kein; echrift als reini- 

K, ptfanck als atrophincbc beurbcitnng. Denn dem geaange Mllten dioae nninr- 

tnngvn dienen , damni moste eben die umsetzDog in atrojiben erfolgen. Vnni 

derer liat sich (Keller, erKühtungen aus attdentschen handsehriften 1) ein ollur- 

a eobr abweichendes fVagment in reimpoaren erhalten. Der rosengarten erscheint 

l Dreadenet heldenbnche nicht erheblich gekflrzt; was w&rde anch bei ihm geblic- 

) aein, wenn diexelbe luanier wie heim Ortnit angew&nt worden wäre! Man mag 

I den Zweikämpfen besonderes vergnügen empfanden haben , sonst würden sie ja 

I Lanrin ao breit auagcßbrt werden sein. Die besprochenen sechs stKoke 

von demselben Verfasser herzQrQlircn , wenigstens lisst sich nichts erheb- 

I beibringen, das dieser annähme widerspräche. Von den fibrigen stHcken hat 

r Goke eine Qberarbeitang nicht erlitten , er entspricht den gedruckten eiemplaren. 

feg«n liegt beim Sigeuot zwar anch ein tcxt an gninde , wie wir ilm in den ver- 

' »denen fa«snngen der dreekc besitzen, er scheint aber überarbeitet *n sein. Dies 

^ht sieh aus den hSaSgen stellen , an denen durch Vermischung zweier conatmc- 

entsteht. Mau vergleichn str. 11: ob tveh dtr tm/jefuge man mit sig 

n eucA gelungen, dor nuch go Kult ich tn beula» ob eg mein end* tpere. do tprach 

r eO liibetan der edel Pernere mit dem drncke (nnr der von tichade heransgege- 

t steht mir zu geböte) ittul ob der ungefüge man, Iierr, euch icurrfe cu gekiivre, 

h so iciU ich in («»tan dan es mein ende uwc. do sprach der fürH ho hoch- 

I (Ioii«s«Mri in dem brnchetiloke eines Sigenotdmekes xeitschr. 5, SJÖ), 3fi: wirf 

V uh VOM jm danne unrf tmird ich ilen eon jm mlagen mit ob ich twn jm wurd 

e imf dieifr häd m lodi rridagen, 62: er leecU jn nii mit der hende und grdi 

t tnii dem fitag einen »tos» mit dem fus» in mn pm»lt mit «r teoK in mit der 

'e nidtt v>e<^cen und gab jn cin^n »toss »nt etm fu»» auff die prägte, endlich 83; 

I faatr das mim deinem munde gat ich ipe»»s nit, v-er dich getragen liat mit von 

t daa ot4i8 ileitiem munde gat, weisi nicftt, icern in dich tragen hat. Von der Ha- 

1 bat an diesen stellen durcli einklamnicrungen meist richtig den von dem Qber- 

r beabsichtigten sinn hergestellt. Die vcrmisehnng zweier eunstmetionen erkläre 

\ mir dantDs. dass der üburarbeiter ein eieniplar des SigcDOt vor sich hatte nnd 

^dasselbe «eine änderangen eintrug. Kr vergass vielleicht manches nnn nicht mehr 

ende aoBiustreichen , einiges war auch durch die correcturen unleserlich gewer- 

daher das wunderliche durcheinander in Kaspars reinachrift. Es ist rai5glicli, 

■ anch bd den verkSriungen (Ortnit usw.) ähnlich verfahren wurde , denn man- 

t mantrliglichkeitcn ftllen sicher dem schreiber anheini. Wie es mit dem Hilde- 

bllede im Dresdcuer heldenbnche steht, weiss ich noch nicht, das Meerwnnder 

r Iidte ich mit Znpitza a. LI für ein originalwerk des 15. Jahrhunderts, Die 

16» 



244 STBINMBTEB^ ÜB. ALBBECHT V. KBXBNATKR BD. ZUPITZA 

fabel hat auch Hans Sachs, s. Grimms* d. sagen nn 405. Die Verkürzung des her- 
zog Ernst ist eine wesentlich andere als die beim Ortnit usw. Sie beschränkt sich 
auf auslassung ganzer Strophen und lässt das gedieht sonst unangetastet. Zu beach- 
ten ist dabei, dass der Ernst und das Meerwunder erst nachträglich eingeheftet sind. 
Mit ausnähme dieser beiden und des Ecke und mit jener beschränkung beim Sigenot 
glaube ich dass die übrigen stücke von einem Verfasser herrühren. 

Ich kehre nach dieser abschweifung noch einmal zur Yirginal zurück. Die von 
dem Schreiber ausgelassenen verse hat Zupitza nur zum kleinen teile ausgefüllt. Für 
eine anzahl derselben lasse ich hier ergänzungen folgen und füge zugleich einige 
besserungsvorschläge bei. 57, 13 ist wol in für ir zu schreiben, da vorher nur von 
den frauen der Yirginal die rede war und der Übergang auf diese selbst hier doch 
gar zu rapid erschiene. 265, 2 ist etwa zu ergänzen: (wart er ist vil sere wunt), 
276» 2 dar üf die Heide OberaL 358, 3 schlage ich für das handschriftliche gegen 
den schmpfe (: wtuszertrüpfe) zu lesen vor daz ist gein dem ein stüpfe (mittelhochd. 
wörterb. 2, 2, 659*) wie man sonst strö, ^mu zur Verstärkung oder Vertretung 
der negation verwendet. Auf diesen ausdruck führt auch w 544 der mir kund freüd 
verstopfen. 379, 12 klingt ervarsche etwas auffällig, ich würde lieber ervreische 
lesen. 382 , 2 hat die handschrift in manegem toasse lac ein stein bi hem Bieteriche, 
Die stelle ist vielleicht so zu verbessern : ame wasen lac ein mangenstein. Wollte 
man dagegen einwenden, dass Dietrich im gefangnis sich befindet und daher vom 
rasen nicht die rede sein könte, so Hesse sich entgegnen, dass die jungen ritter 
nicht in Dietrichs zelle ihre gymnastischen Übungen anstellen werden. Die zeile 
würde vielmehr widerum für die überall hervortretende unklare anschauungsweise 
Albrechts zeugen. 495, 5 ergänze ich: daz ich iu sage daz ist war, 496, 2: dctz 
fiMcA die risen sus Juint vlorn (in der vorhergehenden zeile muss doch wol für der von 
Beme geschrieben werden derBemer), 570, 5: daz si stelec miiezen sin, 608, 3 fg.: 
die mü iu koment üf den plan, und weint ir uns ze Beme lan , 685 , 7 : kumt ir 
niht in den holen berc, 721, 7 fgg. ist die interpunddon abzuändern: der künee 
muoste eg Uden daz sid^ die starken schulde hugen (dar üz so vielen stucke) , dar 
under si sieh dicke smugen. 782, 8 kann wol nur tirme (im reim auf sf^irme) 
gestanden haben; die handschrift hat es vielleicht selbst, denn arme und tirme kön- 
nen täuschend ähnlich geschrieben werden. 901, 9 fg.: vor einer höhen Steines wani 
er mich von in erlöste, 1047, 2 lese ich: krijierten i^r priviertent. So hat in der 
vorhergehenden zeile die handschrift für kriren. 1093, 5: daz ir mugt wunnec' 
Uche leben. 

BBRUM, DI OCTOBBB 1870. BUA8 8TBINMBTBB. 



/ Die romantische Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen 
Geistes von R. Haym. Berlin, R. Gaertner 1870. XU und 9518. gr. 8. 
4Thlr. 

Jene bedeutende geistige bewegung, welche den klassischen idealismus des 
18. Jahrhunderts stürzen und einen poetischen universalismus als herscher des lebens 
der nation aufstellen wollte , hat bis vor wenig jähren genauer geschichtlicher for- 
Bchung entbehrt Gervinus und Julian Schmidt hotten allerdings mit viel gcist und 
grosser bowältigung des pragmatischen Zusammenhanges die romantischen dichter 
und ihre werke besprochen, und Hettner in einer seiner ersten Schriften eine studio 



WBINHOLD, ÜB. HAYM, BOMAMT. 8CHÜLB 245 

über die schale gemacht; aber die urkundliche geschichte blieb unveniuchi Selbst 
R. Köpkes treffliches buch über L. Tieck stellte den gefeierten dichter zwar leben- 
dig, aber durchaus nicht mit diplomatischer genauigkeit dar, dass die arbeit auch 
nur für diesen einen als getan erklärt werden könte. 

Da gab Eoberstein in dem unschätzbaren dritten bände seines grundbau eher 
als grundriss zu nennenden Werkes die sammelfrüchte eisernen fleisses auch über die 
romantiker auf den markt, zwar nicht bequem auf breiter übersichtlicher tafel, aber 
doch in vielen körben und nestchen für suchende liebhaber zum f^d und nutzniess 
leicht genug verpackt. Nicht alle, welche Über jene männer schreiben, werden so 
dankbar wie R. Haym Eobersteins gedenken. Dass er aber sehr eifrig benutzt wer- 
den wird, und von vielen als einzige quelle, die weiteres graben unnötig mache, 
wer wollte daran zweifeln? 

Vor uns liegt nun Rudolf Hayms romantische schule. Mit freuden begrüssen 
wir darin die erste wirkliche geschichte jener merkwürdigen bewegung, deren Cha- 
rakter gleich anfangs des herm Verfassers gutes wort bezeichnet, dass der gegen- 
wärtige sinn für das reale und das einfach wahrhaftige auch der litteraturwissenschaft 
zu gute kommen müsse. 

Das werk erzählt nicht die ganze geschichte der schule, sondern ihre anfange 
und die entwickelung bis zum ende der blütezeif, das durch Schellings identitäts- 
system. Fr. Schlegels Europa und W. Schlegels Berliner Vorlesungen bezeichnet wird. 

Das ganze ist in drei bücher verteilt: das entstehen einer romantischeii 
poesie, das entstehen einer romantischen kritik und theoric, und die blütezeit der 
romantik. 

Gegenstand des ersten buches ist begreiflich L. Tieck , dessen anfange , märchen- 
und komödiendichtung und Verbindung mit Wackenroder eingehend dargestellt wer- 
den. Der Stembald, in welchem nach Fr. Schlegel der romantische geist angenehm 
über sich selbst phantasiert, bewies nach der freunde urteil, dass die romantische 
poesie eine lebendige macht sei. Tieck hatte mit Wacken roders deutscher kunstan- 
dacht seine überidealistische behandlung des wirklichen lebens hier verschmolzen , zu 
der er sich allmählich aus teils nüchternen, teils grellen anfangen unter W. Meisters 
anleitung heraufgearbeitet hatte. 

Das zweite buch beschäftigt sich mit dem Schlegelschen bruderpaare bis in 
die Jenenser zeit und in die tätigkeit für das Athenaeum. Friedrich erscheint zuletzt 
als mittelpunkt des kreises, indem seine lehre von der Ironie die verschiedenen rich- 
tungen der genossen sehr wol zusammenhält 

Das dritte und letzte buch ist der eigentliche Schwerpunkt der Haymschen 
arbeit. Schon äusserlich noch einmal so stark als die beiden andern zusammengenom- 
men, tritt mit der ganzen fülle der geschilderten personen und tatsachen auch ein 
reicheres quellenmaterial hervor, das dem Verfasser in dem zuerst durch Dilthey geöff- 
neten Böckingschen schätz des W. Schlegelschen archivs aufgieng. 

Das erste capitel behandelt Hölderlin, dessen einfügung unter die romantiker 
überraschen muss. Der herr Verfasser kann diese Verwertung seiner studio über den 
schwäbischen dichter für das vorliegende buch denn auch nur gewaltsam rechtfertigen, 
indem er Hölderlins dichterisches streben einen commentar zu Fr. Sohlegels abhand- 
lung über das Studium der griechischen poesie nent Im übrigen gibt er tu, dass 
sich Hölderlin von den romantikem, die fast keine notis von ihm nahmen, in allem 
einzelnen unterscheidet und auch mit Wackenroder und Novalis nur eine ganz all- 
gemein poetische berührung hat. 



246 WEDTHOLD, ÜB. HATH, BOMAKT. SCHULE 

Novalis, den einzigen wirklichen dichter der schale, ffihrt das zweite capitel 
vor. An ihn, der zarte poesie, tiefe philosophie and klares leben verbindet, schliesst 
sich im dritten capitel Schleiermachcr , „die wendang zar religion and die ethischen 
anschaaangen der romantischen schale," im vierten Schelling and die natarphilo- 
sophio, woraaf wir im fünften za den kritischen häaptern Schlegel zarückkehren and 
mit sehr rascher Übersicht über den poetischen nachwachs and die wissenschaftlichen 
ergebnisse der schale an das ende gelangen. 

Dieser überstürzte , wol darch äassere gründe gegebene schlass steht mit einem 
mangel des ganzen baches in Verbindung, der angleichmässigkeit des aafbaaes, den 
der herr Verfasser übrigens in der vorrede selbst eingesteht. Daraas ergeben sieh 
aach die excarse, welche anter den ergänzungen erscheinen, and die freilich bei 
mehrjährigen litterargeschichtlichen arbeiten, deren druck vor dem abschlass begint, 
sehr leicht notwendig werden. Solches verringert übrigens den wert des baches darch- 
aas nicht, an dem wir solide arbeit, gesundes und scharfes urteil, richtige Charak- 
teristik und als grundlage eine vielseitige wissenschaftliche tüchtigkeit zu rühmen 
haben. Dass herr Haym weder mit Bageschen noch mit Eichendorffsohen anklängen 
die romantische anfangs- und blütezeit behandeln werde, ¥rar ohne zweifei. Er strebt 
nach geschichtlicher gerechtigkeit auf grund der taten und worte, nicht geleitet 
durch irgend eine doctrin. Er crkent an, dass jene manner edle bildung in vielsei- 
tiger anwendung erwiesen , durch zahlreiche kanäle weiter leiteten , gegen die gemeine 
menge und die mittclinässigkcit verteidigten und den gcist der poesie in leben, sitte 

[ und Wissenschaft hineintrugen, ünberückt durch die romantische zaubermacht spricht 
herr Haym es aus, dass nicht die dichtung, sondern die Wissenschaft durch die schule 

[ nachhaltige bereicherung und Vertiefung erfahren habe. Doch komt auch hier nor 
der anstoss von ihr, nicht die strenge ausfulirung und die gewaltige arbeit 

Durch ein günstiges geschick haben wir fast gleichzeitig zwei bedeatende 
werke über die romantische zeit erhalten; denn wenig wochen vor Haym ist der erste 
band von W. Diltheys Leben Schloierniachcrs vollendet erschienen. Beide 
bücher berühren sich an vielen Seiten ; nicht blos in dem Schleiermacherschen capitel, 
sondern auch sonst, namentlich wo Friedrich Schlegel erscheint. Es ist interessant, 
die darstellung des gleichen in beiden büchem zusammen zu halten ; man tae ea z. b. 
mit der ausführong über die Lucinde (Haym 493 — 531, 875 fgg. ; Dilthey 1, 487—508). 
Die hohe bedeutung des Diltheyschen buches hat herr Haym neidlos anerkant Dil- 
they hat aus noch reicheren quellen als er geschöpft und versteht geistreich and 
scharfsinnig, lebendig und mit feinem gefühl die Charaktere zu entwickeln, die 
lebensbeziehungen darzulegen und die geistigen arbeiten genau und erschöpfend nahe 
zn bringen. Mögen beide bücher, Hayms romantische schale und Diltheys Schleier- 
macher, nachdem stille, ruhige Zeiten zurückgekehrt sein werden, zahlreiche freunde 
um sich sammeln, die sich in geistige kämpfe und in die taten wissenschaftlicher 
und poetischer führer gern versetzen. 

KIEL. K. WEINHOLD. 



Christi Leben und Lehre besungen von (Hflrid. Aus dem Althooh- 
deutschen übersetzt von Johann Kelle. Prag 1870. Verlag von Frie- 
drich Tempsky. YH und 512 s. Klein -8. 2 thlr. 

Der wonsch, das Studium des so schwierigen Otfrid zu erleichtem, bestimte 
den Verfasser, diese Übersetzung desselben ganz unabhängig von seiner aasgabe des 



ZUPITZA, ÜB. OTFBID, ÜBEBS. V. KELLE 247 

originales zu veröffentlichen. Sie soll „ gewissermaassen als ein fortlaufender com- 
mentar das in der graumiatik und im glossar gebotene ergänzen." Da dieses ihr 
hanptzweck sei, habe sein streben dahin gehen müssen, so wortlich, als nur mög- 
lich, zu übersetzen: nur eine wortgetreue Übersetzung genügte denen, die eine solche 
aus sprachlichen oder sonst aus wissenschaftlichen gründen in die band nähmen; eine 
freie höchstens den freunden der poesie überhaupt. Man kann diese ansieht nur 
billigen, zumal Otfrids werk keineswegs darnach angetan ist, seine lesor unter den 
freunden der poesie zu suchen. 

Man sollte nun aber hiernach denken, dass der Verfasser eine einfache pro- 
saische Übersetzung bieten würde: aber nein, er will auch die fonn des Originals 
wahren , er übersetzt metrisch , wenn auch ohne zu reimen. „Vom reim ," erklärt er, 
„habe ich Umgang genommen, da er bei der absieht, eine wortgetreue Übersetzung 
zu liefern, nicht durchfülirbar ist": gewis richtig, aber ist auch nur die metrische 
form in diesem falle durchfuhrbar V und welchen zweck hat diese bei der ausg^pro- 
chenen bestimmung der Übersetzung? 

Kelle gibt je eine strophe durch vier iambische dimcter wider, behält also den 
stumpfen schluss und die hebungen des Originals bei, füllt aber die Senkungen aus 
und lässt den (einsilbigen) auftakt nie fehlen. Ich habe aber drei Strophen nur durch 
je drei dimeter widergegeben gefunden; denn 2, 14, 11* ist 

thds si tJies giziloti Üies iodj:arcft (jUwhti 
übersetzt mit 

„u/M wamitr sich zu holen hier** 

So auch ebenda 70 und 115. Es ist das sicher nicht absieht, sondern nur versehen. 
Ein ähnliches begegnet dem Verfasser in demselben stücke, indem ihm ein vers zu 
kurz, ein anderer dafür wider zu lang gerät. G** ^* einemo ßisdze wird durch das 
einen ganzen vers bilden sollende „2ru einem rulieplaz," dagegen 39*" niuzit minan 
brunnon durch „bedient der quelle ^ die ich nenne mein** widergegeben. 

Aber übler, als diese versehen, ist etwas anderes, wozu die metrische form 
der Übersetzung genötigt hat. Kelle bemerkt s. Y richtig: „um die erforderliche 
anzahl von hebungen zusammenzubringen, um zum reime zu gelangen, hat Otfrid 
oft überflüssige Wörter eingeschoben, weitläufige Umschreibungen gebraucht, und sich 
hier und da verwickelter constructionen bedient" usw. Nun erwäge man aber: Otfrid 
laast- oft die Senkungen fehlen, sein Übersetzer füllt sie aus; jener kann zu der 
hebung am versschluss auch tieftonige , dieser ausser bei compositis nur hochtonige 
Silben brauchen; die althochdeutsche spräche hat volltönende formen, die neuhoch- 
deutsche bedeutend geschwächte und zusammengeschrumpfte — man erwäge das, und 
uan wird sich von vornherein sagen müssen, dass Kelle zu den flickwörtem und 
Umschreibungen Otfrids neue fügen und in verwickelten constructionen es ihm nadi- 
tun wird. 

und das bestätigt sich denn auch sofort bei einer vergleichung der Übersetzung 
mit dem original. Von flickwörtern wimmelt sogleich das erste, was wir bei Kelle 
lesen , was wunderlicher weise das zweite kapitel des ersten buches , „Otfrids gebet," 



1) Ich zähle, wie es bei Otfrid ja allgemein üblich, nach langversen , Kelle in der 
übenetzuDg naoh halbversen. 



248 ZVFITZA 

ist £s heisst da, indem ich die flickwörter des Übersetzers durch gesperrte sckrift 
hervorhebe : 

wohlan denn nun, o du mein herr! ich htn, fimoahr, dein diener ja, 

und sie, die arme mutter mein, sie ist ja deine eigne magd! 

So lege deinen fi/nger nun an meinen, deines dieners, mund, 

und strecke aus auch deine hand auf meine zunge, grosser gott, 

auf dass ich überall dein lob ertönen lasse und verkünd',^ 

wie einst geboren ward dein söhn der aller weit und mir geheui* 

osw. Es wird jeder zugestehen müssen , dass das keine wortgetreue Übersetzung ist. 
Oft braucht der Übersetzer statt eines einfachen wortes im original ein compositum 
oder Umschreibungen, wodurch zum teil fremde Vorstellungen in das werk hinein- 
getragen werden. Man vergleiche z. b. 1, 5, 3 fgg.: 

da kam ein böte unsere herrn, ein engel aus dem himmelszelt, 
und brachte diesem Jammertal die höchste künde, die es gibt. 
Er flog den p fad des sonnenballs, er flog die strass* des sternenalls,^ 
er flog die weg^ der wolkenwelt zur Jungfrau, die dem herrn gefällt, 
zur frau, der add wohnet in, zur heiligen Maria hin. 

im original himile, worolti, diuri änmti, stmnim, sterrönö, wolkonö, flrönö. So 
wie hier, wird auch sonst sehr oft diuri umschrieben, so gleich v. 12 diurero gamö 
mit „aus gam von übergrossem wert/* wo auch der zweite halbvers thaz deda siu 
io gerno durch „die lieblingsarbeit war es ihr** meiner ansieht nach nicht besonders 
glücklich widergegeben ist. Ich greife sonst noch einige stellen heraus, 1, 5, 2: 
afUr rime „toie man zu zählen ist gewohnt;** 32 manne, „jedwedem der die erd^ 
bewohnt;** 47 in himile „hoch über diesem erdenraum;** 58 in beche „in tiefem 
höllenschlund;** 1, 18, 4 ni girinnit mih thero worte „doch fehlt es mir an war- 
terschats** usw. 

An sich kann man gegen die Übersetzung dieser stellen meist nichts einwen- 
den, wol aber z. b. gegen den gebrauch von „auch** in stellen, wie 1, 17, 60 „und 
fanden dort den guten söhn zugleich mit seiner mutter auch** und 2, 14, 96 „er 
möcht^ zum mahle endlich doch sich nidersetzen, essen auch,** „Das schwerfallige 
und unbeholfene liegt" hier nicht „bereits im originär' (s. V); ebensowenig 1, 17, 
73, wo der vers sie wurtun släfente fön ingHon gimdnote so zerdehnt wird: „die 
magier befiel der schlaf, die enget aber mahnten sie.** Von ganz unerträglichen Wort- 
stellungen erwähne ich 1, 17, 13 „sie fragten überall im land, wo er geboren wäre 
nur;** ebenda 69 fg. „l(M8t aXle wns beachten wohl, dass sie mit dieser wundergab^ 
in Wahrheit nur, was glauben wir, verkündeten der ganzen weit;** und 1, 2, 50 
„dass ich erfülle deinen dienst und etwas andres wolle nicht** 

Sehr mislungen ist dem Übersetzer die widergabe von 1, 5, 16: der engol 
Gabriel redet die Jungfrau an mit 

dlkro wibo gote ziizosto! 
bei Kelle: 

„heü dir, die aus der frauenweit als liebste sich der herr gewählt*' 

1) H UU«ntM, 

2) gihurt t^net thinet, drühtine* minti, 

S) An dieser stelle ausnahmsweise reim, so auch ebenda v. 13 fgg. 



ÜB, OTFBID, ÜBEBS. V. KELLE 249 

Freilich ist es Bchi schwer aus 10 althochdeutschen 16 neuhochdeutsche silben heraus- 
zubekommen, aber so sonderbar hätte Kelle doch nicht übersetzen sollen, da man 
„ah liebste*^ beim ersten lesen misverstehen muss. 

Alles das wird allerdings einen leser, der die Übersetzung aus sprachlichen 
gründen braucht, wenig stören. Auch das wird nicht viel schaden, wenn Welleicht 
der eine oder andere anfanger im studium des althochdeutschen, im glauben eine 
wortgetreue Übersetzung zu befragen, wenn er 1, 17, 58 im original liest: 

mit sineru ferti was er iz zdgonti 
und bei Kelle: 

„mü seinein UclU am Himmelszelt wies er sie zu demselben hin,** 

oder 2, 14, 5. 6: 

zi einera bürg er thar tho quam 

in themo dgileize 

„und kam daselbst zu einer Stadt, 

gerade in der mittagszeit** 

wenn dieser meint, fart könne „licht am himmelszelt" und agüeizi „mittagszeit'^ 
heissen. 

Aus dem bisher bemerkton wird sich jedem ergeben , dass man die Übersetzung 
keine wortgetreue nennen kann: sinngetreu jedoch ist sie in der vollsten bedeutung 
des Wortes, wenn mir auch bei den teilen, die ich genau durchgegangen bin, einige 
stellen aufgestossen sind, die unrichtig übersetzt sind. Bei einzelnen ist eine bei 
dem souöt nur zu gründlichen Verfasser doppelt auffallende flüchtigkeit daran schuld. 
Eine solche zeigt sich z. b. 1, 1, 87: 

las ich ju in alawdr in einen buachon^ ih weiz war, 
Kelle: 

„ich las auch einst in einem buch, doch weiss ich nimmer, wo es war;** 

es schwebte ihm statt weiz neiz vor. 1, 17, 9 sunniin fart, bei Kelle „der steme 
lauf** könte, weil „steme" folgt, auch leicht unbemerkter schreib- oder druckfehler 
sein; aber 1. 17, 61: 

fialun sie tho främhaUl, thes guates wdrun sie bald 

und bei Kelle (es bt von den magiem die rede): 

„zur erde nieder fielen sie der göttlicMceit ganz iiher zeugt ,** 

das klingt, wie nach Verwechselung von gotes und guates? weiter 2, 14, 88: 

mit worton mir al zilita, so waz sih mit wirkon sitota, 
Kelle: y^mit Worten alles mir gesagt, was ich mit tcerken je getan**: 

wer sieht nicht, dass Kelle waz Hh statt waz sih las? auch wenn es 2, 14, 33 vom 
Jakobsbrunnen heisst: 

er (Jacob) wöla iz al bithdhta, thaz er mit thiu nan vnhta 
und bei Kelle: 

„sehr gut hat er ihn ganz bedeckt und vor entweihung so bewahrt," 

so hat Kelle für iz wol ina vorgeschwebt, sonst hätte er bithahta (d. i. bitMlUa) 
nicht von bithechen , sondern von biihenken abgeleitet Ferner 1,5,9 fand sia 
drwrenia ist nicht „und traf sie voller trauet an:" denn wanim soll hier Maria 



250 ZÜPITZA, ÜB. OTFBIDy ÜBEBS. V. KELLE 

beim psaltcrbeten und bei ihrer „lieblingsarbeif traurig sein? sie schlägt nur sitt- 
sam die äugen nieder. Jacob Grimm in Haupts Zeitschrift 1, 456. Ebendort vers 28 
heisst es von dem erlöser: 

Got gifnt imo mha, joh era filu J^öha, 

drof ni zuiuolo thu ihes , Dauides sex thes küninges. 

Ich weiss nicht, woran der Übersetzer dachte, da er schrieb: 

„die weihe gibt ihm gott der herr, wid ehre (xuch im hohen mcuiss, 
dess sei du sicher imd gewis, du sprössling du von Davids haus/' 

sez ist ja doch „thron." Endlich sei noch 1, 1, 79 erwähnt: 

joh mennisgon alle, (her si iz ni untarfdlle, 
ih weiZy iz got worahta^» al 6igim se iro forahta 

nach Kelle: 

„ja keine menschenseele M)t , die ihnen nicht wird Untertan, 
so hat es nämliclh gott gefügt ; vor ihneti hangt drum jedes v&Uc.*' 

Wie Kelle den zweiten halbvers construiert hat , um so zu übersetzen , weiss ich nicht. 
Was untar falle hier bedeute, darüber lässt sich streiten, aber se meint sicher se, gen. 
sewes, und der satz ist condicional: „wenn die see nicht." 

Das erste ca])itel des ersten buches, dem das letzte beispiel entlehnt ist, bot 
überhaupt dem Übersetzer die grösten Schwierigkeiten, die mir nicht immer glück- 
lich gelöst scheinen. Das hat sicher Kelle selbst am besten gefühlt, und das war 
vielleicht auch der grund, weshalb er es aus ende vor die deutschen* Widmungen 
stellte: der leser hätte sonst gleich am anfange einen satz bekommen, den er nicht 
verstanden hätte; denn ich wenigstens bin ausser stände, die ersten verse desselben 
bei Kelle zu coustruiercn : eine falsche stärkere Interpunktion in der mitte statt am 
ende des zweiten vcrses scheint an der Verwirrung, die für mich das original nicht 
hat, schuld zu sein. 

Wenn nun also auch die Übersetzung an den stellen, die ich genau geprüft 
habe, nicht inmier so richtig ist, wie man sie von dem gegenwärtig bedeutendsten 
kenner Otfrid» hätte erwarten sollen, so wird doch, wer bedenkt, eine vrie langwie- 
rige arbeit sie bot, und wie leicht da die aufmerksamkeit ermatten konte und muste, 
bei diesen und anderen versehen über den Verfasser nicht allzustreng zu gericht 
sitzen, sondern sich von herzen freuen, nun endlich bei der lectüre des Otfrid über 
jede stelle eine gewissenhafte Übersetzung von so ' berufener band zu rate ziehen 
zu können. 

BRESLAU. JULIUS ZUPITZA. 

1) Dio lateinische für die guschichte der deutschen litteratur so wichtige, in ihrer 
Bpracbo aber nicht eben leicht vorständliche widDiung an Liutbert hätte wol auch über- 
setzt werden sollen. 



HAOHTBÄGLIOHE BEMBEKTOÖEH ZÜE ABHANDLOHQ ÖBEB DIB 
EDDAUEDEK. 

4. (FortAetztmg der nachtrug] i eben bemerkaiiK S ubou s. 81 — B2). WotsaaetA 
Vortrag ober bilder auf „ goldbracteaten" ist crschiaDcn , iii AaTbörier f. nordisk J 
Otdkyndigkeä og Htsdorie f. 1870 s. 382—419, mit tafdti 14 — SSj loh widorbole ] 
meine behanptuDg: WorsAaes entUecknn^en sind fränzlieli aas dor Inft gcgrilTcii 
den zn befol^nden grundsätzon, meine ich, ist Woraaae ganz und gar nicht ä la\ 
Aoutewr de \a ptestiott ; dcnii I 

a) Wcirsane mll (s. 400} aar einmal zwei Unvereinbare thcorien festlialton: I 
entenii, dass „die Eddalieder" sehen im „mittleren eisenaltor" existierten', zffciteua, I 
daiM die «praclie, welche Bagge nna runeninscliriften jener zoiten heranalicst, ällerea I 
shtdiura dos „Altnordischen" aci. Jede dieser beiden theorien macht diu andere J 
muaiSglich (vgl. oben s. 36). T 

b) Worsuau meint («.383, 418) in diesen bildem belege IBr dasein „der Edda- 
Ueder" im ..mittleren eisenalter" haben in können. Eine totale Verschiebung der ' 
[irobleino (vgl. oben s. 81 not« 1). Eins ist alter einer sage, ein andenss altor ebes 
gedieht!. Wiirsaae wBrde den gewaltigen fehlschluHs sogleich bemerken, w 
auB deutschen bracteaten dasein „des Nibelnngenliodes " im G. — 7. jahThnndeit fol- 

Sni wollte — (Übrigens ränmtWoreaae [s, 4W] ein, die sage möchte ,.inDentech- 
id noch älter" sein, also dass die frage Bbcr entlehnung oder nicbtentlchnnng sich 
nidit mittelst dieser bracteaten bilder entscheiden Hesse). 

e) WorsoHe verwendet gleiehermaonsen bniotcaten , die im norden fabriciert sein 
kSmien, und solohe, die dem m)rden teils nicht sa vindicieren, teils entschieden 
IVemd Hind, Nr. 3 auf tafel 18, nr. 4 ond 7 auf tafol 16 sind bei Dannenborg in Han- 
nover gcrnnden (sollten also nach Worsaoes sahlussweise dartun, dass „die Eddalie- ' 
lioder'' im „mittleren oittcnalter" in Deutschland eiisticrten). Nr. ^ und 4 der tafel 19 
(Twetxen sieh durch iateinisehu und andere fremde bncbstaben als fremd (oder frem- 
den fabricaten mechanisch nachgebildet). Sein verfahren i*t hierin um eu aonderba- 
nr. als er im Atlaa de VaitMohme du nord und in Thomsens abhandlung om Ould- 
brtiel-Balertit (in AnMaler f. nordük Oldk-i/ttdighed og IlistorÜ! f. 1355) mnlängljuhe 
anloitung hatte. ImAtlaa sind die beiden letzten (daselbst nr. 15 und 17) ganz ricb- 
tlg nnter die fremden gestallt. 

d) WorsiiAo berOcksichtigt nicht, was doch Tbomseu und der Atlas hinlänglich 
uiwiaron, duss fremde mlinicn als Vorbilder dienten. — So wenn auf den bildchon 
Üm\ 16 und 18 ("= Atlaa 84 , 85, 88 usw.) der daumun gegen kinn oder gesiebt gehal- 
ten wird (vfss Worsaae anf tafe! 16 dem Sigurd, .luf lafel 18 aber dem Irunnar bei- 
legt!) > ist dies schon ebenso der fall anf den fremden {mit fremden bnchstaben ver- 
senenen) nummem S6 nnd 3:} des Atlas. — Der Atlas liefert nmeichüg geteilte vor- 
lrild«r auf fremden, zum teil röraiscben mUnzen und bracttuiten; so anf den beidun 
ersten tafeln üj^uren, die einen ring oder kränz, die eine kugol, diu eine kleinere ligur 

EHctoria) eiiii<orbalten . uder gcscbmcidc und werkzeage um eich oder zn ihren füssen 
(tben new. Somit fallt lituwcg, was Worsaae von solchen dingen als kennxcichen gor- 
manischer sage.» aafnthrt. — Als beisiiici der enormen willkttrliclikoit möchte ich hervor- 
heben , dasB Wursane die in der hand uniporgchaltene kugel seiner («fei 19 ar. 3 und 3 
(Atlaa 15 nnd 111) für einen ring, hingegen auf seiner tafel 20 ur. 3 (Atlas 77) fnr 
einen apfel erklärt. 

e) Worsaae bcriii'ksichtigt nicht hinlünglicb die natnr der bracteaten ab btoHser 
Khmoeksachen. Auf solchen ist es an und für k[cIi nieht notwendig, bilder bestiniter 
«agenhelden m suclien. Das bild eines kricgers, drachentStcrs, Jägers, ticrbezäh- 
ners, in der seldangen^Tuft gemarterten usw., ganx im allgcmeiucn ist schon hin- 
liDgltcb. (Ich habe eine nbbandlung von Dietrich Ober diese bilder gesehen . mit 
erklfirnngen solcher allgemeineni ten£)nz; dieselbe ist mir jetzt nicht zur hand). [Es ist 
die ftbhandlung in Huujits »eitschr. f. deutsch, altcrth. bd. 13, Berlin 1867. Bed-J 

Die bracteaten. welcbe Worsaae auf die Nibelungensage beziehen will, stehen 
auf seinen tafeln 16^20, mit tcit s. 401 — 11. Besehen wir dies speoicller. (Mit 
dem flbrigen der abhandlnng haben wir hier sonst nichts weiter zu BcnafTon). 

Worsaiwj bezieht die bÜdehen der tafclu 16 nnd 17 (= Atlas 85, 84. 88, 
318, 88. 153. 115. Wi. 109. 100, »3, 233 usw.) auf den Sigiird. - Um einen sicheren I 
anhält hiefnr, so wie überliaupt Mr anknüpfung an die Hüjelangenssge zu erlangen,« 
maclit Worsaae tafel lö nr. 1 (= AUae 85) mm gmndstein, der alles übrige ti^g^fl 
Indem Worsaae nicht umhin kann m IQhlen, dass aH du übrige zu locker ist, noif 



•Mb 



252 JESSEN, ZUR EDDA 

eines solchen grundsteins entbehren zn können. Mit diesem anhält schwindet das 
ganze aber in nichts zusammen. Dieses bildchen zeigt, nebst vogel und vierfiissigcm 
tier, einen mann, der den daumen dem offenen munde gegenüber hält; nach Wor- 
saae den Sigurd , der beim braten des drachenherzcns den Anger in den mund steckt. 
Aber die übrigen bildchen der tafcl 16 (=^ Atlas 84, 218, 88, nebst 26 u. a.) und der 
tafel 18 beweisen, dass kein stecken in den mund, sondern nur emporhalten der band 
mit vorgestrecktem daumen gemeint ist ; der daumen wird gegen oder unter das kinn 
gehalten, und hat sich nur auf jenem einen bildchen dem goldschmiede ein wenig 
emporgeschoben , so dass in diesem einen falle (der von den andern nicht zu trennen 
ist) die spitze des daumens zuföllig dem munde gegenüber steht. Femer bt der andere 
daumen gleichfalls ausgestreckt, indem auf einigen bildem die andere band zugleich 
vor die gcschlechtsteile gehalten wird. Wie man unter solchen umständen den Sigurd 
entdecken kann , ist unbegreiflich. Dass überdies nr. 26 des Atlas fremd ist , habe 
ich erwähnt. Worsaae meint auf seiner ersten nummer ein pferd zu sehen; das üer 
hat aber gespaltene füsse ! Auf nr. 3 (Atlas 86) läuft dem manne ein tierchen über 
die Schulter und gähnt über den emporgehaltenen daumen ; Worsaae meint , dies könne 
sehr passend den drachen („wurm," d. i. schlänge) bezeichnen, den Sigurd erlegte! 
Ich möchte wissen, was Worsaae einwenden würde, wenn jemand in seinen drei ersten 
bildchen (= Atlas 85, 84, 86) gaukler und tierzähmer sähe? — Tafel 17 nr. 2—3 
(Atlas 153) zeigen ein vierfüssiges tier, über dessen hals etwas dreiekiges, und darüber 
einige reihen punkte stehen. Worsaae versichert, dies sei Sigurds pferd mit dem 
schätze. Was würde Worsaae einwenden , falls jemand versicherte , es sei das pferd, 
welches steine für die festung der götter holte V oder falls jemand läugnete , ein pferd 
könne auf dem nacken lasten tragen, also läugnete, es sei eine vom pferde getragene 
last gemeint? — Auf den übrigen bildem der tafel 17 (Atlas 115, 103 u. a.) sieht 
man einen köpf, einen vogel und ein vierfüssiges tier (gewöhnlich mit gespaltenen 
füssen), und nichts, wodurch wir irgendwie in der ganzen grossen bekanten und 
unbekanten sagen weit den köpf identificieren könten. 

g) Die drei bracteaten (nr. 3 — 5) der tafel 18 bezeichnen nach Worsaae den 
Gunnar in der schlangengruft. Nr. 3 , ein mann von schlangen umwunden , ist in 
Hannover gefunden; <fie erwänte Stellung der daumen, verglichen mit andern bild- 
chen, erlaubt, ihn für einen schlangenzähmer zu halten. Nr. 4 und 5 haben keine 
schlangen, möchten aber gleichfalls gaukler bezeichnen. 

h) Die vier bracteaten (nr. 2 — 5) der tafel 19 gehören nach Worsaae den letz- 
ten teilen der sage an. Nr. 2 und 4 (Atlas 15 und 17) sind aber fremd. Auf nr. 2 
und 3 (Atlas 15 und 111) will Worsaae einen cmporgehaltencn ring sehen ^ den er 
sogleich als denjenigen identificiert , den Gudrun an ihre brüder schickte ; es ist aber 
eine in der band emporgehaltene kugel. Nr. 5 (Atlas 89) , eine stehende , vielleicht 
weibliche figur , welche die band einem tiere ins maul steckt , meint Worsaae , könne 
sehr passend die Schwanhild unter den pfcrden bedeuten! 

i) Die fünf bildchen (nr. 1 — 5) der tafel 20 endlich bezieht Worsaae auf die 
Vorgeschichte der Welisunge, aber mit so lobenswertem zweifei, dass es mir kaum 
erlaubt wäre , emsthaft zu fragen , wie in aller weit man im brustbilde und der klei- 
nen figur mit dem Spielzeuge auf nr. 1 (AÜas 76) eben Sigmund und SinQötlc erkennen 
kann ; auf nr. 2 (Atlaiis 80) dieselben beiden , in der nakten figur eine fliehende , und im 
gegenstände links eine garbe; auf nr. 3 — 5 (Atlas 77 — 79) Odin, eine Walkyre, und 
Mimir (was hätte der da zu tun?), im tiere mit dem harte auf nr. 3, und auf allen 
drei nummem mit gespaltenen fÜssen ein pferd? Ganz unnütze fragen; denn Wor- 
saae erklärt sich eben so willig, die bildchen auf den Sigurd zu beziehen. 

(Zu meiner note 3 oben s. 81 ist noch zu notieren , dass man darüber nicht 
ganz einig ist, das daselbst erwähnte bild auf den Dietrich zu bezichen. G. Bryn- 
julfson bezieht es auf eine sage von könig William Richardson von England. Es 
wäre wol auch möglich an Iwan den Löwenritter zu denken?) 

5. Nicht mit recht habe ich oben s. 83 fg. zugegeben , die form Gjuki sei unver- 
dächtig. Im gegenteil: gjü ist eine in der norrönen spräche unerhörte Verbindung, 
und die vocalisation des h (vgl. Gihich) sehr auffallig. Der name Gjtiki ist also den 
oben s. 16 — 17 besprochenen linguistischen indicien deutschen urspmngs der sage 
zuzuzählen. — Auf derselben seite 83, zeile 12, sind die worte „mehr als*' zn siareichen. 

KOFBNHAOEM, 28. JAJOJAB 1871. B. JE88BK. 



Hall«, Boebdrnekerel d«« WaLmiüimims. 



^f^^r^r. ß^KJsf »^ff^^::^ ^^/^ ^^''^] 



f ^vi}Cil ?i^^ >^. /i^Or^^^^r/^ /^^ )V}J^'^ 2^/2?// f^-^^r.lS^) 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN METRIK, 

In dem ersten der beiden folgenden aufsätee soll eine bisher 
;. nicht beodcM^i'ß (}i des inneren Versbaues einer reihe mit- jzCwj 

teldeutscher gediehte des zwölften Jahrhunderts dargestdlt und unter- ( 
sucht werden. Da sich die zu beobaditenden erscheinungen am bestirn- 
testen und klarsten in dem gedieht von Könw Botiikr darstellen, so • 
werde ich sie erst an diesem vollständig exon^Mficiereh und sodann die , 
übrigen gediehte, an denen sich das gleiche wahrnehmen lässt, zur ver- w 
gleichung heranzielien. 

In dem zweiten aufsatze wird dann der Ursprung dieser erschei- 
nungen im Altsächsischen fiachgeiciesen , nachdem vorher die regeln, 
denen der vcrsbau des Hkland folgt, im zusammenhange entwickelt 
wordeti si^id. 

Den schluss macht eine (dlgemeinc vcrgfeichung des ältesten hoch- 
und niederdeutschen Versbaues. 

Erst kurz vor abschluss meiner arbeit gieng mir Dr. Herrn. 
Schuberts disscrtation de Anglosaxonum arte metrica (Berl., 1. Jul. 1870.) 
zu, in welcher auf eine künftig erscheinende arbeit desselben Verfassers 
über nltsächsische metrik hingewiesen wird. Ich sehe derselben mit Span- 
nung entgegen und tmll hoffen, dass wir in unsereti resultaten nicht 
aUzu weit von einander abweichen. 

Auf die Wahrnehmung, dass unter denjenigen gedicJUen des 12.jahr- 
hunde^'tSy die gewönlich für unrhythmische reimwerke gelten, sich eine i/// 
nicht geringe zahl finde, welchen eine von den sonst geltenden, regeln 
freilich in eigentümlicher weise abweichende rhythmische form zukomme, 
leitete mieh zuerst eine eingehendere beschäftigung mit der textiiberliefe- 
rung des König BoriiKn. Unter den fragen,' wie der text zu behan- 
deln sei 71 tvürde, sta'nd in erster reihe die beurteilung des Versbaues, 
welcher ungewönliche Schwierigkeiten und endlose zweifd erregte, da die 
verse zu einem grossen teil (etwa die hlüfte aller) ganz regdredit gebaut 
sind, und dcJier zur richtigen her Stellung auch der übrigen anreizten, 
die sidi gleidiwd in keiner weise beicerkstelligen Hess. Liess sich aber 
auch die allgemeine regd der mittelhochdeutschen metrik, won<xch die eith 

ZBIT80HR. F. DBUT8CHB PHILOL. BD. III. 17 



254 AMELÜNG 

silbigkeit der senJcung unverhrikhliches gesetz ist, in diesen versen nicht 
erkennen, so zeigte sich mir doch bald, dass auch sie nicht schlechtweg 
als gereimte prosa anzusehen seien. Der rhythmus ist deutlich in das 
ohr fallend; jede dieser anscheinend nicht metrisch gebauten Zeilen hat 
doch hei natürlicher satzbetmiung ihre vier hau])thehungen , und das 
ungewönliche he^teht nur darin, dass dactylischer rhythmus eintritt. Es 
ist V071 interesse, den bau dieser dactyli sehen verse genauer zu unter- 
suchen, denn es waltet auch in ihnen heinesweges Willkür; es lassen 
sich vielmehr ganz feste regeln darin wahrnehmen, die dem grundprifi- 
dp deutscher betonung durchaus nicht widersprechen, sondern ebenso 
naturgemäss aus demselben hervorgehen, tvie die regeln, denen der mit- 
telhochdeutsche v>ersbau mit einsilbiger Senkung folgt. Es wäre aber die 
eigentilmlichkeit dieses verslmues nicht recht treffend bezeichnet, wollte 
man hier von mehrsilbigen Senkungen sprechen; denn bekantlich können 
auch nach den sonst geltenden regeln der mittelhochdeutschen mMrik die 
Senkungen graphisch mehrsilbig sein, jedoch durch elision, synaloephe 
usw. metrisch und pilionetisch einsilbig werden. Es ist daher hier 
angemessener von doppelten als von mehrsillrigen Senkungen zu sjyrechcn, 
da jede der beiden auf einander folgenden Senkungen auch hier unter 
dcfi bekanten bedingungen mehrsilbig sein Jcann. Ehe ich nun die regeln, 
denen dieser versbau mit doppelten Senkungen folgt, darzustellen ver- 
suche, ist es 'tiotwendig, noch einige andere die textkritik berührende 
fragen zu erörtern. 

Das gedieht vom König Rot her ist wns vollständig nur in eifier 
handschrift erhalten, der Heidelberger , die ich mit P Itezeichne: cod. 
palat. 390. membr. 8®. Daraus ist der Rother al)gedruckt bei Mass- 
mann, deutsche gedichte des zwölftim Jahrhunderts. Quedlinburg 18S7. 
im zweiten bände. Bruchstücke einer offenbar jüngeren bearbeitung, 
welche die altertümlich ungenauen reime zu beseitigen trachtet, halten 
sich in Raden und Hannover gefunden (gedruckt bei Massmann a, a. o. 
s. 1(>7 und 232). Wertvoller als diese ist ein InruchstüeJc, welche sieh 
neuerdings in München gefunden hat (Sitzungsberichte der königh bairi- 
schen akademie vom G. nov. 1869, s. 307 fg.) ; ich bezeichne es mit M. 
Vergleichen ivir nun dieses Münchener bruchstück mit der Heidelberger 
handschrift, so zeigt sich, dass hier ein ungefähr gleich alter text vor- 
if^f ^)i '^»H^. liegt, und es ist fraglich, welcher der ursprünglichere sei. Die alter- 
tümlich ungenauen reime stimmen in beiden iWerein. Im übrigen nlfcr 
iveichen sie von einander nicht unbedeutend ah, tvobei das Verderbnis bald 
auf der eisten , bald auf der anderen seile zu suchen fst , so dass darauf 
hin über deyi relativen wert beider texte nicht etitscMeden werdest kann. 
EiHmsowenig ist aus dem umstände zu entnehmen, dass in M die 



BEITRÄ(}E ZUB DEUTSCHEN UETBLR 255 

verse 4107 — 4134 fehlen, Eiühelirlich iväre dieses stück allenfalls, aber 
es deiUet auch nichts auf interpolation in P; es kante durch versehen 
in M ausgefallen sein. Wichtiger ist ein anderer unterschied. Das 
Milndiener bruchstück gibt den text in hairischer mundart, während die 
Heidelberger handschrift ihn in rheinfränkischer nmndart gibt. Da nun 
Haupt (Zeitsdir, f, d, a, VII, 262.) aus sachlichen gründen wahr- 
scheinlich gemacht hat, dass der Rüther, wenn auch von einem rheiu' 
ländischen spiebnann, so doch in Baiern vcrfasst mul auf bairische 
hörer berechnet sei, so könte das wol einiges gewicht für den Münchener 
text in die wagschale legen. Dann hätten wir in der Heidelberger 
ha-ndschrift die rheinfränkiscJie abschrift eines bairischen Originals. Aus 
der beschaffenheit des Heidelberger textes ist das aber keineswegs zu ent- 
nehmern. Die betrachtung der reime gibt wegen deren ungenauigkeit hier- 
bei nicht das mindeste er Her i um ayi die haml. Wo hin und wider ein- 
zelne stellen eine oberdcUrtsche Urschrift ansudeuten scheinen, überzeugt 
man sich doch bald, dass das ein täuschender schein ist, der nur durch 
das aus anderweitigen gründen vargefasste urteil erweckt wird. Auch 
im übrigen wird die betrachtung des Heidelberger textes von sich aus 
niemals mit einiger Sicherheit auf diese annähme führen kömicn. Das 
ivechseln hochdeutscher und niederdeutscher formen für ein uml dasselbe 
wort ist in den übergangsdistricten oberdeutscher und niederdeutscher 
mundarten gar nicht selten, und es iväre irrig ^ daraus auf einen gemisch- 
ten text schliessen zu wollen. Das gleiche scliwanken finden wir in fast 
aUen den fränkischen dialecteuj die uns Müllenhoff in der einleitung 
zu den AUhochdeutschcn Denkmälern so trefflich characterisiert hat. 
Namentlich muss dieses schwanken bei einem ungebildeten Schreiber, der 
sich auf keine feste tradition in der lauthezeichnung stützen konnte, 
scharf liervortreten , während in der Münchener handschrift der im gan- 
zen günstigere eindruek zu einem grossen teil auf der consequenteren 
Orthographie und auf der reinen dar Stellung einer in sich fester geschlos- 
senen mundart beruht. Zur entscheidung der frage kannte nun schliess- 
lich noch der timstand herbeigezogen werden, dass der innere versbau 
in M bis auf einige Ideine Verderbnisse durchaus regelrecht ist. Wäre 
der Versbau in P wirklich durchaus tvild und regellos, so würde das 
gewiss für die priorilät des Münchener textes entscheiden. Wie ich 
aber schon oben bemerlct habe, icalten in ihm durchaus fe^te regeln, die 
auf klar erkennbaren princijnen bcrulien. Daher kann er jedenfalls 
nicht als eine unwillkürlich aus blosser yiachlässigkeit des abschreibers 
entstandene vergröberung angesehen werden, und so wird auch hiermit 
die frage noch nicht entschieden. Wären die bruchstücke von M etwas 
um fatigr eicher , so würde sich aus der vergleichung der übrigen textdif- 

17* 



256 AMSliUKO 

ferenzen gewiss ein sicheres urteil ergehen, auf welches wir jetzt verzich- 
ten müssen. Wie dem aber auch sei, so liegt doch jedenfalls in P eine 
textgestal'tung var, in der der Bother gleichfalls verbreitet uiul gdesefi 
war, deren oigentümliclie form also doch anerkennung und gdtung gefun- 
den haben muss, und die dah^r wol einer gesonderten betrachtmig tvert 
ist. Die regeln, nach denen sich dieser versbau mit doppelten setikun- 
gen gestaltet, werde ich nun im folgend&n entwickeln, wobei alle verse 
desBotJier, die über das gewönliche mass hinausgreifen, zur beurteilung 
kommen. 

ui\ij ^y I* Auf eine von ^natur hochtonige hebung können zwei senku n- xtC- 

^ " ^^' gen^ folge/n. Jede der beiden senkwigen muss minder betont sein, 
als die vorangegangene hebung, also höchstens tieftonig. 

a) döhter gehige 35. aller getrü'iste 55. vüoren verraezzenliche 205. 
de sünnen gesäch 315. uümrner verclägen 477. 485. der vünver vir- 
ddge 484. wä'ren gehöubitöt 511. de herren virnä'men 544. dingis 
gedä'ht 578. die he rren begüuden 637. kitenin geliez 757. de raä'nen 
bewünden 863. denest getä'n 896. dlleu geli'che 900. nimnür ne 
möhte 915. mir rä'tin genüoge 962. mächten getrünkin 1012. hödden 
getan 1065. unsir sihöinis 1118. mö'zen geue zen 1231. wäzzer genäm 
1251. mannen ne mag 1277. s61den getä'n 1279. he'rren geazin 1329. 
wä'rin gegängin 1632. üwers gemotia 1676. aller gcsihte 1741. höt- 
tis gesen 1790. m6'stin geväzzit 1892. herzen begünde 1912. niorgin 
genßren 2012. irli'den nemdc 2125. vü'zen gosäz 2189. moter gewdn 
2211. swärzis gewaete 2319. he'rren gesazen 2499. sölvin bequäm 3035. 
new^rde zo hdnt 3194. vröuwen geördinot 3328. vörsten gescho' 3977. 
höiden begünden 4107. he'rren bendm 4161. vermi'den newölde 4400. 
si'nen genö'zin 4444. giemjen gezögenlichen 4576. di'nis gevörtis 4670. 
löides getä'n 4700. hötteC getan 4847. ünde Ceciljin 4884. ninimir 
nichänin 4900. e'ren gerochit 4983. erin gegdn 4906. 

b) he'riste mdn 10. getrü'iste mdn 55. schö'niste mdn 294. 
Rö'mesker ßrden 463. ^Westen süne 483. Ifebesten mdn 542. gro'ziste 
h^rvart 2559. b6zzistin göte 3742. hünilisken köningis 3927. Uö'miske 
dlet 4052. sconiste wi'f 4620. Rö'mesche rfche 4754. trü'wistin 
mdn 6083. 

c) der mdrcgräve rumt 104. der dntworte nfht 262. s^ltsaene 
ddz 277. sfltsaune kndpe 649. stä'line stdnge 650. wi'gande zwdlfe 671. 
nfdliche worin 700. limilgero ri'tin 769. Dietriches mdn 1023. nie- 
manne vor 1139. iemanne mit 1162. ddncnaeme si'n 1226. eilenden 
mö'zen 1231. stäline ringe 1135. drmöte niht 1398. vro liehe ddnne 
1450. stä'line stdngin 1653. iemanne zörn 1671. inville wä'ren 1853. 



BEITRÄGE ZUB DEUTSCHEN METBIK 257 

vröwelicher gänge 2085. BiVkero dorne 2145. jüncvrouwe heiz 2545. 
he rliche gdre 2630. heunlichen indiiniu 2832. scärlachiü üüdo 3063. 
vä'landes mdn 3227. Lupoide mit 3322. Lupoide hä'st 3351. wa tziere 
man 3578. Lfi polde Mn 3672. he rliche schäre 4075. Wfdolden öuch 
4292. :ßrwiiie gäf 4840. vröraichede niht 4857. 

d) sünderlich schäre 242. Thfederich ünde 894. Cönstantin säz 
908. waphenroc tro'ch 1110. üioterich vor 1252. Cönstantinöpole 67. 
1385. 1585. 2843. 2983. 3635. 3713. 3771. 3809. 4082. 4449. 4533. 
4535. legelich kämaräre 1590. Cönstantin vrä'gete 1705. vgl. 2763. 
3035. 3803. 4563. hochgezit waren 1871. Dieterich z6' 1993. ^ vgl- 
2695. 2710. 2851. Ymelöt gerte 2561. Jerusalem siut 2570. Ymelöt 
18 2788. vgl. 3029. 3038. 3991. heillchdüm vo'r 4141. 

e) zierheit gesä'heii 388. phteninc geg6ven 669. ci'rheit gese'n 824. 
nfeman nihefne 1576. neman irwönden 2337. sänctus Johannes 4069. 
ürlof genäm 4968. 

IL Währetul als einfache senkutig auch hochtonige silbcn stdässig 
sijid (ein herzöge d^r hiez Frideri'ch 1609) erscheinen hei doppelter nur 
tief tonige silben statthaft. Dalier ist hier der gehraucJi selbständi- 
ger Worte als Senkung in viel ewigere grenzen eingeschränkt als sonst. 
Neben dcfn flexions- und aUeitwngssilhen , den, praefixen, wozu auch die 
}iegation ne zu rechnen ist, die mir ausnahmstveise einen hochton tra- 
gen kann, und den ziceiten gliedern der composita, sind nur gewisse 
hcstimt zu hezeiehncnde redeteile in der doppelton Senkung zulässig, iveldie 
dann für tieftotng gelten milsseyi. Es sind ineist redetcih, die sich endi- 
tisch oder procliUsch mit einetn andereti worte verbinden^ oder doch 
solche , die mit einem anderen höher betonten redeteil syntactisch eng ver- 
Inmden sind, an den sie sich gleichfalls enditisch oder proclitisch an- 
schliessen würden , wenn sie unmittelbar neben einander stündet^. Einige 
von ihnen können jederzeit tief tonig werden, andere nur wnter gcwisseti 
beding ungen. 

1) Ohne jede weitere einschränkung können folgende redeteile 
ihren hochton verlieren: 

a) der bestirnte artikel, du er sich jederzeit proditisch mit 
dem folgenden Substantiv oder adjcdiv verbinden kann: rodeten die jun- 
gen 19. erwürbe daz mögetin 89. ümbe daz mögetin 110. wßrbe 
die bödescaft 120. ümbe die mäget 145. würben des he'rren 149. 
voren die böten 198. trüogen die h^lede 228. wä'ren die sädilschel- 
len 231. rMete du gö'te 250. ümbe die bödeschap 334. giengen die 
älden 436. Börhter der aide 466. 520. wä'ren die ^Idesten 483. kfe- 



258 AMBLUNG 

sen den to't 588. B^rhter die riesen 654. limbe daz si'n 668. vir- 
lesin den (1. daz) loben 674. sprä'chen die störmgieren 698; .begünden 
die herren 720. wären des küningis 796. liefin die bürgBere 822. 
besagen den kiel 841. vorten die vr^islichen 842. hiezin den vreissa- 
raen 852. waren de raänen 863. ünde die go'te 898. Ro'ther den 
küninc 934. ünde die sine 948. an de gewält 975. zobröclie die 
stängc 1005. giengen die kdmeräre 1026. härde daz got 1119. vorh- 
ten die göste 1137. vermi'det den unholden 1157. waren die porten 
1289. hätten die kl&der 1309. ü'zir der nö'te 1434. dü'hte die r6de 
1447. äne die rocken 1494. mö'ste die rfese 1505. ündcr den vröu- 
wen 1518. einer daz fö'ter 1709. ümbe die schützen 1782. taten die 
änderen 1881. von der gew«te 1904. gedä'hte die rede 1964. virdie- 
nit daz äfgrunde 1970. wsenit der eilende 1998. dä'ten die änderin 2164. 
nä'men die zwölf 2431. älse die he'rren 2499. hfnder den ümmehanc 
2503. rollte die vröuwe 2521. wölde die ri'che 2564. nä'men die zwölf 
2623. giengen die rös 2634. ünder der höidenschefte 2681. ümme die 
höidenschaft 2711. hö're die vi'ande 2756. näliet der tö't 2776. in daz 
gecölt 2798. sdnte daz völc 2833. do weinte de vröuwe 2847. ünde 
die wi'gande 2849. ümbe daz schone 2922. ünde die jungen 3037. 
bedrü'git die söltsajne 3069. giengen die bürgaere 3113. duhto die bür- 
gsere 3119. einer die ciselinge 3123. wölde die köningin 3150. gebo'- 
zet der sölver 3162. dlle die länt 3188. vorden die Griechen 3226. 
tröste daz trd'rige 3268. gewönne die hülde 3271. liilfit den öllenden 
3481. nä'men die bürgäre 3523. sprachin die bürgäre 3537. sci'net 
den Böyeren 3577. älse die hölede 3579. ü'zer der mönie 3614. lieze 
die andre 3616. älse de rat 3619. düzzen die segele 3631. ünder die 
böunie 3640. ünde die wöreltliche 3648. wörde die griintveste 3651. 
nü'wet der hölle 3652. älse die h6lede'3653. säl die beze'chenungc 3674. 
slüffen die hölede 3687. wä'ren die vörsten 3719. röhte die stät 3989. 
mö'wit die lüde 4000. vröiskln die Kö'majre 1003. Johannes der töu- 
fajre 1069. ünde die välewen 4147. dä'de die gödes craft 4168. hör- 
ten die Orden 4215. wä'ren der spilemanne 4285. ünde die rös 4328. 
linde die lüfte 4405. sco'uit des äldin 4412. alle die länt 4416. wor- 
fln die stängin 4446. wä'ren die vörsten 4500. ilnde die gü'de 4525. 
quamcn die zöldaere inde die rös 4579. wä'ren die sädele 4585. ünder 
den vröuwen 4590. lü'hte daz Kö'theris 4604. ünder den vröuwin 4627. 
kindin den lif 4629. röhte die köningin 4663. behördint die bü'ch 470 4. 
ünde die riebe 4746. wä'rc die meiste 4807. virbü'tit der wäldindiger 
4910. hette dat älder 5077, 

h) das pronomen personale nicht nur wo es enditisch hinter 
dem verhum steht, sondern auch wo es dem vcrbum vor angesetzt ist oder 



BBITBAOB ZÜB DBÜTSCHEN MKTBIK 259 

gans von deinselben getrennt stellt; auch nicht nur im no^ninatw^ son- 
dern hl jedetn casus und numerus. 

et) hinter dem rerhum: nä'men sie gro'ze wäre 243. wdrt er irslä- 
gen 476. sölde wir mit 508. so che wir sie 514. quölitmen die helede 
515. ho'rde man mduigeir 546. ne völgis du des niht 600. mö'ze er 
gewfnnin 611. ne trü'widich in negeiueme lande 924. den hä'nicli iedöch 
984. ne kän ich nichöime 1014. strfbete her an der 1039. möhtistu 
dise 106 k gesie wer daz beste 1112. begri'fet her iemanne 1162. 
begünden sie behurdieren 1343. lovete man Dieteriche 1345. s6 helfet 
iz öuh 1440. lövetemen Dieteriche 1509. hßizin si Äspriäne 1593. dar 
b^uketer vli'zeliche 1596. ing^lden sie hfi'tc 1688. möhtin sie ümbe 
1782. möliten sie häven 1783. lä'ze wir däz 1787. mo'stin sie äl 1865. 
wöldistu dber 1991. begiindin sie böide 2314. legete man go't 2492. 
liez man die bötin 2524. hatten sie rös 2601. lazet man mir 2670. 
kerto her vroliche 2786. mö'zin sie lästerliche 2790. han wir gevän- 
gin 2901. möhte si biiz 2994. begünde man z6' 3091. wie biedet ir 
dät 3116. wöllit ir däz 3124. bat her die küninginne 3177. wöldet 
ir In 3191. wille wir vären 3218. würphen sie an 3223. möhte wir 
si'n 3303. behelde he trü'we 3316. Isege du helt 3334. gezömit ich 
immer 3338. sötzent sie an 3388. genüzzen si d6s 3395. geswi'che he 
d^me 3413. sä'gen sie ünder 3527. vö'rten sie an 3569. rieden sie 
döme 3613. riefin sie ällehthalven 4109. möhte man wöle 4356. wöl- 
dis du mi'nis 4419. liezcn sie Cönstantinople 4449. dörsten se vor 
4496. inbraeche her von der 4679. vrömete man rös 4756. lech he 
die ri'chen 4820. 4828. gäf he Ispä'nien 4810. löveten sie ane 5064. 

ß) ausserdem; nomijiativ: eines zöhnes her imo gedähte 168. 
einen mäntel her ime gap 210. wannen sie kümen wseren 254. trü'- 
rich iz ü'z ir hercen gienc 380. sie sprä'chen, wir haben 578. zweue 
steine her in d% haut nam 1040. dar ümbe du mänegen 1071. däune 
wir alle quämin 1200. wänder irscröcket 1275. selve her iz in wol 
gebot 1291. wie lüzzel her des genesen liez 1656. bi den banden sie 
sich bevingen 1747. demc recken sie in daz öre sprach 1946. däz iz 
irschßUe 2006. mit vröweden sie in deme hove sint 2108. älse du Cri- 
stin woUis sin 2196. swännen du verist 2243. sowilchis kiinnis du 
aber bist 2268. einen pälmen sie ober ir ahslen nam 2321. also' he 
die mägit 2327. mö'ter, er sült 2330. ich wsene sie höre wollen 2758. 
ze vürdirst her in daz gecelt ginc 2798. herre, du sält 3056. war 
ümbe ich die rede hän irhaven 3736. älse du sölbe 3808. eine köfsin 
her an daz sper baut 4094. war ümbe wir hü'te vehtin 4118. si jä'hen, 
iz dä'de 4168. wie gewis er den mi'nin schilt hat 4896. — AcctAsa- 
tiv: dat her ez gewröche 37. süln iz den he rren 500. künden iz gö'tin 



260 AKSLUNG 

knehtin 501. mähtu dich aller best 582. irsä'g iz der herzöge 69.3. 
intfe'nc sie gezögenliche 901. möhtin sie h6iben 905. bfi'tit sich an 944. 
dünkent mich härte 949. ünde mich äls6 1019. ho'ven sich dänne 1043. 
sow^s sie dich beeten 1066. du zückis dich trünkenheit an 1083. hö'dit 
üch alle 1160. Ifezis sie ü'z der nöte 1203.* trö'ste mich &n de kunin- 
g!n 1216. liezen sie ü'z 1290. Ig'zin sich 6tq not erbaimen 1296. 
brächte sie alles gödes eninne 1302. sie entfengen iz äl 1378. mächit 
uns alle 1476. dü'hte mich wfstüm 1627. la zit mich mi n gestdle hän 
1628**. betten dich brä'ht 1668. wölde sie alle 1670. her rofte sie 
vrösliche 1716. warf her mich över ver man 1718. irlä'zin in d^s 
1742. törste dich nfeman 1796. geuö'ztin sich alle 1900. mö'wis mich 
allen disen tac 2126. virh61 mich der r^de 2246. möhte sie üY den 
Itph hän 2294. törste sie d6s gewern 2380. lä'ze mich göt 3350. vrö- 
mede sie h6im 3624. vö'rtin sie wfdir 3796. v6'rte dich widir 3849. 
ho'vin sich g^gin der dicke 4140. lo'sten in von deme galgin 4214. 
trü'dis mich näht unde tach 4481. le rdis mich gö'de knehte 4485. vö're 
sie d^me 4527. zebrä'chin in älse ein hön 4908. begi ngin sich vröme- 
liche 4988. wir münichin uns, trfi't hgrre min 5168. — Dativ: nu 
h6iz dir gewinnen 124. däz er in künincliche gap 148. wölde dir göme 
522. h^lfe mir schädehaftin 537. swflich in intwi'chot 666. kiesit ü 
änin 734. kän ich ü nfet 851. glengen in an den henden 862. man 
sägte mer fe 911. ungerne ich en virsägete 965. swflichin mir göt 967. 
gelöubit mer herre 1017. wändiz mer noch 1018. gfvestu mir noch 
1186. du ne rfetis mir niht 1212. hilfen thir dine 1242. nevölget mir 
nfet 1262. verbö't man en Cöustantinis hof 1310. gab in die vänin 
1342. ich völge dir gerne 1373. hölfit Ü vrümeliche 1402. wü ich 
ime, däz is war 1445. wfl her ü rihten 1733. gäf mir der holt 2046. 
linder in allen 2199. daz sägih der, sprach 2201. wil idi dir schfere 
bringin 2228. her bö'zte mer dicke 2233. wsere mer Innencliche lieb 
2271. nu 16'ne dir göt 2605. wilich ere dir ist geschein 2804. dänne 
sich mänige 3032. ich nebrönge der ßö'theres wif 3076. hä't dir getä n 
3305. daz wsere mer zöni 3395. inle'zis uns ünder wege 3944. drä- 
vetin in ä'z der stat nä 4097. wü iz u warliche sagen 4309. h6tte 
mir wöl 4514. got lO'ne dir mänigir eren 4687. so vfle he dir lädes 
getan hat 4700. mü'sten gelö'nct werden 4852. völge mer köninc 5113. 
cöufe dir 861 ve 5145. völge mir trü't hörro 5164. — Genetiv: ob 6v 
is gevölgic wolde sin 577. ich no geb^ite sin vor deme kuningo niht 
1051. scld'gin ir 6ine michele craft 4134. die ne gelöVent is niöt 4856. 
wir ne vfndin sin niht 5148. 

e) das pronomcn demanstrativum; selten, swännen dise 
herren kumen sint 281. Bdther sänte gd'te knöhtc in diz länt 997. 



BEITRAGE ZUB DEUTSCHEN METBIK 261 

den du zörnetis wfder dessen wi'gänt 1079. wfl her ü rfliten, daz fs 
mir Ifeb 1733. dlse daz Cönstantfu virnäm 2785. st^rvich en dän, des 
inmach ich dan niht 3458. 

d) die prae^^ositionen, nicht nur wo sie proditisch unmittelbar 
vor dem Substantiv oder adjectiv stehen. Belege finden sich für mit an 
von in üf zo bi nach vor under umbe Üzer äne durch, a) unmitteU 
Imr: stüonden mit erin 14. mit grozen zühten an sfnem hove 15. die 
ist der van allen 93. fmer in dechöine 175. ünde von vröuwen 278. 
Bö'ther üf efme steine 442. sölde mit grö'zen erin 553. quä'inen zo 
Kö'me 645. intfa' sie nach di'nen eren 661. ünde mit grö'zer cirheit 
780. vö'ren zo Cönstinopele 802. mö'zen mit gö'ten 810. gebunden 
vor sfme zorne 844. quam iz an elnin 884. ünde mit herzogen 887. 
ünde mit vri'gen 888. immer mit öineme häre 1080. daz du iz vor 
vörehtin tsetes 1067. Börkgr zo sfme herren 1356. wörte zo dfsen 
armen 1357. si'n under in 1371. hfnne vor Cönstantinin 1451. väste 
zo mö'te 1486. wsere mit gölde 1574. quä'min zo Cönstantinopole 1585, 
ddnne zo lemanne 1671. schi're zo dfscho 1808. dänne mit e'ren 2306. 
quseme mit si'nen mannen 2371. lägen in ünkreften 2410. würden 
von trö'ste 2511. bedwüngin mit grd'zir 2565. virlö's zo Jerusalem 
2570. brä'hter zo Cönstantinopole 2843. quä'men mit hßrescrefte 2868. 
stü'ndiz an mi'nin willin 2920. g6vit umbe änin penninc 3118. bfddis 
durch ünsin trehtin 3208. älse vor vönfcich jären 3358. ich vo're üzer 
mfnem lande 3401. lü'hten in stri'te 3555. vö'rde van T^ngelinge 3560. 
quä'men in s6s wochen 3633. wä'ren mit händin 4040. hüoven mit 
grö'zer 4079. was her in stärker note 4114. nä'men von si'nen ban- 
den 4157. hündret mit in 4286. bit zühten an överbrehte 4362. lö'ste 
mit si'ner bände 4398. bfde in durch göt 4529. würdin bit bänden 
4718. lövete mit gro'zin erin 4721. den hS'rren von Töngelingin 4862. 
Börkermit si'me Schilde 4886. ünde zo höfe 4916. der he'rre Von T6n- 
gelingin 5024. brä'hte von K6rlingin 5034. dö r6it er mit mänigeme. — 
ß) durch cm anderem wort getrennt: von enänder in däz gewant 237. 
sfnt zo den bnisten 662. göt an mir armen 916. bäz in daz öuge 1077. 
vo'ren mit s6' getanen 1094. sie vröit sich in fr gemöte 1219. vär zo 
den h^rebergen 1230. vö'r zo den hörbergin 1284. hin zo der w6rt- 
schefte 1561. ich mit den öugen 1711. ge zo den hörbergen 1934. nä 
mör zo den kömenäten 2114. wll nä den schö'chen 2122. gi'nc zo den 
rossen 2695. fht zo den rossen 2752. daz völc zo des küninges vanen 
2833. öf si durch fre göde 3161. gfenc vor den herren 3290. alle in 
daz wäl 4241. säl vor die düre stän 4384. böiz in die stängin 4653. 
mir bi der hönde 5130. 



262 AMELüNO 

e) die conjunctionen, Bdege finden sich für wie daz ob dan 
s6 ouch aber doch unde; besondere cinschränkungen schcinefi nicht statt 
zu finden; unde nicht nur wo es einzelne wortc, sondern auch da wo 
es ganze sätze mit einander verbindet. Zw§ue uude sfbincih 7. 644. 
2588. 2643. 3763. eia, we die segele duzzen 182. ich waene, daz nie 
so manic man 264. ne lögitiz ouh nfergin nidere 455. owf, daz ich fe 
geborn wart 479. vier unde zw6incic 651. unde sägit mir ouch ddz 
her nötic si 945. bendmen unde brä'ht in arbeid 1071. mich dünkit 
daz sie 1076. her ne gerögite doch nie de vote 1146. ü'z unde i'n 1290. 
vrö' unde spä'de 1519. min dfenist ob sie is gerdchit 2003. gfi't unde 
hält 2217. stünt unde wöinöte 2413. härter dan sine schönen kint 
2452. fme unde si'nin 2814. bo ge unde hä'rbant 3087. gölt unde pel- 
lin 3115. trü'we unde ere 3316. mä'ge unde man 3429. under diso 
unde sine man 3851. nu vi'ä'get ouh efnin andren man 4318. die wi'le 
daz diso werelt stät 4344. owi' daz ich fe geborn wart 4423. und 
giw6r is och dir, of du nä' ime düst 4562. zühte unde erin 4611. he 
lach inde b^iz in die stangen 4653. nu wärde, wie j^nez kint spilit 
4672. he cüste ouch die äldin koningin 4647. irk^nnis och ünsin treh- 
tin 4693, gö't unde lövesam 4876. ni't unde spöt 4909. dre tage unde 
drfe naht 5054. (2277. 2468. 3059 siehe unter IV 1. a; 3412 unter 
r. 1; 1458. 1770 unter IV 1. b.) 

f) die adverbien dd da dar dan, nicht nur wo sie procHtisdi mit 
einetn anderen adverbium verbunden sind , sondern auch wo sie für sich 
allein stehen: besä'zen da h^ime 385. redete dd Bärter 466. 520. hf ngen 
dar an 686. wie tümp wer dö wä'ren 1057. wä'ren dar ober naht 1587. 
3605. efnin dai* nfder 1692. zo h^ile dar fn 1880. rfdede dö Dfethe- 
rich 1957. 2281. unde wä'riz dan al der werlde leit 2274. virhölene 
dar fn 2541. rMede dö Cönstantin 2579. ri'tit da h^re 2855. man 
sölden dar mfde 3141. des inmäch ich dan nfht 3458. lü'hte dar äne 
3534. waz möhte dar bezzeris sin gegevin 4126. sich hävent dar gelä'- 
zin nidere 4391. ne wöldin dar höime 4904. der möhte dar görne brö- 
der sin 5167, (1027. 2299. 4897. siehe unter III. here nur prodi- 
tisch 4707 siehe unter III b.) 

g) selten die adverbien wole und ie: war gewän ie sih^inis 
kuningis gnöz 663. of ime die töhter ie würde lief 3457. :6rwin dör 
sich ie vdre näm 4349. (2237 unter Vi.) gezseme wole fn 952. her 
wfsto wole däz iz ir emest was 1994. iz schi'nit wole sprach die kunin- 
gin 2053. desgleichen das adverbial gebrauchte wsene: iz ne gät mich 
nfht wsene an den liph 2401. und die negation niht: ne wiltn mich an 
diu dfenist nicht n^men 932. du ne tä'dis nicht übelis dar ane. 



BEITEAOE ZUB DBDT8CHBN METBIK 2G3 

h) die auxiliaren verben bin wirde wil mac: wir sulen üch 
alle sin ündeFdän 143. swil üwer dänne wil scät nemcn 190. dar fune 
was gö't gesteine 865. min dröwe ne wart nie von sinne getan 1016. 
dise rücken sin alle riche 1114. in disme säle istiz aber seiden getan 
1279. noch dän was sie ime vremide 1913. der megede warten was 
grö'zlich 2143. sin gomo'te was härte listich 2282. üf minen trö'st sin 
sie hie bestän 3310. ir ^nde was got 4876. daz dfnc nemac fmmer 
niht sin 5118. (1384 siehe unter IILa.) 

2) Nur unter besonderen bedingungen können folgende 
ihren hodUon verlieren: 

a) das jjronomen possessivum und das pronomen inde- 
finit um (ein sichein nehein dehein) wenn sie adjectiviseh gebraucht 
werden, und auch dann mir wenn sie unmittelbar vor dem zugehörigen 
nomen stehen, a) possessiv: mö'ste sin hö'vet 337. s6 mdcher sin e're 555. 
ir habet minen he'iTon 996. dö sprach siner rä'tgeven ein 872. sfen 
dine kündicheit 1037. daz sie dine niöistere sin 1076. fs din gebä're 
1081. wie ri'ke sin he'rre wäre 1614. zo 6me sine mdn gän 1736. 
dich nelä'ze din tüginthafter möt 2397. doch w^rdich din bürge 2402. 
waere din dienist 3332. wä're min Iff 3357. älse min herre 3791. 
wie her sin ^nde have genomin 4006. daz ime sine dine 4409. älse 
sin väter 5059. intfi'nc he sin rös 5099. ß) indefinit: den ie sichein 
Ro'misc kuninc gewan 56. nie nehein man 82. durch däz iz ein höve- 
spräche was 640. tro ch eine stä'llne stangen 650. gedä'hte eine wis- 
heit 805. trö'ch eine brünien 1100. ich vö're eine hflfelose diet 1261. 
ir löides ein t^il 1330. väzzen ein jä'r 1446. säzte einen tisch 1605. 
do was her ein härte herman 1608. begreif eine stä'line stangin 1653. 
gr^if einen üngevögen stein 2165. ir 16ides ein t^il 2500. älser ein 
herre waere 3176. trö'ch eine brünien 3500. vö'rde einen herlichen 
yanen 3532. 

b) das pronomen relativum, wenn es U7imiUclbar Munter dem- 
jenigen worte steht, auf wdclies es sich bezieht: ällez daz in den kielen 
was 1031. 6in der iz wöl behöte 1033. sin holde der da' gebunden 
lach 1097. allen die dös geröchten 1299. älliz dat indeme kiele was 
4757. (3105 siehe unter IV b). 

c) die adverbien so vile al zd, wetm sie unmittelbar vor dem adjec- 
tiv oder adverb stehen : wserin al ündertan 25. töhter vil he'r 66. alle sd 
güot 132. du hä's mir so künincliche gegeben, 216. lü'te so wünnencliche 
268. öime vil schö'nen 740. daz du so gewäldich 927. minen hg'rren 
zö swäche jgezalt 996. ene erbarmet zö härde daz göt 1119. hü'te vil 



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264 AMELUMO 

sere 1688. 6ime so stätehaffcen^ 1986. nimmer so wöle 1999. hüte so 
mänich 2361. ünde vil mänich 2764. ^ine vil bräde 29-75. iz wsere 
vil wöl 4621. quä'men vil mänich 4779. ähnlich ist der genäiv aller 
in sin e re aller bfezist beware 555. 

d) das der directen rode eingeschaltete sprach, wenn es unmit- 
telbar vor einem eigennanien steht: ich volge dir görne, sprach Dieterich 
1373. ich dätiz göme, sprach Dfeterich 2105. genäde he'rre, sprach 
Cönstantin 3077. 

Wie man si^iht, schliesst der hierin her sehende gebrauch sich ganz 
eng an die grammatisch richtige betonung der Satzglieder an. Dass die 
hier aufgemlten redeteile im betreffenden fall den ih^nen ursprünglich 
zuJcofnmenden hochton wirklich verlieren, deutet aucJi die handschrift 
selbst an, indem sie sehr oft mit vocalschwächung men wer er se de für 
man wir ir sie die setzt. Es liegt diesen erscheinungen ein in unserer 
spräche waltendes gesetz über die normale betonung der Satzglieder zu 
gründe, welches sich durch ausgedehntere beobachtungen wol noch in eine 
bestirntere form bringen Hesse. Zu beachten ist tvol, dass gerade die- 
sdben redeteile, die hi^r ihren hochton verlieren kommen, es siml^ welche 
in der späteren mittelhocMeutscJien Schriftsprache jene mannichfachen 
anlehnmigen , verschleifungen und wortzusammenzichungen bilden. Dass 
sie aber nicht an sich tonlos sind, sondern jederzeit den hochton bewah- 
ren köniien, bedarf keines besmideren beweises. 

Ich habe mich bei der oben stellenden auf Zählung der fälle ^ in 
denen doppelte Senkung erscheint^ streng an die handschrifUiclie Überlie- 
ferung gehalten. In vielen meiner belegstdlen Hessen sich nun durch 
blosse annähme der apocope oder syncope eines tieftonigen c verse her- 
stdlcn, die sich vollkommen d&n sonst geltenden regeln des hochdeulscJien 
versbatics fügen. Ein solches verfahren wäre aber im einzelnen durch- 
aus unzulässig y wo sich doch im grossen ganzen ein tiach bestirnten 
regeln normierter gebrauch doppelter Senkungen nicht bestreiten lässt; 
um so mehr^ da ein allzu ausgedehnter gebrauch der apocope dem Zeit- 
alter und der mundart unseres gedichtes wenig angmnessen erscheint. 
Auch durch annaJime schwebender betonung Hessen sicfi die doppelten 
Senkungen zwar vermindern, aber nicht ausscMiessen. Damit wäre aber 
die anomalie nur noch anstössiger gemacht. Ich folge daher lieber der 
fuUürlichen betonung. Ebenso bei mer liebungen mit klingendem scJduss. 

IIL Wir haben im obigen nur diejenigen fälle in das äuge gefasst, 
wo die liebwng auf eine von natur hochbetonte sUbe fällt. Zu einer 
hebung, auf welche zwei Senkungen folgen sollen, taugt jedoch aucli eitie 



BSITBACUB ZUR DEUTSCHEN METBIK 265 

tief tonige silbe; diese ist dann aber immer ein voll wort als zweites 
glied eines eompositutns ^ allenfalls auch eine volltönende ablei- 
tungssilhe, niemals eine blosse casus- oder personalendting. 

a) die sigelriemen sie zögin 801. geäntwärten zo rehto 1015. die 
ümbehänge man ft'f hienc 1120. dem fngesindo over äl 1151. nä ri'ter- 
ifchen gebä're 1366. sin fngeslndc was he'rlich 1384. des antworte dö 
Dletherich 2299. wie listichlfche sie z6' ime sprach 2328. des änt 
wärde die köningin 2987. swer so iht vrömolTcbis getö't 4376. ze wili- 
chin hdntwörke he quam 4662. des äntwärde dö Wi'dolt 4897. ey wie 
vermfezelfche her r^it 4958. Mit schwebender betonung snelli'che her 
an den rinc trat 1006. 

b) zo Lü'pölde demc mäster sin 367. die mit Thfederfche da 
wä'ren 1027. vor Cönstantfne sie glengen 1087.^ ir zoch zo Dfcterfche 
die cräht 1306. Wi'dölden den konen 1737. Aspria ne zo eren 1863. 
Dieterf chis gewänt 1866. vor Cönstantfne deme ri'chen 2301. Cön- 
stantfnis gemo'te 3005. vor Cönstantrnen den ri'chen 4293. Cönstan- 
tfnum den ri'chen 4463. zo Cönstantfno deme ri'chen 4665. heiz 
Arnolde here vöre gün 4707. die vrouwe Pfppfnis genas 4758. B6rk6'- 
ris gewält 4883. 

c) der vrömigistin nevölget mir niet 1262. zo kßmenä'ten gegan- 
gen 1960. hie ist der mörksere sd vüe 1995. den körkenserc man ü'f 
brach 2415. in pflegii mis gewaete 3688. verwdndelö'te die sinne 4012. 

Von selbständigen ivorten finden sich also in doppelter Sen- 
kung nach tief toniger hebung: der artikel, das pronomcn perso- 
nale, die i)r aepositionen, die adverbien da und dö, das pro- 
ditische here (m here vor), das hilfsverbum wesen, das ad v erb so 
vor vüe. 

IV. Bei folgetider doppelter Senkung gdteth für die hebung ganz 2y{, 
die gewmlicJioi regeln über ver Schleifung , elision und Unter- 
drückung des tieftonigen e vor liquide^i; verscMeifmuj : kitenin 
geliez 757. rMete du gö'te 250. so nömich einen holden 2217 usw.; 
elision: war limbo ich die r6de hän irhaven 3736. vo'rde einen he'rlichen 
vanen 3532 t^sw.; Unterdrückung des ticfiotiigen e vor liquiden: leider 
sie nehmten vrouwede niht 347. zo deme er allen sinen rä't nam 453. 
Thiederich gezögenliche stünt 909. Dietheriche du hte die rede göt 1447. 
Dfetherichis k^meraere 1729. Dietheriche ü'f den liph sin 2404. der 
k^rkensere wärt gerümöt 2533. zo Dfetherichis h^rbergen gän 2516. 
p^llin unde cl^ine gewiere 3565. väzzen unde baden 3749. 



266 AMELUNQ 

Es kann aber auch jede der beiden nu^risch mid plwnetisch 
einsilbigen Senkungen graphisch zweisilbig sein: 

a) indem verschleifung eintritt. Dabei sind zwei falle zu 
ufUer scheiden, vmi denen der zweite sogar über die frdlheiten hinaus 
geht, wddie in einfacher Senkung gestaMet sind. Erstens darf näm- 
licJi, die verschleifung hier^ wie auch in einfacher Senkung gestattet ist, 
dann eintreten, wenn die erste der beiden zu verschleifenden silben tief- 
tonig ist: Üngerin und Kre'chen 489. ßo'there den li'ph 933. mänte- 
lin sie sich 1086. schö'wetin die jüngelinge 1109. bezeichnete den 
ri'chet&m 1101. väzzete sie mit gewande 1177. väzzite sie äl geliche 
1340. unde väzziten sich vli'zeliche 1572. in deme vönstere die junge 
2169. lö'nede den gö'din 3049. völgeden der vröuwcn 3213. die 
vröuwe vrä'gede den spflemän 3230. irbärmote den rocken 4111. 
vrä'geten die vörsten alle 4295. do cro'nete man in mit golde 4712. 
unde mächete den h^lt jungin 4881. Hierher gelwrt auch: unde 
cdrzitime dve den stälin höt 1694. ich käflfedene Undankes ane 2051. 
Zweitens aber tritt hier die verschleifung auch dann ein, tvenn die 
erste silbe hocMonig ist, was sonst nur auf der hebung gestattet ist, 
während in der Senkung der Wegfall des tonlosen e graphisch ausgedrückt 
werden muss. Doch ist dabei tvol zu beachten, dass diese freiheii nur 
in denjenigen werten stattfindet, welche, wie unr oben gezeigt haben, 
ihren hoditon nach bedürfnis abwerfen können. Für die formen des 
artikels gestattet es audi Otfrit (Lachmann zu Iw. 651). ü'z deme gedf- 
gene 71. tüot von deme himele 72. wä'ren deme küninge 146. wöl- 
den ire ci'rheit 824. gezseme wole fn 952. heizen ene üngebaere 1035. 
wände ene erbarmet 1119. sägete iz denie Ingesinde 1151. lä'zit ene mit 
gemache 1158. durch däz her eme si'ne spise nam 1154. werfit ine In des 
sales want 1163. des Ifvete vile mänich riebe 1311. sie sfnt zo deme giir- 
tele 1363. swer s6 genäde so'chit ane mich 1374. unde vrä'gete ene 
wie her wäre 1418. B^rker ime einen hof gab 1482. so mög wir ine 
aller best gesen 1533. her wfste wole däz iz ir ernist was 1994. iz 
achi'nit wole sprach die kuningin 2053. Herlint sprach zo deme herren 
2093. sus istiz aber immir ungetan. 2277. unde ne stu'nt ime doch nie 
so leide 2468. ich bevälch sie eme ü'f daz leven sin 2530. dd hüb 

• 

sich ander deme hfmele 2555. zo Gönstantfno deme küninge 2558. in 
was zo deme störme harte lieb 2675. wir mö'zin aver ^inin kiel havin 
3059. ir lieget deme düVele an daz bein 3131. uu heiz die kfnt zo 
deme sciffe tragin 3210. unde sprach zo deme köninge herHch 3291. 
her gab sie ime also ringe 3733. Cönstantf ue deme ri'chen 3757. in 
was zo deme störme vile lief 4181. sie wserin ime üngeswichin 4369. 



BEITRAGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 267 

du hilfis ime stddencliche 4774. ünde deme Wlede Grimme 4821. sie 
hotten ime wöl gedienot 4836. — Auf diese letztere heohaehtung gestützt 
wird man in solchen fällen me gewr^che ane mfnen 87. h^lfe ime 
däz 196. vä'n oder slä'n 1064. ein verörloget man 1385. in mö'z vile 
we werden 1690, die sehr häufig sind, gar nicht dopj)elte Senkung 
anzunehmen brauchen y sondern darin nv/r eine etwas weiter ausgedehnte 
freihdt im gebrauch der verschleifung sehen. 

h) indefin synaloephe eintritt: wie törstis du_an dfsen rät gän 
561. war umme söldistu^an sfner spise sin 1244. s6 heizen sie_in 
g^ben daz selve wiph 1070. eya dnne wie^ich nü virstozin bin 1458. 
bfz man sie^ime ü'z der hant brach 1712. eya arme wie^ich nü geh6- 
nit bin 1770. s5 ne hatten sie^is nfht genozzen 1784. ein riese sie_im 
ü'z der hant nam 1678. vere (?) die he_änme städe vänt 3105. 

F. Wenn man die hier aufgestellten regeln in anwendung bringt, 
so erscheinen, ohne dass deshalb auch nur ein bu^stabe geändert zu 
werden brauchte, von den 5180 ver sen unseres^gedidites etwa öOOO^durch' 
au s^nach einer festmjr eqd gebildet . Einer so uberwiegmden melirzaJd 
von fällen gegenüber tvird es nach den Grundsätzen einer verständigen 
kritik nicht nur gestattet, sondern geboten sein, die übrig bleibende min- 
derzaM für verderbt zu Jialten, und sich mit vorsieht an eine emenda- 
tion zu wagen. Eine nicht geringe zahl derselben erledigt sich durch die 
beobachtung gewisser stetig tviderkehrender Verderbnisse. 

1) Ist in einer ganzen reihe von versen das metrum schon durch 
annähme einer in der handschrifi nicht angedeuteten apocope oder 
syncope des tieftonigen e Jiergestellt. Der ausfail des tieftonigen 
e ist demnach anzunehmen in einigen formen des pronomen possessivum: 
und bädeme sine härfen dar tragen 167. des ist in minis herren hove 
vile 299. mir irlöuben mines herren bodescap 304. die wi'le sine kint 
äzin 2498. ünder sinen armen 2782. hü'de sine grä'fscaft 3547. ich 
wsene dinen növen n6t bestät 4194. Sodann in einigen verbal formen: 
dar mite zi'reter die ri'ter sin 155. wat recken möhte dar s6 ri'che sin 
3001. diz dünkit mich ein bd'se veitstein 3133. häzet mir min höVet 
ave sclän 3168. verlä'zet so iz fme an die nö't gä't 3412. Femer in 
einigen anderen fällen: waz w6rbis unmie d6n virtrivenen man 946. 
Cönstantinis höf 1310. her was mir ie gensedich 2237. 

2) Lassen sich mehrere überfüllte Zeilen dadurch epnendieren, dass 
man sie in zwei verse zerlegt: ünde w6it öuch wöl | we ez ümbe 
däz wfph stä't 94. däz si ^rme herren | ümbe diemäget vö'r^n 145. 
dö r6dite ein alt vröuwfe | die hßz H6rlint 280. dö rietin fme die hS'r- 



268 AlOELUNG 

ren | daz h^r ir also pflaeg^ 954. ja' ho'rtich mi'nen väter | lif bevören 
sprachen 494. (Zti dem ungenauen reim 493 : 494 vgl. 2663 : 2664. 
1659 : 1660 u. a.). Wenn dadurch gruppen von drei reimgeilen entste- 
hen, so hat das nichts hedenJdiches, da solche auch an anderen stellen 
de^<i gedichtes öfter üherliefert sind: 978. 1627. 2547. 3171. 3945. 4027. 
4455. 4923. Bei 1894 scimnt allerdings eine zeile ausgefallen zu sein. 

3) Erledigen sich viele verderbte verse auf gleiclie weise, wenn man 
die epische einführung des redenden durch er sprach, sprach er 
tilgt. Die epik der sjnelleute, wdclie für den lebcfidigen Vortrag vor 
versammelter 'inenge lyestimt war, bedurfte solchen Überganges in die 
direde rede ni<iht durchaus, da eine blosse modulation der stimme genügte, 
um jede undeutlichkeit zu verbannen. Beim schriftlichen aufzeichnen 
eines solchen gedichtes war aber wol eine deutliclicre lyezdchnung für 
. das Verständnis der leser erwünscht; dalier fügen die Schreiber häufig 
y ein soldies den vers überfüllendes er spracli hinzu, welches wir, auch 
wenn es im autograph des dichters stände, wegzulassen berechtigt tcären, 
da es glei^^hsam nur ein Vortragszeichen für den vorUser ist, und wir 
uns dafür der anfüJirungsstriche bedienen. Demiiach wäre zu lesen 
„swil ü'wer dänne wil scät nömen 190. „du sält mir rä'tin Bertir 456. 
„wer hä't irhäben dfsin scäl 696. „nu vimfmet tü'rin wi'gände 712. 
„owf, küninc Cönstantfn 832. „er nemäch vor Rö'ther nfht genasen 942. 
„man bü'tit uns hie ünrfehte 995. „nu warte wie j6nir hövemän 1167. 
„ich wölde görne, Cönstantfn 1253. „wöldit 6t nu, väter mi'n 1537. 
„owe' waz hä'n ich dir getan 2124. „min he'rre mit den sinin 2687. 
„got lö'ne der, herre Dieterfch 2800. „geselle, war z6 wöllit ir däz? 
3124. „nu scO'ne, köniuc here 4455. ÄJmlich ist 818 si gelobetin der 
grösseren deutlichkeit' wegen vom Schreiber hinzugefügt; doch zerstört es 
das versmass und des swören sie ime eide, die liezin sie unmeine, daz 
sie hietin Röthere Thideric ist grammatisch nicht anzufechten. 

4) Die übrigen lassen sich nicht aus einem gemeinsamen gesiddS" 
punhte emendiere^i: vers 63 lies Lüpölt sprach aller erist; 118 ist herre 
zu tilgen; desgleichen 130 grauen; 142 ist zu lesen daz ne verr^dtich 
durch neheinen man und ebenso 964 ob siez aber verredit habetin; 165 
van dem stade wolde der helit g6t; 200 gegin Cdnstinöpole zo Kre'chen; 
217 ich wil dfner schiffe mit triwen plegen; 289 nu orlö've mir mine 
bodeschap; 319 her wölde dine töhter zo küninginne hä'n; 335 du ne 
bescö'hetis änderis ninmier den täc, und ebenso 3003 kome fi immer gein 
vertriwen man; 3577 iz scinit den Beyeren immer an; 336 wände mi'ner 
töhter nebät nihein man; 403 dö sie von lande solden; 492 des änt- 
worde ime der getrü'we man; 729. 1000. 1274 ist hie zu tilgen; 752 



BEITRÄGE ZUR DBÜTSCHEN METRIK 269 

dar linder einin riesin vr^issäm; 799 her heiz daz Kit in gän; 897 inge- 
giu ine ^ngen de herzogen stän; 999 entweder des mohte her lihte 
untgelden oder nach amdocjie der unter IL 1, d. susammengestdlten 
fälle des möhter noch li'hte untgelden ; 1 058 daz wer virsageten Köthere 
1069 urul 3862 ist owi zu tilgen; 1141 her t^ten over dfsge gröze n6t 
1190 melleicht? der küninc jach 6iner no'ti, daz hör diz nfene taete 
1215 Berter sprach zo deme he'rren sin; 1316. 1317 ir zoch ein gröz 
heris craft dar hine zo Dietheriche; 13G0 sie ne tragent nicht umbe die 
lenden; 1575 unde mohte daz lihte sin getan; 1602 dar in oder dar ane 
lac got gesteine; 2086 wie schire sie ober den hof trat; 2101. 2102 
daz du fr den änderen schöch göves, ünde sie sölbe gesöges; 2239 in 
trüwen, sprach die kuningin; 2377 ob sie ieman so leve hette getan. 
AiKh 2145. 2717. 2776 gehärt der dativ iemanne hlos dem abschreiber 
an; 2650 her hörbergete dller vürderö'st; 2943 zo eime koninge hän 
gelovet; 3396 so höttich einin mfchelen löuf verlorn; 3795 sie stälin sie 
Röthere. Für folgende stellen bietet sich mir keine warscfieiniiche emen- 
daiim: 222 : 223. 520 : 521. 970. 1018. 1135. 1557. 2215. 2238. 3839; 
sie müssen aber für verderbt gdien. 

VI. Dasselbe i>rineip des Versbaues, welches sicli am Bother so 
vollständig beobachten lässt, zeigt sich ganz in derselben weise bei mden 
anderen, namentlich erzählenden gedidUeti des zwölften Jahrhundert s, so -/»^»j-. ä 
bei Hartman, vomgewujsen (Massmann, deutsche gedichte des XIL jähr- f^h^f-K 
hundaris), in L.LMVREruTs Alexak/jer (daselbst), indem niederrheini- 
schen TuNDALua (Lachmann, in den abhandlungen der Berliner acade- 
nm 1836), in den niederrheinischen bruchstücken von Herzog 
Ernst (Herzog Ernst, herausgcgebefi von Bartsch. Wien 1869), im 
Grafen Ruwlf (herausgegeben von W, Grimm. 2. ausg. Göttingen 
1844), und in den bruchstücken eines von Karl dem Grossen und Gälte 
lianddnden niederrheinischen gedieht^ (Lachmann a. a. o. s. 172). Vid- 
leicht Hessen sich noch andere anführen. Leider aber sind mir hier am 
orte nicM alle in betrOtdU kommenden quellen zugänglich. 

Dass alle genannten gedichte mitteldeutsch sind, ist geuns .-- . zn 
kein blos zufälliger umstand. 

Eine vollstä'ndige atmlyse dieser gedidite zu gd>en ist Ober flüssig; 
ich gebe im folgenden nur beispid^ zu allen punkten nach dem obigen 
Schema, und zwar für die sdieneren erscheinungen reichlicher als für 
di^ gathz gewänlichen. Ebenso wie im Rother stehen in allen diesen 
gedichfen von sdbstä'ndigen wofien am häufigsten artikd und pron. 
pers. in doppdter Senkung. Ob einige der im Bother beobachteten fälle 
in diesen gedickten nicht vorkonmien^ dagegen solche die im Bother nicht 

2B1T80HB. F. DBUT8CHB PHILOL. BD. III. 18 



270 AMBLUNG 

ZU finden sind, mll ich nicht entscheiden, da es sich hier ja nur um 
die feststdlung des gleichest princips handelt und das einzelne doch 
immer schwankend erscheinen muss, wo es nicht im Zusammenhang einer 
durchgreifenden kritischen bearheitung des betreffeiiden gedicktes darge- 
stellt werden kann. So wird denn manches mal auch die beurteilung 
einzelner steilen, die ich anßhre, zweifeUrnft ersdieineti , da ein und 
derselbe vers ja wol verschiedene beurteilungen ztdässt , je nachdem man 
klingende verse mit vier oder mit drei hebungen liest, oder je nachdem 
man dreisilbigen auftad anwenden zu müssen glaubt. Im grossen gan- 
zen aber lässt sich mit voller bestimtheit behaupten, dass in allen diesen 
gedichten ganz dasselbe metrische princip walte, wie im Bother, Für 
die beurteilung zweifelhafter stellen dürfte ich mich wol einigermassen 
auf die im Rother gemachten beobacJUungen stützen, so dass freiheiten, 
die dort nicht nachweisbar waren, audi hier nicht a^ngenommen werdeti 
durften, so lange irgetul eitie andere auffassung ztdässig erschien. Fer- 
ner habe ich an dem grundsatze festgehalten^ dass in einen}, gedicJite, 
welches im übrigen zweifellose fäUe von doppelter Senkung häufig auf- 
weist, die annähme mehrsilbigen auftactes und schwebender beto- 
nung in allen solchen fällen überflüssig sei, wo sie durch die annähme 
doppelter Senkung fiach den oben gezeichneten regdn zu vermeiden ist. 
Für die kritische herstdlung der gedichte des zwölften Jahrhunderts wird 
mit hilfe dieser beobaditungen noch vid zu gewinnen sein. Eine einge- 
hendere Untersuchung über den speeidleren gebrauch, der in jedem die- 
ser gediehte herscht^ wäre durchaus notwendig. Doch lässt sich eine 
sdche natürlich nur im Zusammenhang mit der übrigmi kritisdien behand- 
lung des textes anstdlen, und es tvird daher die endgilt ige feststdlung 
der einzdheiten den künftigen herausgebern überlassen bleiben. 

Bei den bdegsidlen aus graf Budolf und herzog Ernst konte 
natürlich nur auf das handsdiriftlich überlieferte, nicht auf die wenn 
auch noch so wahrscheinlichen ergänzungen der herausgeber rücksidit 
genommen werden. Im herzog Ernst sind vielleicht die doppelten seti- 
kungen noch häufiger, als es nach Bartschens ausgäbe erscheint, wenn 
nämlich dessen anmerkung zu 1 85 so zu verstehen ist , dass er überall 
ohne angäbe der lesart auslautendes e yiach bedürfnis getilgt habe, was 
jedoch nicht der fall zu sein scheint. 

L amprechts Alex ander citiere ich nach der Strassburg-Molsheimer 
handschrift; der abweichende text der Vorauer handschrift (Diemer, 
deutsche gedichte des XI, und XU. Jahrhunderts. Wien 1849) zeigt 
übrigens die gleiche n^riscke eigentümlichkeit. 

Ich gebe jdzt die Übersicht mit bdegstdlen aus deti oben genanten 
gedichten, wie beim Bother, wobei jedoch die beispide für doppdte sen- 



BEITRAGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 271 

kufig luich tkßoniger hcbwig sowie für versclilciftmg utid sytudoephe in 
doppelter seiikung nicht in gesonderte ruhrikcn gebracht sind, 

VIL Erstens: doppelte Senkung durcli praefixe, suffixe und 
zweite glieder von compositen ausgefüllt. 

a) mir drmen gene'dich vom gelouben 36. diliz gesfet das. 134. 
dänne sichön das. 139. würden geli^ilet das. 171. die wi'sen begiin- 
den das. 347. einem iew^lhemc 388. werden getrd'st 503. di martere 
begündistu 1849. ein wä'rer prophe'ta 2166. in wflhem gedänken Alex. 
21. den selben gedänc das. 34. geli'chet neh^in 48. Alexander gen&nt 
113. Alexändris gebürte 127. mü'ter bestü'nt 161. sfnen gedänc 223. 
mit t'sin? gebunden 294. Philippum geleft 296. der räden begünde 
Tund. 33. der rßidcn begän das. 56. häzet Archämächä 83. dirrer 
pfnen gegädo 124. in grö'zem getwänge 148. inwürden geY^' Ernst I 24. 
nfet invemdm das. I 37. änderis in kefne I 30. intrü'wen ges^get I 61. 
in eine kapflle II 58. harter gescdg V 20. mögten bestä'n V 56. wä'ren 
gecümen gr. Rud. ß 7. einen geßrtin B 1. si'nen gesellen d^ 14. grS'- 
ven bel% <J** 19. nimmer getan C 10. dllez virlörn D** 26. des grß'- 
ven ne sßnde ich E ^ 20. dbbet geriten H 6. ü'wer gemfi'te J 1 9. häd- 
den gerä'den Karl 115. wizzit virwä'r 293. kindere gesprä'chen 396. 
mächet gewis 454. 

b) des israheÜschen Iil'tes t^om gelouben 699. mdrterinne tü're 
2257. dem m^nnischen dem ist das. 2810. himelischen h^rscäft 3679. 
heriste mdn Alex. 51. göucheleres sun 84. S'risten jä're das. 178. 
[unde] wie er si'nen vi'anden lägen sölde 241. güldinen ndph 492. 
irdische länt 1555. tfi'sinden wa ren 2192. brinninde väkele 3164. ^Ifen- 
beinine crdpfen 5963. lägende sint Tund. 119. andersten c^den 161. 
des ä'vendis dö' Ernst II 33. gre'vinnen also' gr. Rud. a^ 4t. ä'bendes 
spä'te J*" 1. küniginnen wärt J^ 29. scri'ende m&chen Karl 428. 

c) mit götelichen si'nen engen, vom gelouben 135. ünrehten nöh 
483. w^rltlichen 6're 1256. drbeites si 2082. sümellchen zöm 2154. 
h^rschefte pl^en Alex. 124. jüngelinge st^it 172. vömSme m&n 200. 
künicriche sölde 313. fräsliche stimme 333. zdgeltche ddnne 1572. 
höhmntes widerstiezen 1601. scänüiche n^men 1935. mit YÖlcwige r6it 
2136. bit deme pdlenzgr§ven sfme trüte Ernst 11 44. die in den hfr- 
bergen ligent erslägen gr.Rud. C 15. gezögentltche sie 611. mit yt6'- 
lichem mä'te J^5. als w^'rltchen dls Karl 453. 

dj iegelich von vom gdouben 332. ein fegelich df er 412. in der 
cristenheit dller tagelih 1025. von der cristenheit bin ich verwftzen 1816. 
der wünderlih Alexander. Alex. 1296. bW'dicheit wirt 1624. ändirhalb 

18* 



272 AKILUNG 

hiez er 226 i. ändirhalp hundrit 5545. ir h^imelich k^meraere gr. Rttd. 
P 11. ein nöphelin da' er üz dranc H** 10. 

e) unde wf er läntrecht bescheiden künde Alex. 250. ünde in 
einen märstal betü'n 302. nieman ne wörde gr. Rud. J 20. 

Zweitens: seihständige worte in doppelter Senkung. 

1) artikel: ünde diz m^re vam gel. 116. ünde di sünne 117. 
ünde di msenin 118. alle di dfnc 219. alle di gewält 230. dllis des 
vdter 241. heizet des väter 277. ünde di lüfte 329. ünde di stünden 
377. gab er deme tu vele 1936. wi vörre diu sünne Alex. 216. alle 
di cündicheit 221. Alexander daz ^dele kint 228. ümbe daz rös 323. 
ünder des küninges 427. ünde di brö'dekeit Tufid. 8. fi'zer der gödüs 
lere 13. sprichit des sünderis 28. nä'her den Sötten 75. Ibömen daz 
selbe 80. hädden den selben 103. vrägede den engel 105. dlle di 
b6rge 138. daz hö'bet des strängen 159. ällit dat ri'che Ernst I 6. 
ke rden di hölede V 35. stünden di dögene V 37. ümme die nö't gr. 
Bud. a 4. äfler deme lande ß 5. äJle die länt y 22. wi'sete daz gögen- 
sidele A4, fi'ffe die wöre dMO. uf sine trü'we daz kfndelin F 9. 
blä'sen die trümmen F** 6. so mü'ste die wöl geborne H 23. dlse die 
vröwe J 11. die richte fnde die krümbe Karl 18. alle die länge nait 
135. Karle deme wäl geborne 143. ümme die schulde 217. sprä'chen 
die klndere 392. 

pronomen personale: würde wir göte vom gd. 9. wfl ih der 
rede 25. wfl ih gedingen 26. gedenchen wir leider 150. mächete uns 
redebere 155. sölde wir fme 165. zo eineme lieben süne ime irkörn 194. 
begünden si älliz 378. begünden sih öuh 391. di heizent si li'beräles 
414. begünde unsih alle 852. daz säg ich iu ä'ne lugene Alex. 118. 
wöldet ir alle 125. wi" er sih füre nam 181. stach ime die Ifst 223. 
wä'ren ime ällirvare 286. älser vernäm 297. wände man sölde 311. 
lä'zit mich nfch 337. stärke man warf 1212. wölden wir merken Tund. 4. 
in können si nft 67. leide si über 102. wölles mir cünden 108. ward 
18 gewäre 133. dö'hte si wserliche 136. in drü önde si hfne schöz 170. 
durch die flänune man dikke twanc 171. verdfnet her wäle Ernst 1 16. 
8Ö wä' hes bedörfke 1 18. dät he des küningis I 31. sägede ime wS'r- 
Itche I 42. inwöldis du dir I 49. he wflle sig dir I 52. zwä're he mir 
II 7. ig nerü'men iz ime niet II 9. der eilen he wäle II 26. Wezzel 
he zu ime II 35. sägede he femer II 56. gingen si ä'ne V 7. lüzzel 
si Ire V 23. slü'gen si alle V 24. e dän si se dru z V 30. inkünden 
in änderis niet gedün V 45. slü'gen si bft den swerten V 67. lüzzil 
man ihtes da y(irgaz) gr. Bud. A 6. daz wir in geiezzen B^ 10. lege- 
ten sich nlder d 6. nänte man Ä'gar i)^ 15. nä'meu sie mich&len i)^ 19. 



BETTBÄGE ZÜB DEUTSCHEN BIBTRIK 273 

W(51de man ime C 4. hdtten sie von den C 20. her gre ve wie Ifden 
C** 19. gevellet sie_ime wöl oder übele D 1. völgeten ime härte g^me 
F** 8. sägete man über al G** 11. vil dicke^her in ünmaht wider seich 
GM 9. hätte^er gevällen G** 20. (vgl. KM. 8. 17.).* wfl es ime 
ümber H** 11. gäp her ime da' H* 12. vü'gete sich härte ebene J 27. 
vil liebe sie ire d5' gedähten E 2. min vrowe ist müode , sine mäch 
nicht mc K 22. begünden sie sfg ber^id^n Karl 12. hädde sie Mou- 
rant 38. vrä'gcde sie inninclfche 79. wfl ig is mfden 108. drdmede 
eme züo den ziden 150. r&che mir clädere 171. bringet mir sfven 
hundert 321. gä'ven sig bade 399. 

Pronomen demonstrativum: daz wäzzir daz ist daz dritte 
vom gd, 1030. daz öpfer daz ist bequeme 1239. dine Cristinen wöl- 
lent des nicht verzihen 1539. ime brä'hten di von ArmSnje Alex. 2001. 
si nseme des michil wunder 2649. 3057. von mfnen sdnden daz Mder 
quam 3413. so ne mäch daz neh^ine wis wesen 3723. nit ne vöhte 
dit üngemäch Tutul. 98. war ümbe dise seien alzemäle 109. zwä're 
he mir des gctrü'wö Ernst II 7. und rü'men die göte ze e'rfcn gr. Rud. 
C 8. und hiezen die äne tuen männes wä't G 22. nu nimet dirre r^e 
göume F 15. nu warte wänne daz müge gesehen G 5. sägete, der 
hätte mit ime getragen H** 9. wölde des göt gerü'chön J 1. Bonthär- 
den den wöldich ri'tin J 3. der greve des inme slä'fe üf spränc K'^ll. 
herre dat düon ig görnö Karl 363. leizit dat si'n 416. 

})rae])ositionen: begönde an ime mächen vom gel. 218. göt in 
den manschen 657. däz er durch si'ne 661. gestochen in si'ne sito 
1035. den manschen von göte 1295. begünde in daz hus 2129. fi'f 
von der 6rden 1357. üude ze gesihte 1636. Kriechen ze kiinige Alex. 52. 
wi' er zo den riteren 243. bestü ut in mit grö'zer 245. stfz er ze täle 
263. iz wärt vor den küninc 296. schillit in mi'ne ören 336. br^itele 

• 

von gölde 391. wöldin mit erin 968. hi'z si mit steinen 1083. was 
mit bedecketen 1409. göt indü' iz bit sfner cräft Tund. 11. stü'nden 
in grozem getwange 148. stärk üzer mä'zen 165. gesprochen bit süli- 
chen zuhten Ernst I 4. mänicheme^an si'me li'vfe V 42. tüon vor die 
stät gr, Rud. C 3. den li'p vorlöm von der Crfstenen dfet C 25. sänte 
er nach si nen D 10. bänt er an sine F 16. der gr§'ve mit siner P 25. 
zwene durch sfne gßilMt F** 18. wider an die mänheit F'*19. grftz 
wändel vor si ne missetät G ** 24. näm her in sfnen H ** 7. begönde vor 
liebe J 12. liep ane löit JM8. die wöl gelöbete über äl daz länt K 12. 
ein rise in den älden ziden Karl 36. MO'rant in sfner haut 38. hö'rit 
van dOn 39. inde mit löve 43. inde mit knäpen 44. van pellele inde 
van bäldekin 52. 

1) das h hmdert hier cdao die eUsion nic/U. 



274 AMBLUNG 



conjunctionen: sine Unge undc sine wite vom gd. 144. in 
dera hfmele unde an der erden 231. nih glöube daz 6r gecrücegit wart 
793. zo diu daz si fme Alex. 244. quämen ouh wäle 1989. nu mer- 
ket wi vfle 2031. ih höife daz fh 2076. hg'rren noh fröwen 2850. ih 
wä'ne daz ft'f dir erden 3194. so wöldih daz mich 3827. sprä'chen daz 
da' 4237. si wä'ren als uns bedühte 5258. so stürbich ouh ä'ne Unge- 
mach 6436. von gelerden unde öch von leigin Tund, 35. sin geist 
vür zu der hellen unde sich 44. nü'ne unde vi'rzik 53. mflche unde 
höneges vol 64. läng unde smäl 127. in gebdrte jog änme nchh 
Ernst I 53. bä'den dat (g dir I 63. die pörten ind dör V 13. gescäg 
nog inwärt V 20. bewäre daz iz nicht zu nähe si gr. Und. B. 5. die 
wi'le daz ich B** 15. C 11. wir mü'zen doch mit in stri'ten d** 8. si 
s^het in g^me und iz (st ir Ifep G 7. unseme hg'rren göt daz her 
ie genas G** 20. mit tfg inde gfnen Karl 98. si'n inde geworden 416. 
of he gebfi'de we g^me ig solde 455. 

adverb: tiefer dän di hölle hin nid er vom gd. 114. wi lange 
di sunne dar inne dage 389. ünde da mite pachtet 418. von dem 
hfmele her nfder quam 631. lob dir du da in den hfmel bis 1522. daz 
alle töne dar inne gihen Alex. 210. sölde dar an 311. di lute dar in 
vertrunken 1066. böume dar dbe 1088. di wile dö Alexandris here 
1137. man möhte da scöwen wündk 1245. möhte da d^gene 1285. 
wände sine türsten da nfwit länger stä'n 1372. der grä'be dö 6rz 
gehörte 1861. wfl ih her wider 2231. wir mö'sen dan von den wi'ben 
2680. du vindis hie nfht ze nömene 4804. des wä'ren dö öilif hundert 
jär Tund. 52. wände man (n da ze höve niet in vemäm Ernst I 37. 
de kämere're stü'nden da vüre II 49. ich wgene da nfht ne wärt gespart 
gr. Rud. y 21. ich wsen si da h^ime niht ensagen C 16. hiez sie dö 
süochen K 1. daz wä'ndich däz iz nu waere irgä'n K** 25. we're da bi' 
Karl 439. 

wole. ie. niht: er ne wölde niwit länger IMich sitzen Alex. 29. 
irin willen ie so' vollen br^chtln 62. der küninc ne wölde niht bitten 
3938. er ne sölde niht starben ^ine 4860. er kante wol si'ne liste 7054. 
er wiste wol däz er söld^ gr. Rud. y 7. daz sie se nicht möchten 
gewinnen d^ 21. als id nit wä'r in is Karl 453. 

auxiliare verhen: Crfst ne hat ünsir nit verg^zzen vom gd. 
927. bö'se sint mfne gedankt 1791. so däz is nie ne wart sfn gelfch 
Alex. 198. an einem küninc wil fh is beginnen 440. sin brünie was 
hümin vfl väst 1305. daz ^r sich mir ze Eigene wil g^ben 1547. sin 
höubit was fme verschallet 1797. da d! brücke was äne gehangen 2645. 
daz m^re ne mac nfeman trft'ben 4879. si s^lbe was härte lüssäm 5851. 



BEITBAOS ZUB DBUT8CHBM MKTBIK 275 

(li näht ue was nie so tünkel 5982. gödes wunder sint niänicfält Tund. 1. 
d^ckelächen was da bereit gr. Bud. a^ 2. die nacht newart nie sd 
tünkel A ** 9. daz man mit §'ren mach schöuwen G ** 4. ein b6tte was 
da' bereitet J** 11. deme gre ven was lät ir üngemäch K 21. dat män- 
lig blfde was fnde vr6' Karl 77. 

2) possessiv und indefinit: in dem nämen dines einbörnen 
sünis vom gel 37. ünde sin blü't 1123. sw^r ze missen sin öffer gfbet 
1225. daz er waere ein getüstemisse 1292. berühren dinen Ifb 2171. 
unde grü'b mit sfnen nägelen ein grab 2312. dd h^ter einen Sälemd'nis 
mü't Alex. 20. daz quit iz ist älliz ein ftelichMt 25. swi fme sine 
dfnc 122. nie nehein kfnt 140. unde wfer sinen vi'ant sölde vä'n 238. 
nie nihein b^zzer 293. unde älser verndm sine gel^genh^it 297. unde 
dn der hdnt einen ge ren 1253. der ne genas nie nehein tmü'ter b&rn 
1703. fifife däz si iren willen vöUebringen Tund. 121. den einen s&h 
si sin höubet wanden 153. dat dMe eime HS'nrfche we Ernst I 25. 
^Uenclf che sin rä'tg^ve I 27. dat ig si ä'ne mine sciUde hä'n verlorn 
II 2. irhü'ben einen stürm V 18. nie inkein harter V 20. nie inkeiu 
stürm V 26. und waere din schade gr. Bud. D** 24. grozer S'ren half 
in sin d^genhMt F 25. min hg'rre wölde dine vröwen s^hen G 4. daz 
dü'hte in ein härte gü't gewfn G** 26. dem gr§'ven ein lüzzel H** 12. 
dO gewäu sie ein vr6' gemfi'tö J 11. die grS've sin n^ve K2ö. h§'rre 
min grO'z üngemäch'K** 23. äl mine n6't K** 27. mir h^lpet min yäder 
Gärnir Karl 313. 

pronomeu relativum: ubir äiliz daz göt ie hiez geworden wni 
gel. 232. ein mfi're di b^zzer wä'r^ Alex. 1279. mit dem gölde daz fr 
mir hübet brä'ht 1551. nu virn^met r^bte, waz ih iu säge 5739. dan 
alle di berge di si_ie gesäch Tund. 138. det töu den (?) her fnme grase 
vaut gr. Bud. H 12. 

sd. vile. al. also, zö: daz ist uns zd' der sS'le vil gü't vom gel. 
932. eine vil gü'te minne 1004. er sprach, iz wsere in getrunken vil 
gü't 1007. iz is Ü zö' der sele vil gü't 1022. dem issiz zd' der sfi'le 
vil gü't 1743. der beginnet vil dicke trähtfen 1754. er beginnet vil 
dicke weinen 1763. alsiz des klndes vil wöl gewöne wsere Alex, 367. 
si ünderqua'meu vil härt^ 2237. dir tu n allir tägeli'ch^ 3062. er wä're 
sd scO'ne ünde so clä'r 3556. di säget man däz si vil ri'che si" Tund. 85. 
sd dfef ünde sd ^islfch 114. ind irhü'ben einen stürm alsd grlnmiin 
Ernst V 18. nie inkein stürm alsd fr^isllg V 26. er wiste vil grd'ze 
wizz^ gr. Bud. D^ S. in nich^ineme strfte sd h^rt^ F ^ 24. zuo 6me 
were sd zörnö Karl 144. 

Das der directen rede eingeschaltete sprach (siehe oben IL 2, e.) 
haben diese gedichte nirgends in doppelter Senkung. 



276 AMELUva 

mj/yjlf/ f^ff^r*^ ^Nach dieser umscliau wird es wol keinem zweifd melir unterlie- 
gen, dass die dopp elten setiku mien nicht aiif zufälligen jchreibejmj/m- 
t ümlichkeiten heruh en, sondern fiw eine "nach ort und zeit begrenzt her- 
sehende weise des älteren deutsch&n vershaus anzusehen seieti. 

Von älteren gedickten lässt wol auch der mitteldeutsche Fried- 
h erger Kr ist (MiUlenJiof und Sdierer. Denkmäler s. 73 ff.) diese 
tveise erkennen. Die heispide von versen mit überladenem ersten fuss, 
auf die der Jierausgeber anm. zu E^ 14 aufmerksam macht, lassen sich 
sämtlidv auf die von uns beobachtete regd über doppdte Senkung zurück- 
. fiäiren: D** 6. si da den imo mänec idewfz. 9 si hi'zen in nider sti'gän. 
' E'' 14 s6 öngeslich wäxd iz ünder In. F' 26 da fünden si däz südä'- 
riiuD. F^^ 65 d6 gi'nc er in rftthe bit In; an zwei atuleren stdlefi des 
gedicktes, UHk der lierausgeber aus metrisdien gründen geändert hat, 
tvürde sich das hafidschriftUch überlieferte unserer regd über die dop- 
pdte Senkung ganz wol fügen: D* 9 euch sprach er er were gödes sün. 
F ' 14 den st6in gewölcet vän demo grabe. Wenn Idzteres im versscJduss 
vieUeicJU bedenklich erscheinen sollte, so ist zu beachten, dass die gedidite 
^ mit doppdten Senkungen in dieser hins^icht nirgends eifie bevorzugung 
"^^^ gerade des verssdüusses zeigen. Wird die geltung doppdter Senkungen 
fwr die erwähnten stellen zugestanden, so wäre wol auch in folgenden 
versen die bdonung eine ungezwungenere, wenn man sie mit Zulassung 
doppdter Senkung lesen wollte: D^ 7 si nä'meu gällun uude ^zzich. 
E'22 däz man imo den liTiamun gab. G' 93 er frageda obe si^Iewet 
bettln. 0*" 134 daz si alle dise näth wer^n. 142 vi'ugen si dö' in rit- 
th^. Doch bleut die entscheidung über diese fragen, die doch in die 
zusammenlmigemle kritik des ganzen eingreifen, wol füglich detn urteil 
des herausgebers anlieimgestdlt. 

VIJJ. Man könnte gegen das im obigen erkannte metrische prin- 
dp einübenden, 4s^s es einen zu weiten spidraum lasse um überhaupt 
^och für ein prindp zu gdJteai dass bei so ausgeddifiten freikeiten 
sdUiesdidi jedes der bisJier für mdrisck fontdos gdialtenen gedichte die- 
ser schdnbaren regd zu unterwerfen sei. Man tvürde sich (iber dodi 
irren. So weit ausgedehnt auch die freilieiten im vergleich geget% den 

'Strengeren altkod^deutscken und mittdhockdeufschen versbau sind, so 
Jiaben sie doch ihre festen schranken und es gibt gedickie, die sich die- 
ser beschränkung nicht fügen y diejiach_wie_vgr für unrhyfhmis ch gdte n zj^y 
müssen. So unter den mitteldeutschen der Antio, die kaiscrchronik, das 
Bclandslied des pfaffen Kuonrät, die tugetidtdire des WernJwr von 
Elmendorf (Haupts zdtschr. IV 284.) und das erste der von Lachmann 

' veröffentlichten niederrJteinischen bruchstücke (a. a. o. s. 1^3). Auf diese 



igediehtc ßvden die oben rrUdvichtiien refjeln kehir. amvetidung. 

IsicA OMCA eiica im Bolandslictie die mehrzahl der rerse unsnen regeln 

mfägen würde, so sind doch inutter noch die überßüten eeiten, die sich ' 

tuf keine weise in drifn daetylischen rhythmu s hineimieängen Hessen, 

t häufig, als tlass tnan an emenditii<m denken dürfte. Femer finden 

i dann verseeUen, die. «mWj ohne HherfiSlt eu sein, in ihren tMlür- 

tieantverkäHnissen durchaus keinen festen rh^thmus zeigen. In 

oben herbeigezogenen gediehten sind dagegen solche forndose eeilen 

90 selten, dass man sie nur auf die schuld eines nachlässigen absdirei- 

bers bringen kann. Unter den oherdirittschen gediehten des 12. jahrhun- 

I derts imste ich kein einsiges zu nennen, in welchem sich versbau mit )| 

tdoppdten sen^tngen erkennen Hesse. Sie sind , wo sie nicht das slren- , 

f gere prineip der Otfridischen metrik befolgen , metrisch f ormlos . wie t. b. 

die gedichie Heinridis von Melk, denen der neueste herausgi^er (Richard 

ileintel. Berlin 18fi7. Bei Weidmann) mit recht jeden beabsichtigten 

rh^mus abspricht (seih 14). Da nun hinwider kein eineiges mittel- 

Ldetttsehes gedieht vor dem ende des lü. jahrhumlerts angufähren ist, 

m-ioeiches die einsHbigkeit der senhungcfi naeli Otfridischer reget streng 

^esthidte, sojKet den wir tod den ^>ershau mit doppdten Senkungen als 

t besmid eres fxnmeichen ffnttddeutscher yoesie anselien l^nnen. Dass 

I dwa der vershau mit doppelten senhmgen den allmählichen Übergang aus 

( unrhythmischen reimtverken der älteren seit, der sof/enanten reim- 

1 die strengere mittelhochdeutsche metrik bildete, lässt sich kei- 

s dartun. Die mitteldeutsche und oberdeutsclie weise rhgthmisclten 

ftiawes stehen sieh sdbständig gegenüber, und neben beiden eicht sich die 

Kretm^^xsa seit dem ende des dften Jahrhunderts beinahe durch das ganee 

RmeiUfte hindurch. Die form dieser uta^hythmischen reimiver/x kann man 

' daher auch wol nidU als bloss aus individuellctn unvormögm mislungene 

metrisdie versuche ansehen, sondern als eine für sich bcstdtende freiere 

kunstform, die vvn dem geschmaek gewisser kreise gebilligt war, ujenn 

I sie auch nicht in dem »laasse, wie Wackemagel annahm, ein ganzes 

I teOalter beherschle. Dass die rcimprosa vomehmlidi von geistlidien aus- 

\,(/ieng, die rhythmisch&i diehtungen aber vornehmlich von laien, die an 

) volksgesange ihren farmensinn hräßigen konnten, wird im aUgemei- 

I wol Butreffend sein. 

Ist der bau mit doppelten Senkungen die einaige rhythmisclte form, 
t sidi an mitteldeutschen gedickten aus der mitte des zwölften 
dtrimnderts »achweisen lässt, so ist doch deutlich su verfolgen, wie 
i hier gegen ende des Jahrhunderts der versbau nach hochdeut- 
schem prineip vingang findet. Schon der FUalus Itat sidt von der dgent- 



ac^taiabdi 




7fY 



/ 



278 AMBLima 

lieh mitteldeutschen weise vollständig frei ge7}iacht; ob auch der Acgi- 
dius, kann ich nicht ottscheiden, da mir Ilofnianns fundgmien (1246) 
nicht zur hand sind. W. Grimm sagt in der einleitung zu graf Rudolf 
s. 18: „hei den didUem des Prophilias, d4is PUatus, des Aegidius, bei 
Eilhart von Oberge und Heinrich von VddcJce hwnmen keine über1^7igen 
Zeilen vor," doch 'meint er wd nur die vöUig formlose silbenhäufung, 
wie sie sich in vei^efi des Anno , der Kai^erc/ironik und des BolundsUe- 
des findet, da er s. 14 auch LamprecMs Alexander die überlangen zei- 
l&n abspricht. In den brudistücken von Karl und Galie zeigen sich die 
dopplten Senkungen sclwn in der abnähme begriffen, und man teird 
daher dem didUer vielleicht wd die absieht zuschreiben dürfen, mög- 
lichst auf einsißngkeit der Senkungen auszuhelfen, wenn es ihm auch 
noch nicht gdungen ist, sich von der älteren mittddeutschen weise wirk- 
lich frei zu machen. Im dreizehnten Jahrhundert Imt die allgemein 
herschende regel des Versbaues mit einsilbigen Senkungen a^ich in die 
mitteldeutsdien dichtungen vollständig eingang gefunden, wol namentlich 
auf den Vorgang Heinrichs von Vddeke . So im Athis und Prophüias, 
bei Herbort von Fritslar, bei Bertolt von Holle, in dem gedieht von 
Marien himmdfahrt in Haupts Zeitschrift V, 515, in den von Bartsch 
herausgegebenen mittddeutschen gedichten (Bibliothek des litterarisdien 
Vereins in Stuttgart. Bd. LIII), imPassional, wenn sich auch nament- 
lieh im anfang häufig metrisdie incorredJieiten finden, die auf jene ältere 
mitteldeutsche verskunst zurikkdeuten.^ 

In späterer zeit finden tvir wider verse mit doppelten sen- 

/ \ J hangen i m neueren deutschen volksliede . Während in den kunstmäs- 

sigen dichtungen des 16. Jahrhunderts das princip der blossen silben- 

zahlung bereits zur herschaß gelangt ist, erhält sich im volksliede inso- 

: fern toenigstens noch das princip des mittelhochdeutschen Versbaues, cds 

1) Jetzt glaube ich auch die frage iiach der priarität des Mündvener oder 
Heidelberger textes entscheiden zu können. Wer an den hodideutsdien versbau mit 
streng einsilbigen setücnngen gewönt war, dem musten doppelte Senkungen afuttössig 
sein; umgekehrt konie der, dem die doppelten Senkungen geläufig waren, ander ein- 
fachheit der Senkungen, die auch dort nicht ausgesd^lossen war, durchaus keinen 
anstoss nehmen. DaJier glaube icfi in dem bairischen text eine Überarbeitung des 
rheinfränkischen sehen zu müssen. Alle Überarbeitungen älterer deutsdier gedickte 
in Jener zeit gehen auf formdle Verfeinerung und glättung aus , und den versbau mit 
doppelten Senkungen sehen wir gegen ende des Jahrhunderts im ztmickweichen begrif- 
fen. Verse mit doppelten Senkungen lassen sich durch kleine Veränderungen leicM 
auf das strengere maass zurückfiXhreny und so können die äbweichtpngen des Mün- 
chener textes wol a/us dieser absieht erklärt werden. Wir müssen daher trots des 
aufgefundenen bavrisd^n textes bei Haupts annähme stehen bleiben, dass der Eoiher 
von emem ßJ^eiMinder in Baiern verfemt^ sei. 



BBITBÄGE ZDB DEUTSCHEN METRIK 279 

hier immer ein bestirnter rhifthmus festgehcüt^i wird, der durch die 
anzahl der hehmigen bestirnt ist, währethd die setikungen fehlen dürfen. 
Das miierscheidefide ist aber, dass jetzt zwischen zwei liehungen nach yy 
belieben eine oder mehrere senkufigen stehen dürf&n. Die Verwendung 
selbständiger redeteile in auf einander folgenden Senkungen ist dabei sehr 
frei und wird sich schwerlidi auf feste regeln zuri'wkfiOiren leisen. Es 
lässt ^ich nur ganz im allgemeitien bemerken, dass rhdeteile, die ifi der 
natürlichen betmm^ig des satzes eine hervorragende Stellung einnehmen, 
ivenigcr geeignet erscJieifien in die Senkung zu fallen , obgleich auch diese 
anforderung oft genug verletzt mrd. 

Will man sich duriiber rechenscluift gebcfi, wie diese metlwde des 
Versbaues sich aus der mitteihochdeutsdtefi historisch entwickelt habe, so 
möchte man dabei zumichst ivol die alnuihlich eitigetretene dehnunq aller 
stamsilben in anschlag bringen. Infolge dieser dehnung halte man über- 
all da, wo nach mittelhochdeutscher reget verschleifung eintreten kante, 
sogleich mehrfadw Senkung, d, h, aus den fridicr bloss graphisch melir- 
silbigen wurden dadurch wirklich mehrsilbige sen/cungcn. Dodi glaube \ 
ich bezweifeln zu müssen, dass sidi diese ersdivinungeu überhaupt auf '■ 
die mittelhochdeutsche metrik zurückführen lassen. Es sdieint in dieser 
entwickdufig keine voUkofumene historisdie continuität tuichiveisbar, vid- 
mehr eine einwirkung von aussen auf den hochdeutschen versbau statt- ^^) 
gefunden zu haben. Wir finden nämlich dassdbe princip, das ich eben 
dem volksliede des 16. Jahrhunderts zuschrieb, ganz charaJcter istisch aus- 
geprägt auch im niede rd eutschen Re inke de Vos (Jierausgegebefi von 
Lübben. Oldenburg 1867) und von hier aus lässt es sich in nicderdetU- 1 
scheu gedichten bis gegen das dreizehnte Jahrhundert rüdcwärts verfol- \ 
gen. Man vergleidie die niederdeutschen stücke no. 16. 21. 23. 24. 48. i 
56 usw. bei Liliencron, historische Volkslieder der Deutsdien. üd)erall 
finden wir hier den gehrauch mehrfacher scnhmgen, im gegensatz zur . 
hochdeutschen verskunst des 14. und 15. Jahrhunderts , die, wo sie noch 
nicht silbenzählend ist, die werte durch sehr harte kür Zungen und zusam- 
menziehungen oder durch rücksichtslose Verletzung des grammatischen 
accents in das metrische Schema presst, aber doch immer die eifisHbig- 
keit der Senkung festzuhalten sucht. Ich glaube datier wol annehmen zu 
können, dass sich das nettere hochdeutsche Volkslied unter dem einfluss 
der niederdeutschen poesie des 14. mid 15. Jahrhunderts entwickelt 
habe. Diese steht aber wol in unmittdbarem historischem zusammenJiange , 
mit jenem oben geschilderten mittddeutschen versbau. Der versbau im 
Reinke de Vos zeigt utis ganz dassdbe princip , wie die mitteldeutschen 
gedichte des 12. jghrhwnderts , nur dass die Verwendung selbständiger 
redeteile in doppelter Senkung weitere ausdehnung gewonnen hat; dock 



280 AMELUNG 

finden sich darin auch seitenlange partien, die nirgends über die zum 
Baiher statuierten freiheiten hinatAS gehen. Leider fehlt uns alles mate- 
ridl, um die entwickdung der niederdeutschen verskunst im 12. und 
13. jahrhufidert zu verfolgen. Es lässt sich aber aus dem obigen wol 
abnehmen, dass sich hier jenet' ältere mittddeulsche versboM in seiner 
ei^entümiichkeit fort erhielt y während die mitteldeutschen gedickte des 
2y^>^ ,13. Jahrhunderts in ihrem dialect der her sehenden Schriftsprache weniger 
^ fernstehend von der aligenmnen Strömung der litteraiur ergriffen umr- 
den und sich der eigentlich hochdeutschen weise fügten. 

Wie der versbau mit beliebig fehlenden y einfachen oder mehrfachen 
\ Senkungen in den siebziger jähren des vorigen Jahrhunderts vornehmlich 
\aus dem vclksliede widerum eingatig in die moderne verskunst faml, 
hat Koberstein § 272 dargestellt. 

Der im obigen vermutete historiscJie Zusammenhang zwischen dem 
mitteldeutschen und dem niederdeutschen versbau mit doppelten Senkun- 
gen, wird aber dadurch über edlen zweifd erhoben, dass si ch d er gem ein^ 
s ame ursp rung_beider_in der altsächsis^chen verskunst aufweisen ^>' 
lässt . Wir werden in ihm eines der hauptkennzeichen eifier specifisch 
niederdeutschen verskunst im gegensatz zur hochdeutschen erblicken. Eine 
eingehendere darlegung der metrischen Verhältnisse des Hdand wird das 
begründen. 

J. Die verse des fhtÄifD gelten für ziemlich wild und regellos, 
und mit den principien althocJideutscher metrik ist ihnen nicht beizu- 
kommen; eine kritische herstdlung aus diesem gesichtspimkte könnte kaum 
eine zeile der Überlieferung unangetastet lassen. Schmdler „ Über den 
/ versbau in der allitterierenden poesie besonders der AltsacJ^sen^^ (Abhand- 
lungen der bayrischen academie 1844) ist der ansieht, dass die aUittera- 
tum das einzig fest geregelte darin sei, und bezweifelt s. 216 sogar, ob 
man „diese gliederungen verse nennen oder gar sie als solche darstel- 
len'* dürfe. Zwar findet er im allgemeinen ein viergliedriges rhgthnii- 
s^ies Schema her sehend, aber verzichtet durdiaus darauf, das princip 
da/r zulegen, nach welchem die einzelnen tgägU^i^ gebaut sind. Und 
doch wird man sich immer wider versucht fühlen, auch hierin einer 
festeren reget nachzuspüren, denn die annähme, dass hier wirTdich in 
keiner weise ein festes rhythmisch -metrisches princip vorliege, hat bei 
einem in so echt voUcsmässigem altepischem stü gehaltenen werke etwas 
durchaus widerstrebendes. Gerade den ursprünglichsten äusßerungem 
V^hsKmlicher poesie gut das rhythmische dement der rede am höchsten, 



I ^ asl 

. so dass in manrJieH erictignmeH unmiUdhurer volkspoesie nllcs, was sie 
], als poeaie kemeichtuii , eintig in <ler rhifthimch gf^tttdenen form Itefft. 
I Was sonst noch hineu kamt, ihnen dmi i^rakter mncs gedicktes su ver- 
\ leihen, die episcfi ftyrmdhaße ausdrueksteeise , ist der spräche eines noch in 
' tiemlicher uruniclisifikeit ivrharreiuten vMes auch da eigen, wo es nicht zu 
dickten. Sondern schlicht eu reden meint. Qedichtc ohne jeglichen fe^en , 
rht/thmus sind daher vorwiegend in leiten höchstgesteigcticr cultur ot««- 
treffen, am allerwenigsten alter in volksttMssiger poesie su erwarten: kin- ■ 
der und volk pflegen dergleiciten litleraturprodt$ktc gar nicht als poesie , 
amtterkenncn. So hlcibt, wenn man nicht annehnien will, dnss der 
ursprüttgliche text des IMand in der handschriftlichen übcrliefernng bis 
sur mikenäichkeit corrumpiert sei, und darauf detUel doch im ühri- 
gcfi der xustayid des gedichles nicht gerade hin, nur «brig, von der 
überlieferten gestalt ausziigeiteti utid iti deti vorliegenden tatsachon sdbst 
ihr eigenes gesett xii ermitteln, ohne von vornherein m (rru>arf.en, dass 
j es mit dem übereinstimme, was wir bisher an hochdeutschen gedichtet* 
I licobachtet haben. Das aber wird man von jedem derartigen versudi 
verfaniicn d&rfai, dass er mit dem bei allen germanischen stammen gleich- 
massig herschenden grundgescts iibei- die wortbetonung nicht nur in ein- 
klang bleibe, sondern auch, dass das eigeiUämliche prlncip des versbaues 
sieh als eine mogticltsf einfache consequem aus jcneti bctonungsgeselzen 
der sj^rache darstelle. 

Fassen wir also die tdliUerierenden Zeilen des Heland als rhyth- 
misch gebaute verse auf, so finden wir im allgemeinen dasselbe grund- 
schema, welches der epische vers bei allen germaniscJten stammen auf- 
I wei^: «tfä durch allitteration zu einer langedle verbundene halb verse . 
deren jeder iqsI r hi/thm isehe tade_ enthält. Das erste glied jedes tades 
muss durch den grammatischen accent über die folgenden hervorgehoben 
sein. Bis soweit siimt altes mit dem althoclideulschcn vcrsbau übercin. 
Im bau des dnzdnen aus Hebung und Senkung bestehenden tactes tritt 
aiw der unterschied hert'or. Einer von den unterscheidemlen punkten 
ist eben die ru/gsgitßjf doppelter Senkung. Dass es im Hetand verse 
I gibt, die nicht ohne die annähme äojtpdter set^ngen als ein viertacti- 
' ges p^Hde aufgefasst werden kömtten, wie z. h. I 12' sia udnlun gic6- 
ranä te tbla. i8 so uuä'nrn thia man hS'täna. 20 unirdlga tf theni 

1) ich cüiere nach MüUcnhpff „ AUdeutaebe nprachprobeH. Berlin 1864" »ivi 
kann mich auch in der nunsen folgenden untertachung nur an die duatVist im*geho- | 
bmen stücke I. III. V. VI. VII. IX-XII hallen, dn es leider wich immer an i 
T volUtAHdüien ausgäbe taanyeU, dk eich auf den äiteTen und leaneren codex j 
(^otloniamuB slüta. Doch sind die angefilhrten stücke umfangreich genug, um an 
Anen das letsen dieser verskunst tu erläutern. 



Mk 



282 AMELÜNO 

giuufrkie. 147 sfthor ik söa mi te brü'di gico's. 367 thär gifrä'n ik 
thät sia thiu b^rehtun giscäpu. 437 s6 huat so' siu gihö'rda thia raän 
spröcan ustv, bedürfte wegen der häufigkeit dieser erscheinung nicht erst 
eines besonderen nachweises. Wol aber erfordert der umstand, dass 
daher ganz dieselben regeln gelten, di^ icfi schon ans den mittcldetUscheti 
gedichten des zwölften Jahrhunderts herleiten honte, eiiie vollständige dar- 
legung des beweisenden m^terials. Damit ist aber das eigentiwdiche der 
altsächsischen metrik fwch nicht erschöpft. Es ist noch ein anderer 
umstand zu erörtern, der als grundlegendes princip den ganzen altsäch- 
sisclien versbau durchdringt und aus dem alle besonderen regdn über 
die metrischen Verhältnisse der einzeln^i tactglieder Iwrzuleiten sind. Wir 
werden auf die erkentnis dieses jmn^ips durch di^ folgenden beobach- 
turnen hingeführt. 



IL Ich gehe von der erwägung solcJier verse aus wie I 11 helägüa 
gest. 39 uaäldänd gispräk. 154 Ifk gidrüsinöt 233 uuördgimerkiön 
und ähnlichen, die nur drei hebungen zu haben scheinen, da man d^d^ 
unfnöglich die tonlosen präfixe und suffixe für hebumj ohne folgende 
Senkung wird gelten lassen, Audi wäre diese annähme gar nicht ein- 
mal zur crJdärung genügend, da sich sogar verse finden, die ^irUich 
nur aus dr ei sUben bestehen, wieXUQS sfttiän thä'r. 65 all uuürthün. 
Um aber eine textverderbnis anzunehmen, ist diese erscheinung zu häu- 
fig. Wenn man nun in diesen verseil nidit eine unbegreifliche anomaJie 
bestehen hissen wiU, so wird nmn .sie kaum anders beurteilen kömicn, 
als dass man die eine Jioch tonige und lange silbe für den träger zweie^r 
auf einande r fotg ^^^J^^^^f^^J^if^y also Yii. gidrüsinöt, helägna 
g'est, oder, was dasselbe unircj für eine zerdehnung inli'-ik, ge'-est, 2Si| 
wie sie im gesange überall statthaft ist. Ohne die natürlichen qnanti- 
tätsverhältnisse zu verletzen, ist das aber nur bei langen vocalen jnög- 
Xid^, nicht bei kurzen. Unmöglidi ist uuäldänd gisprä.-äk, wol aber ist 
uualdänd gispräk, uu'ordgimörkiön statthaft, da die consonanten r und 
1 nach ihrer physiologischen bescha/fenheit ebenso wie die tätigen vocode 
einer bdieöigen dauer fähig sind. Ufid wirklich zeigt sich in allen deti 
fällen j wo wir sdieinbar nur drei hebungen finden^ eine hochtonige 
lange silbe, die entweder einen langen vocal enthält, wie I 11. 21. 
335 hg'lägna g'est, 154 ITk gidrüsinöt, 230 br'fef giuuirkeän,^ VU 33 
m'ffd gihuörbäu, IX 1 th'uo nä'hida, XI 101 ITk tesämnö, XU 13 m'er 
gim^rrid, 63sittiän th'ä'r, oder\ x mit folgendem consonanten: 1282 

1) Der natar der deiUsdien diphthongen iH es wol angemesfiener, wenn man 
sie in bri'-i'ef , thü'-ü'o als in bri-öf, thü-ö gerdehnt, denn streng phoneOsch wider- 
gegeben spricht man brief, thüo. 



BKIT&.%GB Zn DSmCHKN XXTBIK J8S 

'all ^uurban. 427 all giwiVid. XII 5 VU geturflid. i>5 VU uuiirthün^ 
01^ all bieüüsü, 139 uaVldänd gisprak, 90. 179 uu'a'ldaudes geid^ 
191 g'eld gile'süd. 277. 1X35 aualdaudes crift, X 24 uu'äi'ld^die 
Crist. I 58 helmgitrOsteön, 233 uuo'rdgim^rkiön, V 29 auäldäudes 
uu'ord. V 7. 18 nerieudi Cris t ^==- nerjendi), Xll 72 n'erieudon Crist, 
X 3 b'a rn dröhtines. Auch 1 166 und XII 56 wird wim» cto/ Ix'sser Vrl 
afüodit, sau lipp ahled betonen^ obgleich auch ^rl afüodit, sau üpp 
ahled nicht sddechtcrdings zu vcnccrfcii ist wie XI 89 mdu adi^giäu 
und 09 uoiht a uuerdian leinen. Nur einmal findet die scrdehnung vor " 
üd TU (j2 k'ind gidrüog i, ein anderes mal vor nii statt: I 381 lütülna ^' 
m'auD. Obgleich nun die resotianien oder nasale kcitu^weges cofUipiuiu* 
siml, so ist doch auch das leiclU erklärlicli, tecnn man sich der neigu9ig 
des altsächsischen dialectes dabei erinnert, die vocale vor u su imsalie- 
ren utul in folge de^cn zu dehnen. Da nun also der ausfall einer 
hehung immer nur nach solchen silbcti stattfindet y die ihrer natur nach 
delinbar sind, niemals nadi undehnbaren icie li'u'ggiäu, sTttiau, so ist 
meine annähme einer zerddinung wd mehr als wahrschaidich. 

Aber auch die auff'assung, als adhieÜen diese verse nur drei 
hebiingenj wäre in einem gewissen sinne dennoch zulässig, wewi ma$i 
nur die regel in fcigetider weise ausdrückte: 

jeder halbvers besteht aus zwei haupÜicbunga^, die mit zwei ueben-- 

hebungen abwechseln; vofh deti letzteren darf die eine fehlen, ivenn 

die vorangegangene haupthebung eine hodUonige sUbe ist, die durch 

langen (audi nasalierten) voccd oder durdi 1, r + eotisonant </e&ä- 

det tvird. 

Es toiderhdte sidi hier also zieisdien haupt- u)ul tuibenhebung ein 

ganz ähnliches Verhältnis, wie es zwisdtefi lusbwng w\d Senkung bestdU. 

Dass diese auffassung mit jener dem wesen der sadie fMch eigentlidi 

identisch, nur in der formulierung verschiedefi sei, brauche ich wol nur 

zu bemerken, Dass aber die beiden formulie^^ngefh zum gründe liegcfule 

beurteilung des Sachverhaltes die allein ridUige utul zulässige sei, tcird 

noch durdh andere erwägungen, die sidi daran schliessen, bekräftigt. 

Wenn nämlidt die nebenhehung unter umständen ganz fdhleti darf, 
so wird ^notwendig die im cdtgermanisdien verse überall zu tage tretende 
unierscheidufig von haupt- und nebmhebufjig hier im Altsädisisehefi ganz \ 
besonders stark mvd deutlich hervorgdioben sein müssen. Man JuUte I 
also zu erwarten, dass die vier hebungen des verses in ihrer aufeinan-' 
derfdge einen deutlidi markierten wechsd einer stärker und einer w»«- 
der stark betonten liebung vemdimen Hessen; also } ßj^ i f f 

im gegensafz zum althodidetUschen verse , dcr0f0f^0m0 zu notie- 



284 AMBLUHO 

ren wäre. Soll nun aber immer die erste und dritte hebung des ver- 
ses für die haupthebung geUen? Dann oMerdings wäre der unter- 
schied zwischen haupt - und n^enhebung im altsächsischen versbau nicht 
zum besten beobachtet, da verse wie uuid d^rn^ro duälm. in ländö 
gihu6m durchaus nicht sdten sind. Ich denke aber die allitteration 
kann allein entscheiden; sie muss immer auf die haupthebung fal- 
len. Im allgemeinen wird das auch für das angemessenste gehalten, 
aber es ist doch meines unssens noch nicht als die feste reget hingestellt 
worden, als die ich es auffasse. Stellt man aber diese reget auf, so ist 
die notwendige consequenz daraus die, dass niemals zwei liedstäbe 
T I unmittelbar neben einander stehen dürfen; es müsten immer eine cUlit- 
^MfL r.^\ terierende und eine nicht allitterierende hebung mit einander wechseln, 
ausgenommen natürlich solche verse, die überhaupt nur drei hebungen 
enthalten. So dürften denn endlich, wo zwei liedstäbe vorhanden sind, 
diese nur entweder die erste und dritte, oder die zweite und vierte vers- 
stelle einnehmen, nie die erste und zweite , die zweite und dritte, dritte 
und vierte , erste und vierte. Mag man das jedoch nicht so selbstver- 
ständlich und zwingend finden j da doch in versen wie 1 197. 313 und 
anderen ähnlichen, die betonung thä.t uufb uürdigiscäpo. suftho güod 
gümö natürlicher erscheint, als that uufb udrdigiscäpo. suitho gVod 
gümö, so lasse man es wenigstens als hypothese gelten , und als solche 
ist es jedenfalls zulässig. Zeigt sich in den weiteren folgerungen, die 
sich daraus ergeben, alles in bester ardnung, fuhren diese nirgends auf 
Widersprüche, tragen sie sogar dazu bei, sonst unerklärlicJies zu erklä- 
ren, so wird man sich gegen die richtigkeit ^neiner annahfne nicJit ver- 
schliessen können. Nun zeigt eine unbefangene beobachtung der fat- 
sachen, dass die beiden liedstäbe fast immer auf die erste und dritte 
hebung fallefi: 3. 5. 6 (Ifudo bärno löbön) 9. 11. 12. 15 (hS'läg himilisc 
uuörd) 16. 20 (uuirdiga tf thera giuufrkife) 21 (th6m hflithon an iro her- 
tän) 22. 24 (that sea scöldfn ähöbbeän. Zwei-, ja dreisilbiger auftact 
findet auch sonst häufig statt.) 25. 26. 27. 28, 29. 31 (ädMördfrumo. 
Kurze stamsUbe für hebung ohne folgende Senkung ist notwendig anzu- 
nehmen nicht nur im versschlttss wie 6*. 17*. 111\ 136*. 167*. 250^ 
252* usw., sondern auch an anderen versstdlen: 31\ 85*. 105^ 128*. 
132\ 206*. 218^ 231*. 245\ usw. Ich komme später auf diese erschei- 
nung zurück). 32. 33. 36. 37. 40. 41. 42. 43. 45. 47 (flrio bärnun 
biförän) 48. 52 (flrio bärnun ti frümön) 54. 55 (häbda th^m h^risclpie. 
Klingender versschluss ist 25\ 38*. 41\ 56\ 121* ^ 188*. 190\ 205** 
usw. unvermeidlich). 60. 62. 64. 65. 66. 69. 71. 78. 85. 91. 95. 98. 
99. 100 usw. Viel seltener nehmen die beiden liedstäbe die zweite ur^l 
vierte hebung ein: I 8 scrfban b^rehtli'co an büok (scriban ist aus dem 



\ 



BBITBIgB ZüB deutschen METRIK ^85 

vorhergehenden verse herüber zu nehmen; es überfüllt dort den vers und 
stellt hier die eben besprochene reget her). 23 s6 mänae[ uui'slfk uuörd. 
53 uufd dörnero duälm. 97 thä'r ti Jerusalem; 102 ümbi that heläga 
hü's. 195 suftho gödcünd gümo. 199 an lludeö' Ifoht. 235 thuo näm 
hie thia büoc an händ. 253 uuäs iro thfornä githfgan. 268 th^s uuf- 
don ri'kies giuuänd. 338 ällero bärnö botst {tießonige kurze silbe als 
hehung ohne folgende senkuyig wird auch samt häufig zugelassen, I l*. 
40 ^ 63 \ 67 '\ 187*. 269'. 289** usw.) 404 an B6thleembürg. 433 
öbar thia börehtün bürg. IIl 11 ällero bärnö böst. V 14 uuänn uulnd 
endi uuäter. 22 biet thät sia im uuMares giuuin. 27 ge t^ them se uua 
so' s^lf. 33 that im s5' thie uufnd 6ndi thie uua g. VI 10 anthät müt- 
spelles mögin. VII 19 is bruothör bärn. IX 32 ümbi Jerusalem. 37 an 
thia b^rehtün bürg. X 42 jac an thero sünnun so sämo. 97 uufd thes 
flüodes färm. XI 36 so niudirco an näht. 68 sui'tho thri'stmüod th^gan. 
84 uuid thfeses uu6rodes giuuinn. 97 hie su61tid im oft. 130 fän them 
berge te bürg. XII 80 thä'r is li chämo lag. Nirgends aher ist man 
zu der annähme, dass die leiden Uedstähe auf die erste und zweite, 
zweite und dritte, dritte mid vierte, erste und vierte hebung fallen, 
unbedingt genötigt. In den verluUtnismässig sdtenen fallen^ wo das 'h 
sdieinbar geschickt^ ist enttveder eine andere betonung möglich, mit zer- 
dehnung: I 197 that uu'ib uürdigiscäpo. 200 uuas im f'e'll fägär. 
240 h'ard häramscära. 313 suitho güöd gümö {was auch der natür- 
lichen betonung der Satzglieder mehr angemessen ist), V 12 'u st ü'p 
sti'gan (bei MiUlenUff üpstigan). VI 20 h'^ himiles lioht . 39 h'6'h 
höbanrrki. VII 54 is uuo rd uuändiän. 72 diurU'can dr'ö'm. X 10 h'e^r 
h^bancüning. 44 hu i't h^bantünglas. 79 mina uuVrd giuuä'röd. XI 64 
sn'e'll suördthögan. 116 höttöndero h'ö'p. XII 55 l'i'f längerun hui'l; 
mit mehrsilbigem auftaut: I 70 suitho unuuändä uui'nf. 124. 166 fan 
thinera äldera idis. 136 an thesero uufdün uu^röld. 349. 387 ober 
thesa uui'dün uu^röld. XI 124 an thena uuf dön uu^lon. XII 10 obar 
them gräbfe go miän. 67 te themo gräve gängän. Oder man wird nur 
einen einzigen liedstab anndimen; der andere braudit ebensowenig mit 
zu zählen als irgend ein anlautender gleichUa/ng in den setikungen, der 
sich ja tvol manchmal ungesudU einstellen kann, aber dodi niemals für 
einen liedstab gelten darf. Ich rechne daJiin das gumo 1 133. er 144. 
gilithan 154. frägon 228. baram 232. höhon 266. selbo 293. uuar- 
don 321. all 345. suang V 13. beuuo VI 14. hüs VH 8. fargaf X 26. 
forth 81. bigetan XI 42. dädi 57. brast 77. biti 80. Wenn man 
erwägt, ivie diese fälle verhältnismässig selten sind , und wie häufig ande- 
rerseits sich in einem halbverse drei aüitterierende warte beisammen fin- 
den, van denen doch auch nur zwei für liedstäbe gelten, so hat auch 

XBlTSOUa. F. DBVT8CHB PHILOL. BD. XU. 19 



S86 AMBLUNO 

diese annahne durchaus nichts willkürliches oder gewaltsames. Dass 
iibrigens diese allitteratianen auch an ihrem orte zu dem wolUang des 
Verses noch das ihrige beitragen^ soll gar nicht bestritten werden; nur 
ftir liedstäbe dürfen sie nicht gelten. 

So steht also meiner annähme, dass liedstab und haupthehnng 
immer zusa mmen fallm, insofern wenigstens nichts entgegen, als auch 
die beiden liedstäbe immer durch eine hebung und ztvar nur durch eine 
hebung von einaiider getrennt sind, indem au f eine allitterierefide hebung 
immer eine nicM allitterierende folgt. Sind auf diese weise in halb- 
Versen mit zwei liedstäben die stellen, welche beide haiipthebungen einneh- 
men, durch die allitteration deutlich bezeichnet, so ist auch in halbver- 
sen mit nur einem liedstäbe durch die stelle der einen haupthebung die 
der afideren zugleich gegeben. Hat jene die erste stelle, so diese die 
dritte; hat jene die zweite, so diese die vierte; jene die dritte, diese die 
erste ; jene die vierte , diese die zweite. Auch hier zeigt sich mder, d^ss 
' die beiden haupthebungen fast immer die erste und dritte stelle einyieh- 
men; seltener die zweite und vierte; im ersten halbverse: 4. 13. 14. 59. 
61. 70. 84. 88. 159. 162. 195. 222. 243. 244. 250. 257. 372.416 usw.; 
im zweiten: 12. 15. 16. 18. 22. 28. 33. 43. 47. 49. 52. 54. 59. 73. 78. 
128. 198. 202. 208. 210. 212. 225. 232. 248. 255. 257. 272. 279. 294. 
295. 322. 376. 390. 407. 428. 432. 435 usw. 

J\^ Wir können die verse danach als steigende und sinkende J 

unterscheiden, und wie man sieht brauclien die beiden zu einer langzeile 
verhindenen halbverse in diesem stücke flicht übereinzustimmeyi. Ein 
steigender halbvers kann mit einem sinkenden verbunden sein, wie z. b. 
vers 23 so mäuag uufslfk uuörd | 6ndi giuuft mikil u. a.; ein sitikimder 
mit einem steigenden, wie vers 12 cräft fön Crfstö | sia uürdun gicörauä 
te thfp u. a. Der acutus bezeichnet hier und im folgenden die haupt- 
hebung, der gravis die nebenhebung. 

Wenn wir die tactart des altsächsischen verses als eine vierteilige 
auffassen , so darf streng genommen die haupthebung nur auf die erste 
und dritte versstelle fallen. Die sinkenden verse bieten daher den eigent- 
lich mnnqlen typus dar, während die steigenden sich jetier freiheit ver- 
gleichen lassen, die von den fnusiklheoretikern als accentverrückung 
bezeichnet wird, und die massig angewant zu einem kunstmittel von 
überaus anmutiger Wirkung wird. 

III. Doch ich komme jetzt zu der Jiauptsache, die sich aus dem 
vorhergellenden ergibt. Wenn wirklich auf die deutliche Unterscheidung 
der haupt- und nebefihdmng hier in der altsächsischen verskutist ein so 



BEITRÄGE ZUR PEUT8CHEN METRIK 287 

grosses gewicht fallen soll, so müste wenigstens als regel gelten, dass 
die nebenhebung grammatisch nicht stärker betont sei, 
als die vorangegangene haupthebung. Die vergleichung des 
varliegenden taibestandes mit dieser notwendigen forderung diene denn 
audi zur prüfung der richtigkeit meiner annähme, dass die haupthebung 
als solche immer durch die allitteration bezeichnet sei. Nun lehrt die 
beobachtung , dass tvirJdich weitaus in den meisten versen nicht nur 
die vorangegangene, sondern auch die nachfolgende haupt- 
hebung von natur stärker betont ist, als die nebenhebung: 
mänegä uuä'rün, fästö bifölhän. uuid d^rn^ro duälm. an ländö gihu6m ; 
allenfails auch gleich stark: thät sia bigünnön. Ifudo bärno löbön. sia 
ne müosta h^litho thän me r. ^ndi gifrfmid äfter thiu. Durchaus : 
unstatthaft wären daher folgende im althochdeutschen meist nicht anstös-i 7. 
sige betonungen: I 4. 84. 244 ündar mäncunueä. 13 that sie than §'van-|j 
geliüm. 14 an büok scn bän. 36 uündärli'cas filo. 48 sälfglfco cüman. 
54 farliuuan ri'keö mestä. 71 ^ndi rä'd bürdö. 162 sö' älajimgän. 196 
be d äfter thiu. 225 thie thär cönsta filo mähleän. 257 bi nämen sfelbö. 
296 is müod giuuörrfd. 343 he'rasittöndiön. 428 thät sea tüo im s^l- 
bön. 432 endi uui'do cu thdün. III 12 Jö'hänn^s düot. 17 sä'n äft6r 
thiu. VI 13 thän teförit erthl 38 äldärlängan ti^r. VII 36 länduufsä 
gidrüog. 41 thfodcüninge. 73 uppö'däs hem. IX 4 endi im biföran 
strö'idün. 27 örlägiös uuörd. X 44 ^ndi hrisid erthä. 47 ^rthbtf öndeön. 
57 mänstkbo'no mest. 62 mötigedö'no me'st. 71 endi blädu tö'giät. 
74 hndi uu^der scö'nf. 101 bötan Lö'th e nö. XI 5 grämhügdfg mann. 
8 brinnändi fön bürg. 46 fölc Jüdeo'nö. 77 blüod äft^r sprang. 120 
thiodärabe'd^s. XII 34 scre d f&rthuuärd^s. 36 gümciinniös uufb. 42 
thiu uui'b söragödun. 82 uulltiscö'ni uufb. Es kann nur betont wer- 
dmi : ündär mäncünnea. thät sia than e vangelium. an büdk scri'bän. 
uündarlfcas filö. sä'liglfco cümän. farlfuuän rfkeo m§'sta. endi rtfd 
biirde. so äläjüngän. b'e d äfter thiu. thie thär cönsta filo mählean. 
bi nämen s^lbö. is müöd giuuörrid. h'e msfttendion. that sea tüo im 
säbön. endi uufdö cü'thdün. Jo'hännes düdt. s'ä'n äfter thiu. than 
teförit örthä. äldärlängan tTr. länduufsa gidrüög. thfödcüning^. üp- 
pö'dash'e m. ^ndi im biföran strtfidun. örlägies uu'o'rd. endi hrisid 
erthä. 'erthbü'endion. mänstferböno m'est. mutige döno m'e'st endi 
blädü to'giät. endi uuöder scö'ni. bötän Lö'th e no. grämhügdig m'a nn. 
brinnändi fan b'tfrg (fnit schivebender betonung). f'o'lc Jüdeö'no. blüöd 
äfter sprang, thfödärabedes. scr'e d förthuuärdes. gümcünnies uufb. 
thiu uufb söragödun. uulMscö'ni üuf b. Dennoch führt das Verhältnis 
der hatipthebtmg zur nebenl^bung, wie ja nicht anders zu erwarten, 
auch einigen widerstreit zwischen wort- und versaccent mit sich, was, // y^<- 



288 AMELUNG 

yf durch schwebende hctonung ausgegliclhen , den vers nodi nicht übel- 
klingend macht. Die Imuptregd kann ja durch solc/ie ausnahmen, 
wenn sie sich auf gewisse ailgefncinere gesicJitspunkte reduciere^i lassen, 
nur bestärkt werden. Die fälle, in denen schwebende betonung eintreten, 
muss, sind daher näher ins äuge zu fassen, und die grenze zu zielwn, 
innerhalb welcher söldie freiJieit zulässig erscheifU. 

Der leichteste fall ist der, wenn eine nebenhebung gram- 
matisch stärker betont ist, als die folgende, aber doch nicht 
stärker, als die vorangegangene haupthebung; dieser fall tritt vor- 
unegend in steigeuden ve rsen ein , und zwar fast immer nur am schluss 
des Verses, wo auf die luiupthebung keine nebenhebung mehr folgt: I 18 so 
J^{J [[[ uuä'run thia mdn hetj^a. 94 the thä> gitäld häbdim. 248 äl Ifud- 
^^-jikr^^ stämnä. 232 ^ndi"'bdd ghxn6. 295 thüo uuarth hügi Jö'sepes. 412 
fiüU^^iAM^^ öndi filu sprä'cün. V 28 sia giböd le stün. IX 15 ^ndi bü' Jüdeo no. X59 
^ ^ ^""iro däg endiöt. 87 an suöMstü. XI 32 ander thit cünni Jüdeö no. In 
^■^^ shikeftden versen, wo die angegebene bedingung nicht stattfinden kann, 

ist dieser fall daher äusserst selten; nur zweimal: I 245 göd älmähti. 
IX 3 uuöl hüggiändes. Wie man sieht, wird in allen diesen fällen die 
bekante regel streng eingehalten, dass der hochton eines wortes nur dann 
auf die zweite silbe verschöben werden darf, ivenn die erste lafig i^t; 
oder anders ausgedrückt, wobei der tiefer liegende grund deutlicher her- 
vorgehoben wird, dnss der hochton eines wortes wol auf eiiie eigentlich 
tieftonige, aber nicht auf eine eigentlich unbetonte silbe verschoben wer- 
den darf. Unstatthaft wäre daher die betanung: I 17 thüru cräftgödäs. 
128. 368 endi mäht gödäs. 172 uuärd äld gümö. 352 an brfef scri- 
bün. 362 an e rdägön. 373 cndi bocno filö. III 18 güod uuörd angft- 
gfn. VII 4 an lioht cümdn. 58 th^s thiödgümön. IX 22 thia uürdgi- 
scäpü. X 79 nöh ginuänd cümid. 93 an fürndägön. Es muss heissen: 
thürü cräft gödas. endi mdht gddas. uuard 'ald gümö. an brief scri- 
bün. an 'erdägön. ^ndi bö'cno filo. güöd uuörd angögm.. an Iföht 
cümän. thes thfddgümen. thia uu'urdgiscäpü. noh giuuand cümid. 
an f'u rndägön. Es kmnt also zu dem in rede stehenden fall noch die 
weitere beschräfikung hinzu, dass die nebenhebung, welche von natur 
stärker betont ist als die folgende huupthebung, notwendig lang sein 
muss. Jetzt findet auch die früher erwähnte anomalie in der betonung 
gödäs löbön usw. erst ihre begründung und recMfertigung zugleich mit 
einer notwoidigen einsdiränkung. Wo diese betofiung stattfindet^ und 
sie ist sehr häufig, da trägt doch immer die erste silbe eine haupthebung, 
die zweite eine blosse nebenhebung. Es Ueibt also das Verhältnis der 
accentuation beider silben relativ ganz dasselbe, wie es das deutscJie 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 289 

wortbctofiungsgesetz erfordert. Im hocJideutscJien versbau, wo die accente 
aller vier liebungen für voUkomnieti gleichwertig gelten, tvürde dagegen 
die betofiung götös, loben auf das härteste gegen das grundgesetz Ver- 
stössen; hei Otfrit vnrd diese betonung auch nur durch reimnot veran^ 
lasst im verssdduss zugelassen. Dass aber sdche worte hier bald als 
haupt- wnd nebenhebung, baid bloss als liebung und Senkung gebraucht 
werden , ist keine grössere incofisequenz , als wenn in IwcMeutscher vers- - 
kunst solche worte nach belieben für hebung und Senkung, oder auch 
für eine blosse hebuthg gelten können: der kü'nec stüont oder der künec 
verstüont 

Der zweite härtere fall findet da statt, wo eine nebenhebung 
von natur stärker betont ist als die vorangegangene haupt- 
hebung. Dieser fall tritt vorlierschend bei frefndländischeti eigennamen 
ein: I 60 'ßVö'des uuäs. 198 J'ohännes quam. 444 Gäbnel gispräk; 
dodt auch in mehrsilbigen deutschen Worten: I 39 uua^ldänd gispräk. 
V 36 h'6'hürnid skip. IX 35 uu aldändes cräfk. 

Der dritte härteste fall ist der, wenn eine haupthebung 
von natur schwächer nicht nur als die vorangegan- 
gene sondern auch als die folgende nebenhebung betont ist: 
I 188 gödcündeäs hvät. 332 uuäldändös giböd. 416 älmähti'gna göd 
X 26 giiodlicö fargäf. XI 85 mähti'gnä göd. Wie man sieht kommt ' 
das nur in drei- und mehrsilbigen Worten var, wo denn der sdch&n 
Worten von natur zukommende ahsteigetide tofifall sich dem in gleichen 
abständen steigenden und sinkenden rhythmus, den der vers erfordert, 
schwer fügen kann. Doch ist diese Verwendung mehrsilbiger icorte, die bei 
Otfrit ganz gewönlich ist, hier nur eine ausnahtne, zum deiäliclwn beweise, 
dass es hier in der reget auf eine strenge markierung der Itaupt- 
und tiebenhebung abgesehen ist, wie sie die hochdeutsche metrik nicht 
kennt, 

MeJirere andere fade, in denen sonst auch widerstreit zwisclien wort- 
und versaccent statt finden würde, fallest tveg, da ihfien allen auf eimnal 
gelwlfen ist, wenn wir annelimen, dass vor st ^erdelmunq eintreten könne; 282. 
und physiologisch steht dem nidUs entgegen. Es sind folgende stellen: 
heländero b'e st I 50. nörieudi Cr i st V 7. IX 1. älouuäldo Cr ist X 25. 
nörifendon Cr fst XII 72. f a st förthuuärdes X 81. benuüfldun br a st XI 77. 
Damit fallen aucJi alle beispiele von zerdehnung vor rj , die ohnehin etwas 
hart klingen, ganz hinweg. In den beiden letzten beispielen kommt 
damit auch die cdlitteralion wider zur geUung, wärend wir sie vorhin 
unier den aUitterierenden Worten aufzälen musten, die nicht für einen 
liedstah gelten können, weil sie nicht in der haupthebung stehen. In 



290 AMBLUNG 

jswei anderen fällen ist die ungrammatische betonung zu vermeiden, 
wenn 7nan 1 176 löfaä'lig m'an. ES 24 slf dmüoddia m'a'n zerdehnung vor 
einfachem n eintreten lässt. Da wir bereits zweimal I 381 und XI 5 
zerdehnung in m'ann angetroffen haben, da die orthographische Ver- 
schiedenheit in mann und man ganz zufällig und willkürlich ist, da fer^ier 
die einzige physiologische begründung , die wir dieser tafsache geben konn- 
ten, bei einfachem n gerade ebenso stichhaltig ist, wie bei n + conso- 
fiant, so ist dagegen nichts einzuwenden. Dann wird man aber au4:Jh 
XI 89 nicht man ä'dögiän zu betonen brauchen, sondern m'an ädögiän. 
Einem anderen vorschlage zur beseitigung noch zwei^ der oben ange- 
fürten anomalien mll ich aber sogleich vorbeugen, da dies zu einigen 
nicht unwiditigen betnerkungen anlass gibt. Man könnte nänüich darauf 
verfallen, in godcundeas huat und in mahtigna god auf der zweiten 
silbe zerdehnung anzunehmen. Das ist aber durchaus untunlich. Denn 
wollte inan godcundeas huät mäht'i'gna göd betonen, so wäre nicht die 
7iebenhebung hinter der langvocalischen , sondern hinter der kurzvoca- 
lischen haupthebung ausgefallen; es kann daher ei^ic zerdehnte silbe immer 
nur für haupthebung und folgaide nebenhebwng , niemals für nehenhebung 
und folgende haupthebung stehen. Die betonung gödc'u ndeas huät raäh- 
t'igna göd ist aber sclwn darum unmöglich, weil dann die allitteration 
in die fiebenhebung fallen tvürde. In beiden fällen aber wäre bloss eine 
anonmlie der betonung an die stelle der anderen gesetzt. Aus diesem 
gründe begreift man denn die gleich zu anfang aufgestellte regel, dass 
zerdehnung nur in hochtonigen, nicht auch in tieftonigen silben 
stattfinden dürfe. Eine ausnähme erleidet diese regel dennoch: zerdeh- 
nung kann nämlich auch in einer ticftonigen silbe statt finden, 
wenn diese das zweite glied eines n omin al comp o sit um s bil- 
det, dessen erstes glied mehrsilbig ist: üppo'dash'em VII 73. 
Der tiefere grund wird weiter unten ersichtlich werden. 

IV. Bringen wir alle einzelnen bisher entm^kdte regeln beim 
lesen der verse in anwendung, so wird bei erneuerter betra^htung sieh 
das ganze in ausserordentlich einfache und streng waltende regeln zusam- 
men fassen lassen. Die haupthebung kann, abgesehen von den oben 
angeführten fällen, in detien schwebende betonung eintreten muss, nur 
dann auf eine tCeftonige silbe fallen, wenn diese das zweite glied 
eines nominalcompositums bildet, dessen erstes glied von natur 
oder durch zerdehnung mehrsilbig ist: I 31 ädalördfrumo. älomähtig 
54 Kö'mänolfudion. 58 h'e Imgitro steon. 63. 67 fön Kü mubürg. 65 6dili- 
gibürdi. 68 hfldiscälcos. 69 ^lleanrüova. 82. 91. 130. 278 bebancüninge. 
97. IX 32. XI 40 Xn 33. 74 Jüdeolfudiö. 104 jfibreolfudi. 151 öUean- 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 291 

dä'di. 155 darli'cron. 162 so älajüngan. 233 uuo'rdgimörkion. 250. V 4. 
IX 46. XI 42. XII 91. an Gälüealänd. 257. IX 47. XI 43. XII 72 an 
Näzarethbürg. 275. 325. 411. 434. VII 66 fan h^banuuänge. 343 h'eni- 
sittendion. 362 an 'e rdägon. ädalcüninges. 404 an Böthleembürg. HI 36 
an Ifudecünne. VI 24 an höbenri'kie. VII 41 thiödcüninge. 45 firiuuit- 
lico. 58 thes thfödgümen. 73 üppödashem. IX 20 hriuuiglfco. 22 u'tf rd- 
giscäpu. X 20 thüru uuölcansc^on. 47 'e rtbbü'endeon. 88 an firinuuörcon. 
93 au f'urndägon. 99 ümbi Södomaländ. XI 22 be d mötudgiscäpu. 
86. 123 an hfmilri'lde. 102 hö'biduünduu. 120 thfödärabedes. 128 an 
lithoböndion. XII 75 sündilö'sian. Niemals aber kann die hauptJiebung 
auf eine blosse ableitungssübe fallen: IX 1 nicht thüo n ä'hfda sondern 
thüö nahida; X 22 nicht te äd'eliänne sondern ti adeliänne; XI 99 
nicht uuiht äuue rdiän sondern uufht auuördiän, daJwr kann auch XII 83 
te gih'oriänne nicht richtig sein; that im muss zum ersten halbverse 
gezogen werden: te gihö'riänne thät im fän iro harren sägda. Die vid- 
silbigen fremdländischen eigennamen werden tvie composita behnndelt, 
daher I 61. IX 32 an Jerusalem. I 340 O'ctäviänes. I 88 tha r an Jeru- 
salem. I 97 thä'r ti Jörusale m. 

BeacMen wir nun aber, auf diese Wahrnehmungen gestützt, die be- 
handlang und metrische Verwendung der mehrsilbigen Wörter überhaupt, 
so tvird sich uns darin eine bedeutende principieUe Verschiedenheit des alt- 
sächsichen und althochdeutschen offenbahren. Im althochdeutschen kann 
bekanntlich in mehrsilbigen Wörtern, wenn die silbe, welche den tieflon hcU, 
lang ist, die nächste silbe auch noch einen accent erhalten, und ist im 
zusammenhange des twrses für eine hebung, jedoch, ausser im versscMusse, 
nicJd ohne folgende Senkung, ausreichend. Das gilt nicht nur für com- 
posita wie mänagfältü u, a, sondern auch für nicht componierte Wörter 
wie swfgenti. raänmiünt). däwalö^nti etc. Nicht so im altsächsischen. 
Hier bleibt in nicht componierten Wörtern die silbe, welche ^ 
hinter der tieftonigen steht, immer unbetont und ist zur 
hebung völlig untauglich. Also niemals uuäldändes. he lägnä. brfnnändi. 
Der grund dieser ausschliessung ist aus dem vorangegangenen deutlich, 
D^ qltsächsiche vers verlangt den Wechsel vonhaupt- und nebenhebung: 
dann sind aber solche Worte mit dreifachem accent unmöglich zu ver- 
wenden. Denn man mag belägnä oder helägnä, betonen, so ist immer 
das natürliche Verhältnis der accentuation gestört. Nur wo wie im 
hochdeutschen alle vier hebu/ngen des verses für gleichwertig gelten, sind 
solche Worte für drei hebungen verwendbar. Etwas anderes ist es mit 
den zusammengesetzten Wörtern; diese können auch hier mehr als 
zwei betonte silben haben: äleänruovä. Ifudstämnä. Doch fügen auch 



292 AMELtJNG 

diese sich nur dann dem wechsd von haupt- und nebenhebung, wenn 
wie hier die erste mehrsilbig oder dehnbar ist; nicht so in göd- 
cündeäs. gümscipiö. In jenen aber gilt für die erste silbe des zweiten 
bestandteils ganz dasselbe y was für hochtonige süben gilt: es darf ein 
tiefton folgen, aber auch nur einer, nicht zwei; also nicht thlod-ära- 
b§'dfes, örth - bu öndiön , h§m - sltt^ndiön , ffri-uuftircö, was im ahd, wol 
zulässig wäre, sondern nur thiöd-ärabg'des, 'e'rth-bü'^ndion, h'em- 
sfttöndion, ffri-uuftlfco. Wenn aber auch in dieser hinsidU der zweite 
teil eines compositums von anderen tieflonigen süben unterschieden und 
den hochtonigen gleicJi geschätzt wird, so zeigt sich doch in allem übri- 
gen, dass er nichtsdestoweniger dem hocMon immer noch untergeordnet 
bleibt, da doch betonungen wie uündärlfcas filo nicht zugelassen werden. 
Nennen wir diese sUben also mitteltonige, so lässt sich das ganze 
resultat dieser beobachtungen in eine einfache regd zusammen fassen, ohtw 
dass man nötig hätte ausnahmen hin zu stellen: auf eine hoch- 
tonige oder mitteltonige silbe, kann nur eine einzige tief- 
tonige folgen, alle weiteren sind unbetont. 

lieber die verbalcompositionen ist im allgemeinen nur zu 
sagen, dass die praefixe eine nebenhebung tragen können, wenn 
sie mehrsilbig sind: I 29 stnd uulderstände. XI 47 uürthun ündarbä- 
dodä etc. Von den einsilbigen si^id die kurzen gi- bi- te- af- far- 
immer unbetont, also nur in der Senkung zu verwenden; die langen ä- 
und ant- werden auch als nebenhebung gebraudU: erster es nur zweimal 
(XI 99 uuibt ä'uu^rdiän. X 22 tö ä'de'liänne), letzteres nur einmal (X 72 
16'b äntlü'kit). Ob sich vielleicht in den übrigen teilen des Heland auch 
far- uf^ af-, wenn sie positionslänge haben, als nebenhebung nadiweiseti 
lassen, entsdieide ich nicht. 

Die oben entwickdten regeln über die Unterscheidung von haupt- 
und nebenhebung haben gezeigt, une zerdetmung nicht nur in den gleich 
anfangs auf gefürten stdlen, die anders gar nicht lesbar wären, statt 
findet. Jetzt erst können wir alle fäUe, in denen zerdehnung eintritt, 
übersichtlich zusammenfassen, und der regd einen praeciseren ausdruck 
gd)en. Zerdehnung kann also nur auf einer hochtonigen oder 
mitteltonigen, nie au f einer tieftonigen silbe eintreten; und zwar 
muss die silbe dehnbar sein. Für dehnbar aber müssen auf die bisher 
gewonnenen beispile gestützt gdten: Erstens, süben die einen langen 
vocal oder einen diphthongen enthalten; von solchen finden sich 
folgende: A: I 71. HI 17. XII 56. 63; 1: 1 154. 196. 297. III 24. VI 38. 
IX 24. X 44. XI 101. XII 36. 42. 55. 83. ü: V 12; fi: I 11. 21. 60. 
196. 237. 335. 343. 362. VII 73. X 10. 57. 62. XII 13. 34; d: I 198. 



3BE1TRA0E ZUR DEUTSCHEN METRIK ^Oä 

VI 20. 39. VII 33. 72. XI IIG. UO: I 296. 313. III 12. 18. VII 36. IX 1. 
XI 77; lo: V 4. 41. 58. XI 120; le: I 230. 352. Zweitens, gilben mit 
nasaliertem vocal; vor n: 1176. 1X24. XI 89; nn: 1381. XI 5; 
nd: VII 62. X 79. Drittens, sähen die atifl oder r + eonsonant 
auslauten; II: 1282. 427. XI 64. XII 5. 65. 69; Ic: XI 46; Id: I 39. 
90. 172. 179. 191. 277. IX 35. X 24; If: V 24; Im: I 58; rd: I 233. 
240. V 29. V 54. IX 22. 27. X 79; rth: X 47; rg: XI 8; rn: X 3. 93; 
rl: 1196. Viertens, silhcn die auf st auslauten: 150. V 7. IX 1. 
X 25. 81. XI 77. XII 72. Ueherschaue^i wir aber die ge^ammtheit aller 
fälle, so lässt sich darin noch eine besondere einschränkung wah-nehmen: 
serdehnung tritt nämlich immer nur in sinkenden verscn ein, niemals 
in steigenden. Das ist ganz erJdärlich, wenn wir uns des oben gesagten 
erinnern, dass nämlich die steigenden verse eigentlich eine Verschiebung 
des natiirlichcfi versaccentcs entludten. 

Jetzt lassest sich auch die regeln über das Verhältnis der haiipt" 
hebung zur folgenden nebcnhebung in eine allgemeine übcrsicJd 
bringen. 

Die haupthebung muss immer eine von natur hochtonige oder mit- 
tdtonige silbe sein; sie kami i'dyrigens aus einer langen, aus zwei ver- 
Schlei f baren , oder aus eifier kurzen silbe bestehen, 

1) Auf eine hochtonige langsilbige hatiptliebung kann folgen: 

a. gar keine nebcnhebung; dann muss die Imupthebung dehnhar sein: 
be'd äfter thiu. s^lf üpp äraes. hdrd bdramscära. fast förtbuuär- 
des. uoli giuudnd cümid. 

b. eine von natur gleichfalls hochbetonte nebcnhebung: Ifudo bütrno 
löbon. uui'sa man mid uuörduii. e nig männes süno. hlu'd stemna 
ähäban. 

c. eine mitteltonige nebcnhebung : gödspell that güoda. uündarlfcas 
filo. ündar rndncüimea. ni müosta im ^rbiuuärd. uiudsämana 
nämou. te sülicou dmbahtscipie. 

d. eine tief tonige 'nebcnhebung: filstö bifölhan. uui'döst giuuäldan. 
fiünimiän firiho barii. le'rä Crfstes. sui'tbö thfulico. mid enü 
uuördo. geruö sui'tbo. sui'tbö uuörtblico. 

2) Auf eine hochtonige aus zwei silben verschliffene hauptlie- 
bung kann folgen: 

a. eine van natur gleichfalls hochbetonte nebenJiebung: firiho bärno 
frümmian. egison an tbem älahe. uu^rodes ät them uufhe. 
uuärahta äfter is uuflleon. h^rod an Is gibödscepe. cüman fan 
iro cnüosle. thuo hio e rist thesa uu^rold giscüop. tbär gifrä'n 



294 AMELUNQ 

ik that sia thiu bßrehtun giscäpu. than uuäs thär en gigämalod 
mann, thfe iro gäduling uuäs. güniöno sülica gämbra. 
b. eine mitteltmiige nehenhebung: scülun iro röginogiscäpu. 

3) Auf eine hoehtonige hur z silbige haupihebung kann folgen: 

a, eine von natur gleichfalls Iwchhetontc nebenhebung: thät io uuäl- 
dand mer. an iro jüguthedi. thät ina torohtlico. mid is rö'kfaton. 
&a is e nes craffc. ik is öngil biura. fs ünca lud gilithan. it Is 
unc äl ti lat. uuäs im niud mikil; himil endi 6rtba. huilic tbän 
liudscepi. tügin thüru tröuua. 

b, eine miUeltonige nebenJiebung: firinuuerk föUie. uuöderuufsa uu6- 
ros. thät ina törobtlf co. frümida förehtlfco. änduuard for them 
dlouuälden. müod endi megincräft. ni drägu ik eni drügithing. 
grüotta göginuuärdi. 

c, eine tießmiige ^nebenhebung : ödiligibürdi. that thü sülica githaht 
habes. cüningö gihuflicon. glbithfg uuörthan. mänagön ti hel- 
pun. uuäruhtän löf goda. mänegä uuä'ron. früraidä f^rehtlico. 
ävarön I'sraheles. gfbidi uu^rthan. 

d, eine von natur unbetonte nebenhebung: sülfc lo'n nimat. an 
thesero uufdun uueröld. allaro männo gibuflfc. thürü cräft godas. 
gicörän to küninge. höbäncüninge. gödes jüngerscepi. metöd 
gimärcod. göd^s selbes, ne säcä ne sündea. bfdün ällan dag. 

4) Auf eine mitteltoni^e haupth^bung kann folgen: 

a. gar kei7ie nebenhebung; dann muss die liaupthebmig dehnbar sein: 
üppodashem. 

b. eine tießonige nebenhebung: adalördfrümo. ffriuuitlfco. thfodära- 
bedes. hemsfttendion. erthbü'endion. ^Ueanrüovä. Ifudecüune. 

c. ei'ne von natur unbetonte nebenhebung: uürdgiscäpü. e'rdägöu. 
fürndägön. thfodgümen. 

Damit ist die der altsäclisisehen verskunst eigene regel über das 
Verhältnis d^^r huupt- und nebenhebung erschÖ2)ft. Ue1)er das Verhältnis 
(J^erJlidnmg^ur senkujng ist nur weniges zu sagen Es ist im wesent- 
lichen dasselbe wie in der liochdetäsdien nietrik, nur dass hier die Sen- 
kung sowol hinter der haupihebung als hinter der nchenhdmng immer 
felüen darf, mag jene lang oder kurz sein: also auch bfdün. fädör. ddgö; 
uuäs imo. mid is. thät ina; lerä lö'stin. güodö gödes suno; mänegä 
uuä'ron. gibidl uu6rthan; godfes ä'runti. fäder älomahtig. Das gut nicht 
nur für sinkende solidem au^h für steigende verse: f5n Rü'mübürg 
I 63. C7. ällero bämö b^tst I 338. III 11. ön männö lioht I 372. ümbi 
Södomäländ X 99. 



BEITRJiGE ZUB DEUTSCHEN METBIK 295 

V. Woiden wir uns nach erörterung der obigen regeln jetzt zur 
hetrachtung der dop^yelten sen hungen, so loerden wir solche häufig 2$o. ^»0.2 
auch da finden, wo wir ohne hemiiyiis jener gesetze anders betonen wür- 
den; so ivürde nhan z. b. I 47 firio bäruüu biföran lesen; aher dem gesetz 
der hanpthebtmgen können tvir nur geniigen, wetm wir firio bärnuu bifö- 
räii 7nit doppelter Senkung hinter der zweiten hebung lesen. So erhalten 
wir erst durch beobachtufig jener regeln das vollständige material zur 
beurteilung der vorliegendoi frage, Eifie geordnete Vorführung desselben 
zeigt, dass die doppelte Senkung hier durcJiaus nach demselben 
princip gehwidhaht wird, wie in den mitteldeutschen ge- 
dieh ten des zwölften Jahrhunderts. Im einzelnen gelten hier noch stren- 
gere regeln als dort. 

Zu einer hebung, auf welche zwei scnJcungcn folgen sollen, reicht 
in der rcgel nur eine von natur hochtonigc silbc aus, selten 
eine mitteltonifie : I 133 Johannes te ndmän. X 57 milnsterböno 
me'st. X 62 metigeMono mc'st. XI 49 uuuteruuärdes that uußröd; nie 
eine ticftonige silbe. Ein unterschied zwischen haupthebung und 
nebenhehung besteht in hinsieht auf die doppelte Senkung nicht; was 
hinter jener, ist auch hinter dieser zulässig^ 

In dojypelter Senkung tverden hier wie in den mitteldeutschcfi 
gedichten des zwölften Jahrhunderts zunächst praefixe und ablei- 
tungssilben verwaut; die ztveiten glieder der composita, die 
dort zulässig sind, erscheinen hier jedoch ausgeschlossen, und von 
den xrraefixen werden nur die einsilbigen gi bi te a an far zu^ 
gelassen; an diese scMiesst sicJi die negation ni, obgleich ihr encliii' 
sches oder proclitisches Verhältnis nicht grajthiseh ausgedrückt wird. 

a. I 12 8ia uürdun gicörana. 47' bärnun biföran. 47^ uuä'run ägän- 
gan. 64 sibbeon biläng. 135 Cristes gesi'th. 140 dä'dio bigän. 143. 158. 
uuördon gisprfkis. 147 te brü'di gico's. 178 th^gno ni deda. 198 ja res 
gitdl. 268 ri'kies giuudud. 272 mslnnes ni uudrth. 292 breoston farstiiod. 
367 b^rehtun giscäpu. 383 miiodcrt biföran. III 7 tuölifio angegin. 37 uufl- 
liat äla tan. V 15 männo nige'n. VII 58 thfomun fargäb. 64 thegnes ni 
uudrth. X 12 afstdndan ni scäl. 15 uuöroldes giscäpu. 31 te uuaren ni 
cünnun. 39 te'can biföran. 43 uu^rthend bifängan. 65 te uuä'ren forstän- 
dau. 78 uuirdit gefüllid. 82 liudion gisprfcu. 92 liudi ni uuftun. XI 27 
mid uuördou gebiet. 98 dä'dion ni scülun. XII 59 dä'dion gelfc. 65 ögison 
teg^^gnes. 71 im ne andre'din. 

b. I 18 Mdtheus öndi Marcus. 20 uulrdiga tl them. 107 ältari 
gieng. 203 uündrodun th^s. 300 uudldandes thüo (noch ist zum folgenden 



2% AMELUNO 

vers zu zkhcn), 401 Dä'vides bürg. 432 imäldaiule inid iro. III 10 te 
giuufrkeanne thi'nau. VII 2 Jüdeono cüninges. X 57 mänst^rbono me st. 
62 ra6tiged6no mg'st. 88 fa'rungo n6 bifä'h^. XI 44 nöriendo Crist- 
50 stri'diga man. 53 nöriendon Crist 121 te uuiniiianne sülic. XII 2 
Jüdeono unärth. 

Von selbständigen wortenwerden folgende ohne cinschrän- 
kung in doppelter Senkung zugeUissen: 

a. der bestimmte artikel: I 18 uuä'run thia man. 20 ti them 
giuuirkie. 103 an thena uui'h. 104 ümbi thana älah. 107 äfter thom 
älahe. 145 quä'mi that uuib. 192 sä'n äfter thiu mäht 312 ünder them 
uuörode. 330 äfter them uuördon. 350 füoruu thia bödon. 437 gihö'rda 
thia man. III 2 ümbi thena gödes suno. 38 öndi thero sündiöno. V 33 
6ndi thie uuäg. VI 20. 23 öndi thia 6'di-a. VII 38 äfter them hu se. 
52 gihö'rdun thia mägat IX 18 möhta that helaga. X 6 ümbi that gödes 
hüs. 11 uufrdit thiu ti'd. XI 2 äfter them uuördon. 16 üppan them berge. 
17 ünder thia liudi. 49 uulderuuärdes that uuöröd. XII 86 s^ggian them 
is gisithon. 

b. das p>ronomen personale: 178 äfter is um'Ueon. 90 scölda 
hie ät. 121 tbät hie mi an is. 122 biet hie mi an thesan. 123 thät ik 
tili thöh. 146 uuä'nin uuit mV. 190 häbda hie uses. 201 uuarun im 
uuli'tiga. 205 thät it giböd. 263 ni förohti thü thi'non. 286 uuörthe 
mi äfter. 301 uuölda sia fm. 303 hu6' hie sia thüo. 318 minneon sia an 
is. 323' la't thü sea thi'. 323*" ünder iru lithion. 367 thät sia thiu bereh- 
tun. 437 s6 huat so' siu gihö'rda. III 20 s6' ik iu le riu. V 22 thät sia 
im uuödares. 41 lerda sia fro. VI 8 äfter is uuflleou. VII 21 grüotta 
sia för them. 25 öf thü mi thöro. 47 uui'sda siu äfter iro uuiUeön. X 4 
mid is gisi'thon. 77 söggio ik iu. XI 14 cüssiu ina öndi. 85 mänode ik 
thöna. 110 le'diat mi iuuuera. XII 11 thät hie äständen. 20 ündar iro 
bördon. 

c. die praepositionen; belege finden sich für mid. ti. an. 
uuid. after. undar. uppan: 15 6ndi mid uuörcun. 7 öndi mid iro. 
52 bärnun ti frümon. 133 Johannes te näman. 150 füodan an üncon. 
157 uuä'run an thösaro. 277 uuörthan an th^saro. 298 bäm under iru. 
374 giuuörtlian an thcsaro. V 17 uu^kidun mid fro. VI 12 geripod an 
th^son. VII 10 Jüdcon an thöna. 34 hügi after fro. 52 mannen an fro. 
IX 5 öndi mid uuürtion. X 31 giuufi*thid an thcsaro. 34 te uuä'ren mid 
fro. 40 thän hie an thösa. 41 e'rr an themo mä'nen. 60 füllead mid fro. 
65 giuu^rthan an thösaro. 82 gil§'stid an thöson XI 8 thä'r sia an thena. 
30 fölku le mi. 32 farcöpos mid thfnu. 51 üpp an them hölme. 
95 uurS'thian uuid fro. 110 le'thes an th^son. XII 15 giuuftun im mid fro. 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 297 

26 bdrnon to friimu. 47 befülhun an thömo. 57 ste'n fau thera grabe. 
65 thiu uui'b uppau thöm. 

d. die conjunction that: I 213 so ik uuä'niu that Ina. 248 te 
thiu that hie hier. 298 hie afsüof that siu häbda. 845 biet man that 
all. V 18 badun that im. XI 12 te thiu that sia n6 farfengin. XII 69 
quiit that hie iro. 71 ik uuet that gi iuuuan. 78 ik uuet that is iu. 

e. die adverbien thär, thuo, than, hier; eft, 6c, gio: 
I 184 hie ne möhta thuo e nig uuord gisprecan. 203 bihiu it io mähti 
giuuerthan s6. 302 ac bigän im thuo an is hugie thenkean. 356 thuo 
giuue t im 6c mid is hiuuiskie. VII 43 siu uuölde thuo ira geba egan. 
44 ge'ng thuo uuid iro muoder sprecan. X 4 sät im thär mid is gisithon. 
41 that uuirthit hier e'rr an themo mänen sein. XI 2 uuäcodun thuo 
dfter them uuordon. 51 äbliepun eft üpp an them holme. 89 iro ni 
stüodi gio sülik megin ^saraad. 100 ge'ng im thuo ti them uundon man. 
XII 11 endi s^ggiän than thät hie ästanden si. 

^ f, auxiliarverhen: I 118 thin thronest is im an thanke. 239 that 
uui'ti uuas thüo ägangan. YI 1 ik s^lbo biun tbät thär säiu. XI 66 s6 
härm uuarth im an is herten. 

Folgoide werden nur unter "besonderen bedingungen in dop- 
l)eUer Senkung zugelassen: 

a. das pronomen demonstrativ um, ivenn es unmittelbar var 
dem nomcn sieht: XI 30 bihui cümis thu s6' mid thius fölku te mf. 
32 linder thit cünni Jude6no. 

b, das pronomen relativum, wenn es unmittelbar Imiter dem 
jwmen steM, auf tvclchcs es sich bezieht: VI 16 liudi thia io thit lioht 
gisähun. 

e, die adverbien s6 und ti, wenn sie unmittelbar vor einem 
adjectiv oder adverb stehen: I 14 ändi 86 manag. 131 ti'reas s6 filo. 
310 fehmea s6 giiod. III 10 uuördo 86 seif. 15 jüngron so seif. VI 6 
liudeö 86 filo. XII 8 giW'bid te fflo. 61 6ndi so birtbi. 

Verschleif ung zweier silben in der hebwng vor doppelter Sen- 
kung ist in den obigen beisjnelcfi öfter enthalten, z. b,: b^rehtun giscäpu 
u. dgl. ; auch dision findet statt : I 64 sätta^undar thdt gisithi. VII 26 
than uuilliu^ik it hier te uuäron quethan. 

Verschldfung zweier silben in doppelter Senkung ist hier ebenso 
wie in den mitteldeutschen gedickten nicht nur gestattet hinter einer tief- 
tonigen, wie VI 11 äccaro gihuilic, sondern auch hinter einer von natur 
hochtonigen silbe, mit derselben einschränkung wie dort: I 104 ümbi 
thana älah. 219 hügie ui gidär. 323 ünder iru lithion. III 2 ümbi 
thena gödes suno. 38 ^ndi thero sündiöno. VII 47 äfter iro uuiileon. 



298 AMELUNG 

X 5 umbi thena umh. XI 14 cüssiu ina ^ndi. XII 20 ündar iro 

• • • 

bördon. 

Synaloephe in doppelter Senkung findet statt: I 334 bisörogoda 
sia_dn is gisitlia. 263 ni quam ic thi to^euigon frcson lierod. 

Syneope ist zweimal in enjgan 1 25, VII 67 und einmal in thi- 
non I 286 anzunehmen. 

Schon im hislierigen sah ich mich ein p>aar mal genötigt ^ kleine 
emendationen vorzunehmen. Auch folgende verse hedürfcn der fces- 
serung: I 345 ist man, XI 96 iiuil zum ziveiten halboerse zu ziehen; 
I 141. 226. 259. III 9. V 23. IX 21. XI 13. 83. 101 ist quat hie, 
I 271. 283 quath siu, X 17. XI 58 quatlmn sia zu streichen; XII 7. 66 
ha;t MiUlenlioff schon die nötige ausschddung bezeichnet; I 81 ist far, 
113 after thiu, VII 31 thoh giduon ik, X 5 im oder tliuo, XI 31 so, 
33 to zu streichen; XII 60 weiss ich nicht zu helfen. 

VL Fassen wir die characteristische eigenheit des alt- 
sächsischen Verses im gegensatz zum hodidentschen kurz zusam-J/ ^H 
nien, so erscheint am wichtigsten der umstand, dass hier die halhzeile Mi 
aus zwei vierteiligen tacten, dart atis jt^ier^ ^veiteili^ hestdie. 
Dass beide schliesslich auf gemeinsamer historischer tradition ruhen und 
nur besondere locale gestaltungcn des allen Germanen gemeinsamen epi- 
schen vcrses sind, ist klar. Welche von beiden gestaltungcn die relativ 
ältere ursprüflglichere sei , ist mir nicht zweifelhaft. Die entstehung der 
vier Ziveiteiligen lade aus den zwei vierteiligen lässt sich leicht und 
^/ ungezwungen aus einer Schwächung der accentuation erklären. Der 

vierteilige tact f f f f verwendet drei unterschiedene stufen der betonung 
fär Imupthebung nebenhcbumj und Senkung, der zweiteilige ff nur zwei 

für hebung und Senkung. Jener setzt daher eifie kräftigere und deut- 
liclicre accentuation voraus. Die umwandelung der zioei vierteiligcft 
tacte in vier zweiteilige sclieini mir aber ausserdem auch in innerem 
zusammenklang zu stehen mit dem aufgeben der aüitteration. Die vier- 
teilige tactart bedurfte der allittercUion zur deutlicheren auszeichnung 
der haupthebungen; denn die natiirlicJien accentverhältnisse der sj^rachc 
wareti für sich nicM ausreichetid , dieses crnnpliciertere Verhältnis eifher 
doppelten Unterordnung scharf und unzweideutig auszudrücken. Mit 
dem aufgeben der allitteration muste notwendig die Unterscheidung von 
haupt' wnd nebenliebung unsicher und schwankefid werden, mid so lösten 
sidi denn die beiden vierteiligen tacte in vier zweiteilige auf. Für den 
ursprimglicheren churader der vierteiligen tactart im epischen verse der 



BEITIUOE ZUR DEUTSCHEN METRIK 299 

Germanen scheinen mir auch die beiden ältesten nordischen versar- 
ten SU setigen, der fornyrdalag und lio daha ttr. Zwar wird es 
in den meisten fällen sweifelhaft erscheinen, ob hier der halbvers als 
stveit actige oder viertadige rhythmische periode aufzufassen sei, denn 

verse wie 

hliods bia ek ällar he Igar kindir, 

raeiri ok miiini mö'go Hämdallar; 

viiao at ek Välf5(lur ve 1 framt^lja, 

förnspiöU fi'ra, pau er frßmst um man. 

lassen sich sivar wie hier ungeswungen aJs sweitadige periodcn auffas- 
sen , aber ebenso gut a^ich als mertadige. Für das erstere spricht jedodi 
der umstaml, dass auch lialbverse mit Uoss drei, ja zwei hebungen vor- 
Jcommen: 

i6yr fe' deyia fraendr. (Hävamäl 7G. Dietr. altn. leseb.) 
61dr er b^ztr med y ta sönom 
ok sö'lar s^'n. (Hävam, 68) u. a. 

Zur völligen entscheidung kante diese frage gebracht werden , wenn 
man untersuchte, ob sich hier ebenso wie im AÜsädmschen in allen i^er- 
sen ein auf die grammatische betonung gegründdes und fest geregdtes 
Verhältnis zwischen haupthcbung und nebenJidmng nachweisen^ lasse. Die 
oben angeführte einga^igsstrophe der Völu spä wäre vollständig in ein- 
Mang mit allen am Hei and entwickelten regdn für das Verhältnis von 
haupt- und fiebenhebung. Sollte sich dabei dtva herausstellen , dass das 
fehlen einer neben hdmn g nicht auf deti fall eingeschränkt wäre, wo die 
vorangegangene hmiptliehung ihrer natur yiach dehnbar ist, so tcäre das 
nur ein seichen dafür, da^s hier die einmal eingeschlagene richtung noch 
iveiter dahin geführt hahe^ die nebenhebungen ganz ausser acht zu las- 
sen, so duss sie unter allen umstämlen fehlen dürften. Die frage, ob 
der episcJie vers der Angelsachsen als zwei- oder viertactiger anzu- 
sehen sei, ist in dr, Schuberts dissertaiion de Anglosaxonum arte 
metrica nicht aufgeworfen worden; dodi scheinen mir widerum seine 
versus teruarii mul biuarii für ein zweitadiges grundschana zu sjy^'edien. 
Idi glaube nicht, dass man bei der blossen anerkennung des fadums, 
dass hier verse von drei hebungen mit solchen von vier Jiebungen ahwech" 
sein, stche^i bleiben darf. Man wird sich darüber entscheiden müssen, 
ob diese verse von drei hehungen wirklich als dreitadige rhythmische 
Perioden anzusehen sind, oder als zweitactige, bestehend aus zwei haupt- 

hebungen und einer nebenhebung: ^ P • öder audi * # *• Dass ein im 

ganzen herschender zweiteiliger rhyflimus von zeit zu zeit plötzlich durch 
einen verhältnismässig selten eintretenden dreiteiligen unterbrodien würden 



298 AMELUN6 

X 5 limbi thena uui'h. XI 14 cüssiu ina ^ndi. XII 20 ündar iro 
bördon. 

Synaloephe in doppelter senkimg findet staU: I 334 bisörogoda 
sia_än is gisitha. 263 ni quam ic thi te^e'nigon freson herod. 

Synco2)e ist eiveinidl in enjgan I 25. VII 67 und einmal in thi- 
non I 286 anzunehmen. 

Schon im bisherigen sah ich mich ein ^>aar mal genötigt, Meine 
emendationen vorzunehmen. Auch folgende verse bedürfen der bes- 
serung: I 345 ist man, XI 96 uuil zum ztveiten halbverse zu ziehcti; 
I 141. 226. 259. III 9. V 23. IX 21. XI 13. «3. 101 ist quat hie, 
I 271. 283 quath siu, X 17. XI 58 qiiatliim sia zu streichen; XII 7. 66 
hat MüUenhoff schon die nötige ausscheidung bezeichnet; I 81 ist far, 
113 after thiu, VII 31 thoh giduon ik, X 5 im oder tliuo, XI 31 86, 
33 to zu streichen; XII 60 weiss ich nicht zu helfen. 

VI. Fassen wir die characteristische eigenheit des alt- 
sächsischen verse s im gegensatz zum hochdeutschen kurz ztisam- J. ^ ^ 
inen, so erscheint am wichtigsten der umstand, dass hier die halbzeile tHw 
aus zwei vierteiligen tacten, dort aus vier z weiteiligen bestehe. 
Dass beide schliesslich auf gemeinsamer historischer tradition ruhen und 
nur besondere locale gestaltungen des allen Germanen gemeinsamen epi- 
schen Verses siml, ist Mar. Welche von beiden gestaltungen die relativ 
ältere ursprihtglichere sei , ist mir nicht zweifelhaft. Die entstehung der 
vier zweiteiligen tacte aus den ztoei vierteiligen lässt sich leicht und 
^y ufigezumngen aus einer Schwächung der accentuation erklärefi. Der 

vierteilige tact^ ß^ verwendet drei unterschiedene stufen der betonung 
für Imupthebmig nebenhcbung und senhung, der zw eiteilige f^ nur zwei 

für hebtmg und Senkung. Jener setzt daher ei'ne kräftigere und deut- 
lichere accentuation voraus. Die umwandelung der zwei vierteiligen 
tacte in vier zweiteilige scheint mir aber ausserdem aucli in innerem 
Zusammenhang zu stellen mit dem aufgeben der allitteration. Die vier^ 
teilige tactart bedurfte der allitteration zur deutlicheren auszeichnung 
der haupthebungen; denn die natürlichen accentverhältnisse der spräche 
wärest für sich nicht ausreicJiend , dieses cotnpliciertere Verhältnis einer 
dop2)dten Unterordnung scharf und unzweideutig auszudrücken. Mü 
dem aufgeben der ailitteratioyi muste notwendig die Unterscheidung van 
haupt" uiid ncboiliebung unsicher und schwatücend werden, und so lösten 
sich denn die beiden vierteiligen tacte in vier zweiteilige auf. Für den 
ursprütuflicheren cJiaractcr der vierteiligen tactart im epischen verse der 



/ 



BEITIUGE zur DE,UT8CHEN METRIK 299 



r •• ■■ \ ' f . , 'r ^ 



Germuneyi scheinen mir mich die hei den ältesten nordischen versar- 
ten SU sengen, der forny ritalag und lioflahättr. Zwar wird es 
in den meisten fällen sweifelhaft erscheinen, oh hier der hailhvers ais 
sweitactige oder mertnciige rhythmische periode aufsufasscn sei, denn 

verse wie 

hliods bia ek ällar he Igar kfndir, 

m6iri ok miiini mö'go Hßimdallar; 

vflflo at ek Välföilur ve 1 framtölja, 

föruspiöll fi'ra, pau er frömst um man. 

lassen sieh sivar wie hier migeswungen als sweitactige perioden auffas- 
sen , aber ebenso gut auch als viertactige. Für das erstere spricht jedodi 
der umstand, dass auch halbverse mit Uoss drei, ja swei hebungen vor- 
Jcmmnen: 

döyr fe' döyia fraendr. (Hävamäl 76. Dietr. altn. leseb.) 
61dr er b6ztr med 5''ta sönom 
ok so'lar sy n. (Hävam. 68) u. a. 

Zur völligen entscheiäung kante diese frage gebracht werden , wenn 
man untersuchte, oh sich hier ebenso wie im Alt säcJmschen in allen Ver- 
sen ein auf die grammatische betonung gegnindetes und fest geregdtes 
Verhältnis swischcn hauptlicbting und nebenhebung nachweisen^ lasse. Die 
oben angefiUirte eingafigsstrophe der Völu spä wäre vollständig in ein- 
klang mit allen am Hei and entwickdten regdn für das' verJuUtnis von 
haupt" und nebenhebung. Sollte sich dabei ettva herausstellen , duss das 
felden einer neben hebun g nicht auf deti fall eingeschränkt wäre, wo die 
vorangegangene haupthebung ihrer natur nach dehnbar ist, so tcäre das 
nur ein seichen dafür, dass hier die einmul eingesddagene richtung noch 
weiter dahin geführt habe^ die nd)e7ihebungen qans ausser acht sii las- 
sen, so dass sie unter allen umständen felden dürften. Die frage, ob 
der epische vers der Angelsachsen als swei- oder viertactiger ansu- 
sehen sei, ist in dr. Schuberts dissertaiion de Anglosaxonum arte 
metrica nicht aufgeworfen worden; dodh scheinen mir widerum seine 
versus ternarii utul binarii für ein sweitactiges grundschetna su spreclmt. 
Ich glaube nicht, dass man bei der Uossen anerketmung des fadums, 
dass hier verse von drei hebungen mit sdchen von vier hebungen abwech- 
seln, stehen bleiben darf. Man ioird sieh darüber entscheiden müssen, 
ob diese verse von drei hebungen wirklich als dreitadige rhythmische 
Perioden ansusehen sind, oder als sweitactige, bestehend aus swei haupt- 

hdmngen und einer nebenfiebung: ^ f • oder auch # # ^. Dass ein im 

gansen herschender sweiteiliger rhyOimus von seit su seit plötslich durch 
einen verhältnismässig sdten eintretenden dreiteiligen unterbrodten würde^ 



300 AM£Lt^6 

scheint mir aber doch eine incongruens , die jedes für rhythmische vcr- 
hältmsse empfänglwlie ohr empfindlich verletzen müste. Wenn mmi 
sich die frage überhaupt vorlegt , wird man daher tvol nicht anders kön- 
nen, als sich für die zweiteiligkeit dieser verse mit drei hebimgen aus- 
sprechen. In welcher weise min der ausfall einer nebenhebung normiert, 
auf welclie bedingungen eingeschränkt wäre, das müste noch untersucht 
werden; es wäre aber kein einwand gegen die annähme, wenn sich dabei 
herausstellte^ dass hierin eine grössere licenz her sehte als im Alt säch- 
sischen. So viel ich aus den von dr. Schubert beigebrachten cita- 
ten vorläufig ersehe, ist fast ausnahmslos die eine der drei hebungen 
ihrer natur na^h dehnbar. 

Nächst dem hier besprodienen unterschiede zwischen dem altsäch- 
sischen und althochdeutschen verse scheint mir die tiefgreifendste eigen- 
lieit des ersteren in der Zulassung doppelter Senkungen zu liegen, uf 
Um die berechtigung derartiger rhythmischer bildungen zu begreifen, 
wird man sich an den begriff der triolen halten müssen. Ein vers wie 
uuirdiga ti them giuufrki^ wäre demnach fdgendermaassen zu notieren: 

ißß f fP i ^ Mätheus öndi Markus: fff ff f f niid uuördun 

?indi mid uu^rcün: f.* f f ^ ^ >. Nimt man noch hinzu, dass hier 

klingender versschluss zugelassen wird, während das althochdeutsche nur 
stumpfen kent, dass (üso zu den im Althochdeutschen geltenden schluss- 

formen f_T tf tf t ^*^ tl tf t f '""'^ *""^'' T f t T r * T T 
himukomt, so sind die rhythmischen gruppierunyen im attsächsischen 
verse ausserordentlkh vid mannichfaltiger als dort. Folgende übcrsidit, 
hei der die anwendung von triolen nicJd einmal in anscMag 'gebracht ist, 
wird davon eine anschauung geiten: 

1) ^ J ; 'all uürthün XII 65. 

2) R i. ; s'ä'n üpp ahle d Xll 66. 

3) h> 00 'tfst ü'p stfgan V 12. 

4) fs 0000 h'ü h^banriki VI 39. 

5) i ; I© sfttiän tb'ä^r XII 63. 

I r I 



«) t- r r ■ 



1) Dass sich in den teilen des Heland , welche ich untersucht hahe , gerade tfSir 
diese eombination kein beispiel bietet, ist ein zufälliger umstand. 



BEITRAGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 301 



V 

7) J i * j» helägna gest I 11. 

^)ffff P äJdarlängan t'fr VI 38. 

9) f f f f drölitin diurie I 27. 

10) ?• i i i gibitlu g uußrthän I 80. 

11) jj ^# i stnd uuiderstdnde I 29. 

12) |S ji ?• .• thfe thes me'ster uuäs I 30. 

13) j8 |i fl j^ sui'thö thfutf CO I 99. 

14) jS ji # 00 so' tö giuufnnänne I 143. 

15) i5 ^ ^ rr r ^'^^ ^^^ sßlban spräk I 139. 
IG) 00 müod endi megincräft I 156. 
17) i0 0ß 6ngil tbfes äluuälden I 274. 
l'^) ^ uündron thero uuördö I 141. 

1 9) i ji ffff grüotti g^»ginuuärdi I 258. 

20) ffff }f f hudud uuit häbdun äldres e'r I 144. 

21) 00 thdt sea tfses uuäldändes 1 186. 

22) fj i }fT_f ^^' °^^ ^^^^^ uüudur thünkit I 157. 

23) ^ ji • fff_\ he läga h^banuuärdos VI 18. 

24) ffff } TT T ^*^*'*^^ ^^^^ ^^^^ uuerold äldar I 45. 

Rechnet man nun noch hinzu dass filr jedes tacifßied, mit aiis- 
nahyne des letzten, mich heliehe^i andi eine triole ^ d. h. hehung mit zwei 
folgenden Senkungen, eintreten kann, unterscheidet man ferner die aus 
zwei Silben t^ersehli/fenen hehungen und Senkungen, die durch (V^ zu 

hezeicJmen wären, so geht die fnasse der mijgVichen comhinationen ins 
unabsehhare. 

Mit diesem reichtum innerer glicderung verglichen muss der alt- 
hochdeutsche vers monoton erscheinen, denn von allen hier ange- 
führten comhinationen sind dort nur 9 — 12. 15, 16. 18. 20 zulässig^ 
und alle tveiteren comlnnationmi , welche triolen enth<dtcn, fallen ganz 

ZR1TACHK. r. DÜUTRCHB PHILOL. BD. III. 20 



302 AMELUNO 

weg. Steht d<ir althochdeutsche vers somit an reicJitum und ahwechsdung 
der rhythmischen gliederung gegen den altsächsischen zurück, so Über- 
trifft er ihn doch weit an strenge ufid ebenmaass der metri- 
sch e7i Verhältnisse. Man wird es vielleicht unangemessen finden, 
wenn ich üherliauxyt von metrischen Verhältnissen im deutschen verse 
spreche, aber wenn man den deutschem vers einen accentuierefiden nctit, 
und ihm' die Silbenmessung abspricht, so ist das doch nur in einem 
getvissen bedingten sinne richtig: es kann nur heissoi, dass die seit- 
dauer, die einer silbe im verse zugem^^sen wird, sich mit der dauer, 
die ihr grammatisch und etymologisch zukonU, nicht in Übereinstimmung 
befinde; aber unter allen umständen wird ihr doch eine ganz bestirnte 
Zeitdauer zugemessen , denn jeder rhythmtis beruht ja eben auf der ste- 
tigen widerkehr relativ stärker accentuierter glieder in gleichen zeitab- 
ständen. Wenn wir den vers fäder älomähtig tactfest reciiieren, so ver- 
leihen wir jeder der beiden kurzen süben in fader genau dieselbe Zeitdauer 
toie den beiden kurzen silben zusam^nen in alomahtig. Eine solche ahwei- 
chung von der grammaiischen sUbenquantität ist immer nur ein not^ 
behelf, und es lassen sieh die grenzen bestimmen, innerhalb deren sie 
zulässig ist, Diese grenzen sind im Althochdeuitschen nicht dieselben, 
wie im Ältsächsischen , und es ist nicht uninteressant, die bekanten 
gesetze des althochdeutschen Versbaues einmal müer diesem gesichtspunkte 
zu betrachten. Da die spräche selbst zu ihren eignen zwecken, die doch 
andere als lediglich musikalisch-ästhetische sind, Zeitdauer und tonsiürke 
der Silben bereits o/s mittel verwendet hat, so tritt in jeder vcrshmst 
immer die schwierige aufgäbe ein, die worte so an einander zu reihen, 
dass die nutürliclien quantitäts- und accentverhältnisse der silben in ihrer 
aufeinanderfolge einen stetigen rhythmus ergeben. In voller reiftJieit kann 
das äusserst selten gelingen. Es wird daher immer einiges dem zwecke 
geopfert tverden müssen, entweder der gramnuxtisclie accent oder die 
grammatische sUbenquantität. Jede verskunst neigt sich vorwiegend ent- 
weder dem ein^n oder dem anderen mittel zu; die deutsche entscJiiedim 
dem letzteren. Es ist ihr die hauptsaehe, dass die grammatischen aoccnte 
mit den matrischen aecenten, welche immer auf dem erstell tactgliede 
ruhen , zusammenfallen , und sie muss diesem ziveeke meist die natürliche 
Silbenquantität opfern. Die antike metrik hat den entgegengesetzten weg 
eingeschlagen. Dass die natürliche siHjenquantität auch im deutschen 
verse nicht ganz sinnlos und willkürlich verkehrt werden dürfe, ist dem- 
nach selbstverständlich. Die althochdeutsche verskunst ist darin 
strenger als die altsächsische. 

Es gilt in ihr als erste regd, dass eine silbe, die einen ganzen 
lad auszufüllen JuU, notwendig lang sein muss: 



BEITBÄOB zun DEUTSCHEN METBIK 303 

sflp s6 li^lphäntes bän. si'naz körn r^inö't. 

LJ r u r c; r r r 

Bilden zwei Silben gusammen einen tact, so ist zwar iiherwiegend 
der fall, dass beide gleiche datier haben, aber während es in einem 
facte ztvei lange Silben, sind es im anderen zwei kurze: 

jöh s6 filu sl^htäz. mit r6gulü bithuüngän. 

Aber auch das ist nicht selten^ dass innerhalb eines tactes die 
eine silbe kurz, die andere lang ist: 
sih s^lbon missihäbSti. 

CTCj* 

Bilden drei silben zusammen einen tact, so müssen, da derselbe 
immer zweiteilig ist, zwei von ihnen zusammen dieselbe Zeitdauer erhal- 
ten, tme die dritte allein. Hierbei gut im allgemeinen die regel, dass 
die beiden silben^ welclie zusammen nur ein tactglied bilden , kurz seien: 
thaz slllaba iu ni uu^nkit. in th^mo firstäntniss^. 

-Li' . ' üir 

Allenfalls kann auch die erste kurz, die zweite lang sein, aber 
niemals umgekehrt: 

Jh sägen thir thäz ni hfloh thfb. thie b^tdtun hfar in b^rgön. 

yu kl 

Die dritte silbe aber, die für sich allein das andere tactglied bil- 
det , muss notwendig lang sein , wenn sie das erste tactglied bildet. Bil- 
det sie das zweite tactglied, so darf sie auch kurz sein: 

uuir füarun tbänana n6'ti\ joh fQo giuuäralfchö. 

Bilden vier silben zusammen einen tact, so kommen je zwei auf 
ein tactglied: in der regel sind dann alle vier kurz: 

in mäjiagemo ägalMze. 

Doch dürfte auch hier die erste silbe dne^ tactgliedes kurz, die 
zweite lang sein; ich finde eben kein passendes beisjnel dafür; ein fin- 
giertes wäre: 

in uu^lichemo ägalMz^. 

ay 

Das Altsächsische ist noch freier in der silbenmessung. 
Detm bei einer so compliderten tactart, wie die vierteilige, ist es natXMr-- 

20* 



304 AlUBLUNO 

lieh mel schwieriger, der gramnuUisehen Silbenquantität gerecht zu wer- 
den. Zwar die erste regd, dass wo eine einzige silbe den ganzen vier- 
teiligen tact auszufüllen habe^ diese notwendig dehnbar sein müsse: 

he'lägna g'e st 

ru r 

ist analog der im Althochdeutschen geltenden. Da aber hi^r weitet' für 
jede tacthcUffe dasselbe gilt, toas im AUhochdeuischen für den ganzen 
tact, so widerholen sich auch aUe die freiheiten, die für das Verhältnis 
der beiden tacthälften zu einander gelten ^ nochmals in der weiteren teil- 
gliederung jeder tacthälße. Dadurch werden die metrischen incongruen- 
zen derart gehäuft , dass, während schon im AlthocMeutschen zwei kurze 
Silben entweder für einen ganzen tact fflu oder auch für einen halben 

CS 

sillaba stellen können, sie hier sogar dreierlei verschiedene metrische gel- 
tung erhaltest: 1) bidün jüllan dag 

• rr c; f 

2) gfbithfg uu^rthän 

3) firiho bärno frümmiän 

Eine noch weiter gehe^ide metrische incongruenz tritt aber hinzu 
durch die doppelten Senkungen. Fassen wir eine hebung mit zwei 
folgenden Senkungen metrisch ais triole auf, so können hier molosse, 
antibacchii und cretici ganz die gleiche metrische gdtung erhalten: 

sä'n äfter thiu mäht gödes. 




^^ ffrio bämun biföriiii. 




— ^^ — scölda hie ät them uuihe. 

V 

UJ 

Wie man sieht tvird die gratmmiti sehe Silbenquantität hier wie im 
Althochdeutschen verhält nismässig am strengsten beobachtet in der ober- 
sten gliederung des ganzen verses. Je mehr mr zu den weiteren teil- 
gliederungen herabsteigen^ desto mehr häufen sich die metrischen incon- 
gruenzm. Und so ist der ditlwchdeutsche vers im vorteil, da er in der 
inneren gliederung des t^tetcs nicht so weit geht, wie der aUsäcJisischc, 



, BEITRAGE ZUR DEUTSCHEN METRIK 305 

Was er dadurch an nmnnichfaltlylceit chibüsst, das tjeivint er an 
ebetimaass. 

Eine andere folge des vcrseliiedeneyi grundprincips der althoch- 
deutschen ufid altsächsischen verskunst fäUt dagegen widernm zu 
gunsten des letzteren aus: ich meine den einklang zwischen w ort- / 21^7/ 
accent und versaccent. Wenn es für den versbau aller Gennanen 
charakteristisch ist, den natürlichen wortaccent im verse zu voller gel- 
tung zu bringen, so doch vor allem für den versbau der alten Sachsen. 
Da hier dreierlei unterschi^cne tonstärke für haupthehung, nebenhebmig 
und senJcung vertvemlet und gegen einamler wol abgewogeri werden muss, 
so ist die alisächsisclie verskunst iveit empfindlicher gegen, jede Verletzung 
des grammatischen accentes als die althochdeutsche. Da hier schon jede 
Vieldeutigkeit in den accentverhältnissen zwischen haupt- und neben- 
hebung als Störung emjyfwnden wird, die erst durch schwdyende bctonung 
ausgeglichen werden muss, so kann um so welliger in dem Verhältnis 
von hebung tmd Senkung eine anonialie geduldet werden. Die haupt- 
hebung soll sich zur nebenliebwng verhalten tvic die nebenJiebung zur Sen- 
kung; wenn nun schon in dem einen dieser beiden Verhältnisse manch- 
mal unsielierhcit eiiitritt , so darf das nicht zugleich auch in dem a'nde- 
ren der fall sein, wenn nicJd das ganze gebilde allen sicheren halt ver- 
lieren soll. Daher ist schtvcbende betotiung zwischen hebung und Sen- 
kung hier äusserst selten, nur I 96 Zächariäs bis^hän. VII G Jüdeönö 
mid gomön. XI 8 brinnandi fan b'tfrg. 132 dru vondi to dalö. XII 18 
Jüdeönö fargängän. Wie man sieht nur in der leidUesten form, die 
iAberhaupt im deutschen vorkamt. 

Hiemit schliessc ich meine betraelämigen. Wie man aus ei'iher 
mchrheit nahe verwantcr, aber doch deutlidh geschiedener diiUecte durch 
verglcichung ihren gemeinsamen urtypus recofistruiert , so Hesse sich wol 
durch eifie verglcichung der besoiideren gestaltungcn , die der epische vers 
bei den versduedencn stammen der Germanen angenommen hat, ein bild 
von der tirsprünglichsten gestalt dieses verses bei dem gemeingermani" 
scheu urstammc entwerfen. Der nächste scfiritt dazu ist die mögliclist j 
sorgfältige erforschung der uns zugänglichcti localcn gestaltungcn. 

DORF AT. ARTHUR AMELUNG, 



LIES : 26(), 30 c rc 261, 3 ininach 2(il, 14 warte 262, 5 wo 262, 8 1072 
267. 37 wc' 267, 38 daz 268, 15 nberffdlcnde 270, 12 durfte 271, 33 widcr- 
stiezcn 273. 6 sic^ire 287, 37 brinnandi 292, 8 f iri - uuitli' co 294, 7 ünca 
296, 16 uuideruuardcs ' 298, 18 bestellt 300, 28 4blc'd 



306 , 

ZU REINKE VOS. 

V. 1062. Do sprank Hinge itU deme huse. iHea diem doeet. 

Dazu habe ich bemerkt: „Ist wol ein druckfehler, es wäre sonst 
eine ganz ungewöhnliche zusammenziehung von in to" Dies halte ich 
jetzt für keinen druckfehler mehr, indem ich bis jetzt drei stellen gefun- 
den habe, in denen ebenso das in to in int zusammengezogen ist. Bothos 
Chron. fol. 212\ We de nicht enwech konde kamen, de sprangk int 
der Fuser unte vordrangk. J. Grimms Weist. 3, 30. Dar twe naher 
hey einander want und des einen vdt vor des anderen Jiuve hengeit und 
des mannes hoener deni andern schaden doit, so mag Im stiegen op 
den tun und keren dat angesichte int deme have. Daselbst 3, 45. He 
saU den payll so verne int der Ruyr slagen, als hey myt der gemdteti 
slage langen kan, Dass dies int aber eine contraction aus info ist , geht 
hervor aus einer stelle bei Detmar, bd. 1 s. 302. He was der heidene 
lüdesman uppe de cristenen inte creme lande unde weder ut; aus dem 
into ward ein irUe, dann ein int. 

V. 92^5. umme minen ^willen men en dot efte lät. 

Diese formel ohne beigefügtes object findet sich vielfach in Urkun- 
den, z. b. Gassei, Samlung ungedruckter Urkunden (Bremen 1768) s. 34. 
Urk. V. 1455. welke privüegia wi hestedigen, vorbedcftde gestrengliken 
allen unnsen amjytluden, vogeden und ghemeinliken aUen den ghenen, 
dede umb unsen willen doen unde laten willen unde schuUen etc.; 
daselbst s. 252. Urk. v. 1406. de Bremer scholen uns Wurster vorbid- 
den unde vordeghedingen vor alle de ghenne, de umme eren wiüeth don 
unde lathen willen. Gassei, Breraensia (2 bde. Bremen 1766). Bd. 1, 
8. 492. Urk. v. 1409. vor my unde mynen sone unde vor aUe, de 
umme mynen willen doen unde laten wiUet unde mit rechte doen wnde 
laten schultet. Vgl. noch daselbst 1, 284. 289. 294. Lüneburger 
urkundenbuch 15. abth. (herausg. v. Hodenberg 1859) s. 175. Urk. v. 1416. 
dal wij vnde alle de vmme vnsen willen don unde laten willen etc. 
Dithmarsische urkundenb. (herausg. v. Michelsen 1834). Heß in den 
tiden vnse öhem van Sassen en schaden byhracht, dar hebben sc büli^n 
vmme to schuldigende de van syner vnde der synen weghen darto ant- 
worden scholen vnde nicht vnse vorevaren edder vns, went he mid den 
synen in den tiden vmme vnser vorevaren unde der vnsen willen noch 
doen edder laten wolde. Detm. 2, 255. Urk. v. 1462. Unde dar ane 
scholen de van Luncbarch noch dejenncfi, de umme eren wUlen don edder 
laten wiUen unde schollen, sc nicht hynderen. 

OLDENBURG, MÄRZ 1869. A. LÜBBEN. 



307 



DER HANDSCHRIFTLICHE TEXT DES LUDWIGSLIEDES 

NACH NEUER ABSCHRIFT DES HERRN DR. W. ARNDT. 

Im ersten bände dieser Zeitschrift s. 247 hatte ich bei besprechung 
von Pischons Leitfaden zur Geschichte der deutschen Litteratur die rich- 
tigkeit der form jah in der 56. zeile des Ludwigsliedes bezweifelt. Dar- 
nach B. 473 flg. hatte ich diesen zweifei des näheren begründet und hatte 
gezeigt, dass die form jfaÄ zuerst 1B30 in den Hoflfmannschen Fundgru- 
ben als conjectur aufgetaucht, und wahrscheinlich von da aus 1837 als 
vermeintlich auch durch die handschrift selbst bestätigte lesart in den 
urkimdlichen text der ersfcen ausgäbe der Elnonensia gelangt sei. Die 
conjectur jah aber hatte ich für eine von Hofimann ausgegangene gehal- 
ten, weil sie ohne nennung ihres Urhebers in einem Hoffmannschen werke 
veröffentlicht und überdies von Willems in der ersten ausgäbe der Elnonen- 
sia s. 12 ausdrücklich als eine von Hoffmann aufgestellte bezeichnet wor- 
den war. Bald darauf schrieb mir W. Wackernagel: „Der aufsatz über 
den Ludwigsieich hat mich sehr gefreut, -und ich stimme Ihrer klaren, 

scharfen erörterung stück für stück bei Ich meines teils kehre nun 

wider zu Lachmanns gab zurück. Nicht ohne ein sündeubekentnis: das 
iah der Fundgr. 1, 345, wie beinah all die „berichtigungen'* dort, auch 
die übrigen zum Ludwigsleiche , rührt von mir her. Tlianc jeJian ist 
also falsch, tluinc geban selber zwar sonst nirgends zu belegen, aber 
dennoch sicher richtig: es wird schon durch das gegenüber liegende 
fhanc lidben (Graff V, 167. Mhd. wb. 1, 353) gefordert, und Walther 

sagt wenigstens habedanc geben 47, 6 Das plötzliche präsens sihit 

könte allenfalls ein späterer dichter, wie der des Athis, auf sein gewis- 
sen nehmen, ein althochdeutscher allerdings nicht. Was meinen Sie zu 
einer änderung, die ich mir schon vor längerer zeit an den rand des 
lesebuchs geschrieben, sah i^?" Ich setze diese Zeilen her, weil sie 
widerum Wackernagels offenen und edlen character, sein lediglich auf 
erforschung der Wahrheit gerichtetes streben bekunden. Weit entfernt 
von kleinlicher empfindlichkeit verletzter eitelkeit, bekent er sich viel- 
mehr unaufgefordert sofort freiwillig als Urheber der verunglückten con- 
jectur, und nimt sie gern und sogar freudig zurück, sobald ihre unhalt- 
barkeit dargetan worden ist Das ist das verfahren, wie es bekennem 
und pflegern der Wissenschaft ziemt, und der Wissenschaft selber zum 
Segen gereicht. 

Um eine zuverlässige neue abschrift des Ludwigsliedes zu erlan- 
gen, wante ich mich an den uns leider so früh entrissenen dr. Julius 
Brakelmann in Paris. In folge seiner Vermittlung hatte herr dr. Wil- 



308 J. ZACHER 

heim Arndt die gute, sich dieser aufgäbe zu unterziehen; und 
einen besseren gewährsmann hätte ich mir nicht wünschen können, als 
diesen in langjähriger tätigkeit für die Monumenta Gerraaniae historica 
ausgel)ildeten und erprobten handschriftenkenner. 

Die aus der abtei S. Araand stanmiende handschrift des Ludwigs- 
liedes liegt seit 1791 in der bibliothek zu Valenciennes,* wo Hoff- 
mann von Fallersleben sich im jähre 1837 das grosse verdienst 
erwarb, sie wider zu entdecken, nachdem sie über hundert jähre gänz- 
lich verschollen gewesen war. Verzeichnet und beschrieben sind die 
handschriften von Valenciennes im Cataiogue dcscriplif et rakonne des 
manuscrits de la UUiotheque de Valenciennes par J. Mangeart^ 
hihliofliecaire etc. A Paris 1S60. Die des Ludwigsliedes ist dort auf- 
geführt und besprochen auf s. 124 — 126 unter nr. 143 (B. 5. 15). Sie 
ist in noch behaartes leder mit rotem maroquin Verstoss gebunden, und 
besteht aus 143 quartblättern dicken pergamentes, welche mit dem grif- 
fel gezogene linien , und auf jeder seite in schriftzügen des neunten Jahr- 
hunderts 24 langzeilen zeigen. 

Nach voraufgegangenen zehn distichen des pabstos Gregor begin- 
nen auf der rückseite des ersten Wattes „Ubri octo Gregor ii Nazanzeni 
cpiscojri'' (mit der randschrift: „Gregorius Nazazenus per Kuffinum 
tranlidus*') und reichen bis auf das 140. blatt. Dann folgen auf den 
letzten vier blättern fünf kleine stücke, und zwar: 

1) fol. 140 V6TS0 — 141 recto, von einer zweiten gleichzeitigen band, 
ein kleines lateinisches gedieht, beginnend: Dns cclire<ic <& condl- 
tor, Maris <^ tcrrefonws tC* auctor. Omne iussit crcaturä suh- 

1) Valeiicieiincs avait, daiis son cnccinte ou nou loiii de scs luurs^ (Uversos 
abbayes doiit Ics livrcs soiit vcnus en 1701 lui furnier a pcu de frais uiio bibliuth(!quo, 
moins riebe pcut-etre que Celles de Lille, de Douai et de Cambrai, inais tros-di^ne 
encore de rattention des boinmes lettres. — II y avoit daiis les cüllcctions de livrcs 
proveiiant des coininunautes rcligieuses ou coniisqu^s snr les emijjres , de qnoi foriner 
uno bibliotbeque non moins considerable que ccllcs dos villes voisines; tiiaifi il parait 
que les artilleurs cbarges de la defense de la place eurent permission de s'en sorvir 
pour faire des gargousses. „Dieu seul sait le nombre d*ouvrages precieux qui furent 
alors lances contro rarniee conibinee qui investissait cette ville," dit M. le maire 
dans uno lettre du 1(5 juillet 183J>. — La bibliotli^quc actuellc de Valenciennes no 
renfcmio guere qu'environ 13,(XM) volutnes. — Los manuscrits) qui enriiiiissent la 
bibliotbeque [>ubliquo de Valenciennes sont au noubro de 8()ö; ils proviennent de 
plusieurs sources. Les plus anciens, les plus curicux, les plus considerables sous le 
rapport de rexecution , de la niaticre et des auteurs , tirent Icur originc de la C431obre 
et antiquc abbaye de Saint -Amand sur la Searpe. — Aujourd'bui encore [25 deccm- 
bre 1859], commo cn 1840 et en 1850, cos manuscrits sont confondus avec les inipri- 
mos. Mangeart, cataiogue des manuscrits de la bibl. de Valenciennes, Paris 1800. 
Priface. 



LUDWIGSLIED 309 

consomi. Obseriiarc legem pacis armonla. usw. abgedruckt bei 
Mangeart s. 124. 

2) fol. 141 rccfo, von einer dritten gleichzeitigen band in fortlau- 
fenden Zeilen ohne absetzung der verse geschrieben, ein lateini- 
sches gedieht auf die heilige Eulalia, l)eginnend: Cantica uirgi- 
7ÜS culalie. Concinc stiauissona cühara, gedruckt mit abgesetz- 
ten versen in den Elnonensia. 

3) fol. 141 vcrsOy von einer vierten gleichzeitigen band in langvcr- 
sen geschrieben , ein französisches gedieht auf die heilige Eulalia, 
beginnend: Bnoria pnUclia fut eulalia. Bei auret eorpf bdlesiour 
animu, gedruckt mit abgesetzten kurzen versen in den Elno- 
nensia. 

1) fol, 141 verso — 143 rccto, von derselben vierten band ebenfalls 
in langversen geschiieben , das deutsche Ludwigslied, in lang- 
versen gedruckt in den Elnonensia. Facsimile der ersten lang- 
zeile des französischen Eulalia - und der ersten langzeile des deut- 
schen Ludwigsliedes in den Elnonensia. 
5) fd. 143 recfo, von einer fünften gleichzeitigen band, fünfzehn 
lateinische distichen, beginnend (nicht, wie Hoflfmann angibt Lis, 
sondern) Vis jidci tarda est quac gcnninc j^rodit anioris Ut faciat 
gratum mentc cubilc deo, gedruckt bei Mangeart s. 125. 

Endlich folgt hinter diesen distichen, am Schlüsse des gan- 
zen bandes, die Unterschrift: Lihcr sancti Aniaiidi. 
In abgesetzten langversen also ist das Ludwigslied geschrieben, 
nicht aber sind die Strophen abgesetzt. Die beiden kurzen verse, in 
welclie jeder langvers zerfallt, werden jedesmal durch einen punkt und 
einen kleinen freigelassenen räum auseinandergehalten. An den enden der 
langverse stehen keine punkte. Die versanfänge, sowol zu anfange als 
in der mitte der langzeile, sind durch initialen ausgezeichnet. Innerhalb 
der zeile begint v. 10 jung mit einem grossen initialen I, dessen gestalt 
von der eines 1 nicht zu unterscheiden ist In v. 28 vor uranhon zeigt 
sich eine kleine rasur, und ebenso erscheint in v. 33 gib(o)d zwischen 
b und d eine rasur statt des vocales. In v. 45 gereda sind die buch- 
staben red nur unsicher zu lesen , und das c in sJcancta v. 53 sieht einem 
e zum verwechseln ähnlich, ausserdem fehlt in dem letzten werte des- 
selben verses 53 fian(ton) die letzte silbe. Vor den Schlusssilben des 
57, verses — salig sind etwa drei buchstaben unlesbar geworden. 

Das letzte blatt, 143, ist oben am inneren rande verletzt. Es ist 
ein schmales Stückchen abgerissen, wodurch die 57. und 58. zeile zu 
anfange etwa je 2 buchstaben verloren haben. Auch die erste zeile dieses 
blattes , V. 56 , könte ebendadurch zu anfange ebensoviel buchstaben ver- 



310 J. ZACHBB 

loren haben; doch begint sie mit einem initialen I, was, obschon allerdings 
nicht mit völliger Sicherheit, doch auf einen versanfang schliessen lässt. 
Das erste wort, welches die handschrift auf Watt 143 recto, in vers 56, 
darbietet, ist nach dr. Arndts Versicherung unzweifelhaft zu lesen loh. 
Diese Versicherung dr. Arndts stimt genau überein mit der kürzlich von 
Holtzmann in seiner Altdeutschen grammatik (Leipzig 1870) s. XIU ver- 
öffentlichten angäbe, dass nach einer in seinem besitze befindlichen 
genauen abschrift „weder ^aA noch gab zu lesen ist, sondern JoA." Übri- 
gens darf ich nach einer mir vorliegenden notiz vermuten, dass das ini- 
tiale I dieses loh ein wenig oben nach rechts und unten nach links 
abgebogen oder ausgeschweift sei, so dass sich aus dieser gestalt dessel- 
ben wol begreifen liesse, wie es in der Mabillonschen abschrift in S ver- 
lesen werden konte. Begreiflich bleibt auch die möglichkeit einer Ver- 
wechslung von h mit b, wenn man im facsimile der Elnonensia das b 
von hdlezour mit dem h von hluduig vergleicht. Dagegen unterschei- 
den sich in demselben facsimile die o von den zwei gestalten des a (von 
a und a) so klar und bestimt, dass man nicht absieht, wie das o des 
loh der handschrift in das a des Sab der Mabillonschen abschrift verlesen 
werden konte. 

Durch das doppelte zeugnis der Arndtschen und der in Holtzmanns 
besitz befindlich gewesenen abschrift wird also tatsächlich und zweifellos 
bewiesen, dass die form^aÄ nur durch conjectur in die 56. zeile gelangt 
ist, und in der handschrift selbst keine bestätigung findet, und wird 
zugleich bewiesen, wie sehr Lachmann recht hatte, wenn er auch nach 
dem erscheinen der Elnonensia fortfuhr sich ungläubig und ablehnend 
gegen dieses jah, trotz seiner angeblichen auffindung in der handschrift, 
zu verhalten. Freilich wird damit zugleich auch Lachmanns emendation 
gab hinfällig, aber getadelt zu werden verdient sie deshalb doch nicht; 
im gegenteil ist und bleibt sie die beste, welche aus dem damals vor- 
liegenden material gezogen werden konte, da man nicht berechtigt war 
anzunehmen, dass ein so vorzüglicher handschriftenkenner wie Mabillon 
alle drei buchstaben, aus denen das wort besteht, verlesen haben sollte, 
oder dass bei dem nochmaligen abschreiben für Schilter alle drei buch- 
staben der Mabillonschen abschrift falsch gelesen und widergegeben wor- 
den wären. 

Vergleicht man nun die ganze Arndtsche abschrift mit dem Hoff- 
mannschen drucke in beiden ausgaben der Elnonensia, so zeigt sich, 
dass Hoffmann, wie es auch von einem so geübten handschriften- 
leser und herausgeber nicht anders zu erwarten war, die freilich 
auch deutlich geschriebene handschrift im allgemeinen recht gut und 
richtig gelesen und widergegeben hat Nur an sehr wenigen stel- 



LUDWIOSLIED 311 

len weichen die beiden lesungen wirklich von einander ab. Es liest 
nämlich 

z. 6 Hoffmann stucd Arndt stiwl 

38 Uuili her Uuil her 

56 Iah loh 

57 Kuning uu . .. Kunige ui. , . 

Was nun noch an anstössigen und bedenklichen stellen übrig bleibt, 
wie z. b. die ungewöhnliche accusativische construction z. 40 ih gdönon 
imo^, neben der üblichen genitivischen z. 2 ih wei^ her inws lönot, die 
unübliche genitivische construction z. 21 thoh erbarmedes got, oder z. 45 
das präsens sihit, föUt also der handschrift selbst, und nicht der abschrift 
zur last, und ein so sorgsamer kritiker und erklärer, wie Lachmann war, 
der seinen zuhörern möglichst nützlich werden wollte, verabsäumte denn 
auch nicht , sie auf solche stellen aufmerksam zu machen , und ihnen das 
zur richtigen auffassung derselben erforderliche an die band zu geben. 

Es folgt nun die abschrift des herrn dr. Arndt in genauem abdrucke. 
Die abweichungen der ersten (1837) und zweiten (1845) ausgäbe der 
Elnonensia (El und 2) habe ich unter dem texte angemerkt. Die zahl- 
reichen falschen Wortabteilungen der handschrift sind hier nach der 
Arndtschen abschrift genau beibehalten und widergegeben worden, im 
abdrucke der Elnonensia dagegen sind sie überall stillschweigend ver- 
bessert , was eben nur im allgemeinen bemerkt zu werden brauchte, ohne 
dass eine besondere anmerkung für jeden einzelnen fall erforderlich wäre. 

f. 141 ^«"<»- 

KITHMUS TEUTONICUS DE PIAE MEMOBIAE HLUDÜICO REGE 

FILIO HLUDUIOI AEQUE» REGIS. 

Einan kuning uueiz ih. Heiz sit her hluduig 
Ther gemo gode thionot. Ih uueiz her imos lonot 
Kind uuarth her faterlos. Thes uuarth imo sar buoz 
Holoda inan truhtin. Magaczogo uuarth hersin 
5 Gab her imo dugidi. Fronisc githigini 
Stuol hier in urankon. So bruche her es lange 
Thaz gi deilder thanne. Sar mit Earlemanne 

f. 142 '®<^**^' 

Bruoder sinemo. Thia czala uuunniono 
So thaz uuarth al gendiot Eoron uuolda sin god 
10 Ob her arbeidi. So lung tholon mahti 

1) AEQ; E 1. 2. 
6 Staal E 1. 2. 



312 J. ZACHEB 

Lietz her heidine man. Obar sco lidan 
Thiot urancono. Manon sun diono 
Sume sar uerlorane. Viiurdun sumer korane 
Havanskara tholota. Thcr er misse lebeta 

15 Ther ther thanne thiob uuas. Inder thanana ginas 
Nam sina aasten. Sidh uuarth her guot man 
Sum uuas luginari. Sum skachari 
Sum folloses. Inder gi buozta sih thes 
Kuning uuas er uirrit. Thaz richi al girrit 

20 Uuas er bolgan krist. Leidhor thes ingaldiz 
Thoh er barmedes got Uuuisser alla thia not 
Hiez her hluduigan. Tharot sar ritan 
Hluduig kuning min. Hilph minan liutin 
Heigun sa northman. Harte bi duuungan 

25 Thanne sprah hluduig. Herro so duon ih 
Dot ni rette mir iz. al thaz thu gibiudist 
Tho nam her godes urlub. Huob lier gundfanon uf 
Beit her thara in urankon. Ingagan north mannen 
Gode than codun. The sin beidodun 

oO Quadhun al fromin. So lauge beiden uuirthin 
Thanne sprah luto. Hluduig ther guoto 

f. 142 ^«"o- 

Tröstet hiu gi sellion. Mine not stallen 
Hera santa mih god. loh mir selbe gib:d 
Ob hiu rat thuhti. Tliaz ih hier ge uuhti 

35 Mih selben ni spare ti. ün cih hiu gineriti 
Nu uuillih thaz mir neigen. Alle godes holden 
Gi skerit ist thiu hier uuist. ' So lange so uuili krist 
Uuil her unsa hina uarth. Thero habet her giuualt 
So uuer so hier in ellian. Gi duot godes uuillion 

40 Quimlt he gi sund uz. Ih gi Ionen imoz 
Bilibit her thar inne. Sinemo kunnie 
Tho nam her skild indi sper. Ellian licho reit her 
Uuolder uuar er rahehon. Sina uuidar sahehon 
Tlio niuuas iz buro lang. Fand her thia northman 

45 Gode lob sageda. Her sihit thes her gereda 



28 iJor urankon kleine rasur tii d^ Jm. 

33 Zwischen b und d rastir in der hs, gibod E 1. 2. 

38 Uuili K 1. 2. 

45 red in goreda ist zweifelhaft gu lesen. 



LÜDWIGSLIBD 313 

Ther kuning reit kuono. Sang lioth frauo 
loh alle saraan sungun. Kyrric leison 
Sang uuas gi sungan. üuig uuas bigunnan 
Bluot stein in uuangon. Spilodun ther urankon 

50 Thar uaht thegono gelih. Nichein soso hluduig 
Suel in di kuoni. Thaz uuas inio gekunni 
Sumau thuruh skluogher. Suman thuruh stah her 
Her skancta cehanton. Sinan iian 
Bitteres lides. So uue hin hio thes libes 

55 Gilobot si thiu godes kraft. Hluduig uuarth sigi haft 

f. 143 '^'^•to- 

loh allen heiligen thanc. Sin uuarth ther sigi kamf 
uolar abur hluduig. Kunige ui[ ]salig 
garo so ser hio uuas. So uuar soses thurft uuas 
Gi lialde inan truhtin. Bi sinan orgrehtin. 

HALI^. J. ZACHER. 

49 Spilod unther E 1. 

53 c in skancta zweifeÜiafL flauten E 1. 2. 

55 uuarth ther fijphaft E 2. 

56 Iah E 1. 2. 

57 kuning un El. Kuning uu E 2. 



ÜBER DIE HEIMAT UND DAS ALTER EINES 
NORDISCHEN SAGENKREISES. 

Bei meinem letzten aufenthalte in Kopenhagen machte mich der 
bekante isländische gelehrte Gisli Br^julfsson aufmerksam auf einen von 
ihm in einer sitzung der königlichen gesellschaft für nordische altertums- 
kunde am 19. april 1870 gehaltenen vertrag und bat micli, ein inDags- 
telegrafen, in der nuramer vom 25. april 1870 enthaltenes referat über 
denselben dem inhalte nach hier zu veröflfentlichcn. Ich tue dies , jedoch 
mit der ausdrücklichen bemerkung, dass in einem so kurzen referat 
natürlich eine ausluhrliche begründung der aufgestellten behauptung nicht 
gegeben werden kann , eine begründung , wie sie herr Brynjiilfsson in 
seinem langen vortrage mit der ihm eigenen gründlichkeit und genauig- 
keit geliefert hat. 






^Sri\ 



814 KÖLBING 

Es handelte sich in der erwähnten sitzxmg um eine im altnordischen 
museum in Kopenhagen aufbewahrte k irchen tur von^ Yalthjöfstad im öst- 
lichen teil von Island. Die in zwei felder geteilte tür entEälTauf bei- 
den eine in holz sehr kunstfertig eingeschnittene darstellung von der 
bekanten und in verschiedenen Variationen widorkehrenden sage von einem 
yy ritter, der einen löwen aus den klauen eines drachen befreit, indem er 
letzteren tötet. Der löwe begleitet ihn dann aus dankbarkeit auf seinen 
weiteren zügen und unterstützt ihn in seinen kämpfen.^ Der vortragende, 
kapitain Blom , nahm in Übereinstimmung mit herrn docent S. Orundtvig 
an, dass die darstellung auf dieser türe sich der hauptsache nach gründe 
auf die alte sage von dem kämpfe Dietrichs von Bern mit dem drachen. 
Er kam zu dem resultat, dass die türe etwa aus der zeit zwischen 1100 
und 1130 stamme. 

Dagegen bemerkte nun herr Brynjülfsson^ dass, da es sich mit 
historischer Sicherheit nachweisen lasse, dass die Mrche in Yalthjöfstad 
c. 1186 — 90 neu aufgebaut worden sei, als der häuptling Sigmundr 
Ormsson dort wohnte, doch entschieden die Wahrscheinlichkeit dafür 
spreche, dass auch die tür aus derselben zeit stamme, um so mehr, da 
kein grund sei, anzunehmen, dass jede Veränderung in der form der 
europäischen kriegswaflfen (auf welche sich Blom bei der Zeitbestimmung 
vor allem gestützt hatte) sogleich auch in Island adoptiert worden sei, 
namentlich wenn es sich um die darstellung einer alten sage handele. 
Das entscheidende und merkwürdige aber ist, dass man gleich von der 
besiedelung Islands an angeben kann, welche häuptlinge — stets ypn 
; derselben familie — in Yalthjöfstad gewohnt haben; und indem herr 
1 Brynjulfsson diese namen aufzählte, machte er darauf aufmerksam, dass 
dieselben so nah verbunden und beschwägert gewesen seien mit dem 
geschlechte des hischofs Gizurr und der Haukdaelir im Süden der insel — 
einem geschlcchte, dem wir die besten nachrichten über die bedeuten- 
den geschichtlichen Vorgänge im norden verdanken — dass die alte kir- 
chentur nun anlass dazu gebe, einem nicht unwichtigen, aber bisher 
wenig beachteten litterarhistorischen factum weiter nachzugehen. Der 
vortragende wies nun nach, dass es eine ganze reihe alter isländischer, 

1) In bczug auf parallelen ans romanischen litteratnrcn verweise ich anf Hol- 
land: Li romans don Chevalier au lyon. Hannover 1862 p. 133 fgg. nnd auf desselben 
gelehrten werk über Crcstien von Troies. Tfibingen 1864 p. 161 fgg. In nordischen 
sagas finden wir denselben zug ausser in der später noch zu berührenden Vilhjälma 
saga sjöds in der Konräds saga keisarasonar er for til Ormalands (cd. G. pordar- 
son , Kaupm. 1859 p. 25 fgg.) , ferner in der Hektors saga (A. M. perg. 152 fol.) nnd 
• in der Sigurdar saga pogla (ebendas.). E. K. 



EIN NORDISCHER SAGENKBEIS 315 

aber wenig bekanter erzähluDgen gebe, von denen nicht wenige uns in 
pergamenthaudschriften aufbewahrt seien, und dass die darstellung auf 
der türe genau stimme mit der erzählung in einer derselben, der Vil- 
hjdlms_Saga Sjöds. In dieser saga ^ wii*d nämlich erzählt, wie einem 
prinzen Vilhjä Jmr , dem söhne des königs Bikardr von England, sein 
begleiter, ein löwe, den er aus den klauen eines drachen befreit hat, in 
einer schlacht getötet wird. Vilhjdlmr lässt das edle tier in einen stei- 
nernen sarg legen und mit goldenen buchstaben darauf schreiben, wer 
darin begraben liege. Aus der haut des löwen lässt er sich einen man- 
tel machen und das herz gibt er einem feigen manne, namens Sjöd*, zu 
essen, wodurch dieser für die zukunft löwcnmut bekomt. Den drachen- 
kampf Dietrichs von Bern hätten nur die herbeiziehen können, die keine 
andere sage ähnlicher art kenten und überhaupt keine klare Vorstellung 
von der sagengeschichte in ihrer gesamtheit besässen. Die erwähnte 
reihe von sagas angehend, bemerkte Brynjülfsson , dass sie alte, sagen- 
hafte berichte von den stamvätern der grossen sächsischen kaiser (Hein- 
richs des Voglers und der Ottonen) und fränkischen kaiser enthielten. Da 
es nun bekant sei, dass sowol bischof Gizurr wie sein vater Isleifr im 
elften Jahrhundert in Herford in Westfalen studiert haben, in der nähe 
von Wittekinds alter residenz, so könne es nun als erwiesen angesehen 
werden, dass jene sagen ursprünglich von diesen nach Island gebracht 
worden seien, da, wie man sehe, ihre verwanten ein so grosses gewicht 
auf dieselben legten, dass sie danach das schnitzwerk auf der kirchen- 
tür von Yalthjöfstad anbringen Hessen. Die besprochenen sagas bekämen 
hierdurch eine ganz andere bedeutung als bisher, indem es sich mm 
zeige, dass sie — im allgemeinen sehr gut und sagamässig erzählt — 
direkt stammen aus dem Zeitalter der sächsischen kaiser^ das selbst noch 
bedeutend gewesen sei und darum auch die sagen in einer achteren und 
ursprünglicheren form bewahrt haben möge, als dies in einer späteren 
zeit der fall gewesen sei, wo dichtungen, wie das Nibelungenlied, Wolf- 
dietrich und ähnliche verfasst worden seien. Die deutschen litterarhisto- 
riker täten eigentlich unrecht, wenn sie auf die hohenstaufische zeit so 
viel gewicht legten mit ihrer sogenauten höfischen poesie. Denn diese \ 
sei durchaus nicht bedeutend: es sei dies nur eine zeit des herabsinkens 
und der Verderbnis der ursprünglichen stolfe, in welcher schon, in folge 
des alle mannheit und tapferkeit untergrabenden einflusses der hierarchie, 
der schlechte geschmack für charakterlose legenden und abgeschmackten 
minnegesang herschte, und die fähigkeit, wirklich grosse Charaktere auf- 
zufassen und zu schildern, sich nicht mehr vorfand. 

1) Volstandig erhalten n. a. in A. M. perg. 548 , 4". 



316 A. V. EÜSLLER, CONSONANTENANGLEICHUNG 

So weit lierr Brynjülfsson. Mögen wir mit seiner ansieht über 
die erste blütenperiode unserer deutschen poesie im mittelalter überein- 
stimmen oder nicht, jedenfalls ist das, was er über den mehrfach erwähn- 
ten „Sagenkreis" berichtet, sehr beachtenswert, um so mehr, da derselbe 
bis jetzt in Deutschland so gut wie gänzlich unbekant ist. Eine nähere 
beleuchtung desselben, vor allem natürlich eine kurze analyse der hier- 
hergehörigen sagas , die man leider mit wenigen ausnahmen bis jetzt nur 
nach den geschriebenen quellen kennen lernen kann, ebenso wie eine 
angäbe der momente , die uns berechtigen , diesen sagas in ihrer gcsamt- 
heit die bezeichnung eines „Sagenkreises" zu geben, behalte ich mir selbst 
für eine andere gelegenheit vor. 

DRESDEN. EUGEN KÖLBING. 



DIE CONFLUENZ DER CONSONANTEN UND DIE 

SITDDEUTSCHEN PHILOLOGEN. 

In der Zeitschrift für deutsche philologie von Höpfner und Zacher 
2, 254 fg. hat Hildebrand eine erscheinung des süddeutschen conso- 
nantismus besprochen, welche schon darum, weil sie auch zuweilen in 
die Schriftsprache eindringt, beachtung verdient; es ist die angleichung 
auslautender dentalen an folgende consonanten, z. b. schwäbisch wib- 
her statt wittwer, neuhochdeutsch empfehlen statt entfehlcn. Diese erschei- 
nung beschränkt sich aber nicht auf auslautende dentalen; im schwäbi- 
schen werrtag statt Werktag tritt ähnliches bei der gutturalis ein. Die 
feine , mit reicher exemplitication ausgestattete ausführung dieser beobach- 
tung verdient die vollste anerkennung. Wenn aber 2, 255 gesagt wird: 
„Man ist sich gegenwärtig in Süddeutschland dieses sprachgesetzes 
nicht bewust. Das darf oder muss ich annehmen, so lange nicht etwa 
ein süddeutscher philologe gegründeten einspruch- erhebt," so fohle ich 
mich verpflichtet, zu widersprechen, und glaube, diesen einspruch durch 
Verweisung auf Moriz liapps Versuch einer physiologie der spräche (Stutt- 
gart bei Cotta 183G) 1, 131 bis 134 begründen zu können. Das genante 
buch, das einst Schmellei-s lebhafte teilnalnne erweckt und ihn zu ein- 
gehenden und anerkennenden anzeigen desselben veranlasst hat, ist über- 
haupt heutzutage über gebühr vergessen. 

TÜBINGEN. A. v. KELLER. 



317 



A L T V I L. 

Staatsrath dr. Leverkus hatte es übernommen den artikel altvil 
für das niederdeutsche Wörterbuch auszuarbeiten. Da ihm aber derselbe 
unter der band an ausdehnung gewann und für das Wörterbuch zu 
gioss wurde, war es seine absieht ihn besonders in einer Zeitschrift zu 
veröflfentlichen. Seine krankheit und sein darauf im november 1870 
erfolgter tod Hessen ihn den artikel nicht vollenden. Wenn ich jetzt 
aus seinen hinterlasscnen papieren das fragment zum abdrucke bringe, 
so bitte ich es mit den umständen zu entschuldigen, wenn der artikel 
nicht die einheit, geschlossenheit und bündigkeit hat, die ihm mein ver- 
storbener freund sicherlich gegeben hätte, wenn ihm ein längeres leben 
vergönnt gewesen wäre. a. lübben. 



Ai.Tvn. (altwil). Dies viel erörterte seltene wort erscheint nur 
pluralisch altvilc und zwar zuerst im Sachsenspiegel I, 4 an einer gereim- 
ten stelle, deren anfang nach Homeyers ausgäbe lautet: Uppe altvile 
nnde uppe dwcrge ne crstirß weder len noch erve, noch uppe hropdkint. 
Pur dwerge wird man hier, wie das reim wort anzeigt, ursprünglich wol 
dtcerve gesagt haben; vergl. Brem. wb. I, 281. s. v. dwarf. Es sind 
insbesondere bucklichte und andere schief gewachsene Menschen {dwerch 
=» transversus) darunter zu verstehen und nicht etwa bloss winzig kleine 
{dwerch = nanus). Nach der kleinen gestalt ohne irgend ein bestirntes 
maass würde keine entscheidnng über die erbunfähigkeit eines menschen 
möglich gewesen sein, und auch ebenso wenig nach dem unrichtigen 
wuchs. Indessen erhellt aus dem zusammenhange klar, dass niemand 
erben soll, der wegen dauernder Schwachheit oder gebrechlichkeit nicht 
selber sich zu helfen im stände, sondern lebenslang auf die pflege der 
seinigen angewiesen ist. Dieser rechtsgrundsatz , einfach und bestirnt 
genug für die anwendung, beruht auf dem erfordemis der wehrtüchtig- 
keit jedes erben, und weist also zurück in sehr alte zeiten. Er hat sich 
am längsten erhalten im lehnrecht, obwol schon von dem feudisten 
(II. F. 36) seine giltigkeit bestritten wird. In dem Originaltexte des 
Sachsenspiegels hat aber jener reimspruch gefehlt und ist von späterer 
band (gegen ende des 13. Jahrhunderts) offenbar nur deswegen eingescho- 
ben, um einige den Inhalt wesentlich ändernde bemerkungen daran zu 
reihen. Denn es wird hinzugesetzt, dass, wer ohne band oder ohne 
fuss, oder stumm oder blind geboren sei, nach lehnrecht allerdings 
nicht erbe, wol aber nach landrecht. Ein gleiches ist von den dwergen 

SBIT8CHR. 7. DBUT80HB PHILOLOOIB. BD. UI. 21 



318 LÜBBBN 

auffallender weise nicht bemerkt. Dagegen wird neben den drei bezeich- 
neten kategorieen der erbimfähigen eine vierte (früher nicht allgemein 
anerkante) noch hervorgehoben, die der aussätzigen oder mesdseken, 
welche weder len noch erve empfangen. 

Ganz diesen bemerkungen entsprechend heisst es dann im Bicht- 
steige lehnrechts bei Homeyer II. 520: sint [» sint de] Uinden stum- 
men lamen maselsucktigen aUvüe unde dwerge nicht lenerven en sin. 
Hier vertreten die blinden xmA stummen und lahmen die kategorie der 
kropele, welche nicht besonders genant werden, und unter ihnen stehen 
die lahmen den handelos oder votelos gebomen menschen des Sachsen- 
spiegels I, 4 gleich. 

Unklar bleibt uns demnach allein die kategorie der dUvile, so lange 
wir die eigentliche bedeutung des wertes nicht mit Sicherheit verstehen. 
Zwar ist die ganze stelle des Sachsenspiegels ausführlich auch in den 
Goslarer Statuten, bei Göschen s. 10, zu gründe gelegt, und wortgetreu 
noch im Berliner stadtbuche , bei Fidicin s. 10 , widergegeben , aber diese 
rechtsbücher gewähren zur aufklärung über die (ütvile (so lesen beide) 
gar nichts. Dass das überhaupt in keinen anderen mittelniederdeutschen 
quellen vorkommende wort schon im mittelalter hie und da nicht ver- 
standen worden ist, zeigen die verschiedenen lesarten bei Homeyer: 
(neben cUtvüe, (dttoile) aUveile, cUtweile, cdmle, antvüe, cdtifUe, aldefil, 
denen manche andere noch hinzugehen. Sogar alceuvü lesen mehrere 
handschrifben des 15. Jahrhunderts, in demselben sinne me eine rand- 
bemerkung der handschrift nr. 434 cdtutwie (vole ist eine mittelnieder- 
deutsche nebenform für rcfe), und diese angeblichen „allzuviele" werden 
von einigen glossatoren erfinderisch gedeutet als menschen, welchen all- 
zuviel angeboren ist, nämlich zers und futt oder heider kunne mechte. 

Wirklich hat man, einer so ungeheuerlichen deutung folgend, bis- 
her die altmle meist für hermaphroditen gehalten. Als ob nur die her- 
leitung „ganz unwahrscheinlich/* aber der sinn des wertes richtig ange- 
geben wäre, versucht es Grimm B. A. 409 fgg., eine herloitung vom 
althochdeutschen widello » hermaphrodüus zu begründen. Später hat 
er sich jedoch in der Geschichte der deutschen spräche 947 den glossa- 
toren wieder genähert, und vü » multus als zweiten teil der Zusam- 
mensetzung angesehen, weil er ein althochdeutsches <üta » menibrum 
gefunden zu haben meint, „ein sonst unerhörtes wort** Auch ihm sind 
also die altvile menschen, die „mehr als ein glied** haben und Müller 
im Mittelhochdeutschen wörterb. III, 314 ist bereit, ihnen ebenfalls „ein 
glied zu viel** beizulegen, „wenn aU glied bedeutet.** Es hätte wol in 
betracht kommen dürfen , dass zu vid mittelniederdeutsch nie anders als 
tQ vde oder auch to (tu) vcle heisst Aber darüber kann man hinweg- 



ALTTIL 819 

sehen bei dem wunderlichen zuschnitt, welchen das wort ohnehin erfah- 
ren haben moste, nach dieser deutung Grimms und Müllers nicht min- 
der als nach jener der glossatoren. Gewis hat ihm Homeyer einen viel 
geringeren zwang angetan , um den begriff zwitter hineinzubringen , wel- 
chen er zum yoraus „annimt/^ Sachsensp.bd.il, s. 560. Mit recht 
geht er davon aus, dass tvü als der zweite teil der Zusammensetzung 
betrachtet werden darf, da der buchstabe v an solcher stelle sehr häu- 
fig in handscbriften des 13. und 14. Jahrhunderts ffur w verwant wird, 
und erkent als den ersten teil al » omnino. Schlimm ist es indessen 
schon, dass er auf diese weise den vorausgesetzten begriff zwitter in 
dem alleinigen werte twü finden muss und al in der Zusammensetzung 
nicht blos überflüssig wird, sondern geradezu sinlos erscheint. Schlim- 
mer freilich noch, dass ein mittelniederdeutsches Substantiv twil =-■ her- 
maphrodüus nirgends nachzuweisen und als „ eines der zahlreichen deri- 
vata von zwei" nur ein mittelniederdeutsches Substantiv ttcil (mittelhoch- 
deutsch cztmßy das ist ewü^ Diefenb. nov. gl. s. 313 und gloss. 483) *= 
ramus bekant isi Weil jeder neue schössling am stamme oder ast eine 
zweiung oder Spaltung und also Verdoppelung darstellt , so bedeutet mit- 
telniederdeutsch tfviUen (mittelhochdeutsch eunlhen) spalten, verdoppeln. 
Auch wird ein stamm oder ast mittelniederdeutsch twület (en twiUede 
bom) genant, wenn er in gabelform gewachsen ist (Vgl. ene twiUede 
beke; dat twiUede stucke landes, in oldenburgischen Urkunden vom jähre 
1523 und 1479.) Endlich kann sogar alles, was gabelförmig auseinan- 
dergeht, nach dem voc. theotonicalis durch das mittelniederdeutsche 
adjectiv ti4^ bezeichnet werden. Aber deswegen sind wir doch nicht 
berechtigt, auf ein mittelniederdeutsches adjectiv twil „mit dem sinne 
zweigliedrig" zu schliessen> wie Homeyer es verlangt, um den sinn 
zwei geschlechtig zu erhalten. 

Seine herleitung des wertes altvü oder aitwil, so scharfsinnig sie 
ist, wird grammatisch dadurch hinfällig, dass dieses wort auch in mit- 
telhochdeutschen quellen vorkomt, und zwar ebenso wie mittelniederdeutsch 
mit t gebildet, nicht mit z. Die mittelhochdeutsche Übersetzung vom 
Bichtsteig lehnrechts bei Homeyer H, 520 liest an der oben citierten 
stelle buchstäblich aUuüe, und man darf nicht sagen, dass der Über- 
setzer den sinn des wertes in der mittelniederdeutschen Urschrift etwa 
nicht verstanden habe. Denn dasselbe findet sich am ende des 12. Jahr- 
hunderts schon als beiname eines bairischen adeligen Marquart Altvil 
in M. B. Vn, 450, Marchwart Altfil in M. B. H, 844 und VII, 428, 
und ferner begegnet es auch mit der adjectivendung -isck etliche male 
bei Fischart; siehe Grimms wörterb. I, 275 s. v. aUwilisch, Ein derivat 
von ,,zwei^' lässt sich also keinesweges in diesem werte finden. Über- 

21* 



320 lCbben 

haupt aber muss man es aufgeben, in ihm den sinn zu suchen, welchen 
die glossatoren des Sachsenspiegels herausgeklugelt haben. Es zwingen 
dazu nicht bloss sprachliche gründe. 

Der Zwitter ist als eine misgeburt, in welcher mann und weih ver- 
einigt sein sollen, aus der griechischen fabel zwar genugsam bekant, 
jedoch in der Wirklichkeit ein so seltenes wunder, dass unser altertum 
nicht einmal eine bezeichnung daför gehabt zu haben scheint. Denn das 
deutsche wort „zwitter" bezeichnet ursprünglich nicht einen hermaphro- 
diten , sondern einen mischling aus zwei verschiedenen arten oder unglei- 
chen ständen, einen bastard. Auch althochdeutsch wideUo bezeichnet 
nicht ein wesen, welches beider kunne mechte zugleich besitzt, sondern 
umgekehrt ein solches, das von beiderlei gemachten weder das eine, 
noch das andere hat, nämlich einen verschnittenen. Die Schlettstädter 
glosse bei Haupt, zeitschr. V, 357 sagt ausdrücklich: ividd, qui tesHcu- 
los tum habet. Es gilt in übertragener bedeutung dieses wort für jeden 
unmännlichen wicht oder weibischen mann (violUs, effeniinatus, s. Graff I, 
653 und 777), und ausserdem ebenso wie alt- und mittelhochdeutsch 
invUarn für alle halbschlächtigen geschöpfe, welche durch ihre abstam- 
mung in der mitte zwischen zweien arten stehen, also keiner von bei- 
den ganz angehören; s. Haupt a. a. o 367. s. v. hibrida imd Schmeller I, 
396 {ssuitharn, hibris). Das eine wie das andere wort hat in solchem 
sinne auch angewendet werden können auf das griechische phantom , wel- 
ches nach der fabel bei Ovid. Met. lY, 379 in seiner Zusammensetzung 
keines von beiden geschlechtem und gleichwol von beiden jedes — w^m- 
trunique et utrumque — zur erscheinung bringt. Aber erst im späteren 
mittelalter und nur in vocabularien wird mittelhochdeutsch zwetorn, 
ztvidom, zwitor zur Übersetzung von hermnphroditus gebraucht, und 
wol nicht ohne den cinfluss des klassischen altertums ist seitdem dieser 
ursprünglich dem werte ganz fremde begriflF allmählich der herschende 
geworden. Heutzutage werden daher auch ältere quellen, in welchen 
von Zwittern die rede ist, leicht unrichtig aufgefasst, und selbst 
Grimm R. A. 410 hat übersehen, dass in der von ihm citierten quelle 
des 16. Jahrhunderts die zmttcme nichts als bastarde sind. 

Über hermaphroditen handelt keines unserer alten rechtsbücher 
irgendwo. Dass aber diese höchst seltenen (von der plastik der Grie- 
chen phantastisch veredelten) misgebmiien in der gereimten rechtsparö- 
mie des Sachsensp. 1,4 als eine der drei kategorien von erbuniähigen 
und zwar an erster stelle sollten aufgeführt worden sein , ist um so weni- 
ger denkbar, weil alsdann eine sehr zahlreiche kategorie vergessen sein 
würde , welche gerade ihrer Wichtigkeit wegen vor jeder anderen genant 
werden muste, die der geistesschwachen. Eine bestätigung dafür, dass 



ALTVIL 321 

in dem reimspruch unter den einer dauernden pflege bedürftigen und 
eben deswegen erbunßlhigon menschen an erster stelle die irrsinnigen 
oder unklugen gemeint und bezeichnet worden seien, gewähren uns die 
Übersetzungen. In der von Hattema zu Leeuwarden 1834 und 1835 her- 
ausgegebenen Jurisprudentia Fiisica, einem Sammelwerk aus dem 15. Jahr- 
hundert, ist II, 222 der ganze artikel des Sachsenspiegels übersetzt, des- 
sen anfang hier in friesischer mundart lautete: Op derten lyued (törichte, 
d. h. verrückte leute) ende dtoirgen enmey neefi leeii ner ncen erwa 
hystera (besterben). Auch die Haager handschriffc nr. 292 von 1451 über- 
trägt altvile^ welches also dem holländischen abschreiber kein geläufiges 
wort muss gewesen sein, durch dämmen luden. Insbesondere sind aber 
die lateinischen Übersetzungen des Sachsenspiegels zu beachten, deren es 
nach Homeyer wenigstens drei verschiedene gibt Weil die für cdtvä^i 
und für dwerge von ihnen gebrauchten ausdrücke gewöhnlich nicht strenge 
genug auseinander gehalten werden, so stellen wir für jede dieser bei- 
den kategorien der erbunfähigen die dreifachen lateinischen bezeichnun- 
gen so neben einander, wie sie sich ergeben aus Homeyers Deutschen 
rechtsb. s. 14 und seiner dritten ausgäbe des Sachsenspiegels s. 160. 
Die von ihm verglichenen handschriften verwenden, was wol hervorge- 
hoben werden darf, das wort hemmphroditus überhaupt nicht Sie 
gebrauchen vielmehr an erster stelle die ausdrücke Ls. neptunius oder 
Lz. vanus (denn naiws ist hier ohne zweifei tmnos zu lesen, während 
die lesart Lb. gnauos aus ignauos, vgl. Diefenbach Nov. gl. 209 ignavt$8, 
dfd, und Gloss. 285 gech, thum, unweysz; 2 Voc. Wolfenb. igtiavus^ 
unwettich; Voc. Loccumensis: ignarus, vfiwetende vd est stultus; ignauus, 
idem, vnweytende; ignauta, Ignorant ia, entstanden sein mag) oder Lv. 
fatutis. Irrtümlich wird also homunciones , d. i dwerge von Grimm 
R. A. 410 und sogar von Homeyer selbst, dritte ausgäbe s. 395, auf 
altvile bezogen. In folge davon , und zugleich wegen der falschen lesart 
nanos für uanos ist von dem letzteren auch das wort n^tunitts irrig 
verstanden worden , Deutsche rechtsb. a. a. o. Der altvil hat nicht ein 
„zwerghaftes*' wesen, wol aber ist sein wesen nach niederdeutschem 
Sprachgebrauch dvisch, wofür mit neptunius (Diefenbach Gloss. 378 
neptunuSy necker) treffend gesagt werden kann. Denn der fatuus oder 
vanus und ignavus ist nach dem glauben alter zelten durch berührung 
der dve geistesschwach, d. h. dvisch geworden. (VgL Kosegarten nd. 
wörterb. 226 und Schambach, 56.) Die Übersetzungen alle, nicht bloss 
die lateinischen, fordern demnach übereinstimmend eine solche deutung 
des reimspruchs im Sachsensp. I^ 4, wie sie etwa die goldene buUe kai- 
sers Karl IV. von 1356 durch ihre bestinmiung über die fähigkeit zur 
regiei-ungserbfolge gibt , c. XXV. § ^ : Pritnogenitus ßius succedat in 



tS22 LÜBBEN 

eis (principatihus), ni&i forsitan mente captus, fatuus seu aJterius famosi 
€LC notäbilis defedus eodsteret, propter quem tum deberet seu passet homi- 
nibus prindpari. 

Es wird nuniuehr darauf ankommen, ob ein den Übersetzungen 
entsprechender begriff in dem werte aUvü auch etymologisch darzulegen 
ist Haupt, welcher in seiner Zeitschrift VI, 400 zuerst auf den beina- 
men des bairischen adeligen Marquart Altvil oder AMI aufmerksam 
gemacht hat, erachtet es durch die letztere Schreibart als erwiesen, dass 
aU » vetus der erste teil der zusanmiensetzung sei, ohne jedoch für vü 
eine erklärung zu finden. Indem er aus den lateinischen Übersetzungen 
des Sachsenspiegels irrig homuncio als mit altvü gleichbedeutend heran- 
zieht, erinnert er an das „greisenhafte aussehen der zwerge, die in den 
sagen und märchen immer alt erscheinen/* Es ist fireilich nicht einzu- 
sehen, wodurch alsdann die aUvüe und die dwerge des reimspruchs von 
einander sich unterscheiden sollten. Sachsse versucht indessen in der 
Zeitschrift für deutsches recht XIY. 6 fgg. den gedanken Haupts weiter 
zu entwickeln , und findet in (dtvil auf drei verschiedenen wegen , deren 
einer den andern an kühnheit übertrifift, inmier die bedeutung „wechsel- 
balg.** An der meinung, dass eine Zusammensetzung mit alt vorliege, 
hält auch Höfer fest, welcher dem werte kürzlich eine besondere schiift 
gewidmet hat: Altvile im Sachsenspiegel, Halle, 1870.^ Es scheint ihm 
die lateinische bezeichnung neptunius, weil er sie gerade so wieHomeyer 
versteht, wirklich die bedeutung wechselbalg zu ergeben. Nur sieht er 
darin ein misverständnis von selten des Übersetzers, und erklärt allein die 
von einem andern Übersetzer gewählte lateinische bezeichnung fatuus für 
die richtige. Er behauptet mit recht, es könne der reimspruch an erster 
stelle nur „geistige krüppeP* verstanden haben im gegensatze zu den 
mit körperlichem fehl behafteten. Überraschend aber ist seine wort- 
erklärung, welche diesen sinn ergeben soll. Denn er gelangt zu der Über- 
zeugung, dass das wort aUvüe nicht mehr und nicht weniger als „alt- 
feile, alte feile** besage und eigentlich eine schelte müsse gewesen sein, 
wiewol er s. 26 sich selbst nicht verhehlt, dass das „unglaublich aus- 
sieht.'' Ernsthaft einer solchen etymologie zu widersprechen erscheint 
unmöglich, und nur die bemerkung sei gestattet, dass aUvüe keine sin- 
gularform ist. Das bestreben dieses wort von alt herzuleiten , ftthrt offen- 
bar zur Verzweiflung über den zweiten teil der Zusammensetzung. Wir 
halten dagegen die von Homeyer vorgeschlagene trennung der beiden 
bestandteile (in al und twä) für die richtige. Sicher würde dem berühm- 

1) Dazu als ergänzender nnd bestätigender nachtrag : „ AÜvüe im Sachsenspie- 
gel" in Germania, heraosg. von K. Bartsch. Wien 1870. 15, 417 — 419. Bed. 



ALTYHi 323 

ten herausgeber des Sachsenspiegels auch die nahe liegende deutung nicht 
entgangen sein, wenn ihm die anlautende tenuis in twil nicht verführt 
hätte ; darin ein derivatum von „zwei^^ zu suchen. Denn gewöhnlich 
hat allerdings der mittelniederdeutschen form für althochdeutsch twelan 
und mittelhochdeutsch twdn ein anlautendes d, ganz der regel gemäss, 
gebührt. Allein diese regelmässige mittelniederdeutsche foim dwdeii 
oder dwaien ist doch nicht die einzige. 

OLDENBURG 1870. LEVERKUS. 

Bis soweit reicht das manuscript meines verstorbenen freundes. 
Nach den anliegenden notizen und nach den besprechungen, die ich so 
häufig wegen dieses wertes mit ihm gehabt habe , möge es mir gestattet 
sein, folgendes hinzuzufügen. 

Nach dem gesetze der lautverschiebung muss das gotische wort 
dvals mit seinen ableitungeu und Zusammensetzungen, dvaiavaurdei^ 
dvaiitJia, dvalmön bei dem übertritt ' ins Hochdeutsche mit t anlauten, 
nicht mit z; im Niederdeutschen dagegen, das mit dem Gotischen auf 
derselben lautstufe der consonanten steht, muss das d bleiben. Danach 
kann also attvü, vorausgesetzt dass es von der wurzel dwdan herkomt, 
im Hochdeutschen nui* cd -twil geheissen haben; ist aUvil dagegen eine 
composition mit tvai (zwei), so muss es hochdeutsch in cd-zwil über- 
gehen. Nur in dem falle wäre für die erstere ableitung ein zw statt 
tw statthaft, wenn man annehmen wollte , dass der Ursprung des wertes 
schon früh in eine solche Verdunkelung geraten sei, dass man dasselbe 
als ein ursprünglich mit tw statt mit div anlautendes angesehen und 
dann dem gesetze gemäss in zw verwandelt habe. Der älteren zeit aber, 
der dwdan doch kein ungebräuchliches wort war, eine solche Unwissen- 
heit beizulegen, ist mislich. Etwas anderes ist es in der neueren zeit 
des Hochdeutschen , der das wort twden allmählich ganz abhanden gekom- 
men ist, abgesehen davon, dass im Neuhochdeutschen jedes dw oder ^t«? 
in zw übergeht. Daher ist es nicht auffallend, wenn wir bei Schmel- 
1er IV, 304 die bairische form gezwolen (= betäubt, verwirrt, irre redend) 
finden. Indes ist zu bemerken, dass die consonantengruppe iv, tw (dv, 
dw) sich nicht streng an die regel gebunden hat, sondern dw und tw 
jpramiscue gebraucht worden sind. Siehe Grimm, Gr. 1, 419 und Mit- 
telhochd. Wörterbuch unter tw. So wechseln dwifigen und ttvitigen, dwa- 
hen und twagen. Auch im Niederdeutschen sind dw und tw nicht immer 
auseinander gehalten, sondern manchmal mit einander vertauscht wor- 
den. So heisst es in den Bremer Statuten (von 1303), ed. Oelrichs 
s. 33: Wolde sc oc ere d(ighe vurswigen over twere ncLcht; s. 81: So we 
oc ander &n nies let uppe Hie strate 'bringen y the sal ene wech bringhen 



324 LÜBBBN 

loten umme the thwernacJift], Ebenso findet sich twertuiM im Lübecker 
recht ed. Hach (s. 328) in der handschrift D. , während die übliche form 
dwernacht ist. Ferner: Unde twinget den dmid to aller stunt, Theo- 
phil. I, V. 416 (von HoflFniann); Nu tto^itig gy uns mit juwer JddkheU, 
das. 578; van twangettes (=« dwandes) wegene, Botlios Chron. fol. 88. 
Namentlich findet sich in der halberstädtischen niederdeutschen bibel- 
übersetzung von 1522 — also in der Harzgegend, wohin auch der Sach- 
senspiegel zu setzen ist — häufig dw und tw ohne unterschied neben 
einander gebraucht, z. b. twengc {atigustia) Hieb 36, 15; ein luztUvcU 
to twagene^ 2. Mos. 30, 18; twagevat, 2. Mos. 31, 9; ^ dwoch, 2. Mos. 
40, 8; tuH)ch^ 2. Sam. 11, 2; twdinge {error) ^ Jes. 26, 3, se twdeden 
in der wiUenisse, Jes. 16, 8; dagegen: Ein iewdik, de dar dudelet van 
dem wege der lere, Sprich w. Sal. 21, 16 und so häufiger. Auch gibt 
das Brem. wörterb. 1, 280 und 5, 135 an, dass statt dwalen im Han- 
noverschen twalen gesagt werde. Es kann daher aus dem anlaute tw 
kein gegengrund hergenommen werden , dass aitvil nicht von dwden her- 
zuleiten sei. 

Dieses verbum, althochdeutsch twelun, twalian, iwelian^ angelsäch- 
sisch dvdianj altfr. (dwda) dwHa, mittelhochdeutsch twden, niederdeutsch 
dwelen, dwalen (dolen, doden, daien, daüen),^ gotisch dvalmon (daraus 
talmen), bedeutet wol ursprünglich: sich im kreise herumdrehen, sich 
herumwirbeln, eircuniagi, volvi, verti. Diese bedeutung ist freilich 
nicht mehr unmittelbar zu erweisen, sie ist aber aus einigen spuren 
ersichtlich. Es zeigt sich z. b. in dwadinge, dwadinghe int water, vor- 
teXj Eilian Dufflaeus; in dd, das einen kreisel (kusd) bedeutet; dop, toi, 
troperiUus, trochus^ Teuthon; dol, top, turho, trochus, vdübüe buxum 
bei KU. 8. v. top, der hinzusetzt: a toppen, drcumverti, sicut dol sive 
toi a dolen i, e. ab errando sive vagando, dum scutica agitatur. Daher 
tollen, ludere trocho; in dolle, sealmus, lignum teres, cui ^ruppis aUi^ 
gantur remi, der runde (gedrechselte) ruderpflock, Kil.; doUf, kaul- 
kopf, eottus gdbio^ der fisch mit dem dicken kugelförmigen köpfe, siehe 
unten dolf; dole, holländisch dod^ die Scheibe, nach der geschossen wird; 
dol-, dulwitt, der weisse punkt in der Scheibe; dde in dukdaUen oder 
dükdollen Stürenb. s. 42 , die mit seitenstreben versehenen pfähle in den 
häfen. Überhaupt scheint dd, dde alles das zu bezeichnen, was durch 

1) Das niederdeutsche dwelen wird übrigens sowol stark als schwach conja- 
giert: dwöl , dtvolen und dwelede ; gedwolen und gedwelt. Yn allen dessen dyngen 
dtooell dat hovet der kercken. Münst. ehr. 1, 136; vele, de dwolen das. 144; he 
dwelede van der kantnisse der toarheit Brief d. Cirillos (Mscr.) s. 105; De menschen 
hebhen gedtoolen in desser toostenye Brief d. Ensebius (Mscr.) s. 10; ick byn cifn 
schap, dat gedtDcU hefl das. s. 42. 



TLTVIL 325 

eine drehung entstanden ist oder entstanden gedacht werden kann, also 
rund , sei es scheibenrund oder kugelrund, erscheint. S. Grimms wörterb. 
2, 1227. Vgl. dollfusß, klumpfuss; doUschefikd ; doUeise}i, ein länglich- 
rund spitz zulaufendes Werkzeug zum fälteln der wasche; dölsch und 
dölsdiicht geschwollen. Siehe diese Wörter in Grimms Wörterbuch. — 
Ferner in tollen. Z. b. Overst ist . . dai gy goddcs wiüm tho lernen 
achtlos blivefi, so wirt iw ock die versiant seines willens alle tit ver- 
deckt sm, und nwten, wo die Uinden hei tage thun, gaen tasten unde 
toUen. Münst. Chr. 2, 302, wo es doch nicht insanire, ddirare heisseu 
kann, sondern , wie aus dem beigesetzten tasten und aus der sache selbst 
hervorgeht, herumfühlen, sich drehen und wenden nach art der blinden, 
bezeichnen muss. Ebenso ist vielleicht in der Magdeburger Schöppen- 
chronik, od. Janicke s. 207: In detnsulveti jare (1349) hegumien ichtes- 
wdke niegede mide vruwen in dem lande to Lusitze to dtdlen unde to 
dawsen utid jubileren vor unser leven vruwen hdde das duUen von einem 
herumspringen, tanzen zu verstehen, obwol es hier auch naturlich toll, 
unsinnig sein und sich so geberden heissen kann. Auch in der allitte- 
rierenden Verbindung „toben und tollen,^' das wir namentlich vom wil- 
den spiel der kinder gebrauchen, klingt noch die alte bedeutung durch, 
indem wir dabei weniger an den lerm, als an die raschen, wirbelnden 
bewegungen denken, in denen die kinder sich herumjagen. Auch das 
althochdeutsche dawalon bei Otfried III, 2, 7: Quad, er io bi noti lagt 
(der ßius reguli) dauuaionti, joh uuari in theru suhti mit grozeru 
unntahti, was mit „dahinsterben^^ (Wackernagel im Gl.) erklärt wird, 
ist vielleicht nichts anderes als das dwalon, das zucken, das palpUare 
der sterbenden (jpaJpitat et positas aspergit sanguine mensas, Ovid. Met 
5, 40), wenn es anders nicht in übertragener bedeutung „irre reden, 
phantasieren," wie es die im todeskampfe liegenden zu tun pflegen, 
gebraucht ist.^ Vergleiche auch daudn, daudeln » dcden im Brem. 
wörterb. 5 , 346 und Grimms wörterb. 2 , 646. Auch ist wol hierher zu 
ziehen das mittelhochdeutsche getwd. Din wi^en arm getwd. Lb. 3, 
574, deine runden (gleichsam gedrechselten) arme , vgl. Farziv. 258, 28. 

1) Maassgebenden anhält fär die beorteilong des Otfiriedischen ana^ leyojuevov 
dauualöfUi gewährt der Wortlaut der benntztcn qnelle. In der erzahlong von dem 
Hauptmann zu Kapemaum ist Ofhied nicht, wie die Verfasser des Tatian nud des 
Heliand , dem berichte des Matthaeos (cap. 8) , sondern dem des Johannes gefolgt. 
Dort aber heisst es in der entsprechenden stelle (4, 47): et rogabat eum, ut descen- 
deret et sanaret filium ejus; incipiebat enim mori. Hiemach ist dawalon als 
abgeleitetes verbum zu stellen neben got. *divan, prset dau, sterben, af-dat/^an, 
abquälen, abmatten, ahd. tatejan, towan (vgl. Mnspilli v. 1) sterben, vor welchem 
letzteren Grimm schon 1822 (Gramm. I*, 142) ein älteres *dawen vermutete, was 



326 LÜBBEN 

Jane wart nie drtßhsd so snel, der si (die brüste) gedreet hete hos. 
Bedenkt man ferner, dass dwy tw mit quj w wechselt, so möchte wol 
auch quelan (torquere) und quiUen, weUen (btdlire und nauseare s. Die- 
fenbach s. v.) tveUe (unda, fons und die cylinderförmige walze, occabu- 
lum, een welle, daermen die grote duteti mede bred Diefenb. nov. gloss. 
s. Y. so wie die dreh welle am brunnen), das adjectiv wd, rimd, und 
andere hieher gehörige Wörter unter diese wurzel dwdan zu bringen sein, 
und die im Mittelhochdeutschen wörterb. 3, 470 und 672 gemutmaasste 
verlorne wurzel wü, wcd möchte vielleicht in dwdan widergefunden sein.^ 
Aus dem „sich drehen** entwickelt sich naturgemäss der begriff 
des sich herumtreibens , sich auf derselben stelle bewegens , des sich auf- 
haltens (vgl. das lat. versari) und dwden komt fast dem waUön gleich. 
Wenn in den Loccumer biblischen erzählungen (mscr.) der erzvater 
Jacob sagt: Drittich iar unde hundert hebbe ik gedwcien in desser werlt 
(foL 25 *") , so ist das dwd&n ganz gleich dem waUon im Hildebrands- 
liede, wo Hildebrand sagt: Ih waUota surnarö oüi wintrö sehstic. Vgl. 
auch dole, femina vagabunda. Grimms wörterb. s. v. Dieser begriff ent- 
wickelt sich nun in den verschiedenen mundarten nach verschiedenen sel- 
ten hin. Im Englischen to dwdl hat der begi'iff des sich aufhaltens die 
ausgeprägteste gestalt erhalten, so dass jede andere bedeutung gegen 
die des „ wohnens *' zurückgetreten ist Im Altsächsischen — soweit wir 
wenigstens kentnis davon haben ^ nur einmal findet sich dudont, errant 
(Gl. Lips. bei M. Heyne, kleinere altnd. denkm. s. 45), — herscht der 
begriff des nicht vom flecke kommens — denn der sich herumdrehende 
bewegt sich freilich genug , komt aber trotzdem nicht vorwärts , sondern 
kehrt immer zu dem anfangspunkte wider zurück — des zögerns, säu- 
mens so wie transitiv {dwdicm) des aufhaltens, hindems, hemmens vor. 
HaMa thuo fa/rmcrrid (versäumt) thia moragan stunda, thes dagwerkes 
fordwolan, Heliand 3467; Ihan skal Judeono ßu, tJieses rikeas sunt, 
herobode werdan bedudida (so der cod. cott., bedelida cod. monac.) 
sidikoro diurdo (ehren) 2140; wid fiundo nit, wiä dernerö duHÜm (hin- 
derung) 53. Ebenso im Althochdeutschen s. Graff Y, 548 ff., und im 
Mittelhochdeutschen, siehe Mittelhochd. wörterb. unter twden. Im Nie- 
derdeutscheu, das uns hier besonders angeht, hat die wurzel nach der 
Seite sprossen getrieben, dass dwalen dwden vorzugsweise „in der irre 

seitdem bestätigt worden ist durch das ga-tauuen, mortem (j^i) des fragmentes de 
vocatione gentium. Fragm. theot. ed. 2* Yiennae 1841. s. 15 (22). Müllenhoff nnd 
Scherer, denkmäler dentscber poesie u. prosa s. 164 (3, 8). Über die etymologie von 
divan nnd ^rrjaxnv vgl. Cnrtins, gmndzüge d. griech. etym. 2.a. Leipzig 1866. 
B. 479. Z. 

1) Vgl. Cartias a. a. o. nr. 527 s. 822. Z; 



ALTVIL 327 

umhergeben ; umherirren" bedeutet, bystrm, dwden, dwalen, dcien, 
dalen^ wäüopm, Teutbon. und KiL, so wie die Vocabularien unter 
errare, aherrare, deviare, vagari usw. „dtvadjeth (in Stade) allenthalben 
herum laufen, ohne sich daran zu kehren, ob der weg gebahnt oder tief 
und kotig ist. Darum nent man daselbst ein kind, das durch dreck 
und pfatzen läuft , een dreekdtoalger^" Brem. wörterb. 5 , 359. Hierher 
gehört: dwellecht, Irrlicht, Kichey Id.; dwdwech^ devium^ Voc. Engelh.; 
dolhof, labyritUhus , Kil. ; dwelgarfdejn , Stürenb. 8. 43. Im übertrage- 
nen sinne wird es gern, ausser in der bedeutung von aufruhr, Verwir- 
rung, wirrsal {De van Bestock toeren gekomen in eyne dwalerie unde 
af Seiten aren rat, Bothos chron. fol. 280) von der abirrung von ^em 
wege der Wahrheit, vom rechten glauben = ketzerei gebraucht, wie auch 
althochdeutsch gatwola , tueresis, Graflf V, 552. Dtoedre van der her- 
stefi geloven, hereticus; sulke dwelyng Jmtheresis, Teutbon.; mesters der 
dwdlinge, Dialog. Greg, (mscr.) fol. 246; de gruwsanie dwellonge, ver- 
doempte secte unde lere der wedderdoep, Mflnst chron. 2, 217; Dar (im 
glauben) wart Hus unrecht inne vunden unde dwdhaftidh. Lüb. chron. 
2, 487. 

Auf geistige tätigkeit bezogen heisst dwden mit seinen gedanken 
herumirren, irrsinnig und wirrsinnig, verdummt, betäubt sein, und 
bezeichnet jede art von geistesstörung von der stumpfsinnigkeit an bis 
zur raserei. Setzte man, wie es im Mittelhochd. wörterb. (3, 159^) 
geschehen ist, nach den althochdeutschen glossen bei Oraff V, 548 ior- 
pere^ starr sein, als grundbedeutung an, so könte nie daraus die sinn- 
liche bedeutung des herumirrens hervorgehen, noch würden sich Idle 
unterschiede des Irrsinns darunter begreifen lassen, denn ein toller 
mensch, furiosus,^*ftmbundtis ist doch nicht ein homo torpidus, wol 
aber sind beide dwdende. Die althochdeutschen glossen, die nach glos- 
senart nur eine bestimte stelle ins äuge fassen, geben nur die eine 
seile des dwdens an , die besinnungslosigkeit , betäubung , lethargie ; denn 
auch diese gehört zur „tobsucht^'; vgl. Diefenb. s. v. letargia, licargia, 
tobende sucht . . . wer sy hatj der ist iemerleich mit cjsugetan ougen aiso 
ob er slafe; , . den tobensucktigen , dy do di äugen czu tun, alsi slaffen. 
Die im Mittelhochdeutschen Wörterbuch unter ertwil angeführten stellen 
{die ertrunk&n und ertwälen . . si erstiditen Ufid ertwälen) sind deshalb 
meiner meinung nach richtiger zu übersetzen: sie ertranken (erstickten) 
und verloren die besinnung. Es fragt sich aber, ob nicht vielleicht 
beide stellen besser unter erquü » sterbe anzusetzen sind. 

In den rosten der gotischen spräche ist diese Wortfamilie nur noch 
in dieser abgeleiteten oder übertragenen bedeutung zu finden und zwar 
sowol im sinne von raserei fiavia {uvdwUhm habaOh jah dwalmoth, 



328 LÜBBEN 

^udvevca , Joh. 10 , 20) als von Stupidität und dummheit (Xioqia {thata 
vaurd galgins tliaim fralusnandam dvalitha (fnogla) ist, l.Cor. 1, 18). 
Im Alt- und Mittelhochdeutschen sind die verbalen formen in dieser 
bedeutung nicht gebräuchlich; nur das Substantiv twalm (qualm, dolm) 
findet sich so, das aber nicht mit Grimm, wörterb. 2, 1776 als „druck 
auf das gehirn*^ zu deuten, sondern vielmehr mit „taumel, wirbel, 
Schwindel, betäubung, vertigo'^ zu erklären ist Vgl. Graff V, 552: 
twcUm, letJuirgus, somnt^, excessus (d. i. exavaaig, sowol geistesver- 
zückuiig; als tiefe ohnmacht), pavor, und Diefenb. s. v. ahductio: quando 
quis pro nimio dolore (ibaliencUur, twalm; extasis, excessus moUis, pro- 
prie beswyfnet. cod. Luneb. v. j. 1488 (mscr.). Im Niederdeutschen ist 
das wort in dieser bedeutung sowol in verbal- als nominalformen viel- 
fach verbreitet: hystereny.dwelen (dwaien), lasen, desipercy Teuthon.; 
d wallen, vagari, mente captum se praebere. He dwaUt so wai Ihcrüin- 
wer her^ Manzel, Bützow. ruhest 3, 33; dwalen, sich im urteilen 
betrügen, unvernünftig handeln, törichte Sachen vorbringen, i^erdwaict 
SfiaJcken, unvernünftiges, albernes geschwätz vorbringen. Brem. wörterb. 
1 , 280 ; „ Daher braucht man in einigen gegenden Englands dwatde für 
die verrückung des Verstandes im fieber, das irrereden der kinder,'^ 
das. 5, 359. BedwooU, verwirrt, verirret, Strodtm. osnabr. id. s. 22; 
een verdwden kerl, einer der nicht richtig im köpfe ist^ das. s. 46; 
talmen, (dalmen, Grimms Wörterbuch unter daMen)^ manisare, Voc. 
Engelh.; Doren, wan de begannen to schympen, so talmen de boven 
ganz gerne ^ Eoker 1304; vgl Brem. wörterb. 5, 15; Stürenb. s. v. 
Strodtm. gibt dem werte talmen s. 241 auch die bedeutung: heftig bit- 
ten, betteln. He steiht un taltnet im thronet assen beedler. Dies ist 
unrichtig; schon das Brem. Wörterbuch bemerkt, dtss diese bedeutung 
in Bremen unbekannt seL Wol aber heisst es (wie twden) zaudern , wie 
auch Strodtm. selbst als zweite bedeutung ansetzt: an eine sache nicht 
wollen, aufschub suchen. In dem angefahrten beispiele heisst es auch 
nichts anderes als „zaudern, nicht weg wollen," wie es die art unver- 
schämter, zudringlicher bottler ist, die ihren weg nicht rasch aus der 
tfir finden können, sondern stehen bleiben und von neuem ihre bitten 
erheben, dalen, dallen, kindisch reden, Grimms wörterb. s. v. und 
Frommann, mundarten 2, 41. 

Für den zweck gegenwärtiger Untersuchung sind uns besonders die 
nominalformen von Wichtigkeit, deren es eine ganze menge gibt. An 
der spitze steht das gotische dvals, stupidt^; et^i dwal, quidam fatuus, 
Oldenb. chronikens. II, 513 (mscr.); dwal er, narr, dmnmkopf, klotz. 
Stieler 354; dwal-icht, ein dimlichter nwnsch, das.; dwal-lich, 
He iss gantz dwailich, item dwcdsdi, Manzel 3, 33; dwäl-sky dumm, 



ALTVIL 329 

albern, Richey, Idiot.; dtväl-ke, eine alberne frauensperson , Brem. 
wörterb. 1, 281; d wallies, ddirus, Chytraeus 7Wfnencl, sax,; dtcel, 
dul vd dwd, ignarus. Voc. Lamberti S warten a. 1419 (niscr.); dwcl-sch, 
dat dtvelsche wif, mulür fantastica , Münst. ehr. 1 , 1 54 ; dwälsk, när- 
risch, albern, Strodtm. s. 45 ; dwel-ich, crronews, Voc. Wolfenb. (mscr.). 
Dies adjectiv steckt vielleicht in dem althochdeutschen manuduüigcr 
(und manothwilino), hinaticus, mondsüchtiger, der durch den vermeint- 
lichen eiufluss des mondes dwelich, durillich, irrig im köpfe geworden 
ist, GraflFI, 829; dwil-sk, schwindlig, Brem. wörterb. 1, 284; dwihk 
in de hopp, wirr, z. b. im fieber, schwindlig, Stiirenb. s. 44; twilsch, 
ttvelich, twalschy bei Schambach, im sinne von „widerspenstig," eigentlich 
wol wirrköpfig.* — doli oder dull, dumvd dtd, [hjebes, grosms, Voc. 
Engelh. Dahin gehören die Zusammensetzungen mit doli: ddl-apfd, 
doli 'Urne, doJl-kirsche (atropa belkulonna), doU-korn (lolium teniu- 
I^ntt4m, taumellolch, auch twalcli, duleh genant, Brem. wörterb. 5, 135), 
dcU'tvurz (aconitt(m) , doli -trank, doU-wasser u. a., alles Schwindel, 
taumel, betäubung erregendes bezeichnend, dulms, dolms, stupidus, 
stolidus, Grimm, wörterb. 2, 1509; dolm-trank, Grimm, wörterb. 2, 1232; 
mittelhochdeutsch twalnUrank, walmwurz (d. i. dwalni-, ddmtcurz) lolium, 
Diefenb. s. V. ; talmiger, fatuus, Diefenb.s.v.; talmliaftich, langsam, zau- 
derhaftig; talmke, „ein faules, plauderhaftiges weib, das nichts beschicket,^' 
Brem. wörterb. 5, 16; dalmerig, beiSchambach; ferner (^aZZmann, ham- 
pelmann, nugigendus, ludio; dälposse, tändelndes geschwätz. Grimm 
s.v. — dölp, dölpel, niederdeutsch dolf, d elf (vgl. tolf, turbo, kreisel, 
Graff 5, 423), kolbe, knöttel und der grossköpfige fisch, capito, quabbe. — 
„Eyn ddf dicitur homo adidtus piger, Morhof, unterr. p. 35. ita: Vete- 
ribus dalivus , stidtns. Dies wort kennen auch die bauern in Mecklenburg, 
wenn sie einen dummen menschen einen delif nennen." Manzel 15, 29; 
Tis ein rechten diUfken, ein abgeschmackter mensch. Strodtm. s. 45. — 
dil, tu. Hier ist zu erinnern an die namen „Wilhelm Teil": tvere ich 

1) Diese fonn mit dem verstarkeDden ai gibt (aX-iwilsk), al-twilisch ... sdi- 
zame liechistöckf nemlich neun wolmäszige, wie sag ich wolmäszige? ja, wolf aderige 
altwütBclie flaschen , das fuder nach der alten Rasiatter . . masz zu rechnen. Fischart, 
Gargan tua 1594, 32* (bei Grimm s. v.). . . nach rechter altwilisdier canzeliischer teu- 
tisclier schriftartlichkeit , das. Es scheint in beiden fäUeu in dem sinne von „alt- 
fränkisch^ altvaterisch, jetzt abgekommen, altmodisch*' za stehen, und Fisdiart mag 
es auch vielleicht so verstanden wissen wollen, es bedeutet aber wol ursprünglich: 
ganz verrückt, seltsam. Denn an eine entlehnung, resp. Verunstaltung des nieder- 
deutschen olwelsk, altmodisch, der alten weit angehörend (Brem. wörterb. 3, 264) 
üler-wetsk; bei Stürenb. s. 108: „older wdsk (richtiger older weldsk*') ist doch wol 
nicht im ernste zu denken. Eine ähnliche Verstärkung mit aH steckt vieUeicht in 
älwatisch, albern, Brem. wörterb. 5, 324, das vermatlich für ai-dwatsk steht. 



ddO lObben, altvil 

fvitßig, so hiesse ich anders dan der TeU. Etterlin, Schweiz, chron.^ 
und darnach Schiller: War* ich besonnen^ hiess ich nicht der Teil. 
Till Eulenspiegel ; Tükappe » narrenkappe , name eines bfirgers zu Han- 
nover im jähre 129?', Grotef. urkb. d. Stadt Hannover I, nr. 64; Dti- 
mann, Tilmann, „ein alberner, törichter mensch, ein gauch." Grimm, 
wörterb. s. v. Du stast wie ein Motz, olgctz^ Tilmann. Sebast. Frank, 
Sprichw. dilledelle, alberner, läppischer mensch, davon: diUendeUen 
bei Luther : albern reden. Auch die pflanze diU (Anethum graveclens L.), 
duUdiUe, tollkraut, hyoscyamus niger, Nemnich 2, 196, mag wegen 
ihres starken, narkotischen geruchs daher ihren namen führen. Auch 
der Schierling, besonders der gartenschierling und der gefleckte Schier- 
ling, heisst diälkrüty duUumrtd, Stfirenb. s. 40. — dildap, diUedap, 
diltap, tiltap, iners, ignavus, et sttMus, stupidus, von Grimm 2, 1151 
so erklärt: „Ein dütup ist ein roher und ungeschlachter mensch, der 
auf der flur springt und tobt.'' Das wort hat aber gewis nichts mit 
„diele'' (niederdeutsch dde) und „tappen, dappen*' zu tun, noch nach 
dem Mittelhochdeutschen wörterb. 3, 14 mit tape, pfote, sondern diUap 
wird wol dasselbe sein wie diUop (der Wechsel zwischen a und o ist 
gleich ¥de in ddllmann und daümann, tdpatsch und talpa^sch)^ das 
Grimm an derselben stelle für einen „kleinen kreisel erklärt, den die 
kinder auf der diele, auf einem brett oder tisch herumdrehen und tan- 
zen lassen." Wenn auch hier, wie es scheint, Grimm du mit „diele" 
zusammenbringt, so dürfte das wol ein irrtum sein, dütop ist eine art 
tautologischer Zusammensetzung, ein kreisel, der sich herumdreht, ein 
drehkreisel. Ganz ähnlich ist die Zusammensetzung tirreltop bei Stüren- 
berg: (tirreln, sich drehen, top, kreisel), „kleiner kreisel ohne aushöh- 
lung und öfinung , oft bloss aus einem fiefgaatjeden (funflöcherigen) knoo^t 
(s. g. twemfreter, zwimfresser) bestehend." Dem entspricht ganz eine 
andere niederdeutsche bezeichnung dudeldop, Brem. wörterb. 1, 264; 
duden-dop, Cbytraeus col. 308, denn dop bezeichnet ja ebenfalls einen 
kreisel. Wie dies dudddop einen einfältigen menschen, einen tropf bedeu- 
tet, so wird auch diltap einen menschen bezeichnen, dem sich alles im 
köpfe im kreise dreht und wirbelt, der irr und wirr in seinen gedanken, 
und darum ein ineptus, insulsus, eine Schlafmütze ist, der, entgegen 
dem hastekop, welcher sich überstürzt, immer wie in betäubung, im 
schlafe ist, und niemals, oder doch nur sehr langsam sich besinnen und 
sein denken zum richtigen stehen bringen kan. 

So wird auch altml (idtvä), um das resultat dieser Untersuchung 
zusammenzufassen , einen bezeichnen , der dauernd und für immer — denn 
das liegt in der zufügung von al — irrsinnig und deshalb erbunfähig ist. 

OLDENBURG, DEOEMBBR 1870. A. LÜBBEN. 



ROCHHOLZ, CBKTINEN 331 

Die vorstehende reichhaltige und anregende erörterung hat mich 
veranlasst , den herrn professor E. L. Bochholz in Aarau um eine abhand- 
lang über die auf die cretinen bezüglichen Volksüberlieferungen zu ersu- 
chen. Obschon durch ein körperliches leiden bedrängt, ist er doch so 
gütig gewesen, meiner bitte alsbald in einer weise zu entsprechen, wie 
es nur derjenige vermag, der über eine so seltene fülle des reichtums 
gebietet, wofür ich ihm zum grösten danke verbunden bin. Ich lasse 
seine abhandlung hier unmittelbar folgen. Weiter aber habe ich selbst, 
in folge dieser erhaltenen anregung, die schwierige frage einer eingehen- 
den Untersuchung unterzogen, und bin dadurch zu ergebnissen geführt 
worden, welche von den verschiedenen bis jetzt aufgestellten erklärun- 
gen mehr oder minder erheblich abweichen. Sobald es geschehen kann 
beabsichtige ich diese Untersuchung zu veröffentlichen und der prüfung 
der kenner vorzulegen. j. zacher. 



MUNDARTLICHE NAMEN DES CRETINISMUS. 

Die in den oberdeutschen mundarten allgemein giltigen beuennun- 
gen des absoluten, angebornen blödsinnes sind cretin und fex. Beide 
namen gehören dem rhäto- romanischen Sprachgebiete an, hier hat der 
cretinismus zugleich seinen hauptsitz. Das wort cretin ist ursprünglich 
einheimisch gewesen im schweizerischen ünterwallis und dem angrenzen- 
den Hochsavoyen, galt dorten als eine ableitung vom romanischen cre- 
tira (creatura) und war wol eine blosse verglimpfungs- und bemiüei- 
dungsformel, die etwa unserem „armer tropfe entspricht. Das wort fex 
nimt ein grösseres Sprachgebiet ein und veranlasst eine umständlichere 
auseiuandersetzung. Seine heimat sind die romanischen und rhätischen 
Hochalpen der Schweiz, Tirols, Steiermarks und Kärnthens; aus dem 
idiom dieser landstriche ist das wort zuerst von der medizinischen ter- 
minologie recipiert worden, ¥rie aus dem titel der akademischen schrift 
des Salzburger arztes dr. Maffei erhellt: Dissertatio de Fexismo, specie 
Cretinismi. Landshut 1819. Während dies wort nun schon längst ein 
genus commune geworden ist, wird es im Salzburger Unter- Innthal noch 
nach beiden geschlechtern unterschieden: der Fecks^ die Fegkin: das 
blödsinnige weih. Die beiden Sprachforscher Schmeller (Baier. wörterb. 
1 , 510) und J. Grimm (Oramm. 3, 338) haben sich dahin entschieden, 
dass fex eine entwicklung aus fem. fegkin sei , wie fuchs aus föhin, lapps 
aus lappin. Der Berner dichter Albrecht von Haller hat diesem mund- 
artlichen feminin eine hochdeutsche form zu geben gesucht, und bringt 
dasselbe zugleich mit dem feenwesen in Verbindung, welches im roma- 
nischen Volksglauben als veranlasser des creünenzustandes gUt. Haller 



332 BOCHHOLZ 

hat nämlich in den Oöttingor gelehrten anzeigen einen bericht über 
Leasings Laokoon geliefert und sich bei dieser gelegenheit über die poe- 
tischen gemälde verbreitet; in diesem zusammenhange gibt er dann fol- 
gendes beispiel: „und von dieser art ist die perle [thauperle], die von 
einer fexe (elfe) an das ehr einer jeden Schlüsselblume angehängt wird/^ 
(Lessings leben und werke von Danzel und Quhrauen Bd. 2. Abt. 2. 
Hinter s. 372 folgend: beilagen zum 3. bis ö. buche, s. 1.). Jeder leser 
sieht, dass mit diesem feminin nicht mehr die blödsinnige, sondern die 
zauberische nymphe gemeint ist, die dem romanischen Sprachgebiete 
ausschliesslich angehörende fee. Aus eben diesem gebiete wird Haller 
seine auffallende wortform entlehnt haben ^ sie ist ihm durch das patois 
des Waatlandes und des ans Unterwallis angrenzenden Freiburgerlaudes 
vermittelt zugekommen, in diesen damals noch unter Bern stehenden 
landesteilen hatte er seinen öfteren aufenthalt genonmien, später seine 
amtliche Stellung gefunden. Hier hat bis heute der feenglaube aus- 
gedauert in zahlreichen lokalsagen, welche in Yuillemin's schrift „Gan- 
ton Waat" und in Heinr. Kunges monographie „Die feen in der Schweiz" 
gesammelt stehen. Das Waatländer und Genfer patois benent die fee 
noch nach altfranzösischer form Fäye (lat fatua) , und dieselbe namens- 
form setzt sich auf dem angrenzenden rhätischen gebiete fort: fa^^ 
heissen dem Glarner alle waldgespenster , dem Graubündner alle erd- 
männchen und waldzwerge. Von den feen lässt der Volksglaube der 
Waat und Savoyens genau dieselben holden und unholden Wirkungen 
ausgehen, welche die deutsche mythologie den höhlenzwergen und haus- 
elben zuschreibt; der noch tiefer stehende glaube der Savoyer schaafhir- 
ten sieht nicht bloss in den feen, sondern auch in den idiotischen kin- 
dern , deren zustand eben durch die feen veranlasst ist , beiderseits schutz- 
geister des hauses. Man nimt weissstrahlende an , aber auch mohrisch - 
schwarze; diese letzteren schädigen menschen und tier, schlagen mit 
krankheit , rauben gesunde Säuglinge und schieben dafür ihre verkrüppel- 
ten unter. Ein solcher wechselbalg haust z. b. in dem eine stunde von 
Lausaune entfernten walde Le Mont und ist unter dem namen Le Plio- 
rant bekant , der heuler und kreischer. Aargauer sagen 1 , s. 345. Hie- 
mit ist nun freilich noch nicht nachgewiesen , dass und wie romanisch 
FayCy mittelhochdeutsch Feie, zu Fkfkin und I^üks geführt habe, jedoch 
die hierüber aufklärung bietende tatsache steht bereits fest, dass der 
lebenden Volkssprache Fee und veic (zum tode reif) als Synonyma gelten. 
In der bergisch - rheinischen mundart hat feig sein die mittelhochdeut- 
sche Wortbedeutung: dem tode verfallen sein, und drückt den rettungs- 
losen zustand eines menschen aus, welchem „durch die erscheinuug einer 
fee*' ein vorfrühes ende angekündigt ist; von einem solchen sagt man: 



CBBTINBN 333 

feig beste, ach mich rcelt: todt bist du lebend schon, ach, mich schau- 
dert! Prommann, die deutschen mundarten 3, 46. Dieses hier von der 
fee ausgehende feigsein gleicht genau der altnordischen heerfessel, jenem 
von der valkyrie HerQötr verhängten zustande plötzlicher geistesverwir- 
rung und gliederlähmung , welche den krieger unfähig macht, dem tode 
der Schlacht zu entrinnen. Und genau so, wie in der nordischen sage 
solcherlei magisches geschlagensein auf den einfluss der feindseligen val- 
kyrie zuriickgefährt wird (Konr. Maurer hat in WolfFs zeitschr. f. myth. 
II, 341 hiefur den nachweis aus den 1847 zu Kopenhagen erschienenen 
Idendinga Sögur gegeben), und wie derselbe zustand im Bergischen 
von einer zur unzeit erscheinenden fee ausgeht, ebenso schreibt der 
Volksglaube in Wallis, Savoyen und Tirol erlahmung und Stupor der 
begegnung einer mohrischen fee oder eines wilden fräuleins zu, und übt, 
um den schaden abzuwehren, verschiedenerlei brauche. Kinder und 
erwachsene , welche zum ersten male auf die Zemetzer alpe (Tirol) gehen, 
heben dort erst steine auf, spucken sie an, werfen sie zu andern auf 
einen bestimten platz, welcher zu den wilden firäulein heisst, und spre- 
chen: „Ich opfere, ich opfere den wilden fräulein!" ohne sich grosser 
gefahr auszusetzen, darf man dies nicht unterlassen. Zingerle, Tirol. 
Sitten, no. 956. 

Von hier weg begint eine aufzählung der uns bekant gewordenen 
landschaftlichen Sonderbenennungen des cretinenzustandes ; ausgeschlossen 
bleiben dabei alle ausserdeutschen (die Paz^i in Piemont; die Capot, 
Caffo und Cagot in den Nordpyrenäen), und ungenant die hierüber bereits 
in Schmellers Wörterbuch enthaltenen namen. Unsere quellen sind über- 
all gewissenhaft beigesetzt. 

Bairischer Spessart. Über den hier endemischen cretinismus, 
welcher aus dem einen Spessartdorfe Membris die meisten der auf den 
Jahrmärkten zur schau gestellten zwerge liefert , handeln: ßudolf Virchow, 
Die not im Spessart, Würzburg 1852. — v. Hermann, Beiträge zur 
Statistik des königreichs Bayern. — Bavaria, Landes- und Volkskunde 
des königreichs Bayern , bd. lY, abtl. 2, 212. Die mundartlichen benen- 
nungen sind die allgemeinen: fecks, tölpd, wechselbalg , wechsdbuite. 
Nur dieser letztere name ist insofern von belang, als er zeigt, wie weit 
die niederdeutsche wortform nach Oberdeutschland heraufreicht, nämlich 
bis in den Obermainkreis und ostwärts in die Oberpfalz; von da südwärts 
begint die wortform butz: ein verlarvt erscheinender hauskobold und ein 
zwergigtes kind; bi$teelkuk, der tannenzapfen ; schweizerisch buderli, ein 
im Wachstum ungewöhnlich verhindertes kind; btiderwiimg, zwergen- 
klein. Stalder 1 , 238. 

BEITSCHH. F. niSUTSCHK PHII.0L0OIK. BD. III. 22 



834 ROCHHOLZ 

Würtemberg. Die einzelnameu, die hier ohne beigesetzte quelle 
folgen, stehen bei: dr. Maffei, der cretinismus in den Norischen aipen; 
und dr. Rösch, neue Untersuchungen über den cretinismus. Beides: 
Erlangen 1844. 

Fach, feck: fresser, breiwanst Schmidt, Schwab, wörterb. 175. — 
Dackel, fem. einfältige person, ibid. 118. — Düledapp, ibid. 126. — 
Dippel, dippdbeimg, blödsinnig, ibid, 125. — IHUedälle, trolle, tralJe- 
wcUsch (plumpe langsamkeit). — KrcdU {grollen bezeichnet das geräa- 
sche im Schlünde beim hastigen genusse fetter speisen: Schmid, ibid. 
241). — Lappe, lalle, tropf, temler (dänisch: sinnbetäubt), Aawiftrf (glie- 
derlahm; hampeln, gebeugt einhergehen; Birlinger, Schwab. - Augsbur- 
gisches wörterb. 218). — Baute -maute, es vergleicht sich dem tirol. 
stuta-muta; Birlinger, wörterbüchl. zum volkstümlichen aus Schwa- 
ben. 1863. s. 65. 

Salzburger Alpen. Quelle: Jos. und Karl Wenzel: Über den 
cretinismus. Wien 1802, s. 24. 

Drutschel: aufgedunsener. Gack: linkischer. Teppek: täppischer. 

Eärnthen. Quelle: dr. Maffei's bereits citierte schrift. 

Fax und fax, der irrsinnige; faxenmacher: spassmacher, possen- 
reisser. Frommann, mundarten 2, 341. — Dost, fem. dostet; in Press- 
burg Täost: der blödsinnige, (FroDoimann, mundarten 6, 130), ableitung 
von duseln, halbschlafen; daher Schweiz.: dösch, traurig, niedergeschla- 
gen. Stalder 1 , 291. — Dogger; vgl. Schweiz. Doggeli, alp, incubus. — 
Armes härscherle: armes Schmerzenskind, steht zu haischen, hilfe fordern. 

Steiermark zählt nach einer in den vierziger jähren aufgenom- 
menen Volkszählung 6000 cretinen des höheren grades. Guggenbühl, die 
cretinen - heilanstalt Abendberg, Bern 1853, s. 46. Quelle: dr. Maf- 
fei*s citierte schrift. 

Depp, der tapps. Dost, dostet, drutschel, lümmd, tolpd; troddel: 
unsicheren ganges; doch fragt sich hiebei, ob nicht das die kinder im 
schlafe tretende gespenst die Trut hier namengebend ist. „Gegen die 
n€ickt- trotten^ tndten, kreidet man den trottenfuss (pentagranun) an die 
kinderwiegen, trotten heisst noch izt so viel als pressen, drucken. '^ 
M. Ernst ürban Keller, Würtemb. Superintendent: Gegen den aberglau- 
ben. Stuttgart 1786, 159. „Dahero noch heutiges tages die schreiner 
solche drutenfüss an die wiegen und kindsbettlädlein zu machen pflegen, 
zum zeichen alles glucks und heils.'' Chorion , Teutscher Sprach Ehren- 
krantz. Strassburg 1 644 , s. 59. 

Deutsche und welsche Schweiz. Allgemeine quelle : dr. prof. 
Hermann Denune , rector der hochschule zu Bern : Über endemischen cre- 
tinismus. Akadem. rede, gehalten am 14. nov. 1840. (Bern bei Fischer). 



CBBTINBN dS5 

Kanton Zürich. Die amtliche benennung der idioten war hier 
im vorigen Jahrhundert : thorenbuben, vulgo letgköpfe; sie ist verwant 
der ausdrucksweise des Schwabenspiegels , welcher zu den unzurechnungs- 
fähigen jene toren stellt, die nüt witze hant 

Eanton Glarus. Tschörgen, der schief und schlarfend gehende; 
vgl. tscharggen, Stalder 1, 318. 

Eanton Bern. Tschauli, tschäud, tscholi: straubhaar, Struwel- 
peter, verwilderter einfaltspinsel. — Tschaüte, tschäudi, tschäuddi, 
feminina, einfältige Weibspersonen. Stalder 1, 318. — Tschante; müs- 
sig umherstreunen ist tirolisch Uchandern; Frommann, mundarten 4, 
452. — Tschalf, tschalpi, träger, tölpelhaft unachtsamer mensch. Stal- 
der 1, 316. Schmidt, Idioticon Bernense in Frommanns mundarten 4, 
18. 19. — Tschumi, troll, tschör ^ Schmidt, 1. c. für tschör vgl. Qlar- 
nerisch ischörgen. Im Kärnthner Lesachtale ist tschörper der cretin, 
tschörperle ein mitleidsname. Frommann, mundarten 6, 204. 

Kanton Wallis. Die erhebungen, welche Napoleon 1811 im 
kanten Wallis, damals d^partement du Simplen, über die Ursachen des 
dort herschenden cretinismus machen Hess, wiesen das Vorhandensein 
von 3000 Cretinen nach; die akten hierüber befinden sich in den Pari- 
ser archiven. Guggenbühl, die cretinen -heilanstalt Abendberg, 1853. — 
Namen: tschengg, tschingge, schiefgang; tirolisch tschinggden, brum- 
mend umhergehen; tschinggeh, ein unansehnlich Mnd. Frommann, mund- 
arten 6, 201. — Tscholi, fem. tscJiolina, s. tschatdi, strobelkopf. — 
Tschejette, tscJiegetta; tirol. tscheggen, grätschen, d. i. schieg » schief, 
mit krumbeinen schreiten. Frommann , mundarten 4 , 453. — Tschaag, 
tölpelhafter, zweckloser umherstreuner. Stalder 1, 316. — Triff d, vgl. 
nachfolgend aargauisch trihel, — Tarrar, von taren, im sprechen und 
tun überaus langsam. — NoUen, dick- und schwollkopf; namen der 
obersten breiten bergkuppe des Titlis; vgl. aargauisch neU, — Ooi^^h, 
gauch, bankert: sfdn wir gmiche ziehen? (Nib. Lachmann 810.) „Der 
erste glückwunsch der wehmutter an die Walliser Wöchnerin lautet: Gott 
sei gelobt, das kind wird kein gauch werden !^^ Jos. Simler, Valesiae 
descriptio. Tiguri 1574. — Im welschen Unterwallis heisst der idiot 
allgemein marron, der unausgebackene teigklumpen im brode, dasselbe 
was die schweizerische schelte dotsch besagt. 

Kanton Aargau. Gö/, jeder fex; golig, albern. OlöcUigöl, der 
mit der kinderrassel sich hörbar machende bettelnde stumme; der roUdi- 
feerli, der rdlehutz, ein scheÜennarr. Frommann, mundarten 6, 458. 
Aberglaubenssatz : eitern sollen nicht selbst klappern für ihre kinder kau- 
fen, sondern von andern ihnen schenken lassen, sonst lernen sie schwer 
reden. Das buch vom aberglauben, misbrauch und falschem wahn. Ober- 

22* 



336 BOCHHOLZ 

deutschland (Weissenburg in Baiern) 1790, s. 217. — Lol, Uli, lafjfe 
und laUi: mit dem merkzeichen der heraushängenden zunge. Compo- 
sita gcdcli, gcUöffd. — Talpi, tcUpach: der mit den fussen als mit 
tatzen auftretende; dallpatsch, der mit dem dollfusse, dem klumpfiisse 
behaftete. — TräU, traUe, trcUlpatsch, trallewatsch : der gelenklos 
plumpe. Schmid, Schwab, wörterb. 135. — Ton, töni, tönerinn, von 
tönen, langweilig reden; eintönig ist eigensinnig (Stalder 1, 258), 
tonlos ist abgeschmackt: Schmid, Schwab, wörterb. 133. — Tribel, 
der murrkopf; eigentlich das gemengsei zum schweinefutter, mithin die 
trebem. Hiezu wallisisch triffd. — Algrind, grosskopf , dickschädel. — 
Dubd, idiote; eigentlich der verschnittene bullochse; dubelgrind, der 
setzkopf mit boshafter Stetigkeit, also ochsenkopf — Doggd, erwach- 
sener dummian; doggdi, das torenkind, zugleich der kinderdrückende 
alp ; vgl. kärnthisch dogger. — Poppd, adj. dumm. Stalder 1 , 204. — 
tarer, taderer, Stotterer; wallisisch tarrar, — Nol, nölgg, im kanten Uri 
neU. Hierüber schreibt Ani Henne in seiner ausgäbe der Klingenberger 
Chronik, pag. 45: ^^Ndl, noU bezeichnet bei uns einen cretin, wie nill 
in der gaunersprache ; daher das nöllethörlein in Luzem, gleichwie die 
taUespforte zu Utrecht : das tor beim tollhause." Berggipfel ist althoch- 
deutsch hnol, schweizerisch nucien und noUen, der knöpf althochdeutsch 
hnd; daher bezeichnen vorerwähnte namen den verschrobenen dickkopf, 
nidenkopf ist schelte für hohlkopf 

Yerglimpfungsnamen des cretinenzustandes sind armes gescJiöpßi 
(vgl. crdira), arme unschuldige, geistli, betrübte. Der letztere name 
wird sogar auf die den ' krankheitszustand angeblich veranlassenden elbe 
übertragen: „Wenn sich ein kind des morgens nicht wäscht, so kom- 
men die betrübten und zerreissen es." Zingerle, tiroler sitten nr. 21. 
Das unerklärbare wird einer rohen bevölkerung identisch mit dem über- 
irdischen; um Sitten in Wallis hält man die zur äusserlichen gebets- 
function dressierten blödsinnigen für heilige (von einem solchen cretin zu 
Seedorf in Uri, der das vaterunser zum zweck des strassenbettels erlernt 
hatte , erzählt mit widerwärtigem gerührttun dr. Quggenbühl (der Abend- 
berg, s. 11), und in andern alpentälem sehen die eitern in ihren idio- 
tischen kindern sogar schutzgeister des hauses. J. B. Friedreich, ana- 
lekten zur natur- und heilkunde. Würzburg 1831, s. 31. — Daher 
kann es nicht befremden, sondern ist um so mehr ein zeugnis für die 
uralte herkömlichkeit dieser eben besprochenen volksmeinungen , wenn 
der hausgeist, der serbling und der idiote gemeinsam sich in dieselben 
namen teilen: alb, dwe, dbst; drut, trottenkopf, trottd; hampdmann 
und tatermann; trull und troll; Id, lall und kdle; Imtte, bütz und püte; 
ßchrattf sehr ätzlein, schlenz. Der Niederdeutsche sagt von dem beses- 



CRETINEN 337 

seneu, der hat die elwen, dar sin die diven ane (Kuhn, Westfälische 
sag. 2, 19); der Oberdeutsche in dem gleichen sinne: den hat das tog- 
gdi geritten, das schrätteli gedrückt, das strägdi geholt.^ 

Nirgend rechnet die be^ölkerung, wenn sie vom entstehen dieses 
unter ihr herschenden Übels erzählt, dasselbe unter die übrigen plagen 
der neuzeit, denn sichtbar nimt mit der örtlich zunehmenden kultur der 
örtliche cretinismus ab; dagegen stimt alle sage, legende und ortskunde 
in den verschiedenartigsten landschaften darin überein , dass der in ihnen 
endemische cretinismus schon zu Urzeiten hier in derselben weise vor- 
handen gewesen sei. Es gehört mit zur Untersuchung des alters der 
deutschen tölpelnamen, dass wir hier solche volkstraditionen mehrfach 
anfuhren und dabei vom anekdotenhaften bis zum kirchengeschichtlichen 
aufsteigen. Von den leuten im Frickthaler dorfe Kaisten, einer unge- 
mischt katholischen gemeinde , in welcher satthals und kröpf stationär 
sind, sagt der nachbarspott, sie seien die allerstärksten , weil bei ihnen 
die waden unmittelbar unter dem kinn anzufangen scheinen. Die Eaist- 
ner stellen das übel selbst nicht in abrede, schieben aber den grund 
desselben auf die misgestalt der alten altarbilder in ihrer vormaligen 
Mrche, an denen die weiber sich versehen hätten. Es herscht mithin 
hier der schaden schon seit der alten kirche, unter dieser aber ist bei 
den in rede stehenden katholiken nicht etwa eine vorprotestantische 
gemeint, sondern geradezu die heidnische. Dies ergeben folgende legen- 
den. Die bewohner von Trinmiis in Graubünden erzählen nach dem 
berichte ihres frühesten Chronisten Ulrich Campell, sie hätten den heili- 
gen Lucius, als er im zweiten Jahrhundert bei ihnen predigte, verhöhnt 
und dafür habe er ihnen den bleibenden kröpf an den hals gewünscht 
Seitdem die bauern von elsassisch Ammersweiher den heiligen Deodat, 
der sich im jähre 680 bei ihnen angesiedelt hatte, aus seinem besitztum 
vertrieben, bringen ihre weiber nur kropfige kinder zur weit; sie bege- 
ben sich daher kurz vor der niederkunft jenseits des dorfbaches, d. h. 
ausserhalb jener Deodat'schen besitzgrenze, und gebären hier makellose 
kinder. Bettberg, kirchengesch. 1, 525. Die kirche selbst hatte sich 

1) Einige namen dieser heidengeister nent der Tiroler Vintler in seinem spmch- 
gedichte: Blame der tagend, verfasst im jähre 1411: 

vnd eltleich glauben, 

der alpe minne die leute, 

80 8(tg tauch mcmiger, 

er hob den elhen gesechen, 

etUekh die jehen, 

das schrattl sei ein chleine^ chind 

vnd sei ein verzweiveUer geist. 



338 ROCHHOLZ 

schon in frühester zeit mit cretinen zu befassen gehabt; für zwölfe die- 
ser gattung besteht eine „alte Stiftung" im kloster Admont. Guggen- 
bühl 1. c. s. 2. Zu ähnlichen resultaten gelangten auch die von ärzten 
und geschieh tsforschorn im vorigen Jahrhundert begonnenen Untersuchun- 
gen; den cretinismus in den Pyrenäen leitete Bamond de Carbonniferes 
(Reisen durch die höchsten spanischen und französischen Pyrenäen. Strass- 
burg 1789.) von den Überbleibseln des untergegangenen Alanenstanunes 
ab, die durch herabwürdigung zu cretinen entarteten (dr. Demme, aka- 
demische rede 1. c. 36). Ähnlich urteilte der domherr Gall über die 
cretinen in Val d*Aosta , sie seien entstanden seit der Invasion der Lan- 
gobarden im sechsten Jahrhundert, denn diese hätten die römischen Was- 
serleitungen und andere culturwerke zerstört und damit die verkrüppe- 
lung der Eingeborenen vorbereitet. Nicht diese behauptungen wollen 
wir betonen, sondern darum werden sie hier angeführt^ weil sie in der 
berechnung des alters übereinstimmen, das sie für das übel anzusetzen 
suchen; letzteres aber wird in Wahrheit noch um ein bedeutendes älter 
durch das allbekante märchen , wonach man den wechselbalg sich dadurch 
vom halse schafft, dass man eierschalen scheinbar als speise für ihn sie- 
det und ihn dabei zum selbstgeständnisse über seine herkunft nötigt. Die 
gleichmässigkeit , mit welcher der altbaierische bauer (Bavaria 3, 307) 
und der keltische Irländer (Grimm, irische elfenmärchen no. 6 und 7) 
diese selbe mythe bis jetzt forterzählt hat , setzt in erstaunen und erweist, 
dass sie schon von frühester zeit an in Europa verbreitet gewesen ist 
Grimm , myth. 437. Denselben nachweis werden wir am Schlüsse dieser 
mitteilung auch sprachgeschichtlich liefern, zuvor aber noch über die 
Stellung berichten, welche dem cretin im bürgerlichen rechte einge- 
räumt ist. 

Vorhandene Urkunden des klosterarchivs Muri (jetzt im Aargauer 
Staatsarchiv) erweisen, dass im 17. Jahrhundert die schweizerischen land- 
vögte in den damaligen gemeinen herschaften ehebündnissp zwischen blöd- 
sinnigen genehmigten, freilich unter besonderer sportel-erhebung. Man 
hat hierunter nicht vollständige „gäuche" zu denken, denn eben zwi- 
schen solchen sind eine physische, mithin auch politische Unmöglichkeit. 
Jedoch eine wolhabende bauemtochter wird trotz ihres cretinösen zustan- 
des wol heutigen tages noch einen freier unter ihrer ländlichen nachbar- 
schaft finden können, und auch der betreffende gemeinderat, in dessen 
entscheiden der geldpunkt vorwiegt, wird seine Zustimmung erteilen, 
überzeugt , dass der blödsinn der einen ehehälfte durch den hausverstand 
der andern compensiert wird. Da überdies solcherlei eben entweder kin- 
derlos bleiben oder fehlgeburten und lebensunfähige liefern — nach dem 
Volksglauben muss ein wechselbalg nach 7 jähren sterben — , so befflrch- 



CBETINEN 339 

tet auch die gemeinde nicht , einen weitern Zuwachs an cretinen zu bekom- 
men. Wahr ist es, dass durch diese gefugigkeit der gemeindebehörden 
mancher orten ein neuer volksaberglauben über die allgemeine Unschäd- 
lichkeit der cretinenehen gepflanzt , ja sogar von ärzten befürwortet wor- 
den ist. So ist z. b. dr. Guggenbühl (Abendberg 1. c. s. 60) der für einen 
fachmann unverantwortlichen meinung, der cretinismus der mutter sei 
ohne allen belang für den geisteszustand des von ihr zu gebärenden kin- 
des, denn des kindes anläge gehe vom vater aus, die mutter gebe nur 
den boden her. Dies unterstützt Guggenbühl mit einer tatsache aus Ober- 
wallis vom jähre 1853, woselbst „die völlig sprach- und verstandlose ^' 
Katharina Willna von Leuk mit einem kräftigen bauern aus dem nach- 
bardorfe Varren verehelicht ist und ihm mehrere ganz gesunde, sogar 
„intelligente" kinder geboren haben soll. In einem lande, in welchem 
noch im jähre 1834 ein misgestalteter halbcretin katholischer dor^farrer 
gewesen ist, braucht man das eben erwähnte ehebündnis nicht im min- 
desten zu bezweifeln, wol aber das behauptete glückliche ergebnis des- 
selben. Der wolbegründete wünsch aller einsichtsvollen ist auch hier 
gegen solcherlei eben, aber bisher scheitert er noch an dem gleissne- 
rischen einspruche der bauemdemokratie , dass damit zugleich die per- 
sönliche freiheit aller gefährdet würde, und man beschwichtigt die geg- 
ner durch hinweis auf das den gefahren vorbeugende gesetz. Letzteres 
stellt den in die ehe tretenden männlichen cretinen unter seinen ursprüng- 
lichen vogt zurück; das eheweib, ob gesunden oder schwachen geistes, 
war nach den statutarrechten der deutschen Schweiz ohnedies halb- 
unzurechnungsfähig und lebenslänglich unter vogtschaft gestellt gewesen, 
eine teilweise gleichstellung hat erst seit neuester zeit begonnen. Somit 
sind alle cretinen, gleich andern geistesschwachen, vor dem gesetze zwar 
erbfähige, aber nur durch ihren vogt mittelbar verfügungsberechtigte 
personen, und eben dadurch wird nun die frage nahe gelegt^ ob jener 
name der altvile im Sachsenspiegel, welche dorten unter dasselbe rechts- 
verhältnis gestellt sind, nicht gleichfalls eine altdeutsche bezeichnung 
des cretinismus gewesen ist. Die bezügliche stelle 1 , 4 lautet: uppe 
altvile unde uppe tverge ne irstirft weder len noch erve ; körpergebrechen, 
besagt sie, schliesst von der erbfähigkeit aus; doch unmittelbar ist bei- 
gefügt : Wird ein kind geboren stumm , oder handlos , oder fusslos , oder 
blind, das ist wol erbe zu landrecht, aber nicht zu lehenrecht 

Schon J. Grimm, rechtsaltert. 40 hat die lesung al-tväe veran- 
lasst, indem er damit auf Dänisch tve-tutle (zweigeschlechtig) hinweist 
und dieses zu althochdeutsch widülo, hermaphrodüus stellt. Es bleibt 
somit der wortstamm tuU und tü^ begleitet mit dem verstärkenden äl, 
ganz. Und damit ständen wir vor den beiden mythischen Schalksnarren 



340 BOCHHOLZ 

Tdl und Till, die unter der maske des blödsinns ihre groben streiche 
ungestraft; zu verüben suchen, unter den hiebei nur zu reichlich sich 
darbietenden belegen sei hier in kürze das nächstverwante angegeben. 

In Etterlins chronik sagt Teil: were ich toitßig, so Messe ich 
anders dann der Tdl. Der herausgeber J. J» Spreng (Basel 1752) bemerkt 
hiezu: „Auf seinen narrennamen sich stützend, habe Teil Verrücktheit 
vorgeschützt; Gessler habe jedoch diesen simulierten blödsinn erkant und 
eben darum den falschen narren ungewöhnlich scharf bestrafen wollen 
dadurch, dass er ihn verurteilte, auf das eigne kind zu schiessen. Denn 
täUy oder wie einige noch sagen, idhy heisst nach dem buchstaben ein 
einf&ltiger, von taien, einfältig und kindisch tun." — So Spreng. Ähn- 
lich urteilt sein Zeitgenosse, der geschichtsforscher Zurlauben aus Zug. 
Dieser hat in seiner handschriftlichen Stemmatographia Helvet. bd. 21 
den entwurf hinterlassen zu seiner dann um vieles verkürzten druckschrift 
Guillaume Teil. Paris 1767, und erklärt darin: Teil etoit originaire- 
ment un sohriquet; on appeiloit ains^i en AUenmnd tm hamme 
baiourd, peu sense, le fol, Vimpnident. Wir veranschaulichen diese 
behauptung nun durch beispiele. dalen, taUen, lallend und läppisch 
reden, führt zu talisch und fälsch, verrückt, tale^i ist mit althochdeutsch 
twaion, betäubt, schlaflF sein, zu verbinden, mittelhochdeutsch twaim, 
baierisch ddm. Weinhold, Schles. wörterb. 1855, s. 96. „Eh ich nicht 
weiss, warum wir Schlesier eselsfresser sind, geb ich mich nicht zufrie- 
den und sollt* ich tadsch darüber werden." Holteis roman: die esels- 
fresser I, heft 2, s. 196. Der taUsack ist schlesisch der alberne, zugleich 
eine aus senmielteig gebackne mansfigur ; der dailmann ein hampelmann. 
Eine den dummkopf bezeichnende Breslauer spottformel lautet: der fall- 
toll hat hölzel feil, unter dem namen doli und löll schleppte man im 
hochstifbe Eichstädt bis auf unsere zeit zur fastnacht einen Strohmann 
durch die gassen , gab ihm alle ungereimten streiche der einwohner schuld 
und liess ihn dafür nach der gefällten sentenz verbrennen. Bavaria UI, 
1, 297. Tälpi, tölpel, tollpaisch, daiewatsch, dalap^»dalk führen zu 
daifern, dalkcn, dclken, dulkezen, tälschen, tdfen, und zu den weiteren 
ablautenden verbalformen: tiUen, tüluzen, düledeUen. „Tillem- tollem, 
häusel bauen," fängt ein kinderreim an; Holtei, die eselsfresser II, heft 2, 
217. 225. Der düpe ist bei Sebast. Franck, der düllhdm ebenso bei 
Schmeller (wörterb. 1, 364) der tölpel, der vernagelte dickkopf. Der 
diUdappenjäger, elbentrötsch und trilpentritsch (Schmid, Schwab, wör- 
terb. 162) ist jener Aprilnarr, der sich gegen eine erdichtete gefahr als 
nachtwache auf die feldmarke hinaus stellen lässt Oberdeutsche Schrift- 
steller des 16. und 17. Jahrhunderts gebrauchen den namen dillnuinn 
als sinbild der albernheit. du stt^t wie ein Motz, ölgötz, tilman, lüch- 



CRETINEK 341 

ter. Seb. Frauck, sprichw. — „Der fiydhart vnd lier Dilleman \ Hau 
mit dm puren vil gefangen an;^^ Lenz, reimchronik vom Schwabenkrieg 
1499, ausgäbe von Diessbach 153 ^ — DHU ist masculine, dilderi femi- 
nine schelte (Schweiz), und so hatte schon Bodmer in Füsslis Schweiz, 
museum 1790, 49 die triftige bemerkung geäusseri;, teil sei dem namen 
nach eins mit tilly es gelte in Zürich die phrase: von heim Tilniaf^ 
kappe reden, viel worte um nichts; es ist von herrn Tütnanns wegen «= 
unnützer weise (Sebast Brant) ; dem tihnann hats geglückt =* das blinde 
huhn mit dem weizenkorn (Agricola). Diesen beispielen gegenüber bleibt 
W. Wackemagels (in Pfeiffers • Qennania V, 340) gemachte behauptung 
ein falscher überfluss, der Lübecker name tiU sei eine aus Sant Jlg 
gebildete attractionsform ; dem steht schon die bisher als älteste nach- 
gewiesene ausgäbe des Eulenspiegel vom jähre 1519 entgegen und die- 
jenige von 1539, welche sich auf eine angebliche von 1483 zurückbezieht; 
immer schon ist das volksbuch DU Ulenspiegel betitelt Doch es ist 
gar nicht mehr nötig, diesen namen nach der kleinen spanne zeit von 
ein paar bücherauflagen zu berechnen , wenn der namensvetter Teil schon 
seit allen Zeiträumen in den europäischen sprachen und zwar in der eben 
besprochenen Wortbedeutung besteht. Für die keltische form dal = stu^ 
pidus verzeichnet Diefenbach, Celtica 1, 152 folgende belege. Aus 
Festus: Dalivum supinum ait esse Aurdius ; Adius st tili um; Osc(h 
rum quoque Ungua signifkat ins an um. In der Eymrischen spräche 
ist ddf, einfacher dd: stuhborn, a stupid feUaw. Im Bas -Breton ist 
dalif (dessen umlautsfoim das eben dtierte kymrische ddf ist) nicht 
bloss me^Ue captus, sondern auch posthumus; die bretonische phrase 
eunn ddlif Maz eo bedeutet : un pauvre posthunie. In den Serbischen 
heldenliedem (Übers, von W. Gerhard, Leipzig 1828. 11, 294) ist tale 
jener mythische dümmling, welcher blindlings dreinzuschlagen pflegt und 
seiner tapferkeit wegen noch jetzt bei den bosnischen Türken in liedem 
besungen ist. Der finnisch -ehstnische toll war ein riese, wohnhaft auf 
den inseln Ösel und Bunö im Bigaschen meerbusen , sein grab wird dor- 
ten bei Töllist und noch einmal bei Tirimets gezeigt. Hier wollte er 
wider auferstehen, wenn man ihn gegen einen andringenden landesfeind 
berufe; allein da man ihn einmal fälschlich hervorgelockt hat^ wird er 
nicht wider hervortreten. Busswurm, Eibofolke (1855) §§ 183. 393. 
Kruse, Ehstnische Urgeschichte. Moskau 1846, 187. — Tdlo, episco- 
pus de Coira (Chur in Graubünden), unterzeichnet die beschlüsse des 
im jähre 765 unter Rppin zu Attigny in der Champagne gehaltenen kir- 
chenconventes (Pertz, Leges I, 30) und stirbt am 24. septbr. 784 zu 
Chur. Sein durchaus undeutscher Stammbaum steht angeführt in Bett- 
bergs Mrchengeschichte 2, 136. Ist somit der name TeU der oskischen, 



342 ORJLDL 

keltischen, finnischen, slavischen und rhätoromanischen spräche eigen 
gewesen^ warum denn wol nicht auch der deutschen? Der älteste, den 
ich bisher in deutschen Urkunden gefunden habe, gehört Oberdeutsch- 
land an und steht im Codex Trad. S. Galli no. 10 (Neuer abdruck: 6): 
TaUo ist in den jähren 741 und 742 als zeuge genant in einer von Beata, 
der tochter Rachinberts und gemahlin Landolds, an das kloster Lützelau 
ausgestellten vergabungsurkunde. 

AARAU, OSTEBN 1871. ERNST LUDWIG ROCHHOLZ. 



ZUM VOCALISMUS DER DEUTSCHEN DIALECTE. 

DER AU -LAUT. 

Der diphthong au ist die zweite Steigerung des u und findet sich als 
solche in altgermanischen dialecten, wie im gotischen, im altnorwegisch - 
isländischen (und gotländischen) und im althochdeutschen (altalemanni- 
schen, -bajoarischen und -fränkischen). Doch begint in den späteren zel- 
ten des althochdeutschen schon in denkmälern die verdumpfung ou her- 
vorzubrechen, die anfangs nur neben au auftritt , dann aber (im 10. Jahr- 
hundert) allgemein wird. So haben z. b. das vocab. s. GaUi, Kero, gl. 
ker. , gl. hrab. , gl. Jun. A , Isidor u. a. nur au ; im Hildebrandsliede ste- 
hen au und ou; entschiedenes ou zeigen Tatian, Notker, Otfrid. 

Vor gevrissen diphthongen (s. u.) verengerte (assimilierte) sich au 
im ahd. zu o; in mehreren neuen dialecten entspricht aber wider (ein 
secundäres?) au diesem 6, 

Die wirklich secundären au -laute entstehen meist unter einfluss 
von nachstehenden sonanten (liquiden, nasalen oder Spiranten) und zwar 
ist zur characterisierung dieser Wirkung zu bemerken, dass andere dia- 
lecte in denselben consonanzf&llen ein i aufzeigen, wo in den unten 
angeführten u sich aus dem sonanten evolviert (herausbildet) oder den- 
selben vertritt. Wahrscheinlich fühlte man bloss die halbvocalische uatur 
heraus und wählte , je nach dem sonstigen helleren oder dumpferen cha- 
racter der mundart, zwischen i und u. 

Eine teilung des au -lautes findet statt in: au, au (^ü), aU (a**). 
Zu unterscheiden von au sind: a^), ab und au, äo. 
au steht für a, und zwar: 
a. ohne weitere oder wenigstens ausschliessliche oder aber sicht- 
bare consonanzbedingung nur in wenigen Allen und da mei- 
stens zugleich mit au für ä, so dass für die organische kürze 
manchmal zunächst unorganische Verlängerung und dann zusam- 
menfallen mit ä anzunehmen wäre. Beispiele: 



DKB AU -LAUT 343 

1) alt alemannisch (Grieshabers pred. l, 83): anrem arm, 
Berenhaart Bernhard , gauh gSih, ufhauhe, geschaufen, gauden, geschaud- 
gtUy baut, statUen, rochfanss^ 8. Weinholds alem. gramm. (gr. d. mund* 
arten 1) s. 52. 

2) alt. bajo arisch (voc. 34/15 Graz. f. 5 rw. 26): lavnileiny 
naupff, s. Weinholds bair. gr. (gr. d. mandarten 2), s. 76. 

3) siebenbürgisch, z. b. Hanebach bei Hermannstadt: ereatdte 
erzählt«, scMaun schlagen, saut sähet, daug tag, sprauch, dnut dass; 
Zeiden: schaurefi scharren; Bosenaii: saudt sah; Mediasch: daut dass 
(hier auch besonders vor nasalen, s. 35); Nösnerland: lauchhg. (Schal- 
ler, ged. in siebenb.-sächs. muudart und Firemnich, Germ, völkerst 3, 
635. 636). 

4) seh lesisch: waurim warum, daurim, graub^ langer; s. Weinh. 
dial. 61. 

5) rheinisch (Aachen, Eupen): haiC hau'en hatte, hatten. 

6) niedersächsisch; Zetel in Oldenburg: auber, fauken oft, 
waiUer wasser, plausf^rn, landen, mauken, häufen der hafen, köstbaur 
kostbar, lanken das laken (Firm. 3, 13 — 15); Flatower und Deutsch- 
kroner kreis z. b. Zempelburg : tausanme, gane gar, branv, grand, span- 
(fen spaten, vandeYsier, toaufe, manken (Firm. 1, 118 — 120); Deutsch- 
krone: schänden, stants statt, watUe, dang (Firm. 3, 501). 

7) westfälisch (Osnabrücker und Tecklenbnrger gegend): tosän- 
rnen, aiiber, trann der trän, traunen tränen, stant staat, pracht, usw. 
(Firm. 1 , 239 — 252 und 1 , 283 fgg.) 

8) ylä misch (französ. Flandern, Katsberg): te ganre zusammen 
(engl, to-gether), vanre vater, dann schlagen (Firm. 3, 697); (Brabant): 
han' hatte. 

b. nachfolgendes g verändert den a-laut häufig; auf grund sei- 
ner verwantschaft mit w (vgl. engl, ti? far gr , altnorw. g für «;, 
usw.) löst es sich entweder in n auf oder evolviert diesen laut 
aus sich ; bleibt dann wider als g stehen oder wird modifiziert 

(zu i). 

D) thüringisch (Erfurt): nand nagel, krauen kragen, nuinen^ 
getrauen, wan'n, auch: sant sähet (=• sagt) (Firm. 2, 179 — 187). Ver- 
einzelt findet es sich auch noch in der Magdeburger börde , z. b. manen 
magen (Üllnitz, Firm. 1, 169). 

10) elsässisch (Strassburg) mit als j erhaltener gutturale: danje 
tage, sanje sagen, schlanje schlagen, nanjd nagel, gedrauje getragen, 
hanj der hag, wanje der wagen, janje jagen, oder mit schwund des g, 
in welchem falle der a-laut mit dem längenzeichen versehen ist (als aü): 
läner lager, maner mager, krane kragen, mdne magen, dän tag, mänd 



344 



6BADL 



magd, verUäut verklagt; s. Weinh. 1, 102. Frommann, deutsche mund- 
arten 4 , 258 fgg. 

11) dänisch: faur schön {itx fagr, altnor. /hpar) , gnausling gei- 
ziger (zu gnave, schwed. gnaga, rädere), mit Schwund des g; secundär 
hervorgetauchtes g: laug gastmal (spr. lav), hange garten neben have. 
Vgl. Grimm, deutsche gramm. 1*, 560. 

12) althochdeutsch: bäum (zu got. bagms gehalten) hat den 
diphthong auf ähnliche weise entwickelt und zwar in ältester zeit , weil 
andere alte dialecte auch einen dem ahd. au, ou entsprechenden diph- 
thong haben (ags. beam, alts. hom, altfries. bäm). Noch fraglich ist, 
ob auch 

13) gotisch: bauan, trauan (gegenüber altnord. hyggva und got. 
triggvsy ahd. büwen, trüwen) schon als yocalisation eines g anzunehmen 
sind. Ahd. glawer und ähnliche zeigen wahrscheinlich nur ausfall eines 
g, da das a kurz und einfach blieb (got. glaggvs). 

c. nachfolgendes tv wirkt den au -laut aus a sehr oft und unter 
ähnlichen Verhältnissen wie g. 

14) gotisch geht av, wenn es in den auslaut oder vor einen 
consonanten tritt, in au über, z. b. naus schiff (aus *wains), taujan 
(stamm tav-), sauU sonne (zu ags. segd, sejeT) usw. Grimm, gramm. 1*, 
46. 47. Heyne, granmi. der altgerm. sprachstämme , Paderborn!, 1862, 
s. 23. 

15) altnorw. isL: haust herbst (nach ausfall des r und yocali- 
sation des V zu ahd. harvist)'; neunorwegisch, neuisl. auch: haust. 

16) althochdeutsch und zwar: auslautend mit auflösung des 
w: tau der tau (gen. tawes), glau klug, frau froh, rau roh; inlautend 
gewönlich mit evolution eines u z. b. frauwjan neben frawjan freuen. 
Grimm l*, 100. Heyne 1, 34. 100. 

17) altsächsisch (Verhältnisse .wie im ahd.): hauwan neben 
hatvan hauen, glauwes (genit. , neben glawes, zu glau), thau sitte (gen. 
thawes) usw. Grimm 1*, 207. Heyne 1, 109. 

18) altfriesisch (selten): hauwan gehauen; bei den Ostfriesen 
noch: auder, nauder aus ahwedder einer von beiden, nahwedder neque. 
Heyne 1, 69. 

19) mittelniederländisch (Reinaert de vos): scauwen, blau- 
wen, hauwen u. a. Das au schwankt in dieser zeit schon in ou über 
und andere denkmäler (z. b. Maerlants sp. bist) haben bereits ausschliess- 
lich das letztere. Auslautend steht bei apokopiertem w immer au, z. b. 
dau tau. Vgl. Grimm 1*, 491. 479. 

20) neuniederländisch selten: dauw tau, benauwt ängstlich, 
raauw roh, kaauwen kauen, flaauw flau. 



DEB AU -LAUT 345 

21) neuhochdeutsch: tau, flau, gau, hauen u. a. 

d. l nach a bildet in den verschiedensten dialecten a zu au um, 
entweder unter Schwund (auflösung, vocalisierung) oder durch 
evolution bei erhaltener liquide. 

22) schweizerisch (Argau): haud bald, waud wald, aut alt, 
sauz salz. Weinh. 1, 52. 

23) oberrheinisch^ (im vord. Bregenzerwald) : waud, haud, 
aut, sauz, spaute spalten und (mit erhaltener liquide): hauldo halten, 
schniauh schmalz. Weinh. 1, 52. 

24) seh lesisch (Glogau): däthauve derenthalben, maukn, hauvn 
halfen. Weinh., dial. 61 (1). 

25) rheinfränkisch (Aachen, Eupen): kauvisW), at«ß alte, Jmue 
halten, bäte bald, vertauU evzShlt^ ^es^ati^ gestellt, haufhdlh, haus 
hals. Firm. 1, 487—495. 3, 219—234. 1, 494 — 500. 3, 235—239. 

26) westfälisch (Osnabrück, Tecklenburg; vgl. 7; dieser fall 
jedoch in weiterer ausdehnuug und zwar von Minden über Herford und 
Lippe bis Bielefeld ins Kavensbergische) : kauld, baute bald, aide, hau- 
ten; praulen. Firm. 1, 239 — 282. 

27) mittelniederländisch, einige au aus al, sonst in ou über- 
gehend, erhalten: caut kalt, autare altar. Grimm 1^ 479. 

28) neuniederländisch (Schriftsprache), vgl. 27, aber äusserst 
selten gegenüber ou; nur noch in: autaar, neben altaar. Qrimm 1*, 
532. Dagegen häufiger im 

- 29) vlämischen und limburgischen (z. b. Tumhout, Maaseyck, 
Sittard, Mastricht): 'auwefi hauwen halten, auers altern, aud alt, haus 
hals, smaut schmalz. Firm. 3, 680. 681. 701—706. 

30) altfriesisch (westliche gegenden): saut salz, haut hält 
Heyne 1, 71. 

31) niederrheinisch (nördlich Berg) : hauten, atde^kautd, wau- 
ten walten, tvatdt gewalt, faulen falten. Firm. 1, 413 — 442. 

e. die nasale m, n, ü bredien, wie fast alle andern vokale, so 
auch das a oft zu diphthongen; in einigen fSllen erfolgt zu- 
gleich auflösung des nasals. Beispiele für solches au (meist 
aü oder au): 

32) schweizerisch (vereinzelt): aw^icr andere, gauz ganz, gaus 
gans (Luzemer gäu), häuf hanf, hauset hanfsame (d. i. hanf-saat) (Ber- 
ner Oberland), mautd mantel, sauft sanft, waud wand. Weinh. 1, 52. 
Stalder idiot. 1, 432. 2, 26 und öfter. 

1) So nenne ich kürzer das sog. ,, alemannische im engern sinne" oder den 
tibergangsdialeot zwischen schweizerisch nnd schwäbisch (in Vorarlberg , Schaffhausen, 
Basel, Breisgau). 



846 ORAPL 

33) oberrheinisch (äusserer Bregenzerwald): gauis, au der st 
anders, g'staudo gestanden. Vonbun, sagen Vorarlbergs, 132. Firm. 2, 
666 fgg. 

34) elsässisch (Kochersberg): taunze tanzen. 

35) bajo arisch u. zw. (Ultententhal in Tirol) ; /atT fahne. Merau 
Meran, Schöpf in Frommann 3, 92; (Eitschein-, Uz- und Feistritzbo- 
den, östl. Steiermark): aun an, kaun^ faun, haun, graun hager, tnaun, 
gspaun gespann, Firm. 2', 747 — 771. Weinhold 2, 77; (um Brunn): 
haund band, scMaunge schlänge. Frommann 6, 521, 5. 

36) thüringisch (Tullifeld - Salzungen) : Maung klang, saufig 
sang, Brückner in Fromm. 2, 220 fg. (In diesen fällen wird jedoch 
au = u anzusetzen sein, da in den dortigen gegenden, besonders nord- 
wärts, diese prät. mit assimilation des Singulars an den plural Mung, 
sung lauten). 

37) siebenbürgisch (Mediasch): aunder, kaun, paunzer, laund, 
geraunt gerannt. Vgl. nr. 3. 

38) niederrheinisch (nördlich Berg) : waumes wamms, kraump 
krampf, laund, haund, kaunen kanten. Firm. 1, 413 — 442. 

au steht far e wahrscheinlich zumeist durch Vermittlung eines 
früheren aus e entstandenen a, und zwar vor l und r. 

39) siebenbürgisch. (Zeiden) : muren zerren , aurger ärger, 
haurbrig herberge, gefault gefällt, staui stelle; (Hanebach) ereauU 
erzählt, gestatdt gestellt (wo aber auch anderswo rückumlaut eintrat). 
Schuller 55. 63. 67. 

40) niederrheinisch (nördlich Berg): vertowfe erzählen , hestauU 
bestellt. Firm. a. a. o. 

an steht für S unter denselben Voraussetzungen wie für e, auch 
vor l und r. 

41) siebenbürgisch (Zeiden): schaul schelle, satUwend selbst, 
faur fern, gaiMrn gern; (Rosenau): haure herz. Schuller a. a. o. und 65. 

an steht für 1 vermutlidi blos nach äusseren momenten 
vor w ( — fälle unter tu gehörig. — ) 

42) lothringisch (Forbach, S. Avold) g'schrau geschrien (zu 
einem geschriwen, geschriuwen neben regelmässigem geschrirn); Firm. 2, 
551 - 555. 

43) südhessisch (Dillenburg, Hadamar, Nidda, Salzhausen usf.) : 
naut nichts (vgl. niowiht, niuwiht und mhd. (nebenform) niut, wovon 
auch süddeutsches, z. b. schwäbisches nuits stamt.) 

44) schwäbisch (zvrischen Dler und Lech): g'schrauö geschrieen 
(hieher wol auch gi'rauö gereut); älter schon g*schrauo (s. bei Fromm. 4, 
X12f 66: gschrauha). 



BRR Aü-LArr 347 

an steht far o meist unter ähnlichen Verhältnissen wie au 
für a, nnd zwar: 

a. ohne weitere consonantenbedingnng. 

45) gotisch; in fremdwörtem setzt ITfila für deren kurzes o immer 
au, nach Grimms bezeichnung aü (d. h. au), wol ein dem o lautlich 
ähnlicher laut: apausfaulus, Faurfunafas , Naubaimbair, aipisfauJe. 
Grimm 1«, 46 fg. Heyne 1, 21. 

46) alt. alemannisch (vereinzelt in hss.): hrutegami Barlaam 
A. 90, 9. 13; lachen (1477) Mone, ztschr. 8, 250, s. Weinh. 1, 52. 

47) alt elsässisch (auch vereinzelt): tauben. Keller, erz. 619, 
12 , vgL Weinh. 1 , 102. 

48) bajoarisch (um Brunn): baufschaft, gausch'n (erschlossen 
aus gäuschal = mfindlein). Fromm. 6, 521, 11. 3. 

49) schlesisch (im Niederlande): saul soll, saule sohle, t*aul 
voll, kaule kohle, gesfauln gestohlen, waunte wohnte, raur vor, tcaurt 
wort, laub lob, häuf ho fy vaugot vogel, rauk rock, lauch loch, laude 
lode, gaut gott, schlauss schloss, haiisn hosen. Weinh., dial. 61. 

50) hessisch (vereinzelt), z. b. kartaufdn. (Schwalm, Firm. 2, 
112—117). 

51) rheinisch (Aachen, Düren): aufren opfern, hauche kochen, 
sau soll, traug der trog, trau/* wolf, lauch loch, dauch, nauch, gebrauche 
zerbrochen, knauche, sprauche gesprochen, sUiuff stoff; (Eupen): aus 
ochse; (Siebengebirge): fraugh, blauch bloch, gerauclien, gekrauclien. 
VgL FiruL 1, 487 — 495. 3, 219—234. 1, 478 — 484. 1, 494 — 500 
und 3, 235—239. 

52) nieder. sächsisch (gegend wie in 6) z. b. (Zetel in Olden- 
burg): kautnen kommen, velauren verloren, upsghaufen aufgeschossen; 
(Deutschkrone): kauka kochen; (Konitz): kauft kübel (wol zu kober). 
Firm. 3, 636 fgg. 

53) westfälisch (bezirk wie in 26, dann noch über Büren, Bri- 
lon, Medebach): nau noch. 

b. vor g (vgl. vorher). 

54) thüringisch (Erfurt): fauel vogel. Firm. a. a. o. 

c. vor l. 

55) schweizeri